Heftige Kettenreaktion

Heftige Kettenreaktion

Alex Wolf


EUR 22,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 92
ISBN: 978-3-99130-220-9
Erscheinungsdatum: 16.01.2023
Kann die Lüge von einer Vergewaltigung derart unfassbares Leid über mehrere Personen bringen? Oder war es schon der Zufall, der Max mit Tina zusammenführte? Er, der Erwachsene, der sich bequem an einer Minderjährigen bediente?
1. Teil

So gefällt mir das Leben. Es ist freitags 10.00 Uhr vormittags, ich sitze an meinem Schreibtisch am Fenster und auf dem Monitor wechseln verschiedene Landschaftsbilder als Bildschirmschoner. Meine Arbeit ist getan, der Auftrag erledigt. Ich liebe Gleitzeit. Okay, eine gewisse Kernzeit ist einzuhalten. Ich bin lieber zu Hause kreativ und nutze die Pflichtstunden im Büro, um zum Beispiel die Präsentationen auf den Dienstcomputer zu überspielen. Nebenbei kann ich die Menschen auf der Straße und im gegenüberliegenden Café „Heinrich“ beobachten, so wie jetzt.
Bei diesem herrlichen Sonnenschein ist es nicht verwunderlich, dass schon ein paar Tische vor dem Café besetzt sind. Junge Männer lassen durch das offene Hemd ihre rasierte Brust und den dazugehörigen Waschbrettbauch scheinen und sehen oft und wie zufällig zu den miniberockten Frauen.
Eine Blondine mit kurzem Bubi scheint das aber gar nicht zu interessieren. Sie sieht traurig und ein bisschen hilflos aus.
Nanu? Die kenn ich doch. Das ist Bea. Seit wann hat sie kurzes Haar? Zwei Wochen ist es her, dass wir uns bei Klaus auf der Sommerparty trafen. Da wallten ihre Haare noch über die Schultern und ihr Gesicht hatte auch eine ganz andere, eine positive Ausstrahlung. Da muss ich unbedingt rüber gehen. Vielleicht kann ich sie ein wenig aufmuntern.
Es reicht, wenn ich so gegen 14.00 Uhr noch mal wiederkomme, alles ausschalte und Feierabend bzw. Wochenende verkünde.
Bis vor ungefähr zwei Jahren waren wir „nur“ gute Bekannte – kennengelernt durch gemeinsame Freunde –, eben eine Clique, mit der man ab und an unterwegs ist. So kamen wir uns etwas näher und tauschten auch schon mal Probleme aus.
Ich wollte damals unbedingt Rita vom Hals haben. Sie war sehr aufdringlich und besitzergreifend. Alles Reden half nix. Da kam mir Bea zu Hilfe.
„Nichts einfacher als das“, und sie hatte so ein schelmisches Lächeln aufgesetzt.
„Denkst du? Das funktioniert nicht. Wir beide beim Knutschen und Rita kommt rein zufällig vorbei? Da macht sie nur keifend ein Fass auf und verjagt dich.“
„So, so. Wir beide knutschen.“ Bea lachte. „Das kannst du haben. Aber ich habe mir das etwas brutaler vorgestellt. Pass auf! Ich mach dich mit Jürgen bekannt und ihr beide macht Rita nicht einfach eifersüchtig, sondern versetzt ihr gleich einen richtigen Schock. Ihr müsst nicht gleich ins Bett gehen oder Küsschen geben, aber so ein bisschen flirten? Das wäre doch die Lösung – oder? Ach so. Jürgen hätte bestimmt kein Problem damit, so schwul wie der ist.“
Das verschlug mir erst mal die Sprache. Ich mit einem Mann – geht das? Was, wenn sich dieser Jürgen in mich verliebt? Dann nicht doch besser Rita? Hält mich dann alle Welt für schwul? Tausend Fragen und keine Antwort.
„Hallo! Bist du noch da?“ Beas Stimme holte mich aus meinen Gedanken. „Was sagst du dazu?“
„Warte, warte, das muss ich erst mal verdauen. An so eine Schocktherapie habe ich nicht gedacht.“
„Keine Sorge. Jürgen wird so instruiert, dass du nicht vom Regen in die Traufe kommst. Und ein bisschen schauspielern kann er auch, falls du ihm nicht sympathisch bist.“
Sollte mich das beruhigen? Na gut, ein wenig.
Gesagt, geplant, getan. Es funktionierte prima. Als Rita sah, wie wir uns anhimmelten, erlebte ich sie das erste Mal sprachlos. Zwei Tage später ein Anruf, dass es wohl besser sei, dass jeder seiner Wege geht.
Seitdem sind Bea und ich dicke Freunde und auch Jürgen gehört zu meinem Freundeskreis.
Mittlerweile habe ich die Straße überquert und steuere auf Beas Tisch zu.
„Hallo Bea! Schön, dich zu sehen. Was ist los mit dir? Du siehst nicht gut aus.“
Typisch Mann, erst begrüßen dann zutexten.
Bea stand auf. „Hallo Alex!“ Küsschen links/rechts. „Ich wusste, dass du mich siehst. Gut, dass du rübergekommen bist. Ich bin ein bisschen durcheinander. Aber lass uns rein gehen, sind mir zu viele Leute hier.“
Wir schlenderten langsam, die Hände Gegenseitig um die Hüften gelegt, ins Café. Und so, als suchte sie Schutz, legte sie ihren Kopf an meine Schulter. So habe ich Bea noch nie erlebt. Drin saß keine Menschenseele. Trotzdem setzten wir uns an einen Tisch in der hintersten Ecke. Der war extra mit einem blumenbehangenen Raumteiler und einer Eckbank ausgestattet. So konnte sie sich an meiner Hand festklammern.
Als die Bedienung uns entdeckte, bestellte ich zwei Cognac, die wir dann auch gleich auf „ex“ tranken.
Es entstand eine Pause, die mir wie eine Ewigkeit vorkam. „Ich weiß nicht, wie ich anfangen soll.“ Wieder eine Pause. „Ich bin vergewaltigt worden.“
Das war ein Schlag. Mein Mund blieb vor Verwunderung offen. Aber dann fand ich doch meine Sprache wieder.
„Warst du schon bei der Polizei?“ Auch typisch Mann. Lass sie doch erst einmal reden und hör zu! Das hilft vielleicht besser als Ratschläge.
„Nein, war ich nicht und will ich auch nicht. Aber beim Arzt war ich schon.“
Damit war meine nächste Frage bereits beantwortet und es entstand wieder eine kleine Pause, in der der nächste Cognac serviert wurde.
„Weißt du, ich habe am Montag Max, einen ehemaligen Schulfreund, wieder getroffen, nach bestimmt 12 Jahren. Der Schöne war damals verknallt in mich. Ich habe ihm aber nie Hoffnungen gemacht. Kein schlechter Kerl, aber einfach nicht mein Typ. Wir hatten uns viel zu erzählen und irgendwie sind wir dann bei ihm zu Hause gelandet, auf einen Kaffee natürlich.“
Naja, da kann man noch nicht wissen, wie sich der Abend entwickelt. Aber in meinem Kopf bildete sich schon eine Meinung über den „Schönen“. Ich wusste ja bereits, wie es endet.
„Bei ihm hatte es gleich wieder gefunkt. Das habe ich aber erst später gemerkt. Ich weiß nicht, was er für einen Kaffee serviert hat, aber nach kurzer Zeit stand ich irgendwie neben mir. Er wollte plötzlich tanzen und ich habe mitgemacht.“
Hatte er sie etwa unter Drogen gesetzt? Wenn ja, woher hatte er die so schnell? Und hatte er sowas schon öfter gemacht?
„Da die Musik sehr langsam war, standen wir fast auf der Stelle, wie früher beim letzten Tanz in der Disco. Eng umschlungen fing er an, mich zu küssen. Ich habe mich wohl nicht entschieden genug gewehrt. Das war dann für ihn eine Einladung und er zog mich aus.“
Bea schwieg und ihre Hände zitterten. Und auch ich wusste nicht, was ich sagen sollte.
Wieder gingen mir alle möglichen Gedanken durch den Kopf – den Typ anzeigen? Bea selbst will nicht zur Polizei, fällt also weg – eine Lektion erteilen? Ist ihr damit geholfen?
„Darf es noch was sein?“ Die Kellnerin unterbrach die Stille und ich bestellte noch zwei Cognac.
„Hej!“ Bea blickte mich an und versuchte ein wenig zu lächeln. „Tut mir leid, wenn dich das so belastet. Man sieht es dir an. Aber ich fühle mich jetzt ein wenig besser. Ich bin nicht mehr allein damit. Danke fürs Zuhören.“
Dabei stand sie auf, drückte mir ein Küsschen auf die Wange und ging.
„Darf ich trotzdem servieren?“ Die Kellnerin war sichtlich verdutzt.
„Ja, natürlich“, erwiderte ich, „ich möchte auch gleich bezahlen.“
Ich blieb aber noch sitzen.
Vielleicht war es so, dass es einem besser ging, wenn man mit einem Freund redete.
Der Tag war nicht mehr so schön. Obwohl die Sonne schien und die Leute draußen bester Laune waren. Die jungen Männer blickten immer noch auf die hübschen Mädchen, die manchmal zurücklächelten und dann weitergingen.
Ich blieb noch eine ganze Weile sitzen. In meinem Kopf waren nur zwei Gedanken: Wie kann ich Bea helfen? Und warum sollte dieser Max so einfach davonkommen?

Freitagabends, ich schlenderte ziellos durch Dresden. Plötzlich stand ich vor einer kleinen Kneipe. Aha. „Drei Tannen“. Merkwürdiger Name für eine Kneipe in der Altstadt. Egal. Ich ging hinein. Erst mal mussten sich meine Augen an die schlechte Beleuchtung gewöhnen. Dann sah ich eine gemütliche Lokalität. Die Tische und Stühle waren rustikal aus dunklem Holz. Über jedem Tisch hing eine Lampe, die nicht gerade zum Zeitung lesen einlud. Und trotzdem war der Laden gut gefüllt. Ich stand immer noch am Eingang und konnte keinen freien Tisch erkennen.
Warum musste es ein freier Tisch sein?
Also steuerte ich auf einen Tisch zu, an dem ein Mann saß. Ein zweites, leeres Bierglas stand ebenfalls da. Auf meine Frage, ob noch ein Platz frei sei, wurde mir ein freundliches „Ja, bitte“ erwidert. Dabei blickte mir mein Gegenüber in die Augen, als wäre es das Natürlichste der Welt. Dabei habe ich auch schon genau das Gegenteil erlebt. Vier Gäste sitzen an vier Tischen – bloß keinen Kontakt zu fremden Menschen.
Hier fühlte ich mich gleich willkommen. Die Wirtin kam mit einem Tablett voll Bier, oder, wie ich später erfuhr, mit einer ‘Trommel’ vorbei und bevor ich etwas sagen konnte, stand schon ein halber Liter Bier vor mir. Mein Gegenüber trank schnell aus und bekam ein neues Glas. Auch das andere Glas wurde durch ein volles ersetzt. Dann gab es noch jeweils einen Strich auf die Bierdeckel. Danach ging sie zum nächsten Tisch.
„Deinem Gesicht nach bist du zum ersten Mal hier. Ist halt so – wer kommt, kriegt Bier, austrinken und du kriegst ein neues. Wenn du nichts mehr willst, hebst du den Arm und rufst ‘Zahlen, bitte’. Und wenn du etwas essen möchtest, musst du schnell sein, während Erna serviert. Nach der Speisekarte brauchst du nicht zu fragen – es gibt nur Bockwurst mit Brot oder Bockwurst mit Brot.“
Ich konnte mir ein kurzes Lachen nicht verkneifen. Auch gefiel mir das lockere ‘Du’. Es kam mir vor, als wäre ich schon oft hier gewesen.
„Ich bin übrigens Joh.“ „Und ich bin Manne.“ Das zweite Bierglas war inzwischen auch wieder besetzt. „Hej Joh, hallo Manne, und ich bin Alex.“
Nach einigen Stunden und noch mehr Strichen auf den Bierdeckeln meinte Manne, dass es doch bestimmt auch irgendwo Musik gibt. Nach einigen Vorschlägen einigten wir uns auf den „Felsenkeller“. Also ab zur Straßenbahn.
Nach einer halben Stunde angekommen, mussten wir feststellen, ganz schön voll hier. Aber so sollte es auch sein. Während wir uns zur Bar durchkämpften, spielte eine Drei-Mann-Band Dixie. Das gab eine gemütliche Atmosphäre. Ich wollte gerade einen Gin Tonic bestellen, als sich von hinten eine Hand auf meine Schulter senkte. „Hallo Alex, hast du dich verlaufen?“
Ich drehte mich um und sah ein breites Grinsen, das zu Jürgen gehörte.
„Das ist ja ’ne Überraschung. Lange nicht gesehen und woher kennst du Joh und Manne?“
Die beiden waren auch überrascht. „Und woher kennst du Alex?“
Die Kennenlerngeschichten waren schnell erzählt. Die Welt ist eben ein Dorf.
Dann ging ich mit Jürgen in Richtung Band. Er wollte wissen, warum ich etwas bedrückt aussehe. Irgendetwas ist da, meinte er. Also habe ich ihm von Bea erzählt und das mich das doch ganz schön beschäftigt hat. Aber die Zeit heilt ja bekanntlich alle Wunden.
Leider wurde jetzt Jürgen nachdenklich und ich bereute schon, ihm etwas erzählt zu haben.
Zum Glück war da noch die Musik. Die gute Laune kam wieder und wir amüsierten uns noch bis halb drei. Wir besorgten uns noch jeder eine Zigarre für den Nachhauseweg und dampften zu Fuß durch Dresden. Kaum war die Letzte entsorgt, hielten wir Ausschau nach einem Taxi. Keine halbe Stunde später lag ich im Bett und war todmüde.

Am nächsten Morgen hatte ich einen üblen Geschmack im Mund und der Kopf tat mir auch weh.
Egal. Es war Wochenende und ich konnte mich ausruhen. Na ja – fast. Mein Plan sah vor, zuerst in aller Ruhe zu frühstücken und dann die Bude auf Vordermann zu bringen. Wenn man von montags bis freitags keine Zeit (Lust) hat, bleibt eben nur der Samstag übrig. Zwei Zimmer, Küche und Bad – das ist mein kleines Reich. Und meine Badewanne ist viel besser als nur eine Dusche. Ideal zum Entspannen bei Kerzenschein, leiser Musik und einem passenden Getränk.
Perfekt! Der Kaffee war fertig, übrigens ein richtiger Kaffee, nix mit „Latte“ oder anderem Schnickschnack. Die Brötchen ebenfalls aufgebacken, das Rührei bekam noch etwas Schnittlauch und dann … klingelte das Telefon.
9.00 Uhr. Wer ist das denn? Mitten in der Nacht!
„Jürgen hier. Wie geht’s dir?“
„Moin Jürgen, ging schon mal besser. Ich bearbeite gerade mein Frühstück. War wohl irgendwas nicht so bekömmlich gestern Abend. Und was sagt dein Schädel?“
„Oh, mir geht’s gut. Joh und Manne kommen nachmittags zu mir und wir wollen noch was unternehmen. Geh ich recht in der Annahme, dass du keine Lust hast?“
Das Grinsen bei dieser Frage konnte man auch ohne Bildtelefon sehen.
„Richtig erkannt“, erwiderte ich.
„Ach so, wie hieß der Typ, der mit Bea … du weißt schon?“
„Max. Und wenn ich richtig zugehört habe, hat sie gesagt ‘der Schöne’. Ich weiß aber nicht, ob er schön ist oder so heißt. Warum willst du das denn wissen?“ Das machte mich jetzt aber neugierig.
„Nur so. Ich will mir den Kerl mal angucken, vielleicht hat er auch schon eine Akte. Ganz ungeschoren soll der doch nicht davonkommen, oder?
Wenn ich nichts rauskriege, melde ich mich nochmal.“
Stimmt ja. Jürgen war mal Polizist bei der Kripo. Mit ein paar Ex-Kameraden versteht er sich bestimmt noch gut. Er musste damals den Dienst quittieren, als seine sexuelle Neigung bekannt wurde. Es konnte keiner seiner Kameraden verstehen, was das eine mit dem anderen zu tun hatte, aber da Jürgen selbst nicht dagegen anging, wurde er Pensionär. Das brachte Ruhe in die Dienststelle und man ging, wie man so sagt, im Guten auseinander.
„Dann jag ihm mal einen gewaltigen Schreck ein. Wie ich dich kenne, hast du noch deine Marke behalten. Aber ruf mich unbedingt danach an, okay?“
„Auf alle Fälle. Ich habe zwar noch keinen Plan, aber mir wird schon was einfallen. Ansonsten wird improvisiert. Bis dann. Und nimm am besten ein heißes Bad nach dem Frühstück, dann geht es dir wieder besser.“
„Mach ich. Bis dann.“
Jürgen hatte aufgelegt und das Rührei war kalt. Also nochmal in die Mikrowelle und das Frühstück war gerettet.

Freitags, eine Woche vorher bei Bea.
Beas Schwester Tina war mächtig sauer. Sie wollte mit Rosi und Sabine, zwei Mädchen aus der Nachbarschaft, mit denen sie fast die gesamte Freizeit verbrachte, an die Ostsee fahren. Sabines Eltern haben eine kleine Hütte in der Nähe Wismars. Das Problem ist nur, Tina ist erst vierzehn und die Freundinnen achtzehn und siebzehn. Und das passte Bea auf keinen Fall. Schließlich hat sie die Verantwortung für ihre kleine Schwester.
„Es gefällt mir überhaupt nicht, dass du da mitfährst.“
„So ein Quatsch! Wir sind zu dritt, was soll da passieren?“
„Zu dritt seid ihr nur, wenn ihr abends zur Disco geht und dann geht jeder für sich. Oder denkst du, deine Freundinnen wollen nicht ihren Spaß haben? Und wenn der richtige Typ kommt, ist Babysitten auch nicht mehr so wichtig.“
„Jetzt bleib aber mal locker. Wir sind schon oft abends weg und trotz Knutscherei auch wieder gemeinsam nach Hause. Warst du nie jung? Oder sprichst du aus Erfahrung?“
Oh je, war ich auch so schwierig? Sicher sind wir auch schon mit dreizehn zur Disco gegangen. Aber ich musste spätestens um 21.00 Uhr zu Hause sein. Und wenn ein Junge mich heimgebracht hatte, wollte Papa genau wissen, wer das war.
Bei dem Gedanken musste Bea lächeln.
„Hallo! Heißt das Lächeln, dass ich mitfahren darf?“
Tinas Stimme riss Bea aus ihren Gedanken. Sie schaute ihrer Schwester hoffnungsvoll mit schräg gehaltenem Kopf in die Augen. Dabei war sie schon auf dem Sprung, sie zu umarmen.
Doch Bea lächelte plötzlich nicht mehr.
„Nein! Und dabei bleibe ich!“
„So ein Mist!“ Tina drehte sich um und ging wütend auf ihr Zimmer.
Dann griff sie zum Telefon. Sie musste doch die Mädels informieren, damit sie nicht umsonst warteten.
Nach fast einer Stunde, Tina lag auf dem Bett und blickte immer noch frustriert zur Decke, klopfte es an der Tür.
„Ja?“
Bea trat ein.
„Falls du es dir anders überlegt hast, DANKE. Aber sie sind schon weg.“
„Nein.“ Jetzt war die Große etwas verlegen. Sonst war sie nie so lange sauer auf mich. War ihr dieser Ausflug denn so wichtig?
„Ich wollte dir nur Bescheid sagen, dass ich jetzt zum Bowling gehe. Du könntest ja mitkommen.“
„Oh, vielen Dank. Aber bei euch wäre ich auch nur das 7. Rad am Wagen. Drei Frauen und drei Männer, großartig. Und was ist nach dem Bowling? Darf ich dann auch mitspielen?“
Bea riss die Augen auf. Bloß nicht! Im Geheimen hoffte Bea, dass die Kleine nicht mitkam. Aber, man kann ja mal fragen.
„Dann also bis später.“
Tina hörte die Haustür ins Schloss fallen.
Dann fiel ihr Blick auf den bereits gepackten Rucksack.
Plötzlich huschte ein Lächeln über ihr Gesicht. Dann eben doch Wismar. Nur, wie komme ich da hin? Entweder mit der Bahn oder ich trampe. Abenteuer natürlich, Bahn ist viel zu teuer. Sie stand auf, griff sich den Rucksack und eine dünne Jacke und stand auf einmal vor der Tür. Sie wollte abschließen.
„Mist! Mein Schlüssel liegt noch drin.“
Was jetzt? Rein komme ich nicht mehr. Und auf Bea warten? Wer weiß, wann die wieder kommt. Also los! Einer wird mich schon mitnehmen.

Freitagabends gegen 21.00 Uhr.
Es waren noch mindestens 25 °C.
Max fuhr auf der Landstraße Richtung Norden. Er wollte an die Ostsee, einfach nur etwas abschalten und entspannen. Vor einem halben Jahr die Scheidung, dann der Umzug nach Dresden. Jetzt endlich hat er seine erste Immobilie in dieser neuen Umgebung an den Mann bringen können. Kunden sind schnell gefunden, aber das passende Objekt an den Mann zu bringen war schwieriger, als er sich vorgestellt hatte. Jetzt ging es bergauf und deshalb hat er sich einen Kurzurlaub verdient.
Autobahn – nee. Das ist zu schnell und riecht schon wieder nach Termin. Lieber durch Dörfer und Alleen. Vielleicht fahre ich an einem gemütlichen Dorfgasthof vorbei. Das ist doch besser, als an einer Autobahnraststätte anzuhalten.
Hallo – was ist das denn? Nein, nicht das Ortsausgangsschild. Da stand ein junges Mädchen am Straßenrand und schaute hoffnungsvoll auf das nahende Auto. Und als sie die Hand hob, hielt ich auch schon an. Ein paar Meter musste sie aber noch laufen, konnte ja nicht gleich eine Vollbremsung machen. Die Zeit nutzte ich, um die Scheibe vom Beifahrersitz runterzulassen.
Doch bevor ich etwas fragen konnte, ging die Beifahrertür auf und ein Gepäckstück flog mit Schwung an meinem rechten Ohr vorbei. Eine Hand streckte sich mir entgegen und ein strahlendes Gesicht sagte: „Hallo, ich bin Tina. Ich habe wohl Glück gehabt. Hier ist nicht viel los. Fährst du zufällig bis Wismar?“
Ich war verdutzt. War es ihr Lächeln, die Unbefangenheit eines jungen Mädchens oder der Minirock, der kaum etwas von den Beinen bedeckte?
„Ich fahr an die Ostsee. Wohin? Keine Ahnung. Warum nicht nach Wismar.
Aber hat dir deine Mama nicht gesagt, dass du nicht einfach so …“
Weiter kam ich nicht.
„Erstens hat Mama gesagt und zweitens bin ich fast achtzehn.“ Kurze Pause. „Und? Fährst du nun nach Wismar?“ Der Typ scheint nett zu sein. Hoffentlich merkt er nicht, dass ich bei meinem Alter etwas geflunkert habe.

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