Krimi & Spannung

Lebensgier

Julia Weiss

Lebensgier

Gattin eines Mafia-Mannes

Leseprobe:

Als Ingrid Kurt kennenlernte, war sie ganz unten angekommen, denn sie fühlte sich von ihrem Mann verlassen. Die Schuld gab sie sich – aber es war das Leben gewesen, das sie geführt hatten, falsche Freunde, der Umgang mit dem Milieu, der Drogenkonsum ihres Mannes, die Vergewaltigung an ihrer Nichte, die immer wiederkehrenden Eifersuchtsszenen, da ihr Mann sie immer wieder betrogen hatte.
Es kam dann, wie es kommen musste.
Ingrid meldete sich auf einer Zeitungsannonce „Thekenkraft gesucht“. Es war keine gewöhnliche Kneipe, sondern ein Saunaklub. Sie stellte sich vor und arbeitete an manchen Abenden dort hinter der Theke. An zwei oder drei Abenden der Woche schnitt sie den anwesenden Damen die Haare, da zu Hause finanzielle Not herrschte.
Dort lernte sie Hans, einen Gast und Freund des Hauses, kennen. Er war ein lustiger Typ, immer guter Dinge und zu Späßen aufgelegt. Als Ingrid mit ihm ins Gespräch kam, fand sie heraus, dass er eine Autowerkstadt nicht unweit des Saunaklubs führte. Von ihm bekam sie ihr erstes Fahrzeug, einen stahlblauen alten VW-Käfer für 750 DM, den sie bei ihm abbezahlen konnte. Sie war stolz wie ein Pfau, den alten Käfer ihr Eigen nennen zu können.
Zu einem anderen Zeitpunkt lernte Ingrid Harald und Kurt kennen.
Kurt kannte Harald noch aus der Zeit, als Heizöl und Diesel das gleiche Produkt waren. Harald betrieb auch einen anonymen Dieselhandel und besaß einen Tank mit 150 000 Liter Fassungsvermögen an einem Bahnhof in der Vor-Eifel.
Kurt belieferte Harald einmal wöchentlich mit Öl. Vor der Rückfahrt von Harald nach Hause bekam Kurt sein Geld. Zwei Glas Whisky mit viel Eis schlossen das Geschäft ab. Dieser Handel wiederholte sich jede Woche.
Nach einiger Zeit verlangte das Gewerbeaufsichtsamt von Harald einen Nachweis über die Tauglichkeit des Tanks. Diesen Nachweis zu erbringen, erschien einfach unmöglich, denn das Ding war nur deshalb noch nicht durchgerostet, weil immer eine gewisse Menge an Öl darin stand. Also musste Harald sich um eine neue Bezugsquelle kümmern.
Nach etlichen Gläsern Whisky und unter Freundschaftsbekundungen wurde der Entschluss gefasst, gemeinsam tätig zu werden: Kurt hatte Kunden, Harald hatte Kunden, diese wurden zu einer gemeinsamen Kundschaft vereinigt, ein Fahrer wurde eingestellt – und ab ging die Post.
Ihr krummes Geschäft musste zumindest nach außen hin einen legalen Eindruck erwecken. Dazu war es wichtig, die Ware offiziell anzubieten, zu verkaufen und eine korrekte Rechnung für die gelieferte Ware zu erstellen. Diesen Part übernahm Harald noch zusätzlich und verdiente deshalb auch noch zusätzlich Geld.
Haralds Frau Uschi, Ingrids Chefin, betrieb den Saunaklub, in dem Ingrid zeitweise hinter der Theke nebenher arbeitete. Harald und Kurt ließen sich nach getaner Arbeit von den dort befindlichen Liebesdamen duschen und waschen. An verschiedenen Stellen hatten sie es lieber, wenn es etwas gründlicher getan wurde …
Frisch geduscht stand Kurt an der Theke, verlangte nach einem großen Bier und stellte einen ersten Augenkontakt mit Ingrid her. Kurt schaute etwas länger, und irgendwie war man sich sympathisch. Kurt war immer sofort bei der Sache und wollte mit Ingrid ein Treffen vereinbaren.
Sie verneinte: „So nicht!“
„Gefällt dir meine Nase nicht?“
„Nein“, gab Ingrid ihm zur Antwort. „Schau dir im Spiegel mal deine Haare an! Wenn du möchtest, werde ich dir die Haare schneiden, und dann kannst du mich ja noch einmal fragen.“
Da Kurt gerade eine Gefängnisstrafe von 21 Monaten hinter sich hatte – es war um eine Summe von anfangs 600.000 DM gegangen, im Laufe des Prozesses war Kurt aber an einer Offenlegung, es habe sich um 1,4 Millionen DM gehandelt, nicht vorbeigekommen –, hatte seine Frau in dessen Abwesenheit sich ihre Zeit mit jungen Männern vertrieben und war mit diesen in Urlaub geflogen. So war er nun mittellos, da das ganze Geld während seiner Knastzeit von seiner Frau verjubelt worden war. Ihm fehlte eine vernünftige Frau. Er war groß, von kräftiger Natur, aber nicht dick, hatte mittelblondes Haar, blaugrüne Augen, ein herzhaftes Lachen und viel Humor.
Was Ingrid als Erstes auffiel, war seine unvorteilhafte Frisur: Er trug einen Scheitel von unten links nach rechts gekämmt. Sie musste, wenn sie ihn sah, manches Mal lachen, da er sich auch nicht ansprechend kleiden konnte. Ihr gefielen an ihm seine blaugrünen Augen, seine Freundlichkeit. Er war lustig und offen. Kurt bat sie dann mit der Begründung, seine Haare würden auch immer länger, ihn zu frisieren, worauf sie gerne einging. Denn je mehr Kunden sie hatte, umso mehr verdiente sie ja. Eine Portion Miniplay gab seinen Haaren dann etwas mehr Halt, somit auch ein anderes Aussehen. Seinen berühmten Scheitel ließ Ingrid ganz weg.
Offen in seiner Art, wie er nun mal war, fragte er sie eines Abends, ob sie Lust habe, mit ihm einmal auszugehen.
Sie war verheiratet, unglücklich und nicht zufrieden, vielleicht auf der Suche nach etwas Besserem. Sie hatte keine Motivation, dort zu sein, geschweige denn zu Hause bei einem Mann, dem sie egal war. Eigentlich hatte sie darauf gewartet, denn sie fand Kurt sehr nett. Zudem hatte sie sich immer nach einem Mann gesehnt, der nicht fremdging, sondern ihr Achtung entgegenbrachte und nicht nur mit seinen Freunden unterwegs war. Ingrid nahm seine Einladung daher mit Freude an.
Erstmals musste Kurt zum Ausgehen mit ihr sich bei Freunden erst Geld leihen.
Infrage kamen zunächst Tankwagenspediteure, Chemiker sowie Polizisten, mit denen Kurt das eine oder andere krumme Ding abgezogen hatte. Irgendwann reichte die Summe, um auszugehen und den vorläufigen Lebensunterhalt für sich zu bestreiten.
Es sei zu bemerken, dass der Knast nicht heilsam gewesen war und Kurts Gedanken und Bestrebungen nun auf neue Schandtaten ausgerichtet waren. Harald sowie Martin hatten zur gleichen Zeit wie Kurt eingesessen, auch wegen Öls im Knast, aber in einer anderen Strafsache.
Bei ihrer ersten Verabredung, es war Winter und bitterkalt, kam Ingrid zu dem besagten Treffpunkt und staunte nicht schlecht, was sie dort vor sich sah: Kurt sah aus wie ein Opernsänger auf der Bühne – mit Pelzmantel, weißen Socken und in voller Montur. Sie musste sich zusammennehmen, um nicht lauthals zu lachen; nicht, um ihn nicht auszulachen, nein, sondern weil sie im wirklichen Leben noch nie so einem Mann mit solch einer Kleidung begegnet war. Da sie wusste, dass er sich für sie schön gemacht hatte, sagte sie auch kein Wort dazu.
Wie sie erfuhr, war auch Kurt sehr unglücklich, aber dies ließ er sich nicht anmerken. Sein Humor und seine Art zu sprechen gefielen ihr.
Wenn sie sich mit Kurt verabredete, sagte sie zu Hause, sie hätte Kunden, denen sie die Haare frisiere.
Sie fuhren nach Eschweiler, da sein Freund Dieter ­Tiedtge dort ein Tanzlokal besaß. Alle hatten wahnsinnig viel Spaß, Kurt war ein toller Tänzer, es wurde viel gelacht, gesungen und gefeiert, als wenn es kein Morgen mehr gäbe. Sein Freund war total nett, und sie verbrachten so manch eine Nacht mit ihm und seiner Frau. Viele weitere Freunde kamen dann hinzu, mit denen man ausgelassen feierte. Getrunken wurde Whisky – nur flaschenweise. Da Ingrid keinen Alkohol trank, war sie diejenige, die all diejenigen, die ins Auto passten, nach Hause fuhr.
Während der Zeit des Kennenlernens erzählte jeder etwas aus seinem Vorleben. So berichtete Kurt z. B., dass er in der Zeit vor Ingrid, also während er noch mit Rita zusammen gewesen sei, ja eine Tankwagen-Spedition besessen habe. Zu den sieben Lkws hatten acht Fahrer gehört. Schon wegen verschiedentlichen Urlaubs oder krankheitsbedingt und wegen mancher nächtlicher Touren, legal oder illegal, war es vonnöten, einen weiteren Fahrer zu haben. Diese Männer verdienten gutes Geld; um es genau zu sagen: alle 14 Tage zwischen 20.000 und 22.000 DM. Sie wurden schwarz ausbezahlt in DIN-A4-Kuverts. Ihren regulären Lohn vergaßen die Fahrer in Empfang zu nehmen, denn zu dieser Zeit betrugen die Löhne monatlich so um die 1.000 DM. Es war noch nicht üblich, die Löhne zu überweisen. Erst wenn die Fahrer ihre DIN-A4-Tüte verstaut hatten, fragten sie auch: „Kurt watt iss eigentlich mit mingem Lohn?“ Natürlich wurde der dann ausgezahlt. Die hohen Summen, die die Fahrer kassierten, resultierten aus der Tatsache, dass sie nun mal Tankwagen fuhren. In jener Zeit war z. B. Heizöl noch zu einem Preis von ca.20–30 Pf. zu haben. (Im Jahr 2011 kostete das Heizöl zwischen 85 und 90 Cent.) Bei den Auslieferungen des Heizöls an die Kunden erzielten die Fahrer zu dieser Zeit normalerweise mindestens 25 % Gewinn, denn bei den niedrigen Preisen achtete niemand darauf. Heutzutage hingegen stehen die Leute, wenn man so will, wie mit der Maschinenpistole neben dem Tankwagen.
Gehen wir zurück in die gute alte Zeit. Wie gesagt: Die Fahrer haben einen exorbitant hohen Verdienst gehabt und selbstverständlich dementsprechend auch Kurt. Samstags wurden die Fahrzeuge von Kurt und zwei Helfern gewartet und gewaschen.
Die Fahrer hatten frei, so alle 2–3 Monate lud Kurt seine Fahrer zu einem Ausflug nach Berlin ein. Und da ging es so vor sich: Die Fahrer bekamen freitags Bescheid und erzählten ihren Frauen oder Freundinnen, der Kurt, der Hirnrissige, hätte für den nächsten Tag Arbeit angenommen, man müsste also fahren.
Einige Frauen konnten diesem Umstand Gutes abgewinnen, käme doch auf diese Weise mehr Geld zusammen. Wiederum andere sagten, das ganze Geld nütze nichts, wenn sie keine Zeit hätten, dieses auszugeben.
Jedenfalls war jeder der Fahrer pünktlich, die Pkws waren an Kurts Betrieb abgestellt. Taxis brachten alle zum Flughafen Köln-Bonn. Ohne Koffer und Handgepäck wurde eingecheckt und in die Super One-Eleven, sprich BAC 1-11, eingestiegen. Zu dieser Zeit durfte die Lufthansa noch nicht nach Berlin fliegen, sondern nur die British Airways.
In Berlin fuhren die Taxis zu dem mittlerweile bekannten Saunaklub. Dort erwartete die Herren ein feudales Frühstück, serviert von ca. 18 Damen des Hauses, entsprechend an- beziehungsweise ausgezogen; somit konnte es schon einmal ­passieren, dass dem ein oder anderen Herrn der Bissen im Hals stecken blieb und er sagte: „Lasst alles stehen, bei mir steht auch alles, ich bin dann mal weg.“ So ging es dann der Reihe nach. Nach dem Liebesspiel folgten dann Saunabesuch und Massage, dann eine halbe Stunde Schwimmbad, anschließend wurde im Nebenraum ein toller Porno gezeigt – unschwer zu erraten, was die Jungs anschließend gemacht haben.
Die Zeit verstrich wie im Fluge, denn um ca. 16.00 Uhr ging die Maschine wieder ab nach Köln. Alle waren zufrieden, auch die Inhaberin des Saunaklubs, die jeden am Ausgang persönlich verabschiedete, nicht ohne zu fragen, wie der eine oder andere Gast mit der einen oder anderen Mitarbeiterin zufrieden gewesen sei. Zuletzt fragte sie dann noch, welche Extras beim nächsten Mal Tisch und Bett bieten sollten.
Kurt war im selben Moment um einige Tausend DM erleichtert, aber letztendlich zahlte sich das angesichts zufriedener Mitarbeiter aus. Anschließend ging es ab ins Flugzeug, Taxis wurden zum Pkw genommen und schnellstens nach Hause geeilt, um dort scheinheilig den erschöpften Gatten zu spielen.
Nun hatten Ingrid sowie Kurt sich gegenseitig einiges erzählt.
„Ich hab dich immer für einen anständigen Mann gehalten, aber jetzt habe ich gehört, dass du es auch anders treibst“, entfuhr es Ingrid.
„Damit du davon loskommst zu glauben, ich sei anständig, werde ich dir heute Abend mal zeigen, wo der Hammer hängt.“
Ohne ins Detail zu gehen, sei nur so viel gesagt: Beim gemeinsamen Betreten der Wohnung rissen sie sich die Kleider vom Leib und versuchten erst einmal, einen Akt im Stehen an der Flurwand durchzuführen. Kurt meinte danach, dies sei eine herrliche Sache, aber ihm seien die Beine durchgeknickt. Gemeinsames Lächeln und Verstehen mit der Vorfreude auf ein Neues folgten. Aber wenden wir uns wieder dem normalen Leben zu.
Kurt war angeschlagen, da seine Frau Rita aus ihrem gemeinsamen Haus in Bergisch Gladbach ausgezogen war. Er war erstaunt, dass Ingrid sich mit ihm eingelassen hatte.
Im Laufe der Zeit haben sie versucht, sich so oft wie möglich zu treffen, nicht, um miteinander zu schlafen, sondern es sollte jeder vom Anderen erfahren, was er für ein Leben bis dato geführt hatte. Kurt erzählte dann von sich, dass er während seiner Lehre bei Krupp als Kfz-Mechaniker ein krummes Ding gedreht habe, das ihm eine Gefängnisstrafe von sieben Monaten auf Bewährung eingebracht habe. Als Auflage habe er sich bei jedem Umzug melden müssen. Des Weiteren berichtete er Folgendes: Er hatte dann seine zweite Frau Rita kennengelernt. Sie hatten in einer kleinen Wohnung gewohnt, zuerst möbliert. Kurt war um eine neue Arbeitsstelle bemüht. Diese hatte er auch gefunden bei einer Spedition in Hürth-Effern, wo man dem jungen Paar nach der Probezeit eine tolle Wohnung angeboten hatte.
Ohne lange zu überlegen, waren sie nach Effern gezogen. Zwar erscheint das bis heute als unvernünftig, doch wer kümmert sich da noch um Auflagen oder dergleichen, wenn er glücklich ist?
Das Leben lag noch vor ihnen. Natürlich nicht nur Gottes Mühlen, sondern auch die der Justiz mahlen langsam, aber umso intensiver: Die Bewährung wurde widerrufen. Schöne Arbeit, schöne Wohnung – alles mussten sie aufgeben. Es hieß zuerst einmal flüchten, wieder in eine kleine möblierte Wohnung ziehen und abwarten.
Nach einiger Zeit ging natürlich das Geld zu Ende und so musste Kurt sich umsehen, wie er, ohne zu stehlen, an ­neues kam. Bei einer Spedition, wo er Lkws be- und entlud, stieß er irgendwann auf eine Spedition mit Tankwagen. Jedenfalls konnte er dort arbeiten und bemühte sich wie in seinem ganzen Leben darum, seine Arbeit vernünftig und umsichtig zu erledigen. Das blieb dem Spediteur natürlich nicht verborgen, und er bat Kurt, wenn er bei ihm fest anzufangen wünsche, seine Papiere mitzubringen. Von den Missständen in seinem Privatleben hatte der Chef natürlich nicht die geringste Ahnung.
Diese Nachfrage nach Papieren passierte dann des Öfteren und setzte Kurt so unter Druck, dass er sich eines Tages gezwungen sah, nicht mehr zur Arbeit zu erscheinen. Sofort kümmerte er sich wieder um das Be- und Entladen von Lkws in verschiedenen Speditionen.
Eines Tages kam Kurt dann nach Hause, da sagte seine damalige Verlobte Rita: „Stell dir vor, dein letzter Arbeitgeber war hier und fragte nach dir.“ Sie hatte sofort Vertrauen zu dem Mann gehabt und ihn über Kurts Probleme aufgeklärt.
Herr The hatte geantwortet: „Liebe junge Frau, in meinem Leben gab es immer einen Grundsatz: Wenn ein Problem da ist und man es mit Geld beheben kann, so ist das kein Problem. Bestellen Sie Ihrem Mann einen schönen Gruß: Ich helfe ihm, und er möchte bitte morgen Vormittag bei mir im Büro erscheinen, wir werden einen Ausweg finden.“ Er verabschiedete sich mit der Bemerkung: „Sollte er nicht kommen, so sagen sie ihm, ich stünde dann übermorgen mit beiden Füßen in seinem Bett.“
Kurt suchte ihn auf, und Herr The sagte zu ihm: „Ab ins Auto! Wir fahren einmal zu meinem Rechtsanwalt.“
Dort angekommen, wurde die ganze Sachlage nochmals aufgetischt. Der Rechtsanwalt meinte, das Problem sei lösbar, er müsse nur einmal sehen, unter welchen Auflagen.
Kurt ging wie gewohnt seiner Arbeit weiterhin nach.
Tage darauf meldete sich der Anwalt, sie sollten einmal vorbeikommen. Er habe mit dem zuständigen Staatsanwalt gesprochen, der zugesagt habe, wenn sie zu ihm fahren und mündlich aussagen würden, habe Kurt freies Geleit.
Kurt, sein Rechtsanwalt sowie der Spediteur fuhren zum Staatsanwalt. Alle Umstände wurden dort erläutert. Einige Vorwürfe musste sich Kurt jedoch anhören. Jedenfalls ging die Sache so aus, dass er eine Geldbuße in Höhe von 1.000 DM sofort zahlen sollte und zehn Monate lang einen Betrag von jeweils 50 DM an ein Tierheim. Somit würde die Bewährung sofort wieder in Kraft gesetzt, dies auch in erster Linie, weil der Spediteur bestätigt hatte, Kurt sofort einzustellen.
So ist es geschehen, Herr The hat die eintausend DM vorgelegt, die monatliche Rate hat Kurt abgetragen, und somit war die Welt wieder in Ordnung.
Nun gehörte Kurt zum „Clan“ der Tankwagenspedition. Er wurde von allen anerkannt und blickte somit in allem durch, was um ihn herum geschah und was alles vor sich ging. Von Stund an wusste Kurt, dass das Öl nicht nur zum Salat­mengen da ist, sondern dass man damit viel weiterkommen konnte. Die Tankwagen wurden so präpariert, dass immer zumindest ­10–40 % der Ware wieder mit zurückgenommen werden konnten, mehr also, als die Tankuhr anzeigte. Dafür musste man Gefühl haben und dem Kunden ansehen oder bei einem aufgedrängten Gespräch in Erfahrung bringen, ob dieser Kunde seine Tankanlage im Keller im Griff hatte oder ob für ihn die Heizung und das Öl dazu da waren, damit er und seine Familie keine kalten Füße bekamen.
Ab und zu fuhr Kurt auch mit einem Tankwagen, und so kam es, dass er bei einem Zahnarzt im Kölner Raum abgeladen hat. Beim Schlauchanschließen kam der Arzt heraus, hatte einen Rechenschieber in der Hand und sagte: „Meine Anlage habe ich ziemlich im Griff, es müssten 10 580 Liter reingehen.“
„Na ja“, sagte Kurt, „dann mal ran.“
Beim Tankwagen wird auch ein Kabel angeschlossen. In dem Moment, wenn der Tank voll ist, wird über das Kabel Kontakt hergestellt, und die Anlage am Tankwagen schaltet sich automatisch aus. Das bemerkt man durch ein starkes Brummen, weil das Ventil geschlossen ist, aber die Pumpe weiterdrückt.
Bei 6 740 Litern trat dieses Brummen ein, und Kurt wusste sofort, dass der Tank voll war. Weil er aber ein wenig Geld verdienen wollte und es ihm unheimlich leidgetan hätte, dem Onkel Doktor die Gewissheit zu nehmen, seine Anlage im Griff zu haben, ging Kurt ins Führerhaus des Lkws und schaltete den Schalter auf null, der für dieses zusätzliche Kabel zuständig war. Kurt ließ weiterlaufen, das Ventil blieb geschlossen, und das Öl lief im Kreislauf über eine versteckte Leitung wieder zurück in den Tank, mithin lief auch die Uhr, die die Literzahl anzeigte, weiter. Nun kam irgendwann der Moment, da auf der Uhr tatsächlich die vom Arzt vorgerechneten Liter erschienen. Bei 10 400 Litern ging Kurt zum Führerhaus, legte den besagten Schalter wieder um. Somit war das Kabel wieder in Funktion und schaltete wieder ab.
Das Brummen war wieder da, der Arzt vollführte Freudensprünge: „Nun sehen Sie sich das mal an! Bis auf 90 Liter habe ich das genau vorberechnet.“
„Ich denke, Sie haben das noch genauer gerechnet, denn das Öl, das über meine Tankwagenuhr läuft, wird unabhängig vom tatsächlichen Wärmewert des Öls immer auf 15 Grad plus berechnet. Deshalb dieser Unterschied von 90 Litern.“
Freude pur, 20 DM in Kurts Latzhose. „Da trinken Sie sich heute Abend ein Bier für!“
Kurt bedankte sich.
Im selben Moment kam die Frau des Arztes, und er ­prahlte vor ihr: „Erna, frage den Herrn: Meine Berechnung stimmt auf das Genaueste.“
Mit einem gewissen Augenaufschlag versicherte Kurt Erna: „Also das muss ich Ihnen sagen – Pardon, erst einmal guten Tag! –: Ich fahre schon zig Jahre Tankwagen, aber das, was Ihr Mann geleistet hat, ist mir noch nie vorgekommen.“
Zum besseren Verständnis: Kurt hatte die Differenz zwischen den 10 490 vom Arzt geglaubten zu 6 740 tatsächlich abgegebenen Litern im Sack, das war sein Verdienst, dazu kamen noch die 20 DM Trinkgeld.

Ingrid musste schon staunen über das all Gesagte. Zu einem viel späteren Zeitpunkt erfuhr sie weiterhin, dass er gerade erst einundzwanzig Monate wegen Mineralölsteuerhinterziehung im Gefängnis gesessen hatte, gleichzeitig mit seinem Freund Harald, demjenigen, dessen Frau Uschi die Sauna betrieb. Somit, meinte Kurt, sei es eine Fügung Gottes, dass er an Ingrid geraten sei. Zuerst war sie sprachlos, da sie noch nie im Leben ­etwas mit der Polizei oder mit Knastbrüdern zu tun gehabt hatte.
Wie Kurt erzählte, hatte er schon zwei Scheidungen hinter sich, was letztendlich auf sein unstetes Leben zurückzuführen war. Die Scheidungsgründe waren wohl bei beiden, insbesondere bei ihm, zu suchen. Begebenheiten wurden erzählt, die kaum zu glauben waren, sich jedoch bestätigten, nachdem Ingrid immer mehr Personen aus Kurts Bekanntenkreis kennengelernt hatte, die ab und an Episoden, die sie mit Kurt erlebt hatten, zum Besten gaben.
Bei seiner zweiten Hochzeit mit Rita, so erzählte Kurt, sei er zuerst einmal gar nicht erschienen, da er sich lieber mit einer Dame aus einschlägigen Kreisen vergnügt habe. Nur ihre Hochzeitgäste seien auf ihre Kosten gekommen, denn das Essen sei vorbestellt gewesen und nicht allen der Appetit vergangen.
Beim zweiten Versuch wurde dann die Ehe vollzogen. Doch die Braut hatte die Schmach vom ersten Anlauf nicht verdaut und war entgegen der Absprache ohne Trauzeugen erschienen.
Aber Kurt wusste sich zu helfen und gab kurzerhand dem Portier des Standesamtes einen knisterten Händedruck. Dieser Portier war auch nicht dumm, rief auf der nächsten Polizeiwache an – und siehe da: Dem Gesetz war Genüge getan, die Trauzeugen waren da.
Die Ehe war geschlossen, und die krummen Geschäfte gingen weiter. Sehr viel Arbeit brachte noch mehr Geld herein. Nach dem Volksmund verdirbt das liebe Geld den Charakter. Und richtig: Je mehr Geld im Hause war, desto öfter ging Kurt fremd, es wurde regelrecht hasardiert.
Zudem muss erwähnt werden, dass seine Frau es bestmöglich verstand, ihm das Leben zur Hölle zu machen. Wenn kein Grund zu streiten da war, so wurde einer gesucht. Beispielsweise war Kurt wöchentlich im „Film-Dancing“ in Köln-Höhenhaus. Dort traf man sich um 20.00 Uhr, um die letzte Woche mit den schwarzen Kunden abzurechnen. Natürlich wurde auch schon mal etwas mehr getrunken, und Kurt blieb dort hängen.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 264
ISBN: 978-3-99026-847-6
Erscheinungsdatum: 07.03.2013
EUR 16,90
EUR 10,99

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