Ich bin Vera

Ich bin Vera

Marah Malakai


EUR 24,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 170
ISBN: 978-3-99107-789-3
Erscheinungsdatum: 30.08.2021
Tom Schwanen hat längst keine Lust mehr, weiterzuleben. Depression und ein traumatisches Trümmerfeld in seiner Kindheit treiben den transsexuellen Mann zum Suizid. Querschnittsgelähmt überlebt er jedoch und fängt an, seine Vergangenheit neu zu betrachten.
Vorwort

Ich hätte ein Zehn-Schritte-Handbuch schreiben können darüber, wie man Trauer, Depression und PTSD überwinden kann. Das ging jedoch nicht. Ich habe dieses Buch verfasst, weil Gefühle meine Sprache sind und ich mit der Macht der Fiktion einen Einblick in sehr reale Probleme schaffen wollte. Da ich selbst mit posttraumatischer Belastungsstörung und bipolarer affektiver Störung lebe, musste ich einen Weg finden, diese Dinge zu verarbeiten. Vieles in dieser Geschichte ist überspitzt und sehr graphisch dargestellt (Wahrung Trigger), doch nur, weil es sich hier um Fiktion handelt, bedeutet es nicht, dass es solche Szenarien nicht in Wirklichkeit gibt (leider). Es gibt sie, auch wenn ich mir die künstlerische Freiheit genommen habe, Sachen wie z. B. Therapiemethoden dramatischer darzustellen, als sie in der Realität sind. Ich habe hier nicht nur meine Lebensgeschichte als Inspirationsquelle genommen, sondern auch fremde Geschichten und Lebenssituationen. Ich wollte einfach gesagt ein Licht ins Dunkel werfen. Außerdem, wie der afroamerikansich-jüdische Autor Walter Mosely sagt: „Wenn deine Leute nicht in der Literatur repräsentiert sind, existieren sie nicht.“ Es gibt zu wenig Literatur über LGBTQ-Mitglieder, dies will ich ändern. „Ich bin Vera“ ist keine fluffige Geschichte, doch ich hoffe von tiefstem Herzen, dass du, wenn du den Blick ins Dunkle wagst, erkennst, wo dein Licht scheint.
Ich danke meiner Familie, meinen Freunden, meinen Therapeuten, meinem deutschsprachigen Verlag Novum und dem Leben selbst für die Gelegenheit, kreativ sein zu dürfen. Viel Spaß beim Lesen.


Kapitel 1
Was wäre, wenn die Flüsse rückwärts fließen würden? Und was, wenn die Vögel im Wasser und die Fische am Himmel lebten? Was wäre, wenn die Uhr rückwärts liefe und alle sich mit den Füßen statt den Händen grüßten? Wir würden es Normalität nennen und einfach weiterleben. Oder wir würden Fragen stellen, Fragen, die kein Ende nehmen. Es muss nicht alles endlich sein, vielleicht besteht ja die Unendlichkeit aus vielen kleinen endlichen Dingen. Und wer weiß, vielleicht liegt zwischen diesen kleinen, limitierten Konzepten ein gemeinsamer Sinn. Etwas, was auch die unterschiedlichsten Sachen, die widersprüchlichsten Konzepte und alle Polaritäten zusammenhält.
Ich weiß nicht, wieso, aber der Gedanke weckt Gefühle der Hoffnung in mir? Aber worauf hoffe ich denn? Dass es doch eine höhere Macht gibt über und in jedem Leben? Hoffe ich, dass es etwas außerhalb der Gewohnheit gibt? Ist es das, was ich will? Wenn ja, wieso?
Ich denke, ich sehne mich nach Bedeutung und Größerem, weil ich das Gegenteil in meinem Leben spüre. Keine Stimme, die mich leitet, kein Antrieb, etwas Großes zu bewirken und ja keine Leidenschaft für die kleinen, endlichen Banalitäten des menschlichen Daseins, sind in mir noch vorhanden.
Der Bus hält an und ich beende die endlose Kette an Fragen, denn ich muss arbeiten. Ich muss Geld verdienen, damit ich mir Sachen kaufen kann. Ich muss mir Sachen kaufen, damit ich am Leben bleiben kann und so weiter. Es ist egal, ob die Flüsse rückwärts fließen und wo die Vögel sind. Es ist egal, ob mein Leben mit dem einer Schnecke in Peru in Zusammenhang steht. Es spielt keine Rolle, nicht, weil das Universum um mich herum unwichtig ist, sondern weil ich dem Ganzen keine Bedeutung schenke. Was für mich Bedeutung hat, ist, was ich tun muss. Ich komme im Büro an, schalte den PC ein und erfülle meine Pflicht. Ich beantworte E-Mails und telefoniere mit Kollegen, um die einzelnen Prozeduren zu besprechen. Meine Chefin kommt vorbei und gibt mir Anweisungen, ihre Vagina riecht intensiv, aber ich kommentiere das nicht und arbeite weiter. 17:30 Uhr, es ist Zeit, aufzuhören. Ich schalte den PC aus, schiebe den Stuhl an den Schreibtisch und fange an zu denken. Was wäre, wenn ich morgen meiner Chefin sagen würde, dass der Geruch ihrer Vagina mich geil macht und dass wir es treiben sollten wie die Tiere, hier und jetzt vor allen? Was wäre, wenn die Wände aus Butter bestünden und wir uns mit der Butter einrieben? Wie würde dieses Leben aussehen, wenn wir uns all unseren Instinkten hingäben und völlig hemmungslos würden? Würde ich nackt durch die Straßen tanzen? Würde ich mit all den Obdachlosen in der Stadt über die Bedeutung der menschlichen Existenz reden? Würde ich Sandra aus der 5. Klasse anrufen und sagen, dass ich heute noch an unseren ersten Kuss denken muss?
Diese Gedanken begleiten mich bis zu der Haustür, wo ich meine Vermieterin im Flur antreffe. Sie ist fett, ihr Busen hängt tief und die Warzen auf ihrer Nase lassen sie aussehen wie eine Hexe aus den Märchen. Sie raucht sehr viel und ihre Stimme ist tief und rau. Sie nimmt einen Zug ihrer Zigarette, bläst mir ins Gesicht und teilt mir mit: „Schätzelein, du wirst hier noch als Junggeselle alt, wenn du nicht mal in die Welt hinausgehst.“ Sie lacht sehr laut und könnte damit auch Geister beschwören. Sie wünscht mir noch einen schönen Abend, sie müsse jetzt ihren Hund spazieren führen. Ich bedanke mich, wünsche ebenso einen schönen Abend und gelange zu meiner Wohnung. Ich wohne seit fünf Jahren in diesem Block, im obersten Stock eines Hochhauses, und das ist ganz praktisch, falls ich mich doch noch umbringen will. Ich kenne meine Nachbarn nicht und ihre Namen sind mir auch egal, so wie ich ihnen egal bin. Sie sind mir gleichgültig und dennoch bin ich amüsiert, wie meine Nachbarin ihren Mann betrügt und bei Zalando ihren Frust wegkauft. Ich finde es toll, wie die junge Frau, die direkt unter mir lebt, Internetpornos dreht, um jede Menge Geld zu verdienen. Ich liebe es, dass meine schwulen Nachbarn jedes Wochenende eine Sex-Party mit vielen Drogen veranstalten und ich von meiner Wohnung aus alles hören kann. Ich weiß, dass sie Drogen nehmen, weil wir den gleichen Dealer haben. Michel, 27 Jahre, 1,90 groß, verkauft mir schon seit Jahren Speed, Koks, LSD, MDMA, Mushrooms und alles andere, was das Herz begehrt. Er hat einen großen Kundenkreis und ist trotzdem nie erwischt worden. Diesen Mut, dem eigenen Profit zu folgen, hätte ich auch gern. Hätten wir, glaube ich, alle gern. Mein Dealer sollte um 20:30 Uhr hier bei mir ankommen, um mir all die schönen Sachen bescheren, die mich von der öden Leere in mir ablenken sollten. Das allgemeine Bild, das man von Junkies hat, die dysfunktionale Hartz-4-Darstellung, entspricht nicht der Realität. Die meisten Drogenabhängigen funktionieren sehr gut, sogar zu gut. Wir führen alle ein Doppelleben irgendwie, wie oft sagen wir denn schon, es ginge uns gut, obwohl das nicht stimmt, nur damit wir uns nicht mit der lästigen Fragerei auseinandersetzen müssen. Wir entziehen uns den mitleidigen Blicken, dem Unverständnis und der Verurteilung, die garantiert folgen auf die Ehrlichkeit, die niemand wirklich aussprechen will. Ich entziehe mich, ich will es nicht aussprechen, dass etwas sich nicht gut anfühlt.
Es klingelt an der Tür, ich gehe und mache auf. Mein Dealer steht vor mir und fragt: „Geht’s gut?“ – „Ja, danke, dir?“ Als würde ich aus Interesse fragen statt sozialer Konvention. Meine Ladung an Muntermacher wird mir auf den Tisch präsentiert. Hasch, MDMA, Speed, alles von feinster Qualität. Ich bezahle, mein Dealer geht und somit herrscht wieder Stille. Ich zerquetsche das Speed und das MDMA, damit ich sie als Pulver vermischen kann. Mit der Zunge schlecke ich die erste Portion des befleckten Glastisches ab, wie das Tier, das ich eigentlich auch bin. Der bittere Geschmack verteilt sich auf der Zunge, ein halbes Lachen breitet sich auf meinem Gesicht aus. Denn ich weiß, gleich werde ich mich anders fühlen. Ich werde überhaupt fühlen. Für ein paar Stunden habe ich mentalen Sex mit meiner Traurigkeit, ich darf mich in ihr suhlen und in meinen Tränen baden. 15 Minuten sind vergangen und die ersten Effekte machen sich bereits bemerkbar. Ich esse meistens wenig, somit gelange ich schneller an den gewünschten Zustand zwischen Euphorie und Selbstmitleid. Während ich mir eine Zigarette anzünde, kommt das Verlangen nach Musik in mir hoch. Beats, die tief und laut über die Kopfhörer erklingen, lassen sich bis in die Eier spüren. Ich atme den Rauch der Zigarette tief ein, durch das MDMA fühlt sich das Gift an wie purer Genuss. Unter meinen Fußsohlen höre ich die Erde vibrieren, sie atmet mit mir und ich mit ihr. Wir lassen uns nicht mehr los und die Luft mischt sich mit der Schwerkraft, sie drehen sich. Endlich bin ich an einem anderen Ort, ohne dass ich mich einen Millimeter bewegen musste. Ich bin da, wo mein Herz geboren ist, bevor es die schweren Enttäuschungen dieses Leben kennen lernen musste. Dieser Ort heißt HIER. HIER ist ein kontinuierliches Vakuum, ohne Urteil, ohne Leiden. In diese unendliche Leere spreche ich ein paar Worte hinein. Es tut mir leid, Tina, dass ich dich nicht vom Schmerz bewahren konnte, der dich zum Selbstmord getrieben haben. Ich denke nie an dich, spreche deinen Namen nicht aus, ich sage niemandem, dass du in meinem Leben gewesen bist, denn ich denke, ich war nie vollkommen in deinem. Ich wage es nie, an dein Grab zu gehen und dir Blumen zu bringen, um die gemeinsamen Momente zu zelebrieren, denn ich kann sie nicht mehr spüren. Sie sind weg, wie das Seil, mit dem du dich aufgehängt hast. Ich habe es entsorgt mit all deinen Sachen, die nie wirklich dein waren und nie wirklich mein. Meine Worte haben nun das Loch gefüllt und ich lasse mich weinen. 15 weitere Minuten sind vergangen und ich steige auf die erste große Welle des Drogenkarussells. Meine Tränen geben nach. Es ist der perfekte Augenblick, um einen Joint vorzubereiten und mir Wasser in die Wanne einzulassen. Die Tüte ist bereit, das Wasser dampft und mein Körper sinkt langsam herab. Ich bade gerne im Dunkeln, es ist alles schön still, so stelle ich mir den Tod vor. Ich schließe meine Augen, zünde den Joint an und lasse das THC teilhaben an meiner Stille. In diesem Moment ist mir Gott nahe, er urteilt nicht drüber, wie ich mein Leben lebe oder eben nicht lebe. Er ist einfach da und beobachtet. Zusammen starren wir in die Dunkelheit, Gott und ich. Wir lachen über alles, über Tinas Tod, den Krieg im Iran, den Corona-Virus, über AIDS, wir finden es witzig, wie wir zugeschaut haben, wie meine Mutter im Keller eingesperrt wurde, als ich 16 Jahre alt war. Wir amüsieren uns am Motorradunfall meiner Schwester, der sie auf den Rollstuhl verbannte. Wir lachen. Wir lachen, weil Gelächter eine bessere Brutstätte für Trauer ist als Geheule jemals sein könnte. Lachen versteckt die Trauer so gut, dass ich es schaffe, mich jeden Tag selbst anzulügen. Gäbe es diese Lüge nicht, so könnte ich dieses Kartenhaus nicht länger aufrechterhalten. Man könnte sehen, wer ich wirklich bin, wie es mir wirklich geht und was ich wahrhaftig will. Mein echter Name ist Trauer und ich will wirklich nicht mehr leben. Ich atme weiter aus Schuldgefühlen gegenüber denen, die ich hier zurücklassen würde, wenn ich mich entscheiden würde, mir selbst nachzugehen. Ich lebe weiter aus Angst, nochmals geboren zu werden in einem anderen Leben, das noch viel schrecklicher ist als meins. Ich lache, weil MDMA einfach geil wirkt. Manchmal lösche ich Zigaretten und Joints auf meinem Arm aus, wenn ich nass bin. Dieser Zwick, der von der Wundstelle ins Gehirn geleitet wird, macht mich geil. Lust, Gelüste nach menschlichem Fleisch, ist auch ein exzellenter Rausch. Ich steige aus der Badewanne raus und debattiere mit mir selbst, ob ich eine Prostituierte bestellen soll oder einfach mich mit Pornos vergnügen kann. Pornos sind günstiger, aber Geld habe ich genug, denn ich funktioniere, egal, wie ich mich fühle. Warum soll ich denn wählen? Ich bestelle, wen ich mag und lasse im Hintergrund die Pornos laufen. Nach meiner Einzel-Debatte schalte ich meinen Computer an, gehe auf die gewohnte Escort-Seite und schaue, wer zur Verfügung steht, als würde ich Schuhe aus einem Katalog bestellen. In gewisser Weise sind sie das für mich auch, diese Menschen dienen meiner Befriedigung und sonst nichts. Mann oder Frau? Mann … mir ist nach Daddy-Spielchen, wie jedes Klischee habe ich auch Vaterkomplexe und kompensiere mit meinem Sexualleben dementsprechend. Der Prostituierte, sagt man das so? Jedenfalls ist er gut gebaut, charmantes Lächeln auf den Bildern. Ich chatte ihn an, er antwortet rasch. Ich erzähle ihm, was ich mir vorstelle, er nennt seinen Preis. Ich verhandle nie, stimme zu und in 30 Minuten fängt der Spaß an. Ich kaufe Menschen wie Red-Bull-Dosen und entsorge nicht umweltgerecht in der Hinterkammer meiner Emotionalität. Sex, Drogen, Arbeit, so zelebriere ich die Dekadenz menschlicher Beziehungen, die mir einst so wichtig waren. Ich sitze nackt auf dem Klo und zünde meinen Joint wieder an. Die besten Ideen kommen unter der Dusche oder während man sich körperlich entlastet, von der wortwörtlichen halbverdauten Scheiße, die in einem steckt. Ich könnte mich, kurz bevor der Escort kommt, umbringen, einfach so spontan. Ihm die Tür aufmachen und mir daraufhin die Pulsadern aufschneiden, überall mein Blut verteilen und seinen Gesichtsausdruck als letzten Anblick genießen. Dieses Entsetzen, das entsteht, wenn man plötzlich doch aufwacht und sieht, dass der Tod existiert. Die natürlichste Sache der Welt, schockierend, darum leben wir so, als müssten wir uns nie auflösen. Seit Tinas Tod mir diesen Schock hinter die Augenlider gebrannt hat, lebe ich immer so, als müsste ich gleich aufwachen. Aufwachen und neben ihr sitzen, merken, dass ich den Film verschlafen habe, aufwachen und merken, dass sie einen Teil von sich mir nicht preisgibt aus Angst, sie könne mich nur noch mehr belasten, aufwachen und sie für immer festhalten. Aber ich sterbe einfach nicht, ich schlafe weiter hier im Albtraum meiner Wirklichkeit. Ich nehme einen Zug Hasch, mein Anus entspannt sich und es klingelt an der Tür. Wenn du von deinen unterdrückten Gefühlen geknallt wirst, schickt dir das Universum noch einen Escort vorbei. Wie praktisch, ein Fick im Doppelpack. Er lächelt mich an, streckt seine Hand aus und erwähnt, dass er John heißt, er würde sich freuen. Ich freu mich auch, dass ich dich bezahle. Wir lassen den Smalltalk und gehen gleich an die Sache. Wir ziehen uns aus, er packt mich von hinten, er soll ruhig aggressiv sein, mich anspucken und schlagen. Je wilder, desto besser. Ich langweile mich aber schnell, wie ein Junge, der nach einem Spielzeug schreit und es fallen lässt, sobald er es bekommt. Das ist ein interessantes Gefühl von Leere. Während mein Kopf gegen die Wand hämmert und John mich durchbohrt, bahnt sich ein taubes Gefühl durch meine Arme. Bekomme ich einen Herzinfarkt? Das wäre schön, im Drogenexzess als dekadenter Freier gestorben. Doch das ist kein Herzbaracker, meine Arme sind einfach zu lange in der gleichen Position. Ich habe keine Lust mehr und stoppe das Gemetzel zwischen mir und John. Er scheint verwirrt und fragt, ob er was falsch gemacht habe. Ich verneine und sage, dass ich doch nicht in der Stimmung bin. Das Geld habe ich auf den Tisch gelegt. Er darf sich verpissen. Das mit dem Verpissen sage ich ihm aber nicht ins Gesicht. Als würde ich jemals wirklich sagen, was ich denke. Er zieht sich an und geht, sagt brav „Auf Wiedersehen“ und schließt die Tür.
Ich habe alles. Die Freiheit, mein Geld zu verplempern, die Macht, mich zu betäuben und weiter zu leben und die Arroganz eines 18-Jährigen, der zum ersten Mal Alkohol kaufen darf und sich wie Gott fühlt. Eines fehlt mir doch, in mir gibt es keine Zeit. Keine Zeit, Reue zu spüren, keine Zeit, nach wahrer Intimität zu suchen, keine Zeit, sich selbst zu hinterfragen, dafür habe ich keinen Raum. Darum entscheide ich spontan, dass ich Karussell fahren will, so schnell, dass ich mich übergeben muss. Ich ziehe mich an, nehme etwas mehr meiner köstlichen giftigen Substanzen und stürme hinaus. Es ist 00:30 Uhr und der Jahrmarkt nebenan vibriert vor Leben. Geschrei, Gelächter und Assifamilien mit Kindern sind überall, alle tragen noch Schutzmasken und mir fällt auf, dass ich keine habe. Die lassen mich nicht mit den Bahnen fahren, wenn ich keine trage, ich möchte am liebsten alle anhusten. Siehe da, ein Eimer steht neben mir und in dem Eimer eine gründlich gebrauchte Maske. Ich fische sie heraus, es ist egal, wer mich anstarrt, in diesem Zustand zählt nur, was ich will. In der Warteschlange kann ich alles beobachten, was ich sonst ignoriere, wie dick der Hintern der Frau vor mir ist, wie viele Pickel der Teenager vor mir hat und so weiter. Schon komisch, dass wir alles Negative sehen und bemerken. Hat, glaub ich, mit Überlebens-Modus zu tun oder so. Wenn wir uns auf positive Dinge konzentrieren würden, wäre es einfacher, angegriffen zu werden und wir könnten somit weniger schnell reagieren. Macht Sinn, wenn wir in der Wildnis ausgesetzt sind, wie wir es für Jahrtausende auch waren. Auch wenn wir heute nicht mehr nach Futter jagen, ist der Überlebenskampf nicht vorbei. Er geht weiter in uns drin, ständig auf der Hut. Nur wenn wir uns berauschen ist all dies egal. Wir überleben, bis wir sterben, mit kleinen Pausen dazwischen. Endlich bin ich an der Reihe, die Bahn, die ich ausgesucht habe, macht Riesenspaß. Wir sitzen alle in Stühlen und werden geschleudert, ganz viele Meter hoch in der Luft. Ich freue mich wie ein Kind, ein degeneriertes, unverantwortliches Kind. Siehst du mich, Stadt? Ich tanze über dir, siehst du mich, Himmel? Ich bin nah bei dir. Siehst du mich, Leben? Jetzt bin ich in dir. Adrenalin, Schweiß, Genuss, alles dreht sich und für einen Augenblick ist alles in Ordnung. Einen Moment lang kann ich frei sein. Aber nur einen einzigen, denn was zu viel ist zu viel, selbst wenn es guttut. Ich ahne schon, dass die Fahrt bald vorüber sein wird, also kann ich auch jetzt aufhören, mich zu freuen. Das sagte meine Mutter stets, es ist besser, zu wissen, wann man aufhört, sich für Sachen zu interessieren, die vergänglich sind, bevor sie dich verlassen. Es ist besser, schon vorher aufzuhören als enttäuscht zu sein. Es ist vorbei, ich tanz nicht über der Stadt, meine Füße sind am Boden. Dem Himmel sag ich auf Wiedersehen, das Leben lebe ich wieder neben mir. Siehe da, ich bin doch enttäuscht. Ich steh nun in der Menschenmenge und starre in die Luft. Spürbar macht sich die sorgenfreie Entspannung der Leute um mich herum. So nahe, die Nähe zwischen ihnen, so greifbar ist sie, dass ich meine Hand ausstrecke und nichts davon halten kann. Alles um mich bewegt sich, nur ich bleibe stehen mit nichts zwischen meinen Händen, nichts zu sagen und nichts zu denken. Es gibt eine Art Einsamkeit auf dieser Welt, die kann man nicht mit Menschenmengen füllen. Wir haben sie alle schon irgendwann erlebt. Wir alle waren schon so verletzt, dass wir dachten, nur wir selbst allein können verstehen, was es heißt, so viel Leid zu ertragen. Und es stimmt, niemand kann wissen, was Schmerz für dich bedeutet, was er mit dir macht, wie er sich für dich anfühlt und wohin er dich trägt. Ich ziehe meine Maske aus, kotze auf den Boden und entscheide zu gehen. Ich laufe ziellos durch die Straßen, die Nachtlichter sind mein Kompass. Ich laufe kilometerweit, ohne irgendwo jemals anzukommen, bis ich einen Spielplatz sehe. Die Schaukel macht mich an, ich sitz auf ihr. Als Kind hatte ich keine Freunde, was heißt als Kind? Ich hatte nie welche. Die unbelebte Natur wurde meine Gefährtin. Schaukeln, Steine, Rutschen waren meine Brüder und Schwestern. Sie können mich nicht verletzen, egal, wie und wann ich mich mit ihnen abgebe. Sie können nicht einfach sterben und mich wundernd zurücklassen. Egal was, liebe Welt, versprich es mir, lass mich nicht gehen. Lass mich nicht sterben mit dem Gefühl der Reue in meinen Magen. Bitte bleib bei mir, für immer und ewig, lass mich nie mehr los. Tina, ich vermisse dich. Ich vermisse deine nervige Stimme am frühen Morgen, ich vermisse deinen Gesang unter der Dusche, der schräger war als alle Kurven auf der Welt. Ich vermisse deine Angst vor dem Dunkeln, darum hab ich dein Nachtlicht behalten und als einzige Erinnerung. Das Flackern des Lichtes bist du, die vom Jenseits hustet nach der X-ten Marlboro-rot-Zigarette. Es ist aus. Ich kann nicht mehr. Zweieinhalb Jahre sind nun vergangen, keinen Tag davon war ich nüchtern, zufrieden oder lebendig. Kein Arbeitstag ist mir entgangen, kein „mein Beileid“ habe ich ertragen. Wieso bin ich noch hier? Meinen Liebenden kann ich gestohlen bleiben. Wir leben eh aneinander vorbei. Meine Mutter wird morgen wie jeden Sonntag anrufen und mir die gleichen Fragen wie immer stellen und ich werde schön nach Skript dieselben Antworten liefern. Ich schaue auf die Uhr und stelle fest, dass morgen schon lange heute ist. 3 Uhr, ich verlasse den Spielplatz, zünde den Restjoint an, rauch ihn fertig und mache ihn aus, indem ich den Stümmel gegen meinen Arm presse. Wenn etwas so weh tut, dass du dich mit weiterem Schmerz ablenken musst, wärst du eigentlich reif für die Klapse. Als würden die helfen. Ich habe gesehen, was sie mit Tina gemacht haben. Sechs Jahre
Therapie, Medikamente, Ärzte, Kliniken, wofür?

Das könnte ihnen auch gefallen :

Ich bin Vera

Christine-Maria Woytt

Die Tötung der Schlange

Buchbewertung:
*Pflichtfelder