Dunkle Geschäfte in Friesland
Gert Gerdes ermittelt
EUR 19,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 154
ISBN: 978-3-7116-1704-0
Erscheinungsdatum: 19.05.2026
Gert Gerdes, Privatdetektiv in Jever, übernimmt Vermisstenfälle in Friesland – und stößt dabei auf ein regionales Drogennetzwerk. Hartnäckig ermittelt er weiter, bis aus Routine tödliche Gefahr wird.
TEIL I
27. September - Gunter
Aus dem Wohnzimmerfenster seiner kleinen Wohnung starrte Gunter auf den vorbeifließenden Stadtverkehr der vierspurigen Straße. Ein grauverhangener Himmel und die herbstliche Kühle, die er durch die Scheibe zu empfinden meinte, spiegelten seine Gefühlslage, die zwischen Betrübtheit und Wut hin und her schwankte, ohne sich für eine der beiden Seiten zu entscheiden. Doch sein Entschluss stand fest. Er würde die Stadt verlassen. Heute noch.
In der Hand eine kleine Reisetasche, verließ er eilig seine Wohnung, stieg in den alten Hyundai i10 ein und schlug kraftvoll die Fahrertür zu. Der Kleinwagen war eine Hinterlassenschaft seiner Mutter, der nach ihrem Tod ihm gehörte. Er setzte rückwärts aus der Parkbucht und ordnete sich in den dicht fließenden Stadtverkehr ein. Die blau-weißen Hinweisschilder lenkten ihn in Richtung der Autobahnen A 2 und A 7.
Auf in den Norden, den Ärger zurücklassen, waren seine Gedanken, die ihn zu seinem Aufbruch, den er schon einige Tage geplant hatte, bewegt hatten. Er hatte bis zuletzt auf ein Einlenken seiner Schwester gehofft. Vergeblich, sodass sich sein Groll von Tag zu Tag verstärkte. Jetzt fokussierte er sich aber ausschließlich auf sein Fahrziel in Ostfriesland und verdrängte die negativen Gefühle.
Schon nach wenigen Kilometern, bevor er die Autobahnauffahrt erreichte, entspannte er sich spürbar. Sang laut und falsch eine alte Schlagerschnulze mit, die gerade auf NDR 1 lief, dem Lieblingssender seiner Mutter. Das Fahrgeräusch des Kleinwagens verschluckte den größten Teil seines Gesangs, was ihn nicht störte. Hauptsache, die Stimmung war nicht im Keller und er kam zügig voran.
Er fuhr auf die A 7 in Richtung Hamburg und konzentrierte sich ganz auf das Fahren. Das Gaspedal komplett durchgedrückt, genoss er sein schnelles Vorankommen. Zum Glück waren die langsamen Lkws, die tagsüber hier zahlreich unterwegs waren, zu dieser Zeit kein Hindernis mehr.
Vor der Ausfahrt Walsrode/Bremen blitzte es hell auf, hier waren 120 km/h erlaubt, eine Geschwindigkeitsbegrenzung, die Gunter mit seinem Tunnelblick, der nur der Fahrbahn galt, nicht gesehen hatte. Ohne ein Bedauern auf diesen Regelverstoß zu verschwenden, fuhr er unbeirrt im gleichen Tempo weiter. Kurz darauf erreichte er die anvisierte Abfahrt in Richtung Bremen. In dieser nahm er doch den Fuß vom Gas, um nicht aus der Kurve zu fliegen. Setzte auf der A 27 seine Fahrt in einer sich weiter bessernden Stimmungslage fort. Inzwischen war Mitternacht vorbei und nur spärlicher Verkehr auf dieser tagsüber dicht befahrenen Autobahn. Nur ab und zu überholte ihn ein BMW oder Audi mit zumeist sehr hohem Tempo. Mit Aufblendlicht scheuchten sie ihn von der linken Fahrspur und signalisierten ihm, fahr gefälligst rechts du Kleinwagenfuzzi im Schneckentempo.
Diese Überholbegegnungen ärgerten ihn nur kurz, er hatte sie schnell wieder vergessen. Er hatte ja die freie rechte Fahrbahnseite.
Diese gehörte ihm allein und seinem Kleinwagen. Am Bremer Kreuz fuhr er auf die A 1, an Bremen in gemäßigtem Tempo vorbei. Hier sorgten häufig Radarfallen für die Einhaltung der Geschwindigkeitsbegrenzung. Gleich mehrfach geblitzt zu werden, erschien selbst ihm unnötig. Hinter Bremen verließ er die A 1 und setzte seine Fahrt auf der A 28 fort. Um der Müdigkeit entgegenzuwirken, die sich langsam bemerkbar machte, drehte er sein Radio voll auf und trommelte mit den Händen auf dem Lenkrad herum. Erreichte so die Stadtgrenze von Oldenburg in einer knappen halben Stunde. Dort bog er auf die A 29 nach Wilhelmshaven ab. Fuhr weiter mit durchgedrücktem Gaspedal auf dieser zur Nachtzeit fast verkehrsfreien Autobahn.
Über die Abfahrt Jever/Wittmund verließ er die A 29 und setzte seine Fahrt auf der B 210 fort. Inzwischen deutlich langsamer. Aufmerksam und konzentriert fuhr er jetzt, um den Rest der Strecke, die zahlreiche Kurven hat, möglichst unversehrt zurückzulegen. Dabei hatte er das Navi fest im Blick. Auf der Bundesstraße war fast kein Verkehr und Gunter hatte die Straße überwiegend für sich allein.
Gegen drei Uhr morgens erreichte er sein Ziel nahe der Nordseeküste, an der Landstraße zwischen Esens und Bensersiel. Das Gehöft, ein kleiner Bauernhof, lag etwa 300 m von der Straße entfernt. Die Einfahrt fand Gunter erst, nachdem er einmal daran vorbeigefahren war. Sein Navi funktionierte hier eher ungenau. Er drehte beim nächstliegenden Haus um und bog nun richtig ab. Langsam näherte er sich im Schritttempo dem im Dunkeln liegenden Bauernhaus. Der Haustürschlüssel lag versteckt unter einer Holzkiste, die von Feuchtigkeit durchdrungen vor sich hin faulte. Die Schlüsselinfo hatte er per Mail vorab vom Hausbesitzer erhalten.
Gunter, noch aufgekratzt von der Fahrt, inspizierte die Räumlichkeiten, die mit alten Möbeln vollgestellt waren und einen muffigen Geruch verbreiteten. Er suchte, nachdem er bei seinem Rundgang überall Licht angemacht hatte, ein Entspannungsbier. Entdeckte in der Küche eine halb volle Kiste Jever Pils, die er unter den Tisch im Wohnzimmer stellte. Machte es sich bequem auf einem alten, verschlissenen Sessel mit einer tief eingedrückten Sitzfläche und öffnete die erste Flasche. Nach drei weiteren, die er zügig leerte, war er deutlich entspannter und in der Folge schläfrig geworden. Er knipste das Licht aus, legte sich auf die alte Couch und schlief sofort ein.
28. September - Gunter
Unsanft durch eine leichte Kopfnuss geweckt, richtete sich Gunter abrupt auf. Vor ihm stand ein hellblonder Riese, genauer ein Ostfriese, fast zwei Meter groß in einer dazu passenden Gewichtsklasse. Den Körper in eine weite schwarze Jacke gehüllt, wirkte er erschreckend voluminös. Ein freundliches Grinsen im Gesicht milderte den wuchtigen Eindruck und den ersten Schreckensmoment, der ihn erfasst hatte.
„Moin, bist du endlich da. Und gleich auf meine Bierreserven los“, brummelte dieser mit einer tiefen Stimme, die exakt zu seinem Körpervolumen passte. Gunter wischte sich den Schlaf aus den Augen und fragte schlaftrunken: „Bist du Hugo Harms?“
„Ja genau, der bin ich, nun komm mal von der Couch hoch“. Neben Hugo wirkte Gunter wie ein schlapper Lappen, obwohl er 1,80 m groß war. Dabei aber hager und leichtgewichtig.
„Auf geht’s, machen wir einen Rundgang, ich zeig dir den Hof“.
Zusammen, Hugo voran, liefen sie erst durch den Wohnbereich und dann in die Scheune und in das separat stehende Stallgebäude. Der Hof machte einen baufälligen Eindruck. Sanierung zwecklos, Abriss sinnvoll, war ein spontaner Gedanke, der Gunter einfiel, den er aber lieber für sich behielt. Zurück in der Küche sprach Hugo ihn an:
„Hier kannst du es dir gemütlich machen, die Möbel sind noch von der Vorbesitzerfamilie Dirks. Denen habe ich vor zwei Monaten das Gehöft für kleines Geld abgekauft.“ Gunter nickte und bestätigte mit einem zustimmenden „Okay“ den Vorschlag.
„Pass auf den Hof gut auf, eine weitere Einführung in deinen Job gibt’s morgen, wenn du dich hier etwas eingefunden hast“, beendete Hugo seine Ansage. Beide verabschiedeten sich und sein neuer Chef verließ das Haus. Gunter hörte ein Motorengeräusch von einem PS-starken Fahrzeug, das sich langsam entfernte und ländliche Ruhe zurückließ, die nur gelegentlich von Möwengekreische gestört wurde. Ihm wurde bewusst, wie nah die Nordseeküste hier war.
Gunter griff eine Bierflasche, trank sie aus und legte sich wieder hin, um den unterbrochenen Schlaf fortzusetzen. Gegen Mittag wurde er von der Sonne geweckt, die nach einem nebligen Vormittag ihr helles Licht auf das Kopfende der Schlafcouch warf. Er blinzelte zunächst, öffnete seine Augen und erhob sich, ohne Eile dabei an den Tag zu legen.
Bei Tageslicht und Sonnenschein wirkten die in die Jahre gekommenen Hofgebäude deutlich freundlicher. Das alte und zum Teil zerschlissene Mobiliar im Wohnbereich sah auch nicht mehr so trostlos aus wie bei seinem Eintreffen in der Nacht.
Gunter lief einen Rundgang über das Grundstück und verschaffte sich einen örtlichen Überblick. Das Bauernhaus lag in der für Ostfriesland typischen Marschlandschaft, etwa 300 m von der Landstraße zwischen Esens und Bensersiel gelegen. Umgeben waren die Hofgebäude von hohen Eichenbäumen, die durch ihre Abmaße auf das Alter des Gehöftes hinwiesen. Sie grenzten die Hofanlage optisch ein. Inmitten von größeren Weidelandflächen bot sich somit dem Ankömmling ein weiter Blick in die ostfriesische Landschaft. Die nächstgelegenen Bauernhöfe waren zwar am Horizont zu sehen, doch zu entfernt, um etwas Genaueres zu erkennen. Dichter dran lag ein kleines, älteres Wohnhaus, vermutlich ein früheres Landarbeiterhaus in unmittelbarer Nähe zur Durchgangsstraße. Gunter konnte dort Bewegungen im Garten sehen, die darauf hindeuteten, dass das kleine Haus bewohnt war.
Gunter knurrte der Magen, er konnte aber im leeren Kühlschrank nichts Essbares finden. Kurz entschlossen lief er zu seinem Auto, fuhr nach Esens, in die nahe gelegene Kleinstadt, um dort einzukaufen. Vom Gedanken getrieben, von Bier allein kann ich nicht leben, außerdem ist die Bierkiste bald leer, machte Gunter sich auf den Weg.
Nach kurzer Fahrt hielt er gleich am erstbesten Supermarkt, der mit seiner roten Schrift auf gelbem Untergrund zum preiswerten Einkaufen aufforderte. Eingeparkt schnappte er sich einen Einkaufswagen und begab sich in den Markt. Wenig später kehrte er mit gefülltem Rollwagen, auf dem neben Lebensmitteln eine neue Bierkiste stand, zu seinem Auto zurück, verteilte alles auf dem Rück- und Beifahrersitz und trat die Rückfahrt an.
Er näherte sich dem Hof, da sah er schon von Weitem einen schwarzen Amarok Pick-up am Stallgebäude stehen. Er hielt daneben an und erblickte seinen Boss am Lenkrad des wuchtigen Autos, der ihn durch seine Sonnenbrille musterte.
„Ich habe grade eingekauft“, entschuldigte sich Gunter. Hugo schwang sich mit einem „Moin“ aus seinem Fahrzeug heraus und klopfte ihm leutselig auf die Schulter.
„Jetzt erklär ich dir deinen Job, also was hier von dir zu machen ist und für das es gute Kohle gibt.“ Hugo voran, führte ihr Weg sie direkt in die Scheune. Hinter einigen Heuballen verborgen, die kurzerhand beiseitegeschoben wurden, kam eine graue Eisentür zum Vorschein. Er öffnete die Tür, schaltete das Deckenlicht an und ein fensterloser Raum wurde sichtbar. In diesem stapelten sich zahlreiche Pappkartons. Alle waren mit Klebeband sauber verschlossen und gaben keinen Hinweis auf ihren Inhalt.
„Du passt auf diese Kartons gut auf, da ist guter Stoff drin und du lässt hier auch niemanden rein. Dieser Raum ist topsecret“, befahl Hugo und sah Gunter dabei durchdringend an, um die Bedeutung dieser Ansage zu unterstreichen. „Okay“, erwiderte dieser eingeschüchtert, der nicht direkt mit dieser Art von Arbeit gerechnet hatte.
„Mach es dir in der Wohnung gemütlich, viel zu tun hast du hier eh nicht. Anweisungen kommen nur von mir. Ansonsten alles easy“, beendete Hugo seine Einweisung in den Job. Er zuckte seine Brieftasche und gab Gunter drei Hunderter Anzahlung, die dieser überrascht und erfreut einsteckte.
„Ach noch eines, heute kommt eine Lieferung. Nimm diese an, es sind genau 20 Kartons, und gib dem Fahrer diesen Umschlag dafür. Der Fahrer ist Holländer und heißt Henk. Im Umschlag ist die abgezählte Kohle drin.“ Ins Wohnzimmer zurückgekehrt, verabschiedete sich Hugo und verließ das Haus. Gunter hörte ihn kurz darauf wegfahren.
Am Nachmittag klopfte es laut an der Haustür. Gunter öffnete und vor ihm stand ein etwa vierzigjähriger Mann, mittelgroß und untersetzt gebaut, mit Halbglatze und freundlichem Gesichtsausdruck. Durch die geöffnete Tür sah Gunter einen weißen Transporter mit gelben Kennzeichen. Er sagte: „Na Holländer, was liegt an?“ Der erwiderte: „Moin, ich bringe eine Lieferung für Hugo“.
Gunter half ihm, die Anlieferung in den Flur zu tragen und dort zu stapeln. Später würde er die Ladung in den Geheimraum transportieren. Bald waren alle 20 Kartons im Haus, und er verabschiedete den Holländer mit den Worten: „Hier ist dein Umschlag von Hugo“. Er hörte ein Türenschlagen und den Transporter wegfahren.
Gunter schleppte die Kisten vor den Geheimraum, räumte die Heuballen beiseite und öffnete die Eisentür. Den ersten Karton in beiden Händen betrat er den Raum, da traf ihn ein Schlag von hinten hart auf den Kopf, er sackte zusammen und blieb reglos liegen.
Mit einem enormen Schädelbrummen wachte er einige Zeit später verwirrt wieder auf, versuchte, sich zu erinnern. Schwerfällig erhob er sich vom kalten Zementboden und sah, dass der Raum komplett leergeräumt worden war. Kein Karton mehr da, seine erschreckende Erkenntnis. Langsam kam die Erinnerung zurück und mit ihr die Überlegung, dass nur der Holländer für diese Aktion in Betracht kam. Der hatte seine Abfahrt vorgetäuscht und war später zurückgekehrt, um ihn niederzuschlagen und alle im Raum gelagerten und von ihm angelieferten Kartons mitzunehmen. Doch warum? Was hatte dieser Henk im Sinn? In diesen Fragen gefangen, bemerkte Gunter, der immer noch nach Orientierung suchte, dass die Eisentür verschlossen war.
Er rüttelte am Griff, null Bewegung. Wenigstens das Licht in dem kargen Raum war angeschaltet geblieben. Erschrocken stellte Gunter fest, dass sein Handy weg war. Allein und eingeschlossen, von starken Kopfschmerzen geplagt, überfiel ihn ein Gefühl von Ratlosigkeit und Verzweiflung. Ich bin eingesperrt, war die schmerzliche Erkenntnis, die alle weiteren Überlegungen beiseiteschob. Wann würde Hugo wieder auftauchen und ihn hier finden? Ohne Wasser vermag ein Mensch nur wenige Tage zu überleben. Das wusste Gunter und die Vorstellung, zu verdursten, erfüllte ihn mit großer Angst. Überlagert wurde diese von dem Gefühl, sein Kopf würde vor Schmerzen platzen. Jegliches Überlegen und Nachdenken waren schwer bis unmöglich. Es blieb ihm nur die Möglichkeit, sich zu beruhigen, zu warten und etwas gegen die Kopfschmerzen zu unternehmen.
Gunter baute sich aus einigen Strohresten, die am Rand des Raumes herumlagen, einen Liegeplatz. Mit einem größeren Strohbüschel, auf den er seinen Pullover legte, versuchte er, seinen Kopf weich zu betten. Kaum lag er auf dem Stroh, abgewandt von der Deckenlampe, schlief er trotz Brummschädel einige Zeit später ein.
29. September - Gunter
Gunter wurde abrupt geweckt. Hugo schüttelte ihn und stellte ihn senkrecht auf die Beine. „Was ist los?“, stotterte dieser erschrocken.
„Das will ich von dir wissen. Also, was ist hier passiert?“, fragte Hugo wütend. Weiter sagte er: „Ich komme grade aus Aurich und sehe, hier ist alles dunkel, die Haustür halboffen. Ich komme ins Haus, laufe in die Scheune. Die Heuballen sind nicht vor der Tür und die Tür ist zu. Die kann bekanntlich von innen nicht geöffnet werden. Also mache ich auf und siehe da, der Raum ist leergeräumt und du liegst am Boden und pennst“.
Aufgeregt und mit wenigen Worten schilderte Gunter den Überfall auf ihn und zeigte etwas wehleidig auf die große Beule am Hinterkopf, die inzwischen stark angeschwollen war. Hugo begutachtete die Schwellung und beruhigte sich. Er überlegte und sagte deutlich besonnener:
„Das war bestimmt Henk, dieser Halunke. Der kann den Hals nicht vollkriegen. Wahrscheinlich liefert der meinen Bestand und die Lieferung, die ich bekommen sollte, in Wilhelmshaven aus, da ist Heiner Bols der Platzhirsch.“
Für was der dort der Platzhirsch wäre, erwähnte Hugo nicht. Gunter verstand es aber auch so. In der Küche trank er reichlich Wasser aus dem Wasserhahn, ließ sich auf einen Stuhl sinken und langsam wurde es ihm besser zumute. Hugo telefonierte, ohne dass Gunter das Gesprochene mithören konnte. Er beendete das Telefonat und wandte sich wieder direkt an ihn: „Gleich kommen meine Jungs, mit denen fahre ich nach Wilhelmshaven. Vielleicht erwischen wir Henk noch, du bleibst hier und hältst die Stellung.“
Er fummelte in seinen Jackentaschen herum und drückte Gunter ein älteres Handy mit den Worten in die Hand: „Lass es dir nicht wieder wegnehmen“.
Eine Viertelstunde später raste ein schwarzer BMW X5M heran und stoppte vor dem Eingang des Hofes neben dem Pick-up vom Boss. Zwei Männer sprangen heraus und berieten mit Hugo ihr weiteres Vorgehen. Gunter blieb abwartend im Hintergrund. Hugo rief ihm wenig später zu: „Wir fahren jetzt, warte hier.“ Die drei Männer stiegen in den SUV und fuhren los. Gunter sah sie auf die Straße nach Esens einbiegen. Ins Wohnzimmer zurückgekehrt, nahm er sich ein Bier und ließ das Geschehene Revue passieren. Es kamen ihm Zweifel, ob der neue Job der richtige für ihn war. Er hatte schon so vieles versucht: Kassierer im Supermarkt, bei McDonald’s im Verkauf, im Baumarkt beim Holzzuschnitt. Die Liste der Jobs, die er in den zurückliegenden Jahren ausprobiert hatte, war lang, einige hatte er nur Wochen, andere mehrere Monate ausgeübt. Keinen Job über eine längere Zeit, so war er 51 Jahre alt geworden und die Auswahlmöglichkeiten wurden zunehmend kleiner. Zuletzt kamen auch Jobs, die nicht ganz legal waren, hinzu. Der Job hier auf dem Hof zählte sicher dazu, das war schon klar geworden, als ihm Hugo seinen Job erklärt hatte. Leider war der Start hier nicht gut verlaufen. Es gehörte nicht zu seinen Stärken, sein Leben selbstkritisch zu überdenken. Entweder waren andere schuld oder es war Pech, das ihn ereilte. Nach einigen Minuten des Grübelns, warum er wieder einmal in eine schwierige Lage geraten war, setzte er sich vor den Fernseher, schaltete ein, sah eine Quizsendung an, bei der Geld zu gewinnen war. Dabei konnte er sich durch Mitraten ablenken und die Zeit vertreiben.
Hugo, Johnny und Renke
Hugo und seine beiden Männer fürs Grobe heizten unterdessen in Wittmund auf die B 210 und waren in einer halben Stunde in Wilhelmshaven. Auf der Peterstraße fuhren sie langsam an dem ihnen bekannten mehrstöckigen Haus vorbei und parkten in einer Nebenstraße, dem Metzer Weg. Sie näherten sich dem Gebäude einzeln im Schatten der Wände der benachbarten Häuser. Hugo postierte Johnny, einen seiner beiden Männer, unweit der Hauseingangstür des Zielobjekts. Mit dem anderen, Renke, lief er durch eine schmale Pkw-Einfahrt auf den Hinterhof. Dort stand ein weißer Transporter mit gelben Kennzeichen hinter einem Container für Bauschutt, zwar versteckt, aber nicht unsichtbar. Hugo flüsterte Renke zu: „Dachte ich mir es doch, Henk ist noch da. Am besten, wir warten erst mal hinter dem Schuttbehälter. Sicher kommt er irgendwann heraus, er muss ja nach Groningen zurück und wir können ihn uns schnappen“, ergänzte Hugo leise.
Auf dem Handy schickte er Johnny eine Nachricht. Der kontrollierte von einer nicht einsehbaren Stelle die Hauseingangstür so unauffällig wie möglich. Hinter dem Container war es dunkel. Ein geeigneter Platz, um nicht gesehen zu werden. Es wurde aber mit fortschreitender Nachtzeit zunehmend kälter. Ungünstig, um lange im Freien zu warten. Beide waren ohne passende Wärmekleidung losgefahren. Nach einer Stunde waren sie schon durchgefroren. Da kam Hugo auf eine Idee. Renke, der Spezi für das Öffnen von Schlössern, öffnete die Hintertür des Transporters mit seinem Spezialwerkzeug. Beide kletterten in den Laderaum des Fahrzeugs, der leer bis auf einige alte Decken war. Im Innenraum fühlten sie bald den Temperaturunterschied. Es war nicht warm, aber deutlich angenehmer als draußen. Sie hockten sich so hin, dass sie nicht vom Fahrersitz aus gleich zu sehen waren und nutzten die Decken, um auf dem harten Laderaum einigermaßen bequem zu sitzen.
Nach zwei Stunden Wartezeit kam Henk endlich aus dem Hinterausgang des Hauses, schaute sich in alle Richtungen um und näherte sich dem Fahrzeug vorsichtig. Da er nichts sehen konnte, stieg er ein und fuhr los. Hugo schickte Johnny eine Handynachricht, dass er mit seinem Wagen dem Transporter gleich unauffällig folgen sollte. Dieser machte sich eilig auf den Weg zum parkenden SUV, um die Verfolgung aufzunehmen. Johnny fuhr los und bog auf die Peterstraße ein. Vor ihm die Rücklichter des Lieferwagens, mit einem Fahrer, der alles daransetzte, die Stadt schnell auf direktem Weg zu verlassen. Johnny ließ sich mit seinem Fahrzeug zurückfallen, um nicht als Verfolger erkannt zu werden. Henk verließ die Stadt in Richtung Westen. Erkennbar seine Zielrichtung, die A 29, um in die Niederlande zurückzufahren. Auf der Höhe der Ortschaft Roffhausen überholte Johnny den Transporter und zwang den Fahrer, indem er direkt vor ihm scharf abbremste, in eine Haltebucht für Busse abzubiegen und dort anzuhalten. Kaum stand der Lieferwagen, sprangen Hugo und Renke aus dem Laderaum, um Henk vom Fahrersitz zu ziehen, der völlig überrascht zu keiner Gegenwehr mehr fähig war. An Händen und Füßen gefesselt fand er sich alsbald auf der Ladefläche wieder. Johnny und Hugo fuhren voran und Renke mit dem Transporter hinterher. In einer halben Stunde waren sie zurück und bogen in die Einfahrt des Hofes ein. Henk, liegend durchgeschüttelt auf dem kaum gefederten Laderaum, wurde in den Flur gestoßen. Es folgte eine Komplettdurchsuchung seiner Kleidung, die einen Geldumschlag, seine Brieftasche und sein Smartphone zutage förderte. Auch das Handy von Gunter steckte in seiner Jacke. Alles nahm Hugo ohne Kommentar an sich.
…
27. September - Gunter
Aus dem Wohnzimmerfenster seiner kleinen Wohnung starrte Gunter auf den vorbeifließenden Stadtverkehr der vierspurigen Straße. Ein grauverhangener Himmel und die herbstliche Kühle, die er durch die Scheibe zu empfinden meinte, spiegelten seine Gefühlslage, die zwischen Betrübtheit und Wut hin und her schwankte, ohne sich für eine der beiden Seiten zu entscheiden. Doch sein Entschluss stand fest. Er würde die Stadt verlassen. Heute noch.
In der Hand eine kleine Reisetasche, verließ er eilig seine Wohnung, stieg in den alten Hyundai i10 ein und schlug kraftvoll die Fahrertür zu. Der Kleinwagen war eine Hinterlassenschaft seiner Mutter, der nach ihrem Tod ihm gehörte. Er setzte rückwärts aus der Parkbucht und ordnete sich in den dicht fließenden Stadtverkehr ein. Die blau-weißen Hinweisschilder lenkten ihn in Richtung der Autobahnen A 2 und A 7.
Auf in den Norden, den Ärger zurücklassen, waren seine Gedanken, die ihn zu seinem Aufbruch, den er schon einige Tage geplant hatte, bewegt hatten. Er hatte bis zuletzt auf ein Einlenken seiner Schwester gehofft. Vergeblich, sodass sich sein Groll von Tag zu Tag verstärkte. Jetzt fokussierte er sich aber ausschließlich auf sein Fahrziel in Ostfriesland und verdrängte die negativen Gefühle.
Schon nach wenigen Kilometern, bevor er die Autobahnauffahrt erreichte, entspannte er sich spürbar. Sang laut und falsch eine alte Schlagerschnulze mit, die gerade auf NDR 1 lief, dem Lieblingssender seiner Mutter. Das Fahrgeräusch des Kleinwagens verschluckte den größten Teil seines Gesangs, was ihn nicht störte. Hauptsache, die Stimmung war nicht im Keller und er kam zügig voran.
Er fuhr auf die A 7 in Richtung Hamburg und konzentrierte sich ganz auf das Fahren. Das Gaspedal komplett durchgedrückt, genoss er sein schnelles Vorankommen. Zum Glück waren die langsamen Lkws, die tagsüber hier zahlreich unterwegs waren, zu dieser Zeit kein Hindernis mehr.
Vor der Ausfahrt Walsrode/Bremen blitzte es hell auf, hier waren 120 km/h erlaubt, eine Geschwindigkeitsbegrenzung, die Gunter mit seinem Tunnelblick, der nur der Fahrbahn galt, nicht gesehen hatte. Ohne ein Bedauern auf diesen Regelverstoß zu verschwenden, fuhr er unbeirrt im gleichen Tempo weiter. Kurz darauf erreichte er die anvisierte Abfahrt in Richtung Bremen. In dieser nahm er doch den Fuß vom Gas, um nicht aus der Kurve zu fliegen. Setzte auf der A 27 seine Fahrt in einer sich weiter bessernden Stimmungslage fort. Inzwischen war Mitternacht vorbei und nur spärlicher Verkehr auf dieser tagsüber dicht befahrenen Autobahn. Nur ab und zu überholte ihn ein BMW oder Audi mit zumeist sehr hohem Tempo. Mit Aufblendlicht scheuchten sie ihn von der linken Fahrspur und signalisierten ihm, fahr gefälligst rechts du Kleinwagenfuzzi im Schneckentempo.
Diese Überholbegegnungen ärgerten ihn nur kurz, er hatte sie schnell wieder vergessen. Er hatte ja die freie rechte Fahrbahnseite.
Diese gehörte ihm allein und seinem Kleinwagen. Am Bremer Kreuz fuhr er auf die A 1, an Bremen in gemäßigtem Tempo vorbei. Hier sorgten häufig Radarfallen für die Einhaltung der Geschwindigkeitsbegrenzung. Gleich mehrfach geblitzt zu werden, erschien selbst ihm unnötig. Hinter Bremen verließ er die A 1 und setzte seine Fahrt auf der A 28 fort. Um der Müdigkeit entgegenzuwirken, die sich langsam bemerkbar machte, drehte er sein Radio voll auf und trommelte mit den Händen auf dem Lenkrad herum. Erreichte so die Stadtgrenze von Oldenburg in einer knappen halben Stunde. Dort bog er auf die A 29 nach Wilhelmshaven ab. Fuhr weiter mit durchgedrücktem Gaspedal auf dieser zur Nachtzeit fast verkehrsfreien Autobahn.
Über die Abfahrt Jever/Wittmund verließ er die A 29 und setzte seine Fahrt auf der B 210 fort. Inzwischen deutlich langsamer. Aufmerksam und konzentriert fuhr er jetzt, um den Rest der Strecke, die zahlreiche Kurven hat, möglichst unversehrt zurückzulegen. Dabei hatte er das Navi fest im Blick. Auf der Bundesstraße war fast kein Verkehr und Gunter hatte die Straße überwiegend für sich allein.
Gegen drei Uhr morgens erreichte er sein Ziel nahe der Nordseeküste, an der Landstraße zwischen Esens und Bensersiel. Das Gehöft, ein kleiner Bauernhof, lag etwa 300 m von der Straße entfernt. Die Einfahrt fand Gunter erst, nachdem er einmal daran vorbeigefahren war. Sein Navi funktionierte hier eher ungenau. Er drehte beim nächstliegenden Haus um und bog nun richtig ab. Langsam näherte er sich im Schritttempo dem im Dunkeln liegenden Bauernhaus. Der Haustürschlüssel lag versteckt unter einer Holzkiste, die von Feuchtigkeit durchdrungen vor sich hin faulte. Die Schlüsselinfo hatte er per Mail vorab vom Hausbesitzer erhalten.
Gunter, noch aufgekratzt von der Fahrt, inspizierte die Räumlichkeiten, die mit alten Möbeln vollgestellt waren und einen muffigen Geruch verbreiteten. Er suchte, nachdem er bei seinem Rundgang überall Licht angemacht hatte, ein Entspannungsbier. Entdeckte in der Küche eine halb volle Kiste Jever Pils, die er unter den Tisch im Wohnzimmer stellte. Machte es sich bequem auf einem alten, verschlissenen Sessel mit einer tief eingedrückten Sitzfläche und öffnete die erste Flasche. Nach drei weiteren, die er zügig leerte, war er deutlich entspannter und in der Folge schläfrig geworden. Er knipste das Licht aus, legte sich auf die alte Couch und schlief sofort ein.
28. September - Gunter
Unsanft durch eine leichte Kopfnuss geweckt, richtete sich Gunter abrupt auf. Vor ihm stand ein hellblonder Riese, genauer ein Ostfriese, fast zwei Meter groß in einer dazu passenden Gewichtsklasse. Den Körper in eine weite schwarze Jacke gehüllt, wirkte er erschreckend voluminös. Ein freundliches Grinsen im Gesicht milderte den wuchtigen Eindruck und den ersten Schreckensmoment, der ihn erfasst hatte.
„Moin, bist du endlich da. Und gleich auf meine Bierreserven los“, brummelte dieser mit einer tiefen Stimme, die exakt zu seinem Körpervolumen passte. Gunter wischte sich den Schlaf aus den Augen und fragte schlaftrunken: „Bist du Hugo Harms?“
„Ja genau, der bin ich, nun komm mal von der Couch hoch“. Neben Hugo wirkte Gunter wie ein schlapper Lappen, obwohl er 1,80 m groß war. Dabei aber hager und leichtgewichtig.
„Auf geht’s, machen wir einen Rundgang, ich zeig dir den Hof“.
Zusammen, Hugo voran, liefen sie erst durch den Wohnbereich und dann in die Scheune und in das separat stehende Stallgebäude. Der Hof machte einen baufälligen Eindruck. Sanierung zwecklos, Abriss sinnvoll, war ein spontaner Gedanke, der Gunter einfiel, den er aber lieber für sich behielt. Zurück in der Küche sprach Hugo ihn an:
„Hier kannst du es dir gemütlich machen, die Möbel sind noch von der Vorbesitzerfamilie Dirks. Denen habe ich vor zwei Monaten das Gehöft für kleines Geld abgekauft.“ Gunter nickte und bestätigte mit einem zustimmenden „Okay“ den Vorschlag.
„Pass auf den Hof gut auf, eine weitere Einführung in deinen Job gibt’s morgen, wenn du dich hier etwas eingefunden hast“, beendete Hugo seine Ansage. Beide verabschiedeten sich und sein neuer Chef verließ das Haus. Gunter hörte ein Motorengeräusch von einem PS-starken Fahrzeug, das sich langsam entfernte und ländliche Ruhe zurückließ, die nur gelegentlich von Möwengekreische gestört wurde. Ihm wurde bewusst, wie nah die Nordseeküste hier war.
Gunter griff eine Bierflasche, trank sie aus und legte sich wieder hin, um den unterbrochenen Schlaf fortzusetzen. Gegen Mittag wurde er von der Sonne geweckt, die nach einem nebligen Vormittag ihr helles Licht auf das Kopfende der Schlafcouch warf. Er blinzelte zunächst, öffnete seine Augen und erhob sich, ohne Eile dabei an den Tag zu legen.
Bei Tageslicht und Sonnenschein wirkten die in die Jahre gekommenen Hofgebäude deutlich freundlicher. Das alte und zum Teil zerschlissene Mobiliar im Wohnbereich sah auch nicht mehr so trostlos aus wie bei seinem Eintreffen in der Nacht.
Gunter lief einen Rundgang über das Grundstück und verschaffte sich einen örtlichen Überblick. Das Bauernhaus lag in der für Ostfriesland typischen Marschlandschaft, etwa 300 m von der Landstraße zwischen Esens und Bensersiel gelegen. Umgeben waren die Hofgebäude von hohen Eichenbäumen, die durch ihre Abmaße auf das Alter des Gehöftes hinwiesen. Sie grenzten die Hofanlage optisch ein. Inmitten von größeren Weidelandflächen bot sich somit dem Ankömmling ein weiter Blick in die ostfriesische Landschaft. Die nächstgelegenen Bauernhöfe waren zwar am Horizont zu sehen, doch zu entfernt, um etwas Genaueres zu erkennen. Dichter dran lag ein kleines, älteres Wohnhaus, vermutlich ein früheres Landarbeiterhaus in unmittelbarer Nähe zur Durchgangsstraße. Gunter konnte dort Bewegungen im Garten sehen, die darauf hindeuteten, dass das kleine Haus bewohnt war.
Gunter knurrte der Magen, er konnte aber im leeren Kühlschrank nichts Essbares finden. Kurz entschlossen lief er zu seinem Auto, fuhr nach Esens, in die nahe gelegene Kleinstadt, um dort einzukaufen. Vom Gedanken getrieben, von Bier allein kann ich nicht leben, außerdem ist die Bierkiste bald leer, machte Gunter sich auf den Weg.
Nach kurzer Fahrt hielt er gleich am erstbesten Supermarkt, der mit seiner roten Schrift auf gelbem Untergrund zum preiswerten Einkaufen aufforderte. Eingeparkt schnappte er sich einen Einkaufswagen und begab sich in den Markt. Wenig später kehrte er mit gefülltem Rollwagen, auf dem neben Lebensmitteln eine neue Bierkiste stand, zu seinem Auto zurück, verteilte alles auf dem Rück- und Beifahrersitz und trat die Rückfahrt an.
Er näherte sich dem Hof, da sah er schon von Weitem einen schwarzen Amarok Pick-up am Stallgebäude stehen. Er hielt daneben an und erblickte seinen Boss am Lenkrad des wuchtigen Autos, der ihn durch seine Sonnenbrille musterte.
„Ich habe grade eingekauft“, entschuldigte sich Gunter. Hugo schwang sich mit einem „Moin“ aus seinem Fahrzeug heraus und klopfte ihm leutselig auf die Schulter.
„Jetzt erklär ich dir deinen Job, also was hier von dir zu machen ist und für das es gute Kohle gibt.“ Hugo voran, führte ihr Weg sie direkt in die Scheune. Hinter einigen Heuballen verborgen, die kurzerhand beiseitegeschoben wurden, kam eine graue Eisentür zum Vorschein. Er öffnete die Tür, schaltete das Deckenlicht an und ein fensterloser Raum wurde sichtbar. In diesem stapelten sich zahlreiche Pappkartons. Alle waren mit Klebeband sauber verschlossen und gaben keinen Hinweis auf ihren Inhalt.
„Du passt auf diese Kartons gut auf, da ist guter Stoff drin und du lässt hier auch niemanden rein. Dieser Raum ist topsecret“, befahl Hugo und sah Gunter dabei durchdringend an, um die Bedeutung dieser Ansage zu unterstreichen. „Okay“, erwiderte dieser eingeschüchtert, der nicht direkt mit dieser Art von Arbeit gerechnet hatte.
„Mach es dir in der Wohnung gemütlich, viel zu tun hast du hier eh nicht. Anweisungen kommen nur von mir. Ansonsten alles easy“, beendete Hugo seine Einweisung in den Job. Er zuckte seine Brieftasche und gab Gunter drei Hunderter Anzahlung, die dieser überrascht und erfreut einsteckte.
„Ach noch eines, heute kommt eine Lieferung. Nimm diese an, es sind genau 20 Kartons, und gib dem Fahrer diesen Umschlag dafür. Der Fahrer ist Holländer und heißt Henk. Im Umschlag ist die abgezählte Kohle drin.“ Ins Wohnzimmer zurückgekehrt, verabschiedete sich Hugo und verließ das Haus. Gunter hörte ihn kurz darauf wegfahren.
Am Nachmittag klopfte es laut an der Haustür. Gunter öffnete und vor ihm stand ein etwa vierzigjähriger Mann, mittelgroß und untersetzt gebaut, mit Halbglatze und freundlichem Gesichtsausdruck. Durch die geöffnete Tür sah Gunter einen weißen Transporter mit gelben Kennzeichen. Er sagte: „Na Holländer, was liegt an?“ Der erwiderte: „Moin, ich bringe eine Lieferung für Hugo“.
Gunter half ihm, die Anlieferung in den Flur zu tragen und dort zu stapeln. Später würde er die Ladung in den Geheimraum transportieren. Bald waren alle 20 Kartons im Haus, und er verabschiedete den Holländer mit den Worten: „Hier ist dein Umschlag von Hugo“. Er hörte ein Türenschlagen und den Transporter wegfahren.
Gunter schleppte die Kisten vor den Geheimraum, räumte die Heuballen beiseite und öffnete die Eisentür. Den ersten Karton in beiden Händen betrat er den Raum, da traf ihn ein Schlag von hinten hart auf den Kopf, er sackte zusammen und blieb reglos liegen.
Mit einem enormen Schädelbrummen wachte er einige Zeit später verwirrt wieder auf, versuchte, sich zu erinnern. Schwerfällig erhob er sich vom kalten Zementboden und sah, dass der Raum komplett leergeräumt worden war. Kein Karton mehr da, seine erschreckende Erkenntnis. Langsam kam die Erinnerung zurück und mit ihr die Überlegung, dass nur der Holländer für diese Aktion in Betracht kam. Der hatte seine Abfahrt vorgetäuscht und war später zurückgekehrt, um ihn niederzuschlagen und alle im Raum gelagerten und von ihm angelieferten Kartons mitzunehmen. Doch warum? Was hatte dieser Henk im Sinn? In diesen Fragen gefangen, bemerkte Gunter, der immer noch nach Orientierung suchte, dass die Eisentür verschlossen war.
Er rüttelte am Griff, null Bewegung. Wenigstens das Licht in dem kargen Raum war angeschaltet geblieben. Erschrocken stellte Gunter fest, dass sein Handy weg war. Allein und eingeschlossen, von starken Kopfschmerzen geplagt, überfiel ihn ein Gefühl von Ratlosigkeit und Verzweiflung. Ich bin eingesperrt, war die schmerzliche Erkenntnis, die alle weiteren Überlegungen beiseiteschob. Wann würde Hugo wieder auftauchen und ihn hier finden? Ohne Wasser vermag ein Mensch nur wenige Tage zu überleben. Das wusste Gunter und die Vorstellung, zu verdursten, erfüllte ihn mit großer Angst. Überlagert wurde diese von dem Gefühl, sein Kopf würde vor Schmerzen platzen. Jegliches Überlegen und Nachdenken waren schwer bis unmöglich. Es blieb ihm nur die Möglichkeit, sich zu beruhigen, zu warten und etwas gegen die Kopfschmerzen zu unternehmen.
Gunter baute sich aus einigen Strohresten, die am Rand des Raumes herumlagen, einen Liegeplatz. Mit einem größeren Strohbüschel, auf den er seinen Pullover legte, versuchte er, seinen Kopf weich zu betten. Kaum lag er auf dem Stroh, abgewandt von der Deckenlampe, schlief er trotz Brummschädel einige Zeit später ein.
29. September - Gunter
Gunter wurde abrupt geweckt. Hugo schüttelte ihn und stellte ihn senkrecht auf die Beine. „Was ist los?“, stotterte dieser erschrocken.
„Das will ich von dir wissen. Also, was ist hier passiert?“, fragte Hugo wütend. Weiter sagte er: „Ich komme grade aus Aurich und sehe, hier ist alles dunkel, die Haustür halboffen. Ich komme ins Haus, laufe in die Scheune. Die Heuballen sind nicht vor der Tür und die Tür ist zu. Die kann bekanntlich von innen nicht geöffnet werden. Also mache ich auf und siehe da, der Raum ist leergeräumt und du liegst am Boden und pennst“.
Aufgeregt und mit wenigen Worten schilderte Gunter den Überfall auf ihn und zeigte etwas wehleidig auf die große Beule am Hinterkopf, die inzwischen stark angeschwollen war. Hugo begutachtete die Schwellung und beruhigte sich. Er überlegte und sagte deutlich besonnener:
„Das war bestimmt Henk, dieser Halunke. Der kann den Hals nicht vollkriegen. Wahrscheinlich liefert der meinen Bestand und die Lieferung, die ich bekommen sollte, in Wilhelmshaven aus, da ist Heiner Bols der Platzhirsch.“
Für was der dort der Platzhirsch wäre, erwähnte Hugo nicht. Gunter verstand es aber auch so. In der Küche trank er reichlich Wasser aus dem Wasserhahn, ließ sich auf einen Stuhl sinken und langsam wurde es ihm besser zumute. Hugo telefonierte, ohne dass Gunter das Gesprochene mithören konnte. Er beendete das Telefonat und wandte sich wieder direkt an ihn: „Gleich kommen meine Jungs, mit denen fahre ich nach Wilhelmshaven. Vielleicht erwischen wir Henk noch, du bleibst hier und hältst die Stellung.“
Er fummelte in seinen Jackentaschen herum und drückte Gunter ein älteres Handy mit den Worten in die Hand: „Lass es dir nicht wieder wegnehmen“.
Eine Viertelstunde später raste ein schwarzer BMW X5M heran und stoppte vor dem Eingang des Hofes neben dem Pick-up vom Boss. Zwei Männer sprangen heraus und berieten mit Hugo ihr weiteres Vorgehen. Gunter blieb abwartend im Hintergrund. Hugo rief ihm wenig später zu: „Wir fahren jetzt, warte hier.“ Die drei Männer stiegen in den SUV und fuhren los. Gunter sah sie auf die Straße nach Esens einbiegen. Ins Wohnzimmer zurückgekehrt, nahm er sich ein Bier und ließ das Geschehene Revue passieren. Es kamen ihm Zweifel, ob der neue Job der richtige für ihn war. Er hatte schon so vieles versucht: Kassierer im Supermarkt, bei McDonald’s im Verkauf, im Baumarkt beim Holzzuschnitt. Die Liste der Jobs, die er in den zurückliegenden Jahren ausprobiert hatte, war lang, einige hatte er nur Wochen, andere mehrere Monate ausgeübt. Keinen Job über eine längere Zeit, so war er 51 Jahre alt geworden und die Auswahlmöglichkeiten wurden zunehmend kleiner. Zuletzt kamen auch Jobs, die nicht ganz legal waren, hinzu. Der Job hier auf dem Hof zählte sicher dazu, das war schon klar geworden, als ihm Hugo seinen Job erklärt hatte. Leider war der Start hier nicht gut verlaufen. Es gehörte nicht zu seinen Stärken, sein Leben selbstkritisch zu überdenken. Entweder waren andere schuld oder es war Pech, das ihn ereilte. Nach einigen Minuten des Grübelns, warum er wieder einmal in eine schwierige Lage geraten war, setzte er sich vor den Fernseher, schaltete ein, sah eine Quizsendung an, bei der Geld zu gewinnen war. Dabei konnte er sich durch Mitraten ablenken und die Zeit vertreiben.
Hugo, Johnny und Renke
Hugo und seine beiden Männer fürs Grobe heizten unterdessen in Wittmund auf die B 210 und waren in einer halben Stunde in Wilhelmshaven. Auf der Peterstraße fuhren sie langsam an dem ihnen bekannten mehrstöckigen Haus vorbei und parkten in einer Nebenstraße, dem Metzer Weg. Sie näherten sich dem Gebäude einzeln im Schatten der Wände der benachbarten Häuser. Hugo postierte Johnny, einen seiner beiden Männer, unweit der Hauseingangstür des Zielobjekts. Mit dem anderen, Renke, lief er durch eine schmale Pkw-Einfahrt auf den Hinterhof. Dort stand ein weißer Transporter mit gelben Kennzeichen hinter einem Container für Bauschutt, zwar versteckt, aber nicht unsichtbar. Hugo flüsterte Renke zu: „Dachte ich mir es doch, Henk ist noch da. Am besten, wir warten erst mal hinter dem Schuttbehälter. Sicher kommt er irgendwann heraus, er muss ja nach Groningen zurück und wir können ihn uns schnappen“, ergänzte Hugo leise.
Auf dem Handy schickte er Johnny eine Nachricht. Der kontrollierte von einer nicht einsehbaren Stelle die Hauseingangstür so unauffällig wie möglich. Hinter dem Container war es dunkel. Ein geeigneter Platz, um nicht gesehen zu werden. Es wurde aber mit fortschreitender Nachtzeit zunehmend kälter. Ungünstig, um lange im Freien zu warten. Beide waren ohne passende Wärmekleidung losgefahren. Nach einer Stunde waren sie schon durchgefroren. Da kam Hugo auf eine Idee. Renke, der Spezi für das Öffnen von Schlössern, öffnete die Hintertür des Transporters mit seinem Spezialwerkzeug. Beide kletterten in den Laderaum des Fahrzeugs, der leer bis auf einige alte Decken war. Im Innenraum fühlten sie bald den Temperaturunterschied. Es war nicht warm, aber deutlich angenehmer als draußen. Sie hockten sich so hin, dass sie nicht vom Fahrersitz aus gleich zu sehen waren und nutzten die Decken, um auf dem harten Laderaum einigermaßen bequem zu sitzen.
Nach zwei Stunden Wartezeit kam Henk endlich aus dem Hinterausgang des Hauses, schaute sich in alle Richtungen um und näherte sich dem Fahrzeug vorsichtig. Da er nichts sehen konnte, stieg er ein und fuhr los. Hugo schickte Johnny eine Handynachricht, dass er mit seinem Wagen dem Transporter gleich unauffällig folgen sollte. Dieser machte sich eilig auf den Weg zum parkenden SUV, um die Verfolgung aufzunehmen. Johnny fuhr los und bog auf die Peterstraße ein. Vor ihm die Rücklichter des Lieferwagens, mit einem Fahrer, der alles daransetzte, die Stadt schnell auf direktem Weg zu verlassen. Johnny ließ sich mit seinem Fahrzeug zurückfallen, um nicht als Verfolger erkannt zu werden. Henk verließ die Stadt in Richtung Westen. Erkennbar seine Zielrichtung, die A 29, um in die Niederlande zurückzufahren. Auf der Höhe der Ortschaft Roffhausen überholte Johnny den Transporter und zwang den Fahrer, indem er direkt vor ihm scharf abbremste, in eine Haltebucht für Busse abzubiegen und dort anzuhalten. Kaum stand der Lieferwagen, sprangen Hugo und Renke aus dem Laderaum, um Henk vom Fahrersitz zu ziehen, der völlig überrascht zu keiner Gegenwehr mehr fähig war. An Händen und Füßen gefesselt fand er sich alsbald auf der Ladefläche wieder. Johnny und Hugo fuhren voran und Renke mit dem Transporter hinterher. In einer halben Stunde waren sie zurück und bogen in die Einfahrt des Hofes ein. Henk, liegend durchgeschüttelt auf dem kaum gefederten Laderaum, wurde in den Flur gestoßen. Es folgte eine Komplettdurchsuchung seiner Kleidung, die einen Geldumschlag, seine Brieftasche und sein Smartphone zutage förderte. Auch das Handy von Gunter steckte in seiner Jacke. Alles nahm Hugo ohne Kommentar an sich.
…

