Im Schatten der Sucht
EUR 28,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 374
ISBN: 978-3-99185-127-1
Erscheinungsdatum: 21.07.2026
Ein Allgemeinarzt am Limit: Alkohol, Schuld und dunkle Geheimnisse ziehen Richard Schneider in einen gefährlichen Strudel. Zwischen Klinikalltag und innerem Absturz beginnt ein Kriminalfall, der weit tiefer reicht als gedacht.
Kapitel 1
Schöne Bescherung. Ausgerechnet ich. Und ausgerechnet jetzt!
Er hätte es wirklich sofort wissen müssen. Der dumpfe Schmerz hinter seinem Brustbein, das Gefühl, eine Zentnerlast darauf liegen zu haben, die Übelkeit, der kalte Schweiß – Symptome, die ihm von seinen Patienten her nur zu gut bekannt waren. Aber erst als der diensthabende Notaufnahmearzt ihm ohne Umschweife dies in sachlicher Nüchternheit mitgeteilt hatte und keine Zweifel mehr übrig waren, akzeptierte er, dass er am heutigen Donnerstag einen Herzinfarkt erlitten hatte.
Richard Schneider, 48 Jahre alt und seit fast 15 Jahren als Allgemeinarzt in eigener Praxis im rheinhessischen Rothenheim tätig, ließ am späten Abend dieses denkwürdigen Tages die Ereignisse nochmals Revue passieren. Nun, da er nach einer Herzkatheter-Untersuchung mit Einsetzen eines Stents durch das kardiologische Notfallteam von seinen Schmerzen befreit auf einer der Intensivstationen des Universitätsklinikums in Mainz lag. An Schlaf war kaum zu denken. Zu viel hatte sich heute ereignet. Die ihm angebotene Beruhigungstablette hatte er abgelehnt. Sein Blick fiel wiederholt auf den Überwachungsmonitor schräg links über seinem Bett. Im Minutenabstand vergewisserte er sich immer wieder, ob die EKG-Kurven weiterhin so regelmäßig blieben wie in der vergangenen Stunde. Sie blieben es.
23:52 Uhr, so die Digitalanzeige.
Gleich fünf vor zwölf. Und das nicht nur auf dem Monitor.
Dabei hatte der Tag angefangen wie die meisten anderen auch. Mit dem gewissen Unterschied, dass er ihn nach dem Alkoholexzess des Abends zuvor in außerordentlich übler und verkaterter Verfassung begonnen hatte. Abende wie dieser hatten sich in letzter Zeit beängstigend gehäuft.
Ich bin auf dem besten Wege, mich zu ruinieren. Gesundheitlich, materiell, existenziell. Bald habe ich es geschafft.
Einmal mehr hatte er gestern seinen üblichen Vorsatz, etwas zu ändern, in einem seiner Stimmungstiefs über den Haufen geworfen und kurzfristige Hilfe beim Alkohol gesucht. Es war einfach bequemer. Er hatte sich spontan mit seinem alten Schulkameraden Sigmund in Mainz verabredet. Dieser sagte selten Nein, wenn es darum ging, zusammen einen zu verlöten, wie er sich auszudrücken pflegte. Sechs große Biere und diverse Schnäpse auf der Kneipentour in der Stadt hatten Richard Schneider bis nach zwei Uhr morgens geholfen, in einem Nebel von Rausch und Illusionen abzutauchen.
Die Rückkehr in die Realität am Morgen dieses Arbeitstages war umso gnadenloser ausgefallen. Der grässliche Nachdurst mit dem erbärmlichen Nachgeschmack der hochprozentigen Getränke, der dröhnende Kopf, das flaue Gefühl im Magen. Schlimmer noch: das Gefühl des schmählichen Versagens, das Bewusstsein, sehenden Auges auf den Abgrund zuzusteuern. Neben seiner nachlassenden Kondition und der schwindenden Achtung vor sich selbst hatten die abendlichen Exkursionen der letzten Zeit auch seine seit Jahren schon angespannte Finanzlage weiter verschlimmert. Im Teufelskreis von Finanzsorgen, Niedergeschlagenheit und fehlender Perspektive war der nächste Griff zum Tröster Alkohol vorprogrammiert.
Es kann so nicht weitergehen! Ich fange an, in meinem Beruf als Arzt Fehler zu machen. War ja auch nur eine Frage der Zeit. So wie am vergangenen Samstag …
*
Ein grauer Samstagmorgen im Herbst 2006, Ende Oktober, dreiviertel neun. Das Telefon riss ihn aus seinem Katerschlaf: „Herr Doktor Schneider, Sie haben Hintergrunddienst und sich nicht gemeldet!“ – so die unverhohlen vorwurfsvolle Stimme der Telefonistin in der Bereitschaftspraxis im nahegelegenen Oppenheim.
Verdammt, schoss es ihm durch den Kopf. Er musste diesen Dienst, eigentlich ein Reservedienst für den Fall, dass der diensthabende Arzt der Praxis überlastet war, meistens dreimal pro Jahr leisten. Der Dienst begann immer samstags und dauerte die ganze Woche. In Anspruch genommen wurde man nur selten, sodass er nicht der Einzige war, der dazu neigte, diesen Dienst zu vergessen.
„Tut mir echt leid“, brach es aus ihm hervor. „Ich muss wohl verschlafen haben.“
„Okay. Dann sind Sie ja jetzt sicher dienstbereit und unter dieser Nummer zu erreichen, oder? Auch übers Handy?“
„Beides.“
Er gab seine Mobilnummer durch, mühsam einen Würgereiz unterdrückend.
„Ja, die Nummer ist bekannt hier. Ich hätte dann auch was für Sie. Im Altenheim Wolfersheim, im Wolfstift, gab es einen Exitus. Einen Suizid. Eine Frau Wieland, Margarethe auf Station zwei. Die Dame hat sich erhängt. Leider gleich was Unangenehmes. Aber Sie müssten recht bald fahren, die Kripo ist wohl schon vor Ort. Unser Doktor wollte erst selbst hin, muss nun aber zuerst zwei dringende Hausbesuche erledigen.“
Es half wieder einmal nichts. Richard musste los, trotz Brummschädel. Ein kurzer Blick in den Spiegel zeigte ihm gnadenlos, wie sehr er sich in der Nacht zuvor wieder einmal zugerichtet hatte. Wenn ich nicht saufen würde, könnte ich mit meinem Aussehen halbwegs zufrieden sein. In der Tat war Richard mit seinen 48 Jahren körperlich eigentlich noch „gut in Schuss“: Bis auf einen kleinen Bauchansatz war er einigermaßen schlank geblieben; der einst dunkelblonde Haarschopf war noch mehr als halbvoll, jedoch vor allem an den Schläfen deutlich ergraut, was ihn aber für Frauen angeblich interessant machen sollte; um die dunkelbraunen Augen herum hatte er nur wenige Falten. Heute früh war allerdings alles einfach nur aufgequollen… Die Alkoholfahne versuchte Richard wie üblich mit einem starken blauen Menthol-Bonbon zu kaschieren.
Vor Ort führte ihn Schwester Doreen, die diensthabende Pflegefachkraft, zum Zimmer der Verstorbenen.
„Unfassbar“, murmelte er vor sich hin, während Schwester Doreen schweigend neben ihm herlief. „Selbstmord mit 89, das hab ich auch noch nicht erlebt. War Frau Wieland denn depressiv? Oder war sie so schlecht dran, dass sie mit ihrem Tod rechnen musste und es abkürzen wollte?“
Margarethe Wieland war keine Patientin gewesen, die er selbst regelmäßig betreut hatte. Ihr Hausarzt im Ort war jedoch am Wochenende nicht dienstbereit. So musste, wie üblich in diesen Fällen, die Bereitschaftspraxis für die Todesfeststellung einspringen.
Ratloses Schulterzucken bei Doreen. „Na ja“, kam es zögerlich. „Sie war halt so, wie man mit 89 eben ist. Ein wenig depressiv … ja, vielleicht. Kann ich gar nicht so genau sagen. Ich hab sie in letzter Zeit ja auch nicht so oft betreut. Sie war noch sehr selbständig, daher ist mir nichts aufgefallen.“
„Guten Morgen, Herr Doktor Schneider, ich bin Hauptkommissar Reimann, Kripo Oppenheim“, stellte sich ein leicht korpulenter Mann mittleren Alters vor.
Richard blickte in ein müdes und ein wenig aufgedunsenes Gesicht. Trübe Augen, schlaffe Lider, gerötete Wangen.
Der ist ja mindestens genauso fertig wie ich.
„Tja, Herr Doktor, ähm … so wie es aussieht, haben wir hier einen Strangulationstod. Sie hat sich selbst mit dem Gürtel ihres Frottee-Bademantels an der Handtuchstange in der Nasszelle erhängt.“
„Was?“
„Sehen Sie selbst, wir haben alles so gelassen, wie wir es vorgefunden haben, und gewartet, bis Sie kommen. Es ist nicht das erste Mal, dass es jemand auch auf diese Weise hinbekommt, auch wenn es für eine Dame in dem Alter ungewöhnlich erscheinen mag. Aufgefunden wurde sie um zehn vor acht. Die Leiche ist noch warm.“
„Wurde Frau Wieland denn heute früh noch lebend gesehen?“
„Ja, zuletzt durch die diensthabende Nachtschwester. Das war gegen halb sechs.“
Man betrat zusammen das kleine Badezimmer, an dessen seitlicher Wand Frau Wieland an der verchromten Handtuchstange hing, nur mit einem Nachthemd bekleidet. Die Augen der Verstorbenen waren geschlossen, ihr Kopf war nach vornübergebeugt. Um den Hals hatte sie den hellblauen Bademantelgürtel, welcher um die Handtuchstange verknotet war. Auf dem Boden lag ein umgestürzter kleiner Badezimmerhocker.
Nach der ersten Betroffenheit, die der Anblick von Verstorbenen auch nach langen Berufsjahren noch bei ihm auslöste, war der Rest für Richard Schneider eher eine Routineangelegenheit, zumal er neben seiner Praxistätigkeit auch Wochenenddienste der Oppenheimer Bereitschaftspraxis übernahm, bei denen Leichenschauen regelmäßig anfielen. Mit dem Unterschied, dass er Suizidpatienten eher selten zu Gesicht bekam.
Zunächst hängten er und Kommissar Reimann den Leichnam ab. Reimanns Assistentin hatte zuvor Fotos anfertigen lassen und sie Reimann übergeben.
„Es ist jetzt viertel nach neun“, erklärte Richard schließlich. „Tja, die Totenflecken sind relativ stark ausgeprägt, was beim Erstickungstod ja regelmäßig so ist, dagegen ist praktisch so gut wie keine Leichenstarre vorhanden. Also …“ Ein erneuter heftiger Anflug von Übelkeit zwang ihn, sich kurz zu unterbrechen. „… nun, ich schätze, dass der Tod nach sechs Uhr heute früh eingetreten ist. Wahrscheinlich nicht lange, bevor sie gefunden wurde.“
„Deckt sich exakt mit dem, was wir bisher ermitteln konnten. Die Nachtschwester vom Dienst, eine Pflegekraft namens Rosalinde, ist gegen halb sechs ins Zimmer gekommen, da Frau Wieland Tee haben wollte. Normalerweise versorgte sie sich selbst. Die türkische Pflegehelferin vom Tagdienst, sie heißt Hatice, hat sie dann um zehn vor acht aufgefunden. Frau Wieland ist nämlich nicht wie üblich zwischen sieben und halb acht zum Frühstück in den Speisesaal gegangen.“
Die genannte Pflegehelferin erschien daraufhin im Zimmer. Klein, ein wenig stämmig und dunkelhaarig, jedoch heute ohne ihr gewohntes Lächeln. Richard hatte sie bei der Betreuung anderer Patienten auf dieser Station als stets entgegenkommende und freundliche Mitarbeiterin schätzen gelernt. Sie war ganz anders als ihre deutsche Kollegin Doreen, die aus ihrem Frust über die Anforderungen des Berufs und die chronisch defizitäre Personalausstattung des Heimes keinen Hehl zu machen pflegte.
Hatice bestätigte, was der Kommissar gesagt hatte. „Wir sind schockiert“, sagte sie. „Das hätte ich von Frau Wieland nie gedacht, Herr Doktor.“
„Hatte sie denn keinen depressiven Eindruck auf Sie gemacht? Oder hatte sie vielleicht doch die eine oder andere Andeutung gemacht, dass sie lebensmüde ist?“
„Sie hat sich beklagt, dass sie wird immer schwächer wird, und immer schlechter kann laufen.“
Hatices Deutsch war auch mehr als zehn Jahre nach ihrer Einwanderung noch etwas holprig.
„… Aber sie hat nie gesagt, sie will nicht mehr leben. Also, nicht zu mir. Irgendwie … kann ich das alles noch nicht glauben.“
„Was hatte sie denn so an Krankheiten?“
„Na ja, Herr Doktor, schauen Sie am besten mal selbst in die Akte. Liegt vorne im Stationszimmer.“
„Gut, ich muss ja sowieso dorthin und den Totenschein ausstellen.“
„Sie bescheinigen also einen nicht natürlichen Tod, Herr Doktor Schneider?“, so der Hauptkommissar.
„Aber natürlich“, erwiderte Richard. „Sagen Sie, Herr … ähm …“
Der Brummschädel machte sein Namensgedächtnis nicht besser.
„Reimann.“
„Ja, Tschuldigung, Herr Kommissar Reimann, also …, können Sie denn eine Fremdeinwirkung ausschließen?“
„Dafür gibt es keine Anhaltspunkte. Meine Assistentin und ich haben die beiden Pflegekräfte befragt. Die Nachtschwester, Schwester Rosalinde, werden wir später befragen, sie ruht sich für den nächsten Dienst aus. Bisher gibt es wie gesagt nichts, was auf eine Fremdeinwirkung hindeuten könnte. Auch hatte Frau Wieland seit gestern, soweit bekannt, keinen Besuch von Verwandten oder sonstigen Personen gehabt. Wir werden aber noch die diensthabenden Pflegekräfte vom Freitag befragen. Es sieht tatsächlich nach einem Selbstmord aus. Haben Sie sich den Gesichtsausdruck der Verstorbenen mal genauer angeschaut? Ich habe schon ein wenig den Eindruck, dass hier Verzweiflung oder auch Depression herauszulesen sind. Finden Sie nicht auch, Herr Doktor?“
„Herr Kommissar, wir können aus der Mimik der Toten doch nicht auf ihre seelische Verfassung vor dem Eintritt des Todes schließen“, protestierte Richard. „Die mimische Muskulatur erschlafft während des Sterbevorgangs komplett. Alles, was wir da zu sehen meinen, gehört schlichtweg ins Reich der Fantasie.“
Rechtsmedizinisches Grundlagenwissen. Das sollte einem Hauptkommissar doch eigentlich geläufig sein.
Dieser war sich dann auch recht bald seines Fauxpas’ bewusst. „Nun ja, stimmt schon.“
„Es gibt auch keinen Abschiedsbrief, oder?“
„Nein, gibt es nicht. Aber, Herr Doktor, wir hatten schon genug Selbstmörder, die ihre Tat nicht angekündigt hatten.“
Ein gewisser Unwille in der Stimme des Kommissars war nicht zu überhören.
„Eine Obduktion findet nicht statt?“, war Richards letzte Frage an ihn.
„Entscheidet der zuständige Richter. Nach Lage der Dinge eher nicht.“
*
Im Stationszimmer, wo Richard den Totenschein ausfüllen wollte, wurde er von Schwester Doreen empfangen. Wiederholt hatte er sich bei seinen regelmäßigen Visiten in diesem Altenheim dabei ertappt, wie sein Blick an der 28-jährigen Altenpflegerin hängengeblieben war. Mit ihren ebenmäßigen Gesichtszügen, den hochgesteckten hellblonden Haaren und dem formschönen Oberkörper war sie eine zweifellos attraktive Erscheinung, die auch um ihre Wirkung auf Männer sehr gut wusste. Sie hatte ihm gegenüber jedoch fast immer eine kühle Reserviertheit bewahrt. Mehr als ein eher geringschätziges Lächeln hatte er ihr kaum je abgewinnen können.
„Möchten Sie einen Kaffee, Herr Doktor?“
„Na ja, da sag ich mal nicht Nein.“
„Sieht auch so aus, als könnten Sie einen gebrauchen“, gab sie mit einem undurchsichtigen Schmunzeln zurück.
„Tja“, sagte er und seufzte. Sofort bemerkte er seinen Fehler. Eine feine, aber unverkennbare Änderung in der Mimik seines Gegenübers sagte ihm, dass sie seine Alkoholfahne bemerkt hatte. Der blaue Bonbon war längst aufgebraucht.
Die Sichtung der Patientenakte ergab keine Besonderheiten: Bluthochdruck, Kniearthrose, die üblichen Altersgebrechen. Doreen hatte den Neffen der Patientin verständigt, einen Herrn Bernhard Wieland aus Rothenheim. Frau Wieland war als Witwe verstorben und hatte diverse Angehörige, neben Bernhard Wieland auch mehrere andere, die ebenfalls in Rothenheim wohnten, wie Richard erfuhr.
Er hatte es dann eilig, fertig zu werden. Erneute Übelkeit und ein imperativer Drang zur Toilette ließen ihn die Formalitäten rasch abschließen. Den Rest des Tages brauchte er, um sich von der Alkoholnacht zu erholen. Es blieb dennoch ein Gefühl, dass an diesem Sterbefall nicht alles so war, wie es auf den ersten Blick schien. Ein zunächst sehr unbestimmtes Gefühl.
*
Hättest du dich am Freitagabend nicht volllaufen lassen, dann hättest du dir bei der Leichenschau auch mehr Zeit genommen und genauer hingeschaut. Hättest, hättest …
Nein, Sigmund war nicht schuld, dass sie am Freitag – wie auch am gestrigen Mittwochabend – zusammen gesoffen hatten. Die Initiative war in beiden Fällen vor allem von ihm, Richard, ausgegangen, obwohl er wusste, dass Sigmund seine eigenen Probleme mit Alkohol hatte. Er war seinen Führerschein bereits zweimal losgeworden, und seine Leberwerte würden nach reichlichem Genuss von Alkohol Achterbahn fahren, hatte Richard ihm erläutert. Dennoch vermochte Sigmund dem Alkohol nicht zu widerstehen.
„Ich hab das alles im Griff“, so seine Rede, „und du hast das auch. Lass dich von diesen miesepetrigen Abstinenzlern nicht irre machen, Mops.“
Diesen Spitznamen hatte Sigmund ihm verpasst, eine Anspielung auf sein Bäuchlein. Es passte Richard nicht, aber er hatte es aufgegeben, seinem Kumpan diese Anrede abzugewöhnen.
Und nun lag er hier auf der Intensivstation!
*
Nach dem neuerlichen nächtlichen Absturz war ihm am nächsten Morgen kaum etwas anderes übrig geblieben, als zu versuchen, auch diesen mit Terminen und Hausbesuchen nicht zu knapp bestückten Donnerstag zu bewältigen. Eine kurze Mittagspause war dennoch drin gewesen. Diese hatte er allerdings ohne Rücksicht auf sein Schlafdefizit der Überprüfung seiner Finanzen widmen müssen. Kurz vor halb sechs, mitten in der gut besuchten Nachmittagssprechstunde, brachte dann ein Anruf den bislang mühsam eingehaltenen Terminplan gänzlich durcheinander. Seine langjährige Helferin Nicole stellte Frau Jutta Wieland-Schulze ins Sprechzimmer durch.
„Können Sie bitte sofort kommen, es geht um meine Tante Katharina Molitor. Sie ist die Kellertreppe hinabgestürzt, und jetzt ist sie kaum noch ansprechbar.“
An der Notwendigkeit, sich sofort auf den Weg zu machen, war nicht zu rütteln. Nicole und ihre jüngere Kollegin Petra erhielten die Anweisung, die noch anstehenden Patiententermine zu verlegen. Jutta Wieland-Schulze war ihm als Patientin nur flüchtig bekannt, sie war ebenso wie ihre erwachsene Tochter Patrizia nur hin und wieder Gast in seiner Sprechstunde. Beide wohnten mit der inzwischen 87-jährigen Tante beziehungsweise Großtante, eben jener Katharina Molitor, in einem Einfamilienhaus in der Hunsrückstraße, rund 500 Meter entfernt von der Praxis. Wenige Straßen weiter wohnte er selbst. Das Haus und die alte Dame waren ihm aber nicht näher bekannt. Frau Molitor war Patientin seines am Ort ebenfalls praktizierenden Kollegen Doktor Marius Beutel, welcher ihn jedoch just für den heutigen Nachmittag um Vertretung gebeten hatte.
Jutta Wieland-Schulze erwartete ihn bereits aufgeregt an der Haustür und dirigierte ihn hastig zur Kellertreppe des Hauses. Richard Schneider fand Frau Molitor wie angegeben auf dem Kellerboden am Fuß der Treppe liegend vor. Zwei verwirrt blickende Augen wanderten zwischen ihm und der vor Aufregung zitternden Nichte hin und her. Über Frau Molitors linker Augenbraue klaffte eine mehr als zwei Zentimeter große Platzwunde, Gesicht und Haare waren blutverschmiert.
„Bernhard …, Bernhard …“, stieß sie schwer atmend hervor.
„Gott sei Dank, sie reagiert wieder“, so der erleichterte Kommentar von Frau Wieland-Schulze.
„Was ist passiert?“, fragte Richard, zugleich Pulsschlag und Pupillen der verunglückten Frau kontrollierend. Von dieser war außer einer verzweifelten Wiederholung des Namens Bernhard, es war der ihres Neffen, wie Schneider beiläufig vernahm, nicht zu erfahren, was geschehen war. Frau Wieland-Schulze berichtete, sie sei wenige Minuten vor ihrem Anruf von der Arbeit nach Hause gekommen. Ziemlich bald sei ihr die offenstehende Kellertür aufgefallen, und dass die Tante nicht wie üblich um diese Zeit in der Wohnküche gesessen habe.
Nach kurzer Untersuchung war für Richard offensichtlich, dass die ältere Dame nicht nur eine Kopfverletzung hatte. Auch der linke Oberschenkel war gebrochen. Schon der Versuch einer einfachen Bewegungsprüfung löste sofort eine heftige Schmerzäußerung aus. Das weitere Vorgehen war für ihn Routine: Verweilkanüle anlegen, Infusion anhängen, Atmung, Blutdruck und Puls kontrollieren. Währenddessen näherte sich von draußen bereits das Sondersignal des Rettungswagens. Dessen Einsatz hatte er schon beim Verlassen der Praxis durch seine Mitarbeiterinnen veranlasst. Das zügige Eintreffen des Wagens und der sodann durch die dreiköpfige Besatzung mit professioneller Routine abgewickelte Transfer der Patientin sorgten dafür, dass er diesen ungeplanten Hausbesuch in angemessener Zeit zum Abschluss bringen konnte. Auch wenn der Hergang des Sturzes unklar blieb. Vordringlich war hier der rasche Transport der Verletzten in das nächste dienstbereite Krankenhaus.
…
Schöne Bescherung. Ausgerechnet ich. Und ausgerechnet jetzt!
Er hätte es wirklich sofort wissen müssen. Der dumpfe Schmerz hinter seinem Brustbein, das Gefühl, eine Zentnerlast darauf liegen zu haben, die Übelkeit, der kalte Schweiß – Symptome, die ihm von seinen Patienten her nur zu gut bekannt waren. Aber erst als der diensthabende Notaufnahmearzt ihm ohne Umschweife dies in sachlicher Nüchternheit mitgeteilt hatte und keine Zweifel mehr übrig waren, akzeptierte er, dass er am heutigen Donnerstag einen Herzinfarkt erlitten hatte.
Richard Schneider, 48 Jahre alt und seit fast 15 Jahren als Allgemeinarzt in eigener Praxis im rheinhessischen Rothenheim tätig, ließ am späten Abend dieses denkwürdigen Tages die Ereignisse nochmals Revue passieren. Nun, da er nach einer Herzkatheter-Untersuchung mit Einsetzen eines Stents durch das kardiologische Notfallteam von seinen Schmerzen befreit auf einer der Intensivstationen des Universitätsklinikums in Mainz lag. An Schlaf war kaum zu denken. Zu viel hatte sich heute ereignet. Die ihm angebotene Beruhigungstablette hatte er abgelehnt. Sein Blick fiel wiederholt auf den Überwachungsmonitor schräg links über seinem Bett. Im Minutenabstand vergewisserte er sich immer wieder, ob die EKG-Kurven weiterhin so regelmäßig blieben wie in der vergangenen Stunde. Sie blieben es.
23:52 Uhr, so die Digitalanzeige.
Gleich fünf vor zwölf. Und das nicht nur auf dem Monitor.
Dabei hatte der Tag angefangen wie die meisten anderen auch. Mit dem gewissen Unterschied, dass er ihn nach dem Alkoholexzess des Abends zuvor in außerordentlich übler und verkaterter Verfassung begonnen hatte. Abende wie dieser hatten sich in letzter Zeit beängstigend gehäuft.
Ich bin auf dem besten Wege, mich zu ruinieren. Gesundheitlich, materiell, existenziell. Bald habe ich es geschafft.
Einmal mehr hatte er gestern seinen üblichen Vorsatz, etwas zu ändern, in einem seiner Stimmungstiefs über den Haufen geworfen und kurzfristige Hilfe beim Alkohol gesucht. Es war einfach bequemer. Er hatte sich spontan mit seinem alten Schulkameraden Sigmund in Mainz verabredet. Dieser sagte selten Nein, wenn es darum ging, zusammen einen zu verlöten, wie er sich auszudrücken pflegte. Sechs große Biere und diverse Schnäpse auf der Kneipentour in der Stadt hatten Richard Schneider bis nach zwei Uhr morgens geholfen, in einem Nebel von Rausch und Illusionen abzutauchen.
Die Rückkehr in die Realität am Morgen dieses Arbeitstages war umso gnadenloser ausgefallen. Der grässliche Nachdurst mit dem erbärmlichen Nachgeschmack der hochprozentigen Getränke, der dröhnende Kopf, das flaue Gefühl im Magen. Schlimmer noch: das Gefühl des schmählichen Versagens, das Bewusstsein, sehenden Auges auf den Abgrund zuzusteuern. Neben seiner nachlassenden Kondition und der schwindenden Achtung vor sich selbst hatten die abendlichen Exkursionen der letzten Zeit auch seine seit Jahren schon angespannte Finanzlage weiter verschlimmert. Im Teufelskreis von Finanzsorgen, Niedergeschlagenheit und fehlender Perspektive war der nächste Griff zum Tröster Alkohol vorprogrammiert.
Es kann so nicht weitergehen! Ich fange an, in meinem Beruf als Arzt Fehler zu machen. War ja auch nur eine Frage der Zeit. So wie am vergangenen Samstag …
*
Ein grauer Samstagmorgen im Herbst 2006, Ende Oktober, dreiviertel neun. Das Telefon riss ihn aus seinem Katerschlaf: „Herr Doktor Schneider, Sie haben Hintergrunddienst und sich nicht gemeldet!“ – so die unverhohlen vorwurfsvolle Stimme der Telefonistin in der Bereitschaftspraxis im nahegelegenen Oppenheim.
Verdammt, schoss es ihm durch den Kopf. Er musste diesen Dienst, eigentlich ein Reservedienst für den Fall, dass der diensthabende Arzt der Praxis überlastet war, meistens dreimal pro Jahr leisten. Der Dienst begann immer samstags und dauerte die ganze Woche. In Anspruch genommen wurde man nur selten, sodass er nicht der Einzige war, der dazu neigte, diesen Dienst zu vergessen.
„Tut mir echt leid“, brach es aus ihm hervor. „Ich muss wohl verschlafen haben.“
„Okay. Dann sind Sie ja jetzt sicher dienstbereit und unter dieser Nummer zu erreichen, oder? Auch übers Handy?“
„Beides.“
Er gab seine Mobilnummer durch, mühsam einen Würgereiz unterdrückend.
„Ja, die Nummer ist bekannt hier. Ich hätte dann auch was für Sie. Im Altenheim Wolfersheim, im Wolfstift, gab es einen Exitus. Einen Suizid. Eine Frau Wieland, Margarethe auf Station zwei. Die Dame hat sich erhängt. Leider gleich was Unangenehmes. Aber Sie müssten recht bald fahren, die Kripo ist wohl schon vor Ort. Unser Doktor wollte erst selbst hin, muss nun aber zuerst zwei dringende Hausbesuche erledigen.“
Es half wieder einmal nichts. Richard musste los, trotz Brummschädel. Ein kurzer Blick in den Spiegel zeigte ihm gnadenlos, wie sehr er sich in der Nacht zuvor wieder einmal zugerichtet hatte. Wenn ich nicht saufen würde, könnte ich mit meinem Aussehen halbwegs zufrieden sein. In der Tat war Richard mit seinen 48 Jahren körperlich eigentlich noch „gut in Schuss“: Bis auf einen kleinen Bauchansatz war er einigermaßen schlank geblieben; der einst dunkelblonde Haarschopf war noch mehr als halbvoll, jedoch vor allem an den Schläfen deutlich ergraut, was ihn aber für Frauen angeblich interessant machen sollte; um die dunkelbraunen Augen herum hatte er nur wenige Falten. Heute früh war allerdings alles einfach nur aufgequollen… Die Alkoholfahne versuchte Richard wie üblich mit einem starken blauen Menthol-Bonbon zu kaschieren.
Vor Ort führte ihn Schwester Doreen, die diensthabende Pflegefachkraft, zum Zimmer der Verstorbenen.
„Unfassbar“, murmelte er vor sich hin, während Schwester Doreen schweigend neben ihm herlief. „Selbstmord mit 89, das hab ich auch noch nicht erlebt. War Frau Wieland denn depressiv? Oder war sie so schlecht dran, dass sie mit ihrem Tod rechnen musste und es abkürzen wollte?“
Margarethe Wieland war keine Patientin gewesen, die er selbst regelmäßig betreut hatte. Ihr Hausarzt im Ort war jedoch am Wochenende nicht dienstbereit. So musste, wie üblich in diesen Fällen, die Bereitschaftspraxis für die Todesfeststellung einspringen.
Ratloses Schulterzucken bei Doreen. „Na ja“, kam es zögerlich. „Sie war halt so, wie man mit 89 eben ist. Ein wenig depressiv … ja, vielleicht. Kann ich gar nicht so genau sagen. Ich hab sie in letzter Zeit ja auch nicht so oft betreut. Sie war noch sehr selbständig, daher ist mir nichts aufgefallen.“
„Guten Morgen, Herr Doktor Schneider, ich bin Hauptkommissar Reimann, Kripo Oppenheim“, stellte sich ein leicht korpulenter Mann mittleren Alters vor.
Richard blickte in ein müdes und ein wenig aufgedunsenes Gesicht. Trübe Augen, schlaffe Lider, gerötete Wangen.
Der ist ja mindestens genauso fertig wie ich.
„Tja, Herr Doktor, ähm … so wie es aussieht, haben wir hier einen Strangulationstod. Sie hat sich selbst mit dem Gürtel ihres Frottee-Bademantels an der Handtuchstange in der Nasszelle erhängt.“
„Was?“
„Sehen Sie selbst, wir haben alles so gelassen, wie wir es vorgefunden haben, und gewartet, bis Sie kommen. Es ist nicht das erste Mal, dass es jemand auch auf diese Weise hinbekommt, auch wenn es für eine Dame in dem Alter ungewöhnlich erscheinen mag. Aufgefunden wurde sie um zehn vor acht. Die Leiche ist noch warm.“
„Wurde Frau Wieland denn heute früh noch lebend gesehen?“
„Ja, zuletzt durch die diensthabende Nachtschwester. Das war gegen halb sechs.“
Man betrat zusammen das kleine Badezimmer, an dessen seitlicher Wand Frau Wieland an der verchromten Handtuchstange hing, nur mit einem Nachthemd bekleidet. Die Augen der Verstorbenen waren geschlossen, ihr Kopf war nach vornübergebeugt. Um den Hals hatte sie den hellblauen Bademantelgürtel, welcher um die Handtuchstange verknotet war. Auf dem Boden lag ein umgestürzter kleiner Badezimmerhocker.
Nach der ersten Betroffenheit, die der Anblick von Verstorbenen auch nach langen Berufsjahren noch bei ihm auslöste, war der Rest für Richard Schneider eher eine Routineangelegenheit, zumal er neben seiner Praxistätigkeit auch Wochenenddienste der Oppenheimer Bereitschaftspraxis übernahm, bei denen Leichenschauen regelmäßig anfielen. Mit dem Unterschied, dass er Suizidpatienten eher selten zu Gesicht bekam.
Zunächst hängten er und Kommissar Reimann den Leichnam ab. Reimanns Assistentin hatte zuvor Fotos anfertigen lassen und sie Reimann übergeben.
„Es ist jetzt viertel nach neun“, erklärte Richard schließlich. „Tja, die Totenflecken sind relativ stark ausgeprägt, was beim Erstickungstod ja regelmäßig so ist, dagegen ist praktisch so gut wie keine Leichenstarre vorhanden. Also …“ Ein erneuter heftiger Anflug von Übelkeit zwang ihn, sich kurz zu unterbrechen. „… nun, ich schätze, dass der Tod nach sechs Uhr heute früh eingetreten ist. Wahrscheinlich nicht lange, bevor sie gefunden wurde.“
„Deckt sich exakt mit dem, was wir bisher ermitteln konnten. Die Nachtschwester vom Dienst, eine Pflegekraft namens Rosalinde, ist gegen halb sechs ins Zimmer gekommen, da Frau Wieland Tee haben wollte. Normalerweise versorgte sie sich selbst. Die türkische Pflegehelferin vom Tagdienst, sie heißt Hatice, hat sie dann um zehn vor acht aufgefunden. Frau Wieland ist nämlich nicht wie üblich zwischen sieben und halb acht zum Frühstück in den Speisesaal gegangen.“
Die genannte Pflegehelferin erschien daraufhin im Zimmer. Klein, ein wenig stämmig und dunkelhaarig, jedoch heute ohne ihr gewohntes Lächeln. Richard hatte sie bei der Betreuung anderer Patienten auf dieser Station als stets entgegenkommende und freundliche Mitarbeiterin schätzen gelernt. Sie war ganz anders als ihre deutsche Kollegin Doreen, die aus ihrem Frust über die Anforderungen des Berufs und die chronisch defizitäre Personalausstattung des Heimes keinen Hehl zu machen pflegte.
Hatice bestätigte, was der Kommissar gesagt hatte. „Wir sind schockiert“, sagte sie. „Das hätte ich von Frau Wieland nie gedacht, Herr Doktor.“
„Hatte sie denn keinen depressiven Eindruck auf Sie gemacht? Oder hatte sie vielleicht doch die eine oder andere Andeutung gemacht, dass sie lebensmüde ist?“
„Sie hat sich beklagt, dass sie wird immer schwächer wird, und immer schlechter kann laufen.“
Hatices Deutsch war auch mehr als zehn Jahre nach ihrer Einwanderung noch etwas holprig.
„… Aber sie hat nie gesagt, sie will nicht mehr leben. Also, nicht zu mir. Irgendwie … kann ich das alles noch nicht glauben.“
„Was hatte sie denn so an Krankheiten?“
„Na ja, Herr Doktor, schauen Sie am besten mal selbst in die Akte. Liegt vorne im Stationszimmer.“
„Gut, ich muss ja sowieso dorthin und den Totenschein ausstellen.“
„Sie bescheinigen also einen nicht natürlichen Tod, Herr Doktor Schneider?“, so der Hauptkommissar.
„Aber natürlich“, erwiderte Richard. „Sagen Sie, Herr … ähm …“
Der Brummschädel machte sein Namensgedächtnis nicht besser.
„Reimann.“
„Ja, Tschuldigung, Herr Kommissar Reimann, also …, können Sie denn eine Fremdeinwirkung ausschließen?“
„Dafür gibt es keine Anhaltspunkte. Meine Assistentin und ich haben die beiden Pflegekräfte befragt. Die Nachtschwester, Schwester Rosalinde, werden wir später befragen, sie ruht sich für den nächsten Dienst aus. Bisher gibt es wie gesagt nichts, was auf eine Fremdeinwirkung hindeuten könnte. Auch hatte Frau Wieland seit gestern, soweit bekannt, keinen Besuch von Verwandten oder sonstigen Personen gehabt. Wir werden aber noch die diensthabenden Pflegekräfte vom Freitag befragen. Es sieht tatsächlich nach einem Selbstmord aus. Haben Sie sich den Gesichtsausdruck der Verstorbenen mal genauer angeschaut? Ich habe schon ein wenig den Eindruck, dass hier Verzweiflung oder auch Depression herauszulesen sind. Finden Sie nicht auch, Herr Doktor?“
„Herr Kommissar, wir können aus der Mimik der Toten doch nicht auf ihre seelische Verfassung vor dem Eintritt des Todes schließen“, protestierte Richard. „Die mimische Muskulatur erschlafft während des Sterbevorgangs komplett. Alles, was wir da zu sehen meinen, gehört schlichtweg ins Reich der Fantasie.“
Rechtsmedizinisches Grundlagenwissen. Das sollte einem Hauptkommissar doch eigentlich geläufig sein.
Dieser war sich dann auch recht bald seines Fauxpas’ bewusst. „Nun ja, stimmt schon.“
„Es gibt auch keinen Abschiedsbrief, oder?“
„Nein, gibt es nicht. Aber, Herr Doktor, wir hatten schon genug Selbstmörder, die ihre Tat nicht angekündigt hatten.“
Ein gewisser Unwille in der Stimme des Kommissars war nicht zu überhören.
„Eine Obduktion findet nicht statt?“, war Richards letzte Frage an ihn.
„Entscheidet der zuständige Richter. Nach Lage der Dinge eher nicht.“
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Im Stationszimmer, wo Richard den Totenschein ausfüllen wollte, wurde er von Schwester Doreen empfangen. Wiederholt hatte er sich bei seinen regelmäßigen Visiten in diesem Altenheim dabei ertappt, wie sein Blick an der 28-jährigen Altenpflegerin hängengeblieben war. Mit ihren ebenmäßigen Gesichtszügen, den hochgesteckten hellblonden Haaren und dem formschönen Oberkörper war sie eine zweifellos attraktive Erscheinung, die auch um ihre Wirkung auf Männer sehr gut wusste. Sie hatte ihm gegenüber jedoch fast immer eine kühle Reserviertheit bewahrt. Mehr als ein eher geringschätziges Lächeln hatte er ihr kaum je abgewinnen können.
„Möchten Sie einen Kaffee, Herr Doktor?“
„Na ja, da sag ich mal nicht Nein.“
„Sieht auch so aus, als könnten Sie einen gebrauchen“, gab sie mit einem undurchsichtigen Schmunzeln zurück.
„Tja“, sagte er und seufzte. Sofort bemerkte er seinen Fehler. Eine feine, aber unverkennbare Änderung in der Mimik seines Gegenübers sagte ihm, dass sie seine Alkoholfahne bemerkt hatte. Der blaue Bonbon war längst aufgebraucht.
Die Sichtung der Patientenakte ergab keine Besonderheiten: Bluthochdruck, Kniearthrose, die üblichen Altersgebrechen. Doreen hatte den Neffen der Patientin verständigt, einen Herrn Bernhard Wieland aus Rothenheim. Frau Wieland war als Witwe verstorben und hatte diverse Angehörige, neben Bernhard Wieland auch mehrere andere, die ebenfalls in Rothenheim wohnten, wie Richard erfuhr.
Er hatte es dann eilig, fertig zu werden. Erneute Übelkeit und ein imperativer Drang zur Toilette ließen ihn die Formalitäten rasch abschließen. Den Rest des Tages brauchte er, um sich von der Alkoholnacht zu erholen. Es blieb dennoch ein Gefühl, dass an diesem Sterbefall nicht alles so war, wie es auf den ersten Blick schien. Ein zunächst sehr unbestimmtes Gefühl.
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Hättest du dich am Freitagabend nicht volllaufen lassen, dann hättest du dir bei der Leichenschau auch mehr Zeit genommen und genauer hingeschaut. Hättest, hättest …
Nein, Sigmund war nicht schuld, dass sie am Freitag – wie auch am gestrigen Mittwochabend – zusammen gesoffen hatten. Die Initiative war in beiden Fällen vor allem von ihm, Richard, ausgegangen, obwohl er wusste, dass Sigmund seine eigenen Probleme mit Alkohol hatte. Er war seinen Führerschein bereits zweimal losgeworden, und seine Leberwerte würden nach reichlichem Genuss von Alkohol Achterbahn fahren, hatte Richard ihm erläutert. Dennoch vermochte Sigmund dem Alkohol nicht zu widerstehen.
„Ich hab das alles im Griff“, so seine Rede, „und du hast das auch. Lass dich von diesen miesepetrigen Abstinenzlern nicht irre machen, Mops.“
Diesen Spitznamen hatte Sigmund ihm verpasst, eine Anspielung auf sein Bäuchlein. Es passte Richard nicht, aber er hatte es aufgegeben, seinem Kumpan diese Anrede abzugewöhnen.
Und nun lag er hier auf der Intensivstation!
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Nach dem neuerlichen nächtlichen Absturz war ihm am nächsten Morgen kaum etwas anderes übrig geblieben, als zu versuchen, auch diesen mit Terminen und Hausbesuchen nicht zu knapp bestückten Donnerstag zu bewältigen. Eine kurze Mittagspause war dennoch drin gewesen. Diese hatte er allerdings ohne Rücksicht auf sein Schlafdefizit der Überprüfung seiner Finanzen widmen müssen. Kurz vor halb sechs, mitten in der gut besuchten Nachmittagssprechstunde, brachte dann ein Anruf den bislang mühsam eingehaltenen Terminplan gänzlich durcheinander. Seine langjährige Helferin Nicole stellte Frau Jutta Wieland-Schulze ins Sprechzimmer durch.
„Können Sie bitte sofort kommen, es geht um meine Tante Katharina Molitor. Sie ist die Kellertreppe hinabgestürzt, und jetzt ist sie kaum noch ansprechbar.“
An der Notwendigkeit, sich sofort auf den Weg zu machen, war nicht zu rütteln. Nicole und ihre jüngere Kollegin Petra erhielten die Anweisung, die noch anstehenden Patiententermine zu verlegen. Jutta Wieland-Schulze war ihm als Patientin nur flüchtig bekannt, sie war ebenso wie ihre erwachsene Tochter Patrizia nur hin und wieder Gast in seiner Sprechstunde. Beide wohnten mit der inzwischen 87-jährigen Tante beziehungsweise Großtante, eben jener Katharina Molitor, in einem Einfamilienhaus in der Hunsrückstraße, rund 500 Meter entfernt von der Praxis. Wenige Straßen weiter wohnte er selbst. Das Haus und die alte Dame waren ihm aber nicht näher bekannt. Frau Molitor war Patientin seines am Ort ebenfalls praktizierenden Kollegen Doktor Marius Beutel, welcher ihn jedoch just für den heutigen Nachmittag um Vertretung gebeten hatte.
Jutta Wieland-Schulze erwartete ihn bereits aufgeregt an der Haustür und dirigierte ihn hastig zur Kellertreppe des Hauses. Richard Schneider fand Frau Molitor wie angegeben auf dem Kellerboden am Fuß der Treppe liegend vor. Zwei verwirrt blickende Augen wanderten zwischen ihm und der vor Aufregung zitternden Nichte hin und her. Über Frau Molitors linker Augenbraue klaffte eine mehr als zwei Zentimeter große Platzwunde, Gesicht und Haare waren blutverschmiert.
„Bernhard …, Bernhard …“, stieß sie schwer atmend hervor.
„Gott sei Dank, sie reagiert wieder“, so der erleichterte Kommentar von Frau Wieland-Schulze.
„Was ist passiert?“, fragte Richard, zugleich Pulsschlag und Pupillen der verunglückten Frau kontrollierend. Von dieser war außer einer verzweifelten Wiederholung des Namens Bernhard, es war der ihres Neffen, wie Schneider beiläufig vernahm, nicht zu erfahren, was geschehen war. Frau Wieland-Schulze berichtete, sie sei wenige Minuten vor ihrem Anruf von der Arbeit nach Hause gekommen. Ziemlich bald sei ihr die offenstehende Kellertür aufgefallen, und dass die Tante nicht wie üblich um diese Zeit in der Wohnküche gesessen habe.
Nach kurzer Untersuchung war für Richard offensichtlich, dass die ältere Dame nicht nur eine Kopfverletzung hatte. Auch der linke Oberschenkel war gebrochen. Schon der Versuch einer einfachen Bewegungsprüfung löste sofort eine heftige Schmerzäußerung aus. Das weitere Vorgehen war für ihn Routine: Verweilkanüle anlegen, Infusion anhängen, Atmung, Blutdruck und Puls kontrollieren. Währenddessen näherte sich von draußen bereits das Sondersignal des Rettungswagens. Dessen Einsatz hatte er schon beim Verlassen der Praxis durch seine Mitarbeiterinnen veranlasst. Das zügige Eintreffen des Wagens und der sodann durch die dreiköpfige Besatzung mit professioneller Routine abgewickelte Transfer der Patientin sorgten dafür, dass er diesen ungeplanten Hausbesuch in angemessener Zeit zum Abschluss bringen konnte. Auch wenn der Hergang des Sturzes unklar blieb. Vordringlich war hier der rasche Transport der Verletzten in das nächste dienstbereite Krankenhaus.
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