Krimi & Spannung

In gestohlener Zeit

Jazz van Galen

In gestohlener Zeit

Leseprobe:

Vorwort

Ich hatte mir viele Gedanken über den Titel meines ersten Buches gemacht. Er sollte kurz und knackig sein, sollte Interesse wecken und gleichzeitig geheimnisvoll und vielversprechend sein und Sie zu vielen Stunden Spannung einladen.

Puh, ein schwerer, schier unlösbarer Anspruch, wie sollte das gehen?

Doch dann kam er, nach zwei Jahren – der geniale Einfall!
Warum konnte mein Buch nicht so heißen, wie es entstanden war?

„In gestohlener Zeit“

Das Schreiben und Recherchieren des Inhaltes war von Anfang an so angelegt, dass diese Tätigkeiten in der Zeit erfolgen sollten, die ich mir bei meinem bewegten Leben „stehlen“ konnte. So nutzte ich die Zugfahrt zur Arbeit. Hier schrieb ich eineinhalb Jahre lang 38 Minuten auf der Hinfahrt, 38 Minuten auf der Rückfahrt. Es kam pro Tag mindestens eine Seite, manchmal drei Seiten zustande.

Dann kam die Zeit, in der ich nicht mehr Zug fahren konnte. Die vielen Menschen, die vollen Busse, viele Schnupfnasen, die Nähe der hässlichen Unbekannten konnte ich nicht mehr ertragen – ade, Zugfahrten, willkommen, Autofahrten.
Doch die Zeit fehlte. Ich nahm sie mir von woanders: meinem Partner, meinen Freunden, dem Fernseher, dem Hausputz, mir selbst. Zugegeben, es wurde immer schwieriger. Die Zeit wollte nicht mehr zur Verfügung stehen, und so gewann sie die Oberhand und das Buch stagnierte eine lange Zeit. Ich hatte viel darüber gelesen, dass man „am Bücherschreiben dranbleiben sollte“, bloß keine Stagnation – war das das Aus?

Ich hatte schon zu viel des Weges zurückgelegt, mehr als zwei Jahre, an jedem Tag der Versuch … und da der Mensch ein Gewohnheitstier ist, fehlte mir etwas, als ich nicht mehr schrieb. Das Leben war – was diesen Aspekt betraf – langweilig geworden.

Also begann ich Strategien zu entwickeln, wie ich wieder schreiben konnte, besser als zuvor – und nach einiger Zeit gelang mir der Durchbruch: Ich nahm mir die Zeit, und die Lust zu schreiben kam wieder. Dann erneut ein Rückschritt, ein neuer Mann trat in mein Leben, der nahm Raum ein, den ich zum Schreiben brauchte. So verzögerte sich alles. Meine Freundin Bernadette und mein Freund Norbert halfen mir und redigierten, vielen Dank dafür.

Hier ist das Ergebnis: Eine unglaubliche Geschichte, schön, vielschichtig, manchmal brutal, oft innig, verspielt, kompliziert, fantasievoll, zärtlich, voller Energie und Intrigen, manchmal liebenswert und von vorne bis hinten in meiner Fantasie erfunden. Jede Ähnlichkeit mit Personen, jede Übereinstimmung der Namen, von Orten und Handlungen kann nur zufällig sein.

Es macht mich ein Stück unfreier, sie erzählt zu haben, denn die Freiheit beginnt im Kopf eines jeden Menschen in seinen Gedanken, seinen Träumen, und ich gebe Ihnen ein Stück meiner Freiheit: Also schätzen Sie diesen Umstand und genießen Sie mein erstes Buch – viel Spaß beim Lesen!



Kapitel 1
St. Ulrich, Gröden, Italien

Sie kann im Schneegestöber nur schwer die Umrisse von Andreas erkennen. Gekrümmt und von Schnee bedeckt liegt er regungslos am Boden. Es hat ihn, wie man beim Skifahren sagt, soeben „zerrissen“. Sie hat die Eisplatte gesehen und als sehr vorsichtige Skifahrerin in letzter Sekunde umfahren.
Da liegt er nun, ihr schöner Skilehrer.
„Andreas, komm schon, steh auf!“
Keine Reaktion.
„Andreas!“
Ein panisches Gefühl steigt in ihr auf, ganz langsam, während sie hektisch den steilen Hang hinunterrutscht und immer noch keine Reaktion von ihm kommt.
„Andreas, das darf doch nicht wahr sein!“ Sie beugt sich über ihn, und seine Hilflosigkeit lässt bei ihr eine Träne fließen.
„Andreas, schnell, die Handschuhe runter!“
Sie nimmt sein ihr zugewandtes Gesicht in ihre Hände.
„Andreas!“
In diesem Moment schlägt er die Augen auf und lächelt sie an, packt sie bei den Hüften, hält sie fest und rutscht mit ihr laut lachend drei- oder viermal im Überschlag den Hang hinunter. Er lacht immer noch und sein Lachen ist so mitreißend, dass sie ihm kaum böse sein kann.
Ihre Tränen verwandeln sich in ein Lachen, das immer heftiger wird, sie können gar nicht mehr aufhören, und sie schlägt liebevoll auf ihn ein. Er boxt sie etwas kräftiger zurück.
In diesem zwanglosen, gelösten Moment ist sie so glücklich wie schon lange nicht mehr, es ist ein wenig wie verliebt sein und sie genießt die Ausgelassenheit dieser Minuten. Da liegen sie nun beide im Schneetreiben auf der fast leeren Piste und sehen sich an.
„Myriell, lass uns bei Tante Hanni einkehren, es ist nicht mehr so weit.“
Langsam stehen sie auf, suchen zunächst die Ski im Schnee, steigen auf und fahren im Schneckentempo weiter. Sie ist wacklig auf den Beinen, denn bei so einem miesen Wetter verliert man leicht die Orientierung, und sie hat das Gefühl, den Berg hoch anstatt hinunter zu fahren. So ist sie froh, direkt hinter Andreas herfahren zu können.

Langsam, in kleinen Bögen und – obwohl das Wetter es eigentlich nicht zulässt – immer noch darauf bedacht, eine gute Figur zu machen, nähern sie sich der „Tante Hanni-Hütte“ im Tal.
Sie liebt diesen Ort, na ja, die Umschreibung Hütte ist untertrieben, denn mittlerweile hat die Gastwirtschaft beziehungsweise das Treiben auf der Terrasse gigantische Ausmaße angenommen. Bei gutem Wetter – und das Wetter ist oft gut – arbeiten mindestens sechs Kellnerinnen und Kellner mit stetig guter Laune und immer einem lockeren Spruch auf den Lippen draußen in der Sonne. Viele Liegestühle bauen sich am Hang auf, und auch Wanderer ergattern hier nur zu gerne einen Sonnenplatz. Heute, bei dem Sauwetter, werden sie ganz sicher einkehren.
Doch Myriells Gedanken sind schon wieder nicht bei ihren Skikünsten, denn sie fühlt, dass sie einen Fehler gemacht hat, die Bretter unter ihr sind für einen Moment außer Kontrolle.
Va bene, denkt sie, jetzt liegt sie erneut im Schnee.
Es ist zum Glück nichts passiert und Andreas lacht schon wieder, zieht sie hoch und weiter geht’s.
Langsam hat sie von der orientierungslosen Fahrt im Schneegestöber genug, sie will endlich an der Hütte ankommen. Sie fährt eigentlich nur bei schönem Wetter, denn sie ist eben die typische „Schönwetterfahrerin“.
Am Morgen sah das Wetter auch noch verdammt gut aus, strahlend blauer Himmel, und wer hätte da gedacht, dass es noch so stark schneien würde. Na ja, die Berge sind eben unberechenbar und nicht nur die Berge. Sie will endlich die dunklen Gedanken abschütteln, sie ist hier, um die schrecklichen Ereignisse zu vergessen, sich zu erholen …

Endlich, jetzt ist es nicht mehr weit. Sie können die Umrisse der Hütte kaum erkennen, aber der Einkehrschwung ist ihnen jetzt ganz sicher. So freuen sie sich in Gedanken schon auf die „Heiße Oma“, den köstlichen Eierlikör mit Sahne, den sie sich bestellen werden.
Ski abschnallen, an der Seite im Schnee deponieren, den Schnee notdürftig von den Skianzügen abklopfen, das Eis von den Skistiefeln abschlagen und die wenigen Stufen zum Eingang erklimmen … geschafft!
Die Skibrillen sind beschlagen, und ihre Gesichter brennen von der Kälte. Ganz schnell die Brillen von den Gesichtern nehmen, die Mützen von den Köpfen ziehen und sich erst einmal in der Hütte orientieren.
Myriell ist noch nie im Inneren der Hütte gewesen, und der Anblick überrascht sie.
Die ganze Hütte ist mit Holz ausgekleidet und wirkt anheimelnd. Unterstützt wird dieser Eindruck noch durch die ausgesperrte Kälte und den draußen wütenden Schneesturm.
Andreas hat einen kleinen, noch freien Tisch entdeckt und schiebt Myriell sanft mit einer entsprechenden Handbewegung in die Richtung des Tisches. Er nickt ihr zu und sie bewegt sich wie ferngesteuert an den wenigen Skifahrern vorbei in Richtung Tisch.
Nachdem ihre Skijacken ausgezogen sind, wird ihnen bewusst, wie kalt es draußen eigentlich ist und wie unwirklich ein Schneegestöber sein kann. Myriell schüttelt sich kräftig.
„Was magst du trinken?“ Eigentlich ist sie froh, dass Andreas so gut Hochdeutsch spricht, doch manchmal kommt der Dialekt stark bei ihm durch, er kann nicht immer verbergen, dass er in Gröden geboren und aufgewachsen ist.
„Eine ‚Heiße Oma‘ und eine Apfelschorle.“
Er stiefelt los und unterhält sich angeregt mit der Wirtin, so hat sie etwas Zeit, sich genauer umzuschauen. Die Hütte ist von innen recht geräumig, überall auf den Tischen liegen schön bestickte rote Deckchen, die Bänke und Stühle sind mit passenden Kissen und Fellen ausgepolstert. An der Seite knistert ein Kaminfeuer und Bilder mit röhrenden Hirschen aus der Region und diverse mächtige Geweihe schmücken die Wände.
Normalerweise bekommt sie bei dem Anblick von so viel Gemütlichkeit Beklemmungen und das Bedürfnis, einen solchen Ort so schnell wie möglich zu verlassen, doch diesmal ist das nicht der Fall. Sie fühlt sich trotz ihres rotglühenden Gesichtes und ihrer schmerzenden Füße pudelwohl.
Es war ein guter Entschluss, einen Skilehrer anzuheuern, denn allein Skifahren macht ihr keinen Spaß und erst recht nicht, wenn man allein in den Bergen bei solchen Bedingungen fahren muss. Andreas ist sehr um ihr Wohlergehen besorgt, er kümmert sich rührend um sie und gibt ihr das Gefühl, eine sehr spezielle Schülerin zu sein. Er mag sie wirklich, und das zeigt er ihr auch, das tut ihr gut. Mit einem strahlenden Lächeln kommt Andreas zurück an den Tisch und ruft ihr begeistert entgegen: „Gleich kommt der Moderer, dann kannst du was erleben! Er ist der beste Ziehharmonika-Spieler im Ort.“
Oje, ihr bleibt auch nichts erspart. Die Getränke kommen schnell, sie prosten sich zu und genießen die Wärme und Behaglichkeit. Andreas erzählt ihr von den viel schlimmeren Stürmen, die er in Gröden schon erlebt hat, und dass das heutige Wetter gar nichts dagegen sei.
„Mir hat es gereicht, meine Hände sind jetzt noch ganz kalt“, entgegnet sie.
Spontan nimmt Andreas ihre Hände in seine Hände und reibt ganz vorsichtig daran, dabei bläst er ganz sanft warme Luft in die kleinen Zwischenräume und lächelt sie zärtlich an.
„Danke, das ist ganz lieb von dir, mir wird jetzt schon wärmer.“
Welch ein Naturbursche, nur schade, dass er nicht ihr Typ ist.
Jetzt wird es laut in der Hütte, denn der Moderer hat Position bezogen und haut auf seinem Akkordeon kräftig in die Tasten. Die Stimmung steigt, alle Leute inklusive Myriell singen mit, die Wirtin lässt die Runden mit Pflaumenschnaps kreisen.
In der Dämmerung machen sie sich angeheitert Richtung Hotel auf. Zum Glück hat Andreas das Hoteltaxi gerufen, auf die Ski müssen sie nicht mehr und könnten sie auch gar nicht mehr.
Das Wetter hat zwischenzeitlich umgeschlagen und bietet nun einen klaren Blick auf die Sterne, die frische kalte Luft lässt sie sofort einen klaren Kopf bekommen. Andreas reicht ihr die Hand und hilft ihr ins Großraumtaxi, schiebt sie in die Richtung des hinteren Sitzes. Er legt seinen Arm um sie, sie kuschelt sich an ihn und genießt seine Wärme und den guten Geruch nach Kernseife. So fahren sie mit wohligen Gedanken zurück ins Hotel „Stella“, wie passend.




Kapitel 2
Miami, Der Vertrag, Thomas’ 27. Geburtstag

Die beiden Männer verabreden sich in einer kleinen Bar am Strand von Key Largo in Florida, weit außerhalb der Stadt. Thomas wird heute 27 Jahre alt, Victor hat ihn dringend darum gebeten, pünktlich zu sein.
Alles ist perfekt inszeniert, und Victor sitzt weit abseits von jedem Zuhörer in der hintersten Ecke der kleinen Terrasse, sein Laptop ist aufgeklappt und arbeitsbereit.
Thomas lässt, wie Victor bereits vermutet hatte, wie immer auf sich warten. Er ist schon seit über 15 Minuten überfällig.

Der inzwischen verstorbene Vater von Thomas, Adam Parker, hatte Recht behalten, denn dieser ärgerte sich schon in frühen Jahren über die Unzuverlässigkeit seines Sohnes. Nach Adams Tod kümmerte sich Victor um den Jungen, so wie er es Adam einen Tag vor seinem Tod versprochen hatte.

Victor lehnt sich gedankenverloren zurück und lässt die Vergangenheit vor seinem geistigen Auge Revue passieren. Wie schon so oft zuvor in seinem Leben spult die Geschichte der Familie Parker in einem lebendigen Film in seinen Gedanken vorbei. Zu stark sind immer noch die Erlebnisse und Gefühle, die ihn mit dieser Familie verbinden. Es kommt ihm vor, als sei alles erst gestern gewesen, so stark ist er in der Vergangenheit versunken. Sie hat ihn bis heute nicht losgelassen, und er selbst ist ein Stück von allem.

Thomas’ Vater, Adam Parker Junior, wurde in Denver, Colorado, geboren. Dessen Vater wiederum, Adam Parker Senior, war ein echter Haudegen. Er hielt es nicht mit Sitte und Moral, obwohl er dies zumindest immer bei den Treffen des Ku-Klux-Klans vorgab.
Der Versuch, die fromme Fassade aufrecht zu erhalten, gelang ihm im Laufe der Zeit immer weniger, denn er war der Archetyp des halsabschneiderischen Scharlatans: Er fraß, prügelte und vögelte sich kreuz und quer durch Colorado.
Billiger Fusel und unwirksame Gesundheitswässerchen wurden als Allheilmittel für 15 Dollar die Flasche von ihm verkauft, und bei seinen Saufgelagen schwatzte er den Ureinwohnern Amerikas unter anderem ihr Land ab.
So häufte er im Laufe der Zeit ein kleines Vermögen an, das er stets bar mit sich herumtrug, denn er traute den Banken nicht. In einem kleinen Büchlein trug er jeden Cent ein, den er einnahm oder ausgab, und das passte so gar nicht zu seinem Lotterleben.
Bald begann er, auf seinem so erworbenen Grund und Boden nach Öl zu bohren und wurde schon sechs Monate später fündig. Geld fällt eben immer wieder auf den gleichen Haufen, doch der Ölfund interessierte ihn nicht wirklich. Es reichte ihm zu wissen, dass er ein Ölvorkommen auf seinem Grund und Boden besaß und jederzeit darauf zugreifen konnte, wenn er Geld brauchte oder ihm einfach danach war. Das war ein gutes, sicheres Gefühl, das er liebte.
Geld für Vergnügungen in der durch Goldfunde sich zur Metropole entwickelnden Stadt Denver auszugeben, war ein Luxus, den sich Adam Parker Senior nicht oft gestattete, er saß auf seinem Geld und brütete es sprichwörtlich aus. Lieber waren ihm die kostenlosen Dienste der vielen hübschen afroamerikanischen Hausmädchen, die er oft und ausgiebig in Anspruch nahm.
Nachdem er sich die Hörner abgestoßen hatte und bereits vierzig Jahre alt war, heiratete er Elisabeth Smith, die nicht so ansehnliche Tochter des Bankdirektors, auf die er schon lange ein Auge geworfen hatte.
Diese Ehe blieb zunächst kinderlos, doch nach acht Jahren gebar ihm Elisabeth, im für damalige Verhältnisse hohen Alter von 28 Jahren, schließlich Adam Parker Junior, den herbeigesehnten Stammhalter. Das Familienglück dauerte nicht allzu lange, denn Elisabeth starb früh und elendig an Leukämie und ließ Vater und Sohn allein zurück.
Adam Senior verkraftete den Tod seiner Frau überhaupt nicht und begann wieder ausgiebig zu trinken. Seine negativen Eigenschaften verstärkten sich von Tag zu Tag, und so soff er sich neun Jahre später endgültig zu Tode.
Der 19-jährige Adam Junior hatte bereits seit seinem 16. Lebensjahr die Geschäfte des Vaters übernommen und sah angewidert zu, wie dieser sich ins Delirium trank.
Je schlimmer der Zustand des Vaters wurde, umso mehr strengte sich Adam an, das Vermögen zu mehren.

Hier lernte er bei einem seiner frühen Geschäfte Victor kennen, der ebenfalls in Denver geboren wurde und bereits sein Rechtsanwaltsstudium begonnen hatte. Adam konsultierte ihn seitdem bei allen rechtlichen Angelegenheiten, und Victor stand ihm immer zur Seite, reiste sogar an einigen Wochenenden eigens nach Denver an, obwohl das zur damaligen Zeit eine halbe Weltreise war. Er musste sich oft an Montagen krankmelden, da die weite Strecke in zwei Tagen kaum zu schaffen war.
Adam Junior hatte von seinem Vater die gleiche misstrauische Ader geerbt, doch Victor vertraute er blind, nicht zuletzt deswegen, weil er immer, wenn Adam rief, zur Stelle eilte. Genau genommen war er sein einziger Freund, so nahm er später auch gerne seine Anwaltsdienste in Anspruch.
Man kann sagen, dass er – Victor – nicht zuletzt wegen der Geschäfte mit Adam mächtig geworden war. Ja, Victor hatte Adam sehr viel zu verdanken.

Im Mai 1966 eröffnete Adam Junior seine erste Tankstelle, Victor erinnert sich wie heute an die ersten geschlossenen Verträge. Zwei Jahre später nannte er bereits drei Tankstellen sein Eigen und 1970 war er stolzer Besitzer einer Tankstellenkette, die über die Grenzen von Colorado hinweg reichte. Mit 22 Jahren war er, der Sohn eines Säufers, mehrfacher Millionär, ein reicher und gemachter Mann.
Auch die Ku-Klux-Klan-Zugehörigkeit hatte er von seinem Vater geerbt, nicht zuletzt das schweißte die beiden Freunde, Victor und Adam Junior noch enger zusammen. Zugegebenermaßen machten ihnen die rohen Sitten Spaß. Sie konnten sich mit den Idealen des Klans identifizieren, denn beide glaubten an ihre weiße Vorherrschaft. Es kam ihnen nicht einmal ansatzweise in den Sinn, irgendetwas zu hinterfragen. Victors Klientel waren zu der Zeit schwerpunktmäßig Klan-Mitglieder, die er bis zum heutigen Tage treu betreut – mit einigen gemeinsamen Leichen im Keller.

Außerhalb seines Geschäftes interessierte Adam Parker Junior noch eine andere Sache leidenschaftlich: der Schwimmsport, personifiziert durch die Person Mark Spitz. Adam Junior war sein größter Fan.
1968 holte Mark Spitz bei den olympischen Spielen in Mexiko zweimal Gold in der Staffel, war Dritter über 100 Meter Freistil und Zweiter über 100 Meter Delfin.
Adam verehrte ihn danach regelrecht und redete monatelang von nichts anderem. Er schwor sich selbst, bei der nächsten Olympiade dabei zu sein.
Vier Jahre später, 1972 in München, machte Adam seinen Schwur wahr, er fuhr zu den Olympischen Spielen und wurde in zweifacher Hinsicht königlich belohnt. Zum einen startete Mark Spitz in sieben Wettbewerben – und gewann alle sieben, wobei er jedes Mal einen neuen Weltrekord aufstellte! Eine Stunde nach seinem Triumph über die 100 Meter Schmetterling gewann er mit seinen Staffelkameraden die Goldmedaille über 4 x 200 Meter Kraul. Die Goldmedaille über 200 Meter Freistil war die dritte an drei aufeinanderfolgenden Tagen.
Adam Parker war euphorisch, er telefonierte mit Victor und erzählte ihm, dass das Gefühl nicht einmal durch das Attentat am Morgen des fünften September getrübt wurde. Die olympischen Spiele wurden unterbrochen und im Olympiastadion fand eine Trauerfeier für die Opfer statt. Um den Terroristen nicht nachzugeben, beschloss das Olympische Komitee nach 36 Stunden die Fortsetzung der Spiele.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 232
ISBN: 978-3-99107-230-0
Erscheinungsdatum: 27.01.2021
Durchschnittliche Kundenbewertung: 5
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