Krimi & Spannung

Piratinnen

Piero Schäfer

Piratinnen

Das ruchlose Leben der Anna Zollinger

Leseprobe:

KAPITEL 1 – 10. Oktober 1527

Anna Zollinger zitterte am ganzen Leib. Sie saß auf dem kalten, feuchtglänzenden Steinboden einer Zelle und fror erbärmlich. Neben ihr lag ein verbeulter Essnapf aus Zinn, den sie kaum berührt hatte. Immer wieder tropfte Wasser von der Decke, die überzogen war von Schleiern aus Spinnfäden, und allenthalben huschten Ratten die Wände entlang. Mit verschränkten Armen zog Anna die Knie an die Brust und wippte hin und her. Leise summte sie vor sich hin. Ihre Gedanken waren leer. Sie fühlte weder Zorn noch Traurigkeit, in ihr war einfach alles dumpf, leer und schal. „Wenn es nur nicht so verdammt kalt wäre“, war alles, was sie gedanklich zustande brachte. Diesen Satz wiederholte sie ständig im Rhythmus ihrer wiegenden Bewegung. Seit zehn Tagen darbte sie nun schon in dem Verlies, in welches sie der Büttel Paulus Albrecht gesperrt hatte. Der Raum im Kloster Oetenbach beim Lindenhof war dunkel, fast schwarz, Licht drang nur spärlich durch eine kleine Luke an der Decke. Anna schüttelte den Kopf und ihr Gesicht verzog sich für Augenblicke zu einem abschätzigen Grinsen. Wie war es nur möglich gewesen, dass sie sich dermaßen leicht hatte übertölpeln lassen von dem fetten Gesetzeshüter? Jahrelang war sie dem Albrecht zusammen mit ihren Kumpaninnen auf der Nase herumgetanzt, sie hatten ihm keine Chance gelassen, sie zu erwischen, und ausgerechnet dort, wo sie sich am sichersten gefühlt hatten, im dicht mit Schilf bewachsenen Ufer der Oetenbachmündung in der Gemeinde Riesbach, hatte er sie festgenommen. Sie konnte es immer noch nicht glauben. Anna schüttelte erneut den Kopf, als könnte sie damit den unangenehmen Gedanken aus der Welt schaffen. Doch es half nicht. Im Gegenteil, er durchfuhr sie immer wieder, und selbst als sie in einem Anflug von wütender Selbsterkenntnis den Kopf gegen die Mauer schlug, ließ er sie nicht los. Ausgerechnet Brida Süß, ihre beste Freundin, die in einer Nachbarzelle saß, hatte sie verraten.
Anna wusste, was sie erwartete. Und sie fürchtete sich auch nicht vor der Strafe. Die jahrelang durchgeführten Raubzüge, die Brandschatzungen, die Toten und vielen Verletzten, die sie zusammen mit ihrer Bande bei den Überfällen auf Kutschen und Schiffen zurückgelassen hatte, genügten bei Weitem für die Todessstrafe. Besonders ehrenrührig war die Attacke gegen die Mönche und den Abt des Klosters Rüti, Felix Klauser, am 22. April 1525, gewesen. Doch Anna bereute nichts. Sie hatte eigentlich nur ausgeführt, was viele Bürgerinnen und Bürger sich sehnlichst gewünscht hatten. Die Zehntenabgaben an die Klöster stellten für die ländliche Bevölkerung eine enorme Belastung dar, umso mehr, als das Gefälle von den im Überfluss schwelgenden Klöstern zur armen Landbevölkerung himmelschreiend war. Die Aufhebung der Klöster war eine populäre Forderung, und so war es auch im Zürcher Herrschaftsgebiet 1525 zu einem Bauernaufstand gekommen. Anna und ihre Mitstreiterinnen hatten dabei eifrig mitgekämpft. Weniger aus religiösen Gründen, sondern vielmehr, weil sich Anna an den Mönchen rächen wollte. Dass sie während ihren Attacken gegen die Privilegierten selbst immer wieder haarsträubende Ungerechtigkeiten begingen und zahlreiche Unschuldige zu Schaden kamen, hatte sie längst verdrängt. Sie sah sich vielmehr als edle Rächerin des Volkes. Der Gedanke zauberte der am ganzen Körper vor Kälte schlotternden Frau für Augenblicke ein Lächeln ins Gesicht.
Die kurz aufflackernde Genugtuung verschwand aber sofort, als sie Schritte im Gang vor ihrer Zelle hörte. Dem Geräusch nach waren es zwei Männer, die sich dem Verlies näherten. Die Wachen würden kommen und sie dem Büttel gegenüberstellen, der im Auftrag des Rates das Verfahren gegen sie und ihre Kumpaninnen führen musste. Obschon sie hellwach war, stellte sie sich schlafend. Als sich der schwere Schlüssel im Schloss des massiven Holztores drehte, legte sie sich neben den Essnapf, in dem eine undefinierbare, gräuliche Flüssigkeit schimmerte, und schloss die Augen. Das Haupt mit dem struppigen blonden Haar, das völlig verfilzt war vor Dreck, Schweiß, Asche und geronnenem Blut, legte sie auf den angewinkelten Arm. Mit der linken Hand zog sie das zerfetzte Kleid über die zerschundenen Knie. „Steh auf“, rief einer der Wächter und trat Anna gegen die nackten Fußsohlen, sodass die Fesseln rasselten. Sie presste die Zähne zusammen und erhob sich mit schmerzverzerrtem Gesicht. Der eine Mann packte sie unsanft am Oberarm und zog sie Richtung Tor. Sie wusste, dass jeder Widerstand zwecklos war. Die Zeit im Gefängnis hatte sie völlig entkräftet. Sie fühlte sich unendlich schwach, nicht zuletzt deshalb, weil sie kaum etwas gegessen hatte. Außerdem hatte sie oft erbrechen müssen. Die Schläge, die ihr die Gehilfen des Büttels nach der Verhaftung in die Magengrube versetzt hatten, waren nicht ohne Folgen geblieben. Manchmal hatte sie das Gefühl, ihre Innereien seien geborsten.
Die beiden Wächter nahmen Anna in die Mitte. Jeder hielt mit hartem Griff einen ihrer Arme. Gleichwohl wankte sie auf unsicheren Füßen, und ein-, zweimal schienen ihr die Beine zu versagen. Doch bevor sie zusammensackte, richteten sie die Männer wieder auf. Obschon das eigentlich nicht der Moment war, und sie es selbst lächerlich fand, schoss ihr ständig ein Gedanke durch den Kopf: „Die Männer stinken fürchterlich.“
Als sie die enge, dunkle Wendeltreppe zum Verhörzimmer hinter sich gebracht hatten, wurde Anna durch gleißendes Licht geblendet. Ihre Augen brannten, und sie versuchte sich mit der Hand gegen die ungewohnte Helligkeit zu schützen. Doch die Männer verhinderten das, indem sie ihre Arme festhielten. Anna stieß einen Fluch aus und trat zornig gegen das Bein eines ihrer Peiniger. Doch der lachte bloß und amüsierte sich darüber, wie die unbedachte Bewegung dazu führte, dass die Fesseln noch tiefer ins Fleisch schnitten.
Der Verhörraum war niedrig, holzgetäfelt und mit einem schweren Pult ausgestattet. Der Fußboden bestand aus breiten, dunklen Brettern und mitten im Raum lag ein abgewetzter Teppich. An den Wänden hingen Ahnenbilder irgendwelcher Edelmänner. Anna vermied es, sie genauer anzuschauen. Vielleicht hätte sie am Ende noch einen erkannt, immerhin war Zollinger ein ziemlich nobles Geschlecht in dieser Gegend, und ihr Vater, ein angesehener Seidenhändler, verkehrte in den besten Kreisen. Die Butzenfenster standen weit offen, vermutlich um den stickigen Geruch etwas zu mildern. Langsam gewöhnte sich Anna an das Licht und sie begann, Einzelheiten wahrzunehmen. Zuerst sah sie die Bücherwand, welche von einer Zimmerecke zur anderen reichte und bis zum letzten Platz mit dicken Wälzern gefüllt war. Anna fragte sich, was da wohl alles darin stehen mochte. An einer vergilbten Wand sah man noch den hellen Abdruck eines Kruzifixes, das wohl vor Kurzem von protestierenden Bauern heruntergerissen und zertrümmert worden war.
Langsam drehte sie den Kopf, um sich die beiden Männer anzusehen, die sie abgeholt hatten. Beide waren jung und von unterschiedlicher Statur. Der eine war groß und schlaksig, hatte blondes, zerzaustes Haar, eine markante Nase und dünne Augenbrauen. Der andere war korpulent, fast kahl und hatte ein enorm fliehendes Kinn, auf welchem rothaarige Stoppeln wucherten. Irgendwie schien die untere Gesichtshälfte wie eine Schublade zurückgeschoben zu sein. Obschon die Situation alles andere als amüsant war, überlegte sich Anna, wie er sich wohl beim Küssen anstellen würde. „Mein Gott, bist du hässlich“, presste sie hervor und gluckste. Der Angesprochene riss an Annas Ketten und mahnte sie zur Ruhe. Alle drei standen sie mit dem Gesicht gegen das Pult gerichtet da und warteten auf den Büttel.
Nach geraumer Zeit hörte man schlurfende Schritte im Vorzimmer. Die Glocke der nahegelegenen Kirche schlug gerade eine volle Stunde, und irgendjemand rief unverständliche Worte. Dann ging knarrend die Tür auf und Paulus Albrecht betrat den Raum zusammen mit einem unscheinbaren Schreiber, der sich schüchtern im Hintergrund hielt. Er schnaufte und ächzte gehörig und griff sich mit der linken Hand an die Brust. Die wenigen Stufen vom Hof in den ersten Stock des Amtshauses hatten den beleibten Mann außer Atem gebracht. Bevor er etwas sagen konnte, ließ er sich stöhnend in den geschnitzten Holzsessel mit den breiten Armlehnen plumpsen. Da saß er nun in voller Leibesfülle und schwer atmend. Albrecht war nicht nur dick, er war auch sonst nicht gerade eine Augenweide. Sein rundes, aufgedunsenes und rötlich schimmerndes Gesicht, in welchem eine knollenförmige Nase das auffälligste war, ruhte auf einem mächtigen, wellenartig gefalteten Hals. Sein bis auf die Schultern reichendes Haar war dünn, farblich ziemlich undefinierbar, irgendetwas zwischen blond und weiß, und wie es bei Herren seines Alters üblich war, wuchs es nur noch in einem Kreis oberhalb der Ohren und am Hinterkopf. Die hohe Stirn war stark gefurcht und allenthalben glitzerten Schweißperlen auf der Haut.
Bevor Albrecht mit seinem Verhör begann, musterte er Anna genau. Da er ziemlich kurzsichtig war, kniff er die Augen leicht zusammen, was ihm einen fremdartigen Ausdruck verlieh. Er strich sich mit der Hand über die feuchte Stirn, trocknete die Hand am speckig schimmernden Hosenkleid, richtete sich leicht auf und begann mit der Einvernahme. Er zeigte mit seinem dicken Finger auf Anna und posaunte: „Bekennt Sie sich schuldig des Mordes, des Totschlages, des Raubes, des Diebstahls …“ Er musste Luft holen, um weiter fortzufahren, „der Verletzung des Seerechts, der Körperverletzung?“ Erneut musste Albrecht innehalten. Er atmete schwer und wischte sich mit einem gemusterten Taschentuch über das Gesicht.
Anna antwortete nicht, man hörte nur das leise Rasseln ihrer Fußfesseln. Sie blickte stumm an Albrecht vorbei und zählte die Bücher im Regal hinter ihm. Diese Zählerei war ein Tick, den sie schon als Kind gehabt hatte. Sie zählte unablässig Dinge und Gegenstände. Wenn sie ein Feld mit Kühen sah, zählte sie das Vieh, wenn sie in der Kirche saß, zählte sie die Orgelpfeifen oder die Butzen an den Scheiben. Dabei interessierte sie sich gar nicht für die Anzahl, es war vielmehr eine fast unbewusste Aktivität des Gehirns. Sie wusste auch nicht, warum sie es tat. Wenn man sie fragte, meinte sie bloß: „Es zählt einfach.“ Vielleicht war es auch eine Art Selbstschutz. Solange sie zählte, konnte sie keine anderen Gedanken verfolgen. Denn was sich im Laufe eines Tages so alles an Bösartigkeit in ihren Hirnwindungen zusammenbraute, machte bisweilen sogar ihr Angst.
Albrecht versuchte es ein zweites und ein drittes Mal, zuerst fast jovial und zuvorkommend, dann ruppig und fordernd. Dabei schlug er mit der Faust auf das Pult, dass es nur so dröhnte. Dann wieder tippte er mit dem Zeigefinger der rechten Hand auf ein vor ihm liegendes, angesengtes Dokument, das er in Annas Versteck gefunden hatte. Es enthielt zwischen zwei Holzdeckeln auf Pergament gekritzelte Notizen, in welchen säuberlich sämtliche Schandtaten festgehalten waren, welche Anna zusammen mit ihrer Bande ausgeführt hatte. „Gebt es zu, hier steht doch alles, es macht keinen Sinn zu leugnen“, forderte er die Gefangene zum Geständnis auf. Doch Anna sagte nichts. Was hätte sie auch antworten sollen? Es war längst allgemein bekannt, dass sie zusammen mit ihren Kumpaninnen seit Jahren in der Region zwischen Rüti, Rapperswil und Zürich ihr Unwesen trieb. Alles, was Albrecht ihr vorwarf, hatte sie begangen, und noch einiges mehr. Auch der geschickteste Fürsprecher hätte sie nicht retten können, ihr Schicksal stand fest: Man würde sie hinrichten. Unklar war nur noch, ob der Tod durch den Strang, das Fallbeil oder durch Ersäufen herbeigeführt werden würde.
Nach zwei, drei weiteren erfolglosen Versuchen etwas aus Anna herauszuholen, gab Albrecht auf. Fast väterlich und mit überraschend sanfter Stimme wandte er sich an die Gefangene: „Mein Gott, wie konnte das nur passieren? Sie kommt doch aus gutem Haus. Was um alles in der Welt hat Sie und die anderen Weibsbilder dazu getrieben, solch abscheuliche Verbrechen zu begehen?“ Anna war verblüfft über den mitfühlenden Unterton in Albrechts Stimme. Die Abscheu, die sie gegen ihren Häscher gefühlt hatte, wich unversehens, und als sie ihm antwortete, sah ihr geschundenes Gesicht fast ein wenig freundlich aus: „Das habe ich mich auch schon oft gefragt“, meinte sie nachdenklich, „und keine Antwort gefunden. In mir gärt seit jeher Hass, und wenn du mal damit begonnen hast, Verbrechen zu begehen, wird es zu einem Spiel und du willst immer noch dreister vorgehen und du sonnst dich im Respekt, der dir von den Leuten entgegengebracht wird. Ich genieße es, wenn sich die Leute vor mir fürchten, nur dann fühle ich mich lebendig und frei.“
Anna hatte sich zeitlebens Gedanken darüber gemacht, warum sie und ihre Schwester Beata derart verschieden waren. Und dies, obschon sie dieselben Eltern hatten und im gleichen Haus aufgewachsen waren. Man hatte ihnen gleich viel Liebe entgegengebracht und sie gleich behandelt und dennoch unterschieden sie sich wie Sommer und Winter. Auch ihre Träume und Gedanken schienen aus anderen Welten zu stammen: Beata war überzeugt, irgendwann einen ehrenwerten Mann zu ehelichen und ihm ein paar gesunde Kinder zu schenken. Sie hatte keine großen Ansprüche und fühlte sich schnell zufrieden. Beata war die Bescheidenheit und Gottesfurcht in Person.
Anna dagegen war seit frühester Jugend bockbeinig und halsstarrig. Sie sah sich weder am heimischen Herd noch als manierliche und unterwürfige Angetraute eines selbstgefälligen Mannes. Irgendwann würde sie eine Machtposition innehaben, die Leute sollten nach ihrer Pfeife tanzen. Und sie schreckte in ihren Fantasien auch vor dem Gedanken nicht zurück, Gewalt einzusetzen. Wenn ihnen die Magd jeweils Geschichten erzählte, bestand Anna immer darauf, das Leben von Jeanne d’Arc zu hören. Sie bewunderte die junge Französin, die mit außerordentlichem Mut gegen die Engländer in den Krieg gezogen war. Der Lebenslauf der jungen Bauerstochter und deren Märtyrertod beeindruckten Anna zutiefst. Sie war überzeugt, ebenfalls zu Höherem berufen zu sein.
Der Büttel schüttelte über Annas Aussagen den Kopf, zwängte sich aus dem Sessel, strich sein Wams glatt und forderte den Schreiber, der ohne Arbeit geblieben war, auf, ihn hinauszubegleiten. Bevor er den Raum verließ, drehte er sich noch einmal zu Anna um und meinte in einem etwas vertraulicheren Ton: „Deine Taten sind unverzeihlich, ich verstehe deine Einstellung nicht und werde sie nie verstehen, aber ich werde für deine Seele beten.“
Die beiden Wächter waren sichtlich beeindruckt von der überraschend milden und fast ein wenig persönlichen Umgangsform des Gesetzeshüters, sie hätten das Luder ganz anders angefasst. Doch die zur Schau gestellte Güte und Toleranz von Albrecht blieb nicht ohne Wirkung. Als sie Anna zurück in ihre Zelle brachten, verzichteten sie auf die sonst übliche rüpelhafte Rempelei. Fast behutsam gingen sie mit der Gefangenen um, und der Kinnlose half ihr sogar, die sperrige Fußkette zu befreien, die sich an einem Mauervorsprung verfangen hatte. Als sie die schwere Verliestüre hinter sich abschlossen, schauten sie sich wortlos an und hoben leicht irritiert die Schultern. So als wollten sie sagen: „Was ist denn hier geschehen?“
Anna war nach dem unerwarteten Ausgang des Verhörs in einem seltsamen Zustand. Der Zorn, den sie über all die Jahre gegen die Welt im Allgemeinen und die Behörden im Speziellen empfunden und der sie gegenüber allen Skrupeln unempfindlich gemacht hatte, war wie weggeblasen. Wie konnte ein Mensch ihr gegenüber derart verständnisvoll sein, obschon sie aus der Sicht des Gesetzes als letzter Abschaum galt? Ihr Leben lang hatte sie kaum je solche Erfahrungen gemacht. Die meisten Menschen, mit denen sie zu tun gehabt hatte, waren hinterhältig, gierig, egoistisch und rücksichtslos. So weit sie zurückdachte, kamen ihr nur wenige in den Sinn, die nicht diesem Bild entsprachen. Neben ihren Kumpaninnen gab es eigentlich nur den einen: Pilger Anton Kreuzer. Und ausgerechnet den hatte sie schmählich hintergangen.



KAPITEL 2 – 6. Juni 1495

Der Schrei eines Säuglings klang aus dem offenen Fenster von Linhart Zollingers stattlichem Gehöft. In Anlehnung an den Beruf des Besitzers nannte man das Anwesen in Meilen weitherum nur „Seidenhof“. Sarah, die damit beschäftigt war, den festgetretenen Lehmboden des Hofes zu wischen, hob den Kopf und strahlte. Die Magd stieß einen Juchzer aus und rannte Richtung Haus. Endlich! Endlich hatte die Leidenszeit der Herrin ein Ende. Die Kinderstimme ließ Sarah frohlocken, für sie klang sie wie Musik. Leider war es ihr nicht vergönnt gewesen, Kinder zu kriegen, umso mehr hatte sie teilgenommen an der schwierigen Schwangerschaft der Gutsbesitzerin. Nach und nach war sogar eine Art Freundschaft zwischen den ungleichen Frauen entstanden, denn Teresa Zollinger war sehr angetan von der mitfühlenden Weise, mit welcher Sarah ihr während der nicht immer einfachen Zeit beigestanden war.
Teresa Zollinger gehörte nicht zu den robusten Naturen, sie war während der Schwangerschaft oft krank, fühlte sich elend und schwach und musste lange Zeit das Bett hüten. Die Hebamme und der Arzt, die sich jeweils um sie gekümmert hatten, befürchteten, dass Teresas Kräfte für eine schwierige Geburt nicht reichen könnten. Doch die zierliche Frau hatte sich stets mit Gebeten und der Kraft der Vorfreude gegen ein Nachlassen der Energie gewehrt. In den letzten Tagen war sie freilich immer bekümmerter geworden, hatte kaum mehr geredet und die meiste Zeit nur noch in ihrem Zimmer vor sich hingedöst. Sie war am Fenster gesessen und hatte stumm auf den See und die Berge geschaut. So, als suche sie in der Ferne eine Antwort auf ihr quälendes Unwohlsein. Auch gegessen hatte sie kaum mehr, die Köchin konnte die erlesensten Gerichte auftragen, Teresa rührte sie kaum an. Nicht einmal ihre Leibspeise, die Lutherpfanne, ein Fleischspieß mit Rauchfleischbohnen, geschmorten Zwiebeln und Semmeltörtchen, hatte sie gekostet. Linhart hatte seine Frau gedrängt, wollte, dass sie wieder zu Kräften komme, doch Teresa brachte keinen Bissen herunter.
Ihr Zustand war noch erbärmlicher geworden, als die ersten Wehen einsetzten. Die Hebamme, eine ziemlich rundliche Frau mit einem sanftmütigen Antlitz aus dem Nachbardorf, hatte ein besorgtes Gesicht gemacht, als sie Teresa in diesem kläglichen Zustand antraf. „Wir müssen jetzt alle beten“, forderte sie an Linhart gewandt und legte Teresa ein kühlendes Tuch auf die schweißnasse Stirn.
Wenig später verdichteten sich die Anzeichen der bevorstehenden Geburt, wobei Teresa von krampfartigen Schmerzen geschüttelt wurde. Ihr Oberkörper bäumte sich auf, sie krallte ihre Finger in die feuchten Leintücher und schrie aus Leibeskräften. Dann wieder sank sie keuchend in die Kissen und schaute mit glasigem Blick an die Decke. Linhart hielt es nicht mehr aus. Er ging rückwärts aus dem Zimmer, und fast schien es, als verneige er sich respektvoll vor dem großen Kampfgeist, den seine kleine Frau an den Tag legte.
Aufgewühlt eilte Linhart in den Esssaal. Er schritt zügig zum schweren Geschirrschrank, öffnete eine Tür, entnahm ihm eine Flasche und schenkte sich einen Becher Met ein. In einem Schluck leerte er das Gefäß, er fühlte wohltuend die Wärme des Schnapses in seinem Magen und goss schnell nach. Während der ganzen Zeit hämmerte es in seinem Gehirn: „Lass sie nicht sterben, lass sie nicht sterben.“ Er setzte sich an den Esstisch, verbarg das Gesicht in beiden Händen und spürte, wie ihn unsägliche Traurigkeit überkam. Als er zu weinen begann, zuckte sein Körper, als ob er gegeißelt würde. Seine große Verzweiflung hing zweifellos damit zusammen, dass ihm bereits als Kind der Schmerz eines Verlustes zugefügt worden war: Er war gerade mal acht Jahre, als seine Mutter an den Folgen einer Geburt starb.
Dumpf und fassungslos saß Linhart minutenlang da. Er schüttelte unablässig den Kopf und schlug immer wieder mit der Faust auf die massive Tischplatte. „Warum?“, rief es in ihm, „Warum muss sie derart leiden?“
Plötzlich hörte er aus dem Zimmer von Teresa das Schreien eines Kindes. Er sprang auf, wischte sich mit dem Handrücken über die feuchten Wangen und eilte in das Gemach seiner Gattin. Als er in den Raum stürzte, hielt ihm die Hebamme in einem weißen Tuch ein Neugeborenes entgegen. „Es ist ein Mädchen“, strahlte sie. Linhart nahm es glücklich in die Arme und warf einen sorgenvollen Blick auf seine Frau. Sie lag mit schmerzverzerrtem Gesicht leise jammernd da, die Beine immer noch weit offen. Die Tücher, auf denen sie lag, waren rot von Blut, und als Linhart feststellte, dass Teresas Bauch immer noch wie geschwollen war, realisierte er plötzlich, dass da noch ein zweites Kind unterwegs war. „Mein Gott“, rief er in einer Mischung aus Vaterstolz und Bange, „das sind ja Zwillinge.“ Er schaute verwirrt zur Hebamme, und als diese nickte, wandte er sich schnell ab und ließ sie ihre Arbeit verrichten.
Wenig später lag auch das zweite Kind neben seiner Mutter, schrie und strampelte aus Leibeskräften. Doch Teresa war zu schwach, um sich zu freuen. Oder zumindest, um Freude zu zeigen. Sie lag still da, schien in Trance zu sein und reagierte auch nicht, als ihr Linhart liebevoll die nassen Haarsträhnen aus der Stirn strich. Teresa schwebte in einer Traumwelt. Sie sah ihre beiden Kinder wie pummelige Engel durch wolkiges Weiß fliegen. Dazu vernahm sie dumpfe Orgelmusik. Es dauerte nicht lange, bis sie in einen tiefen tröstenden Schlaf fiel.
Inzwischen waren einige Bedienstete in das Zimmer geeilt. Alle freuten sich über die geglückte Geburt. Sarah strahlte über das ganze Gesicht, nahm das Zweitgeborene – es war ebenfalls ein Mädchen – in die Arme und konnte es fast nicht glauben, dass jetzt plötzlich zwei Kinder bei Zollingers leben würden. Marie, die Köchin, hatte eine geeignete Unterlage für die beiden Säuglinge bereitgestellt. Den Kinderwagen, den Teresa von ihrer Mutter erhalten hatte, konnten sie – weil er nur für ein Kind gedacht war – gleich wieder zurückgeben.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 294
ISBN: 978-3-903067-01-1
Erscheinungsdatum: 22.06.2015
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Krampus & Nikolo