Cover: Im Schatten der Hausmauer

Im Schatten der Hausmauer


EUR 19,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 270
ISBN: 978-3-7116-0039-4
Erscheinungsdatum: 25.11.2024
Der Fund einer Frauenleiche im Grenzstädtchen Forst, rüttelt alte Wunden auf - und so wird der junge Polizist Benedikt Ayari mit einer Welt konfrontiert, der er eigentlich entkommen wollte. Wird es ihm gelingen, den richtigen Blick zu bewahren?
Im Schatten der Hausmauer


Ich spüre ihren Spliss zwischen meinen Fingern. Wieder füllt sich kaum ein Tagtraum ohne sie. Sie hat sie liegen lassen, ihre alten abgestorbenen Haarsträhnen, in einer Bürste auf meinem Nachtschrank. Das liegt beinahe eine Woche zurück.
Die Haarfusseln haben sich zu einem Knötchen vereint. Ich ziehe es heraus und knülle es in der Hand zusammen. Ich versuche gedanklich durch ihre Haare zu fahren, von oben hindurch, doch es gelingt mir nicht. Sie ist verblasst, die Erinnerung an sie und das Gefühl, das wir füreinander hatten. Alles ist verblasst, obwohl kaum eine Woche dazwischen liegt.
Unten, vor dem Fenster, hatten sich Sirenen aufgereiht, als sie das letzte Mal aus meinem Bett gestiegen war. Laute, tosende Sirenen, die noch immer in meinem Gehörgang sitzen und nur darauf lauern, mich zurück in diesen Augenblick zu versetzen.
Ich lehne mich zum Fenster hervor, als könnte ich die Sirenen noch hören, die Lichter noch aufblitzen sehen, wie winzige Raketenfünkchen, und finde mich zurück in dem Moment, als sie von mir ging. In jenem, als ihr Makeup vom Vortag übrig geblieben auf dem zarten Gesicht lag, unsorgfältig und orientierungslos. Sie sah mich an, mit ihren matten blauen Augen, blickte innig und verbunden. Sodass es still wurde um uns herum, ganz flüchtig nur still. Ihr Blick, der versprach, dass es bald vorbei sein würde und obwohl ich wusste, dass dieser der letzte sein würde, fühlte er sich noch immer wie der erste an.
„Wir sind jetzt ruhig.“ Verbargen sich ihre Lippen hinter aufrechtem Zeigefinger
„Wir werden von nun an schweigen.“
Dann riss sie alles auseinander, indem sie ging. Indem sich mich zurückließ. Ich vernahm das Einrasten der Tür wie das Klappen der Klappe beim Einhundertmeterlauf. Als würde ich fortan beginnen zu laufen, geradeaus und so schnell ich kann und an allen anderen vorbei. Nur nach vorne schauen und so lange durchhalten, bis sie mich befreien würde. Bis sie irgendwann wieder auftauchen würde, um mir zu sagen, dass alles überstanden ist. Doch kurz nachdem sie fort war, war plötzlich nichts mehr von ihr da. Nichts mehr außer ihren Haarfusseln.
Noch einmal rolle ich das kleine Haarklümpchen in meiner Hand zusammen. Es ist so karg und zerbrechlich wie der hauchdünne Faden meiner Hoffnung. Und nur der Drang, der mich von Anfang an zu ihr zog, kann sich nicht lösen. Nach all dem, was passiert war, noch immer nicht.
Ich erinnere mich noch genau daran, als wir uns das erste Mal begegneten. Als sie dort saß und ich an ihr vorbeigeschlichen war. Ignoriert hatte sie mich, stattdessen stillschweigend in sich hineingekichert. So wie sie dort saß, friedlich und apathisch zugleich. Da hätte ich nicht ahnen können, dass eine einzige Person alles in mir verändern würde. Dass so eine einzige Person so mächtig war. Von Beginn an war sie es, die meinem Dasein einen Sinn bescherte, von Beginn an, für diese kurze Zeit. Ich spürte eine sofortige Neugier zu ihr, eine gewisse Verbundenheit, spürte, wie sehr ihr Anblick mich belebte. Ich verstand sie mit all dem Schmerz, mit all dem Leid, das ihr widerfahren sein musste und ich konnte nur erahnen, wie viel es tatsächlich war.
Doch dies ist vorüber, da ist nichts mehr, außer dem in meinen Händen von ihr.
Einen Moment halte ich inne. Noch einmal versuche ich, gedanklich, durch ihre Haare zu fahren.
Dann entsorge ich das Haarbüschel in die Toilette. So wird es besser sein. Wenn sie fort ist. Wenn das Klümpchen einfach durch die Kanalisation rollt und sich mit all den anderen Exkrementen vereint, bis es sich langsam in Luft auflöst. Ganz passend zum Rest des Körpers, der immer mehr vor meinen Augen verschwindet.
Es wird Zeit, die Ursachen zu ergründen. Es wird Zeit, einen anderen Blick einzunehmen und jene um mich herum zu verstehen.
Wer war diese Frau, die im Schatten der Hausmauer gelegen hatte?

Ungefähr eine Woche zuvor

Ich spüre, wie das Beben und Leuchten von draußen immer näher zu mir dringt, als klopfe es an die Scheibe. Ich öffne das Fenster und puste Zigarettenrauch zu den Männern nach unten, sie können mich nicht sehen, hinter seichten Vorhängen, hinter denen ich hindurch zu ihnen nach unten spähe. Großer Tumult macht sich breit, angetriebene Körper bewegen sich von links nach rechts. Fadendünne Lichtkegel erleuchten den schmalen Straßenabschnitt und versetzten dem Spektakel unter meinem Fenster jene Deutlichkeit, welche ich nicht hatte kommen sehen. Die Männer erscheinen unvorbereitet, ihre Bewegungen viel zu vorsichtig. Kaum können sie ihre rauchenden Lungen pausieren.
Es wurde ein Leichnam vorgefunden. In den frühen Morgenstunden. Jenseits des Vorstadtviertels, genau dort, wo die Leute solch eine Tat vermuteten. Der seelenlose Frauenkörper hatte für Aufregung gesorgt und für Verunsicherung, als eine Angestellte der Klinik an diesem Feierabend den Weg zum Bus genommen hatte.
Es sind fünf Uniformierte, die den Fundort mit rotweißgestreiftem Absperrband ummanteln und irgendetwas in leuchtende Displays eintippen. Erkenntnisse oder Annahmen, Notizen, Fotografien. Einer unter ihnen sticht heraus, zivilgekleidet, mit kariertem Pullunder über grauen Strickjackenärmeln, unpassend für die warme Frühjahrsnacht. Es ist der, der scheinbar die Verantwortung trägt, aber auch die Angst in sich, etwas zu übersehen. Ich kann es seiner Mimik entnehmen, die sich nun wenige Meter von mir unter dem Flutleuchter abbildet und erkenne, dass er sich der Situation unpässlich verhält.
Ich habe soeben gegen die erste Regel verstoßen, so wie auch sie sich nicht an unsere Abmachung gehalten hatte und sitze nun am Rande des Ganges, unscheinbar hinter einem geöffneten Türspalt. Was hätte ich machen sollen? Warten und so lange an die Decke starren, wie sie es verlangte? Sollte ich tatenlos wegsehen? Oder aber war dies nicht erst der Anfang von allem? Den es zu verfolgen galt?
„Kommissar Reiter“, kann ich aus unweiter Entfernung vernehmen.
Eine Stimme, die nach etlichen Zigaretten klingt. Der Mann wirkt entkräftet, während er mehrfach versucht, seine Ärmel zu den Ellenbogen zurückzuschieben und das Wort seines Gegenübers offensichtlich an ihm vorbeizieht.
Ich habe es gelernt, stille Beobachterin zu sein. In den letzten Wochen wurde ich nach und nach besser darin, mir die Menschen mit ihren Gedanken und innersten Sehnsüchten vorzustellen. Dieser hier, der ist nicht der richtige Mann dafür, irgendeinen Einsatz zu leiten. Er ist entladen, vollkommen unkoordiniert, wie er von rechts nach links wippt, um seine Unruhe unter Kontrolle zu halten. Dieser Mann hat seine besten Zeiten hinter sich. Das ist kein Geheimnis.
Kommissar Reiter, wie er sich nennt, folgt dem jungen Pfleger und gesellt sich neben ihn, mit einem Glas warmen Kaffee in der Hand.
Beide haben sich nun von mir entfernt. Jetzt kann ich nur noch grobe Umrisse erspähen. Doch die unsicheren Bewegungen des Polizeibeamten stechen heraus, sodass ich weiterhin genügend überschauen kann. Im gleichen Moment kommt eine Frau hinzu, eine junge Blonde, diese ist mir bereits bekannt.
Lautstark schildert sie, was sie in Aufruhr versetzt habe, der Kommissar jedoch bleibt unberührt, schaut zum Tablet hinab und bemüht sich, ihre Darstellung zu digitalisieren.




Kapitel 1


Reiter

Der Leichnam habe in den Schatten der Hauswand gelegen, zusammengepfercht wie ein eingeklappter Winkel. Mutterseelenallein und allein der Anblick seiner Umrisse betrübte die junge Mitarbeiterin, die inmitten dieser Nacht in den Feierabend zu kehren versuchte. Die Tote sah nach Einsamkeit aus, danach, von jemandem zurückgelassen worden zu sein.
Als die angehende Ärztin kurz darauf die Forster Leitstelle informierte, nahmen die Dinge ihren üblichen Lauf. Sodass kurz darauf das Telefon des ortsansässigen Oberkommissars klingelte, der sich in nächtlicher Bereitschaft befand. Es war Dietmar Reiter, der schläfrig den Hörer abnahm und sich nicht vorstellen konnte, dass der Grund des Anrufes ein aufgefundener weiblicher Leichenkörper war. Eine Leiche, vorgefunden auf einem Gehweg außerhalb des Stadtrandes. Etwa wie aus dem Fenster gestürzt oder beim Laufen zusammengesackt und dort vergessen, an den Flanken der Hausmauer. So etwas war hier selten passiert. Es waren Einbrüche, die üblicherweise das Bereitschaftstelefon in Beschlag nahmen oder Taten der häuslichen Gewalt. Aber keineswegs der Fund einer Leiche. Er hatte sich völlig aufgebracht auf den Weg begeben und befand sich in der Hoffnung, schnellstmöglich wieder zurück in das angewärmte Bett kehren zu können, aus dem ihn der Anruf seiner Leitstelle gerissen hatte. Doch als Oberkommissar Reiter am Tatort aus dem Wagen stieg, wurde ihm in dieser blitzschnellen Hellwachheit klar, dass jene tiefe Sehnsucht noch sehr viel länger warten musste. Denn der Fundort verlangte seine sofortige Reaktion.
Und so gab er sich wenig erfreut, als er seine Augen vom übrigen Schlafsand befreite und angestrengt sich zu konzentrieren versuchte, während er neben dem Leichnam saß. Wahrlich unsicher, denn der Zeitpunkt konnte ungünstiger nicht sein. Kaum hatte der Mittvierziger die Chance gehabt, sich von den Auswirkungen der vergangenen Monate zu erholen, befand er sich bereits inmitten einer psychischen Diffusion. Er spürte, dass er längst von den letzten Reserven zehrte. Keine geeignete Verfassung, um sich einer weiteren Angelegenheit zu widmen, denn die Dinge wurden eben übersehen.
Also übernahm er als Leitender des Teams die Aufgabenverteilung und beschränkte die Dringlichkeiten auf das Wesentliche. So wie es zunächst aussah, war die Verstorbene aus einem oberen Stockwerk gesprungen. Auf den ersten Blick sprach aus der Sicht des Oberkommissars nichts dagegen. Das war der Verdacht, den er nach spärlichen Ermittlungen nur wenige Stunden später der Gerichtsmedizin zukommen ließ.

Der Leichnam ist bereits eingetroffen, als Kommissar Reiter hinab zur Obduktionsstätte steigt. Er wankt und er klammert sich ans Geländer, als sehe er vor lauter Erschöpfung kaum noch geradeaus. Die letzte Nacht war wie ein Sturm über ihn hinweggezogen und hatte ihm auch das letzte Fünkchen Kraft noch entrissen. Ein Fiasko für den Oberkommissar, der sich seit geraumer Zeit mit ganz anderen Dingen befasste und kaum mehr fähig war für solch einen ominösen Fall. Kaum Gleichgewicht bei sich, müht er sich Stufe für Stufe hinab und er bemerkt, dass er seit Jahren nicht dort gewesen war.
Seine Angelegenheiten hatten ihn selten nach draußen geführt. Nicht oft musste er das Präsidium verlassen. Höchstens ein, zwei Mal, doch einen Leichnam hatte es kaum mehr gegeben. Keinen solchen, keinen der den Forster Oberkommissar selbst zum Zweifeln brachte.
Trotz großzügiger Unterkellerung hält bereits die Schwüle Einkehr, sodass der leichtsüßlich verdorbene Geruch des Todes mit jedem Schritt näher dringt. Für den Kommissar eine wahre Konfrontation mit sich selbst, eine Herausforderung, wie es sie seit Jahren nicht gegeben hatte.
Er und sein jüngerer Kollege sind seit dem Morgengrauen unterwegs. Nachdem Dietmar Reiter seinen Part in der Psychiatrie beendet hatte, hatte er seinen ungeformten Körper in Form von Wechselduschen kurzzeitig zurückerobert und sich daraufhin mit zwei aufgeschäumten Milchkaffees zu dem neben ihm Stehenden begeben, um ihm zu verkünden, dass in der Nacht eine tote Frau vorgefunden wurde. Dort, vor der städtischen Psychiatrie.
Ein bisschen frustriert wirkt er jetzt, weil es ihm nicht gelingt, sich einzufinden. Weil ihn diese Situation vollkommen übermannt, weil sein Posten als Vorstadtkommissar bedeutungslos geblieben ist, anders, als er es einmal erwartet hatte, anders, als der Weg seines jüngeren Begleiters aussehen wird. Derjenige, dem er am Morgen beinahe Kaffee übers Hemd geschüttet hatte. Und der nach der Verkündung eine solche Gefasstheit ausgestrahlt hatte, dass es Dietmar Reiter unbegreiflich schien. Ein vollkommener Kontrast, hätte er meinen können, wenn er beide nun so miteinander verglich. Doch Reiter verglich sich nicht. Er besaß ebenso eine starke Persönlichkeit, nur eben unter anderen Umständen. Unter Bedingungen, die vorhersehbarer waren, die ihm Sicherheit gaben, aber nicht hier und nicht heute, wo er sich andauernd darauf konzentrierte, nicht nach hinten zu kippen.
„Guten Morgen!“, vernimmt Reiter in diesem Augenblick voller Deutlichkeit Töne eines wachsamen Gerichtsmediziners. Denn dieser hat beide Herren längst überprüft, wie sie da so stehen, angewurzelt und angelehnt, wie zwei von der unteren Dienstbehörde. Doch einer von ihnen erscheint mutiger. Es ist der Jüngere, der sich der Verantwortung stellt und dem wartenden Herrn freundlich entgegentritt.
„Guten Morgen auch, wir sind von der Kripo“, sagt er, als stünde die Frage noch immer im Raum.
Reiter hingegen kann sich kaum bemühen, dem weißbärtigen Herrn entgegenzuschauen. Und wird dennoch schonungslos mit der unbegreiflichen Tatsache konfrontiert, dass auf dem Seziertisch, dort, eine Tote liegt. Kaum kann er aufschauen und Mageninneres beisammenhalten. Diese Tote hatte ihm schon in der gestrigen Nacht seine kommissarischen Fähigkeiten aberkannt. Lieber wäre ihm doch ein strafwürdiges Verkehrsdelikt gewesen, das sich etwas komplizierter darstellte oder das Enteignen größerer Sachbestände. Dieses Ereignis aber bleibt zu abstrus, sodass er sich gedanklich vom Geschehen zu distanzieren versucht.
„Sehen Sie, es kommt einfach niemand mehr, wir werden hier unten einfach vergessen.“
Noch kurz klagt der Gerichtsmediziner, um Tatsachen zu verdeutlichen, bevor er sich dem eigentlichen Anlass dieser Zusammenkunft widmen kann. Tatsachen, die beiden nun sichtbar werden. Hier unten wurden einige vergessen und nicht nur die, die längst verstorben sind.
Reiter und sein Kollege schauen an rissigen Betonwänden entlang zur Wölbung hinauf. Überall ragen Rohre aus der Deckenverkleidung, es ruft nach einer oberirdischen Baustelle. Danach, dass Ersatzteile nicht vorrätig waren und sich helfende Hände allmählich entfernten. Reiter wusste um die Umstände dieser Stadt. Dass Forst sich nicht gerade im Aufschwung befand, dass diese Stadt allmählich zerfiel. Nach dem letzten Umbruch waren viele gegangen und nicht mehr zurückgekehrt. Provinzielle Systeme wurden längst unterversorgt, vor allem kleine Städte im Grenzgebiet zu Polen verloren nach und nach an Eigenständigkeit. Und wenn er ehrlich war, ganz ehrlich zu sich selbst, der Kommissar, dann kam ihm dies sogar gelegen.
Nun aber kann er sich dieser Blöße nicht hingeben und kehrt noch einmal in den Raum zurück. Jetzt, da muss er hinsehen. Ganz genau. In der Nacht erschien ihm der Leichnam etwas zu künstlich, zu unreal, um ihn als verstorbenen Menschen identifizieren zu können. Als ein Lebewesen, dessen Körper genau wie seiner einmal von einem Blutkreislauf versorgt worden war. Zwischen Lichtern und Zigarettenqualm hatte ihre Haut zart weiß hervorgeblitzt und wie sie da so gelegen hatte, etwas abgeschieden an der Hausmauer platziert, da glich sie eher einer Wachsfigur. So zart sah ihr Gesicht noch aus, ein wohlgeformtes Nasenbein, zwei gleichgeschwungene Lippen, trotzdem sie längst verstorben war.
Nun aber besitzt der unbekleidete Leib dunkle fleckenartige Stellen und hat an jeglicher Plastizität verloren. Unregelmäßig und besonders an Armen und Beinen ausgeprägt, verleihen sie ihm Finsternis. Seine Augen sind geschlossen und längst in sich zusammengefallen. Er scheint wie ausgetrocknet, deutlich fortgeschrittener in seinem Verwesungsprozess, als der Hauptkommissar es beurteilt hatte.
Dietmar Reiter hatte die Merkmale der Toten gestern Nacht in seiner Aufregung kaum verinnerlicht. Er erinnert sich nur an ihr feines Gesicht, an kräftiges Haar, eine feste dunkle Strähne, die über dem Gesicht lag, wie das Ende einer gekringelten Federboa. Er begutachtete spärlich und unkonzentriert. Denn seiner Meinung nach gab es nichts, wofür es lohnte, sich seine letzten Reserven zu entlocken.
Instrumentelle Klänge der späten Sechziger ertönen im Hintergrund, etwas unangemessen der Situation. Doch passend zum Erscheinungsbild des kraushaarigen Gerichtsmediziners. Walther Fuszius scheint aufzublühen, während seine Handfläche aufrecht über den blassen Körper der Toten fährt.
Direkt unter dem Bauchnabel bildet sich eine wollfadendicke Narbe ab. Bereits ausgiebig verblasst, ist dennoch erkennbar, dass sie von einem Chirurgen vernäht wurde.
„Vielleicht ein Kaiserschnitt, der Schnitt einer Blinddarmentfernung wird üblicherweise seitlicher angesetzt,“ berichtet er wahrlich fokussiert.
Erkennbar sind außerdem massive Schürfwunden, beginnend an den Fersen ziehen sie sich zum Gesäß hinauf. Nicht durchweg in gleicher Ausführung. Doch es sind lange schlierenartige Schürfungen, die aus gleicher Richtung stammen.
„Ich bin mir fast sicher, dass die Frau noch einmal bewegt wurde, nachdem sie bereits leblos war. Es kann natürlich auch sein, dass sie einfach nur zur Seite geschoben wurde, weil sie im Wege lag, aber wer sollte so etwas bitte tun?“, fügt er noch hinzu, nachdenklich berühren sich Zeigefinger und Lippen.
Dietmar Reiter hatte nicht mehr gewusst, wie der Tod riecht. Bittersüß, wie eine Mischung aus ranziger Seife und einem Biotop verwesender Essenreste.
Reiter befreit sich augenblicklich und zieht seinen vom Schweiß durchtränkten Mundschutz unters letzte Gesichtsdrittel. Er gibt nach und begibt sich schwerfüßig zur einzigen natürlichen Lichtquelle des Raumes, um das mit Gittern verkleidete Fenster anzukippen. Mit angelehntem Rücken können ihn seine Beine halten. Dann betrachtet Reiter aus der Entfernung seinen beflissenen Kollegen. Neben dem er sich, in Anbetracht der Umstände, heute noch blasskranker aussehend fühlt als in sonstigen Momenten. Er beobachtet, wie er sich gibt, wie er kommuniziert, wie er überlegt, als sei er eindeutig der Erfahrenere der beiden. Die Hände immer etwas zu unruhig unter seinen Hüften hängend, doch er vermittelt eine unübersehbare Neugier.
Benedikt schaut über die Schulter des Gerichtsmediziners. Seine Augen verfolgen jeden Schritt und obwohl der Fäulnisprozess in Gestank ausartet, weicht er nicht von der Stelle.
Der Mediziner tastet sich übers Gesicht der Verstorbenen, er öffnet ihre eingesunkenen Augenlider. Sie sind tiefschwarz und seelenlos und winzig klein anzusehen.
„Also die hier ist schon länger tot, mindestens zwei Tage. Vielleicht drei.“
Seine Hände springen rasch zu den Gliedmaßen.
Er erklärt: „Schauen Sie sich den Rückgang der Nägel an, die Verwesung ist schon mitten im Prozess.“
Doch Benedikt beweist klaren Verstand.
„Allerdings hat die Tote an der Luft gelegen, das Thermometer ist gestern Morgen schon auf zwanzig Grad geklettert …“
Und er verweist auf die optimalen Bedingungen, welche den Verwesungsprozess hätten beschleunigen können. Wie aus dem Lehrbuch aufgesaugt, doch auszuschließen war dies nicht. Dennoch besitzt der erfahrene ältere Herr genügend Argumente, um seine soeben gestellte Theorie zu belegen.
...
5 Sterne
Überzeugend und athmosphärisch dicht - 21.04.2025
Johannes Zeitler

Danke für die schönen Stunden mit diesem spannenden Buch. Außergewöhnlich für mich an diesem Buch war der Perspektivwechsel der Charaktere und der damit immer wieder aufgebaute Spannungsbogen.

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