DNA des Verrats
EUR 20,90
Format: 12 x 19 cm
Seitenanzahl: 274
ISBN: 978-3-7116-1610-4
Erscheinungsdatum: 27.05.2026
Über dem Tübinger Schlossberg lauert ein Geheimnis: Ein Mord, ein verschwundener Schatz und ein Experiment, das niemals ans Licht kommen darf. Kommissar Kleinfeldt gerät zwischen Macht, Verrat und technologischer Hybris.
PROLOG
Ein Halblicht aus LED-Lampen an der Decke. Kühle Luft. Ein muffiger Geruch. Links der kleine Archivraum, in dem sie gestern spioniert hatte.
Der große Kellerraum der Tübinger Rüstungsfirma verliert sich im Halbdunkel – von massiven Stützpfeilern durchzogen und angefüllt mit Transportkisten, Kontrollpulten, beschädigten Drohnen und Roboterhunden mit zerborstener Mechanik. Alles wirkt still und verlassen.
Ein ungutes Gefühl überkommt sie. Sollte sie hier ertappt werden, was würde sie sagen? Nur einen Tresor suchen? Sie atmet flach und schleicht weiter. Die Türreihe an der linken Wand fesselt ihre Aufmerksamkeit.
Sie drückt eine der Türen auf. Dunkelheit. Die Taschenlampe ihres Smartphones wirft hartes Licht auf Regale voller fremdartiger technischer Geräte. Noch ein Raum, wieder Regale. Und dann – ein gewaltiger Tresor. Wenn überhaupt, dann muss das Gold darin liegen.
Die Anspannung ist ihr unerträglich. Sie muss raus, darf nicht entdeckt werden! Da hört sie ein wiederkehrendes metallisches Geräusch und erstarrt. Schritte auf dem Beton, die näherkommen.
Klack. Klack. Klack.
Der Roboter!
Sie drückt sich eng hinter einen Pfeiler, erblickt den unförmigen Körper, von dessen Helm Drähte wie tote Schlangen herabhängen. Seine glühenden Augen scannen das Halbdunkel. Ein kalter Schauer überläuft sie. Ihr Atem geht stoßweise.
Klack. Klack. Klack.
Der Roboter stapft an ihrem Versteck vorbei bis zum Ende des Raumes, stoppt an der Panzertür und betätigt den Schließmechanismus. Angstvoll hört sie den dumpfen Schlag, mit dem die schwere Tür zufällt.
Dann kommt er zurück, an ihr vorüber, und verschwindet im Halbdunkel des langen Kellers. Sie zittert am ganzen Leib. Sie muss raus! Sie eilt zur Panzertür, versucht die Verriegelung zu lösen. Vergeblich.
Panik erfasst sie. Nichts! Kein Ausgang! Nur eine Möglichkeit bleibt: eine Treppe nach oben finden!
Ihr Herz rast. Sie horcht. Stille, bis auf das metallische Klacken weit entfernt. Da läuft sie los, sieht das Treppenhaus – und stockt. Schwere Schritte auf den Stufen. Ein blonder Hüne kommt herunter, eine mannshohe silberne Druckgasflasche mit einem Arm umfangen.
Sie kauert sich hinter eine Säule, sieht keinen Ausweg, gerät vor Angst außer sich. Kopflos hetzt sie hinüber zu einer der Türen, reißt sie auf und stürzt in den Raum.
Dunkelheit. Sie leuchtet mit dem Smartphone, und hält abrupt inne. Ein neuer Albtraum: Dutzende humanoider Puppen stehen in Reih und Glied. Nackt und ohne Regung. Ihre hellen Gesichter leer und ausdruckslos. Ein Flashback: ein Science-Fiction-Film, den sie einmal gesehen hat. Ein Mann in einem Raum wie diesem. Eine der Puppen war kein lebloses Ding gewesen – sondern eine tödliche Kreatur.
Von Grauen ergriffen wirbelt sie herum, rennt zurück durch die Tür – und erstarrt. Vor ihr steht der Hüne, breit, blond, mit starren toten Augen.
Sie öffnet den Mund zu einem Schrei. Doch kein Laut kommt hervor.
SONNTAG
DER TOTE AM SCHLOSSBERG
Blitzartig hat Otto begriffen!
Ines’ gellender Schrei …
die huschenden Schatten im dunklen Gehölz …
das blinkende Licht am bleichen Abendhimmel über dem Tübinger Schlossberg.
Er schnellt auf.
„Ines, schau nicht hin!“
Die kalte Hand – sie hatte sie unversehens ertastet, urplötzlich den blutverschmierten Körper im düsteren Gebüsch neben sich wahrgenommen. Ihrer beider Stelldichein hatte ein dramatisches Ende gefunden.
Ein fahler Mond ist aufgegangen und verströmt ein kaltes Licht. Der Schlossberg, eben noch heimelig und traut, erweist sich unvermittelt als ein gespenstischer Ort, der Berghang verlassen und geheimnisvoll. Oberhalb, durch Äste und Gezweig teilweise verdeckt, die Pension Osthof nahe dem Bismarckturm. Eine schwarze Silhouette im dunkelnden Abendlicht.
Otto gruselt. Er zieht die bebende Ines an sich, spricht beruhigend auf sie ein. Schließlich nimmt er all seinen Mut zusammen und wendet sich der furchtbaren Entdeckung zu. Mit der Taschenlampe seines Smartphones beugt er sich hinunter zu der leblosen Gestalt – deren Körper halb verdreht, überall Abschürfungen und Blut. Er schafft es gerade noch, die erloschene Halsschlagader zu ertasten und sich zu vergewissern. Dann ist er am Ende seiner Kraft und erbricht sich ins Gebüsch.
Warum haben sie den Toten nicht bemerkt, als sie sich hier niederließen? Erneut beleuchtet er den Leichnam. Die Verletzungen könnten von einem Sturz aus der Höhe stammen. Da entdeckt er ein kleines, bläulich glänzendes Objekt am Hinterkopf über dem blutig verrenkten Nacken. Könnte es das hintere Ende einer Stichwaffe sein?
Ines hat inzwischen den Mut gefunden, den Toten in Augenschein zu nehmen. Als sie das schimmernde Objekt erblickt, schreit sie in panischer Angst: „Lass uns weg von hier!“
Voller Entsetzen packt sie Otto am Arm und zieht ihn mit sich. Angesteckt von ihrem Schrecken folgt er ihr die Höhe hinunter. Kopflos brechen sie durchs sperrige Unterholz, springen von der Stützmauer des Berghangs auf den Montfortweg und hasten zu ihren Fahrrädern.
„Polizei … wir müssen die Polizei rufen!“, stößt Ines hervor.
Otto will zum Smartphone greifen, da fährt sie erschrocken auf: „Mein Rucksack! Mein Handy!“
In ihrem Schock hatte sie alles stehen- und liegen lassen. Und Otto weiß: Er muss zurück. Ihn graust. Er steigt auf die Stützmauer, bahnt sich den Weg durch das verwucherte Gestrüpp und erreicht schwer atmend den alten Platz: der Leichnam im Dunkel der Büsche gerade noch erkennbar als schwarze, unförmige Masse.
Mit der Taschenlampe seines Smartphones findet er rasch die vergessenen Sachen. Noch einmal richtet er das Licht auf den Toten und erstarrt: das glänzende Objekt am Hinterkopf – verschwunden!
Da hört er ein Rascheln im Unterholz. Er horcht, und ein heftiger Schreck durchzuckt ihn: die huschenden Schatten!
Er starrt ins Dickicht. War da ein Schemen? Eine Bewegung im wilden Gehölz? Sein Puls rast.
Dann – ein Knacken, ganz nah hinter ihm!
In unbändigem Grausen fährt er herum: Sie sind da! Zwischen den Büschen! Sie belauern ihn!
Noch heftiger als zuvor bricht er durchs dichte Buschwerk.
Zerschrammt und totenblass erreicht er Ines, gibt ihr erregt zu verstehen, dass sie weglaufen müssen, und zerrt sie mit sich fort. In wirrer Hektik, die Fahrräder schiebend, rennen sie bis zum Beginn des Montfortwegs – dort, wo die Biesingerstraße und der Pfalzhaldenweg zusammentreffen. Im Licht der Straßenlampe fühlen sie sich sicherer. Und Otto, innerlich aufgewühlt, berichtet stockend:
„Ines, das glänzende Ding am Hinterkopf des Toten … es war weg.“
Sie schaut ihn erschrocken an. „… war weg!? … Otto!“ Sie umklammert seinen Arm.
Da vernehmen sie ein seltsames, fernes Geräusch – wie ein lang gezogenes, zorniges Heulen. Es durchdringt die Stille der Abendstunde.
„Otto“, flüstert Ines mit kaum hörbarer Stimme. „Das … ist nicht der Wind.“
Sie schauen zum Schlossberg zurück. Die Pension Osthof oben am Hang, düster in der einbrechenden Dunkelheit – und ein schwacher Schein, der sich irrlichternd dorthin bewegt.
Ein Schauer überläuft sie.
Der verschwundene Beweis
Otto greift zu seinem Smartphone. „Ich rufe den Kommissar an.“
Otto Schieber ist Kriminalkommissaranwärter, noch nicht lange Assistent von Kommissar Kleinfeldt, dem Leiter der Tübinger Mordkommission. Der Kommissar ist sofort am Telefon. Otto berichtet aufgeregt von dem Toten. Er meint, es liege eine Gewalttat vor. Ein metallisch glänzendes Objekt, etwa eineinhalb mal einen halben Zentimeter, ragte ein paar Millimeter aus dem Hinterkopf des Leichnams. Als er später noch einmal zurückkehrte und nachschaute, war es verschwunden.
Der Kommissar zögert, weiß nicht, was er davon halten soll. Doch als Otto beharrlich auf einem Verbrechen besteht, erklärt er sich bereit zu kommen.
Eine Viertelstunde später fährt ein Polizeiauto vor: Kommissar Kleinfeldt, begleitet von zwei Streifenbeamten. Otto eilt ihnen entgegen, meint unverzüglich Bericht erstatten zu müssen. Doch der Kommissar wendet sich an die Beamten:
„Sie bleiben am Wagen. Ich will mir die Sache erst einmal ansehen.“
Sein Blick fällt auf Ines. „Ich bin Kommissar Kleinfeldt … Sie sind?“
„Ich … äh … Ines Bauer … mit Otto befreundet.“
Noch durcheinander von dem überstandenen Schrecken, ist sie irritiert angesichts Kleinfeldts kühler Gelassenheit.
Er nickt und richtet sich an Otto, der ungeduldig gewartet hat: „Herr Schieber, was haben wir?“
Otto berichtet betroffen von der grausigen Entdeckung. Dann begleitet er den Kommissar in den Montfortweg. Mit Handscheinwerfern versehen, steigen sie auf die Stützmauer und dringen hangaufwärts durch die wild wuchernden Sträucher. Otto betet inständig, sich nicht wieder erbrechen zu müssen.
Am Fundort beleuchtet der Kommissar den Toten aus mehreren Blickwinkeln. Dann zieht er Einweghandschuhe an, bückt sich und wendet ganz leicht dessen Kopf. Dabei schaut er zu Otto auf, den er herangewunken hat.
„Herr Schieber, Sie sprachen von einem metallischen Gegenstand, einer Tatwaffe, die später verschwunden war. Ist das an dieser Stelle gewesen?“ Er weist auf den Hinterkopf des Toten, an dem nur blutige, zerfetzte Haut zu sehen ist.
„Ja, Herr Kommissar … aber das metallische Objekt … es war da.“ Unruhig tritt Otto von einem Fuß auf den anderen. „Ines, meine Freundin, kann es bezeugen.“
„So, so … wir werden sie fragen.“
Plötzlich raschelt ein Windstoß in den Zweigen. Otto erstarrt.
„Herr Kommissar, sehen Sie das?“ Mit zitternder Hand deutet er auf ein Gebüsch.
„Was soll ich sehen?“, schnaubt Kleinfeldt verärgert. „Da ist doch nichts.“
Otto schweigt und senkt den Blick.
Zur Straße zurückgekehrt, lässt der Kommissar die Spurensicherung und die Gerichtsmedizin verständigen. Ein Verbrechen will er nicht ausschließen – auch wenn die mutmaßliche Tatwaffe fehlt. Unterdessen geht Otto zu Ines zurück, die inzwischen ruhiger geworden ist.
„Das glänzende Ding hast du doch auch gesehen?“, flüstert er.
Ines bejaht, worauf Otto raunt: „Ich sage dir: die düsteren Schatten zwischen den Büschen … und das blinkende Licht am Himmel, das war ein Ufo.“
„Hör auf zu fantasieren“, zischt sie, während der Kommissar herankommt. Auf seine Nachfrage hin bestätigt sie, ein schimmerndes Objekt am Hinterkopf des Toten gesehen zu haben – wie ein winziges Kästchen. Sie sei sich hundertprozentig sicher.
Kleinfeldt bleibt skeptisch. Ines soll morgen auf der Dienststelle ihre Aussage zu Protokoll geben. Er bietet an, sie nach Hause fahren zu lassen. Doch sie lehnt dankend ab und nimmt ihr Fahrrad.
Die Spur am Hang
Der Kommissar beschließt, den Hang rechts und links zu besteigen und zur Mitte hin mit Handscheinwerfern abzuleuchten. Prüfend blickt er zum Schlossberg hinauf. In der zunehmenden Dunkelheit die Pension Osthof nahe dem Bismarckturm, finster und unerfindlich, unterhalb davon der buschbestandene Hang – im Dunkel ein unübersichtliches, schwer zugängliches Terrain.
Otto neben ihm horcht plötzlich auf. Durch das Rascheln der windbewegten Zweige hört er einen Laut – ein leises, bösartiges Knurren. Erregt wendet er sich an den Kommissar:
„Hören Sie es?“
Kleinfeldt lauscht. „Irgendein Tier“, brummt er. „Wir gehen auf den Hang.“
Otto wendet sich sofort nach rechts. Am Montfortweg führt ein versteckt liegender Pfad hangaufwärts, verborgen hinter einer versperrten Pforte und verwuchertem Gebüsch. Er steigt auf die Stützmauer, zwängt sich durch die dichten Büsche und erreicht nach wenigen Metern den schmalen Weg. Der Kommissar schlägt die linke Seite ein. Dort ist das Gelände grasbewachsen und rutschig.
Aufgeregt hastet Otto hangaufwärts. Der Lichtkegel seines Handscheinwerfers wirft bizarre Trugbilder ins Gesträuch. Der finstere Bau der Pension Osthof kommt näher. Ob die huschenden Schatten nach dorthin entwichen sind?
Aber da! Hinter einer Buschreihe eine geisterhafte Gestalt, die unangefochten durch sperriges Dickicht bergwärts strebt, nach Art einer Maschine stetig und mit abgezirkelten Bewegungen – wie ein Roboter, kommt es Otto in den Sinn.
Kurz lähmt ihn der Schreck. Rasch löscht er die Lampe, will sich leise nähern und überfallartig zugreifen. Doch eine Wolke verdunkelt den Mond. Im diffusen Licht tastet er sich zu der Stelle hin, an der er die Erscheinung gesehen hat. Er horcht. Ein Schatten gleitet an ihm vorbei. Er springt hinzu – und erhält einen brutalen Schlag. Haltlos stürzt er den Hang hinab.
Plötzlich ist Finsternis um ihn. Er steckt in einer engen Röhre. Ein Absperrgitter hat ihn aufgefangen. Von unten dringen kaum hörbare Laute herauf, wie eine fremdartige Musik. Sein Smartphone zeigt keinen Empfang.
Der Kommissar sieht, wie Ottos Licht abrupt verlischt. Alarmiert quert er den Hang, rutscht mehrfach aus und bleibt unvermittelt stehen. Etwas hält ihn am Fuß fest. Drähte und Schläuche haben sich um sein Bein gewickelt. Er bückt sich, zieht das Gebilde hervor – ein seltsamer Helm. Er packt ihn in einen Beweisbeutel.
Dann eine gedämpfte Stimme: „Herr Kommissar, helfen Sie mir.“
Mit Mühe befreit er Otto aus einem drei Meter tiefen Schacht.
„Herr Schieber, was ist passiert?“
„Ich hatte ihn in den Fingern“, behauptet Otto vollmundig, „wenn ich nicht ausgerutscht wäre.“
„Wen hatten Sie in den Fingern?“ Der Kommissar klingt verärgert.
„Die dunkle Gestalt …“
„Sie fantasieren … ich habe niemanden gesehen.“
Damit ist die Sache für den Kommissar erledigt. Doch Otto denkt verbittert: Es war jemand da, und sein Schlag war nicht ohne.
Der Kommissar reicht ihm den Beweisbeutel. „Hier, tragen Sie mal. Das Ding geht zur Spurensicherung!“
Otto starrt auf den fremdartigen Helm. Ein Gedankenblitz durchfährt ihn: Außerirdische!
Sie setzen ihren Weg fort – dem nächsten Rätsel entgegen.
Der Mann mit den Froschaugen
Im dunkelnden Abendlicht mühen sie sich die letzten Meter zur Lichtenberger Höhe hinauf.
Doch da! Ein Aufschrei aus niederem Gestrüpp. Otto war auf eine verborgene Gestalt getreten.
„Da ist ja noch einer“, bemerkt der Kommissar verblüfft.
„Aber diesmal quicklebendig“, lacht Otto und hat seine lustige Ader wiedergefunden. Er versucht, einem zappelnden Kerl auf die Beine zu helfen.
Im blassen Mond und dem trüben Schein einer Straßenlaterne ein kleiner, dürrer Mann, nachlässig gekleidet in rot kariertem Jackett und ausgebeulter Cordhose.
„Ich bin ausgerutscht. Lassen Sie mich los!“ Mit heftiger Bewegung wehrt er Otto ab.
„Polizei“, ruft Kleinfeldt. Aber bevor er Weiteres sagen kann, kräht der Kleine:
„Ihr und Polizei! Spitzbuben seid ihr! Schaut euch doch mal an! Und in dem Sack habt ihr eure Beute.“
Damit meint er ihr erbarmungswürdiges Erscheinungsbild: die dreckverschmierten Gesichter, die verschmutzte Kleidung und den Beweisbeutel an Ottos Hand. Er dreht sich um, will flugs davon und ruft hämisch: „Mein Gold kriegt ihr nicht! Da könnt ihr noch so lange suchen!“
…
Ein Halblicht aus LED-Lampen an der Decke. Kühle Luft. Ein muffiger Geruch. Links der kleine Archivraum, in dem sie gestern spioniert hatte.
Der große Kellerraum der Tübinger Rüstungsfirma verliert sich im Halbdunkel – von massiven Stützpfeilern durchzogen und angefüllt mit Transportkisten, Kontrollpulten, beschädigten Drohnen und Roboterhunden mit zerborstener Mechanik. Alles wirkt still und verlassen.
Ein ungutes Gefühl überkommt sie. Sollte sie hier ertappt werden, was würde sie sagen? Nur einen Tresor suchen? Sie atmet flach und schleicht weiter. Die Türreihe an der linken Wand fesselt ihre Aufmerksamkeit.
Sie drückt eine der Türen auf. Dunkelheit. Die Taschenlampe ihres Smartphones wirft hartes Licht auf Regale voller fremdartiger technischer Geräte. Noch ein Raum, wieder Regale. Und dann – ein gewaltiger Tresor. Wenn überhaupt, dann muss das Gold darin liegen.
Die Anspannung ist ihr unerträglich. Sie muss raus, darf nicht entdeckt werden! Da hört sie ein wiederkehrendes metallisches Geräusch und erstarrt. Schritte auf dem Beton, die näherkommen.
Klack. Klack. Klack.
Der Roboter!
Sie drückt sich eng hinter einen Pfeiler, erblickt den unförmigen Körper, von dessen Helm Drähte wie tote Schlangen herabhängen. Seine glühenden Augen scannen das Halbdunkel. Ein kalter Schauer überläuft sie. Ihr Atem geht stoßweise.
Klack. Klack. Klack.
Der Roboter stapft an ihrem Versteck vorbei bis zum Ende des Raumes, stoppt an der Panzertür und betätigt den Schließmechanismus. Angstvoll hört sie den dumpfen Schlag, mit dem die schwere Tür zufällt.
Dann kommt er zurück, an ihr vorüber, und verschwindet im Halbdunkel des langen Kellers. Sie zittert am ganzen Leib. Sie muss raus! Sie eilt zur Panzertür, versucht die Verriegelung zu lösen. Vergeblich.
Panik erfasst sie. Nichts! Kein Ausgang! Nur eine Möglichkeit bleibt: eine Treppe nach oben finden!
Ihr Herz rast. Sie horcht. Stille, bis auf das metallische Klacken weit entfernt. Da läuft sie los, sieht das Treppenhaus – und stockt. Schwere Schritte auf den Stufen. Ein blonder Hüne kommt herunter, eine mannshohe silberne Druckgasflasche mit einem Arm umfangen.
Sie kauert sich hinter eine Säule, sieht keinen Ausweg, gerät vor Angst außer sich. Kopflos hetzt sie hinüber zu einer der Türen, reißt sie auf und stürzt in den Raum.
Dunkelheit. Sie leuchtet mit dem Smartphone, und hält abrupt inne. Ein neuer Albtraum: Dutzende humanoider Puppen stehen in Reih und Glied. Nackt und ohne Regung. Ihre hellen Gesichter leer und ausdruckslos. Ein Flashback: ein Science-Fiction-Film, den sie einmal gesehen hat. Ein Mann in einem Raum wie diesem. Eine der Puppen war kein lebloses Ding gewesen – sondern eine tödliche Kreatur.
Von Grauen ergriffen wirbelt sie herum, rennt zurück durch die Tür – und erstarrt. Vor ihr steht der Hüne, breit, blond, mit starren toten Augen.
Sie öffnet den Mund zu einem Schrei. Doch kein Laut kommt hervor.
SONNTAG
DER TOTE AM SCHLOSSBERG
Blitzartig hat Otto begriffen!
Ines’ gellender Schrei …
die huschenden Schatten im dunklen Gehölz …
das blinkende Licht am bleichen Abendhimmel über dem Tübinger Schlossberg.
Er schnellt auf.
„Ines, schau nicht hin!“
Die kalte Hand – sie hatte sie unversehens ertastet, urplötzlich den blutverschmierten Körper im düsteren Gebüsch neben sich wahrgenommen. Ihrer beider Stelldichein hatte ein dramatisches Ende gefunden.
Ein fahler Mond ist aufgegangen und verströmt ein kaltes Licht. Der Schlossberg, eben noch heimelig und traut, erweist sich unvermittelt als ein gespenstischer Ort, der Berghang verlassen und geheimnisvoll. Oberhalb, durch Äste und Gezweig teilweise verdeckt, die Pension Osthof nahe dem Bismarckturm. Eine schwarze Silhouette im dunkelnden Abendlicht.
Otto gruselt. Er zieht die bebende Ines an sich, spricht beruhigend auf sie ein. Schließlich nimmt er all seinen Mut zusammen und wendet sich der furchtbaren Entdeckung zu. Mit der Taschenlampe seines Smartphones beugt er sich hinunter zu der leblosen Gestalt – deren Körper halb verdreht, überall Abschürfungen und Blut. Er schafft es gerade noch, die erloschene Halsschlagader zu ertasten und sich zu vergewissern. Dann ist er am Ende seiner Kraft und erbricht sich ins Gebüsch.
Warum haben sie den Toten nicht bemerkt, als sie sich hier niederließen? Erneut beleuchtet er den Leichnam. Die Verletzungen könnten von einem Sturz aus der Höhe stammen. Da entdeckt er ein kleines, bläulich glänzendes Objekt am Hinterkopf über dem blutig verrenkten Nacken. Könnte es das hintere Ende einer Stichwaffe sein?
Ines hat inzwischen den Mut gefunden, den Toten in Augenschein zu nehmen. Als sie das schimmernde Objekt erblickt, schreit sie in panischer Angst: „Lass uns weg von hier!“
Voller Entsetzen packt sie Otto am Arm und zieht ihn mit sich. Angesteckt von ihrem Schrecken folgt er ihr die Höhe hinunter. Kopflos brechen sie durchs sperrige Unterholz, springen von der Stützmauer des Berghangs auf den Montfortweg und hasten zu ihren Fahrrädern.
„Polizei … wir müssen die Polizei rufen!“, stößt Ines hervor.
Otto will zum Smartphone greifen, da fährt sie erschrocken auf: „Mein Rucksack! Mein Handy!“
In ihrem Schock hatte sie alles stehen- und liegen lassen. Und Otto weiß: Er muss zurück. Ihn graust. Er steigt auf die Stützmauer, bahnt sich den Weg durch das verwucherte Gestrüpp und erreicht schwer atmend den alten Platz: der Leichnam im Dunkel der Büsche gerade noch erkennbar als schwarze, unförmige Masse.
Mit der Taschenlampe seines Smartphones findet er rasch die vergessenen Sachen. Noch einmal richtet er das Licht auf den Toten und erstarrt: das glänzende Objekt am Hinterkopf – verschwunden!
Da hört er ein Rascheln im Unterholz. Er horcht, und ein heftiger Schreck durchzuckt ihn: die huschenden Schatten!
Er starrt ins Dickicht. War da ein Schemen? Eine Bewegung im wilden Gehölz? Sein Puls rast.
Dann – ein Knacken, ganz nah hinter ihm!
In unbändigem Grausen fährt er herum: Sie sind da! Zwischen den Büschen! Sie belauern ihn!
Noch heftiger als zuvor bricht er durchs dichte Buschwerk.
Zerschrammt und totenblass erreicht er Ines, gibt ihr erregt zu verstehen, dass sie weglaufen müssen, und zerrt sie mit sich fort. In wirrer Hektik, die Fahrräder schiebend, rennen sie bis zum Beginn des Montfortwegs – dort, wo die Biesingerstraße und der Pfalzhaldenweg zusammentreffen. Im Licht der Straßenlampe fühlen sie sich sicherer. Und Otto, innerlich aufgewühlt, berichtet stockend:
„Ines, das glänzende Ding am Hinterkopf des Toten … es war weg.“
Sie schaut ihn erschrocken an. „… war weg!? … Otto!“ Sie umklammert seinen Arm.
Da vernehmen sie ein seltsames, fernes Geräusch – wie ein lang gezogenes, zorniges Heulen. Es durchdringt die Stille der Abendstunde.
„Otto“, flüstert Ines mit kaum hörbarer Stimme. „Das … ist nicht der Wind.“
Sie schauen zum Schlossberg zurück. Die Pension Osthof oben am Hang, düster in der einbrechenden Dunkelheit – und ein schwacher Schein, der sich irrlichternd dorthin bewegt.
Ein Schauer überläuft sie.
Der verschwundene Beweis
Otto greift zu seinem Smartphone. „Ich rufe den Kommissar an.“
Otto Schieber ist Kriminalkommissaranwärter, noch nicht lange Assistent von Kommissar Kleinfeldt, dem Leiter der Tübinger Mordkommission. Der Kommissar ist sofort am Telefon. Otto berichtet aufgeregt von dem Toten. Er meint, es liege eine Gewalttat vor. Ein metallisch glänzendes Objekt, etwa eineinhalb mal einen halben Zentimeter, ragte ein paar Millimeter aus dem Hinterkopf des Leichnams. Als er später noch einmal zurückkehrte und nachschaute, war es verschwunden.
Der Kommissar zögert, weiß nicht, was er davon halten soll. Doch als Otto beharrlich auf einem Verbrechen besteht, erklärt er sich bereit zu kommen.
Eine Viertelstunde später fährt ein Polizeiauto vor: Kommissar Kleinfeldt, begleitet von zwei Streifenbeamten. Otto eilt ihnen entgegen, meint unverzüglich Bericht erstatten zu müssen. Doch der Kommissar wendet sich an die Beamten:
„Sie bleiben am Wagen. Ich will mir die Sache erst einmal ansehen.“
Sein Blick fällt auf Ines. „Ich bin Kommissar Kleinfeldt … Sie sind?“
„Ich … äh … Ines Bauer … mit Otto befreundet.“
Noch durcheinander von dem überstandenen Schrecken, ist sie irritiert angesichts Kleinfeldts kühler Gelassenheit.
Er nickt und richtet sich an Otto, der ungeduldig gewartet hat: „Herr Schieber, was haben wir?“
Otto berichtet betroffen von der grausigen Entdeckung. Dann begleitet er den Kommissar in den Montfortweg. Mit Handscheinwerfern versehen, steigen sie auf die Stützmauer und dringen hangaufwärts durch die wild wuchernden Sträucher. Otto betet inständig, sich nicht wieder erbrechen zu müssen.
Am Fundort beleuchtet der Kommissar den Toten aus mehreren Blickwinkeln. Dann zieht er Einweghandschuhe an, bückt sich und wendet ganz leicht dessen Kopf. Dabei schaut er zu Otto auf, den er herangewunken hat.
„Herr Schieber, Sie sprachen von einem metallischen Gegenstand, einer Tatwaffe, die später verschwunden war. Ist das an dieser Stelle gewesen?“ Er weist auf den Hinterkopf des Toten, an dem nur blutige, zerfetzte Haut zu sehen ist.
„Ja, Herr Kommissar … aber das metallische Objekt … es war da.“ Unruhig tritt Otto von einem Fuß auf den anderen. „Ines, meine Freundin, kann es bezeugen.“
„So, so … wir werden sie fragen.“
Plötzlich raschelt ein Windstoß in den Zweigen. Otto erstarrt.
„Herr Kommissar, sehen Sie das?“ Mit zitternder Hand deutet er auf ein Gebüsch.
„Was soll ich sehen?“, schnaubt Kleinfeldt verärgert. „Da ist doch nichts.“
Otto schweigt und senkt den Blick.
Zur Straße zurückgekehrt, lässt der Kommissar die Spurensicherung und die Gerichtsmedizin verständigen. Ein Verbrechen will er nicht ausschließen – auch wenn die mutmaßliche Tatwaffe fehlt. Unterdessen geht Otto zu Ines zurück, die inzwischen ruhiger geworden ist.
„Das glänzende Ding hast du doch auch gesehen?“, flüstert er.
Ines bejaht, worauf Otto raunt: „Ich sage dir: die düsteren Schatten zwischen den Büschen … und das blinkende Licht am Himmel, das war ein Ufo.“
„Hör auf zu fantasieren“, zischt sie, während der Kommissar herankommt. Auf seine Nachfrage hin bestätigt sie, ein schimmerndes Objekt am Hinterkopf des Toten gesehen zu haben – wie ein winziges Kästchen. Sie sei sich hundertprozentig sicher.
Kleinfeldt bleibt skeptisch. Ines soll morgen auf der Dienststelle ihre Aussage zu Protokoll geben. Er bietet an, sie nach Hause fahren zu lassen. Doch sie lehnt dankend ab und nimmt ihr Fahrrad.
Die Spur am Hang
Der Kommissar beschließt, den Hang rechts und links zu besteigen und zur Mitte hin mit Handscheinwerfern abzuleuchten. Prüfend blickt er zum Schlossberg hinauf. In der zunehmenden Dunkelheit die Pension Osthof nahe dem Bismarckturm, finster und unerfindlich, unterhalb davon der buschbestandene Hang – im Dunkel ein unübersichtliches, schwer zugängliches Terrain.
Otto neben ihm horcht plötzlich auf. Durch das Rascheln der windbewegten Zweige hört er einen Laut – ein leises, bösartiges Knurren. Erregt wendet er sich an den Kommissar:
„Hören Sie es?“
Kleinfeldt lauscht. „Irgendein Tier“, brummt er. „Wir gehen auf den Hang.“
Otto wendet sich sofort nach rechts. Am Montfortweg führt ein versteckt liegender Pfad hangaufwärts, verborgen hinter einer versperrten Pforte und verwuchertem Gebüsch. Er steigt auf die Stützmauer, zwängt sich durch die dichten Büsche und erreicht nach wenigen Metern den schmalen Weg. Der Kommissar schlägt die linke Seite ein. Dort ist das Gelände grasbewachsen und rutschig.
Aufgeregt hastet Otto hangaufwärts. Der Lichtkegel seines Handscheinwerfers wirft bizarre Trugbilder ins Gesträuch. Der finstere Bau der Pension Osthof kommt näher. Ob die huschenden Schatten nach dorthin entwichen sind?
Aber da! Hinter einer Buschreihe eine geisterhafte Gestalt, die unangefochten durch sperriges Dickicht bergwärts strebt, nach Art einer Maschine stetig und mit abgezirkelten Bewegungen – wie ein Roboter, kommt es Otto in den Sinn.
Kurz lähmt ihn der Schreck. Rasch löscht er die Lampe, will sich leise nähern und überfallartig zugreifen. Doch eine Wolke verdunkelt den Mond. Im diffusen Licht tastet er sich zu der Stelle hin, an der er die Erscheinung gesehen hat. Er horcht. Ein Schatten gleitet an ihm vorbei. Er springt hinzu – und erhält einen brutalen Schlag. Haltlos stürzt er den Hang hinab.
Plötzlich ist Finsternis um ihn. Er steckt in einer engen Röhre. Ein Absperrgitter hat ihn aufgefangen. Von unten dringen kaum hörbare Laute herauf, wie eine fremdartige Musik. Sein Smartphone zeigt keinen Empfang.
Der Kommissar sieht, wie Ottos Licht abrupt verlischt. Alarmiert quert er den Hang, rutscht mehrfach aus und bleibt unvermittelt stehen. Etwas hält ihn am Fuß fest. Drähte und Schläuche haben sich um sein Bein gewickelt. Er bückt sich, zieht das Gebilde hervor – ein seltsamer Helm. Er packt ihn in einen Beweisbeutel.
Dann eine gedämpfte Stimme: „Herr Kommissar, helfen Sie mir.“
Mit Mühe befreit er Otto aus einem drei Meter tiefen Schacht.
„Herr Schieber, was ist passiert?“
„Ich hatte ihn in den Fingern“, behauptet Otto vollmundig, „wenn ich nicht ausgerutscht wäre.“
„Wen hatten Sie in den Fingern?“ Der Kommissar klingt verärgert.
„Die dunkle Gestalt …“
„Sie fantasieren … ich habe niemanden gesehen.“
Damit ist die Sache für den Kommissar erledigt. Doch Otto denkt verbittert: Es war jemand da, und sein Schlag war nicht ohne.
Der Kommissar reicht ihm den Beweisbeutel. „Hier, tragen Sie mal. Das Ding geht zur Spurensicherung!“
Otto starrt auf den fremdartigen Helm. Ein Gedankenblitz durchfährt ihn: Außerirdische!
Sie setzen ihren Weg fort – dem nächsten Rätsel entgegen.
Der Mann mit den Froschaugen
Im dunkelnden Abendlicht mühen sie sich die letzten Meter zur Lichtenberger Höhe hinauf.
Doch da! Ein Aufschrei aus niederem Gestrüpp. Otto war auf eine verborgene Gestalt getreten.
„Da ist ja noch einer“, bemerkt der Kommissar verblüfft.
„Aber diesmal quicklebendig“, lacht Otto und hat seine lustige Ader wiedergefunden. Er versucht, einem zappelnden Kerl auf die Beine zu helfen.
Im blassen Mond und dem trüben Schein einer Straßenlaterne ein kleiner, dürrer Mann, nachlässig gekleidet in rot kariertem Jackett und ausgebeulter Cordhose.
„Ich bin ausgerutscht. Lassen Sie mich los!“ Mit heftiger Bewegung wehrt er Otto ab.
„Polizei“, ruft Kleinfeldt. Aber bevor er Weiteres sagen kann, kräht der Kleine:
„Ihr und Polizei! Spitzbuben seid ihr! Schaut euch doch mal an! Und in dem Sack habt ihr eure Beute.“
Damit meint er ihr erbarmungswürdiges Erscheinungsbild: die dreckverschmierten Gesichter, die verschmutzte Kleidung und den Beweisbeutel an Ottos Hand. Er dreht sich um, will flugs davon und ruft hämisch: „Mein Gold kriegt ihr nicht! Da könnt ihr noch so lange suchen!“
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