Cover: Hamburg – Mord eins

Hamburg – Mord eins


EUR 22,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 370
ISBN: 978-3-7116-1444-5
Erscheinungsdatum: 14.07.2026
Rheinische Direktheit trifft Hamburger Scharfsinn – und gemeinsam stoßen sie auf menschliche Abgründe und brüchige Fassaden. Ein Krimi zwischen Großstadtflair, feinem Humor und der Frage, wie gut wir die Menschen wirklich kennen.
GONG!!!

GONG!!!

Verdammt, er wohnte doch nicht in einem von diesen Halleluja-Schuppen!

GONG!!!

Er vergrub seinen Kopf im Kissen. Hoffte, es würde einfach aufhören. Er hatte gestern definitiv zu viel getrunken.

GONG!!!

Konnte das Leben nicht einfach aufhören, ihn zu quälen? Das einsetzende Gitarrenriff brachte ihn in die Realität zurück. Hells Bells. Der Klingelton seines Handys. Wer zum Henker ruft denn – er öffnete vorsichtig ein Auge – zu nachtschlafender Zeit an? Seine Hand tastete nach dem Handy. „Ja?“ Seine Stimme war nicht mehr als ein verschlafenes Grunzen. „Moin“, tönte es fröhlich zurück. „Ich weiß, du fängst erst am Montag offiziell bei uns an, aber wir haben einen vermutlichen Leichenfund in der City Nord. Deine Kollegin ist schon auf dem Weg und ich dachte, dass du vielleicht gleich mit dabei sein willst.“ Stille. Verflixt, warum arbeitete sein Hirn so langsam und was störte ihn so am Anruf seines Kollegen?
„Vermutlicher Leichenfund? Haben wir jetzt einen Leichenfund oder nicht?“ Allmählich kam er in Gang und richtete sich auf, so gut es ging. Es ging nicht sehr gut.
Das Grinsen des Kollegen am anderen Ende der Leitung konnte er förmlich hören. „Das gilt es eben herauszufinden. Wie gesagt, deine Kollegin ist unterwegs, die Adresse ist Jahnring 22 am Stadtpark. Und beeil dich besser, Tina fährt rallyereif.“ Es knackte in der Leitung und sein Gesprächspartner hatte aufgelegt.
Moment mal. Die Stimme hatte nicht nach Rainer, seinem Kollegen, geklungen. Wer hatte denn …? Er starrte auf sein Handy. Die angezeigte Rufnummer kannte er nicht. Wollte ihn da einer auf den Arm nehmen? Aber wer? Er war sich sicher, geduzt worden zu sein, aber diese Stimme … er konnte sich beim besten Willen nicht erinnern, zu wem sie gehörte. Und dann der vermutliche Leichenfund! Hatte er alles nur geträumt? Und wer zum Henker war Tina? Sein Kopf brummte, als hätte ihm jemand die Gehirnwindungen neu verlegt. Am besten, er begann mit einer Bestandsaufnahme: Er hatte einen gewaltigen Kater und war frühmorgens aus dem Schlaf gerissen worden. Warum hatte er noch gleich so viel gekippt? Ach, ja: Er war wieder Single. Seit gestern. Er saß in einer ihm noch fremden Wohnung, in der sich die Umzugskartons stapelten. Ihretwegen hatte er seinen Job in Düsseldorf gekündigt, um sein Leben mit ihr in Hamburg zu verbringen. Und jetzt hatte vermutlich ein neuer Kollege angerufen, weil er mit einer Kollegin, die er noch nie gesehen hatte, herausfinden sollte, ob es eine Leiche gab oder nicht. Autsch! Für solche komplexen Gedanken war er noch nicht fit genug. Er begann mit dem Grundlegenden: hob einen Arm, schnupperte und verzog das Gesicht. Puma-Aroma, also erst mal duschen!
Unter dem kalten Wasser wurde sein Kopf klarer. Sein Leben war gerade beschissen genug, da wollte er den Start in den neuen Job nicht gleich vermasseln. Er beeilte sich, warf zwei Ibuprofen ein, verteilte gekonnt Gel in den Haaren, ein Griff zum Hemd, Lederjacke drüber und ein Blick in den Spiegel – passt! Pfefferminz nicht vergessen …
Er zuckte zusammen, als die Wohnungstür hinter ihm ins Schloss knallte. Höchste Zeit, dass die Tabletten wirken, dachte er und hoffte, dass er nun bei seinen Nachbarn nicht in Ungnade gefallen war. Mit Wehmut erinnerte er sich an seine schicke Maisonettewohnung in Düsseldorf. Dort hatten die Türen nie geknallt, egal, wie er sie zugeworfen hatte. Aber Jeanette hatte auf der Wohnung in einem Hamburger Altbau bestanden. Wegen der Kassettentüren. Aahhhrggg! Der Gedanke an diese Frau bereitete ihm immer noch fast körperliche Schmerzen.
Konzentrier dich auf die Arbeit, befahl er sich. Er sah auf seine Uhr, während er zum Auto stiefelte. 5 Uhr 10 an einem Samstagmorgen. Warum mussten Leichen immer zu so unmöglichen Zeiten gefunden werden? Wenn es denn überhaupt eine gab. Kurz überlegte er, wieder zurück ins Bett zu gehen. Dann stieg er doch in sein Auto, schloss sein Handy an, aktivierte die Navigation und tippte die Zieladresse ein. Gut, dass er so ein phänomenales Gedächtnis hatte! „Ankunftszeit 5 Uhr 33“, sagte ihm der Routenplaner.
„5 Uhr 25“, widersprach er laut, „weil ich fahre. Mal sehen, ob Frau Kollegin das toppen kann.“ Und grinste.
Seinen Golf hatte er nach allen Regeln der Kunst und des TÜVs tunen lassen. Das Ergebnis konnte sich seiner Meinung nach durchaus sehen lassen. An der nächsten Ecke stellte er das Blaulicht aufs Wagendach und gab Gas.
Von Weitem sah er schon die Dienstfahrzeuge der Hamburger Polizei. Ein vertrauter Anblick, da er sich nicht von den Düsseldorfern unterschied. Er sah sich um, als er sich näherte, konnte aber unter den Fahrzeugen kein weiteres Zivilfahrzeug ausmachen. Er parkte und lief zu dem abgesperrten Areal hinüber. Eine kleine, blonde Streifenpolizistin kam auf ihn zu und er war froh, dass die Hamburger Personalabteilung ihm seinen neuen Dienstausweis schon per Einschreiben zugestellt hatte. Er zog ihn aus der Tasche und zeigte ihn vor. „Railer“, stellte er sich vor. Als die Polizistin die Stirn runzelte, ergänzte er: „Mord eins, der neue Kollege aus Düsseldorf.“ Sie trat einen Schritt zurück und musterte ihn kritisch. Dann wies sie mit dem Kinn zu einer Gruppe Menschen, die auf einen zwei Meter entfernt liegenden Müllsack schauten. „Nicht schön“, sagte sie knapp und kehrte zu ihrem Platz an der Absperrung zurück. Railer holte tief Luft, tauchte unter dem Flatterband durch und ging auf die Gruppe zu. Zwei Leute von der Spusi standen dort in ihren weißen Anzügen und unterhielten sich mit einem weiteren Streifenpolizisten und zwei Männern in orangen Anzügen und Helmen, an denen Lampen angebracht waren. Etwas abseits stand ein sehr schlanker, blonder Mann, der trotz der reichlich kühlen Temperaturen nur einen dunkelblauen Troyer, schwarze Jeans und Turnschuhe trug. Er sprach lebhaft mit einem leicht angegrauten Herrn, der ihm offenbar etwas zeigte.
Entschlossen trat er auf die Gruppe zu. „Guten Morgen! Ich bin Railer, der Neue aus Mord eins. Da die Kollegin noch nicht da zu sein scheint, möchte ich jemanden von Ihnen bitten, mich kurz über die Sachlage zu informieren. Haben wir hier jetzt eine Leiche oder nicht?“
Die Herren von der Spusi sahen ihn mit großen Augen und leicht belustigt an, als der blonde Mann sich zu ihm umdrehte. Das Licht der Straßenlaterne fiel auf ein scharf geschnittenes Gesicht mit einem sinnlichen Mund, einer geraden, schmalen Nase und zwei Augen, die so groß, tief, schön und gefährlich waren wie der Ozean.
Das kurze, blonde Haar wurde vom Wind durcheinandergewuschelt, als sie auf ihn zukam und ihm die Hand hinstreckte. „Tina Medebach, hallo.“ Sie sah ihm direkt in die Augen. Mist! So hatte er sich ganz gewiss nicht einführen wollen. Und jetzt wurde er unter ihrem distanzierten Blick auch noch rot. Er hoffte sehr, dass es noch dunkel genug war und es niemandem auffiel.
Warum konnten Frauen nicht einfach immer so herumlaufen, dass sie als solche erkennbar waren? Jeanette war immer eindeutig weiblich gewesen: klein, zart, elfengleich zerbrechlich mit langen Haaren und … Jeanette! Sie war perfekt gewesen. So süß! Eine Musicaldarstellerin, deretwegen er sich nach Hamburg hatte versetzen lassen und die ihn wegen eines Tänzers hatte sitzen lassen, kaum dass er mit ihr hierhergezogen war. Erneut überrannte ihn der Schmerz.
„Alles in Ordnung?“ Die dunkle, klangvolle Stimme von Tina Medebach holte ihn in den kalten, grauen Morgen zurück. Forschend sah sie ihm in die Augen, und einen Moment lang hatte er den Eindruck, als könne sie jeden seiner Gedanken lesen. Er fühlte sich bloßgestellt und zu seinem Schmerz gesellte sich jetzt Wut. Was fiel den neuen Kollegen ein? Erst wurde er zu einem „vermutlichen“ Leichenfundort bestellt, bevor er überhaupt offiziell im Dienst war, dann wurde er geduzt, einfach so, und jetzt fühlte er sich auch noch ausspioniert. Und mehr noch: Er ärgerte sich über sich selbst und sein eigenes blödes Verhalten. Tinas Gesicht, das ihn eben noch ausspioniert hatte, lächelte jetzt. Und anstatt sie nicht zu mögen und einfach von ihr weg zu wollen, fühlte er sich auf merkwürdige Weise zu ihr hingezogen. So, als wäre sie der rettende Anker für seine ganze Misere. Dazu strahlte sie eine unglaubliche Heiterkeit aus, die fast schon ansteckend war.
Himmel, das war einfach nicht sein Tag! Er hasste Gefühlschaos, und das hier war schon eher ein Tsunami. Mühsam beherrscht fragte er in barschem Ton: „Also, was ist jetzt? Leiche ja oder nein?“ – „Schau erst mal da drüben, dann kannst du mit uns miträtseln“, lächelte Tina noch immer.
Sie ließ ihn stehen und ging wieder zu dem älteren Herrn zurück, mit dem sie sich eben noch unterhalten hatte.
Was war denn das jetzt schon wieder? Miträtseln? Railer hatte die Nase gestrichen voll. Auch sie duzte ihn ungefragt und hielt ihn für … ja, was eigentlich? Er schnaubte innerlich und stapfte wütend zu dem Müllsack hinüber. Im Gehen streifte er seine Handschuhe über, Düsseldorfer Handschuhe. Irgendwie beruhigte ihn diese Tatsache.
Der Müllsack schien bis zur Hälfte gefüllt zu sein und war oben mit einer Klemme verschlossen. Railer sah kurz zu den Spusis hinüber, von denen ihm einer zunickte. Also waren die Spuren an der Klemme schon gesichert. Wenigstens die Spusileute agierten wie in Düsseldorf.
Mit mehr Energie als nötig entfernte er die Klemme und hörte zu spät den warnenden Ruf „Vorsicht, langsam!“, als ihn auch schon eine Geruchswelle traf, die dem Müllsack beim Öffnen entströmte. Augenblicklich hatte er schwarze, tanzende Punkte vor den Augen und sein Magen zog sich zusammen. Er schmeckte Galle, und das Bild von blutigem Brei mit Knochenstückchen, Haut und Organfetzen brannte sich in seine Netzhaut. Das Schlimmste aber war dieser bestialische Gestank. In seiner Polizeilaufbahn hatte er schon viel Widerliches riechen müssen: Er war in Messi-Wohnungen gewesen, hatte Räume betreten, in denen Leichen in diversen Stadien des Verfalls gelegen hatten, Chemieküchen und vieles mehr.
All das hatte er gut verpackt. Im Augenblick allerdings nahm er die Welt wie durch einen riesigen Wattebausch wahr. Er spürte, wie ihm jemand die Klemme aus den Fingern zog und den Sack wieder verschloss. „Lass jut sein, min Jung.“ Der graumelierte Herr nahm ihn am Arm und führte ihn weg. „Und? Haben wir eine Leiche?“, hörte Railer ihn fragen. „Ich weiß es nicht“, gestand er, während er tief ein- und ausatmete, um die Übelkeit zu vertreiben.
„Wir gehen davon aus, dass es sich um eine Leiche handelt“, verkündete Tina. „Wir haben in dem Sack einen Finger entdeckt, an dem dieser Ehering steckte.“ Sie hielt ihm ein Tütchen hin. Railer nahm es entgegen und sein Blick fiel auf einen breiten, gravierten Goldreif. Er drehte die Gravur in Richtung des Lichtkegels der Laterne und las: Erika, 5. Mai 1995. „Dann ist unser Opfer also männlich, mindestens 1977 geboren und mit einer Erika verheiratet“, folgerte er halblaut. „Oder weiblich“, meinte Tina. „Hä? 1995 gab es noch keine Homoehen!“ Jetzt wurde sein Ärger hörbar. Tinas ironischer Kommentar „Du kennst dich aber gut aus!“ brachte ihn endgültig zum Platzen. „Ja, allerdings! Das gehört nämlich zum Job. Und überhaupt, seit wann duzen wir uns eigentlich? Haben wir vielleicht zusammen im Sandkasten gespielt?“ Er funkelte sie an.
„Nein, daran würde ich mich erinnern.“ Sie lächelte immer noch. „Entschuldige, dass wir dich so überfallen haben. Ich kann mir vorstellen, dass so ein überstürzter Einstieg nicht das Angenehmste ist. Da wir in einem gemeinsamen Büro sitzen werden, habe ich gedacht, dass wir uns duzen könnten. Wenn dir das nicht passt, können wir aber auch …“ – „Schon gut, schon gut!“, winkte Railer entnervt ab. Ein kurzes Schweigen entstand, dann hörte er Tina versöhnlich sagen: „Du siehst aus, als könntest du einen Kaffee gebrauchen. Lass uns ins Büro fahren, hier ist für uns eh nichts mehr zu tun.“ Sie wandte sich zum Gehen. „Ich bin mit meinem Wagen da“, warf Railer ihr hinterher. Tina drehte sich noch mal um. „Findest du den Weg oder willst du dich dranhängen?“ Schon wollte er wieder aufbrausen, als er in ihr Gesicht blickte: keine Spur von Arroganz oder Besserwisserei. „Nee, ich komm schon hin.“ Aus dem Augenwinkel sah er ihr nach, wie sie um einen Streifenwagen herumging. Kurz darauf erklang das tiefe Schnurren eines Motors und er sah einen knallroten Alfa Roadster hinter dem Streifenwagen hervorkommen. Railer fiel beinahe die Kinnlade herunter. „Toller Wagen, was?“ Einer von den Spusis stupste ihn grinsend in die Rippen.
„Wie kann sie sich diesen Schlitten leisten?“, fragte Railer perplex. Verdienten Kommissare in Hamburg so viel mehr als in Düsseldorf? Er bemerkte nicht, wie das Gesicht des Spusi-Mitarbeiters versteinerte, während er sich achselzuckend von ihm abwandte. „Geerbt oder so“, nuschelte er. Railer ging zu seinem eigenen Fahrzeug, das ihm jetzt fast schäbig vorkam, und fuhr die wenigen Meter bis zum BKA.

Tina Medebach lenkte ihren Alfa vorsichtig aus der Lücke zwischen dem großen Einsatzwagen der Spusis und einem Streifenfahrzeug heraus und fuhr in Richtung BKA davon. Ihr Hund freute sich, dass sie wieder da war, und legte vertrauensvoll seinen Kopf auf ihren Oberschenkel. An der nächsten roten Ampel kraulte sie ihm liebevoll das Ohr. „Ich habe einen neuen Kollegen, weißt du?“, teilte sie dem Hund mit. „Er kommt aus der Schicki-Stadt Düsseldorf, und so sieht er auch aus. Konntest du sein buntes Hemd sehen? Das würde hier kein Mensch kaufen. Und dann noch dieses Pfefferminz-Aftershave zusammen mit seiner Alkoholfahne! Gruselig! Ich hoffe nur, er hat meine Reaktion darauf nicht mitbekommen. Und vor allem hoffe ich, dass er nicht regelmäßig trinkt. Einen Alki kann ich echt überhaupt nicht gebrauchen.“
Tina war erst selbst wieder seit Kurzem im Dienst, nachdem sie sich krankheitsbedingt eine längere Auszeit hatte nehmen müssen. Sie fühlte sich immer noch unsicher in ihrem Job, weil sie so lange raus gewesen war. Heute Morgen war sie heilfroh gewesen, dass Hauptkommissar Jansen a. D. immer noch – wenn auch nicht ganz legal – den Polizeifunk mithörte. Bei ihm hatte sie gelernt und er war ihr Ausbilder „on the Job“ gewesen, daher fühlte sich der alte Kommissar, auch wegen der turbulenten Vergangenheit, immer noch für sie verantwortlich. Und so hatte er sich zu der frühen Morgenstunde trotz seiner Arthrose aus dem Bett gequält, um bei ihr am Fundort der Mülltüte mit dem gruseligen Inhalt zu sein. Wenn er in der Nähe war, war für Tina die Welt in Ordnung.
Weil Hauptkommissar Jansen a. D. bei der Mordkommission die höchsten Aufklärungsraten erreicht hatte, genoss er im Kollegium noch immer hohes Ansehen und jeder wusste, dass er eine enge Beziehung zu Tina Medebach hatte. Früher wurden die beiden „das Dreamteam“ genannt. Das waren noch Zeiten gewesen … Tina seufzte. Hoffentlich merkte der Neue nicht, dass mit ihr nicht alles in Ordnung war! Die schrägen Blicke des Teams hatte Tina Medebach sowas von satt.
Sie freute sich, als Erste im Büro zu sein und erst mal durchatmen zu können. Ihr Hund schien das ähnlich zu sehen, legte sich auf sein Kissen unter dem Schreibtisch und schloss die Augen. Tina ging derweil in die Kaffeeküche und holte für sich einen Tee, schwarz und stark, und einen Kaffee für den neuen Kollegen. So, wie sie ihn einschätzte, wäre er von Tee nicht begeistert.

Railer lief die Treppe hoch und erreichte den Flur, den er noch von seinem Bewerbungsgespräch kannte. Links die Kaffeeküche, rechts die Toiletten. Direkt neben der Küche das Büro seines neuen Chefs, Chris Bäumer. Daneben der Konferenzraum. Sein Büro war hinten rechts. Wie hatte es der Chef noch mal genannt? Das Comic-Büro? Er hatte es bei seiner Bewerbung nicht weiter hinterfragt und hoffte jetzt inständig, dass dort kein Goofy-Aufsteller, ein Disney-Prinzessinnen-Mobile oder Ähnliches vorhanden war. Außerdem wusste er, dass er mit Kollegin Medebach, also Tina, dort sitzen würde. Bei der hatte er sich ja heute Morgen denkbar dämlich vorgestellt. Hoffentlich war sie nicht nachtragend … Wenn das hier so weiterging, war so ziemlich alles, was mit Hamburg zusammenhing, ein wahres Fiasko. Vielleicht sollte er seinen alten Chef anrufen und darum bitten, zurückkommen zu dürfen?
Er seufzte, während er den Flur entlangschritt. Die Tür zu seinem Büro stand offen, und er trat ein. Es war hell mit zwei Fensterfronten. Erleichtert stellte er fest, dass keine Bilder von Pluto, Donald Duck oder Micky Maus an den Wänden hingen. Es standen sich zwei Schreibtische gegenüber, in jeder Ecke standen Flipcharts. Ein großes Aktensideboard und zwei Regale waren auch vorhanden. An der kurzen Seite hinter Tinas Schreibtisch hing ein weiteres großes Whiteboard. Der andere Schreibtisch war leer bis auf eine Tasse dampfenden Kaffees. „Auf dem Sideboard findest du Milch und Zucker, falls du brauchst“, vernahm er Tinas Stimme. Sie stand hinter ihrem Schreibtisch und wies Richtung Sideboard. „Danke!“ Er bediente sich. Kaffee musste seiner Meinung nach süß und blond sein.
„Dein Laptop kommt wohl erst Montag“, informierte Tina ihn jetzt. „Es tut mir leid, dass wir dir im Moment nichts außer Kaffee anbieten können.“ Railer winkte ab. „Es ist ja meine Schuld, dass ich schon da bin. Ich hätte ja auch ausschlafen können.“ Er zuckte mit den Schultern, nahm seinen Kaffee und setzte sich an seinen Schreibtisch. Sofort begann er, seinen Stuhl einzustellen. „Wer hat denn hier vorher gesessen?“, fragte er verwundert. Es musste auf jeden Fall jemand mit einer außergewöhnlichen Anatomie gewesen sein. „Ich weiß es nicht“, meinte Tina, nahm ein paar Stifte aus der Schublade und ging herüber zum Whiteboard. Er beobachtete sie. Ihre Bewegungen waren geschmeidig, fast schon anmutig, wobei er fand, dass das letzte Attribut nicht zu derartig großen Frauen passte. Allerdings war es ihm ein Rätsel, wie er sie jemals für einen Mann hatte halten können. Sie war zweifellos muskulös und sehr schlank, aber alles an ihr strahlte eine anziehende Weiblichkeit aus. Bis auf die Augen. Ihr Blick war mal mitfühlend, mal analysierend, mal warmherzig und dann, wenn er sich zu ihr hingezogen fühlte, wechselte er blitzartig in eiskalt, abweisend und gefährlich. Einer Raubkatze im Angriffsmodus nicht unähnlich und mit der eindeutigen Botschaft „Komm mir bloß nicht zu nah!“ Sie flößte ihm Respekt ein, und das kam in dieser Form eher selten vor. Wenn er ehrlich zu sich selbst war, nie.

Frauen waren für ihn etwas Wunderbares. Je kleiner und zarter, umso mehr entsprachen sie seinem Beuteschema. Er war gerne der Beschützer und die große, starke Schulter, an die sich seine Freundin anlehnen konnte. Er respektierte Frauen, arbeitete gerne mit ihnen zusammen und hatte auch nichts dagegen, eine Chefin zu haben. Im Gegenteil: In Düsseldorf war seine Zeit in der Truppe von Dorothea Geisberg die schönste gewesen.
Aber er hatte ein riesiges Problem damit, wenn er beim Nahkampftraining gegen eine Kollegin antreten sollte. Ja, natürlich, sie mussten lernen, sich gegen Männer durchzusetzen, und ihm war auch klar, dass er ihnen nicht dabei half, wenn er sich zu sehr zurückhielt. Aber irgendetwas in seinem archaischen Stammhirn sagte ihm, dass er Frauen zu schützen habe und nicht gegen sie kämpfen sollte. Und er als trainierter Mann sah in ihnen nicht wirklich eine Gegnerin. Mal abgesehen von seinen Hemmungen, ihnen zu zeigen, wie sehr er ihnen körperlich überlegen war. Wenn er aber Tina ansah, beschlich ihn das Gefühl, dass sie für ihn auf der Matte eine gewaltige Herausforderung sein würde. Selbst wenn er alle Hemmungen beiseiteschieben konnte. Und diese Erkenntnis ließ ihm eine Gänsehaut über den Rücken kriechen.

Während er so seinen Gedanken nachhing, war Tina ans Whiteboard getreten und begann, mit wenigen Strichen darauf zu zeichnen. Ein Müllsack entstand in einer Art Tunnel, zwei Strichmännchen mit Helm und Lampe ergänzten das Bild. Nun kamen einige Symbole dazu, die er nicht verstand. Ein weiterer Sack entstand. „Was treibst du da?“, fragte er Tina, denn er hatte beschlossen, sie ebenfalls zu duzen. „Ich versuche, mir den Fundort visuell zu erhalten mit den Emotionen und Gefühlen, die ich an den Orten empfunden habe. Es hilft mir, wenn ich mir Zeichnungen, also Sketch Notes, zu den einzelnen Gegebenheiten mache. Du kannst ruhig sagen, dass du das albern findest, die anderen Kollegen tun es jedenfalls.“ – „Warum sollte ich es albern finden?“ – „Du guckst so.“ Wieder dieser analysierende Blick, der in ihm das Gefühl auslöste, sie könne direkt in seine Gedankenwelt schauen.
„Nee“, antwortete er, „ich habe halt nur keine Ahnung, was Sketch Notes sind und wie sie bei der Arbeit helfen sollen, wo es doch Fotos gibt. Ist das jetzt ein new way of working?“ Tina lachte. Es war ein ansteckendes Lachen, sprudelnd wie eine Quelle und vergnügt. Auch Railers Gesicht verzog sich jetzt leicht und seine Mundwinkel zeigten nach oben. „Schön, dass du auch mal lächelst!“, konstatierte Tina, „ich dachte schon, wir hätten dich direkt am ersten Tag vergrault. Und nein: kein new way of working, ich bin die Einzige, die das so verwendet. Die Kollegen“, mit dem Arm wies sie in die Runde der anderen Büros, „halten das für eine Mädchenmarotte.“ Sie hob einen Mundwinkel zu einem schiefen Lächeln, das ihm heute Morgen schon aufgefallen war. „Allerdings weiß ich auch, dass jeder von ihnen sich heimlich hier hereinschleicht und Fotos davon macht, wenn die Ermittlungen nicht weiterkommen.“ Tina ging zu ihrem Schreibtisch und zog einen Block und eine Handvoll Stifte heraus. „Hier sind ein paar Sachen für dich, damit dein Schreibtisch nicht so leer aussieht. Vielleicht möchtest du dir auch ein paar Notizen machen? Um 9:00 Uhr ist Lagebesprechung im Konferenzraum.“ Sie legte die Utensilien auf seinen Schreibtisch. „Danke“, nickte er und zog den Block zu sich heran. Dann nahm er die Kaffeetasse in beide Hände und hielt sie sich vor das Gesicht. Tief einatmen! Der Gestank aus dem Müllsack hatte sich so sehr in seine Nasenschleimhaut gebrannt, dass er meinte, es trotz des intensiven Kaffeearomas immer noch riechen zu können.
...
5 Sterne
Gute Krimiunterhaltung mit einem feinen Humor - 15.07.2026
Dane

Hamburg Mord eins ist ein sehr gelungener Debut-Krimi.Die Charaktere sind sympathisch gezeichnet und das Gleichgewicht zwischen Krimihandlung und persönlichen Profilen der Protagonisten ist absolut gelungen.Spannend, kurzweilig und humorvoll... Ein sehr gelungener Mix, perfekte Urlaubslektüre!Freue mich schon auf die Fortsetzung!

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