Cover: Fang Tan

Fang Tan


EUR 26,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 270
ISBN: 978-3-99130-583-5
Erscheinungsdatum: 11.09.2025
David und Caleb – eine Freundschaft, die alle verändern wird. Gemeinsam kämpfen sie sich durch ein geheimnisvolles Ausbildungslager, in dem Wahrheit und Lüge verschwimmen. Doch wer kontrolliert das Bild der Realität – und wer kontrolliert die Kontrolleure?
Prolog


Die Vorstellung, dass auch der Teil der Welt im Wandel ist, den wir nicht bewusst wahrnehmen, übersteigt unsere Sinne. Weder vermag man schon jetzt zu sagen, was der Veränderung zum Opfer fallen, noch was den Zahn der Zeit wohl überdauern wird. Das ungeduldige Ticken der Uhren ist ein Sinnbild für verschwendete Energie. Mit jeder Stunde, jeder Minute und jeder einzelnen Sekunde verwirkt sie nur für einen einzigen Zweck ihr Leben: Sie vermittelt einen plastischen Eindruck von Vergänglichkeit, die ansonsten nur auf lange Dauer begreifbar, aber niemals messbar wäre. Zeit bemessen in einer Größenordnung, mit der sie Einfluss auf das Leben eines Individuums nimmt, ist sie nicht mehr wert als einige verlorene Münzen, die uns verstreut zu Füßen liegen, ohne auch nur einen Funken Absicht zu hegen, gefunden zu werden. Manch einer mag tatsächlich das Glück auf der Straße finden und einen kurzen Moment lang an eine positive Fügung glauben. Andere, die dieses Gefühl vielleicht nie empfinden, können jedoch auf Dauer nicht minder erfolgreich ihren Weg gehen.
Ich selbst glaube gerne an beides: An den kurzen Moment der Freude, wenn auch nur von ganz persönlichem Wert, und an all das bereits bewährte Gute, das von Dauer ist. Doch birgt die Zeit auch viele Tücken. Veränderungen werden nur akzeptiert, solange wir selbst es sind, die sie hervorrufen. Alles, was ohne unser Zutun geschieht, wird kritisiert. Das ständige Bewerten immer neuer Situationen wird ein Teil unseres Lebens, im ständigen Widerspruch zum ununterdrückbaren Wunsch nach Kontrolle und Allwissenheit. Am Ende bleibt nur das unbehagliche Gefühl, das einen überkommt, sobald man nach langer Zeit an einen vermeintlich bekannten Ort zurückkehrt und die Erinnerungen einen erfolglosen Kampf gegen die Realität führen. Die Feuer dieses immerwährenden Krieges brennen sich tief unter unsere Haut und hinterlassen schmerzhafte Narben. Wenn etwas, ob ein Ort oder ein Mensch, nicht mehr so ist, wie unsere Erinnerung uns glauben machen will, versuchen wir im ersten Moment innerlich an der Vergangenheit festzuhalten – doch ohne Erfolg. Langsam, aber sicher überschreiben die neuen Eindrücke das in Wirklichkeit schon lange zuvor verlorene Bild aus einer vergangenen Realität. Schon nach kurzer Zeit ersticken die Flammen in einer Mischung aus unumgänglicher Akzeptanz und Resignation. Hinter dem alten Bild, das nun als Asche vollkommen unkenntlich am Boden liegt, offenbart sich ein neues. Doch unserer Meinung nach ist dies nicht mehr so beeindruckend wie sein Vorgänger. Also beginnen wir von nun an davon zu sprechen, wie viel besser früher alles war. Dabei vermischt sich die Vergangenheit mit Wunschdenken zu einem in Wirklichkeit nie erreichten Idealbild – selbst als die Vergangenheit noch unsere so geliebte Gegenwart war. Wir geben damit nicht nur etwas aus unserer Vergangenheit, sondern auch etwas von uns selbst auf. Und so vernarbt eine weitere Wunde in uns. Wieder und wieder, ohne dass wir etwas daran zu ändern imstande sind. Ja, wir alle sind hässlich im Innern.




Kapitel 1 – Erwachen


Obwohl ich damals erst neun Jahre alt war, wurde mir an jenem Tage vieles bewusst. Vielleicht beeinflusste mich mein aufkeimendes Bewusstsein mehr als die Ereignisse an sich, die mein Leben für immer verändern sollten. Damals nahm ich noch kaum mehr als die blanke Fülle an Veränderungen wahr. Ihre wirkliche Bedeutung sollte mir erst zu einem späteren Zeitpunkt eröffnet werden. Diese Veränderungen, die zwar wie alles, was uns plötzlich überkommt, eine Folge von Zufällen und Versehen waren, gaben mir die Möglichkeit, einen ganz bestimmten, schon lange gehegten Wunsch zu erfüllen: alles wieder in Ordnung zu bringen. Obwohl, »wieder« trifft es nicht ganz. Trotz allem war es so zu diesem Zeitpunkt einfacher für mich, die Zeit, die mich noch erwarten würde, zu verstehen. Lieber glaubte ich daran, dass ich zu etwas Gutem zurückkehren würde, als daran, dass ich es erst von Grund auf neu erschaffen müsste. Altbewährtes birgt mehr Zuversicht, während Unbekanntes oft Angst erzeugt. Allein die Tatsache, dass sich etwas verändern würde, war schon eines der aufregendsten Ereignisse meines noch jungen Lebens. Vielleicht konnte ich es damals noch nicht so gut in Worte fassen, doch fühlte ich bereits deutlich, dass die mir bevorstehende Aufgabe mein Leben kosten könnte. Zumindest jenes Leben, das in den vergangenen Jahren zu meinem geworden war. Eine quälende Ungewissheit über das, was wohl sein würde, fuhr durch mich hindurch, gepaart mit einem Funken Hoffnung auf das, was sein könnte.
Das Leben zu verlieren muss nichts Schlechtes bedeuten. Und so war ich bereit, jeden nötigen Schritt für etwas Neues zu gehen.
Ich war als Waise auf einem Bauernhof aufgewachsen und musste mir jeden schönen Moment erkämpfen, in dem sich wenigstens für kurze Zeit alles »gut« oder wenigstens »richtig« anfühlte. Doch was wirklich »richtig« war, wurde mir nie gezeigt. So lag es allein an mir, mir ein Weltbild zu erschaffen, das auch etwas Gutes zuließ. Meinen »Eltern« – der Einfachheit halber waren und blieben es immer »Eltern« – konnte es anscheinend nicht schnell genug gehen, mir zu offenbaren, dass sie nicht meine richtigen, leiblichen Eltern waren. Fortwährend betonten sie dies und jedes Mal, wenn ich etwas nicht nach ihrer Vorstellung verrichtete, bot dieser Umstand ihnen sofort Gelegenheit, mich zu verletzen und zu demütigen: »War ja klar, dass deine Eltern so etwas wie dich nicht haben wollten. Sie haben sicher schon geahnt, was für eine riesige Enttäuschung du sein wirst« oder »So was Verkommenes wie dich hätten wir niemals auf die Welt gebracht« und »Du bist nicht unser Fleisch und Blut«. Es hätte deutlich weniger Schmerzen bereitet, wenn sie mich einfach nur verprügelt hätten, als mir immer wieder den Boden unter den Füßen wegzuziehen. Auch für einen erst neunjährigen Jungen kann der Wunsch zu wissen, wer man ist, oder wenigstens, wer man sein möchte, unglaublich real sein. Die Frage, wer ich war und woher ich kam, wollte mir niemand beantworten. Doch so wollte ich auf keinen Fall den Rest meines Lebens verbringen. Ich lernte früh, dass es nur eine Möglichkeit gab, Einfluss auf die Zukunft zu nehmen: die Kontrolle der Gegenwart. Ich bin kein großer Freund von Spontanität, doch durchaus auch kein Feind der Überraschung – solange sie eingeplant ist. Aber was das Leben noch für mich bereithalten sollte, war für mich kaum absehbar. Voraussicht ist eine Eigenschaft, die einen am Leben hält und vor Veränderungen bewahrt, die einem das Gefühl geben, etwas unwiederbringlich verloren zu haben. Von diesem Moment an kämpfte ich mit der Last, weder meine Gedanken noch meine Zukunft im Griff zu haben. Und so begann meine Geschichte.

Eine mir vorher gänzlich unbekannte Welt zog an der vom Fahrtwind gekühlten Fensterscheibe vorbei, an der ich meinen Kopf anlehnte. Viele Stunden waren wir unterwegs und das, was ich einst zu kennen meinte, verschwamm wie die Außenwelt vor dem von einer dünnen Tauschicht bedeckten Fenster. Die ganze Nacht fuhren wir und Schlaf fand ich nur in den kurzen Pausen, die Luther während unserer nun bereits 24-stündigen Fahrt einlegte. Zu groß war meine Neugier. Während die Straßen merklich schlechter wurden, schien sich zumindest Luthers Stimmung langsam zu bessern. Nicht, dass er schlecht gelaunt gewesen wäre, doch während unserer gesamten Reise strahlte er eine ungeheure Ernsthaftigkeit aus. Über die längste Zeit der Fahrt schien seine Mimik wie erstarrt, doch an seinen Augen konnte man eine aus seinem tiefsten Innern nach außen drängende Zielstrebigkeit ablesen. Oft schaute ich ihn an, mit einer Mischung aus Furcht, Respekt und Bewunderung. Noch nie zuvor hatte ich einen Menschen gesehen, der so wie Luther seine Gedanken und das, was vor ihm lag, zu einem gemeinsamen Ziel vereinte. Noch nie hatte ich jemanden gesehen, der so sehr zu wissen schien, was zu tun war. Manchmal jedoch schien er sich von seiner alles bestimmenden Zielstrebigkeit abzuwenden und sich anderen Dingen zuzuwenden, auch wenn sie ihn in seinem Bestreben nicht voranbrachten. Nun sprach er zum ersten Mal, seit wir unsere Reise begonnen hatten.
»David?« Er versuchte, seine raue Stimme einfühlsam und ruhig klingen zu lassen. Man merkte, dass er sich anstrengte.
»David, bist du wach?«
Einen kurzen Moment lang wusste ich es selbst nicht. Meine Eltern hatten mir gesagt, dass ich für eine Weile verreisen würde. Mein Onkel Luther würde mich mit zu sich nach Rumänien nehmen. Dort würde ich neue Freunde finden und zur Schule gehen.
An dem Tag, an dem ich meinen Onkel kennenlernte, war es auch an der Zeit, meinen Eltern Lebewohl zu sagen. Es war kein sonderlich rührseliger Moment.
»Ja, ich bin wach. Ich kann nicht schlafen. Wo sind wir hier?« Ich quälte mich in eine aufrechte Sitzhaltung.
»Das, mein Junge, ist Rumänien. Man nennt es auch Transsilvanien und weißt du, wer hier gewohnt hat?«
»Transsilvanien? Nein, wer?«
»Was, das weißt du nicht? Graf Dracula natürlich. Der blutsaugende Vampir! In jeder Nacht steigt er in seinem Schloss aus seinem Sarg und trinkt das Blut kleiner, unschuldiger Kinder. Was hast du eigentlich bei Norbert gelernt, sag mal?«
Die Frage traf mich härter, als Luther es beabsichtigt hatte.
»Nicht viel. Ganz besonders nichts über Vampire oder einen Grafen Dracula oder wen auch immer.«
»Wie willst du dich denn dann wehren, wenn dir ein Vampir an den Hals will? Du musst dich doch verteidigen können! Besonders jetzt im Dunkeln, da weiß man nie!« Luthers Art, mit einem neunjährigen Jungen umzugehen, war sicher ungewöhnlich, doch passte sie gut zu seiner rauen Ausstrahlung.
»Also, erst einmal brauchst du unbedingt Knoblauch. Den bindest du dir um den Hals, das hält sie fern. Im schlimmsten Fall, also wenn sie dir auf die Pelle rücken, rammst du ihnen einfach einen Pflock ins Herz. Damit ist das Problem aus der Welt.«
Wir bogen in ausgehender Dunkelheit auf einen verlassenen Rastplatz inmitten der Karpaten ein. Links von uns erstreckte sich eine Felswand, die sich im noch verbleibenden Dunkel der Nacht verlor, rechts ging es weit hinab ins scheinbar Bodenlose. Luther öffnete die Fahrertür und stieg aus. Er schaute zu mir herüber, doch in diesem Moment wäre ich eines ganz sicher nicht: ausgestiegen. Ich hatte wohl die Hoffnung, dass Vampire sich von Autos fernhalten.
»Gut, dann bleib sitzen. Ich vertrete mir nur etwas die Beine, dann fahren wir weiter. Ach ja, halte lieber deinen Hals bedeckt, man weiß ja nie.« Luther grinste teuflisch und biss einige Male die Zähne zusammen, so fest, dass seine Kiefer unter der Last knackten. Er schlug die Tür zu.
Die meisten Kinder hätten sich in jenem Moment wohl sicher mehr Sorgen um einen möglichen Vampirangriff gemacht, doch ich war mit etwas anderem beschäftigt.
»Was habe ich eigentlich gelernt?« Ich meine, nicht, dass Abwehrmethoden gegen Blutsauger eine wichtige Lektion für mein Leben gewesen wären, doch gaben mir selbst diese Horrorgeschichten mehr das Gefühl, jemandem etwas zu bedeuten, als all die Jahre auf dem Hof. Sobald ich etwas auch nur ansatzweise konnte, wurde es Teil meiner alltäglichen Arbeit.

Ich wollte schon lange kein Kind mehr sein, doch in diesem Moment fühlte es sich überraschend gut an.
»Hey, steig aus, schau dir das an!« Dumpf drang Luthers Stimme durch die geschlossene Fensterscheibe, gegen die er mit seinen Fingerknöcheln pochte.
»Na los, sonst verpasst du alles. Ich passe schon auf, dass dich niemand beißt! Komm schon, steig aus und schau dir das an!« Ich öffnete die Beifahrertür und stieg aus dem alten Dacia, dessen ursprüngliche Farbe schon lange einem ungesunden Rostrot gewichen war.
»Schau dir das an! Das ist doch mal ein Anblick, oder? Begrüße dein neues Zuhause, David!«
David. Obwohl ich mit meinem Namen Vergangenes verband, klang er aus Luthers Mund viel vertrauter als jemals zuvor, und was dort am Horizont in einem Lichtspiel der Farben aufzugehen schien, war ein neues Leben, dessen Wirkung mir noch lange nicht bewusst war. Nun blickte ich mit jemandem zusammen in die Zukunft. Wir schauten zu, wie die jungen Sonnenstrahlen eines neuen Tages die Welt in ein warmes Licht hüllten. Der Anblick, der sich vor uns auftat, stand sinnbildlich für eine Fülle neuer Erfahrungen und Erlebnisse.
»Komm, wir müssen weiter!« Luther verfiel wieder in die gewohnte Ernsthaftigkeit. Ich blieb noch einen kurzen Moment stehen, während er bereits zum Wagen zurückging und die Hand auf den Türgriff legte.
»Los, wir haben nicht ewig Zeit. David, steig ein!« Und das tat ich auch.
Wieder im Wagen vergingen weitere Stunden des Schweigens. Doch nun fand ich endlich etwas Schlaf oder wurde besser gesagt von meinem Körper dazu gezwungen.
Als das Rütteln des Wagens, das immer stärker zu werden schien, mich aus meinem Schlaf riss, blickte ich aus dem Seitenfenster. Die Häuser waren so anders als jene, die ich in meiner Heimat täglich gesehen hatte. Sie waren viel einfacher und während zu manchen von ihnen gemächlich im Wind baumelnde Leitungen von den hölzernen Masten am Straßenrand führten, schienen andere über gar keinen Anschluss an das Stromnetz zu verfügen. Teilweise waren sie in ungewöhnlichen Farben gestrichen, teilweise hielt das Mauerwerk kaum mehr den Putz. Im Vorbeifahren sah ich eine alte Frau, wie sie vor einem der Häuser in einem Schaukelstuhl saß und den vorbeifahrenden Autos nachsah. Von den Bergen und den berauschenden Lichtspielen war dagegen nichts mehr zu sehen. Die Sonne war längst den Himmel emporgestiegen und eröffnete mir den Blick auf eine völlig fremde Welt. Die von Menschenhand geschaffene Realität hat deutlich weniger prachtvolle Farben.
Wie eine blecherne Schlange schoben sich die Autos durch röhrenartige Orte, dabei sahen manche Wagen so aus, als würden sie kaum mehr das Ende der Ortschaft erreichen. Nach einer Zeit bogen wir auf einen Feldweg ab. Die Straße war unglaublich schlecht. Ein Schlagloch folgte dem nächsten und oft hatte Luther schwer damit zu kämpfen, den Wagen an den unbefahrbar scheinenden Stellen auf dem Weg zu halten – auch wenn die Wildnis, durch die wir fuhren, kaum den Namen Weg verdiente. Ich hielt mich an allem fest, das ich zu greifen bekam. Der Wagen warf mich auf dem Beifahrersitz umher. In der Ferne tauchten einige Gebäude auf, ein größeres zentrales und einige kleinere drumherum. Ihre Form glich der von Kasernen und als wir Schlagloch um Schlagloch näherkamen, konnte ich kleine Fenster erkennen. Ich hätte mich nicht gewundert, wenn vor ihnen Gitterstäbe gewesen wären, doch dem Anschein nach waren es nur feine Netze, die nicht etwa die Bewohner drinnen, sondern wohl eher Insekten und sonstige Quälgeister draußen halten sollten. Ich war schon lange ein Gefangener meiner eigenen Welt. Nichts von Menschenhand Geschaffenes hätte mich mehr einsperren können als ich selbst.

Wir waren mitten im Nirgendwo. Auch wenn die Gebäude aus der Ferne deutlich weniger heruntergekommen aussahen, wirkte das Gelände viel beängstigender und fremder als all die Orte, die wir auf unserem bisherigen Weg durchfahren hatten. Luther ließ den Motor aufheulen, um aus der Mulde herauszukommen, in die wir mit unserem linken Hinterreifen gerutscht waren. Kurz bevor ich wieder in eine Mischung aus Eindrücken und Gedanken zu fallen schien, sah ich neben unserem Wagen einige Kinder vorbeigehen. Sie schienen ungefähr in meinem Alter zu sein und trugen eine Art Uniform. Eine lange schwarze Hose, ein sehr ordentliches weißes Hemd mit funkelnden Manschetten an den Ärmeln. Auf ihre linke Brusttasche war ein Emblem aufgenäht. Es sah aus wie ein Wappen, doch konnte ich es nicht im Detail erkennen, weil ich so durchgeschüttelt wurde. Erst jetzt verstand ich, wieso mich das Auftauchen der Kinder so erschreckte. Sie sprachen oder tobten nicht wie die anderen Kinder in meinem Alter – zumindest nicht wie die, mit denen ich in den Pausen von der Arbeit auf dem Hof oder in der Schule hin und wieder Kontakt gehabt hatte. Still und diszipliniert waren sie uns entgegengekommen. Doch auch so, ganz ohne Worte oder gewollte Auffälligkeiten, hatten sie eine beklemmende Präsenz. Es sah beinahe so aus, als würden sie schweben. Diese Erhabenheit war furchteinflößend und beeindruckend zugleich. Ihr Auftreten wirkte fast hypnotisch.
Ich hätte sie noch ewig ansehen können, doch unter kräftigen Lenkbewegungen Luthers und dem ohrenbetäubenden Lärm des anscheinend vor Schmerzen schreienden Motors entfernten wir uns rasch von ihnen. Diese Begegnung sollte mir noch zu denken geben.
Endlich machte unser Wagen vor dem Hauptgebäude der weitläufigen Anlage halt. Mir war schlecht. Das Schaukeln und Rütteln hatten meinem Magen gar nicht gutgetan.
»So, David, wir sind da. Pack deine Sachen, wir machen erst einmal alle Papiere fertig. Und bleib an meiner Seite.«
Luthers Tonfall war wieder strenger geworden. Ich folgte seinen Anweisungen und nahm meinen Koffer.
Er war schwer wie Blei und ich konnte ihn kaum tragen. In Anbetracht dessen, dass alles darin war, was ich besaß, war er jedoch wieder leicht. Ich war ganz wackelig auf den Beinen, doch wollte es mir nicht anmerken lassen. Luther öffnete mir die Tür und ich betrat das Gebäude so selbstbewusst, wie ich nur konnte. Luther schien mich ernst zu nehmen. Vielleicht bedeutete ich ihm sogar etwas. Ganz im Gegensatz zu den bisherigen Erfahrungen in meinem Leben schien er mich nicht – von Vorurteilen behaftet – abzuschreiben, und das wollte ich auf keinen Fall kaputtmachen. Welche Ironie, dass ich nun etwas zu bekommen schien, wonach ich mich immerzu gesehnt hatte, dass ich mir aber trotzdem die Frage stellte, warum gerade ich das verdient haben sollte. War es falsch, ein Geschenk infrage zu stellen? War es wirklich ein Geschenk?
Mein erster Eindruck, als ich das Gebäude betrat, war ganz anders, als ich es erwartet hatte. Zwar offenbarte sich bei einem Blick nach oben, dass es der Decke hier und da an Farbe mangelte, und es schien von außen auch eher so, als ob hier nichts für die Ewigkeit eingerichtet worden sei, doch im Innern wirkte es auf eine gewisse Weise modern. Als viel befremdlicher empfand ich, dass ich während unserer Fahrt zum ersten Mal in meinem Leben einen merklichen Unterschied zwischen verschiedenen menschlichen Lebensarten hatte feststellen können und schon jetzt begann zu vergleichen und in Kategorien wie »besser« und »schlechter« zu denken.
Luther wies mich mit einem Fingerzeig an, mich auf einen der direkt neben der Eingangstür an der Wand aufgereihten weißen Klappstühle zu setzen, während er unter dem Surren einer elektrischen Schlossentriegelung durch eine Tür am anderen Ende des Raumes verschwand. Der Raum selbst hatte mit seinen schneeweißen Wänden den Charme des Wartezimmers einer Arztpraxis. Links neben der Tür war eine etwa ein mal ein Meter große, mit einer dicken Scheibe verglaste Öffnung in der Wand. Durch sie sah man in einen anderen, kleinen Raum, der mit Aktenschränken und Regalen vollgestellt war. Am unteren Ende der Scheibe war eine Metallplatte mit einer Drehscheibe horizontal in das weiß verputzte Mauerwerk eingelassen, etwa auf Bauchhöhe eines erwachsenen Mannes. So etwas hatte ich zuvor nur bei Ticketschaltern in Kinos gesehen, wo man Geld gegen Karten tauscht. Dahinter saß Zeitung lesend ein Mann. Die aufgeschlagene Zeitung verdeckte ihn fast vollständig. Allein seine Arme und Hände waren zu sehen, die links und rechts die Zeitung hielten. Selbst beim Umblättern schaffte er es, so gut wie unsichtbar zu bleiben. Luthers Ankunft schien ihn nicht weiter zu interessieren, zumindest würdigte er ihn keines Blickes – von mir ganz zu schweigen. Vielleicht wurden wir oder er ja erwartet und es war normal, dass Luther mit einem völlig fremden Jungen ankam. Wirklich überzeugend fand ich diese Erklärung jedoch selbst nicht.
...
5 Sterne
Ausgezeichnet  - 15.11.2025
Moser Iris

Dieses Buch ist von Anfang bis Schluss spannend und sehr gut zu lesen. Die unerwarteten Wendungen in der Handlung machen jedes Kapitel aufs Neue interessant. Fang Tan ist jedem zu empfehlen. Freut euch auf eine spannende Geschichte.....

5 Sterne
Hervorragend  - 09.10.2025
Sebastian Pietsch

Ein wirklich sehr spannendes Werk. Es macht Spaß, es zu lesen. Ich kann es jedem nur ans Herz legen.

5 Sterne
Hervorragend  - 09.10.2025
Sebastian Pietsch

Ein wirklich sehr spannendes Werk. Es macht Spaß, es zu lesen. Ich kann es jedem nur ans Herz legen.

5 Sterne
Ein Roman,Eine außergewöhnlicher Thriller mit Tiefgang - 18.09.2025
Maria

Helmut-Michael Kemmers Roman ist ein wahres literarisches Juwel, das den Leser von der ersten Seite an in seinen Bann zieht. Die Geschichte von David, der als neunjähriger Waise von Luther in ein geheimnisvolles Camp in Rumänien gebracht wird, entwickelt sich zu einer vielschichtigen Erzählung über Freundschaft, Verlust und persönliche Entwicklung.Brillante CharakterentwicklungBesonders beeindruckend ist die Entwicklung der Hauptfigur David und seiner komplexen Beziehung zu Caleb. Der Autor schafft es meisterhaft, die psychologischen Nuancen ihrer Freundschaft darzustellen - von der anfänglichen Rivalität bis hin zu einer tiefen, aber problematischen Verbindung. Die Charaktere sind authentisch und vielschichtig gezeichnet, jeder mit seinen eigenen Stärken und Schwächen.Spannende Handlung und atmosphärische BeschreibungenDie Missionen der Militia 13 sind actionreich und fesselnd beschrieben. Besonders die nächtlichen Einsätze, wie der erste große Test mit der mysteriösen "Insigne"-Kiste, sind so lebhaft geschildert, dass man sich mitten im Geschehen wähnt. Kemmer versteht es, Spannung aufzubauen und den Leser bei der Stange zu halten.Tiefgreifende ThemenDas Buch behandelt wichtige Themen wie Identität, Zugehörigkeit und die Suche nach dem eigenen Platz in der Welt. Davids Reflexionen über seine Herkunft und seine Rolle in der Welt sind bewegend und regen zum Nachdenken an. Die philosophischen Überlegungen über Zeit, Veränderung und Vergänglichkeit verleihen der Geschichte zusätzliche Tiefe.Gelungene Mischung aus GenresKemmer schafft es brillant, Elemente des Thrillers, Coming-of-Age-Romans und der Philosophie zu vereinen. Die Szenen in der virtuellen Welt von Reliquia zeigen seine Fähigkeit, auch moderne Themen wie Online-Identität und virtuelle Realitäten geschickt in die Handlung einzuweben.Emotionale AuthentizitätDie emotionalen Momente des Romans - sei es Davids Wiedersehen mit seinen Pflegeeltern oder die tragischen Ereignisse während der Missionen - sind mit großer Sensibilität und Glaubwürdigkeit dargestellt. Man spürt förmlich die inneren Kämpfe der Charaktere.Fazit"Fang Tan" ist ein außergewöhnlicher Roman, der lange im Gedächtnis bleibt. Helmut-Michael Kemmer hat ein Werk geschaffen, das sowohl unterhaltsam als auch tiefgreifend ist. Die Geschichte fesselt nicht nur durch ihre spannende Handlung, sondern regt auch zu wichtigen Fragen über Freundschaft, Loyalität und den Sinn des Lebens an. Ein absolutes Muss für alle, die anspruchsvolle Literatur schätzen, die Unterhaltung mit Substanz verbindet.Absolute Leseempfehlung!

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