Die Mumie der Bouffiers

Die Mumie der Bouffiers

Ekkehard R. Bader


EUR 17,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 184
ISBN: 978-3-99107-102-0
Erscheinungsdatum: 19.08.2020
Der junge Germanistikstudent Jakob fühlt sich zum Dichter berufen. Als er in den intellektuell geprägten Salon der Madame Bouffier aufgenommen wird, scheint sein größter Wunsch in Erfüllung zu gehen. Aber es warten auch einige Überraschungen auf ihn.
Frühes Licht

Nie weiß man wirklich,
ob sie kommen,
die Stunden wolkenloser Tage.
Dann aber heben wir
aus kahlem Geäst
und zweifelnder Stille
stolz unser Antlitz
in frühes Licht.



Statt eines Vorwortes

Schließlich blieb nur mehliger Staub übrig von nicht enden wollender Raffgier und Habsucht der Besitzenden. Dann, im dichten Nebel der Erdgeschichte, tönt kein bizarres Gelächter mehr aus den arroganten Mündern siegestrunkener Jagdherren. Die sich über Jahrhunderte gottähnlich inszenierenden Reiter sind heimgekehrt in den urtümlichen Zustand weltlicher Dramen, die alle und alles verbindet: Nichts weiter als SCHWEBENDE ATOME UND MOLEKÜLE zu sein. Einerlei, welche herausragende Position sie einst in Staat und Gesellschaft sich anmaßten, dienen ihnen fortan kümmerlich enge Behausungen.
Auf Messers Schneide zu existieren bleibt uns Menschen jetzt noch. Deren eitle Gesten verkümmern zusehends, bis wir zuletzt aus der Anwesenheit ins Dunkle stürzen. Selbst von dort unten geben jene nicht auf, neue Ufer auszuspähen in den endlosen Weiten des Raumes, wo alles wahrscheinlich ist, nur kein Stillstand der unredlichen Verschwörer. Diese noch immer bedrohlich wirkenden Kräfte zu lähmen, bleibt demnach das Gebot jeder vernünftigen Handlungsweise. Denn es geht hauptsächlich um das rechtzeitige Entlarven menschenfeindlichen Treibens.
Die Zerstörung unserer Lebensgemeinschaft muss und kann gestoppt werden, bevor alles mühsam Errungene versinkt in den Abgründen ewiger Dunkelheit. Eine Frage bleibt allerdings stets für uns Geschöpfe präsent: Weshalb das alles erleiden müssen, bevor wir ins Bodenlose stürzen, um gestärkt auferstehen zu können, gleich einem Phönix aus der Asche?



Die Mumie der Bouffiers

Als die Morgendämmerung den Horizont in einen geheimnisvollen Zauber verwandelt hat öffnet Jakob, der notorische Frühaufsteher, das Fenster seines spartanischen Studentenquartiers und vernimmt sogleich ein Ächzen vom Kirchturm, um den herum alles irgendwie zu schwanken scheint. Dann jedoch sieht Jakob die hastenden Nebelschwaden, wie sie allmählich den Sonnenstrahlen weichen und zuletzt die Oberhand gewinnen. So verspricht der kommende Tag, entgegen dem gestrigen Wetterbericht, recht freundlich zu werden, trotz der eben noch bizarr aufziehenden Gewitterwolken.
Während der große Zeiger des englischen Standregulators auf sieben Uhr vorrückt, dringt plötzlich das Rattern eines Transporthubschraubers in das bisherige Schweigen der bäuerlichen Siedlung. Es scheint, als versuche der Helikopter, vielleicht wegen eines Motorschadens, zu landen, ehe schlagartig jener höllisch anmutende Lärm über dem Ort verstummt und nichts mehr auf eine gefährliche Situation hinweist.
Es ist genau jener Augenblick, da startet mit einer Fehlzündung Ramona Grabowski, Tochter des pensionierten Ortsvorstehers und Studentin an der Kunsthochschule, vom elterlichen Grundstück zur Landstraße, von wo sie in gut zwanzig Minuten die ansässige Commerzbank erreicht, um Erkundungen einzuholen, ob das hiesige Geldinstitut ihrer kürzlich, etwas voreilig gegründeten „Bildergalerie malender Hausfrauen“ mit einem Kredit unter die Arme greifen könnte. Sie wollte es wenigstens probieren, fügt sie rasch hinzu, denn eigentlich glaubte sie noch nicht, wirklich erfahren genug zu sein für diesen, wie sie meint, waghalsigen Schritt auf dem immer hartnäckiger umkämpften Finanzsektor.
Als der Bankdirektor, vom Handy einer Mitarbeiterin herbeigerufen, bald darauf den Kundenraum betritt, sieht Ramona die eben noch eifrig plaudernden Angestellten sich ihr, der unerwartet aufgetauchten jungen Besucherin, eifrig zuwenden, während der Dienstherr mit einem implantierten Lächeln auf die Kundin zugeht. Ramonas Wunsch, deutet er an, werde er umgehend prüfen lassen. Er habe keinerlei Bedenken, sagt er mit gutmütigem Augenzwinkern, ihr eine bestimmte Geldsumme vorzustrecken, er werde tun, was in seiner Macht stehe. Und da eröffneten sich vielfältige Möglichkeiten.
Er kenne sich in derartigen, wenn auch nicht selten komplizierten Transaktionen aus, habe er doch oft damit zu tun. Natürlich, räumt er ein, herrsche überall das weiß Gott nicht leicht zu durchschauende Flechtwerk des Marktes. Es müßte allerdings mit dem Teufel zugehen, wenn er nicht helfend einspringen könnte. Blickt dann mit sichtlichem Wohlgefallen zu der jungen Frau und wischt mit einer lässigen Handbewegung jeden Zweifel am Gelingen seiner Bemühungen beiseite.
Daß für den leutselig wirkenden Börsenmakler nur die Provision des Darlehens von eigentlichem Interesse ist, bleibt der Studentin zunächst verborgen. Hingegen findet Ramona passende Worte, mit denen sie zu danken weiß und zugleich gesteht, eine derartige Hilfsbereitschaft nicht erwartet zu haben. Wenn sie nur an ihre Lehranstalt denke, wo Kabale und Liebe einander ablösten und Intrigen als mitunter letzter Ausweg in Frage kamen.
Sie beschwöre aus genannten Gründen den Börsenmakler inständig, ihr das Ergebnis der Recherche möglichst rasch, vielleicht in zwei bis drei Wochen, mitteilen zu lassen. Wofür sie ihm, dem Bankenchef, sehr verbunden wäre. Sie leide an dem Mangel naturwissenschaftlicher Erkenntnisse, aber mehr noch am Defizit in mathematischer Disziplin. Jetzt werde sichtbar, dass sie fast ihren gesamten Eifer hauptsächlich den musischen Fächern gewidmet zu haben glaubte. Sie müsse daher achtgeben, nicht in den verkehrten Zug einzusteigen. Oder irgendwann auf ein Nebengleis zu geraten. Das bedeutet, sämtliche Möglichkeiten abzuwägen und mögliche Fehler auszuschließen, ihnen keine Chance einzuräumen.
Der dunkelhaarige Mittfünfziger, ein agiler Geschäftsmann und zudem hinreichend diplomatisch sattelfest, läst etliche Sekunden verstreichen, bis er wiederum implantiert lächelt. Eine von ihm konsequent erprobte Taktik, die sich während seiner langjährigen Berufspraxis stets als vorteilhaft erwiesen hatte. Ist er doch zu weitläufigen Fähigkeiten gelangt dank fürsorglichen Umganges mit den Kunden, die er in Sicherheit zu wiegen verstand und denen er vor allem das sichere Gefühl einflößte, Hoffnungen seien erfüllbar, zumindest fast immer, wobei er den ihm angeborenen Optimismus auf jene übertrug, die sich seinen Spielregeln unterwarfen bzw. nicht bemerkten, dass er sie gekonnt übers Ohr haute.
Depressionen sowie Enttäuschungen fegt er gnadenlos aus seinen Gedanken, lagert sie daher außerhalb des eigenen Dunstkreises. Und hält sich strikt daran, nicht einmal langjährigen Freunden offen seine Schwächen erkennen zu lassen, weil es einem Sturz in eiskaltes Wasser gleichkäme, aus dem das rettende Ufer wahrscheinlich kaum noch zu erreichen ist. Auch für ihn, beteuert der Bankenchef, heiligt der Zweck die Mittel! Jedem seiner Kunden rate er daher dringend, er müsse zuerst lernen, sich selbst zu erleiden, um auf eigenen Beinen stehen zu können.

Inzwischen haben die Angestellten der Müllabfuhr sämtliche Reviere des Straßendorfes beräumt und dabei jeden Einwohner, auch den letzten, wachgerüttelt. Manche reden vom russischen Panzer. Auch Singvögel und eben noch gurrende Wildtauben geben sich jetzt reservierter. Die Welt ringsum, deren Gesetzen und Maßnahmen er voll zustimmen muss, hat jetzt zu ihrer üblichen Normalität zurückgefunden. Es wird ab sofort alles sein wie immer.
Genau in diesem Augenblick klingelt Jakobs Handy: Sein Studienfreund Markus möchte von ihm wissen, ob er sich am geplanten Sonntagsmeeting gegen den provokativen Aufmarsch von Rechtsradikalen beteiligen wird? Diese gesellschaftlich reaktionären Typen, beschwört Markus seinen Freund Jakob, wollten unter der demagogischen Losung „Für ein freies deutsches Vaterland“ vom gegenwärtigen System angeblich enttäuschte Bürger dafür gewinnen, sich an der 1871 nach dem Sieg Preußen-Deutschlands über das Kaiserreich Napoleons III. gepflanzten „Friedenseiche“ einzufinden. Am besten sei es, empfehlen sie, mit Kind und Kegel sowie Gleichgesinnten anzurücken. Denn je mehr Kameraden, wie sie ihre Mitläufer nennen, am Universitätscampus eintreffen, desto eher wird zu beobachten sein, dass die Front derjenigen Bürger wächst, die das jetzige korrupte System ablehnten! Nur durch sie, verkünden die „Wahren Demokraten“ mit demagogisch ausgereiften Texten der Bevölkerung, werde es gelingen, das deutsche Volk und seine Zivilisation vor einer Katastrophe zu bewahren.
Folgerichtig dürfe man deshalb, zitiert Markus Sprüche Rechtsradikaler, keine Zeit verlieren und müsse an diesem Sonntag starken völkischen Widerstand organisieren, um einem morschen System mit all seinen willfährigen Staatsdienern das Fürchten zu lehren und es in die Schranken zu weisen. Nach dem berüchtigten Motto Kaiser Wilhelms II.: Pardon wird nicht gegeben! Dabei heben Jacob und Markus ihre geballten Fäuste, schütteln sich hämisch vor lachen darüber, wie sich jene ekstatisch gebärden, die von ihrem künftigen Triumph überzeugt sind und dafür keine Mühe scheuen werden, auch wenn sie dafür ihren letzten Blutstropfen opfern müssten.
Dass es freilich genau jener Sonntag ist, an dem ein von linken Parteien und bürgerlichen Liberalen arrangierter „Protestmarsch gegen Rechts“ stattfinden soll und zufällig Brechts „Mutter Courage“ im Spielplan des städtischen Operntheaters angekündigt wird, macht es für Jakob jedoch problematisch. Obwohl er schon Wochen zuvor Eintrittskarten erworben hatte, davon eine für Markus, bei dem er sich nun dafür entschuldigen müsste, wegen des oben erwähnten Grundes nicht an jenem demokratischen Meeting teilnehmen zu können. Was er natürlich, wie er Markus versichert, sehr bedauere. Es aber leider nicht ändern könnte.
Verspricht seinem Freund jedoch, alles zu überdenken und sofort, falls ihm eine bessere Lösung einfalle, mit der Markus sowie andere fortschrittlich eingestellte Kräfte bereit wären, sich anzufreunden.

Augenblicklich jedoch vertieft sich Jakob erneut in das von Christian Friedrich Daniel Schubart 1740 verfasste Gedicht „Die Fürstengruft“. Entscheidend dafür war jene von ihm zufällig aufgeschnappte Unterhaltung zwischen Direktor Hebestreit und Seminarleiter Dr. Hufnagel, der, wie Jakob herauszuhören glaubte, in einem Feuilleton den Kerngedanken der leidenschaftlich gegen die Feudalherrschaft opponierenden Verse erläutert haben wollte.
Vielleicht, durchfuhr es Jakob, hinge davon auch seine Literaturnote ab, und nicht zuletzt das Halbjahreszeugnis! Bis dahin jedoch wollte er tüchtig ranklotzen, um verschiedene noch ausstehende Examen mit hoffentlich beachtenswerten Ergebnissen abzuschließen. Dann blickt er wiederum auf das von ihm wegen seiner inhaltlichen und sprachlichen Tollkühnheit verehrte Gedicht Schubarts, liest Satz für Satz, mit rhythmischen Hebungen und Senkungen.
Der Tag endet, ohne dass er sich in düstere Fiktionen hineingezogen und von irgend jemandem bedrängt fühlt. Schließt die Augen und lehnt sich entspannt im Sessel zurück. Braucht sich nicht vor dem nächsten Morgen zu grämen, weil keine unruhige Nacht vorausfolgen wird. Da ist er todsicher. Streckt sich und gähnt vor sich hin, bleckt dann wie ein heranschleichendes Raubtier seine weißen Zähne, als setze er zu einem gewaltigen Sprung auf ein junges Reh an, aber nur für einen winzigen Augenblick, bis er nichts mehr als karge Leere um sich erblickt. Ahnt jedoch dessen ungeachtet, dass ein Wetterumbruch bevorstehe. Zumindest für ihn und einige seiner engsten Freunde. Das müsse sorgfältig beobachtet werden, ehe es nichts mehr zu beobachten gäbe.
Dennoch glaubt er, wie in früheren Jahren, an seine stabile Gesundheit. Nicht irgendwelchen Schwachstellen wird er unterliegen, jedenfalls nicht jetzt. Und weiß ziemlich genau, wo er anzupacken hat, damit es ihm gelingt, sich weiterhin fest im Sattel zu halten, ohne daß irgendein politisches Ereignis ihn wirklich erschüttern könnte. Da lohnt es sich natürlich stets, gute Ideen rasch zum Durchbruch zu verhelfen. Lacht auf und öffnet seine Lippen, um sie gleich wieder zu schließen, als setze er einen Schlusspunkt hinter seine Überlegung.
„Da liegen sie“, nimmt sich Jakob, diesmal beinah reserviert, den ihn ungeheuerlich vorantreibenden Text Schubarts wieder vor, „die stolzen Fürstentrümmer, vom fürchterlichen Schimmer des blassen Tags erhellt, einstmals die Götzen ihrer Welt, mit erloschnem Blick, wo ein Fingerzeig von ihnen über Leben oder Tod entschied. “
Jakob erschaudert es, bedenkt er die Leiden und Konsequenzen für die meisten der Untertanen. Immerhin: Wegen jener rückhaltlosen Kritik an der feudalen Obrigkeit musste Schubart zehn Jahre Kerkerhaft auf dem HohenAsperg verbüßen. Laut Befehl des Herzogs Carl Eugen von Württemberg, angeheirateter Neffe Friedrichs II., der nicht weniger barsch als sein fürstlicher Spießgeselle im Süden des Reiches jeden Ungehorsam leibeigener Bauern auf seinen Gütern sowie die ganz Europa empörende Soldatenschinderei mit drakonischer Härte erbarmungslos unterjochen ließ.
Friedrich Schiller, vom gleichen Winkeldespoten auf der Hohen Karlsschule als Zögling in harter Zucht festgehalten, gelang es, den Herzog zu täuschen und den württembergischen Freiheitshelden in dessen Kerker aufzusuchen, wo er ihn unmenschlich behandelt und darben sah.
Ob es damit zusammenhängt, dass man derartige Ungeheuerlichkeiten nicht mehr nachzuvollziehen imstande ist, weil darüber Jahrhunderte voller Kriege und brutaler Ausbeutung vergangen sind? Jakob fährt, als sei er über diese Misshandlungen noch jetzt empört, mit der rechten Hand durch die Luft, als wollte er beiseite wischen, was ihn daran so entsetzte, was er vielleicht zum Teufel gejagt hätte, wenn es ihm nur möglich gewesen wäre. Ob es vielleicht nur ein dummer Zufall ist, dass es gerade jetzt in Jakobs Hörmuschel mehrmals knackt und bald darauf Markus ausgeblendet ist, oder verschuldet doch nur eine banale technische Störung das jähe Tonversagen? Wer aber sollte das entlarven, wo ähnlich fatales Versagen oder Unvermögen öffentlicher Behörden inzwischen zur Tagesordnung geworden zu sein scheint, also zu einer selbstverständlichen Gepflogenheit?
Hauptsache, es bleibt genügend Zeit für sorglose Teestunden mit Plaudereien und Witzen über angeblich niederträchtig handelnde Nachbarn, die selbst auf Kinder verzichten angesichts dringender Termine, wie sie vor sich und aller Welt behaupten. Und wohl noch stolz darauf sind auf jene gewiss seltsame Art von leiblichen Entbehrungen. Alles hängt wohl doch mit entsprechenden Erfahrungen zusammen, die wir nur gemeinsam vollbringen können, bis wir über sämtliche Details unserer Umgebung verfügen.

Seine gewöhnlich erst in den Abendstunden unternommenen Promenaden durch die Dorfaue führen Jakob zunächst bis zur Feldsteinkirche, ein rechteckig gemauertes Bauwerk aus dem frühen Mittelalter. Dort verharrt er nachdenklich am Turm und lauscht erwartungsvoll in den nächtlichen Himmel, der, wenn er wolkenlos bleibt, in fernen Galaxien mit abertausenden Sternen zum Hofball einlädt. Umkreist von Fledermäusen und Myriaden von Kleinsttieren.
Es ist eine jener feierlich anmutenden Stunden, da Jakob vom Turm der Feldsteinkirche zwölf Glockenschläge vernimmt, die noch am Ende des Dorfangers, nahe seinem Quartier, wahrzunehmen sind. Gelegentlich schildern ihm Einheimische, dass hier, bei Mondenschein, oft kuriose Gestalten beobachtet worden sind, die gewiss aus einer anderen Welt zu stammen scheinen. Enge, schwarze Hosen tragend, weite Umhänge und weiß retuschierte Gesichter. Darüber Narrenhüte gestülpt, mit denen sie hin und her schwanken wie auf hölzernen Stelzen, was ihnen erstaunte Blicke und nicht selten verständnisloses Schulternzucken bringt sowie Kopfschütteln.
Jakob jedoch ist überzeugt, dass es sich dabei lediglich um sogenannte „Gruftis“ handelt, von denen er einige frühmorgens, wenn er über den Marktplatz schlendert, um Obst und Gemüse einzukaufen, in Abfallbehältern nach Pfandflaschen wühlen sieht. Mancher die begehrte Pulle mit beiden Händen umklammernd, als befürchte derjenige, sie könnte verloren gehen, andere ein Pfeifchen schmauchend, ehe sie aus einem Leinensäckchen etwas Essbares hervorkramen. Dann beendeten sie eilig dieses absonderliche Gebaren und verlassen hastig den Marktplatz, ohne sich noch weiter um Jakob und den hiesigen Trubel zu kümmern.
Sie erzählen Jakob, der eher zufällig mit jenen eifrigen Zechbrüdern ins Gespräch gekommen ist, von Spukgestalten, denen man lieber nicht in die Arme laufen sollte, wobei sie augenzwinkernd hinzusetzen, es handle sich um ein schauriges Wohnviertel, das man selbst am hellen Tag fürchten müsse! Vielleicht, geben sie mit weit von sich gestreckten, erhobenen Armen zu bedenken, sei es vielleicht einfacher, mit vielen Gefahren zu existieren als nur mit einer Notlage.
Ungeachtet dieser eigentlich nicht ernstzunehmenden Andeutung fühlte sich Jakob zuletzt von irgendwelchen finsteren Gesellen angegriffen, auch wenn er schließlich nur die verzerrten Fotos des eigenen Handys vor sich hatte.
Zurück in seinem Studentenquartier, hängt Jakob ermattet am Schreibtisch, durchstöbert bis Mitternacht ein weiteres Mal das Stenogramm des gestrigen Germanistikunterrichts, um für eine mögliche Prüfung vorbereitet zu sein. Zumal sie jetzt mit Dr. Schubert, ihrem neuen Seminarleiter, auskommen müssen, der, kaum hatte er sich der Klasse in kurzen Worten vorgestellt, sogleich frischen Wind entfachte. Jedenfalls hielt man Äußerungen, er werde künftig regelmäßige Leistungskontrollen schreiben lassen, für eine Methode, mit der man sich erst einmal anfreunden müßte. Vor allem betraf das leistungsschwache Studenten, die ohnehin das Rennen verlorengaben.
Schließlich richtet sich Jakob auf und blickt zum Fenster, wo rückseitig Dutzende Mückenschwärme ununterbrochen kaum zu beschreibende Tanzrhythmen vollführen, bis alles irgendwann in den Mägen hungriger Vögel endet. So wird aus dem lustigen Spiel abrupt ein tödlicher Ernst. Und alles überkommt ein unstillbares Verlangen.
Dann vernimmt Jakob plötzlich von der Tür her kaum wahrnehmbare Geräusche, als versuche jemand einzudringen. Doch jetzt glaubt Jakob zu träumen, als er Großmutter plötzlich vor sich auftauchen sieht, wie sie lächelnd und voller Stolz ihren Enkel, einen Prosagedichte schreibenden Studenten, in die Arme nimmt und ihn, als hätte sie es sich schon lange vorher überlegt, nach der in absehbarer Zeit stattfindenden Semesterprüfung fragt.

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