Krimi & Spannung

Die weiße Krähe

Peter Hirt-Wirz

Die weiße Krähe

Die Turbulenzen gehen weiter ...

Leseprobe:

Stephan sitzt in seiner Wohnung und zappt sich uninteressiert durch die Fernsehprogramme. Er zieht eine erste Bilanz über sein Leben in der neu gewonnenen „Freiheit“, und sie fällt niederschmetternd aus. Er fühlt sich schon jetzt komplett alleingelassen. Gut, er könnte sich morgen Sonntag mit seiner Schwester treffen. Sie scheint ihm, vom Psychiater abgesehen, noch als einzige Kontaktperson übrig zu bleiben. Nur - ist ihre Psyche offenbar derzeit noch mehr angespannt als die seine. Der vertraute Psychiater, Dr. Rosenberger, will ihn auch loswerden, und womöglich ist der Ersatz unausstehlich. Der am Montag fällige Arbeitsbeginn dürfte auch zum reinsten Spießrutenlaufen werden, bis sich dort alle an ihn in seiner Gestalt als Schreckgespenst etwas gewöhnt haben. Wie wird sein neuer Job sein, und wie werden ihn die Arbeitskollegen in der neuen Umgebung aufnehmen?
Er gerät in ein regelrechtes Loch und kann doch nicht viel dagegen tun. Gut, er könnte zusätzlich zur abendlichen Pille noch jene vom Morgen nehmen. Aber wenn er jetzt schon anfängt, die Pilleneinnahme vorzuverlegen, fehlen sie ihm dann, wenn er sie noch dringender benötigen würde. Er denkt dabei natürlich an seinen Arbeitsplatz und die sich abzeichnenden Streitereien mit dem Prokuristen Willimann und womöglich auch seinem neuen direkten Vorgesetzten. Dr. Rosenberger hat ihm keine einzige Reservepille mitgegeben. Sie sind genau abgezählt – drei pro Tag. Für Dienstag hat er nur zwei – die dritte bekommt er dann anlässlich der abendlichen Therapiesitzung. Als er sich etwas nach 23 Uhr erstmals seit Langem wieder in seiner Wohnung ins Bett legt, fühlt er sich zwar todmüde, gleichzeitig aber auch irgendwie gereizt. Letzteres lässt in Bezug auf den nächtlichen Besuch der weißen Krähe nichts Gutes erahnen. Daher ist er sorgfältig darauf bedacht, seine Handschuhe überzuziehen.
Er liegt lange wach und ist froh, dass morgen Sonntag ist – Gelegenheit zum Ausschlafen. Irgendwann tönt es dann „Hallo Stephan, willkommen daheim!“ vom Kasten herunter. Die weiße Krähe wirkt jetzt wieder größer als bei ihren letzten Besuchen. Stephan denkt, dass sie mindestens die Größe einer echten Krähe hat. Dies bedeutet, dass ihr Selbstbewusstsein sich gegenüber den vorangehenden Nächten wieder entschieden gesteigert hat. Wie zu ihren besten Zeiten macht sie ihren Hals lang und wiegt den Kopf wichtigtuerisch hin und her, ehe sie zu sprechen beginnt: „Das hat man eben davon, wenn man den Psychiater austrickst, nur um früher rauszukommen. Jetzt hast du’s geschafft und bist von der einen Hölle in eine noch viel schlimmere umgesiedelt. Sie heißt „Realität“. Wenn du dich jetzt nicht zusammenreißt, ist der nächste Kollaps programmiert.“
„Was redest du denn da für einen Unsinn?“, fragt Stephan empört, um fortzufahren: „Du hast mich doch ständig gedrängt, dafür zu sorgen, dass ich bald aus der Klapsmühle entlassen werde. Und jetzt, wo ich’s geschafft habe, schiebst du die Schuld für alle Konsequenzen einfach mir in die Schuhe. Du bist doch eine falsche Ratte!“
Die Krähe gibt ein zynisches krächzendes Lachen von sich, ehe sie erwidert: „Nachdem wir herausgefunden haben, dass ich dein zweites Ich bin, kann ich nicht falsch sein, ohne dass du es auch bist. Im Übrigen bin ich immer noch eine Krähe und keine Ratte.“ Jetzt muss auch Stephan lachen, aber nicht aus fiesen Motiven, sondern weil er es lustig findet, dass er die Krähe mit dem Ausdruck „falsche Ratte“ beleidigt hat. Schon meldet sich der weis(s)e Vogel wieder zu Wort: „Du hast mir ja mehr als deutlich gesagt, dass du mich nicht mehr brauchst, wenn du draußen bist. Aber wenn ich jetzt sehe, wie verloren du dich in der „Freiheit“ fühlst, habe ich den Eindruck, dass du mich erst recht brauchst. So hast du wenigstens einen Gesprächspartner, mit dem du die auftretenden Probleme diskutieren kannst. Auch können wir uns über Konsequenzen und Maßnahmen beraten. Wenn du meinst, du könnest fällige Strafmaßnahmen ohne mein Zutun durchführen, werde ich das vorläufig respektieren. Aber meine „Waffen“ stehen weiterhin in Reserve bereit. Gegen dich selber werde ich diese nicht mehr einsetzen, es sei denn, du benimmst dich total daneben. Aber ohne Vorwarnung werde ich dir nichts mehr tun. Was ich für dich machen kann, ist, das „Inventar“ über deine Feinde à jour zu halten, und dann können wir jeweils darüber diskutieren, ob gegen jemand Maßnahmen nötig sind. Die Ausführung überlasse ich aber dir, solange du damit allein zurechtkommst. Das Inventar führe ich in der Form der Anklagebank, wie du das ja bestens kennst. Lasst uns doch mal einen Blick auf die erste Bankreihe werfen. Da sitzt derzeit einsam und verlassen Othmar Maurer. Aber wie du siehst, ist er von Gitterstäben umgeben. Ja, er sitzt in einem Käfig. Ich habe damit symbolisch dargestellt, dass er im Gefängnis sitzt. Mit Othmar befassen sich jetzt die Richter und Anwälte. Da bist du nicht mehr gefordert. Aber ich habe keine Zweifel, dass da auf der Anklagebank bald weitere Personen werden Platz nehmen müssen. Ich denke da zum Beispiel an den Prokuristen Willimann, vielleicht auch deinen neuen Psychiater und Dr. Rosenberger, weil er dir einen unausstehlichen „Neuen“ beschert hat. Deinen Alten könnte man da ruhig auch hinsetzen, so, wie der sich benommen hat. Jetzt hab’ ich dich regelrecht vollgequatscht. Ich lass’ dich jetzt in Ruhe, damit du über unsere weitere Zusammenarbeit nachdenken kannst.“ Kaum hat die Krähe den letzten Satz beendet, schwebt sie davon.

Als Stephan am späteren Sonntagmorgen erwacht, fühlt er sich besser als vor dem Schlafengehen. „Es hätte schlimmer kommen können mit der Krähe. Sie hat zwar viel gequatscht, aber sie wirkte insgesamt doch friedlicher als früher“, geht es ihm durch den Kopf. Er geht ins Badezimmer und widmet sich ausgiebig der Körperpflege. Dabei ist ihm aber wohl bewusst, dass er damit gegen seine Fratze von einem Gesicht nichts ausrichten kann.
Gegen 12 Uhr läutet das Telefon. Es ist Mirjam. „Und? Hast du’s dir überlegt, ob du vorbeikommen möchtest?“, fragt sie. „Ich weiß nicht recht“, entgegnet Stephan, „Frau Beringer wird’s vielleicht bei meinem Anblick auch den Magen umdrehen, wie bei unserer Mutter.“
Darauf meint Mirjam: „Frau Beringer kannst du nicht mit unserer Isabelle Hellers vergleichen. Im Übrigen wird sie gar nicht da sein. Sie geht eine Kollegin besuchen. Ich fühle mich auch ohne sie sicher in diesem Haus, weil ja Tasso da ist, der mächtige Rottweiler Rüde. Den kannst du dann kennenlernen, wenn du kommst. Er ist sehr lieb und lässt seine Muskeln nur spielen, wenn er dazu aufgefordert wird.“
„Bist du sicher, dass mich dieser Tasso nicht gleich anspringt, wenn er mein sehr ungewohntes Gesicht sieht?“, fragt Stephan zweifelnd. „Keine Angst, Tasso hat Manieren, du wirst sehen“, versichert ihm Mirjam. „Also gut“, sagt schließlich Stephan, „ich komme so gegen 14 Uhr. Bis dann.“

Der private Eingang zum Wohnbereich befindet sich auf der Rückseite der Apotheke. Stephan läutet. Nach einer Weile macht Mirjam auf. Neben ihr steht das Prachttier namens Tasso. Dieser betrachtet tatsächlich Stephans Gesicht ziemlich kritisch. Doch als Mirjam zu ihm sagt: „Ist schon gut, das ist doch mein Bruder“, beginnt er mit seinem Stummelschwanz zu wedeln und kommt zu Stephan herüber, um ihn zu begrüßen. Als sie in der Stube sitzen, beginnt Mirjam jetzt ausführlich über die Geschehnisse der letzten Wochen zu erzählen. Irgendwie scheint sie alles noch einmal zu erleben, denn immer wieder muss sie kurz unterbrechen, weil sie das Weinen nicht zurückhalten kann. Mirjam entgeht nicht, dass die Misshandlung von Mara Stencil Stephan weit mehr zusetzt, als der Tod des ihm unbekannten Tobi Omlin. Als dann Mirjam mit ihrer Schilderung in der Gegenwart angelangt ist, sagt Stephan: „Ich hasse diesen Othmar für das, was er getan hat, dermaßen, dass es gut ist, dass er in U-Haft sitzt. Nach allem, was du mir da erzählt hast, hätte ich sonst sogleich Jagd auf ihn gemacht. Ehrlich gesagt, weiß ich nicht, was geschehen wäre, hätte ich es geschafft, diesem Ungeheuer gegenüberzustehen!“
„Nachdem es jetzt um Mord geht, wird ihn sein Alter nicht mehr so schnell freikaufen können“, sagt darauf Mirjam. „Meine Redezeit ist jetzt abgelaufen“, erklärt sie schließlich. „Ich möchte, dass du mir jetzt von deinen Erlebnissen erzählst. Vielleicht ist das nicht ganz so dramatisch, aber nichtsdestoweniger auch hochinteressant.“ Es ist dann schon fast 18 Uhr, als sich Stephan verabschiedet.

In der Nacht auf Montag ist die Krähe nur undeutlich – fast wie in Nebel gehüllt – erkennbar, und sie lässt auch nichts von sich hören. Aber dafür erlebt Stephan die Misshandlung von Mara mit einer unglaublichen Intensität wieder. Mehrmals erwacht er schweißgebadet, und kaum ist er wieder eingeschlafen, läuft der Film erneut ab. Schließlich ist es Morgen und Zeit zum Aufstehen; er fühlt sich wie gerädert – optimale Voraussetzungen für den Arbeitsantritt …

Als am Montagmorgen Postenchef Meierhans auf sein Büro zusteuert, wird er von einem noch jüngeren, groß und sportlich aussehenden Polizisten in Uniform aufgehalten. „Guten Morgen Herr Meierhans, mein Name ist Thomas Schacher, Polizeileutnant beim kantonalen Polizeikommando“, stellt er sich vor.
„Was verschafft mir denn die Ehre, so hohen Besuch zu bekommen?“, fragt Meierhans arglos. „Ah, Sie sind sicher schon wegen meines Versetzungsantrages für meinen Stellvertreter da? Das scheint bei euch aber schnell zu gehen!“, hofft der Postenchef, erraten zu haben, weswegen Herr Schacher da ist. Er bittet den Besucher in sein Büro, wo sich dann die beiden Männer einander gegenüber an den Besprechungstisch setzen. Herr Schacher entnimmt seiner Tasche einen Notizblock, auf welchem die oberste Seite ziemlich vollgeschrieben ist. Dann ergreift er das Wort: „Ich hab’ das Gesuch da bei mir in der Mappe, aber dieses ist nicht Gegenstand unserer Besprechung. Gegen Ihre Person werden schwerwiegende Vorwürfe erhoben, was Ihre Amtsführung und Ihre Arbeitsweise anbelangt. Dies veranlasst uns, sofort eine Untersuchung einzuleiten. Bis diese abgeschlossen ist, werden Sie vom Dienst suspendiert. Ich bitte Sie …“
Meierhans springt wütend auf und steuert rasant auf die Tür zu. „Moment, nicht so schnell! Wo wollen Sie denn hin?“, ruft ihm Herr Schacher hinterher und erhebt sich jetzt ebenfalls, um ihm zu folgen. „Sie werden’s gleich sehen, wohin ich gehe!“, ruft der Postenchef außer sich vor Wut. Er geht zu Wachtmeister Sidlers Büro, reißt die Tür auf, und während er schnellen Schrittes auf Sidler zugeht, schreit er diesen an: „Was hast du da in meiner Abwesenheit inszeniert, du verdammter Drecksack?“ Er packt Sidler vorn an dessen Uniform und holt aus, um diesem einen Faustschlag ins Gesicht zu versetzen, aber Leutnant Schacher stellt sich dazwischen und sagt dann energisch: „Jetzt reicht’s aber! Kommen Sie augenblicklich mit mir in Ihr Büro zurück! Was fällt Ihnen eigentlich ein, auf Ihren Stellvertreter loszugehen?“ Noch immer bleich vor Wut, trottet Meierhans schweigend hinter Schacher her zurück in sein Büro. Kaum sitzen sie, bricht es erneut regelrecht aus Meierhans heraus: „Dieser Hurensohn hat mich doch tatsächlich angeschwärzt! Frag’ mich bloß, was der euch für Lügen erzählt hat, dass ihr es als angemessen erachtet, ein solches Theater aufzuführen. Sie werden sich bald selbst überzeugen können, welch’ fieses Spiel dieser Sidler gegen mich treibt. Das ist bloß seine Rache, weil ich ihm eröffnet habe, dass ich ihn versetzen lassen will. Aber damit kommt er nicht durch gegen einen seriösen Berufsmann wie mich, der seinen Job immer sehr ernst genommen und stets die absolute Gerechtigkeit und Fairness als oberstes Gebot betrachtet hat. Dieser Kerl muss weg von hier, sonst …“
„So, das reicht jetzt!“, redet ihm Herr Schacher dazwischen, „ich wollte Ihnen Gelegenheit geben, sich etwas „auszukotzen“, aber wie’s aussieht, werden Sie damit gar nicht fertig. Hören Sie auf, Herrn Sidler schlecht zu reden. Es gibt gewichtige Anhaltspunkte, die Sie belasten, und nach meinen Erkenntnissen sind Ihnen in letzter Zeit laufend Fehleinschätzungen unterlaufen, die nun mal kein besonders gutes Licht auf Sie werfen. In der Angelegenheit „Othmar Maurer“ haben Sie das Fass zum Überlaufen gebracht. Sie haben doch alle Hebel in Bewegung gesetzt, damit dieser Typ auf freien Fuß kam. Und dieser wusste nichts Schlaueres mit seiner Freiheit anzufangen, als einen Mord zu begehen! Dies lässt sich bloß …“
„Moment!“, redet Meierhans dem Ermittler dazwischen, „wer zum Teufel hat euch denn gesagt, dass das auf das Konto von Maurer geht? Auf den scheint ja eine eigentliche Hetzjagd im Gange zu sein!“ Darauf entgegnet Schacher: „Ich wollte vorher sagen, dass Ihre ständigen Versuche, Maurer als harmlos darzustellen, auf Befangenheit hindeuten. Und dass Sie am Abend der Tat dabei waren, mit Maurers Vater zu jassen, wissen wir nicht von Sidler!“
Meierhans schnauft heftig vor Erregung und ruft: „Das ist ja jetzt wirklich die Höhe! Man schnüffelt mir also sogar in meiner Freizeit hinterher!“ „Wenn etwas die Höhe ist“, erwidert Herr Schacher, „dann ist es Ihre in der Freizeit gefällte Entscheidung, die Fahndung nach Maurer auf den nächsten Morgen zu verschieben, nur, damit Sie Ihr Kartenspiel mit dem Vater des Verdächtigten ungestört weiterführen konnten!“
„Das alles tönt ja wirklich, als ob Sie mir den Prozess machen wollten! Was soll denn jetzt mit mir geschehen?“, wundert sich Meierhans. Darauf klärt ihn Herr Schacher umfassend auf, wie das Prozedere läuft: „Sie sind per jetzt vom Dienst suspendiert. Im Fall „Maurer“ müssten Sie ohnehin wegen Befangenheit in den Ausstand treten. Wir werden mit allen irgendwie involvierten Personen protokollierte Befragungen durchführen. Dazu zählt auch der Untersuchungsrichter. Am Schluss werden auch Sie erneut Gelegenheit erhalten, Stellung zu nehmen, nachdem Sie alle Protokolle durchgelesen haben. Für den Fall, dass sich die Vorwürfe gegen Sie erhärten sollten, möchte ich Sie gleich auch auf eine mögliche Lösung hinweisen und Sie dann bitten, bereits darüber nachzudenken. Sie müssten ja noch knappe zwei Jahre bis zur regulären Pensionierung arbeiten, nicht wahr? Sie sollten vielleicht bereits über eine vorgezogene Pensionierung nachdenken!“
„Soweit sind wir noch lange nicht, Kollege!“, erwidert Meierhans, „wir wollen doch erst mal sehen, wer über den längeren Atem verfügt. Okay, falls man mir die zwei Jahre schenken will, werd’ ich’s mir vielleicht überlegen. Aber wenn dies mit finanziellen Opfern für mich verbunden sein sollte, sag’ ich „njet“. Das käme ja einem Schuldeingeständnis gleich.“
„Und jetzt noch etwas“, ergreift Herr Schacher wieder das Wort, „halten Sie sich von Ihren Berufskollegen fern, auch privat, meine ich. Zudem warne ich Sie auch davor, Herrn Sidler hier am Arbeitsplatz oder privat in irgendeiner Form zu belästigen oder ihn bei der Dienstausübung zu behindern. Sollte nämlich nur das Geringste vorliegen, wird ein Strafverfahren gegen Sie eröffnet. Haben wir uns da verstanden?“
„Hören Sie mir bloß mit dieser Klugscheißerei auf! Ich werde ja wohl noch wissen, wie ich mich zu benehmen habe!“, gibt Meierhans in giftigem Ton zurück.
„Ich geleite Sie jetzt persönlich aus diesem Gebäude hinaus, damit Sie nicht nochmals auf dumme Ideen kommen. Und, denken Sie daran, dass es Ihnen bis zu einem allfälligen Widerruf durch das Polizeikommando strikt untersagt ist, dieses Gebäude zu betreten“, klärt Herr Schacher den abgesetzten Postenchef auf.

Am gleichen Montagmorgen fährt Stephan mit gemischten Gefühlen zur Arbeit. Er meldet sich bei Frau Josy Binswanger, welche so etwas wie die gute Seele in der Firma ist. „Guten Morgen; was kann ich für Sie tun?“, fragt sie Stephan, dem sie kurz ins Gesicht starrt, um sich dann etwas unauffällig abzuwenden. „Mein Name ist Stephan Hellers; ich bin hergekommen, um hier meine Arbeit wieder aufzunehmen“, erwidert Stephan absichtlich so formell.
„Oh Gott, Entschuldigung Stephan!“, entfährt es der Empfangsdame, „ich hab’ dich wirklich nicht erkannt. Das tut mir aber leid mit deinem Gesicht.“ „Mach dir bloß keine Gedanken, Josy“, sagt Stephan; „es geht allen gleich, wenn sie mich erstmals mit meiner ‚Fratze‘ erblicken.“
„Du wirst von Herrn Willimann erwartet; du kennst ja den Weg zu seinem Büro“, sagt Josy. Sie muss sich kurzfassen, weil sie ein sehr breites Pensum abzudecken hat. Empfangsdame ist sie nur so nebenbei. Hauptamtlich ist sie Sekretärin für den Boss, Dr. Krämer, und zusätzlich auch für Herrn Willimann, den Prokuristen und Buchhalter. Stephan klopft an die Tür, öffnet sie einen Spaltbreit und streckt den Kopf hinein.
„Hallo, wer sind denn Sie und wie sind Sie am Empfang vorbeigekommen?“, fragt Willimann fast verängstigt beim Anblick des verunstalteten Gesichts. „Mein Name ist Hellers, Stephan Hellers; ich bin hergekommen, um Ihnen meine Dienste anzubieten“, gibt Stephan zynisch zur Antwort. „Ich dachte, ich werde erwartet“, fügt er dann leicht belustigt noch hinzu.
„Du meine Güte! Ich hab’ Sie schlichtweg nicht erkannt!“, platzt es aus Willimann heraus. „Ich wette, dass es allen so geht, die Sie von vorher kennen. Kommen Sie doch herein und nehmen Sie kurz Platz“, fährt er fort. Stephan ist erstaunt, wie gut es der Prokurist schafft, in sein Gesicht zu starren, ohne Brechreiz zu bekommen. „Der Boss hätte Sie gerne selber in Empfang genommen, aber er ist gerade an einer dringenden Sache. Ich nehme an, dass er sich dann im Laufe des Vormittags noch melden wird“, verkündet der Prokurist. Stephan ist sich im Klaren, dass Dr. Krämer nicht darauf erpicht ist, sein Gesicht ansehen zu müssen. Er hatte bei seinem Besuch damals nicht verbergen können, wie sehr ihm davor graute, dieses Gesicht ansehen zu müssen. Der Prokurist ergreift erneut das Wort: „Wir haben sehr viel Arbeit – zu viel, um es korrekt auszudrücken. Daher möchte ich unverzüglich zu Ihrem neuen Einsatzbereich kommen. Wie Sie ja sicher vernommen haben, wurde im Showroom, das ist die neue Bezeichnung für den Verkaufsraum, an Ihrer Stelle Herr Odermatt eingestellt. Wir könnten da ruhig einen vierten Verkäufer brauchen. Aber Ihnen dürfte klar sein, dass Sie mit diesen Narben im Gesicht nicht mehr im Frontbereich zum Einsatz kommen können. Sie werden jetzt im sogenannten Produktionsbereich arbeiten. Dort werden die bestellten PC-Anlagen zusammengestellt und ausgetestet, bevor sie ausgeliefert werden. Die Ansprüche der Kundschaft steigen rasant, daher nimmt der Verkauf sehr viele Anfragen entgegen, die dann im Produktionsbereich bearbeitet werden müssen. Man versucht, eine maßgeschneiderte Lösung zu finden und unterbreitet dann ein entsprechendes Angebot. Wir konnten glücklicherweise einen im EDV-Bereich sehr versierten Mann engagieren, der jetzt in der Produktion die Leitung hat. Es handelt sich um Herrn Arno Killer. Er wird ab jetzt Ihr direkter Vorgesetzter sein. Das Arbeiten mit ihm dürfte etwas gewöhnungsbedürftig sein. Aber weil er eben gut ist, kann er sich halt auch gewisse Freiheiten erlauben. Ich werde Sie jetzt gleich rüberbringen, und dann kann’s losgehen.“

„Willimann hat sich ja noch ganz passabel verhalten“, geht es Stephan durch den Kopf, während sie sich auf den Weg zur Produktion machen, „aber ich hab’ ihm ja auch noch keinen Anlass zum Ausrasten gegeben.“
„So, das ist also Herr Killer“, sagt der Prokurist.
„Na, wo haben sie denn den rausgelassen? Das wird aber etwas Zeit brauchen, bis ich mich an dein Gesicht gewöhnt habe“, gibt dieser grob zur Antwort. Doch dann wird er etwas erträglicher, als er fortfährt: „Also ich bin der Arno, und du bist der Stephan, wenn ich das richtig mitbekommen habe. Hier duzen wir uns alle; das ist viel einfacher. Für Formalitäten haben wir hier weder Lust noch Zeit.“ Willimann klinkt sich schnell aus und verschwindet. „Ich muss als Erstes herausfinden, was du kannst – nicht viel, nehm’ ich an, wenn du vorher im Verkauf warst. Aber du hast ja eine KV-Lehre gemacht, also nehme ich an, dass du mindestens der deutschen Sprache mächtig bist und im Zehnfingersystem schreiben kannst. Wenn keine andern ungeahnten Talente bei dir zum Vorschein kommen, wirst du mir vor allem als Sekretär dienen. Es gibt nämlich hier viel Schreibarbeit zu verrichten. Wir müssen Offerten unterbreiten und Lösungsvorschläge schriftlich abfassen. Natürlich wäre es für dich und mich einfacher, wenn du von dem, was du zu schreiben hast, auch etwas verstehen würdest. Und das, wie du zu diesem Gesicht gekommen bist, musst du mir dann schon einmal erzählen. Ich hab’ nämlich echt eine Schwäche für möglichst hirnverbrannte Storys! So – genug getratscht – lasst uns arbeiten!“, quatscht Arno seinem Neuen den Kopf voll.
Stephan ist es schon fast schwindlig geworden, und er ist skeptisch, wie gut er mit diesem sehr direkten Kerl klarkommen wird. „Oh, sorry, ich hab’ ja ganz vergessen, dich mit unserer kleinen Crew da hinten bekannt zu machen! Kommst du mal?“, sagt Arno. So lernt Stephan dann seine künftigen drei Arbeitskollegen kennen: Hervé Canter, ein Elsässer; Nico Kostic, ein Serbe; Anton Anthamatten, ein „Urschweizer“ aus dem Wallis.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 466
ISBN: 978-3-99026-883-4
Erscheinungsdatum: 12.06.2013
EUR 19,90
EUR 11,99

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