Sonderoperation soler
Spurlos verschwunden
EUR 24,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 372
ISBN: 978-3-99130-892-8
Erscheinungsdatum: 18.08.2025
Der stellvertretende Leiter des französischen Geheimdienstes ist verschwunden. Seine Tochter folgt auf der Suche nach ihm einer Spur nach Marokko. Dort kreuzt der attraktive Agent Christopher ihren Weg, der internationalen Kinderhändlern nachjagt.
Prolog
Paris, 12. Juli
„I believe that everything happens for a reason.“
„Alles passiert aus einem Grund.“
(Marilyn Monroe, 1926–1962, US-amerikanische Filmschauspielerin)
Auf dem Pariser Flughafen Charles-de-Gaulle herrschte in dieser frühen Morgenstunde bereits ein lebhaftes Treiben. Menschen verschiedenster Nationen tummelten sich hier, um kurz darauf in alle Richtungen der Welt zu entschwinden. Seinen karminroten Porsche Panamera hatte Fabrice Martel in der überdachten Parkhalle des Flughafens abgestellt. Er liebte Autos und seines ganz besonders, weshalb er den hohen Sicherheitsstandard in der Halle einem Parkplatz unter freiem Himmel vorzog. Zudem dauerte der Transfer zu seinem Abflugterminal lediglich fünf Minuten und war inklusive. Er befand sich im Erdgeschoss des Zentralgebäudes von Terminal 1, wo vor einiger Zeit zusätzliche Check-in-Schalter eingerichtet worden waren. Hier gab es große Fensterflächen, die jedoch von der umlaufenden Straße verdeckt wurden und den Innenbereich verschatteten. Terminal 1 war wesentlich älter als Terminal 2. Obwohl es umfangreich saniert worden war, blieb die Science-Fiction-Ästhetik der 70er-Jahre erhalten. In einem Zeitungsbericht hatte er gelesen, dass man den Fluggast glauben machen wollte, dass dieser keinen banalen Flug, sondern eine Reise durch Raum und Zeit antreten werde. Ehrlich gesagt mochte er diese moderne Architektur mit den weit spannenden Rolltreppen, die sich unter gewölbten, transparenten Kunststoffflächen befanden, nicht besonders. Sie erinnerte ihn an Fabriken oder an das deutlich später errichtete Centre Pompidou, bei dem lange Rolltreppen über die komplette Fassade verliefen. Er bevorzugte klassische Gebäude, die auf römische oder griechische Vorbilder zurückgriffen, und fand diese Architektur unpassend hinsichtlich Ort und Nutzung.
Als stellvertretender Direktor des französischen Geheimdienstes war er beruflich viel unterwegs und kannte sich auf dem Flughafengelände bestens aus. Er schlenderte zu den Geschäften und Restaurants, die im Erdgeschoss untergebracht waren, da er bis zu seinem Abflug nach Madrid noch Zeit hatte. Alexandre Caron, sein Vorgesetzter und Generaldirektor der DGSE, der Direction générale de la Sécurité extérieure, zog es vor, überwiegend Aufgaben im Innendienst zu übernehmen. Er schickte lieber Martel zu Gesprächen mit Kollegen im Ausland, da er der Meinung war, dass seine Begabung, Menschen für sich zu gewinnen, förderlich wäre für die Lösungsfindung bei komplexen Aufgabenstellungen auf internationaler Ebene.
Die DGSE war dem französischen Verteidigungsministerium unterstellt, wobei seine Sektion für die Nachrichtenbeschaffung zuständig war. Während in der Vergangenheit das Augenmerk auf dem militärischen und politischen Sektor lag, nahm neuerdings der zivile Sektor an Bedeutung zu. Derzeit beschäftigte er sich deshalb intensiv mit dem Thema Menschenraub und Menschenschmuggel sowie speziell mit der Entführung von Neugeborenen und Kleinkindern aus Nordafrika und deren illegalem Transfer nach Europa. Das Projekt soler wurde hierzu unter seinem Vorsitz ins Leben gerufen. Soler steht für Spécifique Opération pour la Libération d’Enfants enlevés et Retrouvés, also für die Sonderoperation zur Befreiung entführter und wiedergefundener Kinder. Tatsache war, dass die zukünftigen Eltern, die Kinder mit gefälschten Papieren für horrende Summen in Empfang nahmen, nicht wussten, dass die Kleinen entführt und gesetzeswidrig ins Land gebracht worden waren. Ihrer Meinung nach handelte es sich um eine rechtlich einwandfreie Adoption, die mit Ausweisdokumenten belegt wurde. Diesen kriminellen Machenschaften wollten sie durch verstärkte internationale Zusammenarbeit der Geheimdienste einen Riegel vorschieben.
In dieser Mission war er heute auf dem Weg zu seinem Kollegen Carlos Romero, der beim Centro Nacional de Inteligencia in Madrid arbeitete. Er liebte diese weltoffene und gut gelaunte Metropole sowie die sie umgebende Landschaft Kastilien. Mit Carlos verband ihn eine langjährige Freundschaft, die sie auch im Privaten pflegten. Zu gerne erinnerte er sich an ihre gemeinsamen Ausflüge in die Berge der Sierra de Guadarrama, die bis über zweitausendvierhundert Meter hinausragen, und an die abendlichen Essen im Kreise seiner Großfamilie. Sie beide wollten sich heute persönlich über die neuesten Entwicklungen zum Thema Menschenhandel austauschen und das weitere Vorgehen im Detail besprechen. Demnächst war ein Treffen zwischen ihnen beiden und Frank Evans, dem stellvertretenden Direktor des britischen Geheimdienstes, in London vorgesehen.
Er sah auf seine schwarze Digitaluhr von Sully mit goldenem Ziffernblatt, die ihm seine Tochter Ambre vor zwei Jahren zu seinem fünfundvierzigsten Geburtstag geschenkt hatte. Sie zeigte 7:32 Uhr an. Somit war noch reichlich Zeit, sich einen Café au lait zu gönnen und dazu ein Croissant au Chocolat. Gemütlich schlenderte er in seinem mittelblauen Anzug von Armani und weißem Hemd elegant gekleidet, frisch rasiert und guter Laune zur Kaffeebar. Er nahm an einem der kleinen runden Tische auf einem Korbstuhl Platz und grüßte die Angestellte, bevor er „Wie immer!“ gerufen hatte. Ohne Eile prüfte er die Textnachrichten auf seinem Mobiltelefon und lächelte, als er den Morgengruß seiner Tochter sah. Ambre und er waren schon immer ein gutes Team gewesen. Seine Frau Charlène war bei einem Autounfall gestorben, als Ambre zwölf war. Der Unfallverursacher beging Fahrerflucht und wurde nie gefunden. Mit Hilfe seiner Adoptiveltern Pierre und Sophie kümmerte er sich stets liebevoll um sie. Er wusste, dass er Charlène nicht ersetzen konnte, doch er tat alles dafür, seine Tochter mit viel Verständnis und Einfühlungsvermögen auf ihrem Lebensweg zu begleiten. Ambre war schon als kleines Mädchen zielstrebig, hatte eine blühende Fantasie und verschlang alle Bücher, die sie in die Hände bekam, in Windeseile. Deshalb hatte sie sich ihren Kindheitstraum, nämlich Schriftstellerin oder Journalistin zu werden, seit Jahren erfüllt. Er wusste noch wie heute, wie stolz er auf sie war, als sie ihren Job bei der Pariser Tageszeitung Le Monde bekommen hatte. Zuvor konnte sie, dank seiner weitreichenden Beziehungen, Berufserfahrung bei mehreren lokalen Zeitungen sammeln. Als ihm die Bedienung sein Frühstück mit der Bemerkung „bon appétit“ brachte, realisierte er, dass seine Gedanken abgeschweift waren. Er erwiderte das Abstellen des Frühstücktabletts mit einem Lächeln und begann, seinen Kaffee und sein Croissant zu genießen.
„Ambre ist groß geworden“, seufzte er vor sich hin. „Seit sie bei mir ausgezogen ist, sehe ich sie wesentlich seltener.“ Als seine Frau vor dreizehn Jahren gestorben war, war Ambre ein Teenager. Sein Tagesablauf war in der ersten Zeit nach ihrem Tod durch seine Arbeit und die Tätigkeiten im Haushalt geprägt, und er war vollends ausgelastet. Mittlerweile bemerkte er, dass es wieder mehr Freiraum für ihn gab. „Deshalb habe ich sicherlich vor zwei Jahren Elaine de Valois kennengelernt“, brummte er gedankenverloren vor sich hin. Sie besaß eine Modeboutique in der Pariser Innenstadt, in der bekannte und illustre Persönlichkeiten verkehrten. Sie gingen oft miteinander essen, ins Kino oder besuchten gemeinsam Veranstaltungen, von denen es in der französischen Hauptstadt unzählige gab. Nach dem Tod ihres Mannes hatte sie wieder ihren Mädchennamen angenommen. Die de Valois entstammen einem französischen Königsgeschlecht, aus dem dreizehn Könige von Frankreich hervorgingen. Mit diesem elitären Bewusstsein wuchs Elaine auf, blieb jedoch bodenständig und arbeitete unerschöpflich für ihre Boutique und ihren Ruf in der Modebranche.
Jetzt, wo er allein auf dem Pariser Flughafen war, reifte in ihm der Entschluss, Elaine endlich zu fragen, ob sie zusammenziehen und ihre Beziehung mit einer Verlobung amtlich machen wollten. Dieser Gedanke gab ihm ein gutes Gefühl und versetzte ihn in Hochstimmung. Nach seiner Rückkehr wollte er diese Sache mit ihr klären. Elaine hatte heute Morgen noch geschlafen, als er aus dem Haus ging. „Aber als Frühaufsteherin müsste sie jetzt eigentlich wach sein“, murmelte er und wählte ihre Nummer. „Liebes, habe ich dich geweckt?“ „Nein, ich bin schon eine Zeit lang wach und habe bereits einen Espresso getrunken. Bist du gut auf dem Flughafen angekommen?“ „Ja, das bin ich. Auch ich habe bereits gefrühstückt!“ „Ich wünsche dir einen angenehmen Tag in der spanischen Hauptstadt! Falls du etwas Landestypisches siehst, kannst du es mir gerne mitbringen!“, meinte sie humorvoll. „Ich werde mir etwas einfallen lassen. Schatz, ich wünsche dir einen schönen Tag! Und pass auf dich auf. Wir sehen uns heute Abend. Es kann spät werden, also warte nicht mit dem Abendessen auf mich!“ Als er aufgelegt hatte, zog er in Erwägung, für Elaine in seiner heutigen Mittagspause in Madrid einen Verlobungsring zu besorgen. „Carlos hat sicher eine Idee, wo ich ein schönes Stück finden kann“, grübelte er vor sich hin.
Ein weiterer Blick auf seine Uhr bestätigte ihm, dass er losmusste. Er zahlte, gab ein üppiges Trinkgeld und machte sich auf den Weg zu Schalter 4, wo heute die Flüge nach Madrid-Barajas abgefertigt wurden. Als er an der Reihe war, zeigte er seinen Pass vor. „Fabrice Martel, geboren am 16. August, Wohnort Paris“, bemerkte die Angestellte der Fluggesellschaft Air France. Er bestätigte seinen Namen und seine persönlichen Daten mit einem Nicken. „Ja, das bin ich! Ich habe einen Fensterplatz auf der linken Seite beim Notausstieg reserviert“, erwiderte er zudem. Dort saß er meistens, da es mehr Beinfreiheit gab. Die Dame vom Abfertigungsschalter übergab ihm seine Reisedokumente und er trat einen Schritt beiseite. Da er nur mit Handgepäck unterwegs war und heute Abend die letzte Maschine zurücknehmen wollte, steuerte er rasch auf den Aufenthaltsbereich zu, um auf den Aufruf zu seinem Flug zu warten. Abrupt hielt er nach ein paar Metern inne, weil er auf seinem Weg dorthin auf einem großen Werbebildschirm die neue Version seines Lieblingsautos sah, das es bald auf dem Markt zu kaufen geben würde. Der Wagen wurde in all seinen Facetten gezeigt, ohne mit technischen Details zu sparen. Seine graublauen Augen glänzten und er freute sich wie ein kleiner Junge, der soeben ein brandneues Spielzeugauto im Schaufenster eines Warengeschäftes gesehen hatte und sich ausmalte, es an seinem baldigen Geburtstag geschenkt zu bekommen.
***
Vor einer halben Stunde war das Flugzeug aus London-Heathrow in Paris auf dem Flughafen Charles-de-Gaulle gelandet. Jacob Steel, ein Mann, der Fabrice Martel wie ein Ei dem anderen glich, betrat das Erdgeschoss des Zentralgebäudes von Terminal 1. Er war ebenfalls ein Meter fünfundachtzig groß, schlank, hatte graublaue Augen und graumeliertes Haar. Lediglich der ungepflegte Dreitagebart, der Kinn und Oberlippe bedeckte, unterschied die beiden Männer. Wie meistens trug er eine schlecht sitzende Bluejeans und eine schwarze Freizeitjacke. Äußerlich fast identisch, hätten sie charakterlich nicht unterschiedlicher sein können. Er sah sich kurz um und lief zielstrebig in Richtung Haltestelle für die Kabinenbahn.
Diese Reise heute war eine absolute Ausnahme. Normalerweise steuerte er seine Geschäfte von London aus. Doch besondere Situationen erforderten seinen persönlichen Einsatz vor Ort. Gleich würde er sich im Erdgeschoss des Pariser Flughafens Charles-de-Gaulle bei Terminal 1 mit Hicham Radi, dessen Bruder Said Radi sowie Aziz El Omari, drei seiner Schulkameraden marokkanischer Abstammung, treffen. „Das Trio war damals in der Secondary School auch nicht erfolgreicher als ich“, brummte er. Zudem wurden sie in den dortigen Kreisen, ebenso wie er, weder akzeptiert noch respektiert. Doch sie verstanden sich auf ihre Art und Weise. Das Ergebnis ihrer nachschulischen Zusammenarbeit brachte ihnen schon mehrfachen Gefängnisaufenthalt wegen Einbruch, Raub und Drogenhandel ein. Irgendwann hatten sie diese kleinen Delikte aufgegeben und sich lukrativeren Geschäften zugewandt. Diese Aktivitäten liefen einige Zeit lang recht gut. Allerdings gab es im Moment ein paar Probleme. Deshalb hatten sie geplant, sich am Pariser Flughafen zu treffen, um anschließend gleich weiter nach Marrakesch zu reisen. So konnten sie vor Ort nach dem Rechten schauen. Doch zuvor war noch etwas zu erledigen.
***
Alles war vorbereitet. Die vier waren auf ihren besprochenen Positionen. Er hatte das Kommando und stand zurückgezogen im Erdgeschoss des Zentralgebäudes von Terminal 1 und behielt Schalter vier im Auge, wo die Passagiere nach Madrid-Barajas abgefertigt wurden. Rechts von ihm befand sich der Übergangsbereich, der zur Haltestelle für die Kabinenbahn führte. Geschützt stand er hinter einem Werbeaufsteller, der in Richtung der Abfertigungseinrichtungen für teure Uhren eines Schweizer Herstellers warb. Er schaute nach oben an die pastellgelb gestrichene Decke, an der eine Überwachungskamera hing. Diese war jedoch hoch über ihm vor dem Werbeaufsteller montiert, sodass er in dem Bereich, wo er sich derzeit befand, für diese Kamera unsichtbar war.
Vorsichtig holte er sein TeleDart-Injektionsgewehr aus dem schwarzen Hartschalenkoffer. Geschickt montierte er das Zielobjektiv, legte Munition ein und fräste mit der Diamantscheibe, die sich am vorderen Ende des Objektrohres befand, ein kleines Loch in die dicke Pappe der Werbetafel. Konzentriert fokussierte er Fabrice Martel. Dieser stand zum Glück still vor einem Werbebildschirm und betrachtete angeregt den Film, der gerade abgespielt wurde.
Mehrere Zehntausend Infrarotpunkte projizierten ein Raster auf das Gesicht der Zielperson und es wurde ein dreidimensionales Abbild des Gesichts erzeugt. Ein aktuelles Foto von Fabrice Martel hatte er gestern aus verschiedenen Winkeln gescannt. Bereits im Vorfeld hatte er sich darüber informiert, dass ein Gesichtsabgleich ebenso möglich wäre, wenn Teile des Gesichts durch eine Brille, einen Bart oder einen Hut verdeckt wären. Die Sensoren der Face ID zeigten nach der Gesichtsabtastung eine hundertprozentige Übereinstimmung mit dem eingescannten Foto.
Somit hatte er sich gründlich vergewissert, dass er auch den Richtigen traf. Denn es ging um Leben oder Tod. Sein Bruder war ebenfalls auf seiner Position, ganz in der Nähe der Zielperson.
***
„Was für ein Auto“, entfuhr es ihm. „So einen hätte ich auch gerne einmal.“ In diesem Moment nahm er ein rotes Licht auf seinem Gesicht wahr. Zuerst dachte er, es käme von dem Film, der gerade über sein Lieblingsauto gezeigt wurde. Doch im nächsten Moment erkannte er durch sein Training bei der DGSE nur zu gut, dass es sich hierbei um einen Ziellaser handeln musste. Im gleichen Augenblick traf ihn ein Geschoss im rechten Schulterbereich. Er sah nur noch die bunten Farben des Werbebildschirms, die sich vor seinen geschlossenen Augen drehten, und fiel. Dass er von kräftigen Armen aufgefangen wurde, bemerkte er nicht mehr.
***
Er war vorbereitet und fing den Mann, der in sich zusammensackte, geschickt auf und legte ihn seitlich auf den Boden. Mit lauter Stimme und rotierenden Handbewegungen rief er die beiden Rettungssanitäterinnen, die in knapper Entfernung standen. Sie kamen eilig mit einer Rollliege herbei. Mehrere Passanten, die den Vorfall bemerkt hatten, lobten den schnellen Einsatz der Rettungsmannschaft. Sie sahen, wie sich die beiden Frauen in medizinischer Berufsbekleidung routiniert um den kollabierten Mann kümmerten.
Er gab der Menschenmenge, die sich um sie gebildet hatte, Entwarnung. Sicherlich gingen sie davon aus, dass er ein naher Verwandter oder Bekannter war, der sich um den Vorfall kümmerte. Nach der Erstversorgung hoben sie den Patienten zu dritt auf die Rollliege und fuhren ihn umgehend zum nächstgelegenen Seitenausgang mit einer blauen Tür. Dort ging es über eine Rampe zum bereitstehenden Krankenwagen, in dem der Patient zu einem Hubschrauberlandeplatz im Norden von Terminal 3 gebracht wurde.
Kapitel 1
Ambre Martel
Paris, 13. Juli
„Quand une porte se ferme devant nous, une autre s’ouvre.“
„Wenn sich eine Tür vor uns schließt, öffnet sich eine andere.“
(André Paul Guillaume Gide, 1869–1951, französischer Schriftsteller)
Der Sommer in Paris war oft unerträglich heiß. Seit drei Monaten wohnte ich am Quai de la Tournelle in der Innenstadt, mit Blick auf die Seine. Mein kleines Zwei-Zimmer-Appartement mit Miniküche war gemütlich mit Holzmöbeln eingerichtet und die Dachschrägen sowie das im Wohnzimmer stehende große, cremefarbene Sofa strahlten Behaglichkeit aus. Abgerundet wurde in diesem Raum alles durch einen farbenfrohen Teppich, der in der Mitte des Zimmers lag. Meine beiden deckenhohen Bücherregale aus Kirschbaumholz, in die ich meine Lieblingsbücher und Arbeitsunterlagen sortiert hatte, dominierten eindeutig das Zimmer. In ein kleines Schlafzimmer gelangte man durch eine schmale Tür neben der Küche, wo es nicht besonders wohnlich aussah. Es fehlten Bilder, die ich unbedingt demnächst aufhängen wollte, um auch diesem Zimmer eine persönliche Note zu verleihen. Bei dieser Hitze hielt ich mich momentan am liebsten auf meiner Dachterrasse auf. Dorthin hatte ich mit viel Mühe unzählige Pflanzen die fünf Stockwerke hochgetragen, da es in dem ungefähr 100 Jahre alten Sandsteingebäude mit Schmuckfassade keinen Aufzug gab. In meiner kleinen, grünen Oase standen Kübel mit Oleander, Dattelpalmen, Margeriten und vor allem zwei Olivenbäume. Auch Tomaten, Paprika und allerlei Kräuter hatten sich hier eingefunden.
Es ging schon auf 14:00 Uhr zu und ich spürte ein Hungergefühl in meinem Magen. Zielstrebig steuerte ich auf den Kühlschrank zu, nahm Käse heraus und trug ihn mit Trauben und Baguette zum niedrigen Glastisch auf der Dachterrasse. Unten in der Stadt pulsierte das Leben. Die City war wieder voller Touristen aus aller Welt, doch hier oben war es ruhig und ich genoss die Brise, die meine dunkelbraunen, mittellangen Haare sanft um den Kopf wehte. Ich setzte mich auf mein Loungesofa, das mit bunten Kissen bestückt war, und zum Ausruhen einlud. Genüsslich biss ich in den Käse, goss einen Schluck Rosé in das Glas, das auf dem Tisch stand, und dachte an die Veränderungen, die mein Leben in den letzten Monaten geprägt hatten.
…
Paris, 12. Juli
„I believe that everything happens for a reason.“
„Alles passiert aus einem Grund.“
(Marilyn Monroe, 1926–1962, US-amerikanische Filmschauspielerin)
Auf dem Pariser Flughafen Charles-de-Gaulle herrschte in dieser frühen Morgenstunde bereits ein lebhaftes Treiben. Menschen verschiedenster Nationen tummelten sich hier, um kurz darauf in alle Richtungen der Welt zu entschwinden. Seinen karminroten Porsche Panamera hatte Fabrice Martel in der überdachten Parkhalle des Flughafens abgestellt. Er liebte Autos und seines ganz besonders, weshalb er den hohen Sicherheitsstandard in der Halle einem Parkplatz unter freiem Himmel vorzog. Zudem dauerte der Transfer zu seinem Abflugterminal lediglich fünf Minuten und war inklusive. Er befand sich im Erdgeschoss des Zentralgebäudes von Terminal 1, wo vor einiger Zeit zusätzliche Check-in-Schalter eingerichtet worden waren. Hier gab es große Fensterflächen, die jedoch von der umlaufenden Straße verdeckt wurden und den Innenbereich verschatteten. Terminal 1 war wesentlich älter als Terminal 2. Obwohl es umfangreich saniert worden war, blieb die Science-Fiction-Ästhetik der 70er-Jahre erhalten. In einem Zeitungsbericht hatte er gelesen, dass man den Fluggast glauben machen wollte, dass dieser keinen banalen Flug, sondern eine Reise durch Raum und Zeit antreten werde. Ehrlich gesagt mochte er diese moderne Architektur mit den weit spannenden Rolltreppen, die sich unter gewölbten, transparenten Kunststoffflächen befanden, nicht besonders. Sie erinnerte ihn an Fabriken oder an das deutlich später errichtete Centre Pompidou, bei dem lange Rolltreppen über die komplette Fassade verliefen. Er bevorzugte klassische Gebäude, die auf römische oder griechische Vorbilder zurückgriffen, und fand diese Architektur unpassend hinsichtlich Ort und Nutzung.
Als stellvertretender Direktor des französischen Geheimdienstes war er beruflich viel unterwegs und kannte sich auf dem Flughafengelände bestens aus. Er schlenderte zu den Geschäften und Restaurants, die im Erdgeschoss untergebracht waren, da er bis zu seinem Abflug nach Madrid noch Zeit hatte. Alexandre Caron, sein Vorgesetzter und Generaldirektor der DGSE, der Direction générale de la Sécurité extérieure, zog es vor, überwiegend Aufgaben im Innendienst zu übernehmen. Er schickte lieber Martel zu Gesprächen mit Kollegen im Ausland, da er der Meinung war, dass seine Begabung, Menschen für sich zu gewinnen, förderlich wäre für die Lösungsfindung bei komplexen Aufgabenstellungen auf internationaler Ebene.
Die DGSE war dem französischen Verteidigungsministerium unterstellt, wobei seine Sektion für die Nachrichtenbeschaffung zuständig war. Während in der Vergangenheit das Augenmerk auf dem militärischen und politischen Sektor lag, nahm neuerdings der zivile Sektor an Bedeutung zu. Derzeit beschäftigte er sich deshalb intensiv mit dem Thema Menschenraub und Menschenschmuggel sowie speziell mit der Entführung von Neugeborenen und Kleinkindern aus Nordafrika und deren illegalem Transfer nach Europa. Das Projekt soler wurde hierzu unter seinem Vorsitz ins Leben gerufen. Soler steht für Spécifique Opération pour la Libération d’Enfants enlevés et Retrouvés, also für die Sonderoperation zur Befreiung entführter und wiedergefundener Kinder. Tatsache war, dass die zukünftigen Eltern, die Kinder mit gefälschten Papieren für horrende Summen in Empfang nahmen, nicht wussten, dass die Kleinen entführt und gesetzeswidrig ins Land gebracht worden waren. Ihrer Meinung nach handelte es sich um eine rechtlich einwandfreie Adoption, die mit Ausweisdokumenten belegt wurde. Diesen kriminellen Machenschaften wollten sie durch verstärkte internationale Zusammenarbeit der Geheimdienste einen Riegel vorschieben.
In dieser Mission war er heute auf dem Weg zu seinem Kollegen Carlos Romero, der beim Centro Nacional de Inteligencia in Madrid arbeitete. Er liebte diese weltoffene und gut gelaunte Metropole sowie die sie umgebende Landschaft Kastilien. Mit Carlos verband ihn eine langjährige Freundschaft, die sie auch im Privaten pflegten. Zu gerne erinnerte er sich an ihre gemeinsamen Ausflüge in die Berge der Sierra de Guadarrama, die bis über zweitausendvierhundert Meter hinausragen, und an die abendlichen Essen im Kreise seiner Großfamilie. Sie beide wollten sich heute persönlich über die neuesten Entwicklungen zum Thema Menschenhandel austauschen und das weitere Vorgehen im Detail besprechen. Demnächst war ein Treffen zwischen ihnen beiden und Frank Evans, dem stellvertretenden Direktor des britischen Geheimdienstes, in London vorgesehen.
Er sah auf seine schwarze Digitaluhr von Sully mit goldenem Ziffernblatt, die ihm seine Tochter Ambre vor zwei Jahren zu seinem fünfundvierzigsten Geburtstag geschenkt hatte. Sie zeigte 7:32 Uhr an. Somit war noch reichlich Zeit, sich einen Café au lait zu gönnen und dazu ein Croissant au Chocolat. Gemütlich schlenderte er in seinem mittelblauen Anzug von Armani und weißem Hemd elegant gekleidet, frisch rasiert und guter Laune zur Kaffeebar. Er nahm an einem der kleinen runden Tische auf einem Korbstuhl Platz und grüßte die Angestellte, bevor er „Wie immer!“ gerufen hatte. Ohne Eile prüfte er die Textnachrichten auf seinem Mobiltelefon und lächelte, als er den Morgengruß seiner Tochter sah. Ambre und er waren schon immer ein gutes Team gewesen. Seine Frau Charlène war bei einem Autounfall gestorben, als Ambre zwölf war. Der Unfallverursacher beging Fahrerflucht und wurde nie gefunden. Mit Hilfe seiner Adoptiveltern Pierre und Sophie kümmerte er sich stets liebevoll um sie. Er wusste, dass er Charlène nicht ersetzen konnte, doch er tat alles dafür, seine Tochter mit viel Verständnis und Einfühlungsvermögen auf ihrem Lebensweg zu begleiten. Ambre war schon als kleines Mädchen zielstrebig, hatte eine blühende Fantasie und verschlang alle Bücher, die sie in die Hände bekam, in Windeseile. Deshalb hatte sie sich ihren Kindheitstraum, nämlich Schriftstellerin oder Journalistin zu werden, seit Jahren erfüllt. Er wusste noch wie heute, wie stolz er auf sie war, als sie ihren Job bei der Pariser Tageszeitung Le Monde bekommen hatte. Zuvor konnte sie, dank seiner weitreichenden Beziehungen, Berufserfahrung bei mehreren lokalen Zeitungen sammeln. Als ihm die Bedienung sein Frühstück mit der Bemerkung „bon appétit“ brachte, realisierte er, dass seine Gedanken abgeschweift waren. Er erwiderte das Abstellen des Frühstücktabletts mit einem Lächeln und begann, seinen Kaffee und sein Croissant zu genießen.
„Ambre ist groß geworden“, seufzte er vor sich hin. „Seit sie bei mir ausgezogen ist, sehe ich sie wesentlich seltener.“ Als seine Frau vor dreizehn Jahren gestorben war, war Ambre ein Teenager. Sein Tagesablauf war in der ersten Zeit nach ihrem Tod durch seine Arbeit und die Tätigkeiten im Haushalt geprägt, und er war vollends ausgelastet. Mittlerweile bemerkte er, dass es wieder mehr Freiraum für ihn gab. „Deshalb habe ich sicherlich vor zwei Jahren Elaine de Valois kennengelernt“, brummte er gedankenverloren vor sich hin. Sie besaß eine Modeboutique in der Pariser Innenstadt, in der bekannte und illustre Persönlichkeiten verkehrten. Sie gingen oft miteinander essen, ins Kino oder besuchten gemeinsam Veranstaltungen, von denen es in der französischen Hauptstadt unzählige gab. Nach dem Tod ihres Mannes hatte sie wieder ihren Mädchennamen angenommen. Die de Valois entstammen einem französischen Königsgeschlecht, aus dem dreizehn Könige von Frankreich hervorgingen. Mit diesem elitären Bewusstsein wuchs Elaine auf, blieb jedoch bodenständig und arbeitete unerschöpflich für ihre Boutique und ihren Ruf in der Modebranche.
Jetzt, wo er allein auf dem Pariser Flughafen war, reifte in ihm der Entschluss, Elaine endlich zu fragen, ob sie zusammenziehen und ihre Beziehung mit einer Verlobung amtlich machen wollten. Dieser Gedanke gab ihm ein gutes Gefühl und versetzte ihn in Hochstimmung. Nach seiner Rückkehr wollte er diese Sache mit ihr klären. Elaine hatte heute Morgen noch geschlafen, als er aus dem Haus ging. „Aber als Frühaufsteherin müsste sie jetzt eigentlich wach sein“, murmelte er und wählte ihre Nummer. „Liebes, habe ich dich geweckt?“ „Nein, ich bin schon eine Zeit lang wach und habe bereits einen Espresso getrunken. Bist du gut auf dem Flughafen angekommen?“ „Ja, das bin ich. Auch ich habe bereits gefrühstückt!“ „Ich wünsche dir einen angenehmen Tag in der spanischen Hauptstadt! Falls du etwas Landestypisches siehst, kannst du es mir gerne mitbringen!“, meinte sie humorvoll. „Ich werde mir etwas einfallen lassen. Schatz, ich wünsche dir einen schönen Tag! Und pass auf dich auf. Wir sehen uns heute Abend. Es kann spät werden, also warte nicht mit dem Abendessen auf mich!“ Als er aufgelegt hatte, zog er in Erwägung, für Elaine in seiner heutigen Mittagspause in Madrid einen Verlobungsring zu besorgen. „Carlos hat sicher eine Idee, wo ich ein schönes Stück finden kann“, grübelte er vor sich hin.
Ein weiterer Blick auf seine Uhr bestätigte ihm, dass er losmusste. Er zahlte, gab ein üppiges Trinkgeld und machte sich auf den Weg zu Schalter 4, wo heute die Flüge nach Madrid-Barajas abgefertigt wurden. Als er an der Reihe war, zeigte er seinen Pass vor. „Fabrice Martel, geboren am 16. August, Wohnort Paris“, bemerkte die Angestellte der Fluggesellschaft Air France. Er bestätigte seinen Namen und seine persönlichen Daten mit einem Nicken. „Ja, das bin ich! Ich habe einen Fensterplatz auf der linken Seite beim Notausstieg reserviert“, erwiderte er zudem. Dort saß er meistens, da es mehr Beinfreiheit gab. Die Dame vom Abfertigungsschalter übergab ihm seine Reisedokumente und er trat einen Schritt beiseite. Da er nur mit Handgepäck unterwegs war und heute Abend die letzte Maschine zurücknehmen wollte, steuerte er rasch auf den Aufenthaltsbereich zu, um auf den Aufruf zu seinem Flug zu warten. Abrupt hielt er nach ein paar Metern inne, weil er auf seinem Weg dorthin auf einem großen Werbebildschirm die neue Version seines Lieblingsautos sah, das es bald auf dem Markt zu kaufen geben würde. Der Wagen wurde in all seinen Facetten gezeigt, ohne mit technischen Details zu sparen. Seine graublauen Augen glänzten und er freute sich wie ein kleiner Junge, der soeben ein brandneues Spielzeugauto im Schaufenster eines Warengeschäftes gesehen hatte und sich ausmalte, es an seinem baldigen Geburtstag geschenkt zu bekommen.
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Vor einer halben Stunde war das Flugzeug aus London-Heathrow in Paris auf dem Flughafen Charles-de-Gaulle gelandet. Jacob Steel, ein Mann, der Fabrice Martel wie ein Ei dem anderen glich, betrat das Erdgeschoss des Zentralgebäudes von Terminal 1. Er war ebenfalls ein Meter fünfundachtzig groß, schlank, hatte graublaue Augen und graumeliertes Haar. Lediglich der ungepflegte Dreitagebart, der Kinn und Oberlippe bedeckte, unterschied die beiden Männer. Wie meistens trug er eine schlecht sitzende Bluejeans und eine schwarze Freizeitjacke. Äußerlich fast identisch, hätten sie charakterlich nicht unterschiedlicher sein können. Er sah sich kurz um und lief zielstrebig in Richtung Haltestelle für die Kabinenbahn.
Diese Reise heute war eine absolute Ausnahme. Normalerweise steuerte er seine Geschäfte von London aus. Doch besondere Situationen erforderten seinen persönlichen Einsatz vor Ort. Gleich würde er sich im Erdgeschoss des Pariser Flughafens Charles-de-Gaulle bei Terminal 1 mit Hicham Radi, dessen Bruder Said Radi sowie Aziz El Omari, drei seiner Schulkameraden marokkanischer Abstammung, treffen. „Das Trio war damals in der Secondary School auch nicht erfolgreicher als ich“, brummte er. Zudem wurden sie in den dortigen Kreisen, ebenso wie er, weder akzeptiert noch respektiert. Doch sie verstanden sich auf ihre Art und Weise. Das Ergebnis ihrer nachschulischen Zusammenarbeit brachte ihnen schon mehrfachen Gefängnisaufenthalt wegen Einbruch, Raub und Drogenhandel ein. Irgendwann hatten sie diese kleinen Delikte aufgegeben und sich lukrativeren Geschäften zugewandt. Diese Aktivitäten liefen einige Zeit lang recht gut. Allerdings gab es im Moment ein paar Probleme. Deshalb hatten sie geplant, sich am Pariser Flughafen zu treffen, um anschließend gleich weiter nach Marrakesch zu reisen. So konnten sie vor Ort nach dem Rechten schauen. Doch zuvor war noch etwas zu erledigen.
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Alles war vorbereitet. Die vier waren auf ihren besprochenen Positionen. Er hatte das Kommando und stand zurückgezogen im Erdgeschoss des Zentralgebäudes von Terminal 1 und behielt Schalter vier im Auge, wo die Passagiere nach Madrid-Barajas abgefertigt wurden. Rechts von ihm befand sich der Übergangsbereich, der zur Haltestelle für die Kabinenbahn führte. Geschützt stand er hinter einem Werbeaufsteller, der in Richtung der Abfertigungseinrichtungen für teure Uhren eines Schweizer Herstellers warb. Er schaute nach oben an die pastellgelb gestrichene Decke, an der eine Überwachungskamera hing. Diese war jedoch hoch über ihm vor dem Werbeaufsteller montiert, sodass er in dem Bereich, wo er sich derzeit befand, für diese Kamera unsichtbar war.
Vorsichtig holte er sein TeleDart-Injektionsgewehr aus dem schwarzen Hartschalenkoffer. Geschickt montierte er das Zielobjektiv, legte Munition ein und fräste mit der Diamantscheibe, die sich am vorderen Ende des Objektrohres befand, ein kleines Loch in die dicke Pappe der Werbetafel. Konzentriert fokussierte er Fabrice Martel. Dieser stand zum Glück still vor einem Werbebildschirm und betrachtete angeregt den Film, der gerade abgespielt wurde.
Mehrere Zehntausend Infrarotpunkte projizierten ein Raster auf das Gesicht der Zielperson und es wurde ein dreidimensionales Abbild des Gesichts erzeugt. Ein aktuelles Foto von Fabrice Martel hatte er gestern aus verschiedenen Winkeln gescannt. Bereits im Vorfeld hatte er sich darüber informiert, dass ein Gesichtsabgleich ebenso möglich wäre, wenn Teile des Gesichts durch eine Brille, einen Bart oder einen Hut verdeckt wären. Die Sensoren der Face ID zeigten nach der Gesichtsabtastung eine hundertprozentige Übereinstimmung mit dem eingescannten Foto.
Somit hatte er sich gründlich vergewissert, dass er auch den Richtigen traf. Denn es ging um Leben oder Tod. Sein Bruder war ebenfalls auf seiner Position, ganz in der Nähe der Zielperson.
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„Was für ein Auto“, entfuhr es ihm. „So einen hätte ich auch gerne einmal.“ In diesem Moment nahm er ein rotes Licht auf seinem Gesicht wahr. Zuerst dachte er, es käme von dem Film, der gerade über sein Lieblingsauto gezeigt wurde. Doch im nächsten Moment erkannte er durch sein Training bei der DGSE nur zu gut, dass es sich hierbei um einen Ziellaser handeln musste. Im gleichen Augenblick traf ihn ein Geschoss im rechten Schulterbereich. Er sah nur noch die bunten Farben des Werbebildschirms, die sich vor seinen geschlossenen Augen drehten, und fiel. Dass er von kräftigen Armen aufgefangen wurde, bemerkte er nicht mehr.
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Er war vorbereitet und fing den Mann, der in sich zusammensackte, geschickt auf und legte ihn seitlich auf den Boden. Mit lauter Stimme und rotierenden Handbewegungen rief er die beiden Rettungssanitäterinnen, die in knapper Entfernung standen. Sie kamen eilig mit einer Rollliege herbei. Mehrere Passanten, die den Vorfall bemerkt hatten, lobten den schnellen Einsatz der Rettungsmannschaft. Sie sahen, wie sich die beiden Frauen in medizinischer Berufsbekleidung routiniert um den kollabierten Mann kümmerten.
Er gab der Menschenmenge, die sich um sie gebildet hatte, Entwarnung. Sicherlich gingen sie davon aus, dass er ein naher Verwandter oder Bekannter war, der sich um den Vorfall kümmerte. Nach der Erstversorgung hoben sie den Patienten zu dritt auf die Rollliege und fuhren ihn umgehend zum nächstgelegenen Seitenausgang mit einer blauen Tür. Dort ging es über eine Rampe zum bereitstehenden Krankenwagen, in dem der Patient zu einem Hubschrauberlandeplatz im Norden von Terminal 3 gebracht wurde.
Kapitel 1
Ambre Martel
Paris, 13. Juli
„Quand une porte se ferme devant nous, une autre s’ouvre.“
„Wenn sich eine Tür vor uns schließt, öffnet sich eine andere.“
(André Paul Guillaume Gide, 1869–1951, französischer Schriftsteller)
Der Sommer in Paris war oft unerträglich heiß. Seit drei Monaten wohnte ich am Quai de la Tournelle in der Innenstadt, mit Blick auf die Seine. Mein kleines Zwei-Zimmer-Appartement mit Miniküche war gemütlich mit Holzmöbeln eingerichtet und die Dachschrägen sowie das im Wohnzimmer stehende große, cremefarbene Sofa strahlten Behaglichkeit aus. Abgerundet wurde in diesem Raum alles durch einen farbenfrohen Teppich, der in der Mitte des Zimmers lag. Meine beiden deckenhohen Bücherregale aus Kirschbaumholz, in die ich meine Lieblingsbücher und Arbeitsunterlagen sortiert hatte, dominierten eindeutig das Zimmer. In ein kleines Schlafzimmer gelangte man durch eine schmale Tür neben der Küche, wo es nicht besonders wohnlich aussah. Es fehlten Bilder, die ich unbedingt demnächst aufhängen wollte, um auch diesem Zimmer eine persönliche Note zu verleihen. Bei dieser Hitze hielt ich mich momentan am liebsten auf meiner Dachterrasse auf. Dorthin hatte ich mit viel Mühe unzählige Pflanzen die fünf Stockwerke hochgetragen, da es in dem ungefähr 100 Jahre alten Sandsteingebäude mit Schmuckfassade keinen Aufzug gab. In meiner kleinen, grünen Oase standen Kübel mit Oleander, Dattelpalmen, Margeriten und vor allem zwei Olivenbäume. Auch Tomaten, Paprika und allerlei Kräuter hatten sich hier eingefunden.
Es ging schon auf 14:00 Uhr zu und ich spürte ein Hungergefühl in meinem Magen. Zielstrebig steuerte ich auf den Kühlschrank zu, nahm Käse heraus und trug ihn mit Trauben und Baguette zum niedrigen Glastisch auf der Dachterrasse. Unten in der Stadt pulsierte das Leben. Die City war wieder voller Touristen aus aller Welt, doch hier oben war es ruhig und ich genoss die Brise, die meine dunkelbraunen, mittellangen Haare sanft um den Kopf wehte. Ich setzte mich auf mein Loungesofa, das mit bunten Kissen bestückt war, und zum Ausruhen einlud. Genüsslich biss ich in den Käse, goss einen Schluck Rosé in das Glas, das auf dem Tisch stand, und dachte an die Veränderungen, die mein Leben in den letzten Monaten geprägt hatten.
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