Krimi & Spannung

Im Alltag liegt der Hund begraben

Ruth Hockarth

Im Alltag liegt der Hund begraben

Luzia und ihre Fälle

Leseprobe:



In fernem Land, unnahbar euren Schritten,
feiern sie das Leben, unbestritten.
(neu erfundenes Sprichwort)

Jetzt musste es sein. Dies war das Zeichen, nach dem sie schon lange Ausschau gehalten hatte. Luzia wusste, dass es nicht mehr lange so weitergehen konnte. Sie war seit einiger Zeit auf der Lauer nach einem dummen Versehen, nach einer Fehlleistung, die sie als klares Stresssymptom einordnen konnte. Sie mochte nicht mehr, hatte keine Energie mehr, brauchte einen Urlaub. Nun würde sie also versuchen, ein Gesuch mit so treffenden Formulierungen zustande zu bringen, dass ihre Vorgesetzten genauso von der Notwendigkeit überzeugt sein würden, ihr sechs Monate Urlaub, wohlgemerkt unbezahlt, zuzugestehen.

Gesuche schreiben war ja eigentlich kein Problem. Wie viele Male hatte sie schon in die Tasten des Computers gegriffen und in den herzerweichendsten Tönen für eine Familie, für ein Kind oder eine alleinerziehende Mutter um Geld, ein Bett oder ein Musikinstrument ersucht, und sie konnte sich bis heute nicht über mangelnden Erfolg beklagen. Ja, wie viele tausend Franken waren das in diesen fünf Jahren schon gewesen, die sie erbettelt hatte? Sie hätte eigentlich eine Statistik führen sollen, von Anfang ihrer Berufstätigkeit an, hatte es aber natürlich nicht gemacht. Hier war sie wieder, die Sammlerwut, die immer erst im Nachhinein erwachte, wenn es schon zu spät war, um anzufangen, da die Vollständigkeit nicht mehr erreicht werden konnte und es so keinen Reiz mehr hatte.

Welche Statistiken hatte sie doch verpasst. Alle Buchtitel, die sie schon gelesen hatte, wollte sie aufschreiben, alle Kleider, die sie je getragen hatte, aufbewahren, das Liebemachen mit Strichen über dem Bett markieren. Nun also, Luzia wusste, dass sie Gesuche schreiben konnte, aber es waren stets Gesuche für andere, nicht für sie selbst. Dies war der große Unterschied, der sie nun dasitzen ließ vor dem PC, ein Schreibstau, der die richtigen Worte dem Gehirn nicht entspringen ließ. Musste sie sehr intim und persönlich schreiben, etwas übertreiben und den Teufel eines Zusammenbruchs an die Wand malen oder eher ganz cool und distanziert um eine Pause bitten?

War es bereits ein Zeichen, dass ihr die Telefonnummer der Wohngemeinschaft, die ihr trautes Zuhause war, nicht mehr in den Sinn kam? War es ein Zeichen von Überarbeitung? Sie begann daran zu zweifeln, dass ihre Vorgesetzten das auch so sehen würden. Natürlich würde sie nicht dies als Grund für ihren Urlaub anfügen. Andere Gründe gab es genug! Gedankenversunken blätterte sie in ihrer Kundenkartei: Fam. Hirt (Kind zeigt auffällige Symptome, Heimplatzierung?), Frau Meier (alleinerziehend, Kinder Schulprobleme, Kampfscheidung), Nadja (Probleme in der Lehre und zu Hause).

Welch verlockende Vorstellung, nichts mehr mit diesen Problemen am Hut zu haben, sich um nichts zu kümmern außer um das Einstreichen mit Sonnencreme, um sich keinen Sonnenbrand einzufangen, der ja sofort zum Hautkrebs führen würde und somit echt tödlich sein konnte. Sonnenschutzfaktor 20 war unbedingt notwendig auf der Segeljacht in Griechenland, wo die Sonne ununterbrochen scheinen würde und der kühle Wind einen die Gefährlichkeit der Sonne vergessen ließ. Dies der Originalton des farbenfrohen Hochglanzprospektes.

Oder soll ich in diesem Urlaub ein Buch schreiben? Wie so oft lässt es mich nicht los, mir zu überlegen, wie es wäre, ein Buch zu schreiben. Könnte ich damit Gelebtes und Überlebtes verarbeiten und ad acta legen? Die Aussage „Schreiben war für mich Therapie“ ist hinlänglich bekannt. Ist sie abgedroschen oder in ihrer Banalität zur unbestrittenen Wahrheit geworden? Ich würde einfach den Alltag einer Sozialarbeiterin beschreiben. All diese Fallgeschichten, die Einblick geben in den sozialen Alltag. „Luzia und ihre Fälle“, das wäre der reißerische Titel des Werkes. Zu diesem Zeitpunkt hätte ich mir nicht vorstellen können, dass es in meinem Buch um vorsätzliche Körperverletzung, um sexuelle Übergriffe auf Minderjährige, um Pornografie oder gar um einen Amoklauf, sprich erweiterten Selbstmord auf einem Herbstfest gehen würde. Ich weiss noch nicht, dass ich mich in den Bergen verstecken und ein Amtsmissbrauchsverfahren am Hals haben werde. Nein, das ahne ich in keiner Weise.

Alles strebt ans Licht, nicht nur
Motten im Gedicht.
(frei nach Christian Morgenstern)

Wo war sie nun stehen geblieben? Natürlich würde sie den Urlaub für eine interessante und maßgeschneiderte Weiterbildung nutzen, die sie optimal in ihre weitere Berufstätigkeit einfließen lassen würde. „Outdoor“ und Erlebnispädagogik waren die nötigen Fachausdrücke, die sie hier einflechten konnte. Warum läutete das Telefon eigentlich nie? Nun saß sie hier schon eine ganze Stunde und kein einziges Klingeln! Luzia war daran gewöhnt, gestört zu werden, mitten in einem Satz, der sich im Kopf formierte, und weil es sich meist um heikle Themen handelte, um sehr persönliche Fakten ihrer Kunden, war es eine Kunst, sich von einem Telefon nicht aus der Ruhe bringen zu lassen. Genau, es war ja Samstag, ein freier Tag, den sie dazu auserkoren hatte, ihr beim Abtragen der Aktenberge behilflich zu sein. Und nach Hause wollte sie telefonieren, um mitzuteilen, dass sie ihren Teil Samstagsputz am Sonntag leisten würde. Und diesen Anruf hatte sie ja immer noch nicht erledigt. Sie griff resolut zum Hörer und tippte die Nummer mit, wie sie amüsiert feststellte, schlafwandlerischer Sicherheit in den Apparat. Aber das Gesuch war nun auch im Kasten, und sie war fest entschlossen, es einzureichen.
Sie arbeitete nun seit fünf Jahren als Sozialarbeiterin für gesetzliche und freiwillige „Fälle“. Eigentlich liebte sie ihren Beruf, die Freiheiten, die sie hatte, den Kontakt zu den verschiedensten Menschen – das meistgenannte Argument bei der Berufswahl –, die Herausforderung, den richtigen Umgang und Zugang zu finden, die Leute dazu zu bringen, sich ihren Problemen zu stellen und aktiv Lösungen zu suchen, natürlich nur solche, die gesellschaftlich akzeptiert waren. Sie verglich sich oft mit einer Künstlerin, indem sie ihre Arbeit auch als kreativen Prozess empfand, sehr vielfältig in Farben und Formen. Doch diese positive Berufsidentität hatte sie allmählich verloren, war ausgebrannt – Burn-out, der Fachausdruck für ihren Zustand, der besagte, dass sie zu viel Energie in die Arbeit gesteckt hatte und einfach zu wenig zurückbekam: zu wenig Anerkennung, zu wenig Geld, zu wenig Freude, zu wenig Freizeit, zu wenig Dank. Von allem ein bisschen zu wenig.

Die Meinung von heute ist nicht
unbedingt die Meinung von
gestern.
(deutsches Sprichwort)

Wozu war eigentlich der Sonntag da? Ausschlafen, Wellness-Programm in der Badewanne, Actionprogramm mit dem Fahrrad, den Rollerblades oder dem Snowboard, Ausstellungsbesuch im Museum, lazy Sunday-Afternoon mit den neuesten CDs und Illustrierten, Eurosport mit Campari und Nüssli, Boule-Spiel mit Freunden und im regnerischsten Fall der neueste Kinofilm. Nicht zu vergessen die Betteskapaden mit ihrem eher geheimnisvollen Liebhaber, der kam und ging, wie es ihm passte. Dies waren ihre schwärmerischen Vorstellungen vom Sonntag. Und was tat sie? Sie rutschte in ihrem verbeulten Trainingsanzug, das schweißige Gesicht umgeben von einer zerzausten Frisur, auf dem Küchenboden herum und weichte die eingetrockneten Essensreste ein, die festgestampft seit einigen Tagen ihrer harrten. Warum lebte sie eigentlich nicht wie jeder normale Mensch in einer modernen 3-Zimmerwohnung, hatte eine Putzfrau, die sich freudig um die verhasste Hausarbeit kümmerte, selbstverständlich, wenn sie nicht zu Hause war, sodass sie die mühsame Putzerei nicht mitbekam, sondern nur das angenehme Gefühl einer sauberen Wohnung. Nein, sie hauste hier mit drei anderen, eher chaotischen Leuten zusammen und kümmerte sich tournusgemäß um ihren Dreck. Sie musste still in sich hineinlachen bei dem Gedanken, dass sie ihren MitbewohnerInnen den Vorschlag machen könnte, eine „Zugehfrau“ oder noch besser einen „Zugehmann“ zu engagieren. Stundenlange politische Diskussionen mit einem gewissen Drall ins Sozialphilosophische würde dies nach sich ziehen. Und es würde im ernsten Ratschlag enden, die Putzerei doch als Yogaübung zu verstehen, als meditatives Reinemachen, äußerlich und innerlich. Als Chance, sinnvoll den Gedanken nachgehen zu können, die Alltagserlebnisse mental zu verarbeiten. Für sie hieß das natürlich, ihren „Fällen“ nachzuhängen.

War das überhaupt zu verantworten, dass sie Frau Meier ermunterte, den Hof der betagten Eltern zu übernehmen, als alleinstehende Frau mit zwei Kindern, ohne Geld und Ausbildung, nur einfach mit der Chance, zupacken zu können? Es schauderte sie, wenn sie an die Küche zurückdachte, in der jenes folgenschwere Gespräch stattgefunden hatte. Es war abgemacht, dass sie Frau Veronika Meier einmal zu Hause besuchte. Luzia musste sich ein Bild machen über die Lebensumstände ihrer Klientin, denn es lag eine Klage vor auf ihrer Amtsstelle, in der der ehemalige Mann und immer noch Vater der Kinder sich über die Missstände beschwerte. Was wollte er eigentlich? Es war ihr nicht klar, denn er machte sein Besuchsrecht nicht geltend, wollte auch das Sorgerecht nicht zugesprochen erhalten. Sie glaubte, dass er seiner Exfrau einfach eine Amtsperson auf die Pelle schicken wollte. Die Fortsetzung der Kampfscheidung, bei der er wie ein Löwe für seine Finanzen gekämpft haben musste. Der Mann war ihr unsympathisch. Sie glaubte die Geschichten, die ihr Frau Meier in ihrem Büro unter Tränen hervorgepresst hatte. Ein schauerlicher Kampf mit Schlägen, Flüchen und zwischen die Beine geworfenen Knebeln , der eine zerknitterte, selbstwertmäßig auf dem Nullpunkt angekommene Frau zurückließ, die nur noch Tag für Tag zu überleben versuchte. Dann also der Besuch. Ein Bauernhaus in einem abgelegenen kleinen Dorf. Seine Aura „eher düster“, würde die Esoterikerin bemerken. Der alte, gebeugte Vater führte Luzia durch eine dunkle Scheune in einen engen Korridor, der vollgepfropft war mit Stiefeln, Schuhen, Körben, Mänteln, Jacken und Futtersäcken. Drei Stufen hinauf führten in die Küche. Frau Meier war dabei, das dreckige Geschirr neben der Spüle aufzutürmen. Es gab kaum einen freien Platz. Alles war vollgestapelt mit Geschirr und irgendwelchem Gerät. Ihr erster Gedanke war, dass hier offenbar alle Schränke ausgeräumt wurden, aber die Sozialarbeiterin in ihr merkte bald, dass dies nicht der Fall war, sondern hier der Normalzustand herrschte. Wie sollte sie dieses schreckliche Durcheinander in ihrem offiziellen Bericht nur beschreiben? Er konnte nur zu einer Beschönigung werden.

Frau Meier entschuldigte sich mit keinem Wort für irgendwelche Unordnung. Sie begrüßte Luzia erfreut und schien stolz auf ihr Zuhause. Es war der Bäuerin klar, dass die Frau vom Amt auch die Kinder sehen wollte, und sie trommelte sie lauthals zusammen, indem sie in die Scheune hinausschrie. Es dauerte einige Zeit, bis sich etwas regte. Zwei unbeschreiblich schmutzige Kinder, er zehn, sie acht Jahre alt, drückten sich an der Wand entlang in die Wohnküche. Es beschlich Luzia wieder das unbehagliche Gefühl, hier in einer Privatsphäre herumzustapfen und sie hatte nur den Wunsch, die Situation irgendwie zu entspannen, aber wie? Sie wusste nicht, wie ihr geschah. Frau Meier hatte mit barscher Stimme der kleinen Annina befohlen, dem Besuch auf der Flöte etwas vorzuspielen. War die Frau nicht ganz bei Trost? Von diesem scheuen Kind so etwas zu verlangen! Luzia wollte schon abwehren, getraute sich aber nicht, denn das Mädchen nahm folgsam ihr Instrument zur Hand. Es war eine total lächerliche Situation. Dreckfinger an einer Flöte, in dieser stinkigen, muffigen Bauernküche, neben einem Bruder, der störrisch auf den Boden starrte, würde nun ein unrhythmisches „Alle meine Entlein“ erklingen. Sie wusste nicht, ob sie aus lauter Verlegenheit laut herauslachen würde. Dass sie in kurzer Zeit vor Rührung mit den Tränen kämpfen würde, kam ihr nicht in den Sinn. Sie hatte nie erwartet, dass die Melodie, die nun den Raum erfüllte, sie so verzaubern konnte. Mit einer unglaublichen Zartheit und Reinheit wurde die Szene erfüllt. In der Erinnerung blieben ihr nur helle duftende und sanfte Bilder. Und in dieser Euphorie hatte sie dann Frau Meier Mut zugesprochen und sie darauf aufmerksam gemacht, dass der Hof doch eine gute Existenz für sie sei, besser als eine Arbeit in einer Fabrik, die Kinder fremdplatziert – der schreckliche Fachjargon für die Tatsache einer Heimeinweisung –,
da sie den ganzen Tag abwesend wäre. Luzia würde ihr behilflich sein bei der Finanzierung. Es gebe einige Stiftungen, die Frauen unterstützten. Und Frau Veronika Meier hörte ungläubig, mit großem Erstaunen, d. h. offenen Ohren und Augen, zu. Letztere aber verrieten schon durch ein Glitzern, dass da ein Funken der Hoffnung zu glühen begann.

Und nun also dieser Küchenboden, den es zu schrubben galt, der sie unerbittlich auf die unhaltbaren Zustände bei Frau Meier hinwies, der sie verunsicherte und ihr Angst einjagte vor der Verantwortung, die sie sich unnötigerweise aufgeladen hatte. Es war überhaupt nicht Luzias Aufgabe, Frau Meier zur Immobilienbesitzerin zu machen. Sie musste ihre Zurechnungsfähigkeit als Mutter abklären und weiter nichts!

Sie stellte sich lebhaft vor, wie Frau Meier den Besuch erlebt haben musste, sie schlüpfte in die Haut ihrer Klientin und versuchte sich mit dieser Vorstellung der Geschichte zu beruhigen. Frau Meier würde innerlich jubeln:

So ein verdammtes Schwein, ist es möglich, dass ich ein so unheimliches Glück habe? Ich bin immer noch ganz benommen und schichte seit Minuten nur gedankenverloren die Drecksachen in der Stube rum. Eigentlich bin ich ja fix und fertig, die ganze Menschheit kann mir gestohlen bleiben. Der ganze Scheiß hängt mir zum Hals heraus. Ich fühle mich wie ein gejagtes Tier, das irgendwo in einer Höhle Schutz sucht. Die Lehrerin von Peter ist eine arrogante Kuh, was meint die eigentlich, warum Peter so aggressiv ist in der Schule? Er wurde bis aufs Blut geplagt von seinen Kollegen und musste sich auf alle Arten und Unarten wehren. Ich habe ihm eingeschärft, sich nicht unterkriegen zu lassen, sich zu wehren mit allen Mitteln, und dass er jetzt seinem Erzfeind einen Schuh geklaut und ihn im Kehricht entsorgt hat, ist doch genial. Natürlich stresst mich das auch fürchterlich, vor allem in der jetzigen Situation, wo diese Sozialarbeiterin für einen Schnüffelbesuch angesagt war. Nein, ich wollte diesem Amtsspitzel nichts vormachen. Sollte sie nur sehen, wie mir das Wasser bis zum Halse stand. Es ist sowieso alles für die Katz, wie soll ich je den Lebensunterhalt für meine Familie erarbeiten können? Ich habe nichts gelernt außer einzustecken. Schläge, Flüche, Demütigungen. Der Kotzbrocken von einem Exmann wird mich nie in Ruhe lassen. Die Alten im oberen Stock können sich nun über mein Elend totlachen. Sie hatten es mir immer gesagt. „Dein Supermann ist nichts wert, jage ihn aus dem Haus, bevor er uns noch ganz ruiniert.“ Nun, das habe ich nicht fertiggebracht, er ist dann von selbst und im großen Triumph ausgezogen. Den Kindern hat er bis heute die Hoffnung geschürt, dass er zurückkomme. Er sei der Chef hier. Wie sollten mich da die Kinder als Oberhaupt respektieren? Sie halten mir mit trotziger Miene vor, ich hätte den Vater rausgeekelt. Wie bringe ich dieses Chaos auf eine Reihe? Und nun dieser Hammer. Ich könnte den Hof übernehmen, selbstständig Ordnung in den Betrieb bringen, die Kinder hätten eine Existenz, vor allem Peter wäre der geborene Bauer! Ich müsste nur acht Jahre durchhalten, dann wäre er eine Stütze und ich wäre wieder jemand. Ist dies das Schicksal, das verdammte Glück, die Gelegenheit, die man nur einmal im Leben bekommt?

Ich habe es schon in der Küche gespürt, als Annina das kleine Telemannstückchen vorspielte. Überhaupt war ich erstaunt über die Reaktion der Sozialarbeiterin. Kein Wort zu meiner Unordnung, zu meiner Bauarbeitersprache, zu den Reklamationen von Lehrerin und Exmann. Sie wollte nur wissen, wie es mir gehe, was ich für Pläne habe, für mich und die Kinder. Sogar Peter ist etwas aufgetaut. Ich habe diese fremde Frau immer wieder gemustert. Sie machte auch einen müden und abgespannten Eindruck, bleich und schmal, eine typische Büromaus, die jede Erkältung umhauen könnte, wahrscheinlich Vegetarierin. Wir mochten etwa gleich alt sein und doch kam sie mir vor wie von einem anderen Planeten. Ich fühlte mich grobschlächtig und altmodisch, das Landei und die Stadtgriite. Sie: moderner Kurzhaarschnitt, rot eingefärbte Mèche im braunen Haar, dezenter Lippenstift, schwarze Lederjacke über pinkfarbenem T-Shirt. Ich: die Bäuerin in Faltenjupe, Wollsocken, Pullover und Schürze. Aber ich glaube, wir sind uns sympathisch und wir werden ihre Idee durchboxen.

„Genau, das werden wir.“ Luzia beendete ihren inneren Monolog mit Genugtuung und fühlte sich entspannt und bestätigt. Wozu war doch so ein Putztag gut!

Das eigentliche Studium der
Menschheit ist der Mensch.
(Goethe)

Dass sie so gerne Auto fuhr, war eher ein Dilemma. Autofahren war nötig, okay, aber gerne Autofahren war heutzutage politisch nicht korrekt. Wenigstens war das Auto grün. Aber es war wirklich so, dass sie es genoss, in ihrem Job auf ein Auto angewiesen zu sein. Und es gab immer wieder Momente wie diesen, wo sie in aufgekratzter Stimmung ihr Büro verließ und sich freute, ins Auto zu steigen und über Land zu fahren. Natürlich war ihr bewusst, dass dies eine Dienst- und keine Lustfahrt war, aber es war eine Fahrt und daher eine willkommene Abwechslung. Nicht, dass sie einen rassigen oder dynamischen Fahrstil hatte, oder ein sportliches Auto, welches ihr Grund für ihr Glücksgefühl gegeben hätte. Nein, sie hotterte gemütlich dahin und nutzte die Zeit, sich auf das bevorstehende Gespräch vorzubereiten. Wie altmodisch: Hausbesuche. „Macht man das noch?“, hörte sie ihre Mitbewohner lästern. Warum hatte sie nur gestern Abend von diesem Termin erzählt? Hatte sie wirklich gehofft, dass die anwesende Tischrunde, bestehend aus einem alternden Germanistikstudenten, einer arbeitslosen Architektin und einem Bibliotheksarbeiter, ihre Skrupel und Zweifel in diesem Fall ausräumen würden?

Aber diese Adoptionsabklärung bei Familie Sütterlin lag ihr richtig auf dem Magen. Eigentlich war ihre Funktion in der ganzen Geschichte eine Alibiübung. So die prägnante Analyse des Germanisten. Das Kind lebte ja schon seit zwei Jahren in der Schweiz, Jessica, ein Tamilenmädchen, nicht ganz so „schnuselig“ wie seine Vorgängerin Vanessa, d. h. seine zukünftige Schwester, ein Singhalesenmädchen, das vor drei Jahren in die Schweiz geholt worden war. Sollte wohl hier der Völkerzwist, der sich in Sri Lanka kriegerisch abspielte, in der trauten Familie gelöst werden, oder kam es gar nicht darauf an, welche Herkunft die Kinder hatten, sie wurden nun ja Schweizer? Ein Kind hat ein Recht, seine leibliche Herkunft zu kennen und zu pflegen, und dieses Recht war wichtiger als das Recht eines erwachsenen Menschen auf ein Kind. Dies war Luzias Meinung, auch wenn ihr dies die Arbeit erschwerte. Und auch wenn sie realisierte, dass die Realität in eine ganz andere Richtung lief.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 98
ISBN: 978-3-99038-904-1
Erscheinungsdatum: 30.04.2015
Durchschnittliche Kundenbewertung: 5
EUR 14,90
EUR 8,99

Halloween-Tipps