Krimi & Spannung

Klassentreffen der Verräter

Ulrich Blume

Klassentreffen der Verräter

Leseprobe:




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Filmriss bei Karlo (1974)

Karlo war eigentlich selbst für Gewissensbisse zu dumm und, wie eingangs schon mehrfach erwähnt, trieb ihn eine unglaubliche Geilheit auf Anerkennung. Dennoch war ihm die Sache mit Paul zutiefst unheimlich. Was wollten diese Typen also von einem Teenager aus einem Kaff, das selbst in der öden DDR völlig unerheblich war? Auch in den übelsten Fantasien käme man doch nicht darauf, hier könne noch einmal etwas passieren, was wichtiger wäre, als dass in China ein Sack Reis umfiele. Aber diese alten Stasi-Fuzzis hatten ja alle Register gezogen und so viel wusste natürlich auch Karlo: Mit denen war im Zweifelsfall nicht zu spaßen. Wenn die so weit gingen, dass sie üble Drohungen gegen die ganze Familie, die Freunde und Mitschüler ausstießen, musste ja was faul sein an diesem Paul Schering. Er kannte Paul schon aus dem Kindergarten. Sie waren später zusammen bei der Christenlehre, weil sie als Einzige in der Klasse das Unglück hatten, dass ihre Eltern der Meinung waren, die Sache mit dem lieben Gott könne ihnen nicht schaden. So viel hatten sie jedenfalls gemeinsam. Sie dachten unentwegt an die verlorene Zeit, die sie an den Nachmittagen mit Hände falten, Papierkram basteln und blöde Lieder singen verschwenden mussten, anstatt mit den Freunden auf den Fahrrädern umherdüsen zu können und Unsinn zu treiben. Sie schafften es beide fast zeitgleich, aus dieser Kiste auszusteigen und ihren Eltern klarzumachen, dass Kirche uncool sei und sie deswegen in der Pioniergruppe ausgelacht würden. Und wer weiß? Vielleicht hätte man ja später auch Nachteile im Leben, denn die Gesellschaft mochte Kirchgänger ja bekanntermaßen auch nicht besonders. Pauls und Karlos Eltern gaben schließlich auf und strichen Konfirmation und nachträgliche Taufe aus dem Lebenslauf der Jungs, ohne noch mal groß nachzuhaken. Das war auch schon alles, was die beiden verband, als sie dann schließlich zusammen eingeschult wurden. Karlo konnte Paul nie besonders gut leiden, aber der war halt von Anfang an gut befreundet mit Stefan und Falko, den beiden angesagtesten Typen aus der Klasse. Und weil Karlo sein letztes Hemd gegeben hätte, um zu dieser Clique zu gehören, war Paul eben immer mit im Einkaufswagen. Das ließ sich nicht verhindern. Und weil die drei ja meistens zusammenhingen, durfte Karlo nicht mit Steinen schmeißen und ließ es damit auch bewenden. Jetzt, wo sich diese unheimlichen Typen so brutal in ihr Leben gemischt hatten und aus unerfindlichen Gründen alles, was über Paul Schering in Erfahrung zu bringen war, wissen wollten, hätte eigentlich Karlos große Stunde schlagen können. Aber Karlo war ein überaus ängstlicher und vorsichtiger Mensch und so beschloss er, sich bei seinen Treffen mit Herrn Rosenau, so hieß dieser unsympathische Kerl, auf Belanglosigkeiten zu konzentrieren und Paul als harmlosen Spinner zu umschreiben. Das funktionierte eine Weile ganz gut. Aber dann meinte der Herr Rosenau, er habe aus einer anderen Quelle einige Gesprächsnotizen über Paul Schering erhalten, und zwar im Zusammenhang mit einer kürzlichen Geburtstagsparty bei den Gehrs’, bei der auch Karlo anwesend gewesen sei. Und nun stelle sich doch die Frage, warum denn Karlo gar nichts von einer gewissen Familie Brauer aus München gehört habe, denn dies sei wohl bei der Gelegenheit mehrfach zur Sprache gekommen. Dies artikulierte der Herr Rosenau so ironisch, dass bei Karlo sofort alle Alarmglocken Sturm läuteten. Der erste Gedanke ging dahin, wie er sich jetzt wohl aus der Affäre ziehen konnte. Und der zweite stürzte sich auf panische Erinnerungssuche nach den Köpfen, die auf dieser besagten Party aufgetaucht waren und wer von denen wohl als weiterer „Agent 007“ in Verdacht käme. Und da waren eine Menge Leute an dem Abend, wie das bei Gehrs’ immer so ablief. Stefan und Falko kamen ja wohl nicht infrage, war seine erste Vermutung. Karlos Vorteil in dieser verzwickten Situation war, dass er an dem Abend tatsächlich ziemlich angedreht war, denn Stefans Vater hatte ihm mehrfach Bier vor die Nase gesetzt. Und weil seine Eltern an dem Abend nicht zu Hause und erst spät in der Nacht zu erwarten waren, hatte Karlo sich auch zwei, drei Doppelte genehmigen lassen. Das hatte dazu geführt, dass er irgendwann ziemlichen Scheiß gelabert hatte, was der Mehrheit der Gesellschaft nicht entgangen sein dürfte. Auch das konnte der neunmalkluge Herr Rosenau bestätigen. Er wusste mit derart vielen Details aufzuwarten, dass Karlo der Verdacht kam, dass dieser möglicherweise selbst dabei gewesen sei und wahrscheinlich in irgendeiner Verkleidung mit am Tisch gesessen haben müsse. Er zitierte Witze aus Karlos Mund, die er selbst gar nicht kannte und war darüber unterrichtet, dass Karlo Punkt 00:30 Uhr aufgestanden sei und gegen den Nachbarzaun gekotzt hätte. Ja, da war Karlo platt. Aber die Ausrede, dass Karlo sich an nichts erinnern könne, ließ Herr Rosenau offenbar nicht gelten. Dabei griff er ihm unmissverständlich an den Kragen, zog ihn dicht an sich heran und drohte damit, dass es künftig ungemütlich werden könne, wenn Karlo weiterhin einen auf Unkooperativen machen würde. „Pass auf, alter Freund. Dein lieber Papi hat, wie wir beide wissen, einen privaten Handwerksbetrieb. Und du willst doch nicht wirklich, dass die kleinen schmutzigen Schwarzarbeit-Geschäfte, die in den letzten fünf Jahren so bei mir registriert sind, ans helle Tageslicht kommen, oder? Hast du eigentlich eine Ahnung, was in unserem sozialistischen Vaterland mit solchen Leuten wie deinem Alten passiert, wenn wir dem haarklein nachweisen, was er so an Klimpergeld am Staat vorbei in die Tasche gesteckt hat? Da wird’s zu Hause lustig, drei Jahre nur mit der Mutter am Hacken und kein Einkommen. Also beweg deinen Arsch und vor allem dein jämmerliches Kleinhirn und überleg dir genau, was du mir das nächste Mal für einen Dreck erzählen wirst, wenn ich von dir Fakten erwarte!“ Dem war nichts zu entgegnen und so beschloss Karlo, dass Paul Schering ihn eigentlich einen feuchten Kehricht anging. Künftig würde er detailliert berichten und, wenn es denn so gewollt war, auch selbst einige interessante Geschichten erfinden, deren Wahrheitsgehalt absolut zweitrangig wäre. Hauptsache, sein neuer Chef wäre zufrieden und würde ihn und seine Zukunft, wie immer sie auch aussehen möge, in Frieden lassen.



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Unheimlicher Besuch (1981)

Mal wieder hatte Paul ein Einzelzimmer und erneut war er erstaunt, wie spartanisch man eine Gefängniszelle ausstatten konnte. In diesem Loch befand sich nur ein kleines, unmittelbar unter der Decke befindliches Fenster und die erst vor Kurzem hastig überstrichenen Wände ließen noch die inhaltlich aus geistigem Abschaum bestehenden Schmierereien mehrerer Jahrzehnte durchschimmern. Vor dem, was hier als Sanitär durchgehen sollte, konnte man sich nur ekeln und das eine Doppelstockbett, das sich im Raum befand, wirkte angesichts der Größe des Raumes so verloren wie ein Klappstuhl in einer Turnhalle. Immerhin erhielt er die Auskunft, dass es in drei Tagen noch einmal ein abschließendes Gespräch mit einem Vernehmer aus Potsdam geben solle und er danach wieder zurück in Richtung Nordosten verlegt würde, wo man inzwischen seine Anklageschrift vorbereitet hätte. Also würde es eine weitere schlaflose, aber hoffentlich ruhige Nacht ohne besondere Überraschungen geben. Die wüste Prügelei auf dem Hof bei der Ankunft hatte Pauls Bedarf an Knast-Abenteuern auch vorläufig gedeckt. Erstaunlicherweise fiel er dennoch ziemlich schnell in einen tiefen und festen Schlaf, der ihm wahrscheinlich gut bekommen wäre, wenn es nicht in der Nacht um 02:30 Uhr plötzlich zu einem Höllenkrach auf dem Flur gekommen wäre, der ihn fast hätte aus dem Bett fallen lassen. Der Flur, der zu den Zellen führte, war gefühlt vier Meter hoch und, wie er bei der Ankunft registriert hatte, auch noch in der Decke mit Blech verkleidet. Das hieß, jeder Stiefel, der auf dem Flur hin und her klackte, hörte sich an wie auf Eisen geschlagener Stein. Und auch die nicht gerade zarten Stimmen der Wärter ergaben einen Hall-Effekt, mit dem jedes Tonstudio einen Batzen Geld hätte einsparen können. Es hörte sich jedenfalls an, als würden sich zehn oder fünfzehn Menschen auf dem Flur in den Haaren liegen und jämmerliches Geschrei und Gestöhne legten die Vermutung nahe, dass es auch Opfer gab. Pauls Verlies wurde mit einem gewaltigen Krach, erzeugt durch einen rotierenden Stahlschlüssel, geöffnet und durch das gedämpfte Licht erkannte Paul, dass sie jemanden in die Zelle gestoßen hatten. Dieser jemand blieb schließlich reglos auf dem Boden liegen. Die Zellentür wurde wieder zugebrettert und die Beleuchtung blieb aus. Paul hatte keine Ahnung, was das werden sollte und traute sich zunächst auch nicht an die immer noch auf dem Boden liegende Person heran. In diesem Kerker war ja alles möglich und es hätte auch Gefahr bedeuten können. Aber es passierte nichts weiter. Als die Schritte auf dem Flur sich entfernt hatten, war es totenstill geworden und Paul konnte nur das schwere Atmen und Stöhnen seines neuen Zellengenossen vernehmen. „Hilfe!“, röchelte der immer noch am Boden liegende Mensch und Paul fragte sich, was er in dieser pechschwarzen Dunkelheit wohl helfen sollte. „In meiner linken Hosentasche steckt ein Feuerzeug, kannst du dir den Schaden mal ansehen?“, wimmerte der Unbekannte. Und Paul sprang auf, drehte den Mann zur Seite und fingerte das Feuerzeug aus seiner Tasche. Das Rad war schon ziemlich abgewetzt, aber nach dem dritten Versuch gab es Erleuchtung und Paul fiel das Feuerzeug sofort wieder aus der Hand. Was er da zu sehen bekam, verschlug ihm glatt den Atem. Der arme Kerl war übel zugerichtet. Aus einer großen Platzwunde am Kopf tropfte permanent Blut und auch seine Hände und der Hals sahen schlimm aus. Robert Müller musste erbarmungslos Prügel eingesteckt haben. Er war überdeckt von Blutergüssen und Prellungen, die anschwollen und sich dunkel einfärbten und an seinem Ärmel sickerte ebenfalls Blut durch, einfach grauenhaft. Das rechte Auge war in Mitleidenschaft gezogen und da er sich kaum bewegen konnte, waren auch einige Brüche zu befürchten. Aber Paul war medizinisch gesehen ein vollkommen unbeschriebenes Blatt und der Erste-Hilfe-Schein war so alt wie seine Fahrerlaubnis. Also hämmerte er zunächst auf die Zellentür ein und brüllte sich die Seele aus dem Leib, aber es kam niemand. Robert Müller unterwies ihn, alles, was an halbwegs sauberen Handtüchern oder Wäscheteilen zu finden war, in Stücke zu reißen, so gut es ging, mehrfach im Waschbecken auszuwaschen und anschließend auszuwringen, um es ihm als Kühltücher auf Wunden und Prellungen zu legen. Damit verging der Rest der Nacht, bis Robert Müller schließlich gegen Morgen in einen kurzatmigen, Ohnmacht ähnlichen Schlaf fiel. Paul starrte im Morgengrauen lange auf dieses fremde Gesicht und sinnierte darüber, was dieser kleine schmächtige Kerl wohl verbrochen haben mochte, dass man ihm derart zugesetzt hatte. Der Typ war vielleicht Mitte zwanzig und sah zumindest nicht aus wie ein Verbrecher. Er war nicht tätowiert und machte auf keinen Fall einen asozialen Eindruck, wenn man asozial über ungepflegt, schlampig gekleidet oder übel riechend definieren wollte. Nein, Robert Müller schien auch nicht dumm zu sein, wenn die wenigen Worte, die sie gewechselt hatten, eine solche Schlussfolgerung überhaupt zuließen. Was also war hier los? Zunächst war einmal gar nichts los, denn die allmorgendliche Frühstücksluke öffnete sich bis in die Mittagszeit nicht. Man konnte ja auch nur ahnen, wie spät es eigentlich war, denn selbst die Armbanduhren hatte man ja bei Einzug in dieses Gefängnis in der Effektenkammer abgeben müssen. Auf dem Flur war es totenstill, so als sei diese Etage seit Längerem unbewohnt. Schließlich hörte man doch Schritte und die Eisentür ließ einen älteren Herrn in weißem Kittel ins Innere, der sich aber nicht vorstellte und sich schweigend Robert Müllers Verletzungen ansah. Er hatte ein Mediziner-Köfferchen dabei und legte ein paar Pflaster und Binden an, bevor er genauso wortlos wieder verschwand. Robert brabbelte etwas vor sich hin, das nicht gerade nach Sympathiebezeigung klang und stierte dann ebenfalls wortlos vor sich hin. Eine Stunde später schob ein Wärter eine Blechkanne mit Wasser und zwei Plastikbecher in die Zelle, um dann noch einmal mit vier mit Rotwurst belegten Broten zurückzukehren. Weitere Kontakte mit der Außenwelt gab es dann bis in die frühen Abendstunden nicht. Auf Pauls Nachfrage erzählte Robert von einem angeblichen Fluchtversuch über die Berliner Mauer in der letzten Nacht, der offensichtlich nicht so gelungen war, wie er es sich vorgestellt hatte, obwohl er es, nach seinen Angaben, recht umsichtig geplant hatte. Paul, der bis dato zu derartiger Klientel keinerlei Zugang hatte, war ziemlich skeptisch, was die Geschichte betraf, die er jetzt zu hören bekam. Das Thema Republikflucht kannte er nur aus einigen Darstellungen im Westfernsehen und in diesem Zusammenhang auch nur die aufsehenerregenden, dramatischen Fälle, zumeist die, die dann auch geglückt waren. Was mit Menschen passierte, die ihr Ziel nicht erreichten, war im Grunde nicht bekannt. Zumindest wurde wenig oder gar nichts darüber berichtet. Und auch Robert Müller war zunächst nicht besonders gesprächig, wahrscheinlich, weil er nicht wusste, ob er Paul überhaupt trauen konnte. Schließlich fragte Robert Müller nach, warum denn Paul eigentlich hier sei. Und nachdem Paul seine Geschichte in groben Umrissen skizziert hatte, erfuhr er nun auch, was es mit der missglückten Republikflucht auf sich hatte.



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Robert Müllers unfassbare Geschichte (1981)

Robert Müller war ein in der DDR irgendwie falsch gestrandetes Trennungskind. Sein sechs Jahre älterer Bruder und er waren der klägliche Rest einer Familie, die es nie wirklich gegeben hatte. Der Vater hatte sich kurz nach Roberts Geburt mit einem LKW ins Jenseits befördert und die Mutter, die bis dahin halbtags als Reinigungskraft dazuverdiente, war dieser Situation weder mental noch finanziell gewachsen. Bis ihre beiden Jungs aus der Schule waren, hielt sie alles aus, aber dann sah sie sich nicht mehr imstande, ihrer mütterlichen Fürsorgepflicht nachzukommen. Mehrere flüchtige Beziehungen waren gescheitert und so wurde nach und nach der Alkohol zur Ausgangstür für die immer größer werdenden Probleme. Roberts Bruder wollte Musiklehrer werden und hatte auch einen Studienplatz ergattert. Er ging mit einer Freundin nach Leipzig, wo er in einer ziemlich alternativen Clique landete, die sich stark mit oppositionellen Künstlern identifizierte, die allesamt im Untergrund an systemkritischen Ergüssen bastelten, also Liedermacher, Maler, Schauspieler und Schriftsteller. Zu seinem kleinen Bruder Robert hielt er engen Kontakt. Waren sie doch schließlich die letzten Vertreter der Müllers, denn die Mutter hatte sich in kurzer Zeit von einer Entzugsklinik in die nächste gesoffen und ihre beiden Jungs bei deren letztem Besuch nicht mehr erkannt. Robert, der zu der Zeit gerade sein Abitur in Berlin absolvierte und in einem Heim wohnte, nutzte jede Gelegenheit, an den Wochenenden oder an schulfreien Tagen zu seinem großen Bruder nach Leipzig zu trampen. Dort wohnte er dann in der kleinen Studentenwohnung, die dieser und seine Freundin mit abendlichen Jobs in Kneipen und Bars finanzierten. Und natürlich wurde er auch zu den nächtlichen Treffen in der Kunst-Szene mitgenommen. Robert fand diesen zusammengewürfelten Haufen vollkommen verrückter Typen höchst interessant. Vor allem, weil jeder Einzelne von denen konsequent andere Lebenswege bestritt, als die, die durch die Gesellschaft vorgegeben oder als zielführend angeordnet wurden. Nicht nur die Standard-Route „Schule-Studium-Beruf-Familie-Eigenheim-Totenschein“ wurde strikt abgelehnt, sondern auch das traditionelle Familienmodell „Vater-Mutter-Kind“ war in diesen Kreisen nicht gerade verbreitet. Die langhaarigen, vollbärtigen, glatzköpfigen und für Roberts Empfinden recht ausgefallen gekleideten Vertreter dieses Klubs fand er ausgesprochen spannend und bald liebte er es, in diesen Nächten stundenlang über Theater, Musik, Politik, Malerei oder Literatur zu diskutieren und zu streiten. Dabei erweiterte er seinen Horizont mit Büchern, Schallplatten, Ausstellungen und Besuchen alternativer Musikabende in kurzer Zeit so radikal, dass ihn seine Abi-Mitstreiter in Berlin bald nicht mehr verstanden. So unterschiedlich die Menschen in dieser Leipziger Kommune auch waren, so einig waren sie sich darüber, dass die DDR ihnen als Lebensraum auf Dauer nicht reichen konnte. Ihre Bewusstseinserweiterung hatte mittlerweile ein Niveau erreicht, das mit den Angeboten im einspurig-kulturkargen Osten nicht mehr konform gehen konnte. Und so erlebte Robert, dass einer nach dem anderen plötzlich verschwand. Es wurde zunehmend von Ausreiseanträgen geredet, von Zukunftsplanungen im Westen, unter Inkaufnahme immenser Unannehmlichkeiten diesseits der Grenze, im schlimmsten Fall sogar mehrerer Jahre Haft. Robert versuchte zwar Verständnis für diese Lebenseinstellung aufzubringen, schloss aber eine solche Lösung für sich und seinen Bruder aus. Er fand, es müsse Alternativen geben, die ein Auskommen in diesem Land erlaubten, auch wenn man nicht mit allem einverstanden war. Er glaubte, dass ein Leben in der DDR ausreichend Nischen bieten konnte, wenn man bereit war, Abstriche zu machen und Kompromisse zu akzeptieren.
Bei einem seiner nächsten Wochenendbesuche in Leipzig stand Robert vor der verschlossenen und versiegelten Wohnungstür seines Bruders. Die Nachfragen in der Nachbarschaft ergaben nichts, also stiefelte er in die alternative Kulturkneipe der Künstlerkommune, um vielleicht dort Näheres zu erfahren. Hier wusste man zu berichten, dass sein Bruder und dessen Freundin, die zu der Zeit bereits im vierten Monat schwanger war, schon vor einem knappen Jahr einen Ausreiseantrag gestellt hatten. Beide waren, wie er jetzt ebenfalls erfuhr, kurz darauf von ihren Studieninstituten exmatrikuliert worden, nachdem sie dann schließlich vor vier Tagen spurlos verschwunden waren. Nun muss man dazu wissen, dass es zu dieser Zeit außerhalb der postalischen Kommunikation in der DDR nicht für jedermann Telefonanschlüsse gab. Eine Anschlussmöglichkeit an das Netz war selbst in Großstädten wie Leipzig mit oft jahrelangen Wartezeiten verbunden und die Genehmigungsverfahren liefen bekannterweise auch hauptsächlich unter Berücksichtigung ominöser Prioritätenlisten ab. Diese waren wahrscheinlich von Berufsgruppen oder familiären Verhältnissen diktiert. Die Studentenwohnung von Roberts Bruder jedenfalls hatte keinen Anschluss und Robert selbst natürlich auch nicht. Und jetzt bekam es Robert mit der Angst zu tun. Entgegen den Ratschlägen aus der Künstlerkommune beschloss er nun, nachdem er für die Nacht bei einem Kumpel untergekommen war, am kommenden Montag einfach zur Polizei zu gehen. Davon rieten zwar die Kunstfreaks ab, aber wo sollte er sonst erfahren, wo sein einziger Verwandter geblieben war? Die Sache verlief dann allerdings auch so, wie von den Unken-Rufern vorausgesagt. Zuerst ließ man ihn geschlagene drei Stunden im Wartezimmer sitzen und als dann schließlich alle Personen, einschließlich derer, die lange nach ihm gekommen waren, fort waren, wurde endlich auch Robert aufgerufen. Zunächst musste er eine unendlich langwierige Aufnahme seiner Personalien über sich ergehen lassen und seine gesamte Lebensgeschichte herbeten. Dabei nickte der gegenübersitzende Polizist in unregelmäßigen Abständen weise, bis der Ton schließlich deutlich schärfer und unfreundlicher wurde. „Sie wollen uns doch nicht weismachen, dass Sie von den Ausreiseanträgen Ihrer Angehörigen bis heute nichts gewusst haben, Herr Müller. Wissen Sie, Menschen, denen es in unserem Land zu gut geht, können wir nicht wie Freunde behandeln. Ihr Bruder und seine Lebensgefährtin sind ja für uns auch kein unbeschriebenes Blatt und die staatsfeindlichen Kreise, in denen sie verkehrt haben, ebenfalls nicht. Und wir wissen verbindlich, dass Sie sich selbst auch bei Ihren Besuchen hier in Leipzig im Kellerklub ‚Künstler-Kaffee‘ amüsiert haben. Für wie dumm wollen Sie uns eigentlich verkaufen? Ich sage Ihnen jetzt, wie es weitergeht. Der Kontakt zu Ihrem Bruder und dessen, nennen wir sie mal ‚Partnerin‘, wird Ihnen bis auf Weiteres streng verboten. Die sitzen jetzt zunächst sicher und warm genau dort, wo sie hingehören. Sie fahren zurück nach Berlin, beenden dort Ihre Schulausbildung und werden die Stadt auf unbestimmte Zeit nicht verlassen. Insbesondere für Leipzig haben Sie Zugangsverbot. Die Behörden in Berlin sind bereits informiert. Kümmern Sie sich um Ihre schwer kranke Mutter, anstatt weiter den Weg zu Penner-Kreisen zu suchen, wenn aus Ihnen noch etwas werden soll. Und registrieren Sie bitte, dass wir Sie ständig im Auge behalten werden. Und jetzt raus hier!“ Robert Müller ging stolpernd und völlig verängstigt aus diesem Polizeigebäude, setzte sich in die Bahn und fuhr zurück nach Berlin. Er konnte die gesamte Fahrt über kaum einen klaren Gedanken fassen, zumal er zu Recht befürchten musste, dass diese Vorgehensweise der Polizei keine leere Drohung sein konnte. Dabei trat die Ungewissheit darüber, wie es jetzt überhaupt weitergehen sollte, erstaunlicherweise völlig in den Hintergrund. Robert war ausschließlich von der Angst um seinen Bruder beseelt, über dessen Schicksal er möglicherweise lange Zeit nichts mehr erfahren würde. Erst jetzt wurde ihm mit aller Klarheit bewusst, dass sein Bruder in seinem Leben stets die sichere Bank war, der Fels in der Brandung, die Schulter zum Anlehnen, das Kissen zum Ausweinen. Bei ihm hatte er das Fahrradfahren, Fußballspielen und Schach gelernt. Er war es, der ihn nachts zugedeckt hatte, der ihm Nachhilfe in Mathe gegeben hatte und mit dem er reden konnte, wenn es Probleme gab. Sein Bruder hatte immer eine Lösung für ihn, in allen Lebenslagen. Er war Mutter und Vater zugleich, solange er denken konnte. Und nun war diese Bezugsperson mit brachialer Gewalt aus seinem Leben gerissen worden. Innerhalb kürzester Zeit stellte er fest, dass ihn diese Ungewissheit aber nicht in Verzweiflung stürzen sollte, sondern eine unglaubliche Wut in ihm entfesselte. Er brach alle Kontakte zu Freunden, Klassenkameraden und Bekannten ab und sprach auch nicht mit den ihm im Heim zugeteilten Betreuern. Er igelte sich in eine geradezu stoische Isolation ein und beendete auch das Abitur nur lustlos und halbherzig mit einem knappen Befriedigend. Für das angestrebte Studium bewarb er sich erst gar nicht. Mit dem 18. Lebensjahr nahm er einen Job in einer Imbissbude an und besorgte sich ein kleines Dachzimmer mit Toilette und Waschbecken und schwieg weiter. Der Betreiber der Wurstbude war ausgesprochen zufrieden mit diesem kleinen, schmächtigen Mitarbeiter, gab aber die Konversation mit ihm nach einigen gescheiterten Versuchen auf. An einem Freitagabend, kurz vor Ladenschluss, kaufte ein älterer Herr in einem mausgrauen Anzug, der schon bessere Tage erlebt hatte, die letzten beiden Bratwürste und reichte ihm ein zerknittertes Briefkuvert über den Tresen, wonach er wortlos verschwand. Als Robert den Brief öffnete, erkannte er sofort die Handschrift seines Bruders.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 298
ISBN: 978-3-95840-609-4
Erscheinungsdatum: 08.02.2018
Durchschnittliche Kundenbewertung: 5
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