Krimi & Spannung

Die Möwe schrie nur zweimal

Gina Sommer

Die Möwe schrie nur zweimal

Ostfriesen-Krimi aus Bensersiel

Leseprobe:

Montag, 12. August, 03:00 Uhr

Was hat mich nur geweckt?, grübelt sie genervt.
Lissy hat keinen leichten Schlaf. Im Gegenteil, hier auf dem Campingplatz in Bensersiel schläft sie besonders gut. Was hat sie also geweckt?
Die leisen Schnarchgeräusche ihres Mannes waren es nicht, diese nimmt sie schon seit Jahren nicht mehr wahr.
Irgendetwas hat sie geweckt. Regungslos liegt Lissy in ihrem Schlafsack.
Ihre Augenlider sind schwer. Sie will die Augen nicht öffnen.
Schlafen, denkt Lissy, einfach nur weiterschlafen, stundenlang.
Doch sie ist wach, geweckt von einem Geräusch, das sie sich nicht erklären kann.
Wie spät mag es sein?
Mühsam öffnet sie die Augen. Doch kein Lichtstrahl erhellt die Nacht. Mit der Hand sucht sie tastend in der Dunkelheit nach dem Wecker, der auf dem Regal neben dem Bett steht. Aber sie kann ihn nicht finden. Starr liegt sie da und lauscht in die Finsternis. Kein Laut ist zu hören, sogar das Schnarchen von Jochen ist verstummt. Lissy ist beunruhigt. Verschlafen, wie sie ist, hat sie im Moment keine Ahnung, wo sie sich befindet.
Zum Glück liegt Jochen neben mir.
Sie rollt zur Seite und schmiegt sich zärtlich an ihren Mann.
„Störe ich dich?“, flüstert sie Jochen ins Ohr und haucht ihm einen Kuss auf die Wange.
Jochen brummelt etwas Unverständliches und schläft seelenruhig weiter.
Ein gutes Gefühl, nicht alleine zu sein, denkt Lissy zufrieden.
Aber warum liegt sie auf einmal so unbequem? Etwas Hartes befindet sich unter ihrem Schlafsack. Sie rutscht hin und her, bis sie den Gegenstand zu fassen bekommt. Es ist eine Taschenlampe. Erfreut schaltet Lissy die Lampe ein. Der Lichtkegel beleuchtet die Umgebung. Verwundert blickt sie sich um.
Wo sind wir nur? Wieso schlafen wir nicht in unserem Bett im Wohnwagen? Was ist hier nur los?, fragt sie sich verwirrt, um sich selbst im nächsten Moment die Antwort zu geben.
Natürlich, wie konnte ich das nur vergessen, rügt sie sich.
Wir liegen ja in unserem alten Zelt, fällt Lissy ein. Sie und ihr Ehemann Jochen Kaldeway haben dieses viele Jahre lang benutzt und sich immer heimisch und sicher darin gefühlt. Hier im Zelt gibt es kein Regal mit einem Wecker. Beides befindet sich im Wohnwagen, der auf einem Stellplatz nebenan geparkt ist. Sie haben ihn ihrer Enkelin Lena und ihren Zwillingen überlassen und sind selbst in das Zelt ausgewichen.
Erleichtert löscht Lissy das Licht, dreht sich auf die Seite, schließt die Augen und versucht, wieder einzuschlafen. Sie dreht sich von einer Seite auf die andere, wälzt sich hin und her, versucht, die beste Schlafposition zu finden, um endlich zur Ruhe zu kommen. Doch das will ihr nicht gelingen. Stattdessen wandern ihre Gedanken in die Vergangenheit. In die Zeit, als sie zum ersten Mal hierher nach Bensersiel auf den Campingplatz vor dem Deich kamen.

Damals, erinnert sie sich deutlich, war Amelie gerade zwei Jahre alt geworden und hatte einen schweren Krupphustenanfall nur knapp überlebt. Die Ärzte rieten zu einem mehrwöchigen Aufenthalt an der Nordsee. So verbrachten wir unseren ersten Sommerurlaub hier im Zelt. Wir hatten wenig Komfort und auch nicht viel Geld, aber der Urlaub war schön und Amelie hatte danach nie wieder unter Krupp-Anfällen zu leiden. Das ist nun 38 Jahre her, fällt Lissy ein. Im Jahr darauf wurde Töchterchen Nelly geboren, überlegt sie.
Alle hielten uns für verrückt, mit einem zwei Wochen alten Baby zum Zelten an die Nordsee zu fahren, erinnert sich Lissy.
Aber es war genau die richtige Entscheidung. Nelly hat die Nordseeluft gutgetan und sie hat eine ganz besondere Bindung an Bensersiel. Als sie dann als Vierzehnjährige hier ihren Eik kennengelernt hat, der ja aus Esens stammt, wollte sie nie mehr von hier weg. Obwohl es sie inzwischen in den Schwarzwald verschlagen hat, gibt es für sie noch immer keinen schöneren Ort. Auch Janina, unser Nesthäkchen, war schon als Baby mit in Bensersiel zum Zelten.
Vor acht Jahren haben wir dann das Zelt gegen einen Wohnwagen getauscht. Der Zeltaufbau war in unserem Alter einfach zu mühevoll geworden. Seitdem haben wir nicht mehr in einem Zelt übernachtet.
Der Zeltplatz von Bensersiel ist unsere zweite Heimat geworden, freut sie sich.
Seit Jochen vor drei Jahren Rentner wurde, verbringen wir nun die Frühlings- und Sommermonate hier. Regelmäßig erhalten wir auch Besuch von unseren Töchtern mit ihren Familien. So ist zur Zeit Lena mit ihren Babys da.
Meine Enkelin würde sich nie trauen, mit ihren neun Monate alten Kindern in einem Zelt Urlaub zu machen.

Bei diesen Überlegungen angekommen fällt Lissy ein, dass sie in einem Zelt liegt.
Bin ich nicht mehr gewohnt, in einem Zelt zu schlafen und deswegen aufgewacht?, grübelt sie.
Natürlich ist Lissy bewusst, dass alle Geräusche im Zelt lauter wahrgenommen werden.
Wie lange liege ich hier nun schon wach herum? – Eine Stunde? Oder sind erst einige Minuten vergangen?
Jedes Zeitgefühl ist ihr abhandengekommen. Noch ist es dunkel.
Da es mir nicht mehr möglich ist einzuschlafen, kann ich auch aufstehen und den Sonnenaufgang beobachten.
Lissy schaltet die Taschenlampe wieder ein und schält sich aus ihrem Schlafsack. Das fällt ihr gar nicht leicht, denn Lissy hat einen beachtlichen Körperumfang. Der helle Lichtkegel und das Schaukeln der Luftmatratze, hervorgerufen durch Lissys Bemühungen, aus dem Schlafsack zu steigen, wecken ihren Mann.
„Wo willst du denn hin?“, fragt Jochen verschlafen.
„Schlaf weiter, Schatz. Es ist noch mitten in der Nacht. Ich muss nur auf die Toilette gehen.“
Jochen nuschelt „In Ordnung“ und ist gleich wieder ins Traumland entschwunden.
Leise, um ihren Mann nicht erneut zu wecken, öffnet sie das Innenzelt und schlüpft hindurch. Ein Blick auf die Uhr sagt ihr, dass es erst kurz nach drei Uhr ist. Bis zur Morgendämmerung ist noch über eine Stunde Zeit. Sie zieht sich an und will gerade das Zelt verlassen, als plötzlich ein lauter, kreischender Schrei ertönt. Dann herrscht wieder Stille, tödliche Stille? Lissy erschrickt fürchterlich. Sie stürzt zurück zum Innenzelt und zerrt den Reißverschluss auf, um ihren Mann zu wecken.
„Jochen! Jochen! Wach auf!“, schreit sie hysterisch.
„Hast du das gehört? Hast du den grässlichen Schrei gehört? Jochen, wach doch auf!“
Sie rüttelt ihn kräftig.
„Was ist denn los?“, murmelt Jochen schläfrig.
„Dieser Schrei, er ging mir durch Mark und Bein. Er war einfach fürchterlich“, berichtet sie mit zittriger Stimme.
Da ertönt der gleiche kreischende Schrei erneut. Lissy ist völlig aufgelöst.
„Hörst du das, der Schrei. Er ist richtig unheimlich.“
„Du siehst zu viele Krimis“, entgegnet ihr Mann. „Das war nur eine Möwe. Kann ich jetzt weiterschlafen?“ Genervt dreht sich Jochen auf die Seite und drückt sich ein Kissen auf das Ohr. Er möchte nicht mehr gestört werden.
Lissy versteht die Anspielung: „Entschuldigung“, brummt sie zerknirscht.
Es war eine Möwe. Warum bin ich nicht selbst darauf gekommen. Ich habe mich aufgeführt wie ein altes, hysterisches Weib, ärgert sie sich.
Eigentlich ist Elisabeth Kaldeway, wie sie mit vollem Namen heißt, ein ruhiger, gemütlicher Mensch, den nichts so schnell aus der Ruhe bringen kann. Ihr übernervöses Verhalten passt gar nicht zu ihr. Der Moment der Selbstkritik ist aber schnell überwunden und schon sind ihre Überlegungen wieder bei den mysteriösen Möwenschreien.
Seltsam ist es schon. Möwenschreie mitten in der Nacht, das ist mehr als ungewöhnlich. Was ist den Tieren nur passiert?
Erleichtert darüber, die Schreie identifiziert zu haben, verlässt sie leise und vorsichtig, möglichst jedes Geräusch vermeidend, das Zelt. Die Nacht ist angenehm mild, nur eine leichte Brise, die vom Meer herüberweht, ist zu spüren. Lissy setzt sich vor das Zelt und betrachtet den Sternenhimmel. Nirgendwo sonst erscheint er ihr so schön und so unendlich wie hier an der Nordseeküste. Daheim versperren die Hügel und Berge des Mittelgebirges die ungetrübte Sicht auf die Sterne.
Als schmale Sichel steht der Mond am Himmel. Hoch über Lissy zieht sich das breite Band der Milchstraße mit den unzählbaren Milliarden Sonnen hin.
Was sind wir doch für ein kleiner, unscheinbarer Punkt in unserer Galaxie?, überlegt sie und ist fasziniert von der Unendlichkeit des Alls. Überwältigt von dieser Erkenntnis sucht Lissy nach den ihr bekannten Sternbildern. Durch die nur vereinzelten Wolken sind sie deutlich zu sehen. ‚Kassiopeia‘ erkennt sie auf Anhieb. Problemlos findet sie den ‚Großen und den Kleinen Wagen‘ mit dem ‚Polarstern‘. Er wird auch ‚Nordstern‘ genannt und diente den Seefahrern über Jahrhunderte hinweg als Orientierungspunkt. Das Sommerdreieck ‚Wega – Deneb – Atair‘ steht über Lissy, nur an Helligkeit überstrahlt von ‚Sirius‘ und dem Riesenplaneten ‚Jupiter‘. Den Sternenhaufen der ‚Plejaden‘ findet sie am östlichen Himmel und darunter ist bereits ‚Orion‘ aufgegangen. Das typische Wintersternbild macht deutlich, dass sich der Sommer langsam dem Ende nähert. Dabei ist heute erst der zwölfte August.
Schade, dass Jochen vergessen hat, das Teleskop aufzubauen. Es wäre eine ideale Gelegenheit für die Sternbeobachtung, findet Lissy bedauernd.
Den westlichen Sternenhimmel kann sie von ihrer Position aus nicht sehen. Da sie noch ‚Bootes‘ und die ‚Krone‘ suchen will, die beide im Westen zu finden sind, entschließt sie sich, an den Strand zu gehen.
Es sind nur wenige Meter, aber die Sterne erscheinen ihr dort noch strahlender als auf dem Campingplatz, denn keine störende Helligkeit der Straßenlaternen dringt bis hierhin. Nur die Beleuchtung von Langeoog in der Ferne und der Widerschein eines immer wiederkehrenden Lichtes in dem Wolkenband, das sich hinter der Insel erstreckt, sind zu sehen. Lissy weiß, dass es sich dabei um den Leuchtturm von Helgoland handelt, dessen Leuchtfeuer sich in den Wolken spiegelt.
Von ihrem Stellplatz im Bernsteinweg bis zum Strand sind es gerade mal zwanzig Meter. Im vorderen Bereich des Platzes, wo die Kaldeways ihren Stellplatz haben, ist der Campingplatz nur durch ein niedriges, grünes, zwischen Holzpfählen gespanntes Netz vom Strand getrennt. Davon ausgespart sind die Zeltwege, die einen ungehinderten Zugang zum Strand ermöglichen.
Lissy entschließt sich, zu den Strandkörben zu gehen, um dort den Sonnenaufgang zu erwarten.
Vorsichtig, immer darauf achtend, wohin sie ihre Füße setzt, geht sie am Rande des Zeltplatzes entlang. Um diese Jahreszeit ist der Strand durchlöchert wie ein Schweizer Käse. Die einzige Passion der Strandurlauber scheint das Graben von Löchern zu sein, als ob ein Wettbewerb um das tiefste Loch im Gange sei. Als Lissy den mit Holzbohlen befestigten Strandweg erreicht, ist die Gefahr gebannt, in eine Sandgrube zu treten. Sie schlendert auf dem Weg zwischen den Strandkörben hindurch Richtung Meer. Gespenstisch wirken die Möwen, die auf den Körben schlafen. Es gibt kaum einen, der nicht als Nachtlager dient. Auf manchen haben sich sogar zwei Tiere zur Nachtruhe niedergelassen. Die Vögel lassen sich von Lissy nicht stören. Aber ihre Schritte scheuchen einen Hasen auf, der zwischen den Strandkörben die Nacht verbringen will.
Am nördlichen Rand des Strandkorbstrandes stehen einige Bänke, die einen freien Blick auf das Meer ermöglichen und ein idealer Ort sind, um den Sonnenaufgang zu beobachten. Eine dieser Holzbänke ist Lissys Ziel. Zwischen den Körben hindurch bahnt sie sich ihren Weg. Da entdeckt sie zufällig einen offenen Strandkorb.
Urlauber haben es wohl eilig gehabt, den Strand zu verlassen, überlegt Lissy. Da habe ich ja Schwein gehabt, dass sie vergessen haben, den Korb zu verschließen.
Einen Sonnenaufgang in einem gemütlichen Strandkorb zu erleben ist viel schöner als auf einer harten Bank.
Bei fast sechshundert Strandkörben im Dunkeln einen unverschlossenen zu finden ist fast unmöglich. Lissy kann deshalb ihr Glück kaum fassen. Zielstrebig verlässt sie den Bohlenweg. Sie spürt den weichen, kühlen Sand unter ihren nackten Füßen.
Hier zwischen den Strandkörben hat der Wind den trockenen, losen Sand nicht weggeweht, wie am übrigen Strand, wo der Sand mehr fest und hart ist. An den Körben, die seit einigen Tagen nicht bewegt wurden, hat der Nordseewind den Sand zu kleinen Dünen aufgehäuft. Lissy bewegt ihre Füße schlurfend durch den feinen Sand und genießt das angenehme Gefühl, wenn die winzigen Sandkörner über ihre Zehen rieseln. Beim Strandkorb angelangt, dreht sie ihn mit etwas Mühe in Richtung Osten und klappt den Oberkorb in die Liegeposition. Das dabei entstehende scharrende Geräusch lässt sie erschrocken innehalten. Sekundenlang lauscht sie in die Nacht. Aber niemand hat etwas von ihrer nächtlichen Aktion bemerkt. Zufrieden setzt sie sich in den Strandkorb und macht es sich darin bequem. Sie lehnt sich zurück, legt die Beine auf die ausgefahrene Fußbank und schaut auf das trocken gefallene Meer hinaus, denn es ist Ebbe.
Verträumt blickt Lissy auf das Watt. In den Pfützen, in denen das Meerwasser beim Einsetzen der Ebbe zurückgeblieben ist, spiegeln sich die Sterne und tauchen die Fläche in ein schillerndes, schwarzes Licht. So vertieft in den Anblick, nimmt sie plötzlich aus den Augenwinkeln einen dunklen Schatten war, der noch schwärzer ist als die Finsternis, die sie umgibt. Das Subjekt bewegt sich schnell auf das Watt zu. Etwas Helles lässt sich an der Gestalt erahnen. Nach einigen Sekunden ist sie in Richtung der Fahrrinne verschwunden. Jetzt bei Niedrigwasser ist der Steinwall vor dem Bensersieler Hafen, der die Fahrrinne für die Fähren nach Langeoog vom Watt abgrenzt, selbst in der Dunkelheit deutlich zu erkennen.
Entweder ist der Typ auch ein Frühaufsteher oder ein verspäteter Kneipengänger, überlegt Lissy. Der will doch nicht etwa jetzt im Watt herumlaufen? Der ist ja wahnsinnig.
Plötzlich hört sie ein dumpfes, klatschendes Geräusch. Es hört sich an, als würde etwas auf einen Steinboden fallen. Laut ist es nicht, aber in der Stille, die ringsumher herrscht, deutlich vernehmbar. Sekunden später nimmt sie das Geräusch erneut wahr.
Was war das denn? Verwundert grübelt Lissy über die Ursache des Gehörten nach.
Da bemerkt sie, wie sich erneut ein Schatten auf sie zubewegt. Lissy verhält sich ganz still und verschmilzt mit dem Dunkel der Nacht. Sie wagt es kaum, zu atmen, denn sie will nicht entdeckt werden. Die Person entfernt sich, ohne Lissy wahrgenommen zu haben. Erleichtert atmet sie auf.
Wäre mir das unangenehm gewesen, wenn der Kerl mich entdeckt hätte. Bestimmt hätte er geglaubt, ich wäre volltrunken nicht mehr nach Hause gekommen, setzt Lissy ihre Überlegungen fort. Da ertönt ein unterdrückter Fluch.
Ein Loch übersehen, stellt sie belustigt fest. Das kommt davon, wenn man es nachts am Strand eilig hat.
Lissy beginnt zu frösteln, weniger wegen der Begegnung mit der schattenhaften Gestalt als wegen des auffrischenden Windes. Zusammengekauert, die Beine an den Körper gezogen, kuschelt sich Lissy in die windgeschützte Ecke des Strandkorbes. Neugierig, wie sie nun mal ist, lassen sie die Gedanken an die Erscheinung nicht los.
Was wollte der Typ nur an der Fahrrinne?
An eine zufällige Anwesenheit kann Lissy nicht glauben. Sie durchforstet ihre Erinnerung nach Details, die sie wahrgenommen hat. Aber sie waren zu schemenhaft gewesen, um sich in ihrem Gedächtnis festzusetzen.
Wenn es hell genug ist, werde ich einmal nachsehen, ob mir etwas Ungewöhnliches auffällt, nimmt sie sich vor.
Ungeduldig wartet sie auf das Ende der Nacht. Nach endlos langer Zeit, wie sie findet, setzt endlich die Dämmerung ein. Am Horizont erscheint ein heller Streifen, der schnell breiter wird und die Dunkelheit vertreibt. Auch die Vögel erwachen wieder zum Leben und fliegen zu Hunderten ins Watt, um ihren Hunger zu stillen, bevor das Meer die riesige Futterstelle überspült.
Da wird ihre Aufmerksamkeit auf ein Tier gelenkt, das ihr hier noch nie begegnet ist.
Was sucht eine Rebhuhnhenne hier am Strand?, ist ihr erster Gedanke.
Ob es wirklich ein Rebhuhn ist, weiß sie nicht. Aber es ist ein schöner Vogel, mit einem schlanken, langen Hals, einem kleinen Kopf und einem kurzem Schnabel. Die braunen Federn haben rötliche Spitzen. Da setzt sich das Tier in Bewegung. Wie ein Rennläufer flitzt es über den Sand. Genauso plötzlich, wie es losgerannt ist, bleibt es abrupt stehen. Da bemerkt Lissy einen Hasen, der direkt auf das Huhn zuhoppelt.
„Na, kleiner Freund, haben wir uns heute nicht schon einmal gesehen?“ Lissy ist davon überzeugt, dass es sich bei dem Hasen um denjenigen handelt, den sie von seinem Nachtlager aufgescheucht hat.
Die beiden Tiere begrüßen sich, als wären sie alte Bekannte. Diesen Eindruck erweckt das Verhalten von Huhn und Hase bei Lissy. Sie folgen einander, entfernen sich wieder und treffen erneut aufeinander, als würden sie Fangen spielen. So verschwinden sie aus Lissys Blickfeld. Von dem seltenen Schauspiel fasziniert, hat Lissy den Sonnenaufgang verpasst. Die Sonne steht nun strahlend am blauen Himmel und schickt ihre wärmenden Strahlen zur Erde. Lissy entspannt sich, sie schließt die Augen, streckt ihr Gesicht der Sonne entgegen und lauscht den Geräuschen des Windes.

Aufgeschreckt durch lautes Kinderlachen öffnet sie die Augen. Es ist heller Tag und die ersten Urlauber bevölkern bereits lautstark den Strand. Lissy ist doch tatsächlich eingeschlafen. Schnell verlässt sie den Strandkorb und läuft eiligen Schrittes zu ihrem Zelt.
„Wo warst du denn?“, wird sie vorwurfsvoll von ihrem Mann begrüßt. „Wir suchen dich schon seit einer Ewigkeit.“
„Ich habe den Sonnenaufgang beobachtet“, erwidert Lissy.
„Der war schon vor zwei Stunden“, entgegnet Jochen ungehalten.
„Moin, moin, Omi“, begrüßt ihre Enkelin sie herzlich und gibt ihr einen zärtlichen Kuss.
„Komm frühstücken, der Kaffee ist fertig und ich habe Brötchen geholt. Die Babys schlafen noch, so können wir gemütlich essen.“
Erleichtert, nichts weiter erklären zu müssen, setzt sie sich an den Tisch und genießt das Frühstück mit der Familie.
Von ihrem nächtlichen Erlebnis will sie ihrem Mann zu gegebener Zeit berichten, denn Geheimnisse voreinander haben sie nicht und Jochen merkt immer sofort, wenn sie sich mit einem Problem auseinandersetzt.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 334
ISBN: 978-3-95840-387-1
Erscheinungsdatum: 27.11.2017
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