Die Kreuzigung von Wettingen

Die Kreuzigung von Wettingen

Monika Neidhart


EUR 14,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 114
ISBN: 978-3-99048-232-2
Erscheinungsdatum: 16.11.2015
Als im beschaulichen Wettingen zwei Leichen gefunden werden - eine davon gekreuzigt - ist es mit der Dorfidylle vorbei. Und die Spuren führen die Ermittler in eine Richtung, die eigentlich viel zu ungeheuerlich ist, um wahr zu sein …
1. – Requiem – Ewige Ruhe

„Wir haben einen Toten im Rebberg, Chef“, hauchte Polizeiaspirant Bruggisser ins Telefon, seinem Vorgesetzten direkt ins Ohr. Mehr getraute sich Bruggisser nicht zu sagen. Die Umstände waren zu grotesk und verworren, ja sogar peinlich. Er wurde als Erster zu der Leiche gerufen, war als Erster am Tatort! Er als Aspirant bei einer Leiche in Wettingen. So etwas gab es hier noch nie!
„Was?“, krächzte Hugo Benz, langjähriger Chef der Polizei Wettingen und jetzt angesehener Polizist der Repol, Regionalpolizei Wettingen-Limmattal, ins Telefon. War Bruggisser von allen guten Geistern verlassen?, schoss es ihm durch den Kopf. Morgens um Viertel vor sechs einen mit so einer Nachricht aus dem Bett zu peitschen, ist doch allerhand. „Nun einmal langsam, Bruggisser. Was hast du gesagt? Im Rebberg liegt ein Toter? Wo genau und warum ist er tot? Ist ein Unglück passiert?“
„Nein, Chef. Es sieht so aus, als wäre er erschlagen worden. Er hat eine große Wunde am Hinterkopf.“
„Wo liegt er genau?“
„In der Senke unterhalb des Hofes von Dölf Edlin.“
„Ich komme sofort“, sagte Benz etwas konsterniert und beendete den Anruf. Für einen weiterführenden Dialog war er im Moment nicht fähig. Einen Erschlagenen hatten wir noch nie im Wettinger Gemeindegebiet, dachte er bei sich. Vielleicht hatte sich der Bruggisser auch getäuscht. Warum war der eigentlich dort? Was lief da ab? Hugo Benz stemmte sich aus dem Bett. Da seine Frau Hedwig Nachtdienst im Spital leistete, musste er sich wohl oder übel aufs Fahrrad schwingen. Das war um diese Zeit die schnellste Variante. Denn ihr gemeinsames Auto, ein alter aber komfortabler Subaru, gehörte bei Nachteinsätzen ganz allein Hedwig.
Bevor er die Situation nicht selbst in Augenschein genommen hatte, wollte er die Kantonspolizei Aarau nicht alarmieren. Vorausgesetzt, Bruggisser hatte das nicht schon gemacht. Verflixt! Das hatte er gar nicht gefragt. Benz war paralysiert. Hatte er das nun richtig verstanden; Bruggisser meldete ihm einen Mordfall? Auch Polizisten können überrumpelt werden. In den Krimis im Fernsehen wurde ja immer gezeigt, dass scheinbar jedes Kind weiß, was genau bei der Auffindung einer Leiche gemacht werden muss.
Es war immer noch dunkel, mittlerweile sechs Uhr morgens. Im November bedeutete das noch Nachtzeit, noch düstere Grauzone zwischen Nacht und Tag.
Zum Glück stand das Velo von Luca, seinem jüngeren Sohn, vor der Garagentüre. Vermutlich hatte er gestern Abend nach später Heimkehr vom Landhockeytraining keine Energie mehr, das Garagentor zu öffnen. Nun gut, für dieses Mal nahm sich Benz vor, diesen Umstand nicht vor die nächste Familienratssitzung zu bringen. Seine Hedwig bestand darauf, nach unzähligen pubertären Streitereien um Nichtigkeiten mit seinen Söhnen Silvio, der bald zwanzig wurde und in einer Schreinerei eine Lehre als Möbelfachmann machte, und Luca, der die Kantonsschule im Kloster Wettingen besuchte.
Warum sollte ausgerechnet in Wettingen und erst noch im Rebberg ein Toter liegen? Wäre es nicht denkbarer gewesen, wenn so etwas an der Landstraße oder in irgendeiner Kneipe passiert wäre?
Es waren ja nur zehn Minuten, höchstens, um mit dem Fahrrad zum Hof von Dölf Edlin zu fahren. Trotzdem erschien es Benz wie eine Ewigkeit. Vor allem begann es schon bald rigoros heller zu werden. Der Tag brach an, mit allem, was er nun bringen sollte. Zuschauer zog es dann auch an. Das war zu befürchten. Immer vorausgesetzt, dass dies alles überhaupt der Wahrheit entsprach und nicht ein Irrtum war, eine Halluzination vom übernächtigten Bruggisser, so wie eine Fata Morgana in der Wüste.
Fast noch im Nebel und im Morgengrauen versunken, standen wirklich zwei Männer in der Senke und schienen ratlos herumzuschauen.
„He“, rief Benz und erhielt sofort Antwort:
„Ja, Chef, hier!“
„Was ist denn hier los?!“, schnauzte Benz seinen Aspiranten an. Es war keine Frage, sondern eher eine gehässige Feststellung. Denn, dass etwas los war, sah Benz nun selbst. Tatsächlich lag ein Körper am Boden, die Extremitäten unnatürlich verdreht. Da mischte sich Dölf Edlin ein: „Ja, Benz, jetzt gibt’s Arbeit. So etwas in Wettingen! Eine Schande! Bis jetzt wussten doch alle, was etwa Usus war: eine Schlägerei oder ein Einbruch oder eine Tussi belästigen, aber einen umbringen? Das ist doch allerhand.“ Dölf Edlins Entrüstung war nur leise. In der Wirtschaft, da hätte er es herausgebrüllt. Aber im Beisein eines Toten, da musste man doch Respekt bewahren. Da wird nicht gebrüllt.
Benz bückte sich zum Körper herunter, um sich selbst ein Bild zu machen.
„Hast du die Kollegen von der Kantonspolizei alarmiert?“, fragte er Bruggisser.
„Noch nicht, ich wusste ja nicht …“
„Aber Bruggisser, du bist Polizist, kein zufälliger Passant! Du hast doch gelernt, wie man sich verhalten muss, oder? Zudem glaube ich, dass ich ihn kenne. Es ist der Bauer Linus Berz.“
Benz suchte umständlich nach seinem Handy und rief selbst an. Er gab Name, Dienststelle, Polizeigrad und Fundort an. Seine Empörung war etwas verflogen. „Trampelt nicht überall herum“, murrte er mehr, als dass er es als Anweisung weitergab. „Da kommt das ganze Rösslispiel aus Aarau her. Das hier übernimmt die Abteilung Kapitalverbrechen. Das ist so bei einem außergewöhnlichen Todesfall. So, nun von vorne, Bruggisser: Warum bist du hier, wer hat dich gerufen?“
„Ich war gerade in der Nähe“, druckste Bruggisser herum. „Also ich war bei Theres z’Liecht.“ (auf Brautschau). Theres war die Tochter von Dölf Edlin. Sie arbeitete als Bedienung im Freihof. Ein hübsches, vollbusiges, rothaariges Geschöpf, das den Bruggisser immer mit burschikosen Intimitäten überraschte. Das gefiel ihm von Anfang an. So ein richtiges Vollblutweib, dachte er gleich bei ihrer ersten Begegnung. Und tatsächlich hatte sich Theres auch für ihn interessiert. Das hätte er nie erwartet, schon weil er Polizist war, ein Tschugger, wie Theres sagte. Zudem war er von hagerer Statur, etwas scheu und weltfremd. Er sah sich selbst nicht als Kerl an. Nicht als so einen, wie er ihn Theres zutrauen würde. Aber sie hatte ihn gewählt.
„Also, der Dölf hat mich – hat uns geweckt. Es habe einen Unfall gegeben, sagte er. Aber als ich ihm hinterherrannte, sah ich gleich, dass da etwas nicht stimmte mit diesem Mann, der da lag. Und vor allem sah ich sofort, dass er tot war. Da hab ich halt gedacht, es macht sich gar nicht gut, wenn ich das ganze Rösslispiel herrufe und der Chef weiß noch nichts von alledem. Darum hab ich zuerst dich angerufen und gedacht, es steht doch dir zu, dies zu tun.“
„Also wirklich, Bruggisser“, spielte Benz den Konsternierten. Aber eigentlich hatte er schon recht. Er war seit fünfundzwanzig Jahren hier Polizeipostenchef. Große Mordfälle kannte er nur aus der Zeitung oder von internen Aufrufen, wenn ein mutmaßlicher Verbrecher gesucht wurde. Aber dennoch dachte er immer mit, rekognoszierte im Geiste Tatorte und sicherte Beweismaterial, das die besten Polizeihunde vom Stützpunkt der Hauptstadt nicht gesichtet und gefunden hätten. Stellte sich vor, wie alle ihn, den Benz, zurate zogen bei speziell heiklen Fällen.
„Also, die Kollegen kommen gleich“, sagte Benz und tat so, als ob er sich ganz selbstverständlich in die Reihen der Streifenpolizisten einreihen würde. Von seinen großen Erfolgen bei der Lösung seiner imaginären Mordfälle erzählte er niemandem. Auch dass es ihn insgeheim wurmte, dass sein Talent nicht von den oberen Hierarchien erkannt wurde, verbarg er tief in sich selbst.
Nach außen war er der pflichtbewusste, bescheidene Gemeindepolizist. Einer, der immer das Richtige tat, genau nach Vorschrift. Einer, der wie ein Fels in der Brandung stand, zuverlässig und unumstößlich. Und jetzt das: ein Toter im Wettinger Rebberg!

Requiem aeternam dona eis, Domine, et lux perpetua luceat eis.
Herr, gib ihnen die ewige Ruhe, und das ewige Licht leuchte ihnen!


2. – Dies irae – Tag des Zornes

Lautlos gelang es Rainer Burger den Mann, der andächtig in der Anbetung versunken am steinernen Altar stand, zu erschießen. Es verursachte kaum Lärm, jedenfalls keinen ungewöhnlich lauten Knall, als er den Abzug betätigte. Schließlich war es Herbst und somit Jagdsaison. Man hörte in der Nähe vom Lägernwald immer wieder einen Schuss, auch in den frühen Morgenstunden. Sein verhasster Widersacher, Fredi Meier, sank ganz langsam und still zu Boden. So blieb er genau vor dem Sockel des Altares liegen. Nur das leise Rascheln der dürren Blätter sowie ein Kratzgeräusch der Kiesel schwangen ganz dünn durch die kalte Luft. Der Mann knickte einfach ein. Es gab keine Zuckungen, wie es im Film immer dargestellt wurde. Er drehte sich nicht einmal um, auch nicht mit dem Kopf. Das war gut so, dachte Rainer Burger für einen kurzen Augenblick. Obwohl er sich nach den langen Jahren der Pein, des Verzichten-Müssens und des Verkannt-Werdens seines Genius auch eine letzte Erkenntnis auf dem sterbenden Gesicht hätte vorstellen können. Wie viele Male hatte er diese Tat in Gedanken schon verübt.

Dies irae, dies illa, solvet saeclum in favilla.
Tag des Zornes, Tag der Zähren, wird die Welt in Asche kehren.

So einfach hatte er es sich nicht vorgestellt. Aber die große, die wirkliche Arbeit der Vergeltung stand ihm ja noch bevor. Lange hatte er sich sein Hirn zermartert, wie er seinen Widersacher zuerst einmal stilllegen konnte. Um ihn dann sterben zu lassen und um die große Aufgabe an ihm vollbringen zu können.
Bis ihm ganz beiläufig während einer Nachrichtensendung im Fernsehen über die Bewaffnung des Militärs der Gedanke kam, dass auch er Schweizer Bürger war und somit eine Waffe zu Hause lagerte. Für einen Ernstfall, der ja sowieso nie kam. Und da er zum Offiziersstand gehörte, hatte er sogar eine Pistole, eine SIG P220, im Schaft (Schublade) eingeschlossen. Genauso, wie es Vorschrift war. Eine halb automatische Waffe, die sich mit einer Rückstoßenergie nach jedem Schuss wieder selbst laden konnte, falls es so weit kam, dass er dies brauchte.
Sein Problem löste sich dann schließlich ganz einfach.
Einige Details brauchten eine exakte und gut durchdachte Vorbereitung, gepaart mit einer eloquenten Beredsamkeit, um keinen Verdacht aufkommen zu lassen.
Beim Kauf der Seile bei Arova-Mammut in Seon fühlte er sich auf eine eigenartige Weise verpflichtet, über den Verwendungszweck der Seile zu berichten. Gekonnt hatte er von Leistungen der Bergsteigerkunst rezitiert, die er einmal in einem Einband über die Besteigung der Eiger-Nordwand gelesen hatte.
Schließlich war die Arova-Mammut ein traditionsreiches, altes Unternehmen. Aus einer Not heraus, die die Bauern im 18. und 19. Jahrhundert zu Nebenverdiensten zwang, um überleben zu können, betrieben die meisten nebenher noch ein Handwerk. Die Baumwollweberei und die Strohflechterei brachten zusätzlichen Verdienst.
Von Kaspar Tanner wurde die Seilwarenfabrik, als Nebenprodukt der Ziegelbrennerei, im Jahre 1862 in Dintikon gegründet. Schon 1878 wurde sie aus Platzgründen ins Städtchen Lenzburg verlegt.
Genau da sah er aber auch die Parallelen zu seinem Leid. Auch er handelte aus einer tiefen Not heraus. Allerdings drohte ihm nicht der Hungertod, aber die Rettung der Welt hing davon ab, insbesondere die von Wettingen. Der Bevölkerung, Legislative, Exekutive sowie Judikative, mussten endlich die erlösenden und befreienden Ansätze seiner humanitären Ideen nähergebracht werden. Er stellte sich vor, wie Gruppen von Menschen auf der Landstraße, im Café Spatz, vor den Kirchen und in den Wettinger Grünanlagen sich versammelten und erleichtert aufatmeten.
In den Zeitungen wäre es zu lesen: Noch zur rechten Zeit konnte in Wettingen Rainer Burger das Steuer für ein humanitäres und christlich geprägtes Zusammenleben herumreißen. Burger musste sich zwar den Weg zum Gemeindeammann mühselig freischaufeln. Aber es hat sich gelohnt. Für große Ideen muss man Opfer bringen.
Beim letzten Affront mit Fredi Meier warf ihm dieser mitten ins Gesicht, er leide an einem religiösen Wahn. Welche Verkennung! Und dies gerade von Fredi, der ja eigentlich katholisch war, aber nie in der Nähe einer Kirche gesehen wurde. Es sei denn, er war in Mission der Gemeinde unterwegs und es ließ sich nicht vermeiden. Wie etwa beim Festgottesdienst anlässlich des „Wettiger Fäscht. Nein, Fredi Meier hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, hier, ganz alleine für sich zu sinnieren. Beten wollte Rainer Burger dies nicht nennen. Das wäre reine Häresie (kirchliche Irrlehre) gewesen.
So einer musste ihn auf der Glaubensebene angreifen und beleidigen. Da musste er rigoros durchgreifen. Dieser moralische Zerfall, der von einigen Gemeinderäten ausging, musste zugunsten des Gemeindewohls gestoppt werden.
Beim Gedanken, dass diese Mordtat umständehalber gerade bei der Marienkapelle geschehen musste, überkam ihn eine gewisse Scham. Auch dass ausgerechnet das steinerne Kreuz mit dem Corpus Christi genau auf den Schandfleck gerichtet war, gab ihm ein flaues Gefühl in der Magengegend. Wenn er sich daran erinnerte, wie er als Knabe jeweils am 15. August, an Mariä Himmelfahrt, mit den anderen Kindern auf dem Sulperg gespannt mitverfolgte, wie der Priester die Kräuter segnete, verstärkten sich seine Gewissensbisse noch mehr. Fredi Meier meditierte aber nun einmal am steinernen Altar neben der Marienkapelle auf dem Sulperg. Das Kreuz, das den Leichnam aufnehmen musste, stand ebenfalls auf der Westseite des Sulpergs. Es gab also keine andere Lösung. Nun gut, er selbst war weder katholisch noch esoterisch gepolt. In seiner Überzeugung war ja gerade nicht die katholische Kirche, sondern die Gemeinschaft der Spirituellen Christenmenschen die einzig wahre Kirche. Der Heilige Stuhl in Rom mitsamt seinem Gefolge unterlag da einem gewaltigen Irrtum. Er aber, Rainer Burger, brauchte nicht die ganze Welt zu retten, wohl aber seine geliebte Heimatgemeinde Wettingen.
Mit der Zeit kehrte sich das Gefühl aber in eine leichte Verzückung. War es nicht Ironie des Schicksals, dass sein Feldzug der religiös-ethischen Säuberung an einem Wallfahrtsort begann?
Auch die Marienkapelle des Sulpergs hatte eine bewegte Geschichte. Schon der Erbauer, Bartholomäus Würsch, seines Zeichens Baumeister in Wettingen, vermachte damals sein Vermögen drei anderen, um diese Kapelle zu bauen. Die erste Urkunde geht auf den 13. März 1738 zurück. Dann herrschte lange Unklarheit, wem nun die Kapelle gehöre. Lagen die Eigentumsverhältnisse bei der Gemeinde oder beim Kloster? Gebaut wurde sie auf dem Grund und Boden des ehemaligen Klosters Wettingen. Die Klosterverwaltung musste sich auch um den baulichen Unterhalt kümmern. Die Wege und Zugänge jedoch wurden von der Gemeinde unterhalten. Die Baudirektion zweifelte an den rechtmäßigen Eigentumsverhältnissen der Klostergutsverwaltung. Urkunden konnten diesen Anspruch nicht belegen. Schließlich ging die Kapelle im Jahre 1878 in den Besitz der katholischen Kirche über. Damals wie heute musste um Rechte und Überzeugungen gekämpft werden.

***

Ein ungeheurer Kraftakt stand ihm noch bevor. Er hatte alles feinsäuberlich geplant. Ganz Wettingen musste seine erlösende Tat sehen. Langsam band er die Mammutseile an den Beinen des erschossenen Fredi Meier fest. Glücklicherweise ging der Waldweg kontinuierlich bergab. So musste er sogar noch aufpassen, dass der Leichnam nicht in Fahrt geriet und außer Kontrolle hinunterrollte. Mit Seilwinden konnte er ihn in die richtige Position hinaufziehen. Denn wie Jesus sollte er am Kreuz hängen.

Tuba, mirum spargens sonum. Per sepulcra regionum, coget omnes ante thronum.
Laut wird die Posaune klingen, mächtig in die Gräber dringen, hin zum Throne alle zwingen.

Der Gekreuzigte bedeutete eine Umkehrung der Machtlogik. Wie vor 2000 Jahren! Da wurde der Nazarener von Politik und Klerus ermordet, weil er gegen soziale Ungerechtigkeit kämpfte. Seine Auferweckung zeigte aber, wer in Wirklichkeit der Mächtige ist. Der Tod hatte nicht das letzte Wort. Aus dem vermeintlichen Aufrührer entstand eine Weltreligion. Nun, 2000 Jahre später, wird sich noch einmal zeigen, dass die Ehrfürchtigen siegen werden. Diese Kreuzigung wurde nicht von oben nach unten begangen, sondern von unten nach oben. Er, der heute für soziale Ungerechtigkeit kämpfte wie vor 2000 Jahren der Nazarener, kreuzigte heute seine Widersacher, dieses ungläubige und unethisch handelnde Pack. Er, einer aus dem Volke, war in der Lage diesen Missstand zu beheben. Eine politische Brisanz. Jeder Wettinger würde schnell auf die Hintergründe dieses Gekreuzigten kommen, wenn er denn morgens seinen Blick auf den Sulperg richtete und den Gemarterten sah. Rainer Burger war überzeugt, dass seine Botschaft verstanden würde. In seinen Gedanken festigte sich die Idee, dass die Bevölkerung unter dem sittlichen Zerfall einiger Gemeinderatsmitglieder litt, nicht zuletzt er selbst. Und dass ihm alle dankbar sein würden, wenn er aufräumte mit diesen Berserkern (im Rausch kämpfenden Menschen), denen nichts mehr heilig war.

Mors stupebit et natura, cum resurget creatura, Judicanti responsura.
Schaudernd sehen Tod und Leben sich die Kreatur erheben, Rechenschaft dem Herrn zu geben.

Burger hatte sich immer enorm engagiert in sozialen Dingen. Überall, wo eine helfende Hand gebraucht wurde, war er zu Hilfe geeilt. Ob er am Suppentag mithalf oder am „Wettiger Fäscht (Volksfest in Wettingen) bei der Festwirtschaft einsprang, weil niemand sonst zu finden war. Ob er am Weinfest die Flaschen auf den Lindenplatz schleppte oder ob er Betagte im regionalen Pflegeheim besuchte – er war da! Wo immer Wettingen einen seiner Söhne brauchte, konnte man auf ihn zählen.

Liber scriptus proferetur, in quo totum continetur, Unde mundus judicetur.
Und ein Buch wird aufgeschlagen, treu ist darin eingetragen, jede Schuld aus Erdentagen.

Schon seit Jahren hätte er einen Sitz im Gemeinderat verdient. Seine Loyalität, sein Engagement, seine unverrückbare Liebe zur Gerechtigkeit und Menschlichkeit und seine Bescheidenheit zeichneten ihn aus. Der ganze Ort verkannte ihn total. Die, die immer zuvorderst standen und sich gut verkaufen konnten, die wurden gewählt. Am Neujahrsapéro auf dem Zentrumsplatz Glühwein ausschenken und sich hervortun, überall lieb Kind sein, das war keine Leistung. Aber anpacken, wenn es Arbeit gab, sich nicht scheuen, wenn es ums Altwerden und Sterben ging, da sah man keinen von diesen Gemeindekarrieristen. Die wollten seine Stimme auch gar nicht hören. Wie wenn er ein Nichts wäre behandelten sie ihn. Eine Ausnahme bildete nur der Johann Schertenleib. Er war ein Gemeindemitglied der Spirituellen Christenmenschen, genau wie Rainer Burger selbst. Hätte man ihn gewählt, wäre eine andere Zeit angebrochen. Den Hedonismus (nach Lust und Freude streben) hätte er bekämpft. Die Menschen würden wieder ihre christliche Pflicht der Nächstenliebe leben. Alle bekämen die große Chance, sich den unfehlbaren Grundregeln der Spirituellen Christenmenschen zu unterwerfen und Gnade vor Gott zu finden.

Absolve, Domine, animas omnium fidelium defunctorum ab omni vinculo delictorum.
Löse, o Herr, von jeder Fessel der Sünde die Seelen aller, die hingeschieden im Glauben.

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