Nur Asche, die blieb
EUR 20,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 278
ISBN: 978-3-7116-0398-2
Erscheinungsdatum: 23.06.2025
Wer ist Einar Steinberg? Alt, müde, verfolgt von den eigenen Vergangenheit. Ein Mann, der sich nicht mehr findet, der letzte Fixpunkt seiner Existenz die verzweifelte Suche nach seiner Frau.Ein überraschender, sprachgewaltiger Krimi der Sonderklasse ...
Prolog
danach
23. Dezember 2024
Die Stadt zog in ihrer dezembergrauen Nässe an ihm vorbei, und Einar fragte sich, an welchem Punkt dieser Irrreise er seinen linken Schuh verloren hatte.
Unbemerkt war der Schnee erst zu Hagel und dann zu Regen geworden, klatschte nun an die Fensterscheibe und hinterließ bräunliche Schlieren.
Applaus, dachte der alte Mann, er klatscht mir meinen Applaus, der Regen. Dieser Gedanke blieb unbewegt in der Luft hängen, mindestens so starr wie sein Blick. Er blinzelte. Seine Lider verbrannten ihn.
Aus dem Augenwinkel konnte er den Engel neben sich erkennen. Sein weißblondes Haar stob wie eine Wolke über die Rückbank, Hände im Schoß gefaltet, vom Feuer erhellte Augen.
Wir fahren nach Hause, dachte er. Endlich, endlich. Nach Hause. Wir.
Der Engel schüttelte den Kopf, nur ganz leicht, als hätte sie seinen Gedankengang mit anhören können. Ihre Haare wischten geräuschlos über die Ledersitze.
Und dann dachte Einar noch etwas, vielleicht war es auch mehr Gefühl als Gedanke. Unmöglich aber konnte er es ausdrücken, und erst recht nicht in dieser unzuverlässig kapriziösen Einheit, die sich „Wort“ nennt.
Es lag irgendwo zwischen Ich bin alleine und Es tut mir leid und Wenigstens durfte ich dich kennen.
Er drehte den Kopf, nur ein wenig, um sich bloß einen Moment an der Helligkeit dieser Gestalt zu wärmen, die dort neben ihm saß. Er lächelte sie an.
Da wurde es wieder dunkel. Verschwunden. Ausgelöscht. Nie da gewesen.
Der Wind hatte ihm Nüchternheit unter die Schädeldecke geblasen. So viel, dass Einar sich erinnerte. So viel, dass dieses Abbild von ihr unmöglich bleiben konnte. Er drehte seinen Kopf in die andere Richtung. Damit er die Leere nicht ertragen musste.
„Dass du dich traust, dich noch mal blicken zu lassen!“ Das Geschrei drang nur zeitverzögert und dumpf zu Einar durch. Der Mann, der dort schrie und tobte, hieß nicht Xerxes. Das wusste er genau. „Hau doch endlich ab, wohin auch immer …“ Der Atem beschlug die Scheibe. Rot blieb die Ampel, ähnlich rot wie die unterlaufenen Augen des Obdachlosen. „… wo auch immer du hergekommen bist!“
Einar nickte müde. Genau das war ja wohl der Plan. Seit er auf den Hamburger Bahnsteig gestolpert war, wollte er nur das. Seit er die Konfrontation mit dem Entführer gesucht und dafür sein Zuhause verloren hatte.
Zuhause?, spie sein Kopf ihm entgegen. Hattest du das überhaupt?
Inmitten von Nächten ohne ein Dach über dem Kopf, von verzweifeltem Hinterhersein und einer Katze, die jetzt wieder spurlos verschwunden war, kristallisierte sich nur ein Ziel heraus: zurückkehren, fliehen, hinter sich lassen.
Nach Hause, dachte er. Allein, spuckte sein Gehirn dazu. Aber zu Hause, erwiderte er.
„Verdammt, du kannst echt froh sein, dass da die Scheibe ist, sonst …“ Einar gähnte. „… sonst würde ich dir so was von den Schädel einschlagen!“
Ja, ja. Ganz bestimmt. Dazu hättest du schon längst die Möglichkeit gehabt.
„Ich hasse dich, Menschen wie du …“ Die Ampel änderte ihre Farbe. Einar sah auf seinen nassen linken Fuß herab. „… Menschen wie du, die …“ Grün. Der Wagen rollte an. Der alte Mann lächelte und nickte dem Obdachlosen, der nicht Xerxes hieß, zu.
„Verreck doch!“, schrie ihm dieser hinterher. Wölkchen stiegen vor seinem Gesicht auf und verdeckten die hasserfüllt verzogene Grimasse. Einar drehte sich wieder nach vorn.
„Verreck doch!“
Der Spielplatz zog an ihm vorbei, das Loch, wo mal ein Haus stand, die Bushaltestelle.
Der alte Mann hatte die Hände zu Fäusten geballt. Zittrig und kalt lagen sie in seinem Schoß. Er umklammerte einen Zettel, ein kleines Stück Papier nur, das hier, an dieser Hamburger Bushaltestelle, sein Leben verändert hatte. Fünf Worte darauf, nur fünf. So viel Kraft lag ihnen inne, diesen fünf Worten. Ich liebe dich. Für immer stand da. Der Mann am Lenkrad hatte es Einar vorgelesen.
„Ich habe eine Bitte, bevor ich mitgehe.“
„Die steht Ihnen bei bestem Willen aber nicht …“
„Wären Sie so lieb und würden mir das vorlesen? Mit meinen Augen …“ Er stockte. Augen? Ein-, zweimal Atmen. Kalte Luft, die an einem noch kälteren Herzen vorbeischoss. „Ich sehe nicht mehr so gut“, beendete Einar seine Erklärung.
Der Beamte seufzte. Grüne, müde Augen starrten den alten Mann an. Bis er sich einen Ruck gab, der sichtbar durch seinen Körper lief, und den Zettel aus Einars Hand ergriff.
Er lächelte. Im Auto war es angenehm warm, es machte nichts, dass ihm ein Schuh fehlte. Nach Hause, spielte sein Kopf ab. Immer und immer wieder, nach Hause.
Die Klarheit, die der Wind gebracht hatte, wurde von Wattebäuschen verdrängt. Wölkchen, Schäfchen.
Hamburg zog an Einar vorbei. Über sein Lächeln und den Singsang seines Kopfes hinweg spürte er den Schmerz kaum. Die Handschellen drückten Striemen in seine Haut, die sich wie Klatschmohn um seine Gelenke wanden. Über sein Lächeln, über den Singsang hinweg und über das Gefühl, doch nicht ganz so allein zu sein, gelang es dem alten Mann, Sirene und Blaulicht zu ignorieren, die über ihm wüteten.
Kapitel 1
Zuvor
17. November 2024
Das Leben zog an ihm vorbei. Mit Warnrufen und Feuerwerk, Sirene und Fahnen überrundete es ihn, und irgendwie verpasste er selbst das, dieses endgültige Überholtwerden. Den Moment, in dem seine Entscheidungen eben nicht mehr ganz die eigenen waren.
Einar Steinberg wusste, dass es sich gerade eine Ehrenrunde leistete, das Leben, das mehr seines war als alles andere und das sich doch so fremd anfühlte, während er es vor seinem inneren Auge davonsprinten sah. Der aufgewirbelte Staub verklebte ihm die Wimpern.
Sein Leben zog also an ihm vorbei. Nahm seine Entscheidungen, Taten und verblüfften Blick mit, und so wusste der alte Mann nicht, wie er plötzlich in den Bus gekommen war. Da war nur ein Gedanke hinter seiner Stirn: Endlich nach Hause.
„Hören Sie mal, ohne Fahrkarte darf ich Sie hier nicht einsteigen lassen!“ Einige Tropfen Spucke flogen mitsamt dem strengen Tonfall der Fahrerin an die Trennscheibe aus Plastik, begleitet von einer Stimme, die eher müde als verärgert klang. „Dann müssen Sie wieder aussteigen, ohne Fahrkarte.“ Er sah sich um. Trübe Augen blickten in die der wartenden Passagiere. Was noch mal wollte die?
„Was? Ich will bitte nach Hause fahren.“ Seine Socken waren wohl in der feuchten Wärme des Zimmers geblieben.
„Aber ganz sicher nicht ohne Ticket! Hören Sie, ich …“
Das also war es gewesen. Hätte sie auch gleich sagen können, dachte Einar. „Junger Herr, zählen Sie doch mein Kleingeld ab, bitte.“ Das viele Rotgeld schepperte leise und erwartungsvoll in seiner Hand, als er sich zu dem Fahrgast drehte, der der Fahrerkabine am nächsten saß.
„Dafür haben wir aber wirklich keine Zeit, ich habe hier einen Plan zu befolgen.“ Wieder die Busfahrerin.
„Sechs Euro achtundsiebzig haben Sie noch.“ Er lächelte, nickte kurz.
„Sechs Euro achtundsiebzig, bis wohin komme ich da?“
„Für sieben bis an den Bahnhof, ohne Rückfahrt. Den ganzen Tag habe ich nicht Zeit.“ Die Tippgeräusche der Fahrerin auf dem Display waren bis zum Ende des Fahrzeuges zu hören.
„Aber zum Bahnhof will ich gar nicht.“
„Also das ist dann wohl Ihr Problem. Dann eben Innenstadt.“ Erneutes Tippen. Die langen Fingernägel kratzen, klackerten, klopften an der Kasse.
„Danke.“ Er schlurfte samt Gehstock, fünfzig Cent Rückgeld und verschatteten Augen zu einem freien Platz. Der Bus fuhr mit einem Ruckeln an, noch bevor er sich setzen konnte. Er fiel auf den Sessel mit diesem seltsamen, deprimierenden Muster. Innenstadt also.
„Ich weiß es nicht, Papa.“ Der Junge hatte einen Schulranzen auf dem Schoß. Das Grün biss sich mit dem Muster der Sitze. Er trug einen Ausdruck der müden Verzweiflung auf dem Gesicht. Zusammengezogene Augenbrauen und zerbissene Unterlippe. „Ich will auch gerade gar nicht.“
„Was soll das denn heißen, du weißt es nicht?“
Das Kind zuckte die Schultern, sah kurz aus dem Fenster, wieder hoch zu seinem Vater und begann dann, an der Schnalle seines Ranzens herumzuspielen.
„Was das heißen soll, hab` ich gefragt.“ Donner-gleich knallte die Stimme des Mannes hervor. Er bekam keine Antwort, wieder nicht. Stattdessen fing das Kind an, an seiner zerbissenen Unterlippe zu zupfen.
Einar versuchte, wegzusehen. Er bemühte sich wirklich. Immer wieder aber fanden seine Augen den Weg zu denen des Jungen, der überall hinzusehen schien, eben nur nicht ins Gesicht seines Vaters.
„Dass ich es eben nicht weiß“, erwiderte er schließlich. Seine Unterlippe schien zu bluten, jedenfalls hatte er mit einer Grimasse von ihr abgelassen. „Außerdem hat die Lehrerin gesagt, dass …“
Kurze Pause. Aber da kam nichts mehr, der Satz blieb angefangen und nicht zu Ende gebracht zwischen den Sitzen kleben. „Da gibt es ja auch nichts zu wissen!“, spie der Mann schließlich.
Das Kind zuckte mit den Schultern. Wieder: Fenster, Vater, Blick abwenden. Es hatte angefangen, sich immer und immer wieder am Hals zu kratzen. Einar bemerkte, dass die Stelle sich bereits hummerrot färbte.
„Du sollst mir nur vorlesen, was da steht!“ Beschämt sah der große Mann sich um. Erst Richtung Busfahrerin, dann nach hinten, sodass Einar sich gezwungen sah, den Blick auf seine Schuhe zu richten. Der Mann trug eine orangefarbene Krawatte, das hatte er noch erkennen können. Und riesige Hände hatte er, die gefaltet über dem Griff der Ledertasche kauerten. „Das kann doch nicht so schwer sein“, meinte er dann, mit ruhigerer Stimme.
Höchstens dritte Klasse, dachte Einar. Eher in der zweiten vielleicht. Er seufzte leise. In seinem Bauch spürte er ein seltsames Brennen. Herunterschlucken, bloß herunterschlucken, genauso wie die Gedanken an seinen eigenen Vater.
„Jetzt mach schon, Junge, was soll das denn?“, zischte der Mann. Noch mal drehte er sich, wand seinen langen, schmalen Rücken. Einar senkte abermals den Blick.
Flora und Ines tanzten durch seine Gedanken und dass sie niemals Probleme in der Schule hatten. Niemals, auch an der Universität nicht. Ein Lächeln breitete sich in seinem Brustkorb aus, während er an seine Töchter dachte. Wenn es auch nicht sein Gesicht erreichte, so war es doch Grund für einen zeitweise gleichmäßigeren Atem. An seine eigene Schulzeit aber …
„Doch.“ Ganz klein war die Stimme des Jungen, mäanderte aber dennoch durch den ganzen Bus, prallte an der hintersten Scheibe wieder ab, um dem Vater mit voller Wucht an die Stirn zu schlagen.
Was dieser nun sagte, konnte Einar nicht verstehen. In Zeitlupe wechselte das Gesicht des Mannes erst von Irritation zu Wut. Sein Mund bewegte sich wie die Schnauze eines Tieres, rot aufblitzendes Zahnfleisch über viel zu weißen Zähnen. Spuckefetzen flogen an seinem Sohn vorbei gegen die Scheibe. Dieser sah ihn immer noch nicht oder eben nicht mehr an, sondern blickte nur auf seine Hände, die immer weiter am Schulranzen nestelten. Nur von ihm abließen, um am dünnen Hals zu kratzen.
In Einars Ohren rauschte es, und er atmete bewusst langsam ein und wieder aus. Feuer in seinem Bauch, das ihm Lunge und Zwerchfell verbrannte. Er krallte sich am Sitz fest. Er wollte die Augen öffnen und dem Mann etwas sagen. Irgendwas, vermutlich, dass es die Tränen seines Sohnes nicht wert waren. Oder aber, dass seine Wut nichts bringen würde, gar nichts, vermutlich nur das Gegenteil von dem, was er sich für sein Kind wünschte.
Aber seine Lider hoben sich nicht. Langsam drang die Stimme des Vaters wieder zu ihm durch. Schwärze vor seinen Augen.
1. Wahrheit
Als sie ins Zimmer B 011 trat, war Einar sich vollkommen sicher: Das war die Frau, die er einmal heiraten würde. Hellblondes Haar hatte sie, das bis zur Taille fiel, und dunkelbraune Augen, die ihn direkt an ein übervolles Honigglas denken ließen.
„Setzen Sie sich ruhig, wohin Sie wollen.“ Der Lehrer der Abendschule lächelte ihr aufmerksam zu und deutete auf den beinahe leeren Raum. Außer Einar hatten sich nur sechs weitere Lernwillige eingefunden. Während die junge Frau sich in der letzten Reihe hinter einem Berg von mitgebrachten Büchern versteckte, fiel Einar auf, dass er ihren Namen verpasst haben musste.
„Seien Sie bitte nett zu Frau Holley. Wenn wir Glück haben, wird sie uns öfter mit ihrer Anwesenheit beehren.“ Einar drehte sich um und konnte gerade noch erkennen, wie sie dem Lehrer ein schüchternes Lächeln schenkte.
„Gut, also machen wir weiter, wo wir gerade aufgehört haben.“
Es kostete Einar kaum Überwindung, nach der Stunde auf seine neue Leidensgenossin zuzugehen. „Und, viel langweiliger geht es nicht, oder?“ Er setzte sich auf ihre Tischkante und hoffte inständig, dass es müheloser aussah, als es sich anfühlte.
„Wie bitte?“
Er lächelte und spannte den Bauch an, um nicht vom Tisch zu kippen. „Ich fürchte, ich habe vorhin deinen Namen verpasst. Ich bin Einar.“
„Louise. Hi.“ Sie sah zwischen einigen Haarsträhnen hervor, hörte aber nicht auf, hektisch ihre Bücher einzupacken. „Ich fand die Stunde ziemlich gut.“
„Das muss die Motivation der Anfängerin sein.“ Er fuhr sich durch die Haare und bemühte sich, nicht zu laut zu lachen. „Ich habe die Hausaufgaben schon seit Wochen nicht mehr gemacht.“
„Wenn du meinst.“ Sie drehte sich von ihm weg, als sie ihren kirschroten Schal über die Schultern warf.
„Und der Prof ist auch nur ehrenamtlich hier, der gibt sich nicht mal Mühe.“ Einar bemerkte, dass er ins Plappern kam. Als er den Mund ruckartig schloss, klackten seine Schneidezähne aufeinander.
„Also ich arbeite ehrenamtlich im Tierheim.“ Als sich Louise ihm abermals zuwandte, sah er, dass sie ebenfalls rotfarbene Ohrstecker trug, die die Form von kleinen Herzen hatten. „Und ich gebe mir da sehr viel Mühe.“ Mit ihren blassen Händen malte sie Anführungszeichen in die Luft, vermutlich um zu betonen, dass sie seinen Wortlaut bewusst wiederholte.
Einar bemühte sich, die Stimmung wieder ins Positive zu kippen. „Oh Mann.“ Er seufzte theatralisch. „Bist du etwa auch so eine verrückte Katzen-Lady?“ Er erntete kein Lachen. Nicht mal ein Schmunzeln. Die einzige Reaktion, die Louise ihm schenkte, war ein irritierter Blick. Nach kurzer Pause sagte sie: „Was auch immer. Schön, mal mit dir gesprochen zu haben.“ Sie begann, sich einen Weg durch die unnötig zahlreichen Tische zu bahnen.
Einar hastete ihr hinterher und blieb dabei mehr als einmal mit seiner Tasche hängen. „Hey, ich wollte eigentlich fragen, ob wir mal einen Kaffee trinken wollen?“
„Trinke ich nicht.“ Louise nickte dem Lehrer höflich zu und fuhr fort, ohne sich umzudrehen. „Kaffee meine ich. Aber danke.“ Ihm fiel auf, dass sie ihm nicht einmal die Tür aufhielt, als sie, mit wehenden Haaren, davonrauschte.
Die Idee, beim einzigen Tierheim des Ortes anzurufen, kam ihm so spät, dass es Einar peinlich war, den genauen Zeitpunkt seinen Freunden gegenüber zu erwähnen. Stattdessen schob er seine Untätigkeit auf eine bloße Zögerlichkeit. Erst einmal musste er sowieso die Nummer suchen. Wie lange das dauern würde, konnte er nicht einschätzen. Würde das kleine Tierheim überhaupt im Telefonbuch erwähnt sein? Die Mühe, die es ihn kosten würde, die Nummer zu finden, schreckte ihn zumindest anfangs ab. Und selbst wenn er da anrief, was sollte er sagen? Würde sie überhaupt rangehen? Seine nervösen Überlegungen wurden durch eine schüchterne Stimme unterbrochen, die er direkt als Louises erkannte.
„Guten Abend. Sie sind mit dem Tierheim verbunden. Was kann ich für Sie tun?“
„Ja, also hören Sie …“ Einar fiel auf, dass er sich wohl vor dem Anruf eine Geschichte hätte überlegen sollen. „Ich habe hier ein kleines Problem.“
„Ok?“ Den Beginn des Wortes zog sie in die Länge, etwas irritiert von diesem offensichtlich seltsamen Anrufer. „Kann ich Ihnen vielleicht behilflich sein?“, sagte sie nach kurzem Zögern, als habe sie einen Blick auf ein vermeintliches Telefonskript geworfen, das ihr zu jeder erdenklichen Situation einen Text verriet. Was hätte Einar für diese Hilfestellung getan.
„Meine Katze …“ Er räusperte sich, täuschte einen Hustenanfall vor, der sogar für ihn selbst besonders unecht klang. „… die ist krank. Also glaube ich.“
„Oh nein, das tut mir leid! Was hat sie denn?“ Sie schien tatsächlich besorgt zu sein. „Wobei, warten Sie mal.“ Er hörte, wie Louise leise einige Sätze an jemanden richtete. „Da müssen Sie eigentlich beim Tierarzt anrufen, ich kann Ihnen da leider nicht helfen“, erklärte sie.
Glücklich über den Ausweg aus diesem unangenehmen sowie erlogenen Gespräch bedankte Einar sich überschwänglich und legte auf.
In den wenigen Wochen, über die sich dieses Hin und Her erstreckte, fand Einar nicht nur eine ungewöhnliche Motivation für das Besuchen des Abendkurses, sondern auch eine ganz neue Unsicherheit. Der sonst so selbstbewusste junge Mann musste jedes Mal, wenn das Telefon anfing zu tuten, einige tiefe Atemzüge nehmen und sich versichern, dass seine Stimme nicht plötzlich aufgehört hatte, zu funktionieren. Viele der folgenden Telefonate waren weniger von Peinlichkeit und Verwirrung geprägt als das Erste, und so verstärkte sich Einars Annahme, in Louise seine Seelenverwandte gefunden zu haben.
Bald bewegten die Themen sich von imaginären erkrankten Katzen zu persönlicheren Fragen: Was war ihre Lieblingsfarbe? Taubenblau oder dunkles Rot. Was machte sie in ihrer Freizeit? Lesen. Was war ihr liebstes Buch? Und ja, sie müsse sich wirklich für nur eines entscheiden. Rebecca, von Daphne du Maurier. Was wollte sie einmal werden? Lehrerin, am liebsten an einer Grundschule. Hatte sie einen festen Freund? Nein.
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danach
23. Dezember 2024
Die Stadt zog in ihrer dezembergrauen Nässe an ihm vorbei, und Einar fragte sich, an welchem Punkt dieser Irrreise er seinen linken Schuh verloren hatte.
Unbemerkt war der Schnee erst zu Hagel und dann zu Regen geworden, klatschte nun an die Fensterscheibe und hinterließ bräunliche Schlieren.
Applaus, dachte der alte Mann, er klatscht mir meinen Applaus, der Regen. Dieser Gedanke blieb unbewegt in der Luft hängen, mindestens so starr wie sein Blick. Er blinzelte. Seine Lider verbrannten ihn.
Aus dem Augenwinkel konnte er den Engel neben sich erkennen. Sein weißblondes Haar stob wie eine Wolke über die Rückbank, Hände im Schoß gefaltet, vom Feuer erhellte Augen.
Wir fahren nach Hause, dachte er. Endlich, endlich. Nach Hause. Wir.
Der Engel schüttelte den Kopf, nur ganz leicht, als hätte sie seinen Gedankengang mit anhören können. Ihre Haare wischten geräuschlos über die Ledersitze.
Und dann dachte Einar noch etwas, vielleicht war es auch mehr Gefühl als Gedanke. Unmöglich aber konnte er es ausdrücken, und erst recht nicht in dieser unzuverlässig kapriziösen Einheit, die sich „Wort“ nennt.
Es lag irgendwo zwischen Ich bin alleine und Es tut mir leid und Wenigstens durfte ich dich kennen.
Er drehte den Kopf, nur ein wenig, um sich bloß einen Moment an der Helligkeit dieser Gestalt zu wärmen, die dort neben ihm saß. Er lächelte sie an.
Da wurde es wieder dunkel. Verschwunden. Ausgelöscht. Nie da gewesen.
Der Wind hatte ihm Nüchternheit unter die Schädeldecke geblasen. So viel, dass Einar sich erinnerte. So viel, dass dieses Abbild von ihr unmöglich bleiben konnte. Er drehte seinen Kopf in die andere Richtung. Damit er die Leere nicht ertragen musste.
„Dass du dich traust, dich noch mal blicken zu lassen!“ Das Geschrei drang nur zeitverzögert und dumpf zu Einar durch. Der Mann, der dort schrie und tobte, hieß nicht Xerxes. Das wusste er genau. „Hau doch endlich ab, wohin auch immer …“ Der Atem beschlug die Scheibe. Rot blieb die Ampel, ähnlich rot wie die unterlaufenen Augen des Obdachlosen. „… wo auch immer du hergekommen bist!“
Einar nickte müde. Genau das war ja wohl der Plan. Seit er auf den Hamburger Bahnsteig gestolpert war, wollte er nur das. Seit er die Konfrontation mit dem Entführer gesucht und dafür sein Zuhause verloren hatte.
Zuhause?, spie sein Kopf ihm entgegen. Hattest du das überhaupt?
Inmitten von Nächten ohne ein Dach über dem Kopf, von verzweifeltem Hinterhersein und einer Katze, die jetzt wieder spurlos verschwunden war, kristallisierte sich nur ein Ziel heraus: zurückkehren, fliehen, hinter sich lassen.
Nach Hause, dachte er. Allein, spuckte sein Gehirn dazu. Aber zu Hause, erwiderte er.
„Verdammt, du kannst echt froh sein, dass da die Scheibe ist, sonst …“ Einar gähnte. „… sonst würde ich dir so was von den Schädel einschlagen!“
Ja, ja. Ganz bestimmt. Dazu hättest du schon längst die Möglichkeit gehabt.
„Ich hasse dich, Menschen wie du …“ Die Ampel änderte ihre Farbe. Einar sah auf seinen nassen linken Fuß herab. „… Menschen wie du, die …“ Grün. Der Wagen rollte an. Der alte Mann lächelte und nickte dem Obdachlosen, der nicht Xerxes hieß, zu.
„Verreck doch!“, schrie ihm dieser hinterher. Wölkchen stiegen vor seinem Gesicht auf und verdeckten die hasserfüllt verzogene Grimasse. Einar drehte sich wieder nach vorn.
„Verreck doch!“
Der Spielplatz zog an ihm vorbei, das Loch, wo mal ein Haus stand, die Bushaltestelle.
Der alte Mann hatte die Hände zu Fäusten geballt. Zittrig und kalt lagen sie in seinem Schoß. Er umklammerte einen Zettel, ein kleines Stück Papier nur, das hier, an dieser Hamburger Bushaltestelle, sein Leben verändert hatte. Fünf Worte darauf, nur fünf. So viel Kraft lag ihnen inne, diesen fünf Worten. Ich liebe dich. Für immer stand da. Der Mann am Lenkrad hatte es Einar vorgelesen.
„Ich habe eine Bitte, bevor ich mitgehe.“
„Die steht Ihnen bei bestem Willen aber nicht …“
„Wären Sie so lieb und würden mir das vorlesen? Mit meinen Augen …“ Er stockte. Augen? Ein-, zweimal Atmen. Kalte Luft, die an einem noch kälteren Herzen vorbeischoss. „Ich sehe nicht mehr so gut“, beendete Einar seine Erklärung.
Der Beamte seufzte. Grüne, müde Augen starrten den alten Mann an. Bis er sich einen Ruck gab, der sichtbar durch seinen Körper lief, und den Zettel aus Einars Hand ergriff.
Er lächelte. Im Auto war es angenehm warm, es machte nichts, dass ihm ein Schuh fehlte. Nach Hause, spielte sein Kopf ab. Immer und immer wieder, nach Hause.
Die Klarheit, die der Wind gebracht hatte, wurde von Wattebäuschen verdrängt. Wölkchen, Schäfchen.
Hamburg zog an Einar vorbei. Über sein Lächeln und den Singsang seines Kopfes hinweg spürte er den Schmerz kaum. Die Handschellen drückten Striemen in seine Haut, die sich wie Klatschmohn um seine Gelenke wanden. Über sein Lächeln, über den Singsang hinweg und über das Gefühl, doch nicht ganz so allein zu sein, gelang es dem alten Mann, Sirene und Blaulicht zu ignorieren, die über ihm wüteten.
Kapitel 1
Zuvor
17. November 2024
Das Leben zog an ihm vorbei. Mit Warnrufen und Feuerwerk, Sirene und Fahnen überrundete es ihn, und irgendwie verpasste er selbst das, dieses endgültige Überholtwerden. Den Moment, in dem seine Entscheidungen eben nicht mehr ganz die eigenen waren.
Einar Steinberg wusste, dass es sich gerade eine Ehrenrunde leistete, das Leben, das mehr seines war als alles andere und das sich doch so fremd anfühlte, während er es vor seinem inneren Auge davonsprinten sah. Der aufgewirbelte Staub verklebte ihm die Wimpern.
Sein Leben zog also an ihm vorbei. Nahm seine Entscheidungen, Taten und verblüfften Blick mit, und so wusste der alte Mann nicht, wie er plötzlich in den Bus gekommen war. Da war nur ein Gedanke hinter seiner Stirn: Endlich nach Hause.
„Hören Sie mal, ohne Fahrkarte darf ich Sie hier nicht einsteigen lassen!“ Einige Tropfen Spucke flogen mitsamt dem strengen Tonfall der Fahrerin an die Trennscheibe aus Plastik, begleitet von einer Stimme, die eher müde als verärgert klang. „Dann müssen Sie wieder aussteigen, ohne Fahrkarte.“ Er sah sich um. Trübe Augen blickten in die der wartenden Passagiere. Was noch mal wollte die?
„Was? Ich will bitte nach Hause fahren.“ Seine Socken waren wohl in der feuchten Wärme des Zimmers geblieben.
„Aber ganz sicher nicht ohne Ticket! Hören Sie, ich …“
Das also war es gewesen. Hätte sie auch gleich sagen können, dachte Einar. „Junger Herr, zählen Sie doch mein Kleingeld ab, bitte.“ Das viele Rotgeld schepperte leise und erwartungsvoll in seiner Hand, als er sich zu dem Fahrgast drehte, der der Fahrerkabine am nächsten saß.
„Dafür haben wir aber wirklich keine Zeit, ich habe hier einen Plan zu befolgen.“ Wieder die Busfahrerin.
„Sechs Euro achtundsiebzig haben Sie noch.“ Er lächelte, nickte kurz.
„Sechs Euro achtundsiebzig, bis wohin komme ich da?“
„Für sieben bis an den Bahnhof, ohne Rückfahrt. Den ganzen Tag habe ich nicht Zeit.“ Die Tippgeräusche der Fahrerin auf dem Display waren bis zum Ende des Fahrzeuges zu hören.
„Aber zum Bahnhof will ich gar nicht.“
„Also das ist dann wohl Ihr Problem. Dann eben Innenstadt.“ Erneutes Tippen. Die langen Fingernägel kratzen, klackerten, klopften an der Kasse.
„Danke.“ Er schlurfte samt Gehstock, fünfzig Cent Rückgeld und verschatteten Augen zu einem freien Platz. Der Bus fuhr mit einem Ruckeln an, noch bevor er sich setzen konnte. Er fiel auf den Sessel mit diesem seltsamen, deprimierenden Muster. Innenstadt also.
„Ich weiß es nicht, Papa.“ Der Junge hatte einen Schulranzen auf dem Schoß. Das Grün biss sich mit dem Muster der Sitze. Er trug einen Ausdruck der müden Verzweiflung auf dem Gesicht. Zusammengezogene Augenbrauen und zerbissene Unterlippe. „Ich will auch gerade gar nicht.“
„Was soll das denn heißen, du weißt es nicht?“
Das Kind zuckte die Schultern, sah kurz aus dem Fenster, wieder hoch zu seinem Vater und begann dann, an der Schnalle seines Ranzens herumzuspielen.
„Was das heißen soll, hab` ich gefragt.“ Donner-gleich knallte die Stimme des Mannes hervor. Er bekam keine Antwort, wieder nicht. Stattdessen fing das Kind an, an seiner zerbissenen Unterlippe zu zupfen.
Einar versuchte, wegzusehen. Er bemühte sich wirklich. Immer wieder aber fanden seine Augen den Weg zu denen des Jungen, der überall hinzusehen schien, eben nur nicht ins Gesicht seines Vaters.
„Dass ich es eben nicht weiß“, erwiderte er schließlich. Seine Unterlippe schien zu bluten, jedenfalls hatte er mit einer Grimasse von ihr abgelassen. „Außerdem hat die Lehrerin gesagt, dass …“
Kurze Pause. Aber da kam nichts mehr, der Satz blieb angefangen und nicht zu Ende gebracht zwischen den Sitzen kleben. „Da gibt es ja auch nichts zu wissen!“, spie der Mann schließlich.
Das Kind zuckte mit den Schultern. Wieder: Fenster, Vater, Blick abwenden. Es hatte angefangen, sich immer und immer wieder am Hals zu kratzen. Einar bemerkte, dass die Stelle sich bereits hummerrot färbte.
„Du sollst mir nur vorlesen, was da steht!“ Beschämt sah der große Mann sich um. Erst Richtung Busfahrerin, dann nach hinten, sodass Einar sich gezwungen sah, den Blick auf seine Schuhe zu richten. Der Mann trug eine orangefarbene Krawatte, das hatte er noch erkennen können. Und riesige Hände hatte er, die gefaltet über dem Griff der Ledertasche kauerten. „Das kann doch nicht so schwer sein“, meinte er dann, mit ruhigerer Stimme.
Höchstens dritte Klasse, dachte Einar. Eher in der zweiten vielleicht. Er seufzte leise. In seinem Bauch spürte er ein seltsames Brennen. Herunterschlucken, bloß herunterschlucken, genauso wie die Gedanken an seinen eigenen Vater.
„Jetzt mach schon, Junge, was soll das denn?“, zischte der Mann. Noch mal drehte er sich, wand seinen langen, schmalen Rücken. Einar senkte abermals den Blick.
Flora und Ines tanzten durch seine Gedanken und dass sie niemals Probleme in der Schule hatten. Niemals, auch an der Universität nicht. Ein Lächeln breitete sich in seinem Brustkorb aus, während er an seine Töchter dachte. Wenn es auch nicht sein Gesicht erreichte, so war es doch Grund für einen zeitweise gleichmäßigeren Atem. An seine eigene Schulzeit aber …
„Doch.“ Ganz klein war die Stimme des Jungen, mäanderte aber dennoch durch den ganzen Bus, prallte an der hintersten Scheibe wieder ab, um dem Vater mit voller Wucht an die Stirn zu schlagen.
Was dieser nun sagte, konnte Einar nicht verstehen. In Zeitlupe wechselte das Gesicht des Mannes erst von Irritation zu Wut. Sein Mund bewegte sich wie die Schnauze eines Tieres, rot aufblitzendes Zahnfleisch über viel zu weißen Zähnen. Spuckefetzen flogen an seinem Sohn vorbei gegen die Scheibe. Dieser sah ihn immer noch nicht oder eben nicht mehr an, sondern blickte nur auf seine Hände, die immer weiter am Schulranzen nestelten. Nur von ihm abließen, um am dünnen Hals zu kratzen.
In Einars Ohren rauschte es, und er atmete bewusst langsam ein und wieder aus. Feuer in seinem Bauch, das ihm Lunge und Zwerchfell verbrannte. Er krallte sich am Sitz fest. Er wollte die Augen öffnen und dem Mann etwas sagen. Irgendwas, vermutlich, dass es die Tränen seines Sohnes nicht wert waren. Oder aber, dass seine Wut nichts bringen würde, gar nichts, vermutlich nur das Gegenteil von dem, was er sich für sein Kind wünschte.
Aber seine Lider hoben sich nicht. Langsam drang die Stimme des Vaters wieder zu ihm durch. Schwärze vor seinen Augen.
1. Wahrheit
Als sie ins Zimmer B 011 trat, war Einar sich vollkommen sicher: Das war die Frau, die er einmal heiraten würde. Hellblondes Haar hatte sie, das bis zur Taille fiel, und dunkelbraune Augen, die ihn direkt an ein übervolles Honigglas denken ließen.
„Setzen Sie sich ruhig, wohin Sie wollen.“ Der Lehrer der Abendschule lächelte ihr aufmerksam zu und deutete auf den beinahe leeren Raum. Außer Einar hatten sich nur sechs weitere Lernwillige eingefunden. Während die junge Frau sich in der letzten Reihe hinter einem Berg von mitgebrachten Büchern versteckte, fiel Einar auf, dass er ihren Namen verpasst haben musste.
„Seien Sie bitte nett zu Frau Holley. Wenn wir Glück haben, wird sie uns öfter mit ihrer Anwesenheit beehren.“ Einar drehte sich um und konnte gerade noch erkennen, wie sie dem Lehrer ein schüchternes Lächeln schenkte.
„Gut, also machen wir weiter, wo wir gerade aufgehört haben.“
Es kostete Einar kaum Überwindung, nach der Stunde auf seine neue Leidensgenossin zuzugehen. „Und, viel langweiliger geht es nicht, oder?“ Er setzte sich auf ihre Tischkante und hoffte inständig, dass es müheloser aussah, als es sich anfühlte.
„Wie bitte?“
Er lächelte und spannte den Bauch an, um nicht vom Tisch zu kippen. „Ich fürchte, ich habe vorhin deinen Namen verpasst. Ich bin Einar.“
„Louise. Hi.“ Sie sah zwischen einigen Haarsträhnen hervor, hörte aber nicht auf, hektisch ihre Bücher einzupacken. „Ich fand die Stunde ziemlich gut.“
„Das muss die Motivation der Anfängerin sein.“ Er fuhr sich durch die Haare und bemühte sich, nicht zu laut zu lachen. „Ich habe die Hausaufgaben schon seit Wochen nicht mehr gemacht.“
„Wenn du meinst.“ Sie drehte sich von ihm weg, als sie ihren kirschroten Schal über die Schultern warf.
„Und der Prof ist auch nur ehrenamtlich hier, der gibt sich nicht mal Mühe.“ Einar bemerkte, dass er ins Plappern kam. Als er den Mund ruckartig schloss, klackten seine Schneidezähne aufeinander.
„Also ich arbeite ehrenamtlich im Tierheim.“ Als sich Louise ihm abermals zuwandte, sah er, dass sie ebenfalls rotfarbene Ohrstecker trug, die die Form von kleinen Herzen hatten. „Und ich gebe mir da sehr viel Mühe.“ Mit ihren blassen Händen malte sie Anführungszeichen in die Luft, vermutlich um zu betonen, dass sie seinen Wortlaut bewusst wiederholte.
Einar bemühte sich, die Stimmung wieder ins Positive zu kippen. „Oh Mann.“ Er seufzte theatralisch. „Bist du etwa auch so eine verrückte Katzen-Lady?“ Er erntete kein Lachen. Nicht mal ein Schmunzeln. Die einzige Reaktion, die Louise ihm schenkte, war ein irritierter Blick. Nach kurzer Pause sagte sie: „Was auch immer. Schön, mal mit dir gesprochen zu haben.“ Sie begann, sich einen Weg durch die unnötig zahlreichen Tische zu bahnen.
Einar hastete ihr hinterher und blieb dabei mehr als einmal mit seiner Tasche hängen. „Hey, ich wollte eigentlich fragen, ob wir mal einen Kaffee trinken wollen?“
„Trinke ich nicht.“ Louise nickte dem Lehrer höflich zu und fuhr fort, ohne sich umzudrehen. „Kaffee meine ich. Aber danke.“ Ihm fiel auf, dass sie ihm nicht einmal die Tür aufhielt, als sie, mit wehenden Haaren, davonrauschte.
Die Idee, beim einzigen Tierheim des Ortes anzurufen, kam ihm so spät, dass es Einar peinlich war, den genauen Zeitpunkt seinen Freunden gegenüber zu erwähnen. Stattdessen schob er seine Untätigkeit auf eine bloße Zögerlichkeit. Erst einmal musste er sowieso die Nummer suchen. Wie lange das dauern würde, konnte er nicht einschätzen. Würde das kleine Tierheim überhaupt im Telefonbuch erwähnt sein? Die Mühe, die es ihn kosten würde, die Nummer zu finden, schreckte ihn zumindest anfangs ab. Und selbst wenn er da anrief, was sollte er sagen? Würde sie überhaupt rangehen? Seine nervösen Überlegungen wurden durch eine schüchterne Stimme unterbrochen, die er direkt als Louises erkannte.
„Guten Abend. Sie sind mit dem Tierheim verbunden. Was kann ich für Sie tun?“
„Ja, also hören Sie …“ Einar fiel auf, dass er sich wohl vor dem Anruf eine Geschichte hätte überlegen sollen. „Ich habe hier ein kleines Problem.“
„Ok?“ Den Beginn des Wortes zog sie in die Länge, etwas irritiert von diesem offensichtlich seltsamen Anrufer. „Kann ich Ihnen vielleicht behilflich sein?“, sagte sie nach kurzem Zögern, als habe sie einen Blick auf ein vermeintliches Telefonskript geworfen, das ihr zu jeder erdenklichen Situation einen Text verriet. Was hätte Einar für diese Hilfestellung getan.
„Meine Katze …“ Er räusperte sich, täuschte einen Hustenanfall vor, der sogar für ihn selbst besonders unecht klang. „… die ist krank. Also glaube ich.“
„Oh nein, das tut mir leid! Was hat sie denn?“ Sie schien tatsächlich besorgt zu sein. „Wobei, warten Sie mal.“ Er hörte, wie Louise leise einige Sätze an jemanden richtete. „Da müssen Sie eigentlich beim Tierarzt anrufen, ich kann Ihnen da leider nicht helfen“, erklärte sie.
Glücklich über den Ausweg aus diesem unangenehmen sowie erlogenen Gespräch bedankte Einar sich überschwänglich und legte auf.
In den wenigen Wochen, über die sich dieses Hin und Her erstreckte, fand Einar nicht nur eine ungewöhnliche Motivation für das Besuchen des Abendkurses, sondern auch eine ganz neue Unsicherheit. Der sonst so selbstbewusste junge Mann musste jedes Mal, wenn das Telefon anfing zu tuten, einige tiefe Atemzüge nehmen und sich versichern, dass seine Stimme nicht plötzlich aufgehört hatte, zu funktionieren. Viele der folgenden Telefonate waren weniger von Peinlichkeit und Verwirrung geprägt als das Erste, und so verstärkte sich Einars Annahme, in Louise seine Seelenverwandte gefunden zu haben.
Bald bewegten die Themen sich von imaginären erkrankten Katzen zu persönlicheren Fragen: Was war ihre Lieblingsfarbe? Taubenblau oder dunkles Rot. Was machte sie in ihrer Freizeit? Lesen. Was war ihr liebstes Buch? Und ja, sie müsse sich wirklich für nur eines entscheiden. Rebecca, von Daphne du Maurier. Was wollte sie einmal werden? Lehrerin, am liebsten an einer Grundschule. Hatte sie einen festen Freund? Nein.
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