Die Tote unterm Mistelzweig
ein Salzburg Krimi
EUR 17,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 304
ISBN: 978-3-7116-1156-7
Erscheinungsdatum: 16.10.2025
Weihnachtliche Idylle und ein dunkles Geheimnis: Die Chefin des Hotels Schloss Herrburg wird ermordet. Ihre Schwägerin Emma ermittelt und stößt auf ein Netz aus Lügen, Verrat und Leidenschaft. Doch je näher sie der Wahrheit kommt, desto gefährlicher wird es …
Prolog
‚Wir müssen reden …‘ – Worte, die niemand gerne hörte, schon gar nicht verpackt in einer nichtssagenden WhatsApp-Nachricht. Nicole schob ihr Handy in die Tasche und straffte die Schultern. Der Moment musste wohl irgendwann kommen. ‚Spiel nicht mit dem Feuer, wenn du nicht weißt, wie du es löschen kannst.‘, fiel ihr der Lieblingsspruch ihres Großonkels ein.
Doch Nicole würde das Feuer löschen, das hatte sie bis jetzt noch immer getan. Sie hatte nicht vor, die Wahrheit zu erzählen, unter keinen Umständen. Es stand zu viel auf dem Spiel.
Aber warum dieser seltsame Treffpunkt? Ausgerechnet bei diesen eisigen Temperaturen. Nicole zog sich instinktiv ihren braunen Wollmantel enger um den Körper.
Der Weihnachtszauber hatte um diese Uhrzeit schon längst geschlossen, doch die Lichterketten an den Hütten leuchteten noch und tauchten das Areal in romantisches Licht.
Wären ihre Gedanken nicht von dem anstehenden Gespräch eingenommen, hätte Nicole die wundervollen Dekorationen vermutlich mit Stolz bewundert, denn viele der Elemente entsprangen ihren Ideen.
Sie stieg die letzten Stufen zur Aussichtsterrasse hinab. Was für ein herrlicher Anblick, selbst bei Nacht! Vor ihr ragte das hölzerne Herz, umschlungen von goldenen Lichterketten, empor. Dieser Fotopunkt am Christkindlmarkt hatte sich als besonderes Besucherhighlight erwiesen, insbesondere für Paare und Verliebte, denn genau in der Herzmitte hing ein blühender Mistelzweig.
‚Hat hier vielleicht jemand in den letzten Tagen seinen ersten Kuss bekommen?‘, schoss es Nicole plötzlich durch den Kopf. Der Gedanke kam unerwartet, da sie sonst nicht viel für Romantik übrig hatte. Sie schüttelte schmunzelnd den Kopf; als hätte sie keine anderen Sorgen.
„Nicole“, riss sie die bekannte Stimme aus ihren Gedanken. Sie drehte sich um, wollte etwas erwidern, doch der eisige Blick ihres Gegenübers ließ sie verstummen. Die ohnehin kalten Außentemperaturen schienen augenblicklich um ein paar Grad zu sinken. Für einen Moment starrten sie sich wortlos an.
Nicole fühlte eine plötzliche Enge in der Brust und ihr Herz schlug ungewöhnlich schnell. Sie wollte zu einer Erklärung ansetzen, die angespannte Situation auflösen, als sie das Aufblitzen eines silbernen Gegenstandes aus den Augenwinkeln wahrnahm.
„Du Miststück.“
Kapitel 1 – Sonntag, 24.11.
Wie gewöhnlich zu dieser Stunde war die Stimmung am Stammtisch sehr ausgelassen. Die Männer versuchten, sich gegenseitig zu übertönen, und einer lachte lauter als der andere. Immer wieder fing irgendjemand an, seinen Bierkrug zu erheben und zu rufen: „S’Glas in’d Hand, zum Wohl mitnand!“ Gläser klirrten, noch mehr Gelächter.
Normalerweise war Emma Herrburg nicht begeistert von derartigen Saufgelagen. Sie empfand die inhaltslosen Gespräche oft als Zeitverschwendung und fühlte sich fehl am Platz; ganz zum Leidwesen ihres Vaters. „Dirndl“, pflegte er immer zu sagen, „als Wirtshaustochter gehört Zusammensitzen zum guten Ton! Ich dulde es nicht, dass die Leut blöd über uns reden.“
Und so hatte Emma sich schon früh ans stundenlange Biertrinken gewöhnt und machte gute Miene zum bösen Spiel, wenn sie in die regelmäßigen Stammtischrunden eingeschleust wurde. Sie wollte gar nicht darüber nachdenken, wie viele Stunden ihres Lebens sie bereits mit Smalltalk der Stammgäste und den Freunden ihrer Familie verbracht hatte.
Ihr älterer Bruder Markus war schon immer besser darin gewesen, mit allen Leuten Schmäh zu führen und einen riesigen Bekanntenkreis zu pflegen. Er ging durch seine offene Art in der Rolle als Juniorchef im Schloss Herrburg auf, auch wenn ihn typisch betriebswirtschaftliche Themen wie Finanzierung, Marketing und Strategieplanung oft langweilten. Er bevorzugte den Austausch mit Menschen und packte am liebsten selbst an, anstatt zu delegieren.
Seitdem Markus den Betrieb von ihren Eltern übernommen hatte, arbeitete er beinahe ununterbrochen, verbrachte seine freie Zeit hauptsächlich mit Gästen und Geschäftspartnern.
Emma gönnte ihm seine Position von Herzen, auch wenn böse Zungen im Ort womöglich etwas anderes behaupten würden. Sie war froh, dass sie selbst dem Familienwahnsinn hin und wieder entfliehen konnte. Dieser Luxus war Markus von klein auf verwehrt geblieben.
Manchmal machte sie sich Sorgen, dass er zu viel Last auf seinen Schultern trug, denn Dinge abzugeben war nicht seine Stärke, selbst innerhalb der Familie. Es hatte lange gedauert, bis er Emma den Bereich Marketing und seiner Frau Nicole das Front Office und die Buchhaltung überlassen hatte.
Das Schloss Herrburg war schon seit sieben Generationen im Besitz ihrer Familie. Anfangs wurde es als rustikales Gasthaus mit Gästezimmern geführt, doch nach und nach entwickelte sich daraus ein angesehenes Hotel mit besonderem Charme, das Touristen aus aller Welt anzog. Der traditionelle Teil wurde jedoch nie vernachlässigt. Die Bewohner von Giesdorf trafen sich gerne in der Herrburg Alm, die vor allem für Emmas Eltern eine hohe Priorität in ihrem Betrieb einnahm.
Mittlerweile kristallisierte sich jedoch immer stärker heraus, dass das Schloss Herrburg viel Potential für eine erfolgreiche Positionierung im Vier-Sterne-Superior-Bereich, abseits der klassischen Wirtshauskultur, hatte.
Markus und Nicole waren auf diesen Zug aufgesprungen und hatten in den letzten Jahren einen stilvollen Wellness- und Fitnessbereich sowie einen Kräutergarten mit Blick auf die umliegende Hügellandschaft errichtet. Dieser Richtung konnte Emma sehr viel abgewinnen.
Doch am heutigen Sonntag bereitete ihr auch das gesellige Beisammensitzen im Wirtshaus Freude, denn es gab allen Grund zu feiern. Das erste Wochenende des Weihnachtszaubers auf Schloss Herrburg lag hinter ihnen und die Resonanz der Gäste war großartig.
Emma hatte als Marketingleiterin die Gestaltung und Umsetzung des neuen Christkindlmarktes übernommen und blickte nun auf herausfordernde Wochen zurück. Der Weihnachtszauber hatte sich als ihr bisher faszinierendstes, spannendstes, aber auch aufwendigstes Projekt entpuppt.
Dabei war sie anfangs mit ihrer Idee regelrecht gegen eine Wand gelaufen. Ihr Vater hatte sich strikt gegen die Vorstellung eines eigenen Christkindlmarktes gewehrt. ‚Wir sind ein Gasthof und kein Winterwunderland‘, hatte er mürrisch erwidert.
Markus jedoch hatte sich von der Idee seiner kleinen Schwester mitreißen lassen und ihre Eltern mussten akzeptieren, dass nun ihr Sohn das Sagen im Familienbetrieb hatte.
So hatte Markus Emma und seiner Frau Nicole bei der Planung des Weihnachtszaubers auf Schloss Herrburg nahezu freie Hand gelassen. Mit viel Engagement und Liebe zum Detail hatten die beiden Frauen schließlich zehn malerische Stände ins Leben gerufen, die Handwerkskunst und kulinarische Highlights aus dem Salzburger Land boten. Ergänzt wurde der Markt durch eine stimmungsvolle Showbühne und einen romantischen Fotopunkt mit atemberaubendem Blick über die Salzburger Bergwelt.
Trotz allem waren die letzten Wochen für Emma ein chaotischer Strudel aus Last-Minute-Besorgungen, Vertragsverhandlungen, Personalausfällen und Nervenzusammenbrüchen gewesen.
Umso schöner war es nun, dass die ersten drei Tage des Weihnachtszaubers so erfolgreich verlaufen waren. Das Wetter hatte sich mit leichtem Schneefall von seiner besten Seite gezeigt und, zu Emmas größter Erleichterung, hatte die Stromversorgung den Belastungen durch die unzähligen Lichterketten, Durchlauferhitzer und anderen Geräte problemlos standgehalten. Am heutigen Tag waren sogar zwei Fernsehleute vom ORF vor Ort gewesen und Emma konnte es nicht erwarten, den Fernsehbericht zu sehen.
„Mit meiner Irmi und den Kindern muss ich nächste Woche vorbeikommen, des hab ich ihr versprochen“, riss ihr Stammgast Georg, auch Schurli genannt, Emma aus den Gedanken, „Wann kommt der Nikolaus nochmal?“
Emma räusperte sich und strich sich eine lose Haarsträhne hinters Ohr. „Der kommt am siebten Dezember um halb fünf zur Dämmerung.“
„Musst leicht deine Alte wieder mal ausführen, Schurli?“, grölte Willi, ein weiterer Stammgast, und sorgte für Gelächter.
Emma verkniff sich einen Kommentar, der ihr auf der Zunge lag, denn feministische Einwürfe hatten am Stammtisch nichts zu suchen, auch das hatte sie schon früh gelernt. Stattdessen begegnete sie dem Blick von Hanni, die gerade ein paar leere Gläser vom Tisch räumte, und rollte mit den Augen. Hanni arbeitete bereits seit sechs Jahren bei ihnen im Service und war mittlerweile eine gute Freundin von Emma geworden.
Abgesehen davon kam Hanni mit ihrer extrovertierten Art unglaublich gut bei den Gästen an und war eine echte Perle für den Betrieb. „Ge Hanni, bringst mir noch a Halbe bitte!“
„Freilich Schurli, für dich doch immer!“ Georg strahlte übers ganze Gesicht und Emma musste schmunzeln. Hanni hatte ihm mit ihren blonden Haaren, den weiblichen Rundungen und ihrer frechen Art vom ersten Tag an imponiert.
Georg war schon immer Stammgast gewesen, doch die letzten Jahre war er besonders oft bei ihnen in der Alm gewesen. Vielleicht zogen ihn die anderen deshalb damit auf, dass er seiner Frau so wenig Aufmerksamkeit schenkte und lieber jeden Tag am Stammtisch saß.
„Ja, bring ihm noch sein Bier, aber dann kannst heimgehen, Hanni“, mischte sich Emmas Bruder ein. „Es ist immerhin schon spät. Ich mach den Rest schon.“ Mit ‚machen‘ meinte Markus zwar, dass alles für den Morgendienst stehen bleiben würde, aber Hanni nickte trotzdem dankbar und verschwand wieder in die Küche.
Emma blickte auf die Uhr: 00:58. Der morgige Montag versprach anstrengend zu werden. Neben Willi, Georg und ihrem Bruder Markus saßen noch ihr Vater Josef Herrburg, der Bürgermeister von Giesdorf Richard Lobert und seine Frau Maja am Tisch.
Keiner von ihnen machte den Eindruck, in nächster Zeit nach Hause gehen zu wollen. Die Stimmung war ausgelassen. Lediglich Emmas Mutter und Nicole hatten sich schon vor einiger Zeit verabschiedet.
Die Frau ihres Bruders hatte sich vor knapp zwei Stunden mit leicht blassem Gesicht zu ihrer kleinen Tochter Maria in ihr Wohnhaus nebenan zurückgezogen. Vermutlich hatte ihr der viele Glühwein und Punsch zusammen mit den Anstrengungen der letzten Tage zugesetzt. ‚Man kann es ihr nicht verdenken‘, dachte Emma und gähnte heimlich hinter vorgehaltener Hand.
Hanni kam wieder durch die Tür, verabschiedete sich fröhlich und stellte am Weg nach draußen noch eine Runde Schnäpse auf den Tisch. „Pfiat eich, bis zum nächsten Mal!“
Ein freudiges Raunen ging durch die Runde. Richard Lobert, der Bürgermeister von Giesdorf, verteilte die kleinen Fläschchen und verkündete feierlich: „Auf den neuen Weihnachtszauber, eine wirkliche Bereicherung für unsere Gemeinde!“
Wie immer brachte Richard mit wenigen Worten den Tisch zum Schweigen und zog die Aufmerksamkeit der Runde auf sich. Er befand sich in seiner ersten Amtszeit als Bürgermeister und genoss von Beginn an große Beliebtheit, da er frischen Wind in die sonst eher verschlafene Gemeinde brachte.
Emma kam ebenfalls gut mit Richard aus, doch wurde sie das Gefühl nicht los, dass er auch eine manipulative Seite an sich hatte. Er wusste, seine charmante und gewinnende Art, sein Verhandlungsgeschick als studierter Jurist und sein gutes Aussehen durchaus zu seinem Vorteil zu nutzen.
Der Bürgermeister war Mitte 40, hatte schwarze, lockige Haare und dunkelbraune Augen. Seine Frau Maja war zehn Jahre jünger als er, hatte einen blonden Bob und strahlend grüne Augen. Sie war eine ruhige Persönlichkeit und überließ das Rampenlicht gerne ihrem Ehemann.
Seit einigen Monaten leitete Maja nun beständig und engagiert die Rezeption am Schloss Herrburg. Sie und ihr Mann waren gute Freunde der Familie.
Markus klopfte Richard brüderlich auf die Schulter. „Danke, Richard, für deine Unterstützung.“ Emma hakte ein: „Danke euch allen für eure Hilfe. Ich weiß es sehr zu schätzen, dass ihr beim Aufbau so spontan mitgeholfen habt. Ohne euch wäre dieses Wochenende nicht möglich gewesen.“
Es stimmte. Die Hilfe ihrer Stammgäste, Bekannten, Freunde und Mitarbeiter war unabdingbar gewesen, um mit dem finalen Feinschliff des Weihnachtszaubers rechtzeitig fertig zu werden.
Georg und Willi grinsten um die Wette und leerten die Schnaps-Fläschchen in einem Zug. Die anderen taten es ihnen nach.
Willi lallte bereits etwas, als er wieder zum Reden ansetzte: „Wisst ihr was? In unserer Gemeinde, do, do gibt’s no an Zusammenhalt. Heute hab ich an Ernstl aus Oberndorf getroffen, der hat …“ Weiter kam er nicht mit seiner Geschichte, denn in diesem Moment stolperte ihr Küchenchef Wolfgang durch die Tür.
Er war vor einigen Minuten zum Rauchen an die frische Luft gegangen und stand nun kreidebleich im Türrahmen, ohne ein Wort zu sagen.
„Hey Wolfi“, rief Georg, „Hast a Gespenst gesehen? I glaub, du brauchst noch a Bier!“ Wolfgang schüttelte langsam den Kopf und hielt sich mit der Hand zitternd am Türknauf fest.
Emmas Auffassungsgabe war etwas betrübt vom Alkohol, doch sie war dennoch die Erste, die aufstand und auf Wolfgang zuging. „Was ist passiert?“, fragte sie mit leiser Stimme und einem dicken Kloß im Hals.
Dem sonst so fröhlichen Küchenchef stand der blanke Horror ins Gesicht geschrieben und es wurde mucksmäuschenstill in der bislang lauten Runde.
„Sie ist tot“, Wolfgang zitterte am ganzen Körper, „Erstochen.“
Kapitel 2
Sophia lag nichtsahnend in ihrem Bett, als das schrille Klingeln ihres Diensthandys sie unsanft aus dem Schlaf riss. Schon in diesem Moment ahnte sie, dass schlechte Nachrichten auf sie warteten. Schließlich arbeitete sie seit drei Wochen bei der Mordkommission und nächtliche Anrufe bedeuteten in der Regel nichts Gutes.
„Frau Berginger“, brummte ihr Chef, Kommissar Walter Ploner, als sie verschlafen den Anruf entgegennahm, „Ich hole Sie gleich ab. Es hat sich heute Nacht ein tragischer Frauenmord ereignet und ich möchte, dass Sie mich bei der Bearbeitung dieses Falles unterstützen.“
Sophia zog sich in Windeseile an, band ihre blonden Locken zu einem Pferdeschwanz und stieg wenig später in den schwarzen Dienstwagen ihres Chefs. Der knapp 50-jährige Kommissar war für gewöhnlich die Ruhe selbst, doch in diesem Moment wirkte er angespannt.
Sophias Hände zitterten vor Aufregung. „Was ist denn passiert?“, fragte sie vorsichtig, da der Kommissar keine Anstalten machte, ihr mehr Informationen zu geben.
Er räusperte sich und lenkte den Wagen auf die menschenleere Hauptstraße. „Wir haben soeben die Meldung erhalten, dass eine Frau am Schloss Herrburg in Giesdorf erstochen wurde. Die Spurensicherung ist schon vor Ort und angeblich wirft die Inszenierung der Toten einige Fragen auf. Wir müssen hier besonders behutsam vorgehen, denn Fälle wie dieser erregen in der Regel sehr schnell die öffentliche Aufmerksamkeit. Es darf also kein unüberlegtes Wort an außenstehende Personen oder gar an die Presse weitergegeben werden. Meine Erfahrung …“
Sophia hörte ihrem Chef währenddessen nur noch mit halbem Ohr zu und versuchte, ihre aufsteigende Panik zu verbergen. Ihre Gedanken kreisten augenblicklich um ihre beste Freundin Emma Herrburg. Sie konnte nicht anders, als sich alle möglichen schrecklichen Szenarien auszumalen.
„Schloss Herrburg?“, brachte Sophia schließlich hervor, „Wie heißt die Verstorbene denn?“ Sie hielt die Luft an. In ihrem Kopfkino nannte der Kommissar bereits Emmas Namen.
Dieser wirkte kurz irritiert, dass sie seine Ansprache zur Dringlichkeit von Mordermittlungen unterbrochen hatte, beantwortete jedoch dann ihre Frage: „Die Ermordete heißt Nicole Herrburg, die Juniorchefin des Hotels. Sie wurde bereits von den Angehörigen identifiziert.“
Sophias Hände begannen zu zittern und sie presste die Handflächen intuitiv zwischen ihre Schenkel. Die Erleichterung, dass ihrer besten Freundin nichts passiert war, hielt nur für einen kurzen Augenblick an.
Sophia hatte Nicole gekannt und in den letzten Wochen immer wieder Zeit mit ihr verbracht, war sie doch die Frau von Markus Herrburg, Emmas Bruder.
„Sie kann nicht tot sein. Das ist unmöglich“, murmelte Sophia so leise, dass der Kommissar sie nicht hören konnte. Sie sah Nicole vor ihrem inneren Auge mit ihren rotblonden Haaren und ihrem breiten Lächeln an der Rezeption stehen, wie immer voller Tatendrang und Ideen.
„Kennen Sie die Dame?“, fragte Ploner skeptisch und strich sich über seinen grauen Schnurrbart. Sophia hielt kurz inne und spürte einen dicken Kloß im Hals.
Wenn sie zugeben würde, dass sie die Familie Herrburg gut kannte, würde das ihre Rolle in diesem Fall massiv gefährden. Befangenheit konnte Ermittlungen beeinflussen und ihr Chef nahm das sehr genau. Vor allem, da sie eine blutige Anfängerin bei der Kripo war, würde er sie sofort wieder zurück nach Hause bringen und sie hätte keine Chance herauszufinden, warum Nicole sterben musste.
Was, wenn sie sich dazu entschließen würde zu lügen? Könnte sie dann Emma ins Gesicht sehen, während deren Schwägerin brutal ermordet wurde, und so tun, als sei sie eine Fremde? Fast jeder dort kannte sie, zumindest oberflächlich. Sie hatte keine andere Wahl, als die Verbindung zur Familie Herrburg zuzugeben. Es war der einzig richtige Weg.
„Nein, nur so vom Sehen, ich war manchmal zum Essen dort.“ Sophias eigene Worte überraschten sie. Es war, als hätte eine Fremde gesprochen. Was war nur in sie gefahren?
Ploner nickte kurz und Sophia hatte damit ihr Schicksal besiegelt. Sie hatte sich für den schwierigeren Weg entschieden. Mit zittrigen Fingern zog sie möglichst belanglos ihr Smartphone aus ihrer Jackentasche und öffnete den Chat mit Emma.
‚Tu bitte so, als ob du mich nicht kennst. Ich erkläre es dir später.‘ Sie drückte rasch auf ‚Senden‘ und bemühte sich dann um ein neutrales Gespräch mit ihrem Chef. Walter Ploner war ein sehr skeptischer Mensch und sie wollte seine Instinkte auf keinen Fall wecken.
Trotz ihrer Bemühungen konnte Sophia ihre Angst jedoch kaum verbergen. Mit jedem Meter, den sie dem Schloss Herrburg näherkamen, schien sie weiter in ihr zu wachsen.
…
‚Wir müssen reden …‘ – Worte, die niemand gerne hörte, schon gar nicht verpackt in einer nichtssagenden WhatsApp-Nachricht. Nicole schob ihr Handy in die Tasche und straffte die Schultern. Der Moment musste wohl irgendwann kommen. ‚Spiel nicht mit dem Feuer, wenn du nicht weißt, wie du es löschen kannst.‘, fiel ihr der Lieblingsspruch ihres Großonkels ein.
Doch Nicole würde das Feuer löschen, das hatte sie bis jetzt noch immer getan. Sie hatte nicht vor, die Wahrheit zu erzählen, unter keinen Umständen. Es stand zu viel auf dem Spiel.
Aber warum dieser seltsame Treffpunkt? Ausgerechnet bei diesen eisigen Temperaturen. Nicole zog sich instinktiv ihren braunen Wollmantel enger um den Körper.
Der Weihnachtszauber hatte um diese Uhrzeit schon längst geschlossen, doch die Lichterketten an den Hütten leuchteten noch und tauchten das Areal in romantisches Licht.
Wären ihre Gedanken nicht von dem anstehenden Gespräch eingenommen, hätte Nicole die wundervollen Dekorationen vermutlich mit Stolz bewundert, denn viele der Elemente entsprangen ihren Ideen.
Sie stieg die letzten Stufen zur Aussichtsterrasse hinab. Was für ein herrlicher Anblick, selbst bei Nacht! Vor ihr ragte das hölzerne Herz, umschlungen von goldenen Lichterketten, empor. Dieser Fotopunkt am Christkindlmarkt hatte sich als besonderes Besucherhighlight erwiesen, insbesondere für Paare und Verliebte, denn genau in der Herzmitte hing ein blühender Mistelzweig.
‚Hat hier vielleicht jemand in den letzten Tagen seinen ersten Kuss bekommen?‘, schoss es Nicole plötzlich durch den Kopf. Der Gedanke kam unerwartet, da sie sonst nicht viel für Romantik übrig hatte. Sie schüttelte schmunzelnd den Kopf; als hätte sie keine anderen Sorgen.
„Nicole“, riss sie die bekannte Stimme aus ihren Gedanken. Sie drehte sich um, wollte etwas erwidern, doch der eisige Blick ihres Gegenübers ließ sie verstummen. Die ohnehin kalten Außentemperaturen schienen augenblicklich um ein paar Grad zu sinken. Für einen Moment starrten sie sich wortlos an.
Nicole fühlte eine plötzliche Enge in der Brust und ihr Herz schlug ungewöhnlich schnell. Sie wollte zu einer Erklärung ansetzen, die angespannte Situation auflösen, als sie das Aufblitzen eines silbernen Gegenstandes aus den Augenwinkeln wahrnahm.
„Du Miststück.“
Kapitel 1 – Sonntag, 24.11.
Wie gewöhnlich zu dieser Stunde war die Stimmung am Stammtisch sehr ausgelassen. Die Männer versuchten, sich gegenseitig zu übertönen, und einer lachte lauter als der andere. Immer wieder fing irgendjemand an, seinen Bierkrug zu erheben und zu rufen: „S’Glas in’d Hand, zum Wohl mitnand!“ Gläser klirrten, noch mehr Gelächter.
Normalerweise war Emma Herrburg nicht begeistert von derartigen Saufgelagen. Sie empfand die inhaltslosen Gespräche oft als Zeitverschwendung und fühlte sich fehl am Platz; ganz zum Leidwesen ihres Vaters. „Dirndl“, pflegte er immer zu sagen, „als Wirtshaustochter gehört Zusammensitzen zum guten Ton! Ich dulde es nicht, dass die Leut blöd über uns reden.“
Und so hatte Emma sich schon früh ans stundenlange Biertrinken gewöhnt und machte gute Miene zum bösen Spiel, wenn sie in die regelmäßigen Stammtischrunden eingeschleust wurde. Sie wollte gar nicht darüber nachdenken, wie viele Stunden ihres Lebens sie bereits mit Smalltalk der Stammgäste und den Freunden ihrer Familie verbracht hatte.
Ihr älterer Bruder Markus war schon immer besser darin gewesen, mit allen Leuten Schmäh zu führen und einen riesigen Bekanntenkreis zu pflegen. Er ging durch seine offene Art in der Rolle als Juniorchef im Schloss Herrburg auf, auch wenn ihn typisch betriebswirtschaftliche Themen wie Finanzierung, Marketing und Strategieplanung oft langweilten. Er bevorzugte den Austausch mit Menschen und packte am liebsten selbst an, anstatt zu delegieren.
Seitdem Markus den Betrieb von ihren Eltern übernommen hatte, arbeitete er beinahe ununterbrochen, verbrachte seine freie Zeit hauptsächlich mit Gästen und Geschäftspartnern.
Emma gönnte ihm seine Position von Herzen, auch wenn böse Zungen im Ort womöglich etwas anderes behaupten würden. Sie war froh, dass sie selbst dem Familienwahnsinn hin und wieder entfliehen konnte. Dieser Luxus war Markus von klein auf verwehrt geblieben.
Manchmal machte sie sich Sorgen, dass er zu viel Last auf seinen Schultern trug, denn Dinge abzugeben war nicht seine Stärke, selbst innerhalb der Familie. Es hatte lange gedauert, bis er Emma den Bereich Marketing und seiner Frau Nicole das Front Office und die Buchhaltung überlassen hatte.
Das Schloss Herrburg war schon seit sieben Generationen im Besitz ihrer Familie. Anfangs wurde es als rustikales Gasthaus mit Gästezimmern geführt, doch nach und nach entwickelte sich daraus ein angesehenes Hotel mit besonderem Charme, das Touristen aus aller Welt anzog. Der traditionelle Teil wurde jedoch nie vernachlässigt. Die Bewohner von Giesdorf trafen sich gerne in der Herrburg Alm, die vor allem für Emmas Eltern eine hohe Priorität in ihrem Betrieb einnahm.
Mittlerweile kristallisierte sich jedoch immer stärker heraus, dass das Schloss Herrburg viel Potential für eine erfolgreiche Positionierung im Vier-Sterne-Superior-Bereich, abseits der klassischen Wirtshauskultur, hatte.
Markus und Nicole waren auf diesen Zug aufgesprungen und hatten in den letzten Jahren einen stilvollen Wellness- und Fitnessbereich sowie einen Kräutergarten mit Blick auf die umliegende Hügellandschaft errichtet. Dieser Richtung konnte Emma sehr viel abgewinnen.
Doch am heutigen Sonntag bereitete ihr auch das gesellige Beisammensitzen im Wirtshaus Freude, denn es gab allen Grund zu feiern. Das erste Wochenende des Weihnachtszaubers auf Schloss Herrburg lag hinter ihnen und die Resonanz der Gäste war großartig.
Emma hatte als Marketingleiterin die Gestaltung und Umsetzung des neuen Christkindlmarktes übernommen und blickte nun auf herausfordernde Wochen zurück. Der Weihnachtszauber hatte sich als ihr bisher faszinierendstes, spannendstes, aber auch aufwendigstes Projekt entpuppt.
Dabei war sie anfangs mit ihrer Idee regelrecht gegen eine Wand gelaufen. Ihr Vater hatte sich strikt gegen die Vorstellung eines eigenen Christkindlmarktes gewehrt. ‚Wir sind ein Gasthof und kein Winterwunderland‘, hatte er mürrisch erwidert.
Markus jedoch hatte sich von der Idee seiner kleinen Schwester mitreißen lassen und ihre Eltern mussten akzeptieren, dass nun ihr Sohn das Sagen im Familienbetrieb hatte.
So hatte Markus Emma und seiner Frau Nicole bei der Planung des Weihnachtszaubers auf Schloss Herrburg nahezu freie Hand gelassen. Mit viel Engagement und Liebe zum Detail hatten die beiden Frauen schließlich zehn malerische Stände ins Leben gerufen, die Handwerkskunst und kulinarische Highlights aus dem Salzburger Land boten. Ergänzt wurde der Markt durch eine stimmungsvolle Showbühne und einen romantischen Fotopunkt mit atemberaubendem Blick über die Salzburger Bergwelt.
Trotz allem waren die letzten Wochen für Emma ein chaotischer Strudel aus Last-Minute-Besorgungen, Vertragsverhandlungen, Personalausfällen und Nervenzusammenbrüchen gewesen.
Umso schöner war es nun, dass die ersten drei Tage des Weihnachtszaubers so erfolgreich verlaufen waren. Das Wetter hatte sich mit leichtem Schneefall von seiner besten Seite gezeigt und, zu Emmas größter Erleichterung, hatte die Stromversorgung den Belastungen durch die unzähligen Lichterketten, Durchlauferhitzer und anderen Geräte problemlos standgehalten. Am heutigen Tag waren sogar zwei Fernsehleute vom ORF vor Ort gewesen und Emma konnte es nicht erwarten, den Fernsehbericht zu sehen.
„Mit meiner Irmi und den Kindern muss ich nächste Woche vorbeikommen, des hab ich ihr versprochen“, riss ihr Stammgast Georg, auch Schurli genannt, Emma aus den Gedanken, „Wann kommt der Nikolaus nochmal?“
Emma räusperte sich und strich sich eine lose Haarsträhne hinters Ohr. „Der kommt am siebten Dezember um halb fünf zur Dämmerung.“
„Musst leicht deine Alte wieder mal ausführen, Schurli?“, grölte Willi, ein weiterer Stammgast, und sorgte für Gelächter.
Emma verkniff sich einen Kommentar, der ihr auf der Zunge lag, denn feministische Einwürfe hatten am Stammtisch nichts zu suchen, auch das hatte sie schon früh gelernt. Stattdessen begegnete sie dem Blick von Hanni, die gerade ein paar leere Gläser vom Tisch räumte, und rollte mit den Augen. Hanni arbeitete bereits seit sechs Jahren bei ihnen im Service und war mittlerweile eine gute Freundin von Emma geworden.
Abgesehen davon kam Hanni mit ihrer extrovertierten Art unglaublich gut bei den Gästen an und war eine echte Perle für den Betrieb. „Ge Hanni, bringst mir noch a Halbe bitte!“
„Freilich Schurli, für dich doch immer!“ Georg strahlte übers ganze Gesicht und Emma musste schmunzeln. Hanni hatte ihm mit ihren blonden Haaren, den weiblichen Rundungen und ihrer frechen Art vom ersten Tag an imponiert.
Georg war schon immer Stammgast gewesen, doch die letzten Jahre war er besonders oft bei ihnen in der Alm gewesen. Vielleicht zogen ihn die anderen deshalb damit auf, dass er seiner Frau so wenig Aufmerksamkeit schenkte und lieber jeden Tag am Stammtisch saß.
„Ja, bring ihm noch sein Bier, aber dann kannst heimgehen, Hanni“, mischte sich Emmas Bruder ein. „Es ist immerhin schon spät. Ich mach den Rest schon.“ Mit ‚machen‘ meinte Markus zwar, dass alles für den Morgendienst stehen bleiben würde, aber Hanni nickte trotzdem dankbar und verschwand wieder in die Küche.
Emma blickte auf die Uhr: 00:58. Der morgige Montag versprach anstrengend zu werden. Neben Willi, Georg und ihrem Bruder Markus saßen noch ihr Vater Josef Herrburg, der Bürgermeister von Giesdorf Richard Lobert und seine Frau Maja am Tisch.
Keiner von ihnen machte den Eindruck, in nächster Zeit nach Hause gehen zu wollen. Die Stimmung war ausgelassen. Lediglich Emmas Mutter und Nicole hatten sich schon vor einiger Zeit verabschiedet.
Die Frau ihres Bruders hatte sich vor knapp zwei Stunden mit leicht blassem Gesicht zu ihrer kleinen Tochter Maria in ihr Wohnhaus nebenan zurückgezogen. Vermutlich hatte ihr der viele Glühwein und Punsch zusammen mit den Anstrengungen der letzten Tage zugesetzt. ‚Man kann es ihr nicht verdenken‘, dachte Emma und gähnte heimlich hinter vorgehaltener Hand.
Hanni kam wieder durch die Tür, verabschiedete sich fröhlich und stellte am Weg nach draußen noch eine Runde Schnäpse auf den Tisch. „Pfiat eich, bis zum nächsten Mal!“
Ein freudiges Raunen ging durch die Runde. Richard Lobert, der Bürgermeister von Giesdorf, verteilte die kleinen Fläschchen und verkündete feierlich: „Auf den neuen Weihnachtszauber, eine wirkliche Bereicherung für unsere Gemeinde!“
Wie immer brachte Richard mit wenigen Worten den Tisch zum Schweigen und zog die Aufmerksamkeit der Runde auf sich. Er befand sich in seiner ersten Amtszeit als Bürgermeister und genoss von Beginn an große Beliebtheit, da er frischen Wind in die sonst eher verschlafene Gemeinde brachte.
Emma kam ebenfalls gut mit Richard aus, doch wurde sie das Gefühl nicht los, dass er auch eine manipulative Seite an sich hatte. Er wusste, seine charmante und gewinnende Art, sein Verhandlungsgeschick als studierter Jurist und sein gutes Aussehen durchaus zu seinem Vorteil zu nutzen.
Der Bürgermeister war Mitte 40, hatte schwarze, lockige Haare und dunkelbraune Augen. Seine Frau Maja war zehn Jahre jünger als er, hatte einen blonden Bob und strahlend grüne Augen. Sie war eine ruhige Persönlichkeit und überließ das Rampenlicht gerne ihrem Ehemann.
Seit einigen Monaten leitete Maja nun beständig und engagiert die Rezeption am Schloss Herrburg. Sie und ihr Mann waren gute Freunde der Familie.
Markus klopfte Richard brüderlich auf die Schulter. „Danke, Richard, für deine Unterstützung.“ Emma hakte ein: „Danke euch allen für eure Hilfe. Ich weiß es sehr zu schätzen, dass ihr beim Aufbau so spontan mitgeholfen habt. Ohne euch wäre dieses Wochenende nicht möglich gewesen.“
Es stimmte. Die Hilfe ihrer Stammgäste, Bekannten, Freunde und Mitarbeiter war unabdingbar gewesen, um mit dem finalen Feinschliff des Weihnachtszaubers rechtzeitig fertig zu werden.
Georg und Willi grinsten um die Wette und leerten die Schnaps-Fläschchen in einem Zug. Die anderen taten es ihnen nach.
Willi lallte bereits etwas, als er wieder zum Reden ansetzte: „Wisst ihr was? In unserer Gemeinde, do, do gibt’s no an Zusammenhalt. Heute hab ich an Ernstl aus Oberndorf getroffen, der hat …“ Weiter kam er nicht mit seiner Geschichte, denn in diesem Moment stolperte ihr Küchenchef Wolfgang durch die Tür.
Er war vor einigen Minuten zum Rauchen an die frische Luft gegangen und stand nun kreidebleich im Türrahmen, ohne ein Wort zu sagen.
„Hey Wolfi“, rief Georg, „Hast a Gespenst gesehen? I glaub, du brauchst noch a Bier!“ Wolfgang schüttelte langsam den Kopf und hielt sich mit der Hand zitternd am Türknauf fest.
Emmas Auffassungsgabe war etwas betrübt vom Alkohol, doch sie war dennoch die Erste, die aufstand und auf Wolfgang zuging. „Was ist passiert?“, fragte sie mit leiser Stimme und einem dicken Kloß im Hals.
Dem sonst so fröhlichen Küchenchef stand der blanke Horror ins Gesicht geschrieben und es wurde mucksmäuschenstill in der bislang lauten Runde.
„Sie ist tot“, Wolfgang zitterte am ganzen Körper, „Erstochen.“
Kapitel 2
Sophia lag nichtsahnend in ihrem Bett, als das schrille Klingeln ihres Diensthandys sie unsanft aus dem Schlaf riss. Schon in diesem Moment ahnte sie, dass schlechte Nachrichten auf sie warteten. Schließlich arbeitete sie seit drei Wochen bei der Mordkommission und nächtliche Anrufe bedeuteten in der Regel nichts Gutes.
„Frau Berginger“, brummte ihr Chef, Kommissar Walter Ploner, als sie verschlafen den Anruf entgegennahm, „Ich hole Sie gleich ab. Es hat sich heute Nacht ein tragischer Frauenmord ereignet und ich möchte, dass Sie mich bei der Bearbeitung dieses Falles unterstützen.“
Sophia zog sich in Windeseile an, band ihre blonden Locken zu einem Pferdeschwanz und stieg wenig später in den schwarzen Dienstwagen ihres Chefs. Der knapp 50-jährige Kommissar war für gewöhnlich die Ruhe selbst, doch in diesem Moment wirkte er angespannt.
Sophias Hände zitterten vor Aufregung. „Was ist denn passiert?“, fragte sie vorsichtig, da der Kommissar keine Anstalten machte, ihr mehr Informationen zu geben.
Er räusperte sich und lenkte den Wagen auf die menschenleere Hauptstraße. „Wir haben soeben die Meldung erhalten, dass eine Frau am Schloss Herrburg in Giesdorf erstochen wurde. Die Spurensicherung ist schon vor Ort und angeblich wirft die Inszenierung der Toten einige Fragen auf. Wir müssen hier besonders behutsam vorgehen, denn Fälle wie dieser erregen in der Regel sehr schnell die öffentliche Aufmerksamkeit. Es darf also kein unüberlegtes Wort an außenstehende Personen oder gar an die Presse weitergegeben werden. Meine Erfahrung …“
Sophia hörte ihrem Chef währenddessen nur noch mit halbem Ohr zu und versuchte, ihre aufsteigende Panik zu verbergen. Ihre Gedanken kreisten augenblicklich um ihre beste Freundin Emma Herrburg. Sie konnte nicht anders, als sich alle möglichen schrecklichen Szenarien auszumalen.
„Schloss Herrburg?“, brachte Sophia schließlich hervor, „Wie heißt die Verstorbene denn?“ Sie hielt die Luft an. In ihrem Kopfkino nannte der Kommissar bereits Emmas Namen.
Dieser wirkte kurz irritiert, dass sie seine Ansprache zur Dringlichkeit von Mordermittlungen unterbrochen hatte, beantwortete jedoch dann ihre Frage: „Die Ermordete heißt Nicole Herrburg, die Juniorchefin des Hotels. Sie wurde bereits von den Angehörigen identifiziert.“
Sophias Hände begannen zu zittern und sie presste die Handflächen intuitiv zwischen ihre Schenkel. Die Erleichterung, dass ihrer besten Freundin nichts passiert war, hielt nur für einen kurzen Augenblick an.
Sophia hatte Nicole gekannt und in den letzten Wochen immer wieder Zeit mit ihr verbracht, war sie doch die Frau von Markus Herrburg, Emmas Bruder.
„Sie kann nicht tot sein. Das ist unmöglich“, murmelte Sophia so leise, dass der Kommissar sie nicht hören konnte. Sie sah Nicole vor ihrem inneren Auge mit ihren rotblonden Haaren und ihrem breiten Lächeln an der Rezeption stehen, wie immer voller Tatendrang und Ideen.
„Kennen Sie die Dame?“, fragte Ploner skeptisch und strich sich über seinen grauen Schnurrbart. Sophia hielt kurz inne und spürte einen dicken Kloß im Hals.
Wenn sie zugeben würde, dass sie die Familie Herrburg gut kannte, würde das ihre Rolle in diesem Fall massiv gefährden. Befangenheit konnte Ermittlungen beeinflussen und ihr Chef nahm das sehr genau. Vor allem, da sie eine blutige Anfängerin bei der Kripo war, würde er sie sofort wieder zurück nach Hause bringen und sie hätte keine Chance herauszufinden, warum Nicole sterben musste.
Was, wenn sie sich dazu entschließen würde zu lügen? Könnte sie dann Emma ins Gesicht sehen, während deren Schwägerin brutal ermordet wurde, und so tun, als sei sie eine Fremde? Fast jeder dort kannte sie, zumindest oberflächlich. Sie hatte keine andere Wahl, als die Verbindung zur Familie Herrburg zuzugeben. Es war der einzig richtige Weg.
„Nein, nur so vom Sehen, ich war manchmal zum Essen dort.“ Sophias eigene Worte überraschten sie. Es war, als hätte eine Fremde gesprochen. Was war nur in sie gefahren?
Ploner nickte kurz und Sophia hatte damit ihr Schicksal besiegelt. Sie hatte sich für den schwierigeren Weg entschieden. Mit zittrigen Fingern zog sie möglichst belanglos ihr Smartphone aus ihrer Jackentasche und öffnete den Chat mit Emma.
‚Tu bitte so, als ob du mich nicht kennst. Ich erkläre es dir später.‘ Sie drückte rasch auf ‚Senden‘ und bemühte sich dann um ein neutrales Gespräch mit ihrem Chef. Walter Ploner war ein sehr skeptischer Mensch und sie wollte seine Instinkte auf keinen Fall wecken.
Trotz ihrer Bemühungen konnte Sophia ihre Angst jedoch kaum verbergen. Mit jedem Meter, den sie dem Schloss Herrburg näherkamen, schien sie weiter in ihr zu wachsen.
…

