Krimi & Spannung

M - Das Böse

Doris J. Heydeck

M - Das Böse

Thriller

Leseprobe:

Wanda
Erde – Nepal

„Wenn ich den Aufstieg nach Gosainkunda zu den heiligen Seen ohne größere Probleme bewältige, schaffe ich alles im Leben.“ Dieser Satz war Wanda in den letzten Stunden zum Mantra geworden.
Im Grunde genommen wäre der Aufstieg auf den ausgetretenen Pfaden des Lang-Tang-Trecks nicht besonders schwer gewesen. Das Wetter präsentierte sich von der besten Seite, sonnig und warm. Die Wälder mit den moosbewachsenen Bäumen, durch die sie gerade wanderten, spendeten kühlen Schatten und Sauerstoff. Aber die letzten drei Tage im schwülen und staubigen Kathmandu hatten Wanda eine ausgewachsene Bronchitis beschert, an der sie jetzt zu knabbern hatte. Seit der letzten Nacht war der Husten stärker geworden und deshalb kämpfte sie mit einer leichten Atemnot. Als ob ein Himalaja-Trekking nicht auch ohne so eine Erkrankung hart genug wäre. Wanda verfluchte, nicht zum ersten Mal, ihre Sturheit. Fast jeder, ob Tourist oder Einheimischer, trägt in Kathmandu einen Mundschutz oder zumindest ein Tuch vor Mund und Nase, um sich vor der extremen Staubbelastung wenigstens etwas zu schützen. Sie nicht, nein, sie wollte ja wieder mal hart rüberkommen, nach dem Motto: „Seht her, mir macht so ein bisschen Staub gar nichts aus!“
Trotz alledem, die uralte Hauptstadt von Nepal beeindruckt sie schwer wie kaum eine andere Weltgegend, die sie bis jetzt erkundet hatte. Wanda freute sich jetzt schon darauf, nach Beendigung der Wanderung noch ein paar Tage in Kathmandu abzuhängen, um das geschichtsträchtige Flair zu genießen. Mit Mundschutz dieses Mal, hatte sie sich geschworen. In Gedanken war Wanda bei den freundlichen Menschen im Kathmandu und bewunderte, wie das Leben der Einheimischen in dieser Stadt am Fuße des Himalajas ablief. Wenn man dort durch die engen, nicht asphaltierten Gassen schlenderte, schien die Zeit eingefroren zu sein. Das Geschäftsleben in dieser alten, geschichtsträchtigen Stadt spielt sich auf den lehmigen Straßen ab, wie es seit Urzeiten gehandhabt wird. Kleine Holzöfen, auf denen Töpfe mit Fett köcheln, stehen an jeder Ecke, und deren Besitzerinnen hocken davor und backen und kochen emsig. Die Zutaten für diese Open-Air-Küchen, Fleisch oder Teig, liegen daneben auf einer Kiste oder auf einem Tuch, das zu Buddhas Zeiten schon in Gebrauch war. Bis das bestellte Essen fertig ist, kann man auf der Straße sitzend gleich nebenan sich rasieren oder die Haare schneiden lassen. Würden nicht permanent Motorräder oder kleine Autos durch die engen Gassen zuckeln, man könnte meinen, eine Zeitmaschine hat einen in vergangene Jahrhunderte gebracht. Besonders am Durbar Square, dem Tempelbezirk, fühlte sich Wanda in Zeiten versetzt, als Nepal noch ein von der restlichen Welt abgeschnittener Bergstaat war.
Die Nepalesen sind noch verhaftet in ihrer hinduistischen Religion, die im Alltag auch wahrhaft gelebt wird. Wanda sah sogar die lebende Kindgöttin in den heiligen Gemäuern des Kumari-Palastes mit eigenen Augen. Als Inkarnation von Taleju, der hinduistischen Schutzgöttin Nepals, wird immer ein Mädchen auserwählt, das aus einem ärmlichen Familienverband kommt. Sobald bei der Kindgöttin die Monatsblutung einsetzt, wird sie durch ein jüngeres Mädchen ersetzt. Wanda fand es grausam, ein Kind zunächst zum Gott zu erheben und es in Palästen und mit vielen Dienern einige Jahre lang in Luxus schwelgen zu lassen, um es dann über Nacht wieder in die ärmliche Hütte zu seinen Eltern zurückzuschicken. Die Religion der Hindu mit all den Göttern und Ritualen war Wanda nicht sonderlich vertraut, eigentlich konnte sie mit keiner Religion etwas anfangen.
Trotzdem faszinierte sie Pashupatinat – die heiligste aller Verbrennungsrituale. Einen ganzen Tag blieb sie in der Tempelanlage, durch die der Fluss Bagmati träge dahinfließt. Fasziniert beobachtete Wanda, mit gebührendem Respekt, das Totenritual. Man schmückte den Toten, der vollständig in weißes Tuch eingewickelt wurde, mit bunten Tüchern und Blumen. Noch einmal brachte man ihm Schalen mit seinen Lieblingsspeisen. Sie hatte gesehen, wie respektvoll man mit den Körpern umging und wie sie noch mit Flusswasser benetzt wurden, bevor man sie auf den vorbereiteten Holzstapel legte. Sie hörte lautes Wehklagen von Trauernden, die den Toten auf seinem letzten Lager noch fünf Mal umrundeten, bevor die Flammen sich Schicht um Schicht durchschlängelten. Verlässt die Seele den Körper, wenn die Flammen ihre reinigende Arbeit am Körper verrichten? Oder entschwindet die Seele im Augenblick des Todes? Vergeblich suchte sie nach einem Anzeichen einer Erleuchtung beim Zusehen der Leichenverbrennung. Brennende Körper riechen süß, fand sie, weshalb über der gesamten Anlage ein süßlicher Duft schwebte. Unangenehm empfand sie den Geruch keineswegs, nur eben etwas eigenartig.
Neugierig, wie Wanda nun mal war, hatte sie sich einen Platz oberhalb der Feuerstätten gesucht, um eine Verbrennungszeremonie genauer beobachten zu können. Fasziniert registrierte sie die verschiedenen Farben und Schattierungen des Rauches. Zu Beginn, wenn noch keine Flammen sichtbar sind, ziehen weiße, zögerliche Rauchschleier auf. Je mehr sich das Feuer durch alle Schichten des Holzes und des Körpers durchzüngelt, umso dunkler wird der Rauch. Eine geballte Ladung schwarzer Rauch umhüllte sie plötzlich, nachdem der Wind sich gedreht hatte und in ihre Richtung blies. Nicht nur ihr Körper wurde benetzt mit den Molekülen des Toten, eingeatmet hatte sie auch welche – darüber wollte sie nicht weiter nachdenken.
Die Tage in Kathmandu empfand sie als wirklich spannend, und daran zu denken, half ihr, sich beim Wandern abzulenken. Zumal ihr das Atmen immer schwererfiel. Dabei waren sie erst knapp über 3000 Meter.
Schon im Bus von Kathmandu nach Dhunche war sie nicht so fit, wie sie es von sich gewohnt war. Normalerweise wäre sie auf das Dach des klapprigen Busses geklettert, um von dort oben, zusammen mit Einheimischen und deren Kisten und Säcken, sich den Wind um die Ohren wehen zu lassen. Vor allem aber wollte sie von dort oben die atemberaubenden Bilder der herannahenden Himalajakette bewundern. Aber ein leichtes Ziehen in der Brust und beginnender Husten zwangen sie, vernünftig zu sein und auf diese Art zu reisen zu verzichten. Im Bus eingepfercht zwischen Mehlsäcken, Hühnern und einer schwangeren Einheimischen, die sich immer wieder übergeben musste, war selbst für sie mehr als exotisch und nicht weniger aufregend.
Im Nachhinein betrachtet.
Nach neun Stunden Busfahrt und vielen Gebeten, die Götter mögen den Bus schön in der Spur halten und nicht abstürzen lassen, erreichte sie endlich die Gebirgsstadt Dhunche. Von diesem Ort aus konnte man zu den heiligen Seen aufsteigen und dort erwartete sie bereits ihr Sherpa Pasangh, ein 20-jähriger Junge, der sie in den nächsten Wochen auf der Langtang-Route führen sollte. Eigentlich wollte Wanda unbedingt nach Tibet einreisen, aber sie hatte kein Visum bekommen. Die Chinesen, die dieses Juwel von einem Land seit über 50 Jahren besetzt hielten, ließen nur geprüfte Reisegruppen nach Tibet einreisen. Wanda fand es furchtbar, wie man versuchte, ein uraltes, weises Volk und deren Tradition auszurotten. Sie versuchte, mit Pasangh darüber zu reden – der zu Beginn der Wanderung an ihrer Seite ging. Konversation mit ihrem Führer zu machen ist dann doch zu mühsam mit der Zeit, dachte Wanda und musste darüber schmunzeln. Die Sprachbarriere war zu groß und mit Händen und Füßen zu reden ist bei einem Berganstieg anstrengend.
Für einen Nichtsherpa.
Nachdem der Pfad immer steiler anstieg, übernahm Pashang die Führung und ging ein Stück weit voran, was Wanda nur recht war. Ab und an wartete er auf sie, um ihr einen Schluck aus der Wasserflasche zu geben. Je höher sie aufstiegen, umso wichtiger wurde es, genug zu trinken, um der Höhenkrankheit entgegenzuwirken.
Trinkpause und ein Müsliriegel waren jetzt, da sie die Baumgrenze überschritten hatten, genau das Richtige.
Fröhlich stapften ein paar junge Leute an ihnen vorbei, sicher Israelis, nur die hatten nach ihrem Militärdienst so eine Bombenkondition, um Berge im Laufschritt zu bewältigen, dachte Wanda. Man würde sich oben auf der Hütte treffen, riefen sie Wanda und ihrem Sherpa zu. „Sing Gompa ist nicht mehr weit entfernt, dort bleiben wir über Nacht“, munterte Pashang sie auf. Gestärkt von dem Wissen, ein Ende der heutigen Etappe ist nahe, schritt Wanda mit neuem Elan weiter. Auch wenn das Gebiet jetzt viel karger und steiniger wurde, wenig moosbedeckte Bäume und keine blühenden Rhododendronsträucher mehr, fand Wanda die Landschaft faszinierend. Zudem sah man den Langtang Lirung, den höchsten Berg dieser Region, majestätisch im Hintergrund thronen. Was für ein Anblick – mit stolzen 7200 Metern gehört er zu den Riesen im Himalaja.
Das Wetter schien schlechter zu werden, die Sonne verschwand hinter Wolken, weshalb die ganze Umgebung plötzlich in trübes Licht getaucht wurde. Wanda beschloss, bei der nächsten Rast noch eine Jacke überzustreifen, bevor der Wind stärker wurde oder womöglich Schneefall einsetzte. Immerhin zogen bereits Nebelschwaden in der Ferne auf, und gerade als sie ihren Bergführer fragen wollte, ob er ihr den Anorak aus dem großen Rucksack geben könne, erschütterte ein unheimlicher, lauter Knall die ganze Gegend. Zeitgleich sah Wanda 100 Meter seitlich, rechts von ihrem Pfad, einen Mann panisch winken. Der Mann kam ihr bekannt vor, er sprintete ihr entgegen und bedeutete ihr mit beiden Händen, schnell in seine Richtung zu laufen. Instinktiv wich sie von ihrem Weg ab und lief ihm entgegen.
Das Beben im Boden fing zuerst ganz sachte an – als ob der Untergrund weicher werden würde. Ein Erdbeben!, war ihr erster Gedanke – zu mehr Gedanken war sie nicht fähig. Sie ahnte, sie lief um ihr Leben. Direkt ober ihr lichtete sich der Nebel und Wanda sah eine Stadt in den Wolken. Glänzend mit hohen, spitzen Türmen und Spiegelpalästen. Sauerstoffmangel!, diagnostizierte sie sich selber und hatte auch gar keine Zeit, diese Fata Morgana genauer zu betrachten. Wenn der Aufstieg bis jetzt schon nicht leicht war, jetzt japste sie nur noch um jeden Atemzug.
Wanda erreicht den Mann, der inzwischen auf einem kleinen Felsvorsprung steht und ihr die Hand entgegenstreckt. Sie bekommt seine Hand zu fassen und wird schwungvoll hochgezogen. Ein stechender Schmerz zuckt ihr vom Handgelenk bis in die Schulter, sie lässt die rettende Hand los und landet dadurch unsanft mit dem linken Knie auf dem Felsboden. Sie hat keine Zeit, dem Schmerz im Knie mehr Beachtung zu schenken, fassungslos starrt sie auf die Strecke, auf der sie gerade noch unterwegs war. Der ganze mittlere Hang mit dem Pfad verschwindet bergabwärts – und mit ihm Pasangh, ihr Sherpa. Zumindest sieht sie einen Körper mit orangefarbenem Anorak, wie er ihn getragen hatte, in der Tiefe verschwinden. Entsetzt muss sie auch mit ansehen, wie die Gruppe junger Leute, die vorhin noch mit ihr gescherzt hatten, in das Inferno hinabgezogen werden. Obwohl dies alles im Bruchteil einer Sekunde vor ihren Augen abläuft, kann sie erkennen, wie leblose Körper blutig und verrenkt mit dem Geröll abrutschen. Behutsam nimmt der Fremde Wanda am Arm und führt sie zu einem höheren Felsplatz, wobei er sie fragt, ob alles in Ordnung sei mit ihr – ob sie unverletzt geblieben sei. Jetzt, wo er so nahe neben ihr steht, erkennt sie sein Gesicht zu hundert Prozent wieder. Und das bringt sie dazu, gleich wieder loszurennen – dieses Mal weg von ihm. Schnell holt er sie wieder ein – bekommt ihre rechte Hand zu fassen und zieht sie mit einem Ruck zurück, zu ihm.
„Lassen Sie mich sofort los!“, faucht Wanda. „Sie tun mir weh, verdammt, und außerdem haben Sie kein Recht, mich festzuhalten!“
„Zum Glück fehlt deinem Mundwerk nichts, Wanda“, grinst sie der Mann an, „und jetzt höre bitte auf mit Rumzicken, wir müssen so schnell als möglich weg von hier.“ „Woher zum Teufel kennen Sie meinen Namen, wer sind Sie? Was wollen Sie von mir?“
„Ich weiß, es ist alles verwirrend für dich, Wanda. Ich bin Karam, wir kennen uns gut, aber das ist eine lange Geschichte. Du hast keine andere Wahl, als mir zu vertrauen. Der Hangabbruch war keineswegs ein Erdbeben, wie man es den Leuten verkaufen wird. Das war eine kontrollierte Sprengung!“
„Moment mal, eine Sprengung, sagen Sie? Dynamit und so Zeug? Wozu, warum sollte das jemand tun? Wer sind SIE? Woher können Sie das wissen, wenn Sie nicht dazugehören, zu denen, die es verursacht haben?“ Wanda schaut ihn skeptisch an.
„Wir müssen noch ein Stück weiter nach oben gehen, inzwischen werde ich versuchen, Verbindung mit der Basis aufzunehmen.“ Karam klopft mit seinem Mittelfinger auf das linke Ohr und murmelt vor sich hin.
Abhauen in dieser Gegend ist schier unmöglich, denkt Wanda, deshalb wird sie vorläufig hinter diesem Typen nachtrotten. So schräg sich die Situation auch darstellt, in der sie sich gerade befindet, irgendetwas in ihr sagt, es ist richtig, dem Mann zu vertrauen. Denn dieser Karam ist ihr in der Tat nicht fremd. Der dunkelhaarige, schlaksige Typ scheint die Angewohnheit zu haben, in bedrohlichen Lebenssituationen plötzlich in ihrer Nähe aufzutauchen. Wanda erinnert sich an die Nacht vor Heiligabend, als sie 13 Jahre alt war. Sie freute sich damals, wie jedes Jahr, auf den kommenden Weihnachtstag. Verwandte und Freunde der Familie treffen sich an diesem besonderen Tag immer in ihrem Elternhaus, um gemeinsam zu feiern. Nach einem arbeitsreichen, aber vergnüglichen Tag mit Backen, Kochen und das Haus dekorieren waren sie und ihre Eltern rechtschaffen müde. Eigentlich wollten sie noch zusammen einen kurzen Spaziergang durch das Stadtviertel machen, um sich an den Weihnachtsdekorationen in den Gärten der Nachbarn zu erfreuen. Aber Wanda fand es zu kalt zum Spazierengehen und entschloss sich, lieber im warmen Nest zu bleiben, um gleich schlafen zu gehen.
Ihre Erinnerungen an die Geschehnisse jener Nacht haben sich in all den Jahren nicht verflüchtigt. Wanda schlief tief und fest in ihrem kuscheligen Bett, als sie plötzlich hochgehoben und nach unten auf die Veranda getragen wurde. Sie war wie benebelt, fühlte sich schwindlig und es war ihr übel. Später erfuhr sie, das waren die Auswirkungen vom Schwelbrand in einer Zwischenwand ihres Zimmers, dort hatte ein Kabel angefangen zu glosen, dadurch entstand eine enorme Rauchentwicklung. Wenn nicht ein Mann sie gerettet hätte, wäre sie mit Sicherheit an einer Rauchgasvergiftung gestorben. Wanda erinnert sich noch genau an das markante Gesicht, an seine beruhigenden Worte, als er sie in Decken eingepackt die Treppen nach unten hinaus in die frische Luft brachte. Auf der Veranda hievte er sie in einen Korbsessel, um danach umgehend zu verschwinden, bevor ihre Eltern von ihrem Abendspaziergang zurückkehrten. Man schrieb es der leichten Rauchgasvergiftung und Wandas Fantasie zu, einen Mann gesehen zu haben, der sie gerettet hätte. Die Feuerwehrmänner hatten schon öfter erlebt, dass Menschen, die sich im Rauch nach draußen kämpfen, sich später an nichts mehr erinnern können. Was im Grunde genommen auch gar nicht wichtig war. Hanna und Gaston, ihre Eltern, ließen Wanda in dem Glauben, einen imaginären großen Freund zu haben, der immer wieder in ihrem Leben auftaucht. Hauptsache, ihre Tochter war am Leben!
Wie nach dem grauenhaften Schulbusunfall. Wanda war damals neun Jahre alt und besuchte die Grundschule der kleinen Stadt Muskeegon. Jeden Morgen um halb acht stieg sie direkt vor ihrem Elternhaus in den Schulbus, der die Kinder der Stadt sicher zum Schulgebäude brachte.
Es geschah an einem warmen Aprilmorgen, als ein Geisterfahrer auf der Landstraße dem Schulbus auf seiner Fahrbahn entgegenraste. Dem Buschauffeur blieb nichts anderes übrig, als das Lenkrad herumzureißen. Bedingt durch dieses unvermeidliche Manöver stürzte der Schulbus über die einzig ungesicherte Böschung auf dieser Strecke. Das Auto und der Lenker, die dieses Unglück verursacht hatten, wurden nie gefunden. Vier der fünf Kinder starben in dem völlig zertrümmerten Wrack, ebenso der Buslenker.
Wanda, das fünfte Kind, trug Abschürfungen und Prellungen davon. Vom Abrollen, als sie durch die hintere Türe entkam und absprang, bevor der Bus abrutschte und sich überschlug. Alle glaubten an ein Wunder. Tatsächlich war derselbe Mann, wie Jahre später bei dem Feuer, genau im richtigen Moment vor Ort. Merkwürdigerweise stand er plötzlich im fahrenden Bus, nahm Wanda auf den Arm und sprang mit ihr aus dem Schulbus.
Vielleicht wollte er sie gar nicht retten, vielleicht war Karam ja genau derjenige, der ihr etwas antun wollte. Aus welchem Grund sollte er immer genau dann in ihrem Leben auftauchen, wenn eine Katastrophe in ihrem Umfeld geschieht?, dachte Wanda. Beide Male ist er auch immer sofort verschwunden, bevor ihn jemand anderer sehen konnte. Andererseits – es war ihr nie etwas passiert und sie hat immer überlebt.
„Verdammt, Tala – es wird eng! Bald kommt ein Trupp Wächter zum Nachschauen. Wir müssen von hier weg – sofort!“ Karam schreit gegen den aufkommenden Wind. Er bleibt abrupt stehen und Wanda setzt sich auf den Boden, dankbar, endlich durchatmen zu können. Tala, wer immer das sein mag, hat Karam offensichtlich über seinen Ohrstöpsel geantwortet und ihm Anweisungen gegeben.
„Okay, Wanda, gleich kommt ein Hubschrauber, der uns von hier wegbringt. Wir haben nicht viel Zeit, deshalb fange ich jetzt schon an, dir zu erklären, wie wir jetzt vorgehen werden.“ Karam schaut Wanda eindringlich an, und als sie etwas antworten will, schneidet er ihr das Wort ab. „Pass auf, bald wirst du über alles eingeweiht werden, aber Priorität hat jetzt, dich in Sicherheit zu bringen. An einen Ort, wo man dich nicht finden kann. Deshalb ist es auch notwendig, dass ich vor dir aus dem Hubschrauber aussteige, um eine falsche Fährte zu legen, falls notwendig. Aber du kannst dir sicher sein, ich werde in ein oder zwei Wochen zu dir kommen und dich abholen.“
Das Knattern in der Luft wird immer lauter und ein Hubschrauber dreht sich zur Landung. In gebückter Haltung laufen die beiden zu dem ausrangierten Militärhubschrauber. Kaum sind sie angeschnallt, zieht der Blechvogel steil nach oben. Wanda schreit in Karams Ohr die Frage, wohin sie unterwegs sind. „Du wirst nach Pokhara gebracht in ein buddhistisches Kloster. Halte dich bedeckt, bleibe unter allen Umständen auf dem Klostergelände. Ich steige vorher in Syabrubesi aus, um unsere Verfolger zu verwirren.
„Wer sind diese Verfolger und woran erkenne ich sie?“, fragt Wanda.
„Wir wissen es nicht, wer hinter all den Anschlägen steckt, noch nicht. Es ist alles bestens für dich organisiert, Wanda, nur eines bleibt noch schnell zu tun.“ Karam greift in seine große Umhängetasche und zieht ein Fläschchen mit einer braunen Flüssigkeit heraus. „Trink bitte, auch wenn es nicht gut schmeckt.“
Wanda nimmt die Flasche, setzt an zum Trinken und schüttelt sich. „Wollen Sie mich umbringen? Das Zeug schmeckt ekelhaft bitter! Warum soll ich das überhaupt trinken, wofür ist das?“
„Egal, wie schlecht es schmeckt, du musst es trinken, es macht dich unsichtbar!“ Wanda fängt zu kichern an und meint „Also so einen Blödsinn braucht man mir nicht aufzutischen, was soll das, fällt Ihnen keine bessere Geschichte ein?“ „Ich meine das ernst, Wanda, dein Körper wird natürlich nicht unsichtbar, aber durch diesen speziellen Pflanzensaft kann man dich nicht mehr orten. Du wirst für einige Zeit für die Verfolger unsichtbar. Also, runter damit!“
„Wollen Sie mir damit sagen, ich habe einen Sender in mir, mit dem man mich aufspüren kann?“ Wanda rutscht unruhig auf ihrem Sitz hin und her und schaut Karam ungläubig an.
„So könnte man sagen, ja – zwar anders, als du dir das vorstellst, Wanda, aber im Prinzip ja. Deshalb ist es unerlässlich, die Flasche auszutrinken. Runter damit – sofort!“ Das Getränk ist eine echte Herausforderung, aber letztendlich trinkt sie es, ohne sich danach übergeben zu müssen.
Gerade als sie Karam ausfragen will über diese schräge Pflanzensaft-Geschichte, und überhaupt, setzt der Hubschrauber zur Landung an. „Wanda, mein Mädchen, ich bitte dich, tue jetzt einmal, was ich dir sage, und bleibe im Kloster, bis ich dich abhole! Sonst werden die Dinge noch komplizierter, als sie ohnehin schon sind. Außerdem habe ich Angst um dich!“ Bevor er die Helikoptertüre aufschiebt, beugt er sich zu ihr hinunter und drückt ihr einen Kuss auf den Mund. Im nächsten Augenblick ist er draußen und der Hubschrauber erhebt sich wieder in die Höhe. Wanda ist sprachlos. Mein Mädchen? Hat sie der Irre sie gerade geküsst? Sie soll einmal tun, was er sagt? Es gibt nur zwei Optionen, entweder sie träumt gerade und wird bald aufwachen oder ein aufregendes Abenteuer kommt auf sie zu. Sollte Letzteres der Fall sein, beschließt sie, so lange mitzuspielen, wie es ihr gefällt.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 230
ISBN: 978-3-99048-685-6
Erscheinungsdatum: 06.10.2016
Durchschnittliche Kundenbewertung: 4
EUR 11,90
EUR 7,99

Empfehlungen zum Muttertag