Cover: Mord und andere familiäre Zutaten

Mord und andere familiäre Zutaten


EUR 17,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 36
ISBN: 978-3-7116-0739-3
Erscheinungsdatum: 12.06.2025
Am See geht ein Mörder um und ein Motiv, Ed umzulegen, hatten viele Bootsbesitzer vom Steg. Kommissar Reilinger ist auf der Spur, doch da wird auch schon die nächste Leiche im See gefunden und auf dem Wasser gehen geheime Machenschaften vor sich.
Mord und andere familiäre Zutaten


Ed war ins Wasser gefallen. Sein Körper wies einige Verletzungen auf. So konnte nicht ausgeschlossen werden, dass er möglicherweise gestoßen worden war – oder noch schlimmer: man ihn ertränkt hatte.

Wir Anleger vom Bootssteg „Wasserfrosch“ waren erschüttert, hatten wir doch noch einen Abend vorher zusammen an Land gesessen, Bier und Wein getrunken und die obligatorischen Erdnüsse geknabbert. Unsere Runde war dann auch die erste, die verhört wurde. Wer hat wo neben wem gesessen und ist wann gegangen – nach Hause oder auf sein Boot. Der Abend war lang gewesen und es hatte eine gemütliche Stimmung geherrscht, kein Streit oder so, nichts hatte darauf hingedeutet, dass Ed sein Leben verlieren würde.

Der See, an dem unsere Boote verschiedener Qualität und Größe lagen, war zum Schwimmen nicht geeignet, weil man nicht stehen konnte, ohne im Sumpf zu versinken. Bei hohem Wellengang wurde die Brühe so richtig aufgewirbelt und das Wasser braun. Ab und zu gab es auch Algen.

Aber, wie gesagt, die Leute vom Steg waren verträglich. Ohne das übliche Gerede ging es natürlich nicht ab – wie überall. Dass sich Rother ein noch größeres Boot kaufen wollte, weil er klein und geltungssüchtig sei. Seine Frau hieß bei allen nur „die Dicke“, obwohl sie eigentlich nicht dick war, sondern nur Beine wie Stampfer hatte. Ihr Vorname lautete Ute und sie rauchte stark; vielleicht bekam sie deshalb kein Kind, ha, ha. Es hieß, sie würde Ed nachsteigen – und Rother hätte das mitbekommen …

Bumpi hatte eine von zwei Schwestern, die mal mit dem einen, mal mit dem anderen liiert war. Und Balle hatte die andere von den beiden, die sich nur darin unterschieden, dass die Freundin von Balle einen kleineren Bauch hatte, ansonsten aber auch dürr war. Balle wurde so genannt, weil er im Winter auf Mallorca am Ballermann gewesen war. Außerdem war er hinter jedem Rock her – und Ed hatte gerade eine tolle Schnitte angeschleppt. Olga, die immer alles wusste, war sich sicher, dass Ed sie über Hockers kennengelernt hatte. Na dann.

Hirte gehörte ebenfalls zu der Gruppe um Rother, war eigentlich nicht doof, aber Rother fast hörig. Hatte er Ed umgebracht, weil der sich an die Dicke herangemacht hatte, oder die sich an Ed? Wenn Ed viel getrunken hatte, dann hörte man schon Sprüche wie „Komm zu mir Mädel, ich mach dir ein Kind“, oder „Willste mal meinen sehen? Da wirste schon vom Angucken fett, ha, ha.“

Hockers waren eigentlich überall dabei, traten immer im Doppelpack auf. Sie sah durch ihre Frisur leicht wie der verstorbene Mooshammer aus. Er unterstützte seine Frau in allem, was sie sagte mit „Genau!“ oder „So meine ich das auch“ oder „Sie ist so klug“. Eine eigene Meinung von ihm war nie zu hören, da wartete man vergebens. Sie hatten mit Ed nichts zu tun, aber vielleicht mit seiner Freundin. Ich glaube, sie hatte Hockers mal eine Wohnung besorgt … Aber in welchem Zusammenhang die sonst standen, das wusste nicht mal Olga. Und dann jemanden gleich umbringen?

Mechthild und den Biertrinker sah man auch nur zu zweit. Das Pärchen verhielt sich jedoch anders als die Hockers. Jeder sagte, was er dachte. Sie ging ins Boot und er blieb oder umgekehrt. Den Spitznamen hatten sie von Purzel bekommen, der als Helfer am Steg fungierte. Sie trank nichts außer Wasser, er versenkte sich in Bier und blieb gerne an Land, um mit den anderen zu saufen. Olga trank ja eher Wein. Und seit Neuestem gab es auch alkoholfreies Bier, das Franz verwaltete.

Dante war begehrt, weil er Motoren reparieren konnte – für ein Bier oder ein warmes Dankeschön. Die Frauen waren hinter ihm her, weil er gut aussah; vielleicht auch Eds Neue? Hatte ihn Dante deshalb umgebracht? Was eigentlich mit Dante los war, wusste so recht niemand. Man munkelte, seine Frau sei über Bord gegangen, er hätte es nicht bemerkt … Ein Mord? Dann geht der zweite leichter. Dante und Ed sind sich jedenfalls aus dem Weg gegangen. Munkel, munkel …

Dann saßen noch Arne und Lolle mit am Tisch. Die beiden hatten günstig ein Boot gekauft und bauten es nun auf. Ed hatte den Kauf damals vermittelt. War da etwas schiefgegangen? Günstig wurde für die beiden nun schon ziemlich teuer. Dante, dessen Boot daneben lag, ließ dauernd irgendwelche Sprüche ab. Als sie zum Tisch kamen, fragte er, ob sie sich ein Bier leisten könnten, er würde sie sonst einladen. Arne hätte ihm beinahe eine reingehauen, aber Lolle hielt ihn zurück. Ed sagte zu Dante, er solle es lassen, und grinste. Arne kochte. Hatte er Ed auf dem Gewissen?

Maria, die ein kleines Boot hatte und nur manchmal drauf schlief, weil alles so eng war, spielte sich auf. Ed sei ein wirklicher Kerl, ließ sie verlauten, aber er ginge nie auf sie ein. Hatte sie sich wegen der Nichtbeachtung gerächt?

Hermine hatte das einzige Hausboot am Steg, groß und geräumig. Und wenn sie gut drauf war, konnten wir auf ihrem Boot zusammenkommen. Addi, dem der Steg gehörte und der herumschwadronierte, kam nie dazu. Das war Ed zu verdanken, der Hermine aufgestachelt hatte – von wegen so hohe Gebühren und dann Geselligkeit auf ihrem Boot für lau, nicht mal ein Bier gibt der aus … Das hatte Addi mächtig geärgert und seine Position untergraben, was ihm sehr zu schaffen gemacht hatte. Aber deshalb ein Mord?

Zippa, Trude und Paula hatten zusammen ein Boot, nutzten es abwechselnd oder fuhren zusammen raus zum Schwimmen. Olga war oft mit dabei, aber mit ihrem eigenen Boot. Sie blieben oft über Nacht auf dem See und schlossen ihre Boote zu Päckchen zusammen. Also die drei Frauen saßen oft an Land in unserer Runde – so auch an dem bewussten Abend, als Ed wie auch immer starb.

Es gab noch etliche Bootsbesitzer, die ab und zu mal mit dazukamen, aber eben nicht an diesem Abend. Fritz wusste auch, wer sonst noch da war, auf dem Boot oder sonst wo; hatte er alles der Polizei gesagt. Einige Kunden waren allerdings auch auf dem Grundstück gewesen, weil Boote zum Verkauf standen, die sie sich ansehen wollten. Dass die es auf Ed abgesehen haben könnten, war unwahrscheinlich, aber auch nicht auszuschließen. Von denen hatte die Polizei keine Namen und Adressen, suchte sie über die Medien als Zeugen. Und so kam die Tatsache, dass Ed zu Tode gekommen war, einem großen Kreis zur Kenntnis.

Ed ist tot? Wie denn das? Ertrunken? Was? Verletzt? Die Spurensicherung konnte genau sagen, wo Ed ins Wasser gegangen war. Am Steg und am Boot, das dort lag, war Blut entdeckt worden. Fritz beeilte sich, eine Traueranzeige in den Schaukasten zu hängen mit den Unterschriften von Fritz, Addi und Purzel im Namen aller Bootseigner. So hing die Nachricht im Kasten unter der Überschrift „Zu verkaufen“.

Von Eds Seite kam niemand zum Steg, es kümmerte sich auch niemand um das Boot. Es war zwar noch nicht freigegeben, aber nachfragen hätte ja jemand können. Auch seine neue Flamme verlosch sofort, als sie vom Tode hörte. Die Polizei hatte sie wohl verhört, aber da sie an dem Abend nicht dabei gewesen war, konnte sie nicht viel sagen. Verdächtig war es jedoch, dass niemand Ed vermisste. Aus den Medien hätte sein Arbeitgeber erfahren müssen, dass Ed tot war. Und andere hatten es auch mitbekommen. Aber es blieb dabei: Zum Steg kam niemand.

Ich wollte Olga noch einmal fragen, was sie zur Freundin von Ed sagen konnte oder wusste. Hockers kannten sie wohl auch. Mit wem war sie vorher zusammen gewesen? Das Gelände vom Steg war ja kein Gefängnis, schwups war man über den Zaun geklettert. Und auf den Booten war auch alles nicht so stabil, dass man sich nicht hätte Zugang verschaffen oder Ed auflauern können. Ich hatte auch ein Problem, mich zu erinnern, wer wann gegangen war. Zwischendurch waren auch noch einige Kanuten an den Tisch gekommen, hatten was gesagt und waren wieder gegangen. Olga machte einen bedrückten Eindruck, faselte immer davon, man hätte Ed sicher retten können. Wie, das konnte sie nicht beantworten – oder wollte es nicht.

Ein friedlicher Steg, aber so war es wohl doch nicht. Jeder grollte jedem. Nur nach außen wurde freundlich getan. Hockers hatten ihr Boot neben Hermines Wohnboot. Dass sie das große Boot gewählt hatte, lag wohl auch daran, dass sie etwas gehbehindert war und einen guten Ein- sowie Ausstieg brauchte. Ihr Mann war sehr erfahren und konnte das Boot punktgenau anlegen, was viel Neid zur Folge hatte. Rother wollte der Platzhirsch sein, was Addi schon nicht gefiel. Aber einige hatte er trotzdem hinter sich geschart – und die stichelten ganz schön gegen die anderen. Er war gut im Kontern gewesen, von wegen kleiner Schwanz. Rother war außer sich gewesen, aber alle hatten gegrinst. Der muss eine Wut auf den gehabt haben … Aber wie immer, der Mörder ist immer der Gärtner. Was hatte Purzel damit zu tun? Er war der Helfer, zuständig für alles: vom Wegwischen der Entenscheiße auf den Stegen bis zum Rasenmähen. Deshalb der Gärtner … Sein Vorname lautet eigentlich Richard, aber der Nachname war Purzel; sehr lustig, nur nicht für ihn, denn Hockers legten sich einen Hund zu, dem sie den Namen gaben. „Purzel, sitz!“, „Purzel, hol Stöckchen!“, „Ha, ha …“ Ed war im Ärgern anderer ein Meister und schlug auch noch in die Kerbe; er war wohl Hockers verpflichtet, weil sie einen Bezug zu seiner Neuen hatten. Zufälle gibt es … Ich glaube nicht an solche Zufälle.
Die Arbeit der Polizei ging nur schleppend voran. Am Steg saßen immer weniger Leute zusammen. Die Stimmung war dahin. Addi war auch nicht daran gelegen, wenn man tuschelnd beieinanderstand. Die Saison neigte sich dem Ende zu und viele hatten noch am Boot zu tun: ausräumen, putzen. Ich war gerade im Bootsschuppen, um etwas zu holen, als ich Addis Stimme aus seinem abgeteilten Partyraum vernahm. „Das darf nicht rauskommen, hast du verstanden?!“, sagte er zu jemandem, mehr war nicht zu hören. Wer war die andere Person? Ich wartete vor dem Schuppen, meine Neugier war zu groß, als Franz vorbeikam und mich in ein Gespräch übers Wetter verwickelte, wie spannend, bla, bla … Um nicht unfreundlich zu sein, blieb ich Franz im Gespräch gegenüber und langsam aber sicher drehte ich mich mit dem Rücken zum Schuppen, als ich merkte, dass die Person schon weg war. Zu spät, Mist! Auf jeden Fall war also Addi in den Fall verwickelt.
...

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