Polizeidienst en français

Polizeidienst en français

Elko Laubeck


EUR 17,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 234
ISBN: 978-3-99131-210-9
Erscheinungsdatum: 08.03.2022
Ein bestialischer Mord an einer Familie, eine Schleusenwärterin, der das Wasser bis zum Hals steht, und ein Ermittler, der mehr als nur kriminalistisches Gespür zeigt. Ein Krimi der Extraklasse.
9.

Am nächsten Morgen verließ Pocher das Hotel Richtung Innenstadt. Als er zum Hérault-Ufer herunterkam, fiel ihm ein großes Polizeiaufgebot ins Auge. Er beschleunigte seine Schritte und trat an die Polizeibeamten heran, die gerade dabei waren, Sichtschutzsperren zu errichten. Er stellte sich einem Polizeibeamten vor und fragte, ob Madame Lebrun zufällig hier wäre.
Moment, sagte der und wandte sich zu den Leuten am Flussufer. „Renée!“, rief er. „Hier fragt einer nach dir, ein Monsieur Pocher oder so ähnlich aus Deutschland.“
Renée Lebrun kam die Uferböschung hinauf und begrüßte den neuen Kollegen. „O, was für ein Zufall! Eigentlich hatte ich Sie in meinem Büro erwarten sollen. Aber wir haben hier eine Wasserleiche.“
„Sans rancune! Ich kam auf dem Weg ins Büro zufällig hier vorbei. Das trifft sich doch gut. Dann stürze ich mich gleich in die Arbeit.“
Lebrun ließ ihn durch die Absperrung und stellte ihn ihrem Kollegen Pierre Moulin vor. „Manchmal spielt einem das Leben eben eine Abweichung von der Regel zu“, sagte sie. „Sie sollen also bei uns im Team mitarbeiten. Also ganz kurz: Ein Brotlieferant hatte gegen 6 Uhr die Leiche entdeckt und uns alarmiert.“ Sie blickte auf ihre Armbanduhr. „Jetzt ist es gleich acht. Wo bleiben nur die Spurensicherung und die Kollegen der Wasserschutzpolizei?“
Die Wasserleiche hatte sich an einem Bootsanleger zwischen zwei Ruderbooten verfangen und trieb mit dem Rücken nach oben an der Wasseroberfläche. Die Polizeikräfte schirmten den Fundort der Leiche zu der belebten Kreuzung hin ab. Schließlich rückten die Spezialisten von der Spurensicherung an.
„Antoine, endlich, das Warten hat ein Ende“, grüßte ihn Renée Lebrun und deutete auf den Steg, wo die Wasserleiche sich schwimmend verhakt hatte.
„Was meinst du, was auf den Straßen los ist“, sagte Antoine Riquet. „Die Baustelle in Frontignan ist eine einzige Katastrophe, das mitten in der Hauptreisezeit. Na ja“, versuchte er zu beschwichtigen, „die Leiche schwimmt uns ja nicht einfach davon. Lass uns mal gucken.“
Die Leiche hing mit dem Gesicht nach unten zwischen einem Ruderboot und dem Pfosten des Anlegestegs. Antoine Riquet von der Kriminaltechnik zog sich Schuhe und Hose aus. Der Hérault war hier relativ flach. Er ließ sich ins Wasser gleiten, eine Kamera umgehängt, und machte alle paar Schritte Fotos von der Leiche. Dann prüfte er, ob sich die Leiche vielleicht verheddert hatte. Er fasste in die Gesäßtaschen und zog etwas an dem Körper. Die Leiche ließ sich widerstandlos aus dem Stützwerk des Stegs herausziehen. Inzwischen waren drei Beamte in den Fluss gestiegen, um mit anzupacken. Sie hievten den Leichnam an Armen und Beinen auf die Uferböschung.
Riquet durchsuchte die Hosentaschen. Da war nichts zu finden. Dann drehte er den Körper um. Der Mann war etwa Mitte 30 und noch nicht lange tot. Mehr konnte er nicht sagen. „Das muss die Gerichtsmedizin herausfinden.“
Mittlerweile war ein Aufgebot von einem Dutzend Beamten am Ort des Geschehens, um die Passanten zum Weitergehen aufzufordern. Die Fundstelle lag an einem belebten Verkehrsknoten, und die Stadt, beliebtes Ausflugsziel, füllte sich allmählich mit Touristen. Ein Boot der Wasserschutzpolizei machte an dem Steg fest und versperrte so etwas den Blick von der anderen Flussseite her. Auf der gegenüberliegenden Seite, wo abends auf einer schwimmenden Bühne Unterhaltungsshows stattfanden, hatten sich Dutzende Schaulustige eingefunden.
Die Leiche hatte weder Geld noch Papiere bei sich. Sie war mit einer gewöhnlichen Jeanshose und einem blauen T-Shirt bekleidet. Hose und Hemd waren auffällig fleckig, vielleicht waren es Blutspuren. Pocher machte mit seinem Handy Fotos von dem Gesicht des Toten. Derweil nahm Riquet die nähere Umgebung in Augenschein, aber es gab keine Hinweise, die etwa auf einen Kampf hindeuteten.
„Ich glaube nicht, dass hier der Tatort ist“, sagte Pocher zu Renée Lebrun. Er blickte auf die viel befahrene Brücke hinauf.
Pocher, Lebrun und Moulin gingen zur Brücke hoch. Möglich, dass die Leiche von hier aus in den Fluss geworfen worden war. „Oder dass ein Verrückter sich in selbstmörderischer Absicht von der Brücke gestürzt hat“, fügte Lebrun hinzu. Sie kehrte zum Fundort zurück, wo inzwischen ein Gerichtsmediziner und die Leute mit der Leichentruhe eingetroffen waren. Moulin und Pocher suchten weiter oberhalb das Ufer des Hérault ab. Eine Fußgängerbrücke führte hier über einen Stichkanal in eine Art Parklandschaft, die offenbar bei Joggern beliebt war. Sie gingen den Fußweg bis zum Wehr hinauf, fanden aber nicht den leisesten Hinweis. Allerdings tauschten sie schon einmal ihre Handy-Nummern aus. Sie passierten das Château Laurens und erreichten das Ufer oberhalb des Wehres.
„Das ist dann doch merkwürdig“, sagte Moulin. „Es ist zwar nicht ungewöhnlich, dass der Wasserstand des Hérault in trockenen Sommern niedrig ist. Aber so niedrig habe ich den Fluss noch nicht erlebt.“ Das Wasser reichte gerade etwa bis zwei, drei Zentimeter unterhalb der Oberkante des Wehrs. Für eine Leiche wäre es unmöglich gewesen, das Wehr zu überwinden. „Da hinten“, deutete Moulin auf ein bewaldetes Gelände weiter flussaufwärts, „da hinten übernachten manchmal Jugendliche. Vielleicht kriegen wir da einen Hinweis.“
„Was ist das für ein Zweigkanal?“, wollte Pocher wissen. Auf dem Rückweg zur Leichenfundstelle erläuterte Moulin die Rundschleuse von Agde, die den Oberlauf des Hérault mit dem Canal du Midi verbindet. Ein Schleusentor im rechten Winkel dazu führt zu dem Stichkanal und damit zum unteren Hérault, mithin zum Mittelmeer. „Ist unbedingt sehenswert.“
Sie erreichten wieder den Fundort. Die Leiche war inzwischen abtransportiert. „Der Doktor meint, dass der Tod nicht länger als vier bis acht Stunden zurückliegt, also in dieser Nacht eingetreten ist“, sagte Renée Lebrun. „Er vermutet als Todesursache ein Schädel-Hirn-Trauma, verursacht durch einen Schlag mit einem stumpfen Gegenstand auf den Hinterkopf. Genaues könne er aber erst nach der Obduktion sagen.“
Riquet kam hinzu und packte seinen Untersuchungskoffer ein. Er blickte bedeutungsvoll das Ufer hinauf und hinab. „Das wird schwierig“, sagte er. „Hier deutet nichts auf ein Verbrechen hin.“
„Wir ermitteln in alle Richtungen“, sagte Lebrun. Sie leitete fortan die Ermittlungsgruppe Agde, die damit förmlich gebildet worden war. Sie verabschiedete sich Richtung Büro.
„Wir schauen uns mal oben beim Ruderclub um“, meinte Moulin.
„Und ich besichtige die Rundschleuse“, bot sich Pocher an.
„D’accord“, sagte die Chefin, „die Absperrung hier bleibt erst mal bestehen.“


10.

Moulin fuhr das kurze Stück die Avenue Raymond Pitet hinauf und ließ Pocher an der Schleuse raus. Er selbst bog hinter der Brücke über den Canal du Midi rechts ab und fuhr bis auf das Gelände des Ruderclubs. Er stellte den Wagen ab und trat auf zwei Jugendliche zu, die gerade dabei waren, ihre Schlafsäcke und Isomatten einzurollen und in die Rucksäcke zu verstauen, zeigte ihnen seine Dienstmarke und fragte sie, ob sie hier übernachtet hätten.
Der eine, vielleicht Anfang 20, zuckte nur mit den Schultern. Der andere, etwa gleich alt, fragte zurück: „Verboten?“ Es klang nicht wirklich französisch. Der junge Mann schob gleich hinterher, dass er nicht gut Französisch könne. Als der Polizeibeamte sie nach den Papieren fragte, ahnten sie aber, was er meinte. „Deinen Ausweis“, sagte der eine zum anderen. Beide kramten in ihren Hosentaschen und fischten ihre Papiere hervor.
Moulin nahm sie an sich und entzifferte die Ausweise. „Marco Wolgrebe aus Neuwied“, las er das Dokument laut ab, übersetzte das Geburtsdatum ins Alter. „Sie sind also Deutscher“, fuhr er auf Französisch fort, „und Dimitrij Woganow aus Andernach, ebenfalls deutsch und 20 Jahre alt. Haben Sie hier übernachtet?“
Die beiden Männer zuckten abermals mit den Schultern. „Pardon, je n’ai pas compris“, sagte Wolgrebe, offenbar derjenige, der wenigstens ein paar Wörter Französisch konnte.
Moulin gestikulierte, legte seine Hände aufs Ohr, neigte den Kopf zur Seite und schloss die Augen, dann zeigte er auf den Boden und sagte ganz langsam: „Cette nuit.“
„Do you speak english?“, suchte Wolgrebe nach einer Auflösung der Verständigungsschwierigkeiten.
„Yes, I do“, sagte Moulin, „but I‘ve got a better idea, please, wait a moment.“
Er nahm sein Telefon und wählte die Nummer von Pocher.
Pocher hatte die Schleuse kurz in Augenschein genommen und war auf das Gelände getreten. Er glaubte zu träumen: Die Frau, die offensichtlich die Schleuse bediente, war jung, mehr noch, er hätte wetten können, dass er der Frau in seinem Leben schon einmal begegnet war. Fast anmutig bediente sie die Schleusentechnik, ließ das eine Tor schließen, gab Anweisungen, wo die Boote festmachen sollten. Er war wie elektrisiert. Er musste sich regelrecht einen Ruck geben, um sich seiner Aufgabe zu erinnern. Er war Polizist und mitten in die Ermittlungen um einen mysteriösen Todesfall geraten. Da gab es keinen Platz für Phantasien und Emotionalität. Er trat auf die junge Schleusenwärterin zu und sprach sie an: „Pardon, ich habe eine Frage.“ Derweil fischte er seinen deutschen Dienstausweis aus der Hosentasche und ein amtliches Schreiben der Polizeipräfektur dazu, das ihn als Ermittlungsberechtigten der französischen Kriminalpolizei auswies.
Sie schaute ihn fragend durch ihre Sonnenbrille an. Sie war leicht bekleidet, sie trug eine kurze, enge Jeanshose und ein hellblaues T-Shirt, dazu eine blaue Schirmmütze, ihre Haare hatte sie zu einem Pferdeschwanz gebunden, der über ein Riemchen der Mütze durchgeführt war, ihre schlanken, nackten Beine endeten in einfachen Sandaletten, was angesichts der hochsommerlichen Temperaturen nicht ungewöhnlich zu sein schien. „Moment, ich muss die Schleusung zum oberen Hérault vorbereiten.“
Langsam stieg das Wasser in der Schleusenkammer. Es hatten drei Boote festgemacht, die nun darauf warteten, in den oberen Lauf des Hérault angehoben zu werden. Die Schleusenwärterin ging über den Steg des Südtores auf die andere Seite der Schleuseneinfassung und stieg eine Treppe empor zum Hérault-seitigen Schleusentor. Pocher folgte ihr und maß dabei ihren Körper. Sie hatte einen leichtfüßigen, beinahe tänzerischen Gang. Per Knopfdruck öffnete sie das Tor zum Hérault. Pocher stand jetzt dicht hinter ihr. Während sich die Torflügel allmählich öffneten, die Boote losmachten, um nacheinander ihre gemächliche Fahrt Richtung Hérault fortzusetzen, machte Pocher einen erneuten Annäherungsversuch und fischte sein Handy aus der Tasche.
Er zeigte ihr das Porträt von der Wasserleiche und fragte: „Kennen Sie diesen Mann?“ Die junge Frau blickte kurz auf den Bildschirm und schüttelte nur den Kopf, aber es kam Pocher so vor, als ob es auch ein Nicken hätte gewesen sein können.
„Nein, tut mir leid“, sagte sie, „nie gesehen.“ Sie wich Pochers Blicken aus, stützte ihre Arme in die Taille. Pocher vernahm ein leichtes Zittern in ihren Mundwinkeln. Nur für einen Moment nahm sie die Sonnenbrille ab und schaute ihn mit ihren dunklen Augen an. Pocher musste tief durchatmen, es fiel ihm schwer, in dem Augenblick vernünftig zu bleiben und nicht diesem Zauber zu verfallen, der sich um ihre Nasenspitze bemerkbar machte. Dann entsann er sich seiner Aufgabe und verwarf alle Ansinnen, sich dieser Frau anders anzunähern denn als Ermittler.
„Wir haben eine Wasserleiche im Hérault entdeckt. Ist Ihnen irgendetwas Verdächtiges aufgefallen in dieser Nacht? Wo waren Sie?“
„Non“, sagte sie. „Nachts ist die Schleuse geschlossen. Ich habe am Abend gelesen und bin dann zu Bett gegangen.“
Sie blieb geheimnisvoll. „Allein?“
„Ja, allein, ich hatte keinen Besuch, wenn Sie das meinen. Ich lese gerne.“
Pocher fragte noch nach ihrem Namen, Michelle Reynouard, als sein Telefon klingelte. „Allô?“, meldete er sich. „Pocher à l’appareil.“
Moulin hatte ihm kurz erklärt, dass er zu dem Ruderclub kommen sollte, weil er zwei Deutsche aufgegabelt hatte, die vielleicht wichtige Zeugen sein könnten. Das sei ja nicht weit, hinter der Brücke über den Kanal rechts runter.
Pocher war aufgefallen, dass ihn Pierre Moulin am Telefon geduzt hatte. Über solche Formalitäten wie Anreden hatten sie am ganzen Vormittag nicht gesprochen, einfach weil sie nicht dazu gekommen waren, sich ordentlich vorzustellen und über solche internen Gepflogenheiten zu sprechen.
„Entschuldigen Sie“, sagte er zu Michelle Reynouard, „ich muss zu einem anderen Einsatz, aber ich bitte Sie, falls Ihnen doch noch etwas einfällt, sich zu melden.“ Er drückte ihr seine Karte in die Hand mit dem Hinweis, dass sie die deutsche Kennwahl 0049 vorwählen und dann von der Handynummer die erste Null weglassen müsse, um ihn zu erreichen. Außerdem könne sie sich jederzeit in der Polizeistation in Agde melden.
„À bientôt“, sagte die Schleusenwärterin und widmete sich geflissentlich ihrer Arbeit. Gerd Pocher war einerseits immer noch beeindruckt von ihrer Erscheinung, andererseits stieg in ihm der Verdacht auf, dass sie glatt gelogen hatte. Ihre Lippen hatten kaum merklich gezittert, als er ihr das Bild von der Leiche vorgehalten hatte.
Er kehrte um, lief über den Steg über die Schleusentore zurück zur Straßenseite und verfiel in einen leichten Trab, obwohl mittlerweile die Sonne vom wolkenlosen Mittagshimmel brannte. Ein leichter trockener Nordwestwind von den Bergen herab ließ die Hitze aber erträglich erscheinen. Er joggte leichtfüßig federnd den Weg hinab, der zu dem Ruderclub führte, und traf schließlich Pierre Moulin, der immer noch versuchte, mit den beiden Deutschen eine Verständigung herbeizuführen. Etwas außer Atem und völlig verschwitzt musste Pocher einige Minuten tief durchatmen. Die Lage war schnell erklärt.
Die Jugendlichen waren offensichtlich etwas verblüfft, dass nun ein Beamter die Fragen auf Deutsch stellte. „Wir haben hier gestern Abend gefeiert“, sagte Dimitrij Woganow. „Da waren noch ein paar Franzosen dabei, vielleicht fünf oder sechs. Wir haben ziemlich viel Wein getrunken. Es war halt lustig. Die Franzosen waren wohl eher keine Touristen. Also: Das waren Einheimische. Die sind spät in der Nacht abgehauen. Aber die haben uns gesagt, dass wir hier einfach pennen könnten. Auch wenn ich kein Französisch kann und Marco auch nur so ein bisschen, haben wir uns richtig gut verstanden. Na ja, zur Not ging es auf Englisch.“
„Wir haben eine Wasserleiche gefunden, etwas unterhalb am Ufer des Hérault“, sagte Pocher. „Wir gehen davon aus, dass der Mann in der vergangenen Nacht dahin befördert wurde. Ist euch irgendwas aufgefallen?“
Die beiden Jungs guckten sich fragend an, dann verneinte Marco Wolgrebe. „Wir waren, zugegeben, auch ziemlich betrunken.“
Pocher zeigte ihnen noch das Porträt der Wasserleiche auf dem Handy. „Haben Sie den Mann zufällig gesehen?“
Wolgrebe fragte zurück: „Ist der tot?“
„Mausetot.“
„Nein, ich habe den Mann nicht gesehen.“
„Ich auch nicht“, fügte Woganow hinzu.
Pocher wollte noch wissen, woher sie kamen und wohin sie wollten. Sie studierten eigenen Angaben zufolge Germanistik an der Uni Freiburg und waren schlicht auf Urlaub in Südfrankreich, möglichst billig. Sie beabsichtigten, noch nach Spanien zu fahren, per Anhalter. „Bleibt ruhig noch etwas in Agde“, sagte Pocher, „wenn euch doch noch etwas einfällt, meldet euch bei der Polizeistation. Es geht möglicherweise um einen Mord.“
Moulin händigte den jungen Männern ihre Ausweispapiere aus und fügte noch ein paar Sätze hinzu, die Pocher ins Deutsche übersetzte: „Wildes Campieren ist hier eigentlich nicht erlaubt, aber da drücken wir die Augen zu, außerdem sind wir von der Mordkommission und nicht vom Ordnungsamt.“


11.

Mittlerweile war es Zeit für eine kurze Mittagspause. Moulin und Pocher kamen bei einem Snack in einer Bar direkt gegenüber der noch abgesperrten Fundstelle am Ufer des Hérault ins klärende Gespräch. „Also, willkommen im Hérault“, sagte Moulin. „Eigentlich haben wir in Frankreich strenge Hierarchien und Aufgabenteilungen bei der Polizei, aber wir sind hier weit weg von Paris, und für die tägliche Arbeit ist es einfach effektiver, wenn wir auch persönlich einen guten Draht zueinander haben.“
Die Serviererin brachte je ein aufgebackenes Croque Monsieur an den Tisch und je einen Grand Crème.
„Auch Renée, unsere Team-Leiterin, ist ganz in Ordnung. Sie kennt die Stärken und Schwächen der Kollegen. Aber wenn man bei ihr nicht in kurzer Zeit auf einen zündenden Gedanken kommt, um einen Fall weiterzubringen, kann sie auch mal nervös werden. Und dann knirscht es im Getriebe.“
„Prima“, sagte Pocher. „Und wie sieht es im Privaten aus? Ich meine: Hat jeder nach Feierabend seine eigene Familie und so, oder trifft man sich auch noch mal außerhalb des Dienstes?“
„Das ist, glaube ich, ziemlich ausgewogen. Klar hat jeder seinen privaten Bereich, aber wir kennen uns gut genug. Manchmal weiß man ja gar nicht, wann Feierabend ist und wann Dienst. Aber wenn jemand privat zum Beispiel Sorgen hat oder irgendwelche Probleme, dann spürt sie das sofort. Am besten, man spricht mit ihr darüber. Sie kann eine große Hilfe sein. Übrigens: Sie ist in Psychologie geschult und hat einen entsprechenden Blick für so was.“
Sie plauderten noch eine Weile über Belanglosigkeiten, aßen ihren Imbiss und schlürften den Kaffee, sprachen über das Wetter. In Südfrankreich herrschte eine trockene Hitze, aber im frischen Nordwestwind war das gut auszuhalten. „Der Wind weht schon seit vier Tagen“, sagte Moulin, „dann bleibt das Wetter die ganze Woche so, Sonne pur, aber das hat einen großen Nachteil: Der Wind weht nämlich das warme Wasser an der Meeresoberfläche aufs offene Meer hinaus. Und von unten kommt das kalte Wasser hoch. Das Mittelmeer ist dann zwar schön sauber, aber auch eiskalt.“
Dadurch würden Tausende von Touristen an den Stränden um ihr Badevergnügen gebracht. Die würden dann die Gelegenheit nutzen, um andere Sachen zu machen, zum Beispiel durch die Gassen der alten Städte hier zu streifen. „Guck dich um“, sagte Moulin, „obwohl Strandwetter ist: Agde ist voll von Touristen, Familien mit quengelnden Kindern. Wenn der Wind von Süden käme, hätte das Wasser 23 oder 24 Grad, und alle Touristen wären am Strand von Cap d’Agde, und die Väter würden ihren kleinen Kindern im flachen Wasser das Schwimmen beibringen.“
Just in dem Moment zog eine junge Familie an dem Café vorbei, die Eltern schleiften offenbar zwei quengelnde Kinder hinter sich her, die nur zu beruhigen waren, indem ihnen ein Eis in die Hand versprochen wurde. Pocher glaubte, dass es Briten waren, nachdem er einige Wortfetzen vernommen hatte, sie schienen jedenfalls Moulins Beobachtungen zu bestätigen. Auch eine Sichtweise auf die geschichtsträchtige Stadt und den Strand am Mittelmeer, dachte sich Pocher.
„Hat der Wind einen Einfluss auf die Strömungsverhältnisse hier im Hérault?“, wechselte Pocher das Thema.
„Nein, nur marginal“, meinte Moulin. „Das Mittelmeer ist noch ein paar Kilometer weit weg, das kalte Wasser kommt nicht bis hierher. Dass der Tote vom Mittelmeer aus hierhergetrieben worden wäre, ist bei den Windverhältnissen absolut ausgeschlossen.“
„Ich habe ja die Rundschleuse in Verdacht“, kam Pocher auf das berufliche Gespräch zurück. „Die Schleusenwärterin will nichts gesehen oder bemerkt haben, aber irgendetwas stimmt da nicht. Wir werden sehen“, gab er sich dem neuen Kollegen gegenüber ganz zuversichtlich.
Sie brachen auf Richtung Place René Subra. Mit Stunden Verspätung erreichte also Gerd Pocher seinen vorläufigen Arbeitsplatz, die Polizeistation in Agde. Renée Lebrun hatte einen Raum als Besprechungszimmer vorbereitet. „Ah, da seid ihr ja, Pierre, und der neue Kollege aus Deutschland. Willkommen in Languedoc-Roussillon! Die Leichenkiste steckt noch im Stau, genau wie Riquet. Deshalb ist er mit der Analyse auch noch nicht weiter. Alles, was wir haben, sind bisher die Wasserleiche und der Fundort.“
5 Sterne
Tolle Herangehensweise - 15.04.2022
Conny Gladeck

Das Buch hat mir sehr gut gefallen. Nachdem ich anfänglich dachte, der Fall ist schnell geklärt, kommt eine spektakuläre Wende nach der Anderen. Wirklich spannend bis zur letzten Seite. 5 Sterne

5 Sterne
Krimi und Abenteuer in Südfrankreich - 30.03.2022
c. Erkens

Reisen wir mit Gerd Plocher nichtsahnend in den Süden Frankreichs. Es ist warm, sehr warm und Gerd tritt seinen Austauschdienst bei der Polizei in Agde an. Nun geht das Abenteuer und der Krimi los und gleichzeitig eine Liebesromanze zwischen unserem Polizisten und einer jungen Frau, die in die Handlung verwickelt ist. Es ergeben sich neue Tatbestände und es bleibt spannend! Eine tolle Lektüre für alle Krimifreunde!

5 Sterne
Polizeidienst en francais - 26.03.2022
Nina Knecht

Zu Beginn trügerisch beschaulich und dann richtig spannend und schnell. Und jetzt BEGINNT der französische Dienst des Gerd Pocher erst. ich bin gespannt auf die Fortsetzung!

5 Sterne
Polizeidienst - 20.03.2022

Spannend bis zum Schluss!

5 Sterne
Polizeidienst - 16.03.2022
Erika Drews

Das Buch ist ein absoluter pageturner!Wie und wann geht’s weiter?

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