Krimi & Spannung

Neuanfang

San Niklas

Neuanfang

Der 1. Fall für Angela James

Leseprobe:

Für meine Mutter,
die ihre Erholung beim Lesen
von spannenden Büchern findet.

Ich wünsche dir viel Vergnügen.
Deine Tochter



Prolog

Die Uhr an der Küchenwand zeigte eine Stunde nach Mitternacht und draußen war es eisig kalt. Es hatte aufgehört zu schneien, denn bei der Kälte froren selbst die Schneeflocken ein. In den letzten Tagen hatte der Winter die Stadt unter seine Kontrolle gebracht. Obwohl sich die Straßenarbeiter so gut es ging, bemühten, war an ein Vorwärtskommen kaum mehr zu denken. Selbst auf dem Bürgersteig herrschte tagsüber ein Gedränge und die Fußgänger quälten sich über Schneehaufen hinweg. Einige Äste konnten der weißen Last nicht mehr standhalten und hingen von den Bäumen herunter oder blockierten die Wege.

Ich saß an meinem Küchentisch und genehmigte mir ein Glas Rotwein. Das Chaos in meiner neuen Wohnung hatte ich noch nicht in den Griff bekommen. Obwohl seit meiner Ankunft bereits eine Woche vergangen war, standen immer noch überall ungeöffnete Kartons herum und etwas zu finden, war ein Ding der Unmöglichkeit. Selbst in meinem Badezimmer standen mir nur die Sachen aus meiner Reisetasche zur Verfügung, weil ich alles Weitere bisher noch nicht hatte finden können.
Schon in zwei Tagen sollte ich meine neue Stelle beim New York Police Department antreten. Irgendwie schien mir alles ziemlich unrealistisch. Noch vor einem Monat hatte ich vor dem Scherbenhaufen meines bisherigen Lebens gestanden. Die Ereignisse überschlugen sich und waren irgendwann zu viel geworden. Ich wusste, dass eine grundlegende Veränderung der einzige Weg sein konnte, damit ich wieder Ruhe finden würde.
Nun saß ich hier in einer Dreizimmerwohnung, die mir völlig fremd war und ab jetzt mein Zuhause sein sollte. Dass ich ein Team beim Morddezernat des NYPD übernehmen würde, flößte mir Angst ein. Ich bat in Chicago um meine Versetzung, nachdem ich mich ein Jahr zuvor vergeblich um die Leiterstelle beim Drogendezernat beworben hatte. Damals wollte niemand etwas von einer weiblichen Führungsperson wissen. Doch hier in New York schien das anders zu sein. Nach meinem Versetzungsantrag dauerte es nicht lange, bis ich einen Brief mit dem Stellenangebot auf dem Schreibtisch vorgefunden hatte. Ich war sofort begeistert gewesen und nahm ohne lange Überlegungen an. Doch je näher nun der lang ersehnte Tag kam, an dem ich mein neues Team kennenlernen würde, desto mehr wich diese Begeisterung einer Art von Angst. Ich fragte mich, ob ich dieser Aufgabe auch wirklich gewachsen sein würde. Würden mich die neuen Kollegen akzeptieren? Würden mich meine Vorgesetzten akzeptieren? Würde ich mich in der Stadt zurechtfinden? Amerika ist groß. Ich konnte mir gut vorstellen, dass mich hier Gegebenheiten erwarten würden, an die ich in Chicago nicht einmal im Entferntesten gedacht hatte.
Meine Gedanken kreisten nun schon seit Tagen immer wieder um die gleichen Themen und so sehr ich mich auch bemühte, ich konnte nicht aufhören, mir ständig dieselben Fragen zu stellen. Dies entsprach eigentlich überhaupt nicht meiner Art und es ärgerte mich, dass ich so unsicher war. Normalerweise strotze ich nur so vor Selbstsicherheit. In der beruflichen Umgebung konnte ich mir auch nichts anderes erlauben, denn die Verbrechensaufklärung lässt keinen Platz für Unsicherheit oder Angst.

Ich trank den letzten Schluck aus meinem Weinglas und machte mich wieder daran, ein paar Kisten auszupacken. Endlich fand ich meine Kleider und auch die Badezimmerutensilien. Da ich in Chicago nur eine kleine Zweizimmerwohnung gehabt hatte, fand ich hier mehr als genug Platz, um alles in den Einbauschränken zu verstauen. Nachdem ich im Badezimmer alles an seinen neuen Ort gestellt hatte, fiel mir auf, dass der Spiegelschrank noch immer halb leer war. Das würde sicher auch so bleiben.
Kurz nach drei Uhr packte mich die Müdigkeit und meine Motivation weiter auszupacken, schwand allmählich. Ich gönnte mir noch ein halbes Glas Wein und legte mich dann in das mir noch fremd vorkommende Bett.



1

Es war Sonntagmorgen um halb sechs Uhr, als es an meiner Haustür klingelte. Ich schreckte aus dem Tiefschlaf auf. Im ersten Moment hatte ich keine Ahnung, wo ich eigentlich war. Doch dann fiel mir alles wieder ein: Ich war in New York in meiner neuen Wohnung. Es klingelte ein zweites Mal. Ich stand auf und ging verschlafen in Richtung Wohnungstüre.
Durch das Guckloch sah ich einen großen, sportlich wirkenden Mann mit dunklen Haaren, die irgendwie aussahen, als hätten sie heute noch keine Haarbürste von Nahem gesehen. Bei diesem Gedanken vergaß ich mein eigenes Erscheinungsbild. Er trug ein schwarzes Kapuzenshirt und hielt ein Basecap des NYPD in der Hand. Nach kurzem Zögern fragte ich durch die verschlossene Türe: „Wer ist da?“ Er antwortete in einem gehetzten Ton: „Lieutenant James? Hier ist Detective Sanise vom NYPD. Ich bin in Ihrem Team und dachte mir, da Sie morgen bei uns anfangen, nehme ich Sie heute schon mit zu einem Tatort.“ Ich antwortete mit immer noch verschlafener Stimme: „Ja – bitte warten Sie kurz!“
Damit hatte ich nun wirklich nicht gerechnet. Ich war alles andere als auf einen Einsatz vorbereitet. Einen mir endlos erscheinenden Moment stand ich orientierungslos in meinem Wohnzimmer. Dann fiel mir wieder ein, was ich zu tun hatte: Eilig suchte ich meine Jeans und den Pullover, den ich am Abend zuvor getragen hatte. Eigentlich war es nicht meine Art, so zur Arbeit zu erscheinen, doch im Moment schien es mir nicht der richtige Zeitpunkt, noch lange nach etwas Angemessenerem zu suchen. Immer noch barfuß und total zerzaust eilte ich zurück zur Türe und öffnete sie. Detective Sanise hielt mir seine Dienstmarke vor die Nase. Er sah sehr gut aus und hatte freundliche, blaue Augen, deren Glanz an einen kleinen Jungen erinnerte. Im Gegensatz dazu ließen seine Gesichtszüge einen gepflegten, selbstbewussten Mann erkennen. Ich stand wie angewurzelt vor ihm und wusste nicht, was ich sagen sollte.
Ihm war meine Unsicherheit nicht entgangen. Mit einem leicht amüsierten Lächeln streckte er mir seine Hand entgegen. „Daniel Sanise. Freut mich, Sie als Erster im Team kennenzulernen.“ Er lächelte immer noch, als ich ihm die Hand gab und stotternd antwortete: „Angela James. Freut mich auch.“ Dann fiel mir doch noch ein, ihn hereinzubitten und mich für mein Zögern zu entschuldigen.
‚Super‘, dachte ich, ‚das fängt ja gut an.‘ Ich ließ ihn in meinem chaotischen Wohnzimmer stehen und suchte Socken, Schuhe, Jacke und Brieftasche zusammen. Nachdem ich endlich alles gefunden hatte, fragte ich ihn, was eigentlich geschehen war. Er schilderte die Fakten und hörte sich dabei so an, als ob er alles aus einem Skript auswendig gelernt hätte: „Eine Leiche wurde am südlichen Ende des Central Parks gefunden. Es handelt sich um eine junge Frau. Sie ist noch nicht identifiziert, da keine Papiere bei ihr gefunden wurden. Laut ersten Einschätzungen wurde sie erdrosselt.“
Dann folgte ein erwartungsvoller Blick. Als ich ihn nur ansah und nichts zu erwidern wusste, sagte er etwas verlegen: „Bitte entschuldigen Sie, dass ich Sie damit belästige. Äh – ich dachte mir, dass Sie vielleicht dabei sein möchten, da Sie ja ab morgen sowieso für diesen Fall zuständig sein werden. Aber wenn es Ihnen unangemessen erscheint …“, „Nein, nein“, unterbrach ich ihn „es ist nett von Ihnen, dass Sie daran gedacht haben, mich von Anfang an einzubeziehen. Also gehen wir!“

Ich trat nach ihm aus meiner Wohnungstüre und schloss hinter mir ab. Wir schlichen leise und wortlos durch das Treppenhaus, denn immerhin war es sehr früh und außer uns schien noch niemand diesen Tag begrüßen zu wollen. Er hatte seinen Dienstwagen direkt vor der Haustüre geparkt. Die Kälte schlug mir erbarmungslos ins Gesicht. Ich mochte den Winter nicht und ich konnte mir auch nicht vorstellen, dass ich mich jemals an die kurzen, eisigen Tage gewöhnen würde. Die Straßenlampe gaukelte eine nicht vorhandene Wärme vor. Außerhalb ihrer Reichweite war es stockdunkel.
Wir stiegen in den Wagen und Sanise schaltete unverzüglich die Heizung auf Hochtouren. Um diese Uhrzeit kam man in den sonst so überfüllten Straßen von New York noch recht gut voran. Wir fuhren in Richtung Midtown. Die mich umgebende Wärme der Sitzheizung erinnerte mich an meine Müdigkeit. Da erst wurde mir klar, dass ich in dieser Nacht gerade mal zweieinhalb Stunden im Bett gelegen war. ‚Oh je‘, dachte ich, ‚wie werde ich diesen Tag überstehen?‘
Am Columbus Circle bogen wir in den Central Park Driveway ein. Während der ganzen Fahrt hatten wir kaum miteinander geredet. Ich sah staunend aus dem Fenster des fahrenden Wagens und kam mir klein und verloren vor. Diese Stadt war mir so fremd und schien nie zu schlafen. Die Leuchtreklamen funkelten in allen Farben und trotz der frühen Tageszeit tummelten sich Menschen auf den Gehsteigen und die Autos beleuchteten die Fahrbahnen. Vor allem die gelben Taxis waren schlicht überall. Vermutlich stellten sie die Hälfte aller Fahrzeuge dar, die sich hier durch die Straßen zwängten.
Ich musste an die Szene von vorhin in meiner Wohnung denken. Das war nicht gerade die Art und Weise, wie ich mich meinem Team präsentieren wollte. Daniel Sanise hatte mich für einen Moment aus der Fassung gebracht. Als Entschuldigung ließ ich für mich selbst gelten, dass er mich aus dem Schlaf gerissen hatte. Dennoch war ich nicht zufrieden mit meiner Reaktion. Ich verspürte das Bedürfnis, mich zu rechtfertigen, aber mir war klar, dass ich dadurch nur alles noch schlimmer machen würde.
„Ist alles in Ordnung?“, fragte plötzlich Detective Sanise. Ich zuckte zusammen. Ich war so in meinen Gedanken gewesen, dass ich ganz vergessen hatte, wo ich mich befand. „Ja, alles bestens“, antwortete ich, während ich versuchte, meine Gedanken beiseitezuschieben.

Schon von Weitem konnten wir die Blinklichter der Polizeiwagen erkennen, deren Flackern von den Bäumen des Central Parks reflektiert wurde.
Als wir am Fundort der Leiche ankamen, geriet ich erneut ins Staunen: In Chicago waren bei einem Leichenfund üblicherweise ein Rettungswagen und ein Einsatzfahrzeug der Polizei vor Ort gewesen. Insgesamt hatten sich maximal fünf Personen um den Tat- oder Fundort gekümmert. Hier standen fünf Streifenwagen, zwei zivile Fahrzeuge und ein Rettungswagen vor einer hell erleuchteten Stelle auf dem kleinen Weg zwischen den angrenzenden Bäumen. Ich fühlte mich mehr und mehr wie ein Landei, das zum ersten Mal in seinem Leben in einer Stadt war. Dabei vertrat ich immer die Auffassung, dass Chicago auch kein Bauerndorf sei.
Es schien, als könnte Sanise meine Gedanken lesen. Er sah mich an und sein Blick zeigte einen Hauch von Mitleid. „Ist wirklich alles in Ordnung?“, wiederholte er seine Frage.
Es hatte offensichtlich keinen Sinn, etwas verbergen zu wollen. „Ich fühle mich ein wenig verloren in dieser riesigen Stadt. Brauche wohl noch ein paar Tage, bis ich mich daran gewöhnt habe.“ Kaum hatte ich sie ausgesprochen, bedauerte ich auch meine Antwort schon, denn er grinste mich an, als wollte er sagen: ,Keine Sorge, Kleines, das wird schon.‘
Was war nur los mit mir? Wo waren mein Selbstvertrauen und das sichere Auftreten, auf das ich immer so stolz gewesen war. Verdammt, das konnte so nicht gehen. Ich konnte mich wohl kaum wie ein eingeschüchtertes Kind benehmen, wenn ich ab morgen ein Team beim Morddezernat leiten sollte. Ich ärgerte mich über mich selbst. Mir fiel wieder ein, was der Captain vom Chicago Police Department zu mir sagte, als wir uns verabschiedeten. Er hatte gefragt, ob ich mir sicher sei, dass ich nicht erst ein paar Tage Ruhe brauchen würde, bevor ich mich in New York wieder in die Arbeit stürzen wolle. Ich bestätigte, dass ich in Ordnung und der Aufgabe gewachsen sei. Darauf schenkte er mir ein gedrücktes Lächeln und wünschte mir alles Gute. Vielleicht hatte er ja doch recht gehabt und es war zu früh, nach allem, was in den letzten Wochen passiert war. Was, wenn ich es nicht schaffen würde? Trotz der Kälte wurde mir heiß. Ja, ich hatte Angst. Das durfte mich jedoch nicht daran hindern, meinen Job zu machen. Jetzt wäre es ohnedies zu spät für eine andere Entscheidung. Untermauert von einem tiefen Seufzer gab ich mir einen symbolischen Tritt und nahm eine selbstbewusste Haltung ein.

Wir stiegen aus dem Wagen und gingen auf die hell beleuchtete Stelle unter den Bäumen zu. Im ersten Augenblick schien niemand der Anwesenden von uns Notiz zu nehmen. Doch dann kam ein dunkelhäutiger Mann afroamerikanischer Abstammung auf uns zu. Er war nicht so groß wie Sanise, hatte aber ebenfalls eine sportliche Figur. „Darf ich vorstellen: Das ist der Zweite im Bunde, mein Kollege Detective Frank Trevar. Frank, das ist unser neuer Boss, Lieutenant Angela James. Ich habe sie abgeholt, damit sie sich von Anfang an ein Bild von dem Fall machen kann.“ Trevar musterte mich kurz und streckte mir seine Hand entgegen. Mit einem höflichen Nicken begrüßte er mich. Ich erwiderte seinen Gruß und setzte hinzu: „Was können Sie vorläufig sagen, Detective?“
Der Detective deutete mit dem Kopf in Richtung der Leiche und begann seine Ausführungen. „Nun, die Frau wurde offensichtlich erdrosselt. Zuvor wurde ihr aber übel mitgespielt. Ihr ganzer Körper ist übersät mit blauen Flecken und Schnittwunden. Scheint, dass der Täter etwas aus ihr raus prügeln wollte. Spuren einer Vergewaltigung sind auf den ersten Blick nicht erkennbar.“ Er unterstrich seine Ausführungen mit einem ratlosen Schulterzucken.
Wir folgten Trevar hinüber zu der Leiche. Die Gerichtsmedizinerin hatte ihre Untersuchungen bereits abgeschlossen. Sie unterhielt sich etwas abseits mit einem Streifenpolizisten. Als sie uns sah, wandte sie sich von ihrem Gesprächspartner ab, um uns Bericht zu erstatten. „Der Todeszeitpunkt liegt etwa drei Stunden zurück. Sie wurde erdrosselt. Die Blutergüsse und die Schnittverletzungen wurden ihr vor dem Tod zugefügt. Mehr kann ich Ihnen sagen, wenn sie auf meinem Tisch liegt.“ Als Sie vom Opfer aufsah, ergriff Trevar die Gelegenheit, um mich vorzustellen. „Belinda, das ist unsere neue Vorgesetzte, Lieutenant James.“ Die Gerichtsmedizinerin sah mich erschreckt an. „Entschuldigen Sie bitte, ich habe mich nicht vorgestellt“, sagte sie sichtlich peinlich berührt, „mein Name ist Belinda Brauer. Ich bin Gerichtsmedizinerin in Ihrem Dezernat.“ Ich lächelte sie an und reichte ihr meine Hand. „Freut mich, Sie kennenzulernen. Ich bin -– wie Sie ja bereits gehört haben – Lieutenant Angela James und werde Ihnen ab morgen mehr oder weniger täglich mit Fragen und Ungeduld auf die Nerven gehen.“ Wir lachten beide. Belinda war mir von der ersten Sekunde an sympathisch. Sie hatte etwas sehr Warmes und Beruhigendes an sich. Vielleicht war es auch ihre afroamerikanische Abstammung und ihre leicht rundliche Figur, die mich unweigerlich an die Mutter meiner besten Freundin aus der Schulzeit erinnerten.

Als ich mich wieder zu der Leiche umdrehte, wurde sie gerade von zwei Sanitätern in einen Leichensack eingepackt und für den Abtransport vorbereitet. Ich betrachtete mir noch einmal die Stelle, an der sie gefunden worden war. Es war erstaunlicherweise fast kein Blut zu sehen. Nur dort, wo sie direkt mit einer Wunde im Schnee gelegen hatte, konnte man leichte rötliche Verfärbungen ausmachen. Daraus war zu schließen, dass die Frau nicht hier misshandelt worden war.
Da ich meine Ausrüstung nicht bei mir hatte – schließlich war ich ja auf meinen Einsatz heute Morgen nicht vorbereitet gewesen – bat ich einen Officer, mir seine Taschenlampe zu borgen. Ich wollte mich noch ein wenig in der unmittelbaren Umgebung des Fundortes umsehen. An einer Stelle, etwa zwanzig Meter von der Leiche der Frau entfernt, war das Dickicht unter einem großen Baum heruntergebogen. Bei näherer Betrachtung entdeckte ich einen toten Hund unter den abgebrochenen Zweigen. Es war unschwer zu erkennen, dass das arme Tier nicht eines natürlichen Todes gestorben war. An seiner rechten Flanke klaffte eine große Schnittwunde.
„Sanise, die Tote ist nicht alleine hierhergekommen“, rief ich dem Detective zu. Er stand bei Trevar und drehte sich nur gemächlich zu mir um. „Das denke ich doch. Sie ist mit dem Mörder gekommen!“ Zu dieser Bemerkung grinste er über das ganze Gesicht. Ich hätte ihm am liebsten eine gedonnert für diese Antwort, denn sie löste bei den Herumstehenden schallendes Gelächter aus. „Nein, das meine ich nicht“, erwiderte ich betont ernst, „wir haben hier noch eine Leiche.“ Die theatralische Wortwahl war Absicht und zeigte Wirkung. Das Gelächter verstummte augenblicklich. Trevar und Sanise eilten zu mir herüber. Zwei andere Officers folgten ihnen. „Hier“, deutete ich auf die Stelle unter dem Baum, „der Hund. Mein Bauchgefühl sagt mir, dass er zum Opfer gehört. Er soll ebenfalls in die Gerichtsmedizin und untersucht werden. Vielleicht finden wir den Zusammenhang.“ Mit Erleichterung stellte ich fest, dass ich meinen Befehlston langsam wieder fand. Eigentlich war diese Ausdrucksweise nicht mein Stil, aber bei der noch immer vorhandenen Männervorherrschaft im Morddezernat war es die einzige Methode, sich durchzusetzen.
„Ja, wird erledigt, Lieutenant“, antwortete Trevar, ohne Fragen zu stellen.
„Wow, Sie legen sich ja gleich mächtig ins Zeug! Alle Achtung“, bemerkte Sanise mit einem breiten Grinsen. Ich konnte diese überhebliche Art nicht ausstehen und vor allem nicht einschätzen. Er schien sich über mich lustig zu machen, und was noch schlimmer war, er brachte mich irgendwie aus der Fassung.
Ich ignorierte ihn und rief Belinda zu uns herüber, damit sie sich ein erstes Bild von dem Hund machen konnte. Bevor sie ihn aus dem Unterholz zog, machte Sanise ein paar Fotos. Die Gerichtsmedizinerin hob das Tier sorgfältig auf einen ausgebreiteten Leichensack, den einer der Officers bereitgelegt hatte. Sie drehte es auf die Seite und untersuchte seine Augen. „Es ist zwar ziemlich merkwürdig, aber meiner Ansicht nach ist dieser Hund ebenfalls erdrosselt worden. Normalerweise werden Hunde doch erschossen oder vergiftet. Habe noch nie gehört, dass jemand einen Hund erdrosselt hat. Wenn er in meinem Labor ist, kann ich Genaueres sagen.“ Damit stand sie auf, zog ihre Latexhandschuhe aus und ging zu ihrem Wagen.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 292
ISBN: 978-3-99038-449-7
Erscheinungsdatum: 25.06.2014
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Krampus & Nikolo