Krimi & Spannung

Der Tote am Weiher

Angelika Geier

Der Tote am Weiher

Leseprobe:

FREITAG Nacht

Seine Füße bewegen sich wie ferngesteuert Richtung Büro. Er kennt den Weg mit geschlossenen Augen. Obwohl dieses hier nicht sein Arbeitsplatz ist, sondern das Büro seines Chefs, das von Dr.?Koch. Er weiß, dass um diese Uhrzeit niemand da sein kann, schließlich ist es kurz vor Mitternacht. Also schlendert er gemütlich auf den Schreibtisch zu. Ein Tisch, der mitten im riesigen Büro thront. Dass keine Stolperfallen zu erwarten sind, das weiß er mit Gewissheit; er kennt den Raum selbst mit geschlossenen Augen. Und abgesehen davon weiß er mit Bestimmtheit, dass der Doktor großen Wert auf Ordnung legt.
Das Licht des Mondes strahlt hell in den Raum im ersten Stock hinein, so, als würde es ihm den Weg weisen.

Willi Fleischmann zieht den mächtigen Ledersessel beiseite und setzt sich gemütlich hin. Er genießt das Gefühl der Macht, das dieser Sessel ausstrahlt. Dann macht er die erste Schublade auf. Sie quietscht; und das so erbärmlich, als wäre da was eingeklemmt. Sei’s drum, denkt er sich, das interessiert mich jetzt nicht. Der Universal-Schlüssel für die anderen Schubfächer befindet sich in dieser einen, hier oben. Das weiß Willi, da er den Doktor oft genug dabei beobachtet hatte, wie dieser seine Schränke abgeschlossen und den Schlüssel anschließend in die erste Schublade gelegt hat. Natürlich nicht ahnend, dass er dabei beobachtet wird. Er nimmt den Schlüssel heraus, ein großer Schlüssel, passend zur protzigen Büroeinrichtung, und setzt zum Aufstehen an. Die feuchten, schweißbedeckten Hände, die sich von hinten auf seine Schultern legen, lassen sein Blut gefrieren, und jedes einzelne Haar auf seinem Körper richtet sich auf. Sie drücken ihn nach unten, sanft, aber bestimmend. Langsam bewegen sie sich Richtung Hals. Immer weiter, bis sie sich leicht um seinen Hals legen. Das Mondlicht wirft einen schemenhaften Schatten an die Wand, ohne jedoch genaue Konturen erkennbar zu machen. Willi weiß, dass diese Hände nicht die des Arztes sein können. Er hatte schließlich keine Geräusche vernommen, sicherlich jemand, der wie Willi nicht gehört werden wollte. Es passierte einfach zu geräuschlos. Abgesehen davon wurde auch kein Licht angeknipst. Die Rüge, die auf dem Fuß hätte folgen müssen, in etwa so: „Herr Fleischmann, was in aller Welt haben Sie in meinem Büro zu suchen?“, blieb aus, und da hatte Willi sofort gewusst, dass er in Schwierigkeiten steckt. Die Person hinter ihm flüstert nur leise in sein Ohr: „Psst!“, so, als würde sie einen Finger an die Lippen pressen.

Panik macht sich breit. Einen Moment lang ist er wie zu Stein erstarrt und unfähig, auch nur einen einzigen klaren Gedanken zu fassen. Jeder Zentimeter seines Körpers ist angespannt. Er traut sich nicht, den Kopf umzudrehen, aus Angst, das Gesicht des anderen zu erblicken. Wenn ich sein Gesicht nicht sehe, dann schont er mich vielleicht, überlegt er panisch. Sicher, auf der anderen Seite weiß Willi genau, dass er sich nur selbst Mut machen will. Er ist sich sicher, dass seine letzte Stunde geschlagen hat. Er weiß einfach zu viel. Er überlegt krampfhaft, wie er entkommen könnte, aber die Angst scheint ihn zu lähmen. Das Denken fällt ihm schwer. Er kann keinen einzigen klaren Gedanken fassen. Schweiß bricht aus allen Poren heraus. Die Hände werden nass. Der einzige Ausweg, der ihm einfällt, ist die Flucht. Aber die Füße scheinen Tonnen zu wiegen. Die Gedanken rasen. Er fantasiert und sieht sich schon am Boden, in einer Blutlache liegend. Nein, das lasse ich nicht zu! Adrenalin schießt durch seinen ganzen Körper. Die Gedanken rasen: Flucht! Aber was, wenn die Person nicht allein ist? Was, wenn jemand im Gang auf ihn lauert und ihm den Weg versperrt? Und kann er denn überhaupt flüchten? Seine Beine und Füße fühlen sich immer noch schwer an, als wären sie aus Blei.

Blei! Sicher! Das ist es! Der Schlüssel liegt immer noch in seiner rechten Hand! Eine angstdurchnässte Hand. Eine Hand, die halb in der Luft hängt, seit dem Augenblick, als sich die Hände des anderen auf seine Schultern gelegt hatten. Er spürt einen erneuten Adrenalinschub. Eine Idee nimmt in seinem Kopf rasch Gestalt an. Noch war nichts verloren … Aus einem Impuls heraus schwingt er sich mit dem Stuhl nach links und rammt dem Angreifer den Schlüssel ins Gesicht. Die Umklammerung um seinen Hals löst sich augenblicklich, und der verletzte Angreifer stürzt zu Boden. Der Schrei, der folgt, lässt einem das Blut in den Adern gefrieren. Kein schmerzerfüllter, sondern ein hasserfüllter Schrei. Ein langer, lauter Schrei! Er breitet sich aus, wird von den Wänden des Gebäudes wie die Wasserwellen nach einem Steinwurf weitergetragen. Der Schrei geht Willi durch Mark und Bein, lässt ihn kurz innehalten, dann setzt er sich wieder in Bewegung. Eine gelungene Reaktion, lobt er sich selbst, während er wegrennt. Er schafft es aus dem Büro heraus und auf den Gang. Die Schreie des Verfolgers sind nicht zu überhören. Willi hat Angst, sich umzudrehen. Er würde gerne wissen, wer ihm nach dem Leben trachtet, will aber gleichzeitig keine Zeit verlieren, er will entkommen, raus aus der Praxis und aus dem Gebäude, in der Hoffnung, dass kein Komplize ihm unterwegs begegnet und ihm den Weg versperrt. Auf der Flucht stolpert er über die eigenen Füße und fällt hin. Der Knöchel brennt. Benommen richtet er sich wieder auf und rennt unter großen Schmerzen weiter. Schritte sind hinter ihm zu hören, Schritte, die ihm folgen. Er rennt die Treppen hinunter, nimmt zwei, drei Stufen auf einmal, trotz Schmerzen im Knöchel.
Keuchend, nach Luft ringend, kommt er auf dem Parkplatz an. Er drückt noch im Laufen auf die Fernbedienung seines Autos, reißt die Tür auf und springt hinein. Die Hände zittern. Er schafft es kaum, den Schlüssel in die Zündung zu stecken. Dann endlich! Er lässt den Motor an. In diesem Augenblick gibt es ein lautes Krachen, als ein großer, schwerer Gegenstand die Windschutzscheibe seines Autos mit voller Wucht trifft. Jemand versucht, die Fahrertür aufzureißen. Willi legt den Rückwärtsgang ein, rammt ein dahinter parkendes Auto, schafft es dennoch, sich aus der Parklücke hinauszumanövrieren und zu entkommen. Er zittert am ganzen Leib. Die Zähne klappern. Als er sich endlich traut, in den Rückspiegel zu schauen, stellt er mit Erleichterung fest, dass ihm niemand folgt. Er weiß, dass er sich mit dem Falschen angelegt hat. Und leider nicht nur mit einem, sondern mit einer ganzen Organisation. Mit Kriminellen, die nur eines im Sinn haben: verzweifelten Leuten falsche Träume zu horrenden Preisen zu verkaufen.
Sie werden ihn verfolgen und ihn töten, dessen ist er sich sicher. Er muss untertauchen. Seine Wohnung ist jetzt nicht mehr sicher.
Rasch zieht er seinen Geldbeutel aus seiner Jackentasche heraus, und während er mit einer Hand lenkt, versucht er mit der anderen, den Inhalt des Geldbeutels auf den Beifahrersitz auszuleeren. Die zwei Reagenzgläser, die er aus dem Brutschrank im Laufe des Vormittags entnehmen konnte, sind noch da. Die kleinen Gläschen im gekühlten Behälter sind glücklicherweise noch intakt. Auf einem ist deutlich zu lesen: Herr und Frau Pastor. Auf dem anderen steht wiederholt der Name desselben männlichen Patienten darauf, aber die zweite Angabe lautet nicht mehr wie erwartet, Frau Pastor. Diese kennzeichnen eine namenlose Person: blond, blaue Augen, 165?cm, Blut: A rh+, 24 J.

Im schummrigen Straßenlicht bemerkt er auf seiner rechten Hand Blutspritzer. Blut des anderen. Nicht viel, die Wunde, die er dem anderen zugefügt haben muss, dürfte nicht sehr schwerwiegend sein, überlegt er in Gedanken. Er versucht es wegzuwischen, aber es ist bereits eingetrocknet. Ein Gefühl des Ekels überkommt ihn. Er hält am Straßenrand an, lässt den Motor laufen, macht die Fahrertür leicht auf, übergibt sich und fährt sofort weiter. Der Geschmack von bitterer Galle macht sich in seinem Gaumen breit. Er versucht den Gedanken an das soeben Erlebte wegzublinzeln. Die Dunkelheit ist momentan sein einziger Freund. Er weiß nicht, wem er vertrauen kann. Willi überlegt: Wer konnte davon gewusst haben, dass ich vorhatte, heute Nacht in die Praxis zu gehen? Eigentlich niemand! Es sei denn, es gäbe doch noch wahre Gedankenleser! Soll das etwa nur Zufall gewesen sein, dass die Bösewichte auch da waren? Wie viele waren überhaupt da? Er kann es immer noch nicht fassen, dass er es geschafft hatte, ihnen zu entkommen. Vorerst natürlich, auch das weiß er.

Hatte mich vielleicht jemand beobachtet, wie ich die Reagenzgläser an mich genommen habe und es jemandem mitgeteilt? Dem Doktor Koch vielleicht? Oder der Organisation? Wissen eigentlich alle anderen Bescheid? Stecken alle unter einer Decke? Bin ich der Einzige gewesen, der nichts davon wusste und ahnungslos meiner Arbeit nachgegangen bin, oder sind die restlichen Labor- und Praxisangestellte genauso an der Nase herumgeführt worden wie ich? Lucia, die süße Lucia, die Chemielaborantin aus unserem Team, kann nicht dazu gehören. Sie ist einfach zu nett, meistens … Sie kann definitiv nicht mit denen unter einer Decke stecken. Ob ich mich trauen sollte, sie anzurufen? Aber was, wenn ihr dann was zustößt, weil es den Eindruck erweckt, sie würde mit mir gemeinsame Sache machen? Ich würde mir das nie verzeihen. Aber abgesehen davon: S ie können doch nicht jeden abhören und unter Beobachtung stellen, oder? Oder etwa doch?

Scheinwerferlicht blendet ihn und holt ihn in die Realität zurück.

Ich muss Geld abheben, so viel wie möglich, überlegt er. Mit meiner Kreditkarte kann ich es mir nicht erlauben, zu bezahlen. Sie würden sofort meine Spur aufnehmen. Willi schaut auf die Uhr. Es ist 1.24 Uhr. Vom Geldautomaten kriege ich höchstens 1000 € ausgezahlt. Wenn ich untertauchen will, reicht es nicht lange aus. Ich muss mir schließlich Kleidung und Necessaires besorgen, das Hotelzimmer bezahlen, und essen sollte ich wohl auch noch ab und zu. Die Gedanken rasen erneut und scheinen keinen Sinn zu ergeben. Wenn ich bis morgen früh hier in der Gegend bleibe, kann ich auf die Bank, sobald sie aufmachen. Die netten Damen in der Filiale kennen mich. Ich könnte eventuell auch ohne Vorankündigung das ganze Geld von meinem Sparbuch abheben. Mit großer Wahrscheinlichkeit sogar, schließlich reden wir hier nicht von Millionen! Leider … Auf der anderen Seite: S ich so lange hier in der Stadt aufzuhalten wäre ziemlich gewagt, wenn nicht sogar dumm. Na ja, nennen wir es beim Namen: Es wäre der sichere Tod, überlegt er weiter.
Also gut, ich werde erst mal 1000 € abheben, am besten bei einer Bank außerhalb der Stadt. Dann werden die Ganoven meinen, ich würde versuchen, aus der Stadt zu fliehen. Vielleicht schicke ich sie damit sogar auf eine falsche Spur? Wer weiß? Ich würde mir somit einen kleinen Zeitvorsprung verschaffen. Ob sie darauf reinfallen, hmm?

Aber was, wenn sie mich gar nicht suchen? Ich bin nur eine unbedeutende Figur, nicht mal ein richtiges Rädchen im Getriebe. Okay, seien wir ehrlich: Den Eindruck hatte ich vorhin nicht, als ich in Dr.?Kochs Büro eingebrochen bin. Wer weiß, vielleicht war ich nur zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort, versucht er wieder sich selbst Mut zu machen.
Aber sogleich verwirft er den Gedanken: Nein, so naiv sind die nicht. Sie wissen ganz genau, wonach ich Ausschau gehalten habe. Sie wissen sicherlich, dass es mir gelungen war, was mitzunehmen. In was bin ich nur hineingeraten? Dabei wollte ich diesen Job nicht einmal!

Willi macht eine kurze Pinkelpause, steigt wieder ins Auto ein und sucht im Navi nach dem nächsten Bankautomaten außerhalb der Stadt. Er hält an einer Tankstelle an, tankt den Wagen voll, holt sich noch ein etwas alt und traurig wirkendes Sandwich und dazu Kaffee und Cola. Gerade als er heraus spazieren will, überlegt er es sich noch mal anders und holt sich noch ein Sandwich und noch mehr Getränke und für alle Fälle eine Zeitung, um sich die Zeit totzuschlagen. Natürlich bezahlt er alles mit seiner Karte, um die Verfolger in die falsche Richtung zu lenken. Sie sollen glauben, er hätte sich Proviant für längere Zeit geholt und hätte tatsächlich vor, die Stadt zu verlassen.

Dann fährt er zum Geldautomaten. Als er dort ankommt, schaut er bewusst ängstlich in die Kamera. Dass er eine Heidenangst hat, braucht er nicht mal vorzutäuschen. Er hofft, wer auch immer sich das Band mal anschauen sollte, dem sollte es sofort klar sein, dass er einem zu Tode Geängstigten ins Gesicht schaut. Er tippt zuerst einen hohen Betrag ein: 5000 € soll der Automat spucken. Leider verweigert dieser die Auszahlung. Also startet er einen erneuten Versuch und gibt 2000 € ein, aber auch dieses Mal will der Geldautomat nichts ausspucken. Na ja, die Hoffnung stirbt zuletzt. Er hatte gehofft, er könnte sich den Weg in die Filiale ersparen. Als er dann endlich die 1000 € in der Hand hält, weiß er nicht wohin. Die ganzen Überlegungen der letzten halben Stunde haben keine Früchte getragen. Er würde so gerne Lucias Stimme hören. Lucia aus dem Labor, die sich nicht viel aus ihm macht, außer als Freund, aber deren Stimme er trotzdem gerne hört. Er möchte wissen, dass es ihr gut geht. Er möchte für sie der Ritter auf dem weißen Schimmel sein. Und sie würde ihm in die Arme fliegen, und eine innige Umarmung und ein noch inniger Kuss würden folgen. Na gut, träumen darf man noch. Willi stellt mit Begeisterung fest, dass trotz der Pein der letzten Stunde dieses Zauberwesen es immer noch fertigbringt, ihn auf andere, angenehmere Gedanken zu bringen.

Klar, sie hatte mal was mit einem Loser, einem Daniel, aus einem anderen Labor, aber er weiß, dass sie die Beziehung beendet hatte.
Schön! Jetzt bin ich etwas entspannter. Es ist leichter, einen klaren Gedanken zu fassen, wenn man nicht mehr so sehr unter Stress steht, freut sich Willi, was angesichts der Situation nicht zu erwarten gewesen wäre. Eins ist klar: Ich muss Lucia warnen. Aber wie? Wenn ich zu ihr in die Wohnung fahre und dort Posten aufgestellt sind, die sie beobachten, dann schnappen sie uns.

Dann mache ich das am besten so: Ich fahre noch ein, zwei Stunden rum oder ich parke den Wagen irgendwo und bleibe einfach im Auto sitzen, damit ich kein Benzin verbrauche. Ich kann schließlich nicht davon ausgehen, dass ich morgen wirklich mein ganzes Geld kriegen werde. Außerdem ist es doch etwas auffällig, mit der kaputten Frontscheibe herum zu fahren.
Der Tankwart hatte auch schon so komisch geschaut.
Hoffentlich verständigt der keinen! Ach was! Ich hoffe, dass er dazu zu faul ist. Abgesehen davon glaube ich, dass er eh schon ein paar Bierchen intus hatte. Der will sicherlich auch keine Scherereien!
Ich muss definitiv Rast machen, zwei, drei Stunden schlafen, mich frisch machen, bevor ich weitermachen kann. Ich bin am Ende! Aber dann überlegt er es sich doch noch einmal anders.
Na ja, vielleicht schiebe ich das mit dem Schlafen noch etwas hinaus. Ich muss schließlich sicher sein, dass ich nicht verfolgt worden bin. Sonst nehmen noch irgendwelche Killertypen mein Zimmer in Beschlag und machen mich kalt. Nein, das kann ich nicht riskieren, und schlafen kann ich jetzt vermutlich eh nicht. Und dabei fällt ihm der Song von Bon Jovi ein: „Live while I’m alive and sleep when I’m dead“. Welche Ironie! Natürlich hatte dieser das fröhliche Feiern im Sinn und nicht, dass seine letzten Stündchen geschlagen hätten.

Auf einer recht verlassenen Straße mit karger Straßenbeleuchtung hält er den Wagen an. Er ist müde und doch gleichzeitig aufgedreht. Angst, Panik und das Erlebte schlauchen ganz schön. Selbst die drei Kaffeetassen, die er sich in der Tankstelle gegönnt hatte, versagen den Dienst. Er steigt kurz aus, um sich die Beine zu vertreten, um kalte, frische Luft zu tanken und um sich von überflüssiger Körperflüssigkeit in den nahegelegenen Büschen zu erleichtern. Kein Wunder nach so viel Kaffee! Nichts rührt sich. Vollkommene Stille. Kein Vogelgezwitscher ist zu hören, kein Igel raschelt in der Nähe und kein Hase und Fuchs, die sich gute Nacht sagen, sind zu vernehmen. Irgendwo in der Ferne hört er leichte Motorengeräusche. Scheinwerfer sind zu sehen. Willi bückt sich und bleibt in der Dunkelheit verborgen stehen. Das Auto nähert sich. Er fängt leicht zu schwitzen an. Der Wagen fährt aber unbeirrt weiter. Dennoch hat Willi das Gefühl, dass jemand sein Auto genauer angeschaut hatte. Der Beifahrer hatte kurz den Kopf umgedreht. Habe ich es mir eventuell nur eingebildet? Vielleicht war es nur, weil die Scheibe kaputt ist, versucht Willi sich zu beruhigen. Was aber, wenn nicht? Was, wenn sie meine Spur gefunden haben? Aber wie? Ich bin nach dem kurzen Stopp an der Tankstelle schließlich komplett planlos durch die Gegend gefahren! Vielleicht waren sie die ganze Zeit schon hinter mir her, und ich habe sie nicht gesehen!?


Unsicher, was er tun soll, verharrt Willi noch eine Zeitlang still im Gebüsch. Der Wind bewegt die Blätter der Bäume und wirbelt sie langsam durch die Luft. Zuerst ist es nur ein leichter Windstoß, dann wird der Wind immer stärker. Die Bäume kommen ihm mit einem Mal gefährlich vor. Fast schaut es so aus, als würden sie sich nach unten verbeugen, so, als würden sie nach ihm greifen wollen. Angst nimmt erneut Besitz von ihm. Gänsehaut breitet sich über den ganzen Körper aus. Kalter Schweiß bricht aus. Er zwingt sich, nach vorne zu gehen, raus aus dem Gebüsch. Die Äste verfangen sich in seiner Kleidung und scheinen ihn nach hinten ziehen zu wollen. Ein unruhiges Zwitschern nimmt an Lautstärke zu, bis es in ein lautes Dröhnen überwechselt. Die Nacht wird finster, als dunkle Wolken vor dem Mond aufziehen. Ein starker Wind zieht auf; vertreibt kurzzeitig die Regenwolken, nur um wieder neue Wolken vor das abnehmende Licht des Mondes zu schieben. Willi spürt jedes Nackenhaar sich aufrichten. Panik! Ständig diese Panik, die sich breit macht. Er spricht sich Mut zu und schafft es, sich aus den Ästen zu befreien. Er rennt zu seinem Auto. Erst als er die Tür hinter sich geschlossen hat und die Verriegelung eingerastet ist, lässt die Anspannung etwas nach. Die Angst aber bleibt. Und nicht nur das. Sie scheint wieder mit derselben Wucht zurückgekehrt zu sein wie in dem Augenblick, als sich die Hände auf seine Schultern gelegt hatten, als er in Dr.?Kochs Büro eingedrungen war. Nicht einmal Gedanken an Lucia mit ihrem warmen Lächeln können ihn jetzt beruhigen. Noch nie in seinem Leben hatte Willi eine solche Angst verspürt wie in dieser Nacht. Jeder Muskel seines Körpers scheint zu vibrieren, das Herz rast, als würde es nicht nur aus der Brust, sondern zum Hals herausspringen wollen.
Hätte ich vorhin nicht gepinkelt, würde ich mir jetzt vor Angst in die Hose machen, überlegt er.

Willi fährt mittlerweile geschätzte zwei Minuten. Er überquert eine kleine Steinbrücke, düst an einem schlecht beleuchteten Bauernhof vorbei, überholt ein langsam fahrendes Fahrzeug vor sich und nimmt von den sich rechterseits der Straße schlängelnden kahlen Feldern nichts wahr. In Gedanken vertieft, kratzt er sich mit der rechten Hand am Kinn und lenkt mit der Linken, als sich ein dünner Draht um seinen Hals und seine rechte Hand schlingt. Willi versucht verzweifelt den immer enger sich um seinen Hals schlingenden Draht wegzudrücken. Aber je mehr er es versucht, desto tiefer schneidet dieser in seine Hand und seinen Hals ein. Atemnot und starke Schmerzen benebeln ihn. Sollte etwa mein letztes Stündchen geschlagen haben?, fragt er sich. Er hat das Gefühl, das Bewusstsein zu verlieren.
„Hast du gedacht, du kannst es mit uns aufnehmen?“ schreit der Mann, während er ihm noch eine Ohrfeige verpasst.
Unverständliches Flehen und Brabbeln folgen.
„Wolltest du uns verpetzen, Blödmann?“ Der Fußtritt, der in der Magengrube landet, schmerzt höllisch.
„Bitte nicht mehr!“, schreit dieser mit letzter Kraft und landet auf dem Boden.
Eine letzte Ohrfeige folgt, dann verspürt er einen festen Druck im Arm, bevor man ihm die tödliche Spritze versetzt.
Ein leichtes Aufatmen ist zu vernehmen, gefolgt von dem letzten klaren Gedanken, den er noch fassen kann: Ach, so fühlt es sich also an, wenn man stirbt! Er macht zum letzten Mal die Augen zu.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 240
ISBN: 978-3-99064-891-9
Erscheinungsdatum: 05.02.2020
Durchschnittliche Kundenbewertung: 5
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Krampus & Nikolo