Flieh, wenn du kannst
Tagebuch eines Alpträumers
EUR 24,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 108
ISBN: 978-3-99185-306-0
Erscheinungsdatum: 15.10.2026
Vom Anfang bis zum offenen Ende. Oder doch mittendrin? Tauchen Sie ein in fremde Alpträume und erleben Sie deren Schrecken. Wenn Sie sich jemals Fragen dazu gestellt haben, dann zeigt dieses Buch warum einige doch lieber unbeantwortet bleiben sollten.
Ein herzliches Willkommen
In der Dämmerung trat ich aus dem Wald, unmittelbar am Haus eines Dorfes vorbei an den Rand eines leicht ovalen sandigen Platzes, der stellenweise mit etlichen Flecken übersät war. Eingegrenzt durch dieselben einstöckigen Häuser aus Sandstein mit einer Kuppel auf dem Flachdach. Dazwischen standen vereinzelte Bäume, bunt gewebte Decken hingen aus den Fenstern und an Wäscheleinen. Nur linker Hand ergab sich ein Weg ins Dorfinnere über den fleckigen Platz. Schritt für Schritt wich das Gras dem Sand, die orangene Sonne warf lange Schatten von einem hohen Gebäude mit Turm aus dem Zentrum. Diese Siedlung sah bewohnt aus, wirkte dennoch wie gerade erst verlassen. Während der Wind sanft durch die Baumwipfel rauschte, erkannte ich, dass die Flecken auf dem Platz getrocknetes Blut sein mussten. Die frischeren Stellen verrieten sich durch ihren eisenähnlichen Geruch, die älteren durch die dunkelrote, fast schwarze Farbe. Links von mir stand ein einfacher Esstisch für sechs Leute, zusammengebaut aus alten, grauen, verbogenen Brettern. Weitere Stellen zeichneten sich tief in den Fasern ab, darauf lag ein eigenartiger Gegenstand. Er sah aus wie ein runder Pizzaschneider, nur mit einem Sägeblatt als Klinge, im Durchmesser vielleicht handlang, noch scharf, aber komplett verrostet. Der Griff war ungewöhnlich dick und mit drei Muttern festgezogen. Behutsam hob ich ihn auf, aber zusammen mit den Kabeln, die den Griff mit dem Mittelpunkt der Klinge verbanden, lag er schlecht in der Hand, abgesehen davon, dass etwas im Innenleben klapperte. Schreiend erwachte die Apparatur, das Sägeblatt schnitt pfeifend durch die Luft und ließ den Griff erbeben. Eine unhaltbare Kraft brach aus diesem Ding hervor. Ich versuchte es zu kontrollieren, doch die Maschine lief gerade erst warm. Zimperlich wollte ich es auf den Tisch legen, ohne, dass es mir die Hand zerfetzte. Nach einigen kurzen Anläufen klappte es und für den Moment lag es auf dem Tisch. Das Gerät zitterte, sprang über die Bretter und runter vom Tisch auf den Boden, federte wieder hoch und fräste sich über meinem Stiefel ins Schienbein. Erstickend schrie ich kurz auf und wich humpelnd unter Schmerzen zurück, bis der Sand die Stromkreise lahmlegte. Die Klinge hatte mir die Hose zerfetzt und den Knochen angesägt. Warmes Blut lief mir das Bein herunter, füllte den Stiefel und durchnässte die Socke. Plötzlich ergriff mich eine schwielige Hand an der Schulter und zog mich mittig auf den Platz, bis mir eine andere einen heftigen Schlag ins Gesicht verpasste. Ich schwankte rückwärts bis ans andere Ende des Platzes, während ich verzweifelt versuchte, den wuchtigen Pranken des Schlägers auszuweichen. Kurz darauf stürzte ich, wurde aber vor dem Aufprall von zwei Dorfbewohnern aufgefangen, die mir einen zerschlagenen Rundschild und ein altes Schwert in die Hand drückten, mich wieder aufrichteten und wieder in die Arena warfen. Ich stolperte meinem Gegner entgegen, der mir seinen Schild exakt auf die Oberlippe schlug. Mit Mühe fand ich schnell einen sicheren Stand, nahm den Schild vor die Brust und setzte die untere Kante auf mein Knie. Ellenbogen und Hände bildeten dahinter eine gerade stützende Linie. Der oberkörperfreie, muskulöse Mann war mindestens zwei Köpfe größer als ich und dreimal so breit und mittlerweile ebenfalls ausgerüstet. Seine Waffe konnte ich nicht sehen, da ich den Rand meines Schildes so hoch in meinem Gesicht hielt, dass ich nur den Anfang seiner geballten Faust sah. Lässig mit gesenkter Deckung ging er vor mir von Seite zu Seite, begutachtete mich, sah mich verachtend an, während mir hinter meiner Deckung das Blut aus der geplatzten Lippe in den Mund und über das Kinn lief. Ich hielt seinem Blick stand, wahrscheinlich tat er so, als würde er meine Schwächen suchen, wobei er eher den Anschein erweckte, mich einfach niedertrampeln zu wollen. Mein rechtes Bein zitterte von der Verletzung, ich spürte, wie mein Blut anfing zu gerinnen. Die Hose haftete am Bein, der Stiefel schmatzte bei jeder Bewegung. Meine Lippe schwoll dick an und pulsierte rhythmisch. Rostiger Blutgeschmack breitete sich in meinem Mund aus und meine Brust bebte vor Spannung. Inzwischen hatten sich einige Dorfbewohner an den Rand der Arena gedrängt, betrachteten schweigend betroffen die Szene und hielten den Atem an. Das Rauschen war vergangen, etwas Dumpfes trübte mein Gehör. Der Mann stampfte auf mich zu, ließ dabei den Boden beben. Ich wusste nicht, was sich in diesem Dorf ereignet hatte, aber mit bloßer Kraft würde ich diesen Kampf nicht gewinnen.
Prioritäten
Unsere Schuhe gaben ungewöhnliche Geräusche von sich, als wir über den metallenen Boden zum Aufzug gingen. Die Wände waren voll mit blinkenden Armaturen, deren gläserne Abdeckungen unberührt zu sein schienen. Im Gang konnten drei Menschen nebeneinander gehen, zum Glück waren wir nur zu zweit, sonst wäre meine Partnerin wahrscheinlich unruhig geworden. Als sich die Türen des Fahrstuhls öffneten, konnten wir auf die andere Seite sehen. Es war ungewöhnlich, einen Aufzug mit doppelten Türen zu sehen, aber angesichts der modernen Anlage wunderte es mich nicht. Wir stellten uns hinein und ich konnte mir ein kurzes Grinsen nicht verkneifen, als ich bemerkte, dass das Innere des Aufzuges breiter war als der Gang, aus dem wir gerade kamen. An den geschlossenen Seiten hingen Spiegel, was den Raum optisch stark vergrößerte. Meine Frau war ganz gelassen, schien an nichts zu denken. Die Türen schlossen sich, ich atmete einmal tief durch. Kurz bevor es losging, musste ich noch etwas loswerden.
„Also so langsam hab ich keine Lust mehr auf diese ganzen Zombiespiele.“
„Ja, ich verstehe dich“, stimmte sie mir zu, „eine Zeit lang war es lustig, aber jetzt …“
Die Mechanik des Aufzuges ratterte. Ich dachte daran, dass es wohl wieder das gleiche Schema sein würde, wie die letzten unzähligen Male. Richtig anstrengen brauchte man sich nicht, der Ausgang und die Entwicklung des Spieles hingen meistens von purem Glück ab. Enge Räume, gleich viele Überlebende und Zombies, keine Waffen, Fluchtmöglichkeiten finden. Etwas Ernsthaftes passierte nie. Wir waren alle normale Menschen, nur dass einige wie Untote geschminkt waren und sich auch so verhielten.
Die Türen öffneten sich, dahinter erstreckte sich ein recht weiträumiges Labor in klinischem Weiß mit nahezu durchsichtigen Glasscheiben. Die Veranstalter gaben sich alle Mühe, das musste man ihnen lassen. Auf der anderen Seite des Raumes bestand die Wand fast nur aus Glas und bot Blick auf ein Stadion. Wir waren in den obersten Rängen, die Sitzplätze draußen waren vollkommen leer. Noch passierte nichts, also gingen wir zur Fensterfront und blickten hinab. Das Zentrum des Stadions war eine Mischung aus Fußball- und Footballfeld. Plötzlich krachte es neben uns und die ersten Untoten strömten in das Labor.
Einige kamen durch einen quadratischen Luftschacht geklettert. Das wäre wohl der potenzielle Ausweg, aber zuerst müssten wir an der kleinen Horde vorbei. Ich nahm meine Frau bei der Hand und zog sie mit mir mit, ans andere Ende des Raumes, gegenüber den Untoten. Aus der Erfahrung heraus bieten sich öfter Lücken, wenn man die Distanz vergrößert und der Winkel immer spitzer wird. Leider stürmten nun mehrere Überlebende in und durch das Labor, sodass nur noch ein helles Durcheinander herrschte.
Zombies brüllten, Menschen schrien, Glas zerbrach und das klinische Weiß färbte sich mit jedem vermeintlichen Opfer rot. Da aber die meisten abgelenkt waren, riskierte ich es, uns einfach durch die Mitte zu drücken. Ungefähr ab der Hälfte unseres Weges fing uns eine größere Gruppe ab, riss mir meine Partnerin aus der Hand, die noch versuchte, über einen Labortisch zu fliehen, und fixierte sie darauf. Sie erlitt einige Pseudobisse, ein Gong erklang und alle verhielten sich wieder normal. Für den Moment jedenfalls. Grob abgeschätzt war ich der Einzige, der diesmal nicht gebissen wurde. In der Ecke, in der wir eben noch standen, öffnete sich ein breites Metalltor, welches nach draußen führte.
Wir gingen ins Freie, draußen, wo eine spezielle „Fraktion“ einen ihrer Sitze hatte, aufgebaut auf einem Plateau neben dem Stadion, worüber noch einige Kiefern ragten. Sie stellten eine Art Mediziner dar, die in beduinenähnlichen Kleidern ihr Lager aufgeschlagen hatten. Das Stadion war hinter der Tür ebenfalls vorbei, die Zelte standen hier wie auf einem Berg, aber mit Blick auf die Spielfelder. Mir wollte schon langweilig werden, aber da trat meine Frau schon wieder an meine Seite. Meine Verwunderung konnte ich nicht zurückhalten.
„Was machst du denn hier? Du bist gebissen worden. Wenn die das hier spitzkriegen, bringen die dich um, dann ist das hier ganz schnell vorbei.“
Sie prustete aus: „Pff, na und? Dann geh ich halt Serie gucken.“
Stärke und Bildung
Hinter der Ansammlung bäuerlicher Gehöfte führte ein sanfter Weg zwischen einem Nadelwald und frisch bestellten Feldern entlang. Ich hatte mich direkt über das Gelände des letzten Hofes geschlängelt, um zu einem weiß-rot gestreiften quadratischen Zelt zu gelangen, welches am Rande der Siedlung lag. Diese schmale Erste-Hilfe-Stelle musste mein erster Anlaufpunkt sein. In meiner linken Armbeuge, mitten durch meine Blutgefäßen, hatte sich ein etwa handlanger schwarzer Strich gebildet. Zwar bemerkte ich noch keine Auswirkungen, aber wenn ich einen Fremdkörper bereits sehen konnte, drückte die Zeit für die Behandlung. Unter dem offen stehenden Vordach nahm ich auf einem Holzschemel Platz und legte meinen Arm auf einen Tisch. Ich erkannte die Person nicht, die mich behandelte. Zu sehr war ich auf diesen Parasiten fixiert. Es wurde eine Nadel an meine Ader gelegt, nur ein knappes Stück über dem Ende des Striches. Daraufhin folgte ein fast unmerklicher Stich, dafür wurde danach zu einem starken Ruck angesetzt, sodass der Fremdkörper samt Blutspritzer aus meinem Arm entfernt wurde. Ich achtete auf die Spritze. Was auch immer eben entfernt worden war, es wand sich panisch umher, als würde ihm die Sicherheit und Wärme fehlen. Mit der rechten Hand strich ich über den Arm, bedankte mich, stand auf und ging wieder zurück zum äußeren Hof. Das Gelände wirkte sehr einladend. Seitlich und gegenüber vom Eingang standen insgesamt drei geklinkerte Holzhäuser, die mindestens drei Stockwerke hoch waren und im Dachboden bestimmt noch mehr Platz boten. Die sich überlappenden Bretter gefielen mir. Es war mal eine Abwechslung zur sonst so langweiligen Bauweise. Zusätzlich lud mich die bloße Existenz der Klinkerbauweise zum Schauen ein. Auf der linken Seite stand eine Scheune mit offenem Tor. Sie war wie ein kleines L gebaut. In den ersten beiden Stockwerken lagen Massen an Stroh. Das rechte Gebäude war verschlossen, also ging ich in das Wohnhaus. Auf dem Weg zur Tür erwog ich, das Grundstück zu kaufen. Ich hatte zwar kein Geld, aber es gefiel mir. Alles war auf kleinem Raum groß und freizügig gebaut worden. Ein effizientes Grundstück. Die Tür führte direkt in ein Zimmer, welches wie eine private Bibliothek angelegt war. An den Wänden und in den Raum hinein standen etliche Regale mit zahllosen Büchern. Seitlich von mir befanden sich vier Schreibpulte. An den schmalen Kanten der Regale hingen kerzenähnliche Lampen, welche ein undefinierbares Licht erzeugten. Es war eine Mischung aus elektrisch flackernden Flammen und feuerähnlichen Glühlampen. Die Fenster wurden abgedunkelt, sodass der eigenartige Schein die Bibliothek äußerst beunruhigend erscheinen ließ. Respektvoll schritt ich an den Regalen vorbei, wobei mir im vorletzten ein Buch besonders ins Auge fiel. An dem Einband selbst war nichts Spektakuläres. Nur leicht angegilbte Seiten und ein blaues, ledernes Äußeres. Der Titel auf dem Rücken war verschwommen. Vorsichtig versuchte ich mit einem Finger, das Buch auf die Ecke zu stellen, um die Vorderseite lesen zu können, ohne es aus dem Regal zu entfernen. Doch es rutschte vom Holz und fiel auf den Boden. Das kurze Poltern unterbrach die Stille, die daraufhin vermeintlich wieder eintrat.
Kurz darauf folgte ein lautes Einatmen, Knurren und Brüllen.
„Wer schmeißt da Buch runter?“
Ich erschrak. Nicht aufgrund dessen, dass jemand mein Missgeschick bemerkte. Sondern vielmehr, da ich die Stimme erkannte. Und ohne zu wissen, von wo die Laute kamen, sah ich doch schon das Wesen vor meinem inneren Auge. Es war wütend, was nichts Besonderes war, denn es war immer wütend. Aber reizen durfte man es nicht, doch genau das hatte ich gerade getan. Schwere Schritte ließen das Haus erbeben, bis sein Schatten im Dunkel der Bibliothek auftauchte. Ein Muskelberg, der kaum durch die Regale oder unter die Decke passte, sich aber dennoch hier niedergelassen hatte. Der flackernde Schein des Feuers erhellte einige Stellen seines Körpers. Die grüne Haut war hell genug, um sie sofort zu erkennen, aber auch so dunkel, dass sie direkt mit den Schatten verschmolz, sobald das Licht nachließ.
Schwer atmend sah es mich an. Ich regte mich nicht. Das Atmen wurde deutlicher und lauter, bis es wieder schrie.
„Du nicht schmeißen Buch runter!“
Dann lief es zwei Schritte auf mich zu und verpasste mir einen Schlag. Wie ein Panzergeschoss brach ich durch die Wand und zischte über den Hof. Der Hulk höchstpersönlich hatte mich mittels einer Backpfeife aus seiner Privatbibliothek befördert. Ich schlitterte etliche Meter über den sandigen Weg, bis ich irgendwann mit verschränkten Armen vor meinem gesenkten Kopf zum Stillstand kam. Ich stand auf, als wäre nichts gewesen, und klopfte mir den Staub aus den Klamotten. Vor mir war wieder das Haus, allerdings stand ich diesmal auf der anderen Seite vor einer Tür, die ebenfalls zur Bibliothek führte. Zwar wusste ich, was oder wer mich drin erwartete, aber die Situation war wie auf null gesetzt. Kein heruntergefallenes Buch, kein böser Hulk, keine Backpfeife. Sorglos wagte ich einen zweiten Versuch und trat durch die Tür. Rechts von mir war eine Treppe, die ich wegen des Regals davor übersehen hatte. Zwischen den Regalen auf der linken Seite trat ein kleines Mädchen in einem hellblauen Kleid hervor. Sie hatte lange hellblonde Haare, stützte sich an eine Kante und sah mich etwas verängstigt an. Ich beobachtete sie einfach nur und ihre Angst verflog schnell. Sie wollte auf mich zugehen, doch dabei riss sie ein Buch mit sich. Nicht schon wieder, dachte ich mir und hörte bereits das nächste Poltern. Während ich die Treppe hinaufrannte, hörte ich es hinter mir brüllen.
„Ahhh, das Buch!“
Ich passierte gerade die Ecke zum nächsten Stockwerk, da brach etwas durch die Wand, die zum Hof führte, auf dem etwas Großes in einer Staubwolke wirbelte. Vorsichtig trat ich an das Loch. Im Haus war es still, aber der Hof beunruhigte mich mehr. Der Hulk sah hektisch hin und her, bis er mich im ersten Stock entdeckte.
Ein langgezogenes „Du“ hallte über den Platz, gefolgt von einem Sprung in meine Richtung. Er verfehlte das Loch und brach damit ein weiteres durch die Wand. Nur wenige Meter vor mir stürzten gebrochene Dachbalken hinunter und verringerten den Schaden durch das Einstürzen. Danach war es wieder still. Ich war froh darüber, dachte schon, es sei vorbei. Doch dann kämpfte sich etwas aus dem Schutt von unten nach oben. Eine massive Hand packte die Kante des Lochs, gefolgt von einem bösen Knurren.
Ich würde doch nicht fragen, ob ich das Grundstück kaufen dürfte.
...
In der Dämmerung trat ich aus dem Wald, unmittelbar am Haus eines Dorfes vorbei an den Rand eines leicht ovalen sandigen Platzes, der stellenweise mit etlichen Flecken übersät war. Eingegrenzt durch dieselben einstöckigen Häuser aus Sandstein mit einer Kuppel auf dem Flachdach. Dazwischen standen vereinzelte Bäume, bunt gewebte Decken hingen aus den Fenstern und an Wäscheleinen. Nur linker Hand ergab sich ein Weg ins Dorfinnere über den fleckigen Platz. Schritt für Schritt wich das Gras dem Sand, die orangene Sonne warf lange Schatten von einem hohen Gebäude mit Turm aus dem Zentrum. Diese Siedlung sah bewohnt aus, wirkte dennoch wie gerade erst verlassen. Während der Wind sanft durch die Baumwipfel rauschte, erkannte ich, dass die Flecken auf dem Platz getrocknetes Blut sein mussten. Die frischeren Stellen verrieten sich durch ihren eisenähnlichen Geruch, die älteren durch die dunkelrote, fast schwarze Farbe. Links von mir stand ein einfacher Esstisch für sechs Leute, zusammengebaut aus alten, grauen, verbogenen Brettern. Weitere Stellen zeichneten sich tief in den Fasern ab, darauf lag ein eigenartiger Gegenstand. Er sah aus wie ein runder Pizzaschneider, nur mit einem Sägeblatt als Klinge, im Durchmesser vielleicht handlang, noch scharf, aber komplett verrostet. Der Griff war ungewöhnlich dick und mit drei Muttern festgezogen. Behutsam hob ich ihn auf, aber zusammen mit den Kabeln, die den Griff mit dem Mittelpunkt der Klinge verbanden, lag er schlecht in der Hand, abgesehen davon, dass etwas im Innenleben klapperte. Schreiend erwachte die Apparatur, das Sägeblatt schnitt pfeifend durch die Luft und ließ den Griff erbeben. Eine unhaltbare Kraft brach aus diesem Ding hervor. Ich versuchte es zu kontrollieren, doch die Maschine lief gerade erst warm. Zimperlich wollte ich es auf den Tisch legen, ohne, dass es mir die Hand zerfetzte. Nach einigen kurzen Anläufen klappte es und für den Moment lag es auf dem Tisch. Das Gerät zitterte, sprang über die Bretter und runter vom Tisch auf den Boden, federte wieder hoch und fräste sich über meinem Stiefel ins Schienbein. Erstickend schrie ich kurz auf und wich humpelnd unter Schmerzen zurück, bis der Sand die Stromkreise lahmlegte. Die Klinge hatte mir die Hose zerfetzt und den Knochen angesägt. Warmes Blut lief mir das Bein herunter, füllte den Stiefel und durchnässte die Socke. Plötzlich ergriff mich eine schwielige Hand an der Schulter und zog mich mittig auf den Platz, bis mir eine andere einen heftigen Schlag ins Gesicht verpasste. Ich schwankte rückwärts bis ans andere Ende des Platzes, während ich verzweifelt versuchte, den wuchtigen Pranken des Schlägers auszuweichen. Kurz darauf stürzte ich, wurde aber vor dem Aufprall von zwei Dorfbewohnern aufgefangen, die mir einen zerschlagenen Rundschild und ein altes Schwert in die Hand drückten, mich wieder aufrichteten und wieder in die Arena warfen. Ich stolperte meinem Gegner entgegen, der mir seinen Schild exakt auf die Oberlippe schlug. Mit Mühe fand ich schnell einen sicheren Stand, nahm den Schild vor die Brust und setzte die untere Kante auf mein Knie. Ellenbogen und Hände bildeten dahinter eine gerade stützende Linie. Der oberkörperfreie, muskulöse Mann war mindestens zwei Köpfe größer als ich und dreimal so breit und mittlerweile ebenfalls ausgerüstet. Seine Waffe konnte ich nicht sehen, da ich den Rand meines Schildes so hoch in meinem Gesicht hielt, dass ich nur den Anfang seiner geballten Faust sah. Lässig mit gesenkter Deckung ging er vor mir von Seite zu Seite, begutachtete mich, sah mich verachtend an, während mir hinter meiner Deckung das Blut aus der geplatzten Lippe in den Mund und über das Kinn lief. Ich hielt seinem Blick stand, wahrscheinlich tat er so, als würde er meine Schwächen suchen, wobei er eher den Anschein erweckte, mich einfach niedertrampeln zu wollen. Mein rechtes Bein zitterte von der Verletzung, ich spürte, wie mein Blut anfing zu gerinnen. Die Hose haftete am Bein, der Stiefel schmatzte bei jeder Bewegung. Meine Lippe schwoll dick an und pulsierte rhythmisch. Rostiger Blutgeschmack breitete sich in meinem Mund aus und meine Brust bebte vor Spannung. Inzwischen hatten sich einige Dorfbewohner an den Rand der Arena gedrängt, betrachteten schweigend betroffen die Szene und hielten den Atem an. Das Rauschen war vergangen, etwas Dumpfes trübte mein Gehör. Der Mann stampfte auf mich zu, ließ dabei den Boden beben. Ich wusste nicht, was sich in diesem Dorf ereignet hatte, aber mit bloßer Kraft würde ich diesen Kampf nicht gewinnen.
Prioritäten
Unsere Schuhe gaben ungewöhnliche Geräusche von sich, als wir über den metallenen Boden zum Aufzug gingen. Die Wände waren voll mit blinkenden Armaturen, deren gläserne Abdeckungen unberührt zu sein schienen. Im Gang konnten drei Menschen nebeneinander gehen, zum Glück waren wir nur zu zweit, sonst wäre meine Partnerin wahrscheinlich unruhig geworden. Als sich die Türen des Fahrstuhls öffneten, konnten wir auf die andere Seite sehen. Es war ungewöhnlich, einen Aufzug mit doppelten Türen zu sehen, aber angesichts der modernen Anlage wunderte es mich nicht. Wir stellten uns hinein und ich konnte mir ein kurzes Grinsen nicht verkneifen, als ich bemerkte, dass das Innere des Aufzuges breiter war als der Gang, aus dem wir gerade kamen. An den geschlossenen Seiten hingen Spiegel, was den Raum optisch stark vergrößerte. Meine Frau war ganz gelassen, schien an nichts zu denken. Die Türen schlossen sich, ich atmete einmal tief durch. Kurz bevor es losging, musste ich noch etwas loswerden.
„Also so langsam hab ich keine Lust mehr auf diese ganzen Zombiespiele.“
„Ja, ich verstehe dich“, stimmte sie mir zu, „eine Zeit lang war es lustig, aber jetzt …“
Die Mechanik des Aufzuges ratterte. Ich dachte daran, dass es wohl wieder das gleiche Schema sein würde, wie die letzten unzähligen Male. Richtig anstrengen brauchte man sich nicht, der Ausgang und die Entwicklung des Spieles hingen meistens von purem Glück ab. Enge Räume, gleich viele Überlebende und Zombies, keine Waffen, Fluchtmöglichkeiten finden. Etwas Ernsthaftes passierte nie. Wir waren alle normale Menschen, nur dass einige wie Untote geschminkt waren und sich auch so verhielten.
Die Türen öffneten sich, dahinter erstreckte sich ein recht weiträumiges Labor in klinischem Weiß mit nahezu durchsichtigen Glasscheiben. Die Veranstalter gaben sich alle Mühe, das musste man ihnen lassen. Auf der anderen Seite des Raumes bestand die Wand fast nur aus Glas und bot Blick auf ein Stadion. Wir waren in den obersten Rängen, die Sitzplätze draußen waren vollkommen leer. Noch passierte nichts, also gingen wir zur Fensterfront und blickten hinab. Das Zentrum des Stadions war eine Mischung aus Fußball- und Footballfeld. Plötzlich krachte es neben uns und die ersten Untoten strömten in das Labor.
Einige kamen durch einen quadratischen Luftschacht geklettert. Das wäre wohl der potenzielle Ausweg, aber zuerst müssten wir an der kleinen Horde vorbei. Ich nahm meine Frau bei der Hand und zog sie mit mir mit, ans andere Ende des Raumes, gegenüber den Untoten. Aus der Erfahrung heraus bieten sich öfter Lücken, wenn man die Distanz vergrößert und der Winkel immer spitzer wird. Leider stürmten nun mehrere Überlebende in und durch das Labor, sodass nur noch ein helles Durcheinander herrschte.
Zombies brüllten, Menschen schrien, Glas zerbrach und das klinische Weiß färbte sich mit jedem vermeintlichen Opfer rot. Da aber die meisten abgelenkt waren, riskierte ich es, uns einfach durch die Mitte zu drücken. Ungefähr ab der Hälfte unseres Weges fing uns eine größere Gruppe ab, riss mir meine Partnerin aus der Hand, die noch versuchte, über einen Labortisch zu fliehen, und fixierte sie darauf. Sie erlitt einige Pseudobisse, ein Gong erklang und alle verhielten sich wieder normal. Für den Moment jedenfalls. Grob abgeschätzt war ich der Einzige, der diesmal nicht gebissen wurde. In der Ecke, in der wir eben noch standen, öffnete sich ein breites Metalltor, welches nach draußen führte.
Wir gingen ins Freie, draußen, wo eine spezielle „Fraktion“ einen ihrer Sitze hatte, aufgebaut auf einem Plateau neben dem Stadion, worüber noch einige Kiefern ragten. Sie stellten eine Art Mediziner dar, die in beduinenähnlichen Kleidern ihr Lager aufgeschlagen hatten. Das Stadion war hinter der Tür ebenfalls vorbei, die Zelte standen hier wie auf einem Berg, aber mit Blick auf die Spielfelder. Mir wollte schon langweilig werden, aber da trat meine Frau schon wieder an meine Seite. Meine Verwunderung konnte ich nicht zurückhalten.
„Was machst du denn hier? Du bist gebissen worden. Wenn die das hier spitzkriegen, bringen die dich um, dann ist das hier ganz schnell vorbei.“
Sie prustete aus: „Pff, na und? Dann geh ich halt Serie gucken.“
Stärke und Bildung
Hinter der Ansammlung bäuerlicher Gehöfte führte ein sanfter Weg zwischen einem Nadelwald und frisch bestellten Feldern entlang. Ich hatte mich direkt über das Gelände des letzten Hofes geschlängelt, um zu einem weiß-rot gestreiften quadratischen Zelt zu gelangen, welches am Rande der Siedlung lag. Diese schmale Erste-Hilfe-Stelle musste mein erster Anlaufpunkt sein. In meiner linken Armbeuge, mitten durch meine Blutgefäßen, hatte sich ein etwa handlanger schwarzer Strich gebildet. Zwar bemerkte ich noch keine Auswirkungen, aber wenn ich einen Fremdkörper bereits sehen konnte, drückte die Zeit für die Behandlung. Unter dem offen stehenden Vordach nahm ich auf einem Holzschemel Platz und legte meinen Arm auf einen Tisch. Ich erkannte die Person nicht, die mich behandelte. Zu sehr war ich auf diesen Parasiten fixiert. Es wurde eine Nadel an meine Ader gelegt, nur ein knappes Stück über dem Ende des Striches. Daraufhin folgte ein fast unmerklicher Stich, dafür wurde danach zu einem starken Ruck angesetzt, sodass der Fremdkörper samt Blutspritzer aus meinem Arm entfernt wurde. Ich achtete auf die Spritze. Was auch immer eben entfernt worden war, es wand sich panisch umher, als würde ihm die Sicherheit und Wärme fehlen. Mit der rechten Hand strich ich über den Arm, bedankte mich, stand auf und ging wieder zurück zum äußeren Hof. Das Gelände wirkte sehr einladend. Seitlich und gegenüber vom Eingang standen insgesamt drei geklinkerte Holzhäuser, die mindestens drei Stockwerke hoch waren und im Dachboden bestimmt noch mehr Platz boten. Die sich überlappenden Bretter gefielen mir. Es war mal eine Abwechslung zur sonst so langweiligen Bauweise. Zusätzlich lud mich die bloße Existenz der Klinkerbauweise zum Schauen ein. Auf der linken Seite stand eine Scheune mit offenem Tor. Sie war wie ein kleines L gebaut. In den ersten beiden Stockwerken lagen Massen an Stroh. Das rechte Gebäude war verschlossen, also ging ich in das Wohnhaus. Auf dem Weg zur Tür erwog ich, das Grundstück zu kaufen. Ich hatte zwar kein Geld, aber es gefiel mir. Alles war auf kleinem Raum groß und freizügig gebaut worden. Ein effizientes Grundstück. Die Tür führte direkt in ein Zimmer, welches wie eine private Bibliothek angelegt war. An den Wänden und in den Raum hinein standen etliche Regale mit zahllosen Büchern. Seitlich von mir befanden sich vier Schreibpulte. An den schmalen Kanten der Regale hingen kerzenähnliche Lampen, welche ein undefinierbares Licht erzeugten. Es war eine Mischung aus elektrisch flackernden Flammen und feuerähnlichen Glühlampen. Die Fenster wurden abgedunkelt, sodass der eigenartige Schein die Bibliothek äußerst beunruhigend erscheinen ließ. Respektvoll schritt ich an den Regalen vorbei, wobei mir im vorletzten ein Buch besonders ins Auge fiel. An dem Einband selbst war nichts Spektakuläres. Nur leicht angegilbte Seiten und ein blaues, ledernes Äußeres. Der Titel auf dem Rücken war verschwommen. Vorsichtig versuchte ich mit einem Finger, das Buch auf die Ecke zu stellen, um die Vorderseite lesen zu können, ohne es aus dem Regal zu entfernen. Doch es rutschte vom Holz und fiel auf den Boden. Das kurze Poltern unterbrach die Stille, die daraufhin vermeintlich wieder eintrat.
Kurz darauf folgte ein lautes Einatmen, Knurren und Brüllen.
„Wer schmeißt da Buch runter?“
Ich erschrak. Nicht aufgrund dessen, dass jemand mein Missgeschick bemerkte. Sondern vielmehr, da ich die Stimme erkannte. Und ohne zu wissen, von wo die Laute kamen, sah ich doch schon das Wesen vor meinem inneren Auge. Es war wütend, was nichts Besonderes war, denn es war immer wütend. Aber reizen durfte man es nicht, doch genau das hatte ich gerade getan. Schwere Schritte ließen das Haus erbeben, bis sein Schatten im Dunkel der Bibliothek auftauchte. Ein Muskelberg, der kaum durch die Regale oder unter die Decke passte, sich aber dennoch hier niedergelassen hatte. Der flackernde Schein des Feuers erhellte einige Stellen seines Körpers. Die grüne Haut war hell genug, um sie sofort zu erkennen, aber auch so dunkel, dass sie direkt mit den Schatten verschmolz, sobald das Licht nachließ.
Schwer atmend sah es mich an. Ich regte mich nicht. Das Atmen wurde deutlicher und lauter, bis es wieder schrie.
„Du nicht schmeißen Buch runter!“
Dann lief es zwei Schritte auf mich zu und verpasste mir einen Schlag. Wie ein Panzergeschoss brach ich durch die Wand und zischte über den Hof. Der Hulk höchstpersönlich hatte mich mittels einer Backpfeife aus seiner Privatbibliothek befördert. Ich schlitterte etliche Meter über den sandigen Weg, bis ich irgendwann mit verschränkten Armen vor meinem gesenkten Kopf zum Stillstand kam. Ich stand auf, als wäre nichts gewesen, und klopfte mir den Staub aus den Klamotten. Vor mir war wieder das Haus, allerdings stand ich diesmal auf der anderen Seite vor einer Tür, die ebenfalls zur Bibliothek führte. Zwar wusste ich, was oder wer mich drin erwartete, aber die Situation war wie auf null gesetzt. Kein heruntergefallenes Buch, kein böser Hulk, keine Backpfeife. Sorglos wagte ich einen zweiten Versuch und trat durch die Tür. Rechts von mir war eine Treppe, die ich wegen des Regals davor übersehen hatte. Zwischen den Regalen auf der linken Seite trat ein kleines Mädchen in einem hellblauen Kleid hervor. Sie hatte lange hellblonde Haare, stützte sich an eine Kante und sah mich etwas verängstigt an. Ich beobachtete sie einfach nur und ihre Angst verflog schnell. Sie wollte auf mich zugehen, doch dabei riss sie ein Buch mit sich. Nicht schon wieder, dachte ich mir und hörte bereits das nächste Poltern. Während ich die Treppe hinaufrannte, hörte ich es hinter mir brüllen.
„Ahhh, das Buch!“
Ich passierte gerade die Ecke zum nächsten Stockwerk, da brach etwas durch die Wand, die zum Hof führte, auf dem etwas Großes in einer Staubwolke wirbelte. Vorsichtig trat ich an das Loch. Im Haus war es still, aber der Hof beunruhigte mich mehr. Der Hulk sah hektisch hin und her, bis er mich im ersten Stock entdeckte.
Ein langgezogenes „Du“ hallte über den Platz, gefolgt von einem Sprung in meine Richtung. Er verfehlte das Loch und brach damit ein weiteres durch die Wand. Nur wenige Meter vor mir stürzten gebrochene Dachbalken hinunter und verringerten den Schaden durch das Einstürzen. Danach war es wieder still. Ich war froh darüber, dachte schon, es sei vorbei. Doch dann kämpfte sich etwas aus dem Schutt von unten nach oben. Eine massive Hand packte die Kante des Lochs, gefolgt von einem bösen Knurren.
Ich würde doch nicht fragen, ob ich das Grundstück kaufen dürfte.
...

