Der Übergang
Ein Horror-Roman
EUR 19,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 170
ISBN: 978-3-99064-177-4
Erscheinungsdatum: 12.02.2025
Der Roman spielt mit Horror-Motiven, erzählt aber auch von Einsamkeit, Verbundenheit und Liebe. Die Leserinnen und Leser begleiten unseren Freund Rubén d’Aubuisson Hofmann auf seiner Reise in den Wahnsinn …
Der Übergang
Die Geschichte des Chapíns, des Catrachos und der Sorcière
Nach Motiven aus dem „Hexenhammer“ des Dominikanermönchs Heinrich Kramer
Der heute und schon zu seinen Lebzeiten völlig unbekannte honduranische Autor Rubén d’Aubuisson Hofmann (auf dem alten Kontinent von der Polizei gesuchte Glücksritter werden sich in seinem Stammbaum breitgemacht haben) schrieb Anfang der 1920er-Jahre in langen Nächten in seiner Mansardenkammer über der qualmenden Dächersteppe von Paris den Roman „El Traslado“ („Der Übergang“). In einem trüben Arrondissement voller fragwürdiger Existenzen, täglichem Überlebenskampf, lärmiger, verrauchter Tanzlokale, Absinth und mit der kurzen Illusion von gekauftem Glück in schäbigen Absteigen. Wo etliche sich mit zittrigen Händen den ersten Schluck zum Frühstück einschenkten, um für die Herausforderungen des Tages gerüstet zu sein, und Blicke in Spiegel scheuten. Hemingway hätte zwar gesagt, dass er dort in seinem Element ist, aber doch das Ritz vorgezogen. Pittoresk kommt uns das alles heute trotzdem wegen Jean Gabin und gewisser verruchter Chansons vor. Auch wegen der Anarcho-Syndikalisten aus aller Welt, die sich dort tummelten in der sicheren Erwartung einer anbrechenden Revolution, aus der dann jedoch nichts wurde oder allenfalls auf dem Gebiet der freien Liebe. Zu ihnen gehörte d’Aubuisson Hofmann, ganz der Literatur und der magischen Fantasie hingegeben, aber gar nicht oder nur, wenn es kostenlosen Rotwein gab.
Niemand las d’Aubuisson Hofmanns Roman, weder im spanischen Original noch in der von ihm selbst angefertigten französischen Übersetzung, die – man muss es freimütig einräumen, aber das nimmt ihm ja nicht das Allergeringste von seiner Größe – fehlerbehaftet ist. Die Mühsal des Korrekturlesens nahm kein französischer Muttersprachler auf sich, auch sonst niemand. Ein weiterer Ausdruck seiner existenziellen Heimatlosigkeit, in der er gefangen war wie in einem Spinnennetz. Selbst seine Trinkkumpane wandten sich gelangweilt ab und erneut ihren Literflaschen zu, wenn er wieder mal sein Manuskript hervorholte. Dabei gaben sich nicht wenige von ihnen einen intellektuellen Anstrich und etliche waren auch von Übersee an die Ufer der Seine gespült worden. Kein Verleger bequemte sich dazu, das Buch zu veröffentlichen. Nicht einmal für Absagen hielten sie es für würdig. Hierüber beklagte sich d’Aubuisson Hofmann bitter in einem langen verschlungenen Nachwort, das dem Textverständnis der Leserinnen und Leser das Äußerste abverlangt. Er fühlte sich unverstanden und lag damit auch nicht verkehrt. Abgedruckt ist sein Nachwort in dem Buch, das Sie gerade in Ihren Händen halten, nicht, da der Verlag aus Kostengründen darauf bestand, dass seine Druckfassung hundertfünfzig Seiten nicht überschreiten darf, einschließlich des Impressums und der Werbung für das Verlagsprogramm. Den Abdruck nachzuholen, muss späteren, auch kommentierten und mit Anhängen versehenen Editionen vorbehalten bleiben, die es ganz gewiss geben wird. Vielleicht wird man dabei auch mich in der einen oder anderen Fußnote der Erwähnung für würdig erachten. Ich weiß es nicht, überstrahlt doch d’Aubuisson Hofmanns Stern den meiner Beliebigkeit schier unermesslich.
Aus seinem Nachwort geht auch hervor, dass d’Aubuisson Hofmann irgendwann seine Miete nur noch sporadisch bezahlen konnte, nachdem seine Familie in den Tropen, seines in ihren Augen nichtsnutzigen Boheme-Daseins überdrüssig, ihm den Geldhahn endgültig zudrehte, diese Steigbügelhalter und Lakaien der United Fruit Company. Sehr zum Missvergnügen seiner gestrengen Concierge. Aber mit Latino-Charme lässt sich ja manches kompensieren. Auch mit seinem mit Brillantine glatt nach hinten gebürsteten rabenschwarzen Haar, dem nach der Mode seiner Zeit akkurat getrimmten Oberlippenbärtchen, dem herben Geruch nach Rasierwasser und der Nonchalance, mit der er sich eine Zigarette anzuzünden wusste. Stil kann man nicht kaufen, dachte er manchmal mit dem selbstzufriedenen, überheblichen Schnurren eines Katers, der auf die Pirsch geht. Bis ihn dann seine Alltagssorgen wieder einholten.
Kontakt zu Landsleuten suchte er nicht. Darüber war er seit langem hinweg. Es gab ja auch kaum welche in Paris, und er kannte keinen von ihnen. Manchmal kam er sich vor wie ein Wolf, der sich von seinem Rudel entfernt hat und sich jetzt ganz allein den Unbilden des Wetters zu stellen hat. Man konnte ihn einen einsamen Menschen nennen, im Grunde allein zuhause in der Welt seiner Bücher und der fantastischen Literatur.
Seine sonstigen Geschichten, er schrieb ja nach seinem Bekunden beständig, wurden ebenso wenig in irgendeinem Feuilleton oder avantgardistischen Sammelband (nicht mal auf schlechtem Papier und in einer Auflage von gerade mal fünfzig Exemplaren) veröffentlicht, bis er das Porto für deren Einsendung nicht mehr aufbringen konnte. Er mit seinem empfindsamen Gemüt sah sich gezwungen, Tagelöhner-Arbeiten anzunehmen. Lokale auszukehren, Werbung zu verteilen, sich als Weihnachtsmann oder Osterhase zu verkleiden, Türen aufzuhalten, Pissoirs zu säubern, Kotze aufzuwischen, solche Sachen. Wobei er auch noch wegen seines Französischs mit gerollten Zungenspitzen-Rrrs und Nasallauten, von ihm ausgesprochen wie mit triefendem Schnupfen, verspottet und der Lächerlichkeit preisgegeben wurde. Eine Schande für die Grand Nation! Ein vertanes Leben. Ein grandioses!
Leider, was für ein unbeschreiblicher Verlust, sind seine übrigen Erzählungen der Nachwelt wohl nicht erhalten geblieben. Auch bei intensiver Suche nach ihnen in Archiven konnte ich jedenfalls nicht fündig werden. Bekannt sind uns nur die paar Titel, die d’Aubuisson Hofmann in seinem Nachwort erwähnt: „Völlig fehl am Platz“, „Sava“, „Gerettet!“, „Die vielschichtige Nacht“, „Der Manuskriptfund in der Lunigiana“. Ebenso wenig konnte ich zu ihm weitere biografische Details in Erfahrung bringen. Das Internet schweigt sich über ihn aus. Zu ihrem Bedauern teilten mir die zwei, drei d’Aubuissons in Honduras, die ich im Netz ausfindig machen konnte, auf meine beflissenen Anfragen hin mit, dass sie noch nie von ihm gehört haben, aber sich sehr geehrt fühlen. Die wenigen Hofmanns vor Ort schrieb ich nicht an, denn die könnten ja erst 1945 nach Honduras gekommen sein, unter zwielichtigen Begleitumständen. Vielleicht haben sie auch alle irgendwann ihre Schäfchen nach Miami ins Trockene gebracht, wo sie jetzt ein Parasitenleben führen oder umgekehrt als Türsteher von fadenscheinigen Etablissements ihr Dasein fristen. Kennt man ja alles.
Gewiss werden Sie mir beipflichten, dass d’Aubuisson Hofmanns Werk eine zunehmende Tendenz zur Selbstzerstörung und zur Auslöschung von allem durchzieht, und das lässt mich vermuten, dass sie genetisch bedingt, also in seinem Familienerbe angelegt gewesen sein könnte. Düstere Andeutungen von d’Aubuisson Hofmann hier und dort in seinem Buch bestärken mich in dieser Annahme. Ist sein Geschlecht vielleicht mit ihm erloschen wie das des Hauses Usher? Bevor er ihm als Letztes noch mit seinem Roman ein ehrfurchtgebietendes Monument für die Nachwelt setzte? Als hätte sich eine folgenschwere, unheilschwangere Verkündung erfüllt? Das alles zu ergründen, muss ein weites Aufgabengebiet für kommende Generationen von Literaturwissenschaftlern sein. Ich kann hier nur Anstöße für künftige Forschungsprojekte geben. Nicht mehr und nicht weniger. Womöglich wird das auch alles im Dunkeln verharren. D’Aubuisson Hofmann hätte das wohl nicht gewundert.
Nach gegenwärtigem Stand ist uns von ihm nur das Manuskript geblieben, das mir vor einiger Zeit, vergilbt und von Mäusen angefressen, beim Stöbern bei einem Bouquinisten am Seineufer zufällig in die Hände fiel. Oder war es vielleicht gar kein Zufall? Beschleicht Sie nicht auch bisweilen das Gefühl, dass es Bücher gibt, die sich ihre Leserinnen und Leser aussuchen und nicht umgekehrt? Dass sie eine magische Strahlkraft haben, der wir uns nicht entziehen können? Als ob sie leben würden? Geht es Ihnen womöglich auch bei dem Buch so, in dem Sie in diesem Moment versunken sind wie auf dem Meeresgrund? Aber das ist ein weites Feld, das hier nicht weiter vertieft werden soll.
D’Aubuisson Hofmanns Werk zog mich von seinen ersten Zeilen an in seinen Bann, ja, es weckte mein rauschhaftes Interesse. Nicht allein wegen seiner unerreichten Meisterschaft und Sprachkunst, die hierfür wahrlich Gründe mehr als genug gewesen wären. Sondern überdies, weil es in mir Erinnerungen an lange zurückliegende eigene Erlebnisse weckte, die meinen weiteren Lebensweg danach gewiss prägten. Hierauf möchte ich aber an dieser Stelle nicht weiter eingehen. Näheres hierzu wird man meinen nachgelassenen Papieren entnehmen können. Bis ich d’Aubuisson Hofmanns Roman zu Ende gelesen hatte, reagierte ich jedenfalls nicht auf Versuche, mich anzusprechen, auch nicht durch Händeklatschen vor meinen Augen oder mich Zwicken, wie man mir danach glaubwürdig berichtete und mir auch mein absolut vertrauenswürdiger Hausarzt bestätigte. Mein Zustand in jenen denkwürdigen, aufgewühlten Tagen mochte einem unverständigen Betrachter mit ungeschultem Blick wie der eines Zombies angemutet haben. Ob ich dabei Nahrung zu mir nahm oder sie mir zugeführt wurde, vermag ich im Nachhinein nicht zu sagen. Es muss wohl so gewesen sein.
Nachfolgend gebe ich den Roman in den Worten des Autors wieder, in meiner Übersetzung. Manche Textpassagen musste ich dabei mühsam entziffern. Sicherlich, weil seit ihrer Niederschrift mit einer klapprigen Schreibmaschine um die hundert Jahre verstrichen sind, wirken sie verschwommen, so als hätte jemand über ihnen geweint. Rote Flecken von gewiss verschüttetem Rotwein erschwerten ebenfalls das Textverständnis. Von mir vorgenommene ganz geringfügige Änderungen sind dem bisweilen expressionistischen, dem Geschmack seiner Zeit verhafteten Vokabular d’Aubuisson Hofmanns geschuldet, das sich nicht immer nahtlos in heutige Lesegewohnheiten übertragen ließ. So schrieb man in den frühen 1920er-Jahren als Reaktion auf den im Grunde für alle verlorenen Krieg, bevor der Faschismus immer mehr Fahrt annahm und Stiefelknallen und Kraft durch Freude auf den Spielplan gerieten. Aber die weitere Entwicklung gab den Expressionisten ja recht.
D’Aubuisson Hofmann in auch nur einer Handvoll Textstellen ernsthaft zu korrigieren, habe ich mir aber nicht angemaßt. Einige erklärende Anmerkungen indessen, die mir zum besseren Textverständnis für Leserinnen und Leser unserer Zeit erforderlich erschienen, sind als eckige Klammerzusätze […] direkt in den Text eingefügt. Dies ermöglichte auch, insbesondere mit Rücksicht auf die E-Book-Fassung, den Verzicht auf Fußnoten, die den Lesefluss hätten beeinträchtigen können. Wahrscheinliche Fehler gehen dabei allein zu meinen Lasten. Auch meine übersetzerischen Gaben sind begrenzt. Weit gründlichere, überdies kommentierte neue Editionen wird es aber sicherlich geben. Gelehrtenstreit darüber, wie manche Textstellen im Original aufzufassen sind, zweifelsohne ebenfalls. Unumwunden muss ich dabei eingestehen, dass ich bei meiner Übersetzung mitunter vor schier unüberwindlichen Hürden stand. Ich spreche einmal von d’Aubuisson Hofmanns Neigung zur Verwendung von Zentralamerikanismen und Ausdrücken indigener, auch schwarzafrikanischer Herkunft, deren Bedeutung sich mir auch durch Spezial-Wörterbücher und Schriftverkehr mit Fachgelehrten nicht erschloss. Nicht minder gilt dies für d’Aubuisson Hofmanns eigene, dunkle Sprachschöpfungen in magischen, abgründigen Textpassagen. Nicht selten musste ich dabei meine Verständnislücken durch Fantasie und Imagination auszufüllen trachten. Offenkundig absichtsvoll ließ es sich d’Aubuisson Hofmann angelegen sein, über manches eine Art Nebel des Rätselhaften und Unverständlichen zu legen. Ja, man könnte dies geradezu als eines seiner bevorzugten Stilmittel bezeichnen. Vor welche Herausforderungen mich dies als Übersetzer stellte, brauche ich Ihnen gewiss nicht näher darzulegen. Auch d’Aubuisson Hofmann selbst hatte bei der Abfassung seines Werkes schon eine sehr große übersetzerische Aufgabe zu bewältigen. Dazu werden Sie später Eingehenderes erfahren, wenn Sie zum Weiterlesen entschlossen sein sollten. An dieser Stelle sei hierzu nur noch kurz erwähnt, dass bei der Übersetzung einer Übersetzung naturgemäß leicht der Fall eintreten kann, dass am Ende nicht mehr so viel von dem Inhalt des Originals übrig bleibt, ja, er sogar in sein Gegenteil verkehrt sein kann. Übersetzer wissen davon ein Lied zu singen.
Einmal jedoch, in einem Traum, als er über meinen Rücken auf meine Übersetzung linste, klopfte mir d’Aubuisson Hofmann aufmunternd und durchaus auch anerkennend auf die Schulter. Er reckte dabei sogar seinen Daumen nach oben. Ich musste dies als Zeichen werten, auf dem richtigen Weg zu sein. Und als Ansporn, der mich darin bestärkte, in meinen Anstrengungen nicht nachzulassen.
Ich kann bei alldem für mich nur in Anspruch nehmen, der Wegbereiter gewesen zu sein und das Werk der Dunkelheit entrissen zu haben. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Ob es ein reines Fantasiekonstrukt ist oder auf wahren Begebenheiten beruht, muss dem verständigen Urteil der geneigten Leserinnen und Leser überlassen bleiben. Auch ob es als düstere Parabel verstanden werden sollte, mit der d’Aubuisson Hofmann spätere weltgeschichtliche Katastrophen voraussah.
Sie werden selbstverständlich Ihre ganz eigenen Leseerfahrungen machen, denen ich unmöglich vorgreifen kann und darf. Ich denke aber, dass sich auch bei Ihnen beim Lesen zunehmend der Gedanke verfestigen wird, dass d’Aubuisson Hofmann in seiner unübertroffenen Sprachgewalt und mit seinem psychologischen Scharfblick wie dem eines Adlers, der Freud studiert hat oder Alfred Adler heißt, gleich zwei Romane auf einmal schrieb: den vordergründigen und den wirklichen. Wie bei einer Unterströmung, die längere Zeit mit dem bloßen Auge nicht wahrnehmbar ist, aber die unter einer spiegelglatten Oberfläche dennoch die See aufwühlt und uns zu einem zunächst ganz unbestimmten Ziel führt, bis wir zunehmend die Realität hinter dem Trugbild des äußeren Scheins erkennen. Und das ist doch die hohe Kunst!
Doch genug der Vorrede! Lassen wir das Manuskript nunmehr für sich selbst sprechen! Schon seine ersten Absätze geben seinen Ton vor.
Dass ich in Varcycourt gewesen bin, steht für mich sicher fest. Aber war das, was ich dort erlebte oder zu erleben vermeinte, Wirklichkeit oder ein Traum, in dem sich das Böse manifestierte? Und bin ich es, der ihn träumte und jetzt zu Papier bringt? Gibt es überhaupt das, was wir „ich“ nennen, oder sind wir nur der Nachtmahr eines übellaunigen Gottes? Unter diesem Vorbehalt muss stehen, wenn im Folgenden von „ich“ und „mir“ die Rede ist. Von jenem Rubén d’Aubuisson Hofmann, der vielleicht ein ganz anderer ist. Oder der gar nicht ist. Ich verdränge diese Gedanken, denn sie kommen mir zu ungeheuerlich vor. Besser, Rotwein zu trinken und das Haar des Wesens zu zerzausen, das neben mir liegt.
In den engen Straßenschluchten hatte eine rabenschwarze Düsterkeit das scheue Tageslicht verdrängt. Die Illumination der Schaufenster und Laternen hatte eine Art Laubengang grellen Lichts geschaffen, in dem Passanten wie flüchtige Schemen in alle Richtungen davonhuschten. Über ihnen hüllten sich die letzten Stockwerke der hohen Häuser in Dunkelheit, und der Himmel war nur noch als Formation dicht zusammengeballter, fliehender Wolken wahrzunehmen. Eine Sturmnacht kündigte sich an. Mit brausendem Wind, der schon jetzt das Rauschen der Menschenmengen und den Autolärm übertönte. Die Luft knisterte, als wollte sie gleich Funken sprühen. Ich schleppte mich nach meinem langen, aber ganz vergeblichen Tagwerk, so ist es immer aufs Neue, müde über die knarrenden Stufen zu meiner Mansardenkammer hinauf, die ich aus Geldmangel bezogen hatte. Das trübe flackernde Gaslicht des Treppenhauses warf meine Schatten gegen die kahlen Wände, manchmal zitterten sie dabei oder ihr Kopf oder andere Körperteile schienen abgeschnitten oder zusammengeschrumpft. Stundenlang konnte ich keinen Schlaf finden. Nicht allein wegen des Sturms, der jetzt orkanartige Stärke angenommen hatte und mit meinen Fensterläden eine wilde Polka tanzte. Ich warf mich in meinem Bett unruhig hin und her. Etwas Unheilschwangeres lag in der Luft. Die Vorahnung von bevorstehendem Verhängnis und nahem Tod. Etwas mich Verschlingendes wie eine schwarze Wolke, die mich umfing. Ich weiß es nicht besser zu sagen.
Liebst du mich? Dann folge mir in die Finsternis!
Der Brief des Chapíns
Da traf es sich, dass mich am folgenden Morgen ein Brief eines entfernten Freundes erreichte, von Ezequiel Sepúlveda Muñoz, einem Guatemalteken schon fortgeschrittenen Alters, dessen Erträge aus geerbten, ausgedehnten Ländereien mit Bananenstauden und wogenden Zuckerrohrfeldern bis zum Horizont (mit Indigenen und Schwarzen, die dort aber gar nicht fröhlich singend die Plantagen bestellten) ihm den Lebensstil eines Grandseigneurs in der französischen Provinz erlaubten. Vielleicht lag es aber auch an irgendwelchen Verwicklungen, die ihn veranlasst hatten, seiner Heimat den Rücken zu kehren, so wie es vielen anderen ebenfalls erging. Unsere Länder spucken etliche von uns aus und nehmen sie nie wieder mit offenen Armen auf wie verlorene Söhne oder Töchter. Sie irren dann durch die Welt wie der fliegende Holländer. Am schmerzhaftesten empfinden sie das, wenn sie nachts keinen Schlaf finden.
Die Karwoche mit ihren Prozessionen im guatemaltekischen Hochland ist für von wo weiß woher Angereiste ein unvergessliches Erlebnis. Die Nachkommen der präkolumbianischen Mayas geißeln sich dabei mit Peitschen bis aufs Blut. Sie schleppen bleischwere Kreuze auf ihrem schier endlosen, qualvollen Weg nach Golgatha. Alles trägt ausgeprägte Züge eines schrecklichen kollektiven Masochismus. Der Untergang der eigenen Kultur wird beweint. Es gibt keinen Hoffnungsschimmer. Unter Wehklagen verwandeln sich Sein Tod und Sein Begräbnis in den Kult des eigenen Todes und der eigenen Bestattung. Der Auslöschung des für sie so unerreichbaren schönen Lebens. Am Ostersonntag dagegen gibt es überhaupt keine Prozessionen mehr. Alles ist so verschlafen wie immer. Die Karwoche der missachteten Nachfahren der vielbewunderten Entdecker der Zahl Null und der visionären, magischen Himmelsstürmer mit ihren aus dem kochenden Dschungel herausstechenden steilen Pyramiden endet ohne Auferstehung.
Der Brief überraschte mich, denn unsere Kontakte, begründet durch gemeinsame oberflächliche Bekannte aus der zentralamerikanischen Diaspora in Paris, waren bis dahin ziemlich sporadischer Natur gewesen. Wenn er mal in Paris weilte, was selten genug vorkam, behagte ihm doch das behäbige, stille Landleben, gefiel es ihm, mit mir durch Künstlerkneipen auf der Rive Gauche zu streifen. Mit dem wohligen Gruseln, das andere in Abnormitätenschauen befällt. Auch wenn er dort mit seinem Monokel, seinem Gehstock und seiner Zigarettenspitze aus Meerschaum gar nicht so fehl am Platz war. In lärmigen Tanzlokalen ebenso wenig. Auch als exotischer Ausländer nicht, von denen es dort ja wimmelte. Seine Wahl war gewiss deswegen auf mich als Begleiter gefallen, weil er bei seinem zurückgezogenen Lebenswandel andere Mittelamerikaner in Paris allenfalls höchst flüchtig kannte. Und weil er sich mit Französisch genauso schwertat wie ich. So gaben wir uns voreinander keine Blöße. Sicherlich lag es aber auch an einer weiteren Gemeinsamkeit, die wir teilten. Die, der parasitären, dekadenten Schichten unserer Länder zu entstammen.
Den Letzten von ihnen töteten die Spanier. So gibt es denn nichts mehr zu berichten. Die Weisheit der Könige ist dahin. Es ist alles vorbei in Quiché, genannt Santa Cruz.
Dass er in sämtlichen Lokalen, wie es seine Art war, generös auftrat und alle Rechnungen ohne mit den Wimpern zu zucken beglich, auch die der Amüsierdamen und Kokotten, denen er mit einer eher väterlichen Attitüde begegnete, die ihnen beileibe nicht missgefällig war, muss ich als feinen, gewinnenden Zug von ihm herausstreichen. Sein großbürgerlicher, kolonialspanischer Habitus war durch Augenzwinkern und Selbstironie abgemildert und damit erträglich. Über seine Heimat sprach er mit mir nie oder nur Unverständliches, das ihm zu viel getrunkener Rotwein zu vorgerückter Stunde eingab. Catracho nannte er mich dann, der Spitzname der Bewohner meines Landes. Eine Verballhornung des Namens von General Florencio Xatruch, sein Leben als posthumer Nationalheld im Honduras des 19. Jahrhunderts im Grunde ein einziger ununterbrochener Putsch und Aufstand. Aber so, wie er es sagte, klang es vertraut und kein bisschen despektierlich. Für mich war er dann der Chapín, wie man die Guatemalteken nach dem Laut chap, chap nennt, der erklingt, wenn hochgestellte Damen mit ihren Stöckelschuhen auf den Pflastersteinen dortiger Kolonialstädtchen lustwandeln, über das geknechtete Volk hinweg.
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Die Geschichte des Chapíns, des Catrachos und der Sorcière
Nach Motiven aus dem „Hexenhammer“ des Dominikanermönchs Heinrich Kramer
Der heute und schon zu seinen Lebzeiten völlig unbekannte honduranische Autor Rubén d’Aubuisson Hofmann (auf dem alten Kontinent von der Polizei gesuchte Glücksritter werden sich in seinem Stammbaum breitgemacht haben) schrieb Anfang der 1920er-Jahre in langen Nächten in seiner Mansardenkammer über der qualmenden Dächersteppe von Paris den Roman „El Traslado“ („Der Übergang“). In einem trüben Arrondissement voller fragwürdiger Existenzen, täglichem Überlebenskampf, lärmiger, verrauchter Tanzlokale, Absinth und mit der kurzen Illusion von gekauftem Glück in schäbigen Absteigen. Wo etliche sich mit zittrigen Händen den ersten Schluck zum Frühstück einschenkten, um für die Herausforderungen des Tages gerüstet zu sein, und Blicke in Spiegel scheuten. Hemingway hätte zwar gesagt, dass er dort in seinem Element ist, aber doch das Ritz vorgezogen. Pittoresk kommt uns das alles heute trotzdem wegen Jean Gabin und gewisser verruchter Chansons vor. Auch wegen der Anarcho-Syndikalisten aus aller Welt, die sich dort tummelten in der sicheren Erwartung einer anbrechenden Revolution, aus der dann jedoch nichts wurde oder allenfalls auf dem Gebiet der freien Liebe. Zu ihnen gehörte d’Aubuisson Hofmann, ganz der Literatur und der magischen Fantasie hingegeben, aber gar nicht oder nur, wenn es kostenlosen Rotwein gab.
Niemand las d’Aubuisson Hofmanns Roman, weder im spanischen Original noch in der von ihm selbst angefertigten französischen Übersetzung, die – man muss es freimütig einräumen, aber das nimmt ihm ja nicht das Allergeringste von seiner Größe – fehlerbehaftet ist. Die Mühsal des Korrekturlesens nahm kein französischer Muttersprachler auf sich, auch sonst niemand. Ein weiterer Ausdruck seiner existenziellen Heimatlosigkeit, in der er gefangen war wie in einem Spinnennetz. Selbst seine Trinkkumpane wandten sich gelangweilt ab und erneut ihren Literflaschen zu, wenn er wieder mal sein Manuskript hervorholte. Dabei gaben sich nicht wenige von ihnen einen intellektuellen Anstrich und etliche waren auch von Übersee an die Ufer der Seine gespült worden. Kein Verleger bequemte sich dazu, das Buch zu veröffentlichen. Nicht einmal für Absagen hielten sie es für würdig. Hierüber beklagte sich d’Aubuisson Hofmann bitter in einem langen verschlungenen Nachwort, das dem Textverständnis der Leserinnen und Leser das Äußerste abverlangt. Er fühlte sich unverstanden und lag damit auch nicht verkehrt. Abgedruckt ist sein Nachwort in dem Buch, das Sie gerade in Ihren Händen halten, nicht, da der Verlag aus Kostengründen darauf bestand, dass seine Druckfassung hundertfünfzig Seiten nicht überschreiten darf, einschließlich des Impressums und der Werbung für das Verlagsprogramm. Den Abdruck nachzuholen, muss späteren, auch kommentierten und mit Anhängen versehenen Editionen vorbehalten bleiben, die es ganz gewiss geben wird. Vielleicht wird man dabei auch mich in der einen oder anderen Fußnote der Erwähnung für würdig erachten. Ich weiß es nicht, überstrahlt doch d’Aubuisson Hofmanns Stern den meiner Beliebigkeit schier unermesslich.
Aus seinem Nachwort geht auch hervor, dass d’Aubuisson Hofmann irgendwann seine Miete nur noch sporadisch bezahlen konnte, nachdem seine Familie in den Tropen, seines in ihren Augen nichtsnutzigen Boheme-Daseins überdrüssig, ihm den Geldhahn endgültig zudrehte, diese Steigbügelhalter und Lakaien der United Fruit Company. Sehr zum Missvergnügen seiner gestrengen Concierge. Aber mit Latino-Charme lässt sich ja manches kompensieren. Auch mit seinem mit Brillantine glatt nach hinten gebürsteten rabenschwarzen Haar, dem nach der Mode seiner Zeit akkurat getrimmten Oberlippenbärtchen, dem herben Geruch nach Rasierwasser und der Nonchalance, mit der er sich eine Zigarette anzuzünden wusste. Stil kann man nicht kaufen, dachte er manchmal mit dem selbstzufriedenen, überheblichen Schnurren eines Katers, der auf die Pirsch geht. Bis ihn dann seine Alltagssorgen wieder einholten.
Kontakt zu Landsleuten suchte er nicht. Darüber war er seit langem hinweg. Es gab ja auch kaum welche in Paris, und er kannte keinen von ihnen. Manchmal kam er sich vor wie ein Wolf, der sich von seinem Rudel entfernt hat und sich jetzt ganz allein den Unbilden des Wetters zu stellen hat. Man konnte ihn einen einsamen Menschen nennen, im Grunde allein zuhause in der Welt seiner Bücher und der fantastischen Literatur.
Seine sonstigen Geschichten, er schrieb ja nach seinem Bekunden beständig, wurden ebenso wenig in irgendeinem Feuilleton oder avantgardistischen Sammelband (nicht mal auf schlechtem Papier und in einer Auflage von gerade mal fünfzig Exemplaren) veröffentlicht, bis er das Porto für deren Einsendung nicht mehr aufbringen konnte. Er mit seinem empfindsamen Gemüt sah sich gezwungen, Tagelöhner-Arbeiten anzunehmen. Lokale auszukehren, Werbung zu verteilen, sich als Weihnachtsmann oder Osterhase zu verkleiden, Türen aufzuhalten, Pissoirs zu säubern, Kotze aufzuwischen, solche Sachen. Wobei er auch noch wegen seines Französischs mit gerollten Zungenspitzen-Rrrs und Nasallauten, von ihm ausgesprochen wie mit triefendem Schnupfen, verspottet und der Lächerlichkeit preisgegeben wurde. Eine Schande für die Grand Nation! Ein vertanes Leben. Ein grandioses!
Leider, was für ein unbeschreiblicher Verlust, sind seine übrigen Erzählungen der Nachwelt wohl nicht erhalten geblieben. Auch bei intensiver Suche nach ihnen in Archiven konnte ich jedenfalls nicht fündig werden. Bekannt sind uns nur die paar Titel, die d’Aubuisson Hofmann in seinem Nachwort erwähnt: „Völlig fehl am Platz“, „Sava“, „Gerettet!“, „Die vielschichtige Nacht“, „Der Manuskriptfund in der Lunigiana“. Ebenso wenig konnte ich zu ihm weitere biografische Details in Erfahrung bringen. Das Internet schweigt sich über ihn aus. Zu ihrem Bedauern teilten mir die zwei, drei d’Aubuissons in Honduras, die ich im Netz ausfindig machen konnte, auf meine beflissenen Anfragen hin mit, dass sie noch nie von ihm gehört haben, aber sich sehr geehrt fühlen. Die wenigen Hofmanns vor Ort schrieb ich nicht an, denn die könnten ja erst 1945 nach Honduras gekommen sein, unter zwielichtigen Begleitumständen. Vielleicht haben sie auch alle irgendwann ihre Schäfchen nach Miami ins Trockene gebracht, wo sie jetzt ein Parasitenleben führen oder umgekehrt als Türsteher von fadenscheinigen Etablissements ihr Dasein fristen. Kennt man ja alles.
Gewiss werden Sie mir beipflichten, dass d’Aubuisson Hofmanns Werk eine zunehmende Tendenz zur Selbstzerstörung und zur Auslöschung von allem durchzieht, und das lässt mich vermuten, dass sie genetisch bedingt, also in seinem Familienerbe angelegt gewesen sein könnte. Düstere Andeutungen von d’Aubuisson Hofmann hier und dort in seinem Buch bestärken mich in dieser Annahme. Ist sein Geschlecht vielleicht mit ihm erloschen wie das des Hauses Usher? Bevor er ihm als Letztes noch mit seinem Roman ein ehrfurchtgebietendes Monument für die Nachwelt setzte? Als hätte sich eine folgenschwere, unheilschwangere Verkündung erfüllt? Das alles zu ergründen, muss ein weites Aufgabengebiet für kommende Generationen von Literaturwissenschaftlern sein. Ich kann hier nur Anstöße für künftige Forschungsprojekte geben. Nicht mehr und nicht weniger. Womöglich wird das auch alles im Dunkeln verharren. D’Aubuisson Hofmann hätte das wohl nicht gewundert.
Nach gegenwärtigem Stand ist uns von ihm nur das Manuskript geblieben, das mir vor einiger Zeit, vergilbt und von Mäusen angefressen, beim Stöbern bei einem Bouquinisten am Seineufer zufällig in die Hände fiel. Oder war es vielleicht gar kein Zufall? Beschleicht Sie nicht auch bisweilen das Gefühl, dass es Bücher gibt, die sich ihre Leserinnen und Leser aussuchen und nicht umgekehrt? Dass sie eine magische Strahlkraft haben, der wir uns nicht entziehen können? Als ob sie leben würden? Geht es Ihnen womöglich auch bei dem Buch so, in dem Sie in diesem Moment versunken sind wie auf dem Meeresgrund? Aber das ist ein weites Feld, das hier nicht weiter vertieft werden soll.
D’Aubuisson Hofmanns Werk zog mich von seinen ersten Zeilen an in seinen Bann, ja, es weckte mein rauschhaftes Interesse. Nicht allein wegen seiner unerreichten Meisterschaft und Sprachkunst, die hierfür wahrlich Gründe mehr als genug gewesen wären. Sondern überdies, weil es in mir Erinnerungen an lange zurückliegende eigene Erlebnisse weckte, die meinen weiteren Lebensweg danach gewiss prägten. Hierauf möchte ich aber an dieser Stelle nicht weiter eingehen. Näheres hierzu wird man meinen nachgelassenen Papieren entnehmen können. Bis ich d’Aubuisson Hofmanns Roman zu Ende gelesen hatte, reagierte ich jedenfalls nicht auf Versuche, mich anzusprechen, auch nicht durch Händeklatschen vor meinen Augen oder mich Zwicken, wie man mir danach glaubwürdig berichtete und mir auch mein absolut vertrauenswürdiger Hausarzt bestätigte. Mein Zustand in jenen denkwürdigen, aufgewühlten Tagen mochte einem unverständigen Betrachter mit ungeschultem Blick wie der eines Zombies angemutet haben. Ob ich dabei Nahrung zu mir nahm oder sie mir zugeführt wurde, vermag ich im Nachhinein nicht zu sagen. Es muss wohl so gewesen sein.
Nachfolgend gebe ich den Roman in den Worten des Autors wieder, in meiner Übersetzung. Manche Textpassagen musste ich dabei mühsam entziffern. Sicherlich, weil seit ihrer Niederschrift mit einer klapprigen Schreibmaschine um die hundert Jahre verstrichen sind, wirken sie verschwommen, so als hätte jemand über ihnen geweint. Rote Flecken von gewiss verschüttetem Rotwein erschwerten ebenfalls das Textverständnis. Von mir vorgenommene ganz geringfügige Änderungen sind dem bisweilen expressionistischen, dem Geschmack seiner Zeit verhafteten Vokabular d’Aubuisson Hofmanns geschuldet, das sich nicht immer nahtlos in heutige Lesegewohnheiten übertragen ließ. So schrieb man in den frühen 1920er-Jahren als Reaktion auf den im Grunde für alle verlorenen Krieg, bevor der Faschismus immer mehr Fahrt annahm und Stiefelknallen und Kraft durch Freude auf den Spielplan gerieten. Aber die weitere Entwicklung gab den Expressionisten ja recht.
D’Aubuisson Hofmann in auch nur einer Handvoll Textstellen ernsthaft zu korrigieren, habe ich mir aber nicht angemaßt. Einige erklärende Anmerkungen indessen, die mir zum besseren Textverständnis für Leserinnen und Leser unserer Zeit erforderlich erschienen, sind als eckige Klammerzusätze […] direkt in den Text eingefügt. Dies ermöglichte auch, insbesondere mit Rücksicht auf die E-Book-Fassung, den Verzicht auf Fußnoten, die den Lesefluss hätten beeinträchtigen können. Wahrscheinliche Fehler gehen dabei allein zu meinen Lasten. Auch meine übersetzerischen Gaben sind begrenzt. Weit gründlichere, überdies kommentierte neue Editionen wird es aber sicherlich geben. Gelehrtenstreit darüber, wie manche Textstellen im Original aufzufassen sind, zweifelsohne ebenfalls. Unumwunden muss ich dabei eingestehen, dass ich bei meiner Übersetzung mitunter vor schier unüberwindlichen Hürden stand. Ich spreche einmal von d’Aubuisson Hofmanns Neigung zur Verwendung von Zentralamerikanismen und Ausdrücken indigener, auch schwarzafrikanischer Herkunft, deren Bedeutung sich mir auch durch Spezial-Wörterbücher und Schriftverkehr mit Fachgelehrten nicht erschloss. Nicht minder gilt dies für d’Aubuisson Hofmanns eigene, dunkle Sprachschöpfungen in magischen, abgründigen Textpassagen. Nicht selten musste ich dabei meine Verständnislücken durch Fantasie und Imagination auszufüllen trachten. Offenkundig absichtsvoll ließ es sich d’Aubuisson Hofmann angelegen sein, über manches eine Art Nebel des Rätselhaften und Unverständlichen zu legen. Ja, man könnte dies geradezu als eines seiner bevorzugten Stilmittel bezeichnen. Vor welche Herausforderungen mich dies als Übersetzer stellte, brauche ich Ihnen gewiss nicht näher darzulegen. Auch d’Aubuisson Hofmann selbst hatte bei der Abfassung seines Werkes schon eine sehr große übersetzerische Aufgabe zu bewältigen. Dazu werden Sie später Eingehenderes erfahren, wenn Sie zum Weiterlesen entschlossen sein sollten. An dieser Stelle sei hierzu nur noch kurz erwähnt, dass bei der Übersetzung einer Übersetzung naturgemäß leicht der Fall eintreten kann, dass am Ende nicht mehr so viel von dem Inhalt des Originals übrig bleibt, ja, er sogar in sein Gegenteil verkehrt sein kann. Übersetzer wissen davon ein Lied zu singen.
Einmal jedoch, in einem Traum, als er über meinen Rücken auf meine Übersetzung linste, klopfte mir d’Aubuisson Hofmann aufmunternd und durchaus auch anerkennend auf die Schulter. Er reckte dabei sogar seinen Daumen nach oben. Ich musste dies als Zeichen werten, auf dem richtigen Weg zu sein. Und als Ansporn, der mich darin bestärkte, in meinen Anstrengungen nicht nachzulassen.
Ich kann bei alldem für mich nur in Anspruch nehmen, der Wegbereiter gewesen zu sein und das Werk der Dunkelheit entrissen zu haben. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Ob es ein reines Fantasiekonstrukt ist oder auf wahren Begebenheiten beruht, muss dem verständigen Urteil der geneigten Leserinnen und Leser überlassen bleiben. Auch ob es als düstere Parabel verstanden werden sollte, mit der d’Aubuisson Hofmann spätere weltgeschichtliche Katastrophen voraussah.
Sie werden selbstverständlich Ihre ganz eigenen Leseerfahrungen machen, denen ich unmöglich vorgreifen kann und darf. Ich denke aber, dass sich auch bei Ihnen beim Lesen zunehmend der Gedanke verfestigen wird, dass d’Aubuisson Hofmann in seiner unübertroffenen Sprachgewalt und mit seinem psychologischen Scharfblick wie dem eines Adlers, der Freud studiert hat oder Alfred Adler heißt, gleich zwei Romane auf einmal schrieb: den vordergründigen und den wirklichen. Wie bei einer Unterströmung, die längere Zeit mit dem bloßen Auge nicht wahrnehmbar ist, aber die unter einer spiegelglatten Oberfläche dennoch die See aufwühlt und uns zu einem zunächst ganz unbestimmten Ziel führt, bis wir zunehmend die Realität hinter dem Trugbild des äußeren Scheins erkennen. Und das ist doch die hohe Kunst!
Doch genug der Vorrede! Lassen wir das Manuskript nunmehr für sich selbst sprechen! Schon seine ersten Absätze geben seinen Ton vor.
Dass ich in Varcycourt gewesen bin, steht für mich sicher fest. Aber war das, was ich dort erlebte oder zu erleben vermeinte, Wirklichkeit oder ein Traum, in dem sich das Böse manifestierte? Und bin ich es, der ihn träumte und jetzt zu Papier bringt? Gibt es überhaupt das, was wir „ich“ nennen, oder sind wir nur der Nachtmahr eines übellaunigen Gottes? Unter diesem Vorbehalt muss stehen, wenn im Folgenden von „ich“ und „mir“ die Rede ist. Von jenem Rubén d’Aubuisson Hofmann, der vielleicht ein ganz anderer ist. Oder der gar nicht ist. Ich verdränge diese Gedanken, denn sie kommen mir zu ungeheuerlich vor. Besser, Rotwein zu trinken und das Haar des Wesens zu zerzausen, das neben mir liegt.
In den engen Straßenschluchten hatte eine rabenschwarze Düsterkeit das scheue Tageslicht verdrängt. Die Illumination der Schaufenster und Laternen hatte eine Art Laubengang grellen Lichts geschaffen, in dem Passanten wie flüchtige Schemen in alle Richtungen davonhuschten. Über ihnen hüllten sich die letzten Stockwerke der hohen Häuser in Dunkelheit, und der Himmel war nur noch als Formation dicht zusammengeballter, fliehender Wolken wahrzunehmen. Eine Sturmnacht kündigte sich an. Mit brausendem Wind, der schon jetzt das Rauschen der Menschenmengen und den Autolärm übertönte. Die Luft knisterte, als wollte sie gleich Funken sprühen. Ich schleppte mich nach meinem langen, aber ganz vergeblichen Tagwerk, so ist es immer aufs Neue, müde über die knarrenden Stufen zu meiner Mansardenkammer hinauf, die ich aus Geldmangel bezogen hatte. Das trübe flackernde Gaslicht des Treppenhauses warf meine Schatten gegen die kahlen Wände, manchmal zitterten sie dabei oder ihr Kopf oder andere Körperteile schienen abgeschnitten oder zusammengeschrumpft. Stundenlang konnte ich keinen Schlaf finden. Nicht allein wegen des Sturms, der jetzt orkanartige Stärke angenommen hatte und mit meinen Fensterläden eine wilde Polka tanzte. Ich warf mich in meinem Bett unruhig hin und her. Etwas Unheilschwangeres lag in der Luft. Die Vorahnung von bevorstehendem Verhängnis und nahem Tod. Etwas mich Verschlingendes wie eine schwarze Wolke, die mich umfing. Ich weiß es nicht besser zu sagen.
Liebst du mich? Dann folge mir in die Finsternis!
Der Brief des Chapíns
Da traf es sich, dass mich am folgenden Morgen ein Brief eines entfernten Freundes erreichte, von Ezequiel Sepúlveda Muñoz, einem Guatemalteken schon fortgeschrittenen Alters, dessen Erträge aus geerbten, ausgedehnten Ländereien mit Bananenstauden und wogenden Zuckerrohrfeldern bis zum Horizont (mit Indigenen und Schwarzen, die dort aber gar nicht fröhlich singend die Plantagen bestellten) ihm den Lebensstil eines Grandseigneurs in der französischen Provinz erlaubten. Vielleicht lag es aber auch an irgendwelchen Verwicklungen, die ihn veranlasst hatten, seiner Heimat den Rücken zu kehren, so wie es vielen anderen ebenfalls erging. Unsere Länder spucken etliche von uns aus und nehmen sie nie wieder mit offenen Armen auf wie verlorene Söhne oder Töchter. Sie irren dann durch die Welt wie der fliegende Holländer. Am schmerzhaftesten empfinden sie das, wenn sie nachts keinen Schlaf finden.
Die Karwoche mit ihren Prozessionen im guatemaltekischen Hochland ist für von wo weiß woher Angereiste ein unvergessliches Erlebnis. Die Nachkommen der präkolumbianischen Mayas geißeln sich dabei mit Peitschen bis aufs Blut. Sie schleppen bleischwere Kreuze auf ihrem schier endlosen, qualvollen Weg nach Golgatha. Alles trägt ausgeprägte Züge eines schrecklichen kollektiven Masochismus. Der Untergang der eigenen Kultur wird beweint. Es gibt keinen Hoffnungsschimmer. Unter Wehklagen verwandeln sich Sein Tod und Sein Begräbnis in den Kult des eigenen Todes und der eigenen Bestattung. Der Auslöschung des für sie so unerreichbaren schönen Lebens. Am Ostersonntag dagegen gibt es überhaupt keine Prozessionen mehr. Alles ist so verschlafen wie immer. Die Karwoche der missachteten Nachfahren der vielbewunderten Entdecker der Zahl Null und der visionären, magischen Himmelsstürmer mit ihren aus dem kochenden Dschungel herausstechenden steilen Pyramiden endet ohne Auferstehung.
Der Brief überraschte mich, denn unsere Kontakte, begründet durch gemeinsame oberflächliche Bekannte aus der zentralamerikanischen Diaspora in Paris, waren bis dahin ziemlich sporadischer Natur gewesen. Wenn er mal in Paris weilte, was selten genug vorkam, behagte ihm doch das behäbige, stille Landleben, gefiel es ihm, mit mir durch Künstlerkneipen auf der Rive Gauche zu streifen. Mit dem wohligen Gruseln, das andere in Abnormitätenschauen befällt. Auch wenn er dort mit seinem Monokel, seinem Gehstock und seiner Zigarettenspitze aus Meerschaum gar nicht so fehl am Platz war. In lärmigen Tanzlokalen ebenso wenig. Auch als exotischer Ausländer nicht, von denen es dort ja wimmelte. Seine Wahl war gewiss deswegen auf mich als Begleiter gefallen, weil er bei seinem zurückgezogenen Lebenswandel andere Mittelamerikaner in Paris allenfalls höchst flüchtig kannte. Und weil er sich mit Französisch genauso schwertat wie ich. So gaben wir uns voreinander keine Blöße. Sicherlich lag es aber auch an einer weiteren Gemeinsamkeit, die wir teilten. Die, der parasitären, dekadenten Schichten unserer Länder zu entstammen.
Den Letzten von ihnen töteten die Spanier. So gibt es denn nichts mehr zu berichten. Die Weisheit der Könige ist dahin. Es ist alles vorbei in Quiché, genannt Santa Cruz.
Dass er in sämtlichen Lokalen, wie es seine Art war, generös auftrat und alle Rechnungen ohne mit den Wimpern zu zucken beglich, auch die der Amüsierdamen und Kokotten, denen er mit einer eher väterlichen Attitüde begegnete, die ihnen beileibe nicht missgefällig war, muss ich als feinen, gewinnenden Zug von ihm herausstreichen. Sein großbürgerlicher, kolonialspanischer Habitus war durch Augenzwinkern und Selbstironie abgemildert und damit erträglich. Über seine Heimat sprach er mit mir nie oder nur Unverständliches, das ihm zu viel getrunkener Rotwein zu vorgerückter Stunde eingab. Catracho nannte er mich dann, der Spitzname der Bewohner meines Landes. Eine Verballhornung des Namens von General Florencio Xatruch, sein Leben als posthumer Nationalheld im Honduras des 19. Jahrhunderts im Grunde ein einziger ununterbrochener Putsch und Aufstand. Aber so, wie er es sagte, klang es vertraut und kein bisschen despektierlich. Für mich war er dann der Chapín, wie man die Guatemalteken nach dem Laut chap, chap nennt, der erklingt, wenn hochgestellte Damen mit ihren Stöckelschuhen auf den Pflastersteinen dortiger Kolonialstädtchen lustwandeln, über das geknechtete Volk hinweg.
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