Cover: Die Schatten von Amarna

Die Schatten von Amarna


EUR 21,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 314
ISBN: 978-3-7116-1174-1
Erscheinungsdatum: 20.11.2025
Archäologie trifft Apokalypse! Echnatons Grab wird geöffnet – und entfesselt tödliche Kräfte. Als eine Sekte den Sonnengott erweckt, kämpfen Forscher gegen Zeit, Seuche, Naturphänomene und Wahnsinn. Atemlose Spannung bis zum Schluss! 
Prolog (altes Ägypten)
1334 v. Chr. 18. Dynastie


Amons Herz raste, Schweiß perlte auf seiner Stirn. Wenn er diesen Job nicht perfekt ausführen würde, hätte dies tödliche Konsequenzen für ihn. Im flackernden Kerzenlicht seiner Werkstatt in Achet-Aton lag vor ihm die Leiche des mächtigen Pharaos Echnaton. Seine Hände zitterten, ihm kam die große Ehre zuteil, die Einbalsamierung des toten Königs vorzunehmen. Der plötzliche Tod des Herrschers hatte alle überrascht. Amon glaubte nicht an Krankheit oder göttliches Urteil – in seinen Augen war es Mord. Machtgier hatte schon viele Pharaonen zu Fall gebracht. Durch die Abschaffung der Götter machte er sich viele Feinde, in Zukunft würde er vermutlich als der Pharao in die Geschichte eingehen, welcher als Erstes einen einzelnen Gott anbetete. Was für ein Witz, dachte er sich.
Sein Vater war ein Meister der Mumifizierung, der ihm alles beibrachte. Sogar das Geheimrezept seiner Einbalsamierungsflüssigkeit, sozusagen sein Erbe, erhielt Amon nach seinem Tod. Unter keinen Umständen hätte er diese Rezeptur an einen Fremden weitergegeben. Ein starker Geruch von verschiedenen Harzen und Pflanzensäften stieg ihm in die Nase. Ihm wurde gelehrt, dass ein Leben ohne intakten Körper nicht möglich sei. Die Seele musste nach dem Tod den Körper wiedererkennen, nur so konnte der Verstorbene auferstehen und im Reich der Toten sein Leben fortsetzen. Ohne eine sorgfältige Einbalsamierung war die Wiedergeburt unmöglich. Für Amon war das nicht nur Arbeit. Es war ein heiliger Dienst. Im Kopf ging er kurz seine Zutatenliste durch: Leinen und Sägemehl, um den Leichnam auszustopfen und einzuwickeln; Flechten, Bienenwachs, Harze und Bitumen für die Einbalsamierungsflüssigkeit; Natronsalz, Alabaster und Sand, um den Hohlraum im Oberkörper auszutrocknen; Weihrauch für die Zeremonien; Gehirnhaken, Ölbehälter, ein Trichter und sein scharfes Messer. Zufrieden summte er ein altes Lied, das seine Mutter ihm früher vorgesungen hatte – eine Melodie, die ihn beruhigte.

Er griff zum Messer. Mit ruhiger Hand öffnete er das Nasenloch des Toten. Ein leises Knacken hallte durch den Raum – der Durchbruch zum Siebbein. Amon fröstelte jedes Mal bei diesem Geräusch. Mit einem langen Metallhaken stieß er in die Schädelhöhle, zerstörte das Gehirn, verquirlte es und zog die Masse durch die Nase heraus. Beim ersten Mal, als er es mitansah, war ihm fast übel geworden. Die Erinnerung daran war noch lebendig – als wäre es gestern gewesen. An der linken Seite setzte der gelernte Einbalsamierer das Messer an und schlitzte den Bauch auf. Der Schnitt war diskret gesetzt und nur sichtbar, wenn der Arm des Verstorbenen angehoben wurde. Nun entfernte er die inneren Organe, bis auf das Herz, welches unerlässlich für die Prüfung vor dem Totengericht des Osiris war. Mit wohlriechenden Essenzen und Palmwein wusch er nun den hohlen Körper aus. Die entnommenen Organe wurden gereinigt, entwässert, in Harze getränkt und jedes einzeln in Leinentücher eingewickelt, damit sie danach in einer Kanope überdauern konnten. Er bestaunte seine wunderschön geformten Alabastergefäße. Die Lunge legte er behutsam in das Hapi-Gefäß. Die Leber kam in die Kanope mit dem Menschenkopf, die sie Amset nannten. Zum Schluss öffnete er die Gefäße mit dem Schakal- und Falkenkopf, welche für den Magen und die Gedärme gedacht waren. Um die Verwesung des Körpers zu verhindern, packte er kleine Säckchen mit einem Gemisch aus Natronsalz, Alabaster und Sand. Diese legte er sorgfältig ins Innere des Torsos, um die Flüssigkeit zu entziehen. Vierzig Tage würde der Körper nun ruhen. Vierzig Tage der Stille, der Trocknung, der Vorbereitung auf die Ewigkeit. Als der Leichnam vollständig ausgetrocknet war, entfernte Amon das Natrongemisch. Die Haut war spröde geworden, das Gewebe hart und brüchig. Er bettete den toten König in ein gut temperiertes Balsambad, das die äußeren Schichten wieder geschmeidig machen sollte. Danach legte er ihn auf eine hölzerne Bahre, damit der überflüssige Balsam langsam abtropfen konnte. Im Anschluss drehte er den König auf die rechte Seite, um über den linken Schnitt den Körper mit Einbalsamierungsflüssigkeit zu füllen. Um den Torso realistisch aussehen zu lassen, füllte er den hohlen Leichnam mit Leinen und Sägespänen. Den linken Schnitt vernähte er fachmännisch und schloss ihn mit einem Siegel aus Wachs. Es war sein handwerkliches Siegel der letzten Ehre. Die leeren Augenhöhlen füllte er mit kunstvollen Nachbildungen: Bergkristall für das Weiße, schwarzer Wachs für die Pupillen. Amon trat einen Schritt zurück. Ehrfürchtig betrachtete er sein Werk. Die Augen schimmerten so lebendig, dass es ihm kalt den Rücken hinunterlief. War es genug? Würde es der königlichen Familie genügen? Er würde keine zweite Gelegenheit erhalten. „Das ist eines meiner besten Werke, das muss reichen“, murmelte er stolz vor sich hin. Bei den letzten Vorbereitungen für die Reise ins Jenseits wurde der ganze Körper mit Leinenbandagen umwickelt. Vorsichtig wickelte er die Finger und Zehen ein, nun sprach er laut und rhythmisch das entsprechende Ritual dazu:

„Du wirst gehen mit deinen Beinen auf dem Boden in Achet-Aton. Du wirst auf der Erde am Ufer des großen lebensspendenden Flusses laufen. Du wirst Aton bei jeder seiner Erscheinungen sehen. Du wirst Aton sehen, den König der Götter, bei seinem schönen Fest, während der Achet-Jahreszeit. Dein Ba wird sich nähern dem königlichen Schreiber, dem vollkommenen Schreiber. Du wirst handeln, wie es dir gefällt in Achet-Aton. Es werden dir gegeben die Kommunikationswerkzeuge des Gottes, der sich in Achet-Aton befindet.“

Zwischen die Bandagen legte er magische Amulette zum Schutz des Pharaos. Schließlich bettete er die kunstvolle Totenmaske auf das Haupt der Mumie. Sie zeigte idealisierte Züge, makellos, beinahe lebendig. Siebzig Tage war Amon nun schon mit der Mumifizierung und den rituellen Prozessionen beschäftigt – eine Zeit der Konzentration, der Anstrengung, der Isolation. Doch eines seiner liebsten Rituale stand noch bevor: die Öffnung des Mundes. Er entzündete den Weihrauch. Langsam durchschritt er die gesamte Werkstatt, ließ den Rauch durch alle Ritzen und Spalten ziehen, bis selbst seine Lunge sich füllte. Ein heftiger Hustenanfall zwang ihn in die Knie – der Rauch war zu dicht. Er riss die alte Holztür auf und sog gierig die kühle Nachtluft ein, bis sein Atem sich beruhigte. Dann kehrte er zurück und trat wieder vor den König.
„Hiermit öffne ich dir den Mund, hiermit öffne ich dir die Augen, ich tue dir den Mund auf mit dem Dechsel des Anubis, dem Haken aus Erz, der den Mund des Gottes öffnet. Sei gegrüßt, Aton!“ Er hustete, seine Stimme versagte fast. Sofort öffnete er kurz die alte Holztür und pumpte frische Luft in die Lungen, damit er weitermachen konnte. „Du legst den Arm um ihn, damit dein Ka in seinem sei. Aton, mögest du den Arm um Echnaton legen, damit er lebe zusammen mit seinem Ka in Ewigkeit.“

Amon musste sich stark konzentrieren, um in den Zaubersprüchen stets die alten Götternamen korrekt durch den Namen Atons zu ersetzen. Die Formeln hatte er von seinem Vater gelernt, diese richteten sich jedoch an die alten Götter. Er betete, keine Fehler gemacht zu haben, sonst würde ihn bestimmt die gnadenlose Rache Atons treffen. Ihm schauderte beim Gedanken daran, denn Fehler wurden nicht vergeben. Mit einem speziellen Instrument berührte er Mund, Nase und Augen, um sie für das Leben nach dem Tod zu öffnen. Nur so konnte der Verstorbene im Jenseits essen, trinken und seine Sinne wieder benutzen. Dieses Ritual setzte die Seelen Ba und Ka frei, um im Jenseits zu reisen. In ihrer Vorstellung lag der Tote am Tage im Grab. Seine Ka-Seele empfing die Opfergaben, welche von den Lebenden bereitgestellt wurden. Die Ba-Seele flog mit Sonnengott Re auf der Barke am Himmel. Eine tägliche Fahrt durch Licht und Schatten. Wenn er seine Aufgabe gut erfüllte und der Verwesungsprozess gestoppt werden konnte, würde die Seele den Körper wiedererkennen und sich wiedervereinen, wenn der Sonnengott bei Nacht mit seiner Barke die Unterwelt erleuchtete. Er holte tief Luft und sammelte sich ein letztes Mal, um den abschließenden Zauberspruch zu sprechen:

„Der Gott ruht in seinem Palast, deine Vollkommenheit gehört dir, Echnaton, dir ist wohl, dein Vater Aton hat dich in die Arme genommen in seinem Namen, dir wird Leben gewährt bei deinem Vater Aton.“

Erschöpft von den rituellen Prozessionen legte er sich hin und fiel in einen tiefen Schlaf.
Der Hahn seiner Nachbarn stieß ein kehliges „Kikerikiii!“ in die Morgendämmerung aus, während die ersten Sonnenstrahlen das Nilufer von Achet-Aton berührten. Zeit für seine Morgenriten. Er versammelte sich mit seinen Nachbarn am Tempel des Aton, um den Sonnenaufgang zu beobachten. In stiller Andacht empfingen sie das wärmende Licht – eine symbolische Geste der Verehrung des einzigen Gottes. Die Strahlen galten als sichtbare Erscheinung Atons, der sich durch das Licht offenbarte. Er begann seinen Tag oft mit rituellen Waschungen der Hände und des Gesichts. Dafür verwendete er das heilige Wasser des Nils, um sich von Unreinheiten zu befreien. Danach sprach er seine Gebete, mit denen er Atons Segen für den neuen Tag erbat – formelle Anrufungen, in denen er dessen Eigenschaften als Lichtspender, Lebensbringer und ewige Wärmequelle pries.

„Aton, strahlende Sonne, du, der du den Himmel erleuchtest, mit deinem Licht schenkst du Leben und erfüllst die Erde mit Freude. Lass dein strahlendes Licht auf mich herabfallen, damit ich deinen Segen spüren kann. Aton, der du das Leben schaffst, lass mich in Harmonie mit deiner Schöpfung leben. Führe mich auf dem rechten Weg und gewähre mir Gesundheit und Frieden. Möge dein Licht meine Tage erhellen, möge dein Glanz mein Herz erleuchten. Ich danke dir für deine Gaben, Aton, strahlende Sonne, heute und immerdar.“

Das Darbringen von Opfergaben war ein zentraler Bestandteil des Rituals. Heute brachte er Brot und Weihrauch. Priester entzündeten Kerzen und Fackeln, um Atons Licht zu symbolisieren, und rezitierten von den bekannten, heiligen Schriftstücken. Er schloss sich der Menschenmenge an und umkreiste die große Statue Atons und berührte sie mit den Händen, während er Gebete vor sich hinmurmelte. Nach dem Morgenritual bereiteten sich die Gläubigen auf ihre täglichen Aufgaben vor, sei es in der Landwirtschaft, beim Handwerk oder in der Verwaltung. Amon ging wie jeden Tag in seine Arbeitsstätte.
Er schlürfte genüsslich an seinem Bier, mit dem er immer bezahlt wurde, und genoss den kühlen Vormittag. Unerwartet erklang ein hektisches Klopfen an seiner Tür. Verwundert runzelte er die Stirn. Er erwartete niemanden. Wer würde ihn um diese Zeit stören? Langsam bewegte er sich zum Eingang, um die schäbige, knatternde Holztür zu öffnen. Da stand eine vermummte Gestalt, welche in hochwertige Tücher eingewickelt war. Er zuckte vor Schreck zusammen. War das ein Überfall? „Ich habe nichts Wertvolles in meiner Werkstatt! Verschwinde!“, stieß er mit zerbrechlicher Stimme hervor und wollte die Tür hastig zuschlagen. Die vermummte Person hielt jedoch eine Hand dagegen. „Halt! Warten Sie! Hören Sie mir zu, es ist unheimlich wichtig.“ Seine Angst wandelte sich in Neugier um, als er die zarte Frauenstimme hörte. „Wer sind Sie und was wollen Sie?“, hakte er misstrauisch nach. „Darf ich hereinkommen? Ich habe etwas für Sie und es wäre mir angenehmer, wenn mich hier niemand sieht.“ Mit leichtem Unbehagen öffnete er langsam die Tür. Die Frau trat ein und nahm die Tücher vom Kopf. Amon musste erst mal leer schlucken, als er die Frau erkannte. Es war tatsächlich Teje, die Mutter des verstorbenen Königs. „Entschuldigen Sie bitte meine Unhöflichkeit, kann ich Ihnen Bier anbieten? Mehr habe ich leider nicht“, stammelte er mit zittriger Stimme. „Nein, danke. Ich habe nicht viel Zeit“, antwortete sie und schaute immer wieder nervös über die Schulter. Dann übergab sie Amon eine Papyrusrolle. „Es ist von größter Wichtigkeit, dass Echnaton diese Opfergaben mit ins Grab nehmen wird“, betonte sie mit zittriger Stimme, als würde ein Unheil geschehen, falls nicht. Amon betrachtete die Papyrusrolle, öffnete sie vorsichtig und erstarrte. Er fand eine Pflanze, zusammen mit einem hübschen Amulett. Darauf war eine Blüte eingraviert, seine Lippen wurden trocken. War es das, was er glaubte? Nein, das konnte doch nicht sein!
„Ist das wirklich …? Das allwissende Kraut?“, flüsterte er wie benebelt vor sich hin. Zögerlich betrachtete er die sagenumwobene Pflanze, wagte kaum, sie zu berühren. Man sagte, sie verleihe spirituelle Kraft und ermögliche Einblicke in verborgene Welten. „Ich dachte, die Pflanze wurde vom ägyptischen Volk ausgerottet?“, sagte er erstaunt. „Nicht ganz“, flüsterte Teje so leise, dass Amon kaum ein Wort verstand. Sie sah sich erneut um. „Wir hatten noch einen kleinen Vorrat am königlichen Hof. Legen Sie ebenfalls diesen Glasbarren und die Tafel mit den Zaubersprüchen in den Sarkophag, sie werden ihm bei der Kommunikation mit Aton helfen.“ Stirnrunzelnd betrachtete er die Gegenstände. „Weshalb braucht er …?“
„Ich habe keine Zeit, alles zu erklären“, unterbrach sie ihn forsch. „Ich muss wieder los! Kümmern Sie sich darum, ich verlasse mich auf Sie!“, betonte sie die Wichtigkeit des Unterfangens, indem sie bedrohlich mit dem Zeigefinger auf ihn zeigte. „Wenn Sie das vermasseln, werden Sie es bereuen! Dann werde ich selbst dafür sorgen, dass Sie vor dem Totengericht den zweiten und endgültigen Tod sterben werden.“ Bei den Worten lief es Amon kalt den Rücken herunter. Noch bevor er etwas antworten konnte, öffnete sie vorsichtig die Tür, schaute durch den Schlitz und vergewisserte sich, dass niemand vor dem Haus lauerte. „Also stimmen die Geschichten?“, fragte er mit gebrechlicher Stimme. Sie schaute ihn mit einem Blick an, der das Blut in seinen Adern gefrieren ließ. Sie nickte und öffnete die Tür. Wie angewurzelt schaute er Teje hinterher, welche hektisch, fast schon paranoid hin- und herschauend, durch die staubigen, engen Gassen zurücklief, bis sie zwischen den chaotisch umherstehenden Lehmhütten verschwand.

Amon konnte nicht glauben, was er in den Händen hielt. Er kannte die alten Geschichten nur zu gut.
Einst gab es viele Götter – eine ganze Welt aus Wesen, Mythen und Kräften, doch mit Echnatons Machtübernahme änderte sich alles. Unter dem Namen Amenhotep IV. erhob er Aton, die Sonnenscheibe, zum einzigen wahren Gott und ließ Amun und seine Priester stürzen. In der neu erbauten Hauptstadt Achet-Aton wurde Aton zum Zentrum der Welt, doch das Volk litt unter der Vernachlässigung ihres Pharaos. Es hungerte nicht nur nach Brot, sondern auch nach Glauben, nach Nähe, nach den alten Göttern. Wer wollte schon nur einen einzigen Gott? Und dann war da noch diese Legende.
Geschichten erzählten, Echnaton habe mit einer heiligen Pflanze direkten Kontakt zu Aton aufgenommen. Doch die erbosten Ägypter verbrannten das allwissende Kraut, bis es ausgerottet war – oder so glaubte man. Amon fröstelte es. Wenn diese Pflanze wirklich eine Verbindung zur Götterwelt herstellte, was würde eine machtbesessene Person damit anstellen? Mit einem mulmigen Gefühl wickelte er das Kraut in Leinen. Was plante Echnaton im Jenseits? Die Frage ließ ihn nicht los. Schließlich griff er nach einem Papyrus – das Wissen musste verborgen bleiben. Amon wusste, dies durfte niemals in falsche Hände geraten. Es würde das Land ins Chaos stürzen. Doch was, wenn es das bereits war?




Kapitel 1


An diesem regnerischen Maimorgen fuhr John mit seinem neu gekauften Gebrauchtwagen zur Arbeit. Der Regen peitschte gegen die Windschutzscheibe. Die hektischen Bewegungen des Scheibenwischers wirkten fast wie ein Kampf gegen die Naturgewalten. John schnaubte genervt. Die blendenden Lichter der entgegenkommenden Autos und die flimmernden Reflexionen auf dem nassen Asphalt ließen ihm den Magen umdrehen. Vielleicht war der Whiskey von gestern Abend schuld. Ein perfekter Start in einen weiteren belanglosen Tag. Er wusste, dass er zu viel trank, aber beruhigte sich mit dem Gedanken, dass es nur eine Phase sei, von dem anderen Rauschmittel war er ja auch wieder losgekommen. Irgendwann würde es schon wieder besser werden. Oder? Er musste rülpsen und ein brennender Geruch von Alkohol zog sich durch das Fahrzeug.
Seit Jahren lebte er in einem Trott. Der einstige Traum, Archäologe zu werden, schien heute wie ein Relikt aus einer anderen Zeit. „Das ist nichts für dich“, hatten seine Eltern immer gesagt. „Kein Geld, keine Sicherheit – und dauernd bist du irgendwo in der Wüste.“ Ihre Worte hallten noch heute in seinem Kopf. Also hatte er den sicheren Weg gewählt – ein Bürojob, geregelte Arbeitszeiten, ein solides Einkommen. Und was hatte er jetzt davon? Ein Leben, das sich leerer anfühlte als die Autobahn um fünf Uhr morgens.
Aus dem Autoradio dröhnte ein nervtötender Chart-Song. John seufzte, streckte die Hand aus, um den Sender zu wechseln, und fluchte. Sein Handy war noch nicht mit der Bluetooth-Funktion des Wagens gekoppelt. Natürlich. Der Tag begann hervorragend.
Aber immerhin – das Wochenende war der Wahnsinn gewesen. Rock the Hell, sein Lieblingsfestival, war wieder ein Fest der Sinne. Die besten Brutal-Death-Metal-Bands der Welt kamen dort jeweils zusammen. Dieses Subgenre des Heavy Metal, das sich durch die Beschreibung extremer Gewalt auszeichnete und klanglich das Äquivalent eines, nun ja, Vorschlaghammers war, der einem mit voller Wucht gegen die Stirn krachte, war genau sein Ding. Was den Reiz einer Musik ausmachte, die derart die Sinne attackierte und selbst die niedrigsten geschmacklichen Standards verletzte, war vielen Nichtfans ein Rätsel.
Noch immer spürte er die blauen Flecken von Ellbogen, Fußtritten, und nahm den Geruch von verschüttetem Bier auf dem Boden wahr, als stünde er mitten im Moshpit, während die Band Stabbing die Bühne abriss. Der Sound war brutal, ungeschönt und echt. Er erinnerte sich, wie er seine Kollegen rumschubste, vom Boden wieder aufhob, beim Stagediving über die Menge trug und einfach wild um sich fuchtelte, um mit der Hand dem Schlagzeugbeat zu folgen. Diese Momente erwärmten sein Herz und er wünschte sich wieder zurück in die wunderbare Bergkulisse des Festivals. Eines Tages werde ich auch mal auf dieser Bühne stehen, dachte er trotzig und ignorierte, dass er kein Instrument spielen konnte. Vielleicht als Frontgrunzer, singen konnte er ja, was er schon mit seiner alten Heavy-Metal-Band unter Beweis gestellt hatte – oder er würde noch ein Instrument lernen. Aber würde er eine emotionale Hölle wie damals noch einmal durchstehen? Die Folgen waren, dass er mit seiner Existenz nicht mehr klarkam und sein Leben eines Tages am seidenen Faden hing. Würde er nochmals so viel Glück haben wie damals, in dieser eisigen Februarnacht, die er niemals vergessen würde? Selbstzweifel keimten in ihm auf wie Unkraut. In der Therapie hatte er gelernt, sich Mut und Zuversicht zuzureden, was aber schwerer war, als man denken würde. Trotzdem gab er sein Bestes und versuchte es immer wieder. Ach was, im Death Metal ging es nicht um Erfolg, Geld oder Ego – nur Passion zählte.
Vielleicht litt er an einer Festival-Depression. Er erinnerte sich vage an einen Artikel. Nach dem Festival sacke der Dopaminspiegel ab – das sogenannte Glückshormon. Weniger Dopamin bedeutete schlechtere Laune, Leere. Diese Leere müsse man zulassen, hatte seine Therapeutin gesagt. Sonst könne das Gehirn irgendwann nicht mehr zwischen angenehm und unangenehm unterscheiden. Ihr mahnender Tonfall hallte in seinem Kopf wider, als säße sie gerade auf dem Beifahrersitz und schüttelte verständnislos den Kopf. Das Herunterkommen nach einem Musik-Festival war vermutlich so schlimm wie ein Heroinentzug, schoss es ihm durch den Kopf. Doch fast im selben Augenblick war ihm sein Gedankengang peinlich. Dieser Vergleich war natürlich übertrieben, und er war erleichtert, dass er ihn nicht laut ausgesprochen hatte. Eher lässt es sich mit der Rückkehr aus einem großartigen Urlaub vergleichen, dachte er sich.
Seine Gedanken drifteten ab, hin zu weißen Sandstränden mit türkisfarbenem Meer, zu historischen Orten voller Geschichte, an denen er seine Wissbegierde stillen konnte. Vielleicht war es diese Sehnsucht nach intensiven Erlebnissen, die das Gefühl der Leere verstärkte. Doch er wusste: Die Momente, die uns am meisten berühren, sind umso wertvoller, weil sie vergänglich sind. Vielleicht liegt gerade darin ihre Magie.
...

Das könnte Ihnen auch gefallen :

Cover: Die Schatten von Amarna

Sigrid Elli

Mord und andere familiäre Zutaten

Buchbewertung:
Mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder