Krimi & Spannung

Seelen(r)evolution

Marcel Junge

Seelen(r)evolution

Leseprobe:

I.

Iris’ Augen brannten vor Müdigkeit. Ihre Lider waren schwer und trotzdem war es ihr unmöglich, diese dauerhaft zu schließen. Vermutlich lag dies am Kokain, welches sie in der letzten Nacht auf der Toilette einer Disko mit ihrer besten Freundin geschnupft hatte. Ihr Körper war erschöpft und müde und sehnte sich nach Schlaf. Iris setzte sich auf. Sie war in der Wohnung von Peter unweit des Magdeburger Hasselbachplatzes. Um sie herum lagen fünf ihrer Freunde, die wiederum sehr gut schlafen konnten. Kleidung, Bier- und Schnapsflaschen lagen verstreut. Durch das Fenster fiel etwas Licht in das verrauchte Zimmer. Es schien, als würde man durch den angestrahlten Qualm nicht mehr klar sehen können. Iris fühlte sich unwohl und starrte auf den Fernseher, dessen Ton ausgeschaltet war. Sie konnte unmöglich erahnen, was dort besprochen wurde und woraus die Handlung bestand. Iris fühlte sich ruhelos und beschloss aufzustehen. Sie ging ins Badezimmer, um sich frisch zu machen. Vielleicht würde etwas kaltes Wasser ihre Lebensgeister wecken oder zumindest für ein geringfügig besseres Körpergefühl sorgen. Sie schaute in den Spiegel. Unter ihren roten Augen befanden sich dunkle Ränder. Ihre Haut war fahl und blass, ihre Lippen trocken und rissig. Erschrocken wendete sie ihren Blick ab und drehte den Wasserhahn auf. Sie warf sich kaltes Wasser ins Gesicht, was sehr angenehm war. Es fühlte sich an, als würde sie eine kühlende und lindernde Salbe auf eine brennende Wunde verreiben. Sie griff neben das Waschbecken und verfehlte nur knapp den am Waschbeckenrand stehenden, randvollen Aschenbecher. Iris nahm das kleine Handtuch, welches neben dem Waschbecken an einem Haken hing und trocknete sich das Gesicht ab. Dann ging sie zurück ins Wohnzimmer und setzte sich wieder auf die Couch. Es war eigenartig, aber Iris fand diese Morgen nach einer guten Party immer deprimierend. So gelungen die Party auch gewesen war, so sehr sie sich auch amüsiert hatte, am nächsten Morgen war die Erkenntnis, dass nun alles vorbei war, ernüchternd.
Nach fünf Minuten spürte sie eine eigenartige Rastlosigkeit und beschloss kurzerhand die Wohnung zu verlassen. Sie zog sich ihre Jacke über, nahm ihre Handtasche, die neben der Couch stand und ging zur Wohnungstür. Dabei stieg sie über die Schlafenden und musste sich anstrengen, nicht zu fallen. Sie stellte ihre Tasche ab und schlüpfte in ihre Schuhe. Die Absätze waren nicht sehr hoch, trotzdem spürte sie noch immer jeden Tanz der letzten Nacht an ihren Knöcheln und Fußsohlen. Sie schloss die Riemchen und öffnete die Tür. Sie zog die Wohnungstür leise hinter sich zu, um ihre Freunde nicht zu wecken. Iris ging die alte Treppe, die sich durch den Hausflur schlängelte, hinab. Es fiel ihr schwer das Gleichgewicht zu halten. Sie fand es seltsam, denn normalerweise konnte sie selbst betrunken recht gut in hohen Schuhen laufen. Es lag wohl am fehlenden Schlaf und an ihren müden Knochen. Sie öffnete die schwere, alte Haustür, wie sie die meisten Gründerhäuser hier am Hasselbachplatz hatten. Iris trat auf die Straße und beschloss in den Park zu gehen. Sie nahm eine Zigarette aus der zerbeulten Schachtel in ihrer Handtasche, entzündete ein pinkfarbenes Feuerzeug und inhalierte den Rauch so tief sie konnte. Dann folgte sie dem Straßenverlauf Richtung Rotehornpark. Etwa zwanzig Minuten später überquerte sie die Sternbrücke. Sie ging vorbei an den unendlichen Schlössern, die dort am Geländer dieser langen Brücke befestigt worden waren. Es war irgendwann zum Brauch oder zu einer Mode geworden, dass Liebespaare dort ein Vorhängeschloss als Beweis ihrer Liebe befestigten. Manchmal waren Initialen darauf oder die Schlösser waren farblich verziert. Iris war manchmal traurig darüber, dass sie niemanden hatte, der es wert gewesen wäre, einen solchen Liebesbeweis zu vollziehen. Sie hatte zwar hin und wieder einen Mann kennengelernt, aber es war nie etwas Festes daraus geworden. Die jungen Männer wollten sehr oft mehr, aber wurden von ihr mehr oder weniger sanft abserviert. Diese Nähe konnte sie nicht ertragen, weil sie spürte, dass es keine echte Liebe war, aber wusste, dass sie diese Typen nur benutzte und verletzte. Iris schämte sich manchmal dafür.
Es war so still, keine Menschen waren auf den Straßen und Wegen unterwegs. Es war circa 5:30 Uhr an diesem Sonntagmorgen und die Luft war feucht und kühl. Iris schien den naheliegenden Rotehornpark regelrecht riechen zu können. Sie verließ die Sternbrücke und folgte dem breiten Weg. Sie wollte an den Adolf-Mittag-See, welcher malerisch inmitten dieses schönen Parks gelegen war. Wenig später passierte sie die Brasserie, die sich direkt an dem See befand. Den Betreiber hatte es vor zwei Jahren schwer getroffen, da die Elbe über die Ufer getreten war und den Rotehornpark und seine Gaststätte überflutet hatte. Die Elbe trat regelmäßig über die Ufer. Ob dies nun an der Begradigung dieses Stromes oder an der Bebauung des Schwemmlandes lag, die Schäden waren meist verheerend. Vor zwei Jahren war die Brasserie fast vollständig zerstört worden und es hatte fast ein Jahr gedauert, bis dort wieder Gäste empfangen werden konnten. Es war ein schönes Restaurant, in dem auch Iris mit ihren Freundinnen gern verweilte. Große Glasfronten sorgten für einen lichtdurchfluteten Innenraum und die zahlreichen Sitzplätze rund um die Brasserie ermöglichten den Genuss von Natur und frischer Luft mitten in Magdeburg. So saßen sie meist draußen, weil man im Innenraum nicht rauchen durfte. Hier genossen sie die wärmenden Sonnenstrahlen.
Einen Moment später saß Iris auf einer Parkbank am Adolf-Mittag-See. Trauerweiden säumten die Ufer und streckten ihre Äste in Richtung Wasseroberfläche. Ihre Äste sahen wie die langen Haare einer wunderschönen Frau aus. Direkt auf der kleinen Marieninsel gegenüber stand ein kleiner Tempel, der aussah, als würden dort Elben zu ihren Göttern beten. Die Luft war feucht und kühl. Man hatte das Gefühl, als sei die Luft sauberer als gewöhnlich. Dieser Anblick war so märchenhaft, dass Iris spürte, ein Teil von etwas Wundervollem zu sein. Sie schloss die Augen und atmete tief durch. Die saubere Luft fühlte sich an wie Medizin für ihren müden und erschöpften Körper.
Als Iris ihre Augen öffnete, bemerkte sie plötzlich auf einer anderen Parkbank einen Mann, der in ein Buch vertieft war. Er trug helle Jeans und schwarze Stoffschuhe. Sein Oberkörper war mit einem grauen Pullover bedeckt. Sein langes, tiefbraunes und glattes Haar war in einem strengen Zopf nach hinten gebunden. Iris schien es, als würde er dort schon Stunden sitzen. Doch das konnte nicht sein. Sie war sich ziemlich sicher, niemanden gesehen zu haben, als sie sich auf die Parkbank gesetzt hatte. Plötzlich bemerkte Iris, dass sie ihn anstarrte und wendete ihren Blick erschrocken ab. Sie wühlte in ihrer Handtasche und nahm ihre Schachtel Zigaretten heraus. Sie wollte ihr Feuerzeug herausnehmen und den Glimmstängel entzünden, steckte es dann aber wieder zurück. „Entschuldigung“, sagte sie zaghaft zu dem Unbekannten. Dieser wandte seinen Blick in ihre Richtung. Sie sah, dass er hellblaue Pupillen hatte, die beinahe ins Weiße hineingingen. In Verbindung mit den dunklen Haaren hatten diese eine fast magische Wirkung. „Ja, bitte“, sagte er. „Hätten Sie vielleicht Feuer für mich? Ich muss meins liegen gelassen haben.“ Wohl jede Frau weiß, dass die Frage nach einem Feuerzeug oft mit einem gewissen Hintergedanken verbunden ist. Wohl nicht immer, aber häufig. Gerade in dieser Situation war der Zweck dieser Frage, den Fremden in ein Gespräch zu verwickeln, mehr als offensichtlich. „Sehr gern“, sagte der Mann und stand von seiner Bank auf. Er klappte sein kleines Buch zu und ging hinüber zu Iris. Er griff in seine Hosentasche und holte ein silbernes Feuerzeug heraus. Iris konnte ihre Faszination kaum verbergen, versuchte sich aber trotzdem nichts anmerken zu lassen. Er entzündete das Feuerzeug und hielt es etwa zwanzig Zentimeter vor ihr Gesicht. Sie steckte sich eine Zigarette zwischen die Lippen und beugte sich nach vorne. Ein tiefer Zug und der Glimmstengel glühte. Iris blies den Qualm aus und sagte: „Vielen Dank.“ Dann nahm sich der Mann ebenfalls eine Zigarette aus einem silbernen Etui. Diese hatte einen weißen Filter. Iris fand es eigenartig, aber alles an diesem Typen war so stimmig, dass es unmöglich wahr sein konnte. Alles sprach so für Stil und Geschmack, dass Iris sich sicher war, noch nie einem solchen Mann begegnet zu sein. „Darf ich mich zu Ihnen setzen?“, fragte er. Iris war es nicht gewohnt, dass man sie siezte, war aber geschmeichelt, dass man ihr mit Respekt begegnete. „Gern, zu zweit raucht es sich doch am besten“, versuchte Iris zu scherzen. Der Mann setzte sich neben sie und etwa zwei Minuten saßen sie schweigend nebeneinander und schauten auf den malerischen See. „Darf ich fragen, was Sie gerade lesen?“
„Selbstverständlich. Es geht um einen jungen Mann Namens Werther, der sich nach nichts anderem sehnt, als mit seiner großen Liebe zusammen zu sein.“
„Würden Sie mir etwas aus dem Buch vorlesen? Nur eine kleine Stelle, die Sie mögen?“
„Sehr gern, einen Moment bitte“, entgegnete der Mann und nahm das zusammengerollte Leseheft aus seiner Hosentasche. Er blätterte eine Minute herum und las dann vor. In diesen wenigen Sätzen berichtet der junge Werther von der Frau, in die er sich unsterblich verliebt hatte und erklärt, dass ein Vergleich mit einem Engel ihrer nicht würdig sei. Er zählt verschiedenste Eigenschaften auf, die seiner Meinung nach dieser jungen Frau inne wohnen und die sie reiner als einen Engel machen. „Das ist wirklich wunderschön“, sagte Iris und log dabei nicht. „Ja, find ich auch! Ich mag die Sprache, die Goethe in den Briefen verwendet und diese Menschlichkeit, die irgendwie mit Feenstaub versehen ist. Ich weiß auch nicht, manche schreiben dicke Wälzer, dabei sind oft nur wenige Worte nötig, um einen Menschen zu rühren, um das Herz zu treffen. Goethe hat hiermit ein Meisterwerk geschaffen und brauchte dafür nur wenige dutzend Seiten.“
„Ich weiß nicht, aber ich habe wohl nur das gelesen, was in der Schule Pflicht war. Aber wenn ich solche Worte höre, denke ich, dass ich vielleicht doch etwas mehr hätte lesen sollen. Aber irgendwie haben mich diese dicken Bücher oft abgeschreckt.“
„Entschuldigen Sie bitte, aber das denke ich nicht. Vielleicht haben Sie bisher nur nicht die richtige Lektüre zu lesen bekommen.“
„Kann schon sein.“
„Stellen Sie sich ein gutes Buch vor wie einen wundervollen Film. Nur, dass dieser Film in Ihrem Kopf entsteht und selbst wenn eine Million anderer Menschen dieses Buch lesen, wird deren Film immer anders aussehen als Ihrer.“
„Ich sollte wieder mehr lesen“, sagte Iris und lächelte fein. Der junge Mann schlug sein Leseheft zu und legte es neben sich auf die Bank. Dann reichte er Iris die Hand und sagte: „Mein Name ist Elias.“
„Ich bin Iris“, sagte sie und schüttelte ihm übertrieben die Hand. Seine Hände fühlten sich fest an, waren aber nicht rau. Sie waren derart gepflegt, dass Iris der Meinung war, nur eine professionelle Maniküre könne dafür verantwortlich sein. Elias’ dunkle, lange Wimpern waren wie ein Rahmen für seine hellblauen Augen. Iris wandte ihren Blick schüchtern ab. „Was führt Sie zu dieser frühen Tageszeit an den See?“, fragte Elias. „Keine Ahnung“, entgegnete Iris. „Ich konnte nicht schlafen und hatte irgendwie Sehnsucht nach Frischluft. Dafür schien mir dieser Ort sehr geeignet.“
„Da haben Sie recht. Dieser Park scheint wie eine grüne Lunge zu sein“, bemerkte Elias, drückte seine Zigarette auf dem Fußboden aus und warf den Filter in den Mülleimer neben der Bank. „Und was führt Sie hierher?“
„Ich mag die Ruhe in diesen frühen Morgenstunden. Nachmittags sind hier doch allerhand Leute unterwegs. Aber zu solch früher Stunde ist man fast allein für sich. Ich komme gern hierher, stelle mir sogar den Wecker. Es ist wie eine Entschleunigung, nimmt das Tempo aus meinem Leben.“
„Na ja“, sagte Iris. „Da ist schon was dran. Haben Sie einen stressigen Job?“
„Stressig würde ich nicht sagen. Ich schreibe als Honorarautor Artikel und Geschichten.“
„Interessant“, sagte Iris. „Und kann man gut davon leben?“
„Nicht wirklich“, sagte Elias und grinste. „Es reicht geradeso, um alle Rechnungen zu bezahlen und nicht zu hungern. Es ist wohl einer der großen Irrglauben, dass man mit dieser Tätigkeit das große Geld verdienen kann.“
„Und warum machen Sie es dann?“, fragte Iris. Sie verstand nicht, warum man einen Beruf ergreift, mit dem man kaum Geld verdienen kann. „Nun ja, für mich bedeutet dies Freiheit. Es gibt keine festen Arbeitszeiten, nur wenig Vorschriften und ich kann zuhause arbeiten. Es gibt niemanden, der sagt, wann ich schreiben soll. Wenn ich nachts aufstehe und etwas notiere, ist dies meine Sache.“
„Das klingt ja traumhaft“, sagte Iris, für die die Begründung schlüssig war. „Ganz ohne Druck funktioniert auch dieser Job nicht. Oft habe ich Fristen oder Termine. Darüber hinaus muss ich schreiben, um meinen Kühlschrank füllen zu können. Es ist zwar eine Art Freiheit, aber machen, was ich will, kann ich trotzdem nicht. Nun ja, was ist schon hundertprozentige Freiheit?“
„Ich glaube nicht, dass es so etwas gibt. Vollständige Freiheit ist meines Erachtens reine Utopie. Man muss sich immer an Regeln halten oder ist aus wirtschaftlichen oder persönlichen Gründen eingeschränkt.“
„Aber Freiheit ist eine schöne Idee. Und in einem sind wir alle frei.“
„In unseren Gedanken“, flüsterte Iris. Elias lächelte sie an. Es lag ein seltsames Knistern in der Luft. „Ich habe kreative Menschen immer bewundert, Menschen, die etwas erschaffen, Gedichte schreiben oder Bilder malen. Wie funktioniert so etwas? Kann man es erlernen?“, fragte Iris. „Am Anfang steht immer eine Idee. Für die Umsetzung von Ideen braucht man dann ein gewisses Handwerkszeug. Das Handwerkszeug kann man zum größten Teil erlernen. Nur die Idee, diese fünf Prozent eines fertigen Werkes, dies kann man nicht erlernen.“
„Aber Artikel schreiben hat nicht allzu viel mit Kreativität zu tun. Dies könnte man doch vollends erlernen, oder?“
„Sicher. Nur mit kreativem Schreiben hat dies nur entfernt zu tun.“
„Und woher nehmen Sie Ihre Ideen und Einfälle?“, fragte Iris. „Das ist ganz unterschiedlich. Manchmal entsteht eine Idee nur aus einer Beobachtung oder einem Erlebnis.“
Iris war fasziniert und vergaß derart die Zeit, dass ihr die Länge des Gespräches erst bewusst wurde, als die ersten Spaziergänger an ihnen vorbeigingen. Sie schaute auf die Uhr und sagte: „Oh, ich muss langsam nachhause.“
„Schade“, sagte Elias. „Ich würde Sie gerne wiedersehen. Würden Sie mir Ihre Telefonnummer geben?“ Iris zögerte demonstrativ. Dann nahm sie einen Kugelschreiber aus ihrer Tasche und sagte: „Geben Sie mir bitte Ihr Heft.“ Elias tat, worum er gebeten wurde. Iris schrieb ihre Handynummer in geschwungener Schrift in den Umschlag des Leseheftes und schrieb ihren Namen darüber. Sie schlug das Heft zu und gab es Elias. Wieder lächelte er sie an.



II.

Neun Monate später. Iris kam von ihrer Arbeit im Supermarkt nachhause. Dort gab es viel zu tun, obgleich es eine Tätigkeit war, die mit Selbstverwirklichung nur wenig zu tun hatte.
Mittlerweile war Elias bei ihr eingezogen. Sie hatten sich wenige Tage nach ihrer ersten Begegnung getroffen und am nächsten Morgen lag Elias im Bett neben ihr. Dass er bei ihr einzog, war Iris Idee. Sie wollte ihn so oft und lange wie möglich um sich haben. Er war einverstanden und auch sein geringes, unregelmäßiges Einkommen stellte kein Problem für Iris dar. Sie war derart verliebt, dass ihr alles andere egal war. Sie ging nicht mehr vor die Tür und vernachlässigte ihre Freunde. Außerhalb ihrer Arbeitszeit verbrachten sie jede Minute in ihrer Wohnung. Elias hatte nicht viel mitgebracht: Eine Schreibmaschine, einige Bücher und eine Reisetasche mit Kleidung. Den Rest hat er dort gelassen. Elias hatte erklärt, dass er Mitbewohner in einer Wohngemeinschaft war und seine Möbel entweder nicht sein Eigentum oder reif für den Sperrmüll waren. Iris hatte sich etwas gewundert. Doch Elias war der Meinung, dass Besitz nur belaste und verpflichte. Aus diesem Grund und natürlich, weil sein Job nicht viel abwarf, besaß er beinahe nur das, was er auf dem Leib trug.
Es war ein Dienstag im April. Iris hängte ihre Jacke an die Garderobe und zog ihre Schuhe aus. Dann ging sie ins Wohnzimmer. Elias saß dort am Tisch vor seiner Schreibmaschine. „Hallo Schatz“, sagte Iris und küsste ihn. „Hallo“, sagte Elias und erwiderte den Kuss. „Ich hab dir was geschrieben“, sagte er und nahm ein Blatt Papier, welches auf dem Tisch lag, zur Hand. „Soll ich es dir vorlesen?“, fragte Elias. „Ja bitte“, sagte Iris. Elias räusperte sich übertrieben und begann seinen Vers vorzutragen:

„In einem Meer aus Tränen befand sich mein Herz,
ich wollt ertrinken an Trauer und unendlichem Schmerz.
Ich sah das Licht, war dem Ende nah,
als ich ein Boot näher kommen sah.
Bei mir angekommen, reichte mir jemand seine Hand
und sagte: „Komm mit mir, ich bring dich an Land!“
Ich liebe dich, denn du hast es vollbracht,
dass ich lebe und mein Herz wieder lacht.“

Iris schloss ihre Augen, öffnete sie wenig später wieder und sagte: „Das ist schön.“
Sie bewunderte die feingeistige Art ihres Freundes. „Aber warum ist es so traurig?“, fragte Iris. „Na ja, in meinem Leben sind viele Dinge passiert, die ich dir lieber nicht erzählen möchte. Durch deine Liebe hat mein Leben wieder Sinn bekommen. Das Gedicht soll vor allem aussagen, dass ein Leben ohne Liebe sinnlos und sehr traurig ist.“
„Du meinst, ohne Liebe stirbt der Mensch?“
„Genauso sehe ich das. Vorher habe ich nur so vor mich hingelebt, hatte an vielen Dingen keine Freude mehr. Aber nun, da du bei mir bist, schmeckt mir das Essen wieder, kann ich mich wieder an den kleinen Dingen freuen, habe wieder Freude am Leben. Nun heißt es wieder Leben und nicht Überleben und das fühlt sich richtig an.“ Wieder küssten sie sich leidenschaftlich. Iris streichelte Elias’ Oberschenkel. Dann küsste sie Elias lange und öffnete dabei langsam seine Hose. Sie liebten sich auf der Couch. Iris verzehrte sich nach seinem Körper. Mit ihm war Sex anders, als sie es bisher kannte. Es war kein solch physischer Akt, wie sie es bei anderen Männern empfunden hatte, denn Elias war sehr zärtlich, so dass Iris regelmäßig Orgasmen bekam.
Er ging nie vor die Tür oder traf irgendwelche Leute. Manchmal wunderte sich Iris, dass er nicht mehr die Wohnung verließ. Aber sie war verliebt und man konnte nicht sagen, ob sie blind vor Liebe sei oder ob ihr viele Dinge einfach egal waren. Sie war glücklich, obgleich sie ihre Freunde nicht mehr traf und sich nur während ihrer Arbeit außerhalb der Wohnung befand.
Nachdem sie sich geliebt hatten, lag sie auf Elias’ Brust und war kurz davor einzuschlafen. Sie war erschöpft, aber nicht wie nach einem Dauerlauf. Es war eine wohlige Erschöpfung, die Iris ausgeglichen und sorglos machte.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 64
ISBN: 978-3-948379-13-1
Erscheinungsdatum: 17.12.2019
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Krampus & Nikolo