Rotwein-Roulette: ein mörderischer Abgang
EUR 22,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 382
ISBN: 978-3-99130-606-1
Erscheinungsdatum: 21.10.2024
Was, wenn in einem oberbayrischen Ort, der für seine Bierbraukunst bekannt ist, plötzlich eine Rotweinkönigin gekrönt werden soll? Wampings Bürgermeister Bichlmeier will es herausfinden. Doch bei diesem Plan geht´s am Ende für Einige um Leben und Tod.
Es hatte geregnet. Der Boden war feucht und der kleine blonde Junge in der blauen Trainingsjacke liebte die Fußabdrücke, die er hinterließ in diesem Boden. In diesem sandigen, tonigen Schluff, der es möglich machte, dass der große Zeh durch den Turnschuh einen Abdruck hinterließ. Das gefiel dem Jungen und er stapfte lächelnd, eine Markierung nach der anderen setzend, über diesen ganz besonderen Boden und blickte schmunzelnd zurück. Kann jemand wohl ahnen, wer hier gelaufen ist, fragte er sich. Er verwarf den Gedanken jedoch sogleich und steuerte auf eine Holzbank zu, die er immer sonntags, üblicherweise nach einem üppigen Mahl aufsuchte. Diese Holzbank stand auf einem Hügel. Von dort aus hatte er eine phänomenale Sicht über den ganzen Ort. Und das verlieh dem kleinen Jungen mentale Größe. Er empfand geistige Weite, Freiheit und zugleich Besinnlichkeit. Es ging ihm sehr gut, wenn er auf dieser Bank saß und seine Pläne für die Zukunft schmiedete …
KAPITEL 1
Kommissar in Gefahr
Die beiden Augenpaare fixierten sich gegenseitig. Diese Begegnung kam für beide unerwartet. Ferdinand Karl Köcherl sah sich einem angsteinflößenden Wildschwein gegenüber. Jetzt ist Taktik angesagt, dachte sich Köcherl. Lass ich die Sau in Frieden, lässt sie mich in Ruh!
Dennoch griff er ruhig und vorsichtig an seine rechte Brusttasche. Nichts! Sein Halfter mit der Waffe lag zu Hause. Jetzt hätte er sie, die er so lange nicht gebrauchte, einsetzen können. Dann überraschte ihn das Schwein. Es drehte schlagartig ab und verschwand im Halbdunkel. Köcherl war erleichtert.
Das hätte ins Auge gehen können. Leg dich nie mit einem Wildschwein an. Er wischte sich mit dem linken Unterarm über die Stirn und ging die letzten Meter bis hin zu seiner Haustüre. Und dann das. Den Schlüssel vergessen! Köcherl konnte es nicht fassen. Er hatte in der Nacht nicht einschlafen können und war daraufhin aus seinem Bett gekrochen, um ein bisschen von der frischen Luft zu schnappen. Nun stand er da. Er bahnte sich den Weg nur sehr wenig hoffnungsvoll hinters Haus. Und er musste feststellen, was er bereits ahnte: Die Balkontür war verschlossen. Plötzlich vernahm er lautes Grunzen. Köcherl drehte sich hastig um und sah sich nun einer ganzen Rotte von Wildschweinen gegenüber.
Die Sau hat sich Verstärkung geholt. Er zählte acht angriffslustige Schweine. Keine Waffe! Schweiß auf der Stirn und die verschlossene Tür! Dann die rettende Idee. Der Kommissar schlug die Scheibe zu seiner Balkontüre mit einem heftigen Stoß seines Ellbogens ein und griff beherzt nach innen, um sich die Türe zu öffnen. Gerettet! Das laute Klirren hatte die Wildschweine vertrieben. Durchatmen. Die Scheibe war hin. Ein Loch so groß, dass er nur mit einer einfachen Beuge durchsteigen konnte. Doch Köcherl hatte es satt. Er nahm sein Handy und wählte die eingespeicherte Nummer. Es dauerte, bis jemand abnahm.
„Leimbach, ich bin in Gefahr. Horden von aggressiven Wildschweinen stehen vor meiner Türe. Jetzt reicht’s. Bringen Sie zwei Leute mit und knallen Sie die Biester ab. Gefahr in Verzug“, rief er hinterher und legte auf. Polizeiobermeister Leimbach hatte anfänglich Mühe, diesen Anruf zuzuordnen. Denn es war ungefähr drei Uhr nachts und er befand sich in seiner REM-Traumphase, die ihm eine weit angenehmere Situation bescherte. Dann aber besann er sich der Stimme seines Chefs und wusste, dass er keine andere Wahl hatte. Denn der Kommissar war in letzter Zeit von umherlungernden Wildschweinen besessen. Schlaftrunken quälte er sich aus seinem Bett und bereitete sich auf seinen Spezialauftrag vor.
Nachdem er sich wieder beruhigt hatte, nahm Köcherl einen erneuten Anlauf, seinen Schlaf nachzuholen. Nur sehr langsam, aber dennoch zusehends, entschlummerte er.
Wenig später geschah etwas, was er so bald nicht mehr vergessen sollte. Der schlafende Kommissar bemerkte zunächst nichts, dann spürte er den Hauch einer Vibration, die immer stärker wurde. Schließlich wurde er in seinem Bett durch-geschüttelt. Abrupt öffnete er die Augen. Sein Herzschlag hatte monströse Ausmaße. Er sah sich einem Wildschwein-Eber mit gewaltigen Stoßzähnen gegenüber. Es stand auf seinem Bett. Jetzt galt es. Er oder ich!
Köcherl ließ sich geistesgegenwärtig aus dem Bett fallen, griff in seine Nachttischschublade, holte seine Waffe heraus und schoss auf den wilden Eber. Dreimal. Volltreffer. Der Eber zuckte nicht einmal mehr. Ein Blutbad im Bett des Kommissars. Schweißgebadet saß er auf dem Boden. Seine Blicke verrieten Verwirrung, sein Haar schrie nach einer Komplettüberarbeitung.
Er war erschüttert! Dabei hatte er einen dicken Sessel vor die zerbrochene Glastüre geschoben. Dennoch, das Loch war da und der Eber musste ihm durch die Balkontür gefolgt sein. Nur sehr langsam und nachdem er sich ein paarmal verstohlen umgeschaut hatte, verstand er. Er atmete tief durch, zwei- bis dreimal, und erhob sich ächzend und schweren Gemüts. Sein wankender Schritt führte ihn durch die Dunkelheit zu seinem Eichenschrank. Darin war seine bescheidene Bar verborgen. Mit dem Öffnen der Türe gab es nun etwas Licht aus einer Birne von der inneren Schrankdecke. Er griff nach einer Flasche Wacholder und einem kleinen Zinnbecher. Die Schranktüre ließ er, des Lichtes wegen, offen und taumelte vorsichtig zurück zu seinem Bett. Dort saß er nun auf der Kante und nahm den ersten Schluck direkt aus der Flasche. Den Zinnbecher legte er zur Seite. Er setzte die Flasche wieder ab und erhaschte sich im gegenüberliegenden Spiegel. Ein jämmerlicher Anblick! Der 54-jährige Kommissar Köcherl legte sein schütteres Haar mit ein paar Handstrichen zur Seite. Seine Augen wirkten müde und er nahm zum ersten Mal wirklich dunkle Augenringe wahr. Da er den Oberkörper gerade frei hatte, strich er über seinen neuerlichen Bauchansatz. Die Erkenntnis: „Ja, ich muss etwas tun.“
Dann aber schaute er hinter sich. Er hatte soeben in einer schlaflosen Nacht ein Wildschwein in seinem Bett erschossen. „Wie soll man da aussehen?“, resümierte er.
Seine Bilanz der Nacht: wilde Schweine-Attacken, eine eingeschlagene Glastüre, ein blutüberströmter, toter Eber in seinem Bett und ein Puls, der zeitweise durch die Decke schlug. Köcherl beruhigte sich und beschloss, erst einmal ein Wannenbad zu nehmen. Denn, wann immer etwas eskalierte oder ihn zu überfordern drohte, tat er genau das.
KAPITEL 2
Ein Traumpaar
Zur beinahe gleichen Zeit.
Es waren genau 56 Eier von freilaufenden, glücklichen Hühnern, die der 55-jährige Dirk Berger am frühen Morgen um 4:45 Uhr in seinem Fahrradkorb an der Lenkstange transportierte. Von der Burgkirche schlug es zur Viertelstunde. Seine Route führte ihn durch die asphaltierte Stiegelgasse. Er liebte es, rasant unterwegs zu sein. Er mochte am Vorabend vielleicht ein Glas zu viel getrunken haben und es fehlte ihm sicher auch an Achtsamkeit, doch damit konnte er nun wirklich nicht rechnen.
„Herrje!?“, rief er verblüfft ins Morgengrau hinein und im Nu schoss ihm das Adrenalin in die Adern, als er direkt auf diese ihm gänzlich unbekannte Erscheinung zuschoss. Er bremste dabei seinen Zweirad-Boliden derart heftig ab, dass es ihm das Hinterrad wegriss und es ihn geradewegs in die Büsche an der Hauswand schleuderte. Von 56 Eiern überlebten genau 14. Dirk riss die Augen auf und sah, was ihm eben noch als ein unwirkliches Etwas erscheinen musste, aber offensichtlich Realität war. Elvi!
„Wer oder was ist das?“, brüllte es in ihm.
Elvi, 36, athletisch schlank, blond, nackt! Nackt? Jawohl! Nicht immer, aber zu diesem Zeitpunkt. Mit einer vergoldeten Messingkrone auf dem Kopf und einer halben Flasche Rotwein in der rechten Hand, schlenderte sie sichtlich apathisch und murmelnd über die Asphaltsteine. Und Dirk schien der Einzige, dem diese Begegnung so widerfuhr. Doch dann hörte Dirk, was Elvi zumindest im ersten Moment nicht hören wollte.
„Elvi, blöde Kuh! Komm wieder hoch“, hallte es durch die Gasse. Am aufgerissenen Fenster des Schlafzimmers im zweiten Stock des Altstadthauses stand Joe in seinen Shorts und schrie. „Du machst dich lächerlich und mich dazu. Elvi!“ Joe wurde hektisch, er setzt seine dunkle, dicke Hornbrille auf und rannte in seinen rotweiß gestreiften Boxershorts die kleine Holztreppe von der zweiten Etage hinunter auf die Straße, stolperte dabei in der Toreinfahrt über die roten Spitzenpumps der Querulantin und fluchte unentwegt vor sich hin, bis er schließlich Elvi erreichte. Er brüllte auf sie ein: „Schau dich an, du rennst nackt durch die Altstadt, wenn dich jemand sieht!?“
Doch Elvi reagierte nicht, sie wankte unentwegt, verstört voran. Ihre Augen waren mit dunklem Lidschatten verschmiert, weit offen und dennoch schläfrig. Sie wirkte wie in Trance. Und dann war es so weit! Sie sackte urplötzlich in sich zusammen. Geistesgegenwärtig konnte Joe sie auffangen und ließ sie beinahe lautlos in seine Arme sinken. Er schaute sich vorsichtig um, entdeckte den in den Büschen liegenden Dirk, lächelte ihn verlegen an, nahm von ihm aber keine weitere Notiz. Dann stemmte er die etwa 59 Kilo schwere blonde Frau über die linke Schulter und schleppte sie, Hintern voraus, zurück ins Haus.
„Eiermann“ Dirk wusste nicht, ob er grinsen oder fluchen sollte. Er konnte die Situation zu dieser Sekunde nicht wirklich beurteilen. Er starrte den beiden einen Moment lang hinterher, erhob sich, schüttelte sich zwei-, dreimal und griff sein leicht verbeultes Rad. Dann stutzte er sich zurecht und legte die 14 Eier, die ihm blieben, zurück in den Korb. Kopfschüttelnd machte er sich auf den Weg.
Mit einem anspruchsvollen Gewicht über der Schulter kämpfte sich Joe über die Asphaltsteine und erreichte schließlich den Innenhof des Hauses. Dort sammelte er mit einer flinken und geschickt ausgeführten Bewegung noch eben den einsamen roten Schuh, über den er gestolpert war, mit der freien Hand auf. Nun sah er sich allerdings vor der Herausforderung der Holztreppe in den zweiten Stock. Er zögerte nur einen winzigen Augenblick und sagte sich: „Wofür habe ich trainiert?!“
Joe, 48 Jahre alt und durchaus sportlich. Wie anders konnte er es sonst wagen, dieses blonde 60-Kilo-Paket die 32 Stufen herauf und zurück ins Schlafzimmer zu schleppen? Er selbst gab sein Alter gerne mit 38 Jahren an, die wenigsten glaubten es und mindestens genauso wenige Menschen kannten sein wahres Alter. Eine Marotte, mit der er spielte. Joe hieß eigentlich Johannes Thaler und war ein Mann der Werbung. Ideenreichtum sein Zuhause. Sein Motto: Ideen – Lass sie geschehen. Ein Macher! So zumindest sah er sich selbst sehr gerne. Und er wusste, dass er in der Branche auch optisch überzeugen musste. Schon deshalb trug er stets stilvoll italienische Markenware, Shorts ebenso wie Maßanzüge der Marke Dino! Seine schwarze Hornbrille entsprang der Optik vieler alter Hollywood-Größen wie Cary Grant, William Holden, Groucho Marx und Woody Allen. Die Psychoanalyse stufte Männer mit großen dunklen Hornbrillen als humorvoll, intellektuell und potent ein. Zumindest wollten die Genannten genau so wirken. Und genau das wollte auch Joe, der sich selbstbewusst als einen der Werbeexperten schlechthin bezeichnete. Seine größte Werbekampagne machte ihn damals weit über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt. Dabei ging es um eine Matratze, die per Knopfdruck weich, mittel oder hart zum Schlafen lud. Entscheidend aber war, dass die Matratze mit einem zweiten Knopf auf Single- oder Doppelbett gestellt werden konnte. Und dann war da schließlich seine Präsentation. Im Werbespot tauchte eben diese Elvi auf, die er soeben rücklings nackt über der Schulter trug. Denn Elvi flatterte im offenherzigen Negligé in Zeitlupe von allen Seiten sanft in die Matratze. Ihr Blick war damals der wohl bekannteste Schlafzimmerblick aller Zeiten. Ihre großen Augen, ihr Markenzeichen, gerne garniert mit aufgeklebten dunklen Wimpern, überzeugten seit jeher das andere Geschlecht. Die Männer kauften reihenweise die Matratze. Das machte Elvi und nicht zuletzt die Matratze überregional bekannt und Joe ein bisschen reich. Aber was war ein bisschen, wenn man ein bisschen mehr davon ausgab? Und das war eines von Joes Problemen. Er lebte gerne auf großem Fuß und war damit stets zu haben für den nächsten Job, die klingende Münze und offen für alles, was kam.
Doch zunächst einmal hatte er Elvi an der Backe, oder besser gesagt über der Schulter. Er setzte sie, oben angekommen, vor den großen Schafzimmerspiegel und sagte: „Elvi, was siehst du? Eine gutaussehende blonde, sportliche Frau, mit wunderbaren großen blauen Augen? Nein! Du kommst daher wie ein Junkie. Damals hast du alle begeistert. So rollt dir kein 80-Jähriger im Rollstuhl mehr hinterher. Elvi, du bist doch meine Prinzessin!“
„Ich wollte die Königin sein“, schluchzte Elvi und entfachte darauf ein stimmgewaltiges Heulkonzert par excellence, wie es in Hollywood nicht besser hätte inszeniert werden können. Violinen und Piano hätten mit starken Moll-Tönen untermalt.
„Ja“, sagte Joe, „Da ist ein bisschen was schiefgelaufen.“ Und er zeigte durchaus verständnisvolle Ansätze. „Aber in meiner nächsten großen Kampagne bring ich dich noch einmal ganz nach oben, versprochen!“
In der Regie einer TV-Show hätte man auf diese Aussage per Knopfdruck eine Fanfare eingespielt. Nicht, dass sie genau das nicht zum ersten Mal gehört hätte. Egal! Elvi war leichtgläubig, verliebt und planlos. So hellte sich ihre Miene entschieden auf und Joe erntete einen von schräg unten und von Herzen kommenden aufgerichteten dankbaren Blick der „Prinzessin“, die doch so gerne daran glauben mochte, was ihr dieser große Mann des Marketings schon ein paar Mal versprochen hatte. Und ja, es lag ihr bisweilen auf der Zunge: Schwätzer! Doch seine im Rheinland lebende Mutter, die ihm in allen Lebenslagen auch heute noch mit Rat und Tat zur Seite stand, hätte vehement dagegengehalten: „Der Bub kümmert sich. Und der Joe macht das schon. Das war immer so!“
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KAPITEL 1
Kommissar in Gefahr
Die beiden Augenpaare fixierten sich gegenseitig. Diese Begegnung kam für beide unerwartet. Ferdinand Karl Köcherl sah sich einem angsteinflößenden Wildschwein gegenüber. Jetzt ist Taktik angesagt, dachte sich Köcherl. Lass ich die Sau in Frieden, lässt sie mich in Ruh!
Dennoch griff er ruhig und vorsichtig an seine rechte Brusttasche. Nichts! Sein Halfter mit der Waffe lag zu Hause. Jetzt hätte er sie, die er so lange nicht gebrauchte, einsetzen können. Dann überraschte ihn das Schwein. Es drehte schlagartig ab und verschwand im Halbdunkel. Köcherl war erleichtert.
Das hätte ins Auge gehen können. Leg dich nie mit einem Wildschwein an. Er wischte sich mit dem linken Unterarm über die Stirn und ging die letzten Meter bis hin zu seiner Haustüre. Und dann das. Den Schlüssel vergessen! Köcherl konnte es nicht fassen. Er hatte in der Nacht nicht einschlafen können und war daraufhin aus seinem Bett gekrochen, um ein bisschen von der frischen Luft zu schnappen. Nun stand er da. Er bahnte sich den Weg nur sehr wenig hoffnungsvoll hinters Haus. Und er musste feststellen, was er bereits ahnte: Die Balkontür war verschlossen. Plötzlich vernahm er lautes Grunzen. Köcherl drehte sich hastig um und sah sich nun einer ganzen Rotte von Wildschweinen gegenüber.
Die Sau hat sich Verstärkung geholt. Er zählte acht angriffslustige Schweine. Keine Waffe! Schweiß auf der Stirn und die verschlossene Tür! Dann die rettende Idee. Der Kommissar schlug die Scheibe zu seiner Balkontüre mit einem heftigen Stoß seines Ellbogens ein und griff beherzt nach innen, um sich die Türe zu öffnen. Gerettet! Das laute Klirren hatte die Wildschweine vertrieben. Durchatmen. Die Scheibe war hin. Ein Loch so groß, dass er nur mit einer einfachen Beuge durchsteigen konnte. Doch Köcherl hatte es satt. Er nahm sein Handy und wählte die eingespeicherte Nummer. Es dauerte, bis jemand abnahm.
„Leimbach, ich bin in Gefahr. Horden von aggressiven Wildschweinen stehen vor meiner Türe. Jetzt reicht’s. Bringen Sie zwei Leute mit und knallen Sie die Biester ab. Gefahr in Verzug“, rief er hinterher und legte auf. Polizeiobermeister Leimbach hatte anfänglich Mühe, diesen Anruf zuzuordnen. Denn es war ungefähr drei Uhr nachts und er befand sich in seiner REM-Traumphase, die ihm eine weit angenehmere Situation bescherte. Dann aber besann er sich der Stimme seines Chefs und wusste, dass er keine andere Wahl hatte. Denn der Kommissar war in letzter Zeit von umherlungernden Wildschweinen besessen. Schlaftrunken quälte er sich aus seinem Bett und bereitete sich auf seinen Spezialauftrag vor.
Nachdem er sich wieder beruhigt hatte, nahm Köcherl einen erneuten Anlauf, seinen Schlaf nachzuholen. Nur sehr langsam, aber dennoch zusehends, entschlummerte er.
Wenig später geschah etwas, was er so bald nicht mehr vergessen sollte. Der schlafende Kommissar bemerkte zunächst nichts, dann spürte er den Hauch einer Vibration, die immer stärker wurde. Schließlich wurde er in seinem Bett durch-geschüttelt. Abrupt öffnete er die Augen. Sein Herzschlag hatte monströse Ausmaße. Er sah sich einem Wildschwein-Eber mit gewaltigen Stoßzähnen gegenüber. Es stand auf seinem Bett. Jetzt galt es. Er oder ich!
Köcherl ließ sich geistesgegenwärtig aus dem Bett fallen, griff in seine Nachttischschublade, holte seine Waffe heraus und schoss auf den wilden Eber. Dreimal. Volltreffer. Der Eber zuckte nicht einmal mehr. Ein Blutbad im Bett des Kommissars. Schweißgebadet saß er auf dem Boden. Seine Blicke verrieten Verwirrung, sein Haar schrie nach einer Komplettüberarbeitung.
Er war erschüttert! Dabei hatte er einen dicken Sessel vor die zerbrochene Glastüre geschoben. Dennoch, das Loch war da und der Eber musste ihm durch die Balkontür gefolgt sein. Nur sehr langsam und nachdem er sich ein paarmal verstohlen umgeschaut hatte, verstand er. Er atmete tief durch, zwei- bis dreimal, und erhob sich ächzend und schweren Gemüts. Sein wankender Schritt führte ihn durch die Dunkelheit zu seinem Eichenschrank. Darin war seine bescheidene Bar verborgen. Mit dem Öffnen der Türe gab es nun etwas Licht aus einer Birne von der inneren Schrankdecke. Er griff nach einer Flasche Wacholder und einem kleinen Zinnbecher. Die Schranktüre ließ er, des Lichtes wegen, offen und taumelte vorsichtig zurück zu seinem Bett. Dort saß er nun auf der Kante und nahm den ersten Schluck direkt aus der Flasche. Den Zinnbecher legte er zur Seite. Er setzte die Flasche wieder ab und erhaschte sich im gegenüberliegenden Spiegel. Ein jämmerlicher Anblick! Der 54-jährige Kommissar Köcherl legte sein schütteres Haar mit ein paar Handstrichen zur Seite. Seine Augen wirkten müde und er nahm zum ersten Mal wirklich dunkle Augenringe wahr. Da er den Oberkörper gerade frei hatte, strich er über seinen neuerlichen Bauchansatz. Die Erkenntnis: „Ja, ich muss etwas tun.“
Dann aber schaute er hinter sich. Er hatte soeben in einer schlaflosen Nacht ein Wildschwein in seinem Bett erschossen. „Wie soll man da aussehen?“, resümierte er.
Seine Bilanz der Nacht: wilde Schweine-Attacken, eine eingeschlagene Glastüre, ein blutüberströmter, toter Eber in seinem Bett und ein Puls, der zeitweise durch die Decke schlug. Köcherl beruhigte sich und beschloss, erst einmal ein Wannenbad zu nehmen. Denn, wann immer etwas eskalierte oder ihn zu überfordern drohte, tat er genau das.
KAPITEL 2
Ein Traumpaar
Zur beinahe gleichen Zeit.
Es waren genau 56 Eier von freilaufenden, glücklichen Hühnern, die der 55-jährige Dirk Berger am frühen Morgen um 4:45 Uhr in seinem Fahrradkorb an der Lenkstange transportierte. Von der Burgkirche schlug es zur Viertelstunde. Seine Route führte ihn durch die asphaltierte Stiegelgasse. Er liebte es, rasant unterwegs zu sein. Er mochte am Vorabend vielleicht ein Glas zu viel getrunken haben und es fehlte ihm sicher auch an Achtsamkeit, doch damit konnte er nun wirklich nicht rechnen.
„Herrje!?“, rief er verblüfft ins Morgengrau hinein und im Nu schoss ihm das Adrenalin in die Adern, als er direkt auf diese ihm gänzlich unbekannte Erscheinung zuschoss. Er bremste dabei seinen Zweirad-Boliden derart heftig ab, dass es ihm das Hinterrad wegriss und es ihn geradewegs in die Büsche an der Hauswand schleuderte. Von 56 Eiern überlebten genau 14. Dirk riss die Augen auf und sah, was ihm eben noch als ein unwirkliches Etwas erscheinen musste, aber offensichtlich Realität war. Elvi!
„Wer oder was ist das?“, brüllte es in ihm.
Elvi, 36, athletisch schlank, blond, nackt! Nackt? Jawohl! Nicht immer, aber zu diesem Zeitpunkt. Mit einer vergoldeten Messingkrone auf dem Kopf und einer halben Flasche Rotwein in der rechten Hand, schlenderte sie sichtlich apathisch und murmelnd über die Asphaltsteine. Und Dirk schien der Einzige, dem diese Begegnung so widerfuhr. Doch dann hörte Dirk, was Elvi zumindest im ersten Moment nicht hören wollte.
„Elvi, blöde Kuh! Komm wieder hoch“, hallte es durch die Gasse. Am aufgerissenen Fenster des Schlafzimmers im zweiten Stock des Altstadthauses stand Joe in seinen Shorts und schrie. „Du machst dich lächerlich und mich dazu. Elvi!“ Joe wurde hektisch, er setzt seine dunkle, dicke Hornbrille auf und rannte in seinen rotweiß gestreiften Boxershorts die kleine Holztreppe von der zweiten Etage hinunter auf die Straße, stolperte dabei in der Toreinfahrt über die roten Spitzenpumps der Querulantin und fluchte unentwegt vor sich hin, bis er schließlich Elvi erreichte. Er brüllte auf sie ein: „Schau dich an, du rennst nackt durch die Altstadt, wenn dich jemand sieht!?“
Doch Elvi reagierte nicht, sie wankte unentwegt, verstört voran. Ihre Augen waren mit dunklem Lidschatten verschmiert, weit offen und dennoch schläfrig. Sie wirkte wie in Trance. Und dann war es so weit! Sie sackte urplötzlich in sich zusammen. Geistesgegenwärtig konnte Joe sie auffangen und ließ sie beinahe lautlos in seine Arme sinken. Er schaute sich vorsichtig um, entdeckte den in den Büschen liegenden Dirk, lächelte ihn verlegen an, nahm von ihm aber keine weitere Notiz. Dann stemmte er die etwa 59 Kilo schwere blonde Frau über die linke Schulter und schleppte sie, Hintern voraus, zurück ins Haus.
„Eiermann“ Dirk wusste nicht, ob er grinsen oder fluchen sollte. Er konnte die Situation zu dieser Sekunde nicht wirklich beurteilen. Er starrte den beiden einen Moment lang hinterher, erhob sich, schüttelte sich zwei-, dreimal und griff sein leicht verbeultes Rad. Dann stutzte er sich zurecht und legte die 14 Eier, die ihm blieben, zurück in den Korb. Kopfschüttelnd machte er sich auf den Weg.
Mit einem anspruchsvollen Gewicht über der Schulter kämpfte sich Joe über die Asphaltsteine und erreichte schließlich den Innenhof des Hauses. Dort sammelte er mit einer flinken und geschickt ausgeführten Bewegung noch eben den einsamen roten Schuh, über den er gestolpert war, mit der freien Hand auf. Nun sah er sich allerdings vor der Herausforderung der Holztreppe in den zweiten Stock. Er zögerte nur einen winzigen Augenblick und sagte sich: „Wofür habe ich trainiert?!“
Joe, 48 Jahre alt und durchaus sportlich. Wie anders konnte er es sonst wagen, dieses blonde 60-Kilo-Paket die 32 Stufen herauf und zurück ins Schlafzimmer zu schleppen? Er selbst gab sein Alter gerne mit 38 Jahren an, die wenigsten glaubten es und mindestens genauso wenige Menschen kannten sein wahres Alter. Eine Marotte, mit der er spielte. Joe hieß eigentlich Johannes Thaler und war ein Mann der Werbung. Ideenreichtum sein Zuhause. Sein Motto: Ideen – Lass sie geschehen. Ein Macher! So zumindest sah er sich selbst sehr gerne. Und er wusste, dass er in der Branche auch optisch überzeugen musste. Schon deshalb trug er stets stilvoll italienische Markenware, Shorts ebenso wie Maßanzüge der Marke Dino! Seine schwarze Hornbrille entsprang der Optik vieler alter Hollywood-Größen wie Cary Grant, William Holden, Groucho Marx und Woody Allen. Die Psychoanalyse stufte Männer mit großen dunklen Hornbrillen als humorvoll, intellektuell und potent ein. Zumindest wollten die Genannten genau so wirken. Und genau das wollte auch Joe, der sich selbstbewusst als einen der Werbeexperten schlechthin bezeichnete. Seine größte Werbekampagne machte ihn damals weit über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt. Dabei ging es um eine Matratze, die per Knopfdruck weich, mittel oder hart zum Schlafen lud. Entscheidend aber war, dass die Matratze mit einem zweiten Knopf auf Single- oder Doppelbett gestellt werden konnte. Und dann war da schließlich seine Präsentation. Im Werbespot tauchte eben diese Elvi auf, die er soeben rücklings nackt über der Schulter trug. Denn Elvi flatterte im offenherzigen Negligé in Zeitlupe von allen Seiten sanft in die Matratze. Ihr Blick war damals der wohl bekannteste Schlafzimmerblick aller Zeiten. Ihre großen Augen, ihr Markenzeichen, gerne garniert mit aufgeklebten dunklen Wimpern, überzeugten seit jeher das andere Geschlecht. Die Männer kauften reihenweise die Matratze. Das machte Elvi und nicht zuletzt die Matratze überregional bekannt und Joe ein bisschen reich. Aber was war ein bisschen, wenn man ein bisschen mehr davon ausgab? Und das war eines von Joes Problemen. Er lebte gerne auf großem Fuß und war damit stets zu haben für den nächsten Job, die klingende Münze und offen für alles, was kam.
Doch zunächst einmal hatte er Elvi an der Backe, oder besser gesagt über der Schulter. Er setzte sie, oben angekommen, vor den großen Schafzimmerspiegel und sagte: „Elvi, was siehst du? Eine gutaussehende blonde, sportliche Frau, mit wunderbaren großen blauen Augen? Nein! Du kommst daher wie ein Junkie. Damals hast du alle begeistert. So rollt dir kein 80-Jähriger im Rollstuhl mehr hinterher. Elvi, du bist doch meine Prinzessin!“
„Ich wollte die Königin sein“, schluchzte Elvi und entfachte darauf ein stimmgewaltiges Heulkonzert par excellence, wie es in Hollywood nicht besser hätte inszeniert werden können. Violinen und Piano hätten mit starken Moll-Tönen untermalt.
„Ja“, sagte Joe, „Da ist ein bisschen was schiefgelaufen.“ Und er zeigte durchaus verständnisvolle Ansätze. „Aber in meiner nächsten großen Kampagne bring ich dich noch einmal ganz nach oben, versprochen!“
In der Regie einer TV-Show hätte man auf diese Aussage per Knopfdruck eine Fanfare eingespielt. Nicht, dass sie genau das nicht zum ersten Mal gehört hätte. Egal! Elvi war leichtgläubig, verliebt und planlos. So hellte sich ihre Miene entschieden auf und Joe erntete einen von schräg unten und von Herzen kommenden aufgerichteten dankbaren Blick der „Prinzessin“, die doch so gerne daran glauben mochte, was ihr dieser große Mann des Marketings schon ein paar Mal versprochen hatte. Und ja, es lag ihr bisweilen auf der Zunge: Schwätzer! Doch seine im Rheinland lebende Mutter, die ihm in allen Lebenslagen auch heute noch mit Rat und Tat zur Seite stand, hätte vehement dagegengehalten: „Der Bub kümmert sich. Und der Joe macht das schon. Das war immer so!“
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