Cover: Ich kriege dich!

Ich kriege dich!
Denn die Vergangenheit ruht nicht ...


EUR 18,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 120
ISBN: 978-3-7116-1674-6
Erscheinungsdatum: 21.05.2026
Eine Einladung genügt, um den Staub der Vergangenheit aufzuwirbeln. Sie alle wissen, dass dieses Ehemaligentreffen kein gutes Ende nehmen kann. Denn damals geschah etwas Grauenvolles. Und doch widersteht niemand der Versuchung.
Prolog

Der Herbstwind wirbelte buntes Laub durch die Straßen und über die Felder. Obwohl sich die Sonne ab und an durch die dunkelgrauen Wolken zu kämpfen versuchte, konnte sie diesem Nachmittag nicht seine Schwere nehmen. Drei große Raben pickten zwischen den Grabsteinen nach Insekten und flatterten erst auf, als eine junge Frau mit einem Kind an der Hand den Gehweg entlangkam. Der Kleine mochte etwa vier Jahre alt sein und machte unter seiner Wuschelfrisur ein ernstes Gesicht. Vor einem dunklen Kreuz blieben die beiden stehen. Das Grab war gepflegt und in den schräg verlaufenden Aussparungen der schwarzen Marmorplatte bunt bepflanzt. Die Frau ging in die Knie und legte einen Strauß weißer Lilien zwischen die Blumen. Auf ihr sanftes Nicken hin beugte sich auch der Junge nach vorn und lehnte eine Bastelei aus Stroh an die Blüten. Entfernter Donner grollte und erste Tropfen fielen auf die Gräber.
„Na komm“, sagte die Frau zärtlich und nahm den Jungen wieder bei der Hand. Weit hinten, am Eingang des Friedhofs, hatte sie eine Gestalt erblickt, die in ihre Richtung zu starren schien.



Joline Emise

Joline stützte sich am niedrigen Gartentor ab und atmete kurz durch, bevor sie zwei Umschläge, eine Zeitschrift und einen Werbeflyer aus dem Briefkasten fischte. Das Sporttop war schweißnass und einzelne Haarsträhnen kringelten sich an ihren Schläfen. Auf der Treppe in den dritten Stock krampften sich ihre Beinmuskeln zusammen. Aber der Sieg war es wert gewesen, über ihre Grenzen zu gehen. Lächelnd schloss sie die Tür zu ihrer winzigen Wohnung auf und stieß sich die Zehen an einem Umzugskarton. Der leise Aufschrei klang dumpf. Vor sich hin fluchend drückte sie sich an Kisten und Taschen vorbei, die ihr Ex-Freund schon vor Wochen hatte abholen wollen. Joline betrat mit erhobenem Kopf ihr in hellen Farben eingerichtetes Wohnzimmer mit Ausblick auf eine Grünanlage. Ihre Eltern hatten die Wohnung gekauft, sobald feststand, dass Joline in München studieren würde. Sie hätte es ihnen gerne mit Bestnoten gedankt, aber BWL war vielleicht doch nicht die richtige Wahl gewesen.
Sie schmiss die Post auf den niedrigen Glastisch und ging dann unter die Dusche. Während sie Unmengen an Shampoo verbrauchte und das heiße Wasser auf ihrer Haut brannte, dachte sie an die Tennis-Session zurück. Mike hatte ihr nochmal den Rückhand-Topspin erklärt, sich dazu dicht hinter sie gestellt und seine Arme um sie gelegt. Seit ihrem ersten Training hatte er sie mit seinen Blicken ausgezogen. Je nach Stimmung empfand sie das als unangenehm oder schmeichelhaft. Und als er letzte Woche erfahren hatte, dass sie wieder Single war, hätte sie schwören können, ein Aufleuchten in seinen Augen gesehen zu haben. Zum Abschluss drehte sie das Wasser eiskalt, prustete, schüttelte sich und wickelte dann ein großes Badetuch um ihren Körper. Wenn Joel, der Mistkerl, nur endlich seine Sachen abholen würde! Jedes Mal, wenn sie durch den Flur lief, verkrampften sich ihre Eingeweide. In einem Film hätte sie seinen Kram längst angezündet und aus dem Fenster geschmissen. In Shorts und T-Shirt ließ sie sich auf ihr Kuschelsofa fallen, den Glastisch im Blickfeld. Die zwei Briefe lagen obenauf. Einer der beiden war von ihrer Krankenkasse. Sicher Werbung. Der andere trug keinen Absender. Ihr Name und ihre Adresse sahen aus wie per Schreibmaschine aufgedruckt. Aber wer nutzte heutzutage überhaupt noch eine Schreibmaschine? Die Briefmarke war ganz gewöhnlich. Jolines Hand zitterte, als sie mit dem Finger den Umschlag aufriss. Bestimmt nur Unterzucker. Sie las schnell. Dann noch einmal. Das konnte nicht sein. Wirklich, unmöglich. Was zur Hölle hatte das zu bedeuten? Seit ziemlich genau fünf Jahren hatte sie nichts mehr von ihren ehemaligen Mitschülern gehört … Und jetzt kam eine Einladung aus dem Nichts. Sie ging in die modern ausgestattete Küche, holte eine Salatschüssel aus dem Schrank und fing an, Paprika, Gurke und Tomaten zu schneiden. Ihre Clique von damals … Sie waren durch dick und dünn gegangen, hatten jede freie Minute miteinander verbracht. Bis … ja, bis zur Abifeier. Danach absolute Funkstille. Ihre Handflächen wurden feucht, als sie an jenen Abend dachte. Bisher hatte das mit dem Verdrängen hervorragend geklappt. Sollte jetzt tatsächlich wieder alles aufgewühlt werden?



Lenhard Ertels

Lenny zog die Schnürsenkel seines Laufschuhs so fest zu, dass es ihm fast das Blut abschnitt. Er mochte das. Es gab ihm Halt. Dann richtete er sich auf, strich sich durchs schwarze Haar und steckte sein Trikot in den Bund der Trainingshose. Er lief bereits seit so langer Zeit, dass sich diese Routine anfühlte wie Zähneputzen. Selbst wenn er wollte, wahrscheinlich wäre er gar nicht dazu in der Lage, etwas an seinem Ablauf zu ändern. Sicher würde er tot umfallen, wenn das Shirt mal nicht im Hosenbund steckte. Belustigt über seinen eigenen Witz zog er den rechten Mundwinkel nach oben. Er und das Laufen – sie waren einfach untrennbar für immer miteinander verbunden. Glücklicherweise ließ ihm sein Informatikstudium genug Zeit, um seinem Hobby nachzugehen. Die Vorlesungen konnte er online nachschauen und damit optimal um sein Marathontraining herumplanen. Schade, dass er nicht für immer würde studieren können.
„Hey, Lenny!“ Die Türklinke wurde heruntergedrückt und sein Mitbewohner steckte den Kopf hinein. „Post.“ Er reichte ihm einen Umschlag. Das würde er ihm auch nicht mehr abgewöhnen, dieses Einfach-ins-Zimmer-Trampeln. Manchmal traute sich Lenny nicht einmal, sich einen runterzuholen, weil er jederzeit damit rechnen musste, dass Matti auf der Matte stand. Matti – Matte. Wieder musste er über sich selbst grinsen. Anscheinend hatte er heute einen besonders lustigen Tag. Lenny drehte den Umschlag in seiner Hand. Seltsam. Kein Absender. Amtlich sah er auch nicht aus. Matti hatte sich längst zurückgezogen. Laute Musik dröhnte durch die Wohnung. Matti war Techno-Fan. Unerträglich. Lenny fuhr mit dem Finger seitlich in das Kuvert, um es zu öffnen. Autsch! Geschnitten. Helles Blut erschien in dem kleinen Riss. Er fluchte und leckte es ab. Das bisschen Schmerz war jedoch gar nichts im Vergleich zum Inhalt des Briefes. Nie wieder. Nie wieder hatte er an diese Zeit zurückdenken wollen. An seine Freunde von damals. Sie waren einfach die Coolsten gewesen, hatten die verrücktesten Sachen angestellt. Er lächelte. Es war schon eine aufregende Zeit gewesen. Dann fiel ihm der Abiball wieder ein und sein Lächeln entartete zur Grimasse. Gänsehaut. Nun ja, vielleicht konnte es nicht schaden, das alles aufzuarbeiten und dann wirklich, endlich nach vorne zu blicken. Und vor allem ohne Bauchweh an die schönen Zeiten zurückdenken zu können. Erneut las er den Brief. Ja. Was sollte schon passieren?



Vanessa Maler-Gueres

Die Tasten fühlten sich kalt an unter ihren Fingerkuppen. Nessi spielte wie wild. Eine Tarantella. Sie liebte sie, diese Stücke, die den ganzen Körper in Bewegung brachten. Aber heute wollte es nicht recht funktionieren. Wieder und wieder blieb sie an derselben Stelle hängen. Verdammt! So ein Frust. Der Regen, der gegen die Fenster prasselte und Gemütlichkeit hätte verströmen können, machte sie eher nervös. Jetzt sprang auch noch Mozart, der schwarze Kater, auf ihren Schoß und bereitete dem wilden Spiel ein abruptes Ende. Mist! Das kurze dunkle Haar stand wirr von ihrem Kopf ab nach diesem Höllenritt. Ha! So würde sie ihr nächstes Stück nennen: Höllenritt auf dem Klavier. Sehr poetisch.
Sie hörte leise Schritte hinter sich und lächelte.
„Mit dir geht es heute ja richtig durch.“ Nessi wandte sich um. Ihre Frau María war ins Klavierzimmer gekommen. „Was beschäftigt dich?“ Sie kannten sich einfach in- und auswendig. Nessi stand auf, setzte Mozart auf den Boden und drückte María einen Kuss auf die Wange.
„Ach, das Übliche. Du weißt schon … falsches Studium, mangelnder Erfolg, verarmtes Künstlerdasein“, scherzte sie. María blickte weiterhin ernst.
„Ich habe den Brief draußen liegen sehen“, platzte sie dann heraus. „Es tut mir leid. Ich hätte ihn nicht lesen sollen. Aber …“
„Oh.“ Nessi fühlte sich in diesem Moment eigentlich nicht danach, ihrer Frau alles zu erzählen. Darum drehte sie sich zum Fenster und sah hinaus in den Regen. Die Bäume schienen unter der Last der Wassermassen zu ächzen. Nessi zuckte zusammen, als María den Arm um sie legte.
„Du musst es mir nicht sagen. Ich mache mir nur Sorgen um dich.“ Ihr spanischer Akzent jagte Nessi auch nach drei Jahren noch wohlige Schauer über den Rücken. Wer hätte gedacht, dass sie sich einmal so verlieben würde?
„Danke“, murmelte sie, wandte sich um und küsste ihre Frau erneut.
„Ich werde dir alles erzählen. Nur … noch nicht. Ich begreife es selbst noch gar nicht richtig.“
María nahm sie fest in den Arm und hauchte ihr einen Kuss aufs Haar.
„Sei bitte vorsichtig. Ich brauche dich.“



Luca Areld

„Yeah Leute, was geht?“ Luca, noch in Boxershorts und oberkörperfrei, hielt den Kopf in die Kamera seines iPhones. Gerade wollte er seinen begeisterten Followern erzählen, was er Krasses vorhatte, da latschte Ziggy ohne anzuklopfen in sein Zimmer. Na ja, okay, es war nicht gerade ein Zimmer. Eher ein mit Tüchern abgetrennter Bereich des Wohnzimmers. Anklopfen wäre da schwierig.
„Hey, das ist Ziggy“, sagte er in die Kamera und drehte sich, bis er sie im Bild sah.
„Boah, nimm das Ding aus meiner Fresse. Echt, manchmal ertrag ich das ganze Getue nicht mehr.“ Sie begann, sich durch die Deckenberge auf seiner Matratze zu wühlen.
„Tja, wir sind live“, grinste Luca. Er blickte verschwörerisch sein eigenes Gesicht auf dem Bildschirm an. „Ziggy ist manchmal eine Zicke, Leute. Peace out, ihr hört später von mir.“
„Echt ey? Bin ich jetzt ohne Hose für die ganze Welt zu sehen?“
„Danke, dass du denkst, die ganze Welt würde sich für meinen Content interessieren.“ Luca zwinkerte ihr zu. Sie musste lachen.
„Komm schon, hilf mir. Irgendwo hier muss mein Ohrring sein. Ohne fühl ich mich nackt.“ Sie musste in fünf Minuten bei ihrem Job sein. Luca betrachtete ihre langen Beine, die unter dem Longshirt hervorschauten.
„Ja, klar. Ohne Ohrringe fühl ich mich auch immer so verletzlich“, scherzte er. Dann half er ihr. Sie war letzte Nacht nach einem Albtraum in sein Bett geschlüpft. Ziggy war so alt wie er, aber sie hatte eine traumatische Kindheit gehabt und wenn sie die Panik überkam, kroch sie mal bei dem einen, mal bei dem anderen unter. Sie fanden den Ohrring und Ziggy düste los zur Arbeit.
„Fütterst du Robert, bitte? Ich hab’s nicht geschafft heute Morgen. Jason hat wer weiß wo gepennt und Chad würde ich nicht mal eine Stubenfliege anvertrauen.“
„Logo“, sagte Luca und schlüpfte in Shorts und T-Shirt. Er wollte heute ein richtig geiles Reel drehen. Eins, das voll durch die Decke ging. Es musste gefährlich sein, actionreich! Vorher noch schnell eine Story, wie er den Kater Robert fütterte. Tiere kamen immer gut an. Er hörte, wie die Wohnungstür aufgerissen wurde. Diese schlurfenden Schritte kannte er.
„Hey, Mann. Wann war zuletzt jemand am Briefkasten?“, fragte Chad und ließ einen Wust aus Zeitungen, Flyern, Briefen und Werbeblättchen auf den Wohnzimmertisch fallen. Eine Vase, die aus welchem Grund auch immer dort stand, geriet ins Wanken und Luca konnte sie nur mit einem Hechtsprung daran hindern, kaputtzugehen. Mist! Daraus hätte er gerne eine Insta-Story gebastelt. Manchmal wäre es echt praktisch, wenn, wie bei einer Realityshow, überall Kameras hängen würden.
„Geiler Reflex“, lobte Chad und strich sich über den mit vielen Litern Bier hart erarbeiteten Bauch.
„Hey, was machst du heute?“, fragte Luca, während er versuchte, Ordnung in den Papierberg zu bekommen.
„Nicht viel“, erwiderte Chad achselzuckend. „Zocken. Bisschen lernen.“ Er studierte Virtual Design.
„Kannst du mich filmen?“
„Echt jetzt? Schon wieder?“ Chad stöhnte.
„Komm schon“, murmelte Luca abwesend. Eben war ihm ein Brief in die Hände gefallen, der eigentlich ganz unauffällig aussah. An ihn adressiert. Ein unerklärliches Gefühl von Bedrohung stieg in ihm auf. Er schüttelte sich. Diese Art von Emotionen kannte er nicht. Er war immer gut drauf. Das war sein Markenzeichen.
„Ja, ich mach’s ja. Brauchst gar nicht so wehleidig zu schauen. Aber irgendwann will ich dafür bezahlt werden.“
„Du bist der Beste.“ Luca hatte sich wieder gefangen. Er würde den Brief später öffnen.



Lana Holerntheck

Konzentriert pirschte sie sich an das summende Durcheinander im Blumenbeet heran. Wenn sie ihrer Leidenschaft nachging, war sie voll im Flow. Sie hob die Kamera, um eine besonders pelzige Hummel zu erwischen. Am besten noch mit den Tautropfen, die von den pinkfarbenen Blütenblättern des Rhododendrons abperlten. Das feuchte Gras verfärbte die Knie ihrer Jeans, aber das war ihr egal. Beinahe überhörte sie die zarten Schritte auf dem steinernen Gehweg vor der Villa.
„Lana“, rief eine glockenhelle Stimme. „Willst du nicht wenigstens ein Kissen?“ Elvira Großstein konnte manchmal nur den Kopf über ihre Untermieterin schütteln, kroch sie doch immer wie eine Katze durch den Garten, nur um den perfekten Schnappschuss zu erhaschen. Lana richtete sich auf.
„Alles gut, Elvira“, lächelte sie. Sie mochte die alte Dame sehr. Sie lebten in perfekter Symbiose. Lana wohnte sehr günstig in der oberen Etage dieses wunderschönen Hauses. Elvira hatte durch sie Gesellschaft und vor allem Unterstützung bei allen Angelegenheiten, die ab einem gewissen Alter nicht mehr so leicht von der Hand gingen. Lana spürte, wie Dankbarkeit sie durchflutete, während sie auf die kleine, weißhaarige Frau zutrat.
„Da ist ein Brief für dich gekommen“, sagte Elvira mit warmer Stimme. „Vielleicht von einem Verehrer?“ Lana kicherte.
„Wohl kaum. Heutzutage kriegt man seine Liebesbriefe über Tinder. Und die sind selten romantisch.“ Davon abgesehen war bei ihr seit längerer Zeit Flaute, was Beziehungen und Romantik im Allgemeinen anging. Sie war einfach zu sehr damit beschäftigt, ihre Leidenschaft zum Beruf zu machen. Sie drehte den Brief in ihrer Hand auf der Suche nach einem Absender.
„Na, ich habe auf jeden Fall das Gefühl, dass in diesem Brief etwas ganz Besonderes auf dich wartet“, lächelte Elvira.
„Wenigstens du hast den Glauben noch nicht verloren“, erwiderte Lana. Voller Liebe sah sie in das runzlige Gesicht ihrer Vermieterin. Oft genug hatte sie das Gefühl, ganz tief in ihrem Inneren selbst eine alte Dame zu sein. Zum Glück mit einem Körper, der es ihr erlaubte, auf den Knien herumzukriechen, um wundervolle Fotos zu schießen. Aber für das wahre Leben konnte es sehr anstrengend sein, nicht der klassischen Vorstellung einer Vierundzwanzigjährigen zu entsprechen.
„Lass uns einen Tee trinken“, schlug Lana vor und hakte sich bei Elvira ein.
„Dann liest du ihn mir vor“, erwiderte Elvira bestimmt und wies mit dem Kinn auf den weißen Umschlag in ihrer Hand. Lana nickte lächelnd. Auch wenn sie sich ganz sicher war, dass der Inhalt dieses Briefs nicht die romantische Ader ihrer Vermieterin befriedigen würde.

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