Der Seelenverkäufer

Der Seelenverkäufer

Tracy Sue Bormes


EUR 17,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 294
ISBN: 978-3-99048-324-4
Erscheinungsdatum: 03.02.2016
Im Stadtpark werden vier Kinderleichen gefunden. Kriminalkommissar Terenz findet Hinweise auf einen gut vernetzten Pädophilenring. Wer ist der Kopf der „Seelenverkäufer“? Wem kann er jetzt noch vertrauen - und ist auch sein eigenes Kind in Gefahr?
1. Kapitel

Die Vergangenheit kann nicht geheilt werden.
(Queen Elizabeth I.)

Thomas Terenz und Kimberly Terenz

Und schon wieder saß ich hier. Auf demselben abgenutzten Stuhl, auf dem ich auch die letzten Male gesessen hatte – zumindest fühlte er sich genauso an. Die Lehne, an die ich meinen Rücken presste, fühlte sich an, als ob sie jeden Moment abbrechen würde, wenn sie nicht an die Wand gelehnt wäre. Der blaue Stoff mit dem orangen Rautenmuster hatte an einigen Stellen kleine Löcher, in denen der gelbe Schaumstoff zum Vorschein kam. Dabei fiel mir wieder einmal auf, wie gut der gelbe Schaumstoff zu den orangen Rauten passte. An den metallenen Füßen des Sitzes befanden sich halb abgerissene Aufkleber der letzten Fußballweltmeisterschaft. Ich legte meine Unterarme sich kreuzend auf meine Oberschenkel, senkte den Kopf und schloss meine Augen. Mir schossen Tausende und Abertausende Gedanken durch den Kopf, einer schlimmer als der andere. Ich wollte nicht daran denken, dass wieder etwas schiefgehen könnte. Das würde ich nicht mehr überstehen, und noch viel schlimmer würde es meine Frau treffen. Wenn gleich die Flügeltür aufginge und der Arzt herauskäme, mitfühlend den Kopf schüttelte und ich in seinen ehrlichen Augen die Worte »Es tut uns sehr leid, Herr Terenz« läse. Und ich durch die Flügeltür ginge und meine Frau daliegen … »Nein«, schrie ich laut und hob den Kopf, um mich selbst aus meinen Gedanken zu reißen. Ich öffnete langsam wieder die Augen und bemerkte, dass sich noch zwei andere Männer in die kleine Nische zu mir gesellt hatten. Einer der Männer stand vor der Sitzreihe, die in einer U-Form platziert war. Er hatte einen hellblauen Anzug an, der nicht sehr gut an seinen Körper passte. Er wirkte am Rumpf zu groß, schien aber an den Schultern wieder zu eng zu sein. Das weiße Hemd, das er unter der Jacke des Anzuges trug, schien auch seine besten Tage hinter sich zu haben. Das ehemalige weiße Hemd wich einem ausgewaschenen Grau. Zudem schien es dem Mann auch zu klein zu sein, da die Knöpfe einem das Gefühl gaben, sie rissen jeden Moment ab. Die Hose zu der hellblauen Jacke war verwaschen und hatte unterhalb des rechten Knies ein kleines Loch, welches ich nur sehen konnte, da seine Hose genau dort eine Falte schlug. Seine Schuhe waren im Vergleich zu dem Anzug wohl neu. Es waren typische Schuhe, die man anzog, wenn man einen Anzug trug. Schwarz, schlicht, zum Schnüren. Seine braunen Haare waren so gekämmt, dass sie den leichten Ansatz einer kahlen Stelle an seinem Hinterkopf verbergen sollten. Der andere Mann saß mir vor Kopf. Er schien sehr nervös zu sein. Er bewegte seine rechte Fußferse immer wieder auf und ab, in einem wohl unbewussten ¾-Takt. Er hatte schwarzes, längeres Haar, welches ihm ungefähr bis zur Schulter hing. Es sah sehr strähnig aus, als hätte er es einige Zeit nicht gewaschen. Dazu passten auch seine nicht zu übersehenden Augenringe. Seine Ellenbogen waren so auf seinen Oberschenkeln platziert, dass er sein Kinn in seine Handflächen legte. Seine Finger reichten über die Wange bis in seine Haare, wo er sich eine Haarsträhne nahm und damit spielte. Seine ganze Kleidung ließ darauf schließen, dass er diese schon länger trug. Beide hatten mich auch gemustert, so wie ich sie gemustert hatte. Ich fragte mich, zu welchem Urteil sie gekommen waren.
Was sehen sie, wenn sie mich sehen? Einen 191 cm großen Mann, mit braunen, kurzen Haaren, einer leicht ausgewaschenen blauen Jeans und einem roten Langarmshirt und dazu weiße, schlichte Turnschuhe. Ich fragte mich, ob die letzten paar Tage auch bei mir Augenringe hinterlassen haben.
Fragen über Fragen, die mich beschäftigten. Ich schob den Ärmel meines Poloshirts hoch, um auf meine Armbanduhr zu sehen. Es war der 14.09.2013, 14:27 Uhr und 17 Sekunden. Ich erinnerte mich daran, woher ich diese Uhr hatte. Meine Frau schenkte sie mir zum zweiten Hochzeitstag. Als sie und ich zwei Monate vor diesem Hochzeitstag durch die Stadt zogen und an einem Juwelier hielten, weil sie sich Ohrringe kaufen wollte, habe ich mich nach Uhren umgesehen und nach einiger Zeit dann diese Uhr gefunden. Eine Uhr mit Schweizer Uhrwerk und einem schwarzen Lederarmband. Eine selten schöne Uhr, doch bevor ich mich zum Kauf entschließen konnte, zerrte meine Frau mich aus dem Laden mit der Begründung, sie müsse schnell nach Hause. So eilten wir dann zu unserem schwarzen Kombi, der in der Tiefgarage des großen Einkaufszentrums stand, und fuhren auf dem schnellsten Weg nach Hause. Erst zu unserem zweiten Hochzeitstag erfuhr ich, warum sie mich tatsächlich aus dem Geschäft zerrte. Sie wollte mir die Uhr zu unserem Hochzeitstag schenken. Ich musste lächeln, als ich an diesen Tag zurückdachte. Damals hatten wir noch nicht solche Probleme, und meiner Frau ging es gut. Sie lächelte mehr und war lebensfroher.
Langsam fing auch meine Fußferse immer wieder an, sich auf und ab zu bewegen. Während meine Füße sich nach einem unbekannten Rhythmus bewegten, ging ich im Kopf die letzten Male durch, bei denen ich hier auf den Arzt gewartet hatte. Ich versank wieder ganz in meinen Gedanken, und während sich mein Kopf wieder dem Erdboden entgegenneigte und meine Augen sich wieder langsam schließen wollten, musste ich aus diesem irrsinnigen Kreislauf ausbrechen. Ich wusste, wenn ich mich wieder meinen Gedanken hingeben würde, würde ich nur an die Vergangenheit denken, und das durfte ich nicht zulassen. Ich hob meinen Kopf, legte die Handflächen auf meine Oberschenkel und stand langsam auf. Während ich mich aufrichtete, überkam mich der dringende Wunsch nach einer Zigarette. Ich fragte mich, warum man solche Gelüste immer dann bekommt, wenn man vor Nervosität platzen könnte. Als ich meine Frau heiraten wollte und vor der Kirche stand, überkam mich dasselbe Gefühl nach einer Zigarette. Dieser Zwang, mir eine Zigarette zu besorgen und langsam das Nikotin Zug für Zug zu inhalieren. Oh Mann, dachte ich in dem Moment, was würde ich jetzt alles für eine Zigarette geben? Die beiden Männer in der kleinen Nische beobachteten mich, während ich mich nach der Mühe, die das Aufstehen mit sich brachte, streckte. »Guten Tag, die Herren. Hat einer von euch eventuell eine Zigarette für mich? Das Warten macht mich verrückt, und ich hab nun keine Zigarette dabei«, sagte ich lachend. Der Mann mit dem hellblauen Anzug wühlte in seinen Jackentaschen herum und hielt mir kurze Zeit später eine rote Zigarettenschachtel hin. »Ich muss auch immer rauchen, wenn ich auf etwas warte. Es bringt einen um den Verstand«, sagte er lächelnd. Ich bedankte mich mit einem Nicken und einem verstehenden Grinsen. Ich drehte mich um und ging den Gang hinauf, bis ich zu dem Fahrstuhl gelangte, mit dem ich herunterfahren konnte. Ich drückte an der silbernen Tafel neben dem Fahrstuhl den Knopf mit dem Pfeil nach unten. Einige Augenblicke später stand ich auch schon in der Eingangshalle des St.-Stephanus-Krankenhauses, ging an der Rezeptionistin mit einem Lächeln vorbei und passierte die zwei Glasschiebetüren, bis ich auf dem Bürgersteig vor dem Krankenhaus stand und mir endlich die Zigarette anzünden konnte. Der Weg von dem Fahrstuhl bis zu dem Moment, als ich den Genuss einer Zigarette genießen konnte, kam mir vor wie eine Ewigkeit. Jeder Schritt glich einem Kilometer. Ich nahm einen kräftigen Zug aus der Zigarette und genoss die wohltuende Wirkung des Nikotins. Meine Nervosität wich mit jedem Zug, den ich von der Zigarette nahm, immer mehr. Nach zehn entspannenden Zügen war mein kurzes Glück auch wieder verbrannt, und ich drücke die Zigarette am Boden aus. Ich ging zurück zu dem Fahrstuhl. Um in den Flur zu fahren, in dem ich schon so einige Stunden verbracht hatte. Im Fahrstuhl angekommen drückte ich auf die Taste mit der Fünf, neben der Kreißsaal stand. Mein Herz raste immer schneller, je höher wir kamen. Die Wirkung des eben noch so wohltuenden Nikotins ließ schlagartig nach, und meine gewohnte Nervosität kam zurück. Nach qualvollen Sekunden, die sich wie Stunden anfühlten, kam ich endlich im fünften Stock des Krankenhauses an und beschritt den Gang, der zu der kleinen Nische führte, wo die beiden Männer eben noch saßen. Nach wenigen Augenblicken kam ich wieder in der Ecke an, wo mich der Mann mit dem hellblauen Anzug lächelnd erwartete. »Und, hat die Zigarette geholfen?«, fragte er. »Solange die Zigarette an und ich außerhalb des Krankenhauses war, ja. Aber als ich wieder im Fahrstuhl war, war meine gewohnte Nervosität wieder da.« Die beiden Männer mussten lachen, weil es bei ihnen nicht anders war. Ich zwinkerte dem Mann zu und stellte mich auf die andere Seite der Nische, mit dem Rücken an die Wand und mit den Augen auf die gegenüberliegende Wand gerichtet. Dabei fiel mir ein Bild auf, das an der Wand hing. Es war das Bild von Dali mit dem Titel »Laufende Uhren«. Ich konnte mir kein Bild vorstellen, welches besser und gleichzeitig ungeeigneter für diese Situation gewesen wäre. Es symbolisiert die Vergänglichkeit des Menschen, besonders die Potenz der Männer, die Zeitlosigkeit in der Welt und den Zerfall.
Das Bild schaffte es, meine Gedanken zu fesseln. Die Gedanken über den Zerfall und die Vergänglichkeit der Menschen. Aber auch über die Zeitlosigkeit auf dieser Welt. Ich hatte das Gefühl, dass die Zeit am Rennen war, während ich mich auf die laufenden Uhren von Dali konzentrierte. Es fühlte sich an, als ob ich die Uhren um mich herum sehen kann, wie ihre Zeiger nur so rennen und die Zeit im Fluge vergeht. Ich hatte alles um mich herum ausgeblendet und konzentrierte mich nur auf die Uhren und das, was sie mir zu zeigen schienen. Plötzlich riss mich eine Stimme aus den Gedanken, und die Uhren, die mich bis eben noch umgeben hatten, sind in Luft aufgegangen. Ich stand nicht mehr in einem Meer von laufenden Uhren, sondern wieder auf dem Boden des fünften Stockwerks des Krankenhauses. Ich schaute zu meiner Linken und sah, dass die Flügeltür aufging, ein Mann aus der Tür herauskam und einige Schritte später stehen blieb. Weit genug von der Tür weg, dass sie wieder zufallen konnte, aber auch nicht sehr nahe bei uns. Es herrschte ein angenehmer Abstand zwischen dem Arzt und uns. Als ich verstand, dass der Arzt etwas gesagt haben musste, ich dies aber durch meine Gedankenwelt nicht mitbekommen hatte, sah ich zu den beiden Männern, die denselben verwirrten Gesichtsausdruck hatten wie ich. »Herr Jakob. Sie haben eine gesunde Tochter bekommen. Ihrer Frau geht es gut! Herzlichen Glückwunsch. Kommen Sie bitte mit mir, ich möchte sie Ihnen gerne vorstellen«, sagte der Arzt mit einer zum Nachfolgen motivierenden Geste. Der Mann im hellblauen Anzug strahlte von einer Sekunde auf die nächste und ging mit dem Arzt durch die Flügeltür zu seiner Frau und seinem Kind. Als diese sich hinter den beiden schloss, merkte ich, dass meine Nervosität immer mehr in mir anstieg. Um mich abzulenken, beschloss ich, einige Runden im Kreis zu laufen. Ich hoffte, dass dabei die Zeit vergehen würde. Dabei verschloss ich meine Hände hinter dem Rücken und senkte meinen Kopf. Ich ging eine Runde um die nächste. Doch leider verging die Zeit immer noch im Schneckentempo. Je mehr ich wollte, dass die Zeit verflog, desto langsamer wurde sie. Nach gefühlten dreißig Runden kam ich mir wie Dagobert Duck vor, der in seinem Zimmer umherwanderte, bis er Laufrinnen im Boden hinterließ. Bei dem Gedanken drehte ich mich um, schaute auf den grauen Linoleumboden und erkannte, dass ich zum Glück noch keine hinterlassen hatte. Genervt setzte ich mich wieder auf den Sitz, auf dem ich eben schon saß. Ich stieß einen großen und tiefen Seufzer aus, und der Mann mit den Augenringen sah mich an und fragte: »Wie lange wartest du denn schon?«
Ein Blick auf meine Uhr verriet mir, dass wir 17:33 Uhr und 20 Sekunden hatten. »Drei Stunden. Ich hoffe nur, dass bei meiner Frau alles okay ist. Ich mache mir große Sorgen.« »Das wird schon. Meine Frau bekommt heute ihr drittes Kind. Ich bin total stolz auf sie.« Wieder musste ich einen großen und tiefen Seufzer über mich ergehen lassen. Seine Frau bekommt nun das dritte gesunde Kind. Ich wünschte, meine Frau … Bevor ich den Satz zu Ende denken konnte, fragte der Mann mich, wie ich heiße und was denn los sei. »Ich heiße Thomas. Thomas Terenz. Meine Frau Kimberly ist heute das dritte Mal im Krankenhaus. Es zerreißt mir das Herz. Jedes Mal, als sie hier ihr Kind auf die Welt bringen wollte, hatte sie eine Fehlgeburt. Das erste Mal, dass wir hier waren, war vor gut acht Jahren. Sie war Mitte zwanzig und kerngesund. Die Schwangerschaft verlief ohne Probleme. Und dann gab es wohl Komplikationen während der Geburt. Das Baby bekam nicht genug Luft, da die Nabelschnur sich um den Hals meines kleinen Mädchens gelegt hatte, und somit … und somit gab es eine Unterversorgung der Luftzufuhr. Die Ärzte haben versucht, meine kleine, süße Prinzessin wiederzubeleben, aber ohne Erfolg. Ihr kleines Herzchen schlug einfach nicht mehr. Das zweite Mal, als wir hier waren, war vor knapp vier Jahren. Wir waren guter Dinge und hatten gerade die traumatischen Erfahrungen als Paar verarbeitet. Wir gingen zweimal die Woche zur Therapie, zur Trauerbewältigung. Die Schwangerschaft war für uns ein Neuanfang. Bis zur Geburt meines Sohnes. Er verstarb … er … er verstarb direkt nach der Geburt. Er hatte eine Mutation eines lebenswichtigen Organs. Eine sogenannte Trisomie 13, oder wie die Ärzte das auch nennen wollen. Diese wurde zwar schon in der dreißigsten Schwangerschaftswoche entdeckt, und meine Frau war am Anfang innerlich zerstört. Ihr zweites Kind war krank. Der Arzt machte ihr Hoffnung, dass es in Deutschland nur sehr wenige Totgeburten geben würde und dass das Kind sicherlich gut zur Welt kommen würde. Aber unser Sohn würde es nicht leicht haben, versicherte uns der Arzt. Er hätte nur eine kurze Lebenserwartung, aber wir könnten ihm eine schöne Zeit bereiten. Meine Frau war geradezu wild entschlossen dem Kind ein wundervolles Leben zu gestalten. Wir hatten schon das Zimmer für den kleinen Knirps vorbereitet. Und dann starb er. Sie hatte nach der Geburt einen Nervenzusammenbruch. Sie wollte gar nicht mehr rausgehen. Sie aß kaum noch etwas. Manchmal lag sie Tage über Tage nur im Bett und weinte sich die Augen aus. Es brach mir das Herz, meine Frau so leiden zu sehen. Nachdem sie sich etwas gefangen hatte, ging sie zum Arzt, um sich untersuchen zu lassen. Sie verstand es nicht, warum ihre Kinder immer starben. Der Arzt meinte, dass er nicht sicher wäre, ob er den Grund wirklich herausfinden könnte. Er bat uns auch, eine Frauenärztin aufzusuchen. Er hat meiner Frau versichert, alles zu versuchen, um die Fehlgeburten aufzuklären. Er bat meine Frau zu seiner Arzthelferin zu gehen, um ihr Blut abnehmen zu lassen. Die Ergebnisse würden in drei Tagen vorliegen, und wir sollten uns bis dahin keinen Kopf machen. Nach dem Arztbesuch gingen wir nach Hause und meine Frau vereinbarte den schnellsten Termin bei einem Frauenarzt. Die nächsten drei Tage waren die Hölle. Bei jedem Telefonanruf hat sie Dr. Resting erwartet, der ihr ihre Untersuchungsergebnisse mitteilen sollte. Aber die meisten Anrufe waren Werbeanrufe, ob wir Küchengeräte erwerben wollten. Als die drei Tage mit schlaflosen Nächten dann überstanden waren und wir bei Dr. Resting im Sprechzimmer saßen, war Kimberly nervöser als nervös. Sie ging in dem kleinen Sprechzimmer auf und ab und ließ sich kaum davon abbringen, sich nicht aufzuregen, dass der Arzt auf sich warten ließ. Nach gefühlten zehn Minuten kam der Arzt mit einer grimmigen Miene in das Sprechzimmer. Ich sah in das Gesicht meiner Frau, und man merkte, dass eine Tür in ihrer Seele zufiel. Ihr Herz zersprang in eintausend Teile, ohne dass sie wusste, was passiert sein könnte. Der Arzt bat uns, uns zu setzen, als er uns mitteilte, dass meine Frau Translokations-Trisomie 13 habe. Das sei eine Umlagerung eines Chromosoms oder eines Chromatinabschnittes auf ein anderes Chromosom, wobei das Erbgut in einem Gleichgewicht bliebe. Für die betreffende Person bestehen keine phänotypischen Auswirkungen. Es brach eine Welt für meine Frau zusammen. Die Tür, die ich vor dem Gespräch in ihr zufallen sah, glich jetzt einer kleinen Luke. Und es kam noch schlimmer. Einen Tag später hatten wir einen Termin beim Gynäkologen. Nach einem ausführlichen Gespräch über die zwei Fehlgeburten und die Untersuchung des Blutes mit den Chromosomen. Der Arzt war der Auffassung, dass eine erneute Schwangerschaft nicht nur dem Kind, sondern auch meiner Frau schaden könnte. Nach den ganzen Terminen beschlossen wir, das Thema Kinder erst einmal auf Eis zulegen. Vor fünf Monaten hatte meine Frau einen Kontrolltermin zur normalen Untersuchung, bei der herauskam, dass sie erneut schwanger war. Wir suchten nach Erklärungen, wie es trotz der Verhütung zu einer Schwangerschaft hatte kommen können. Die einzig logische Antwort war, dass die Pille wohl nicht geholfen hatte. Und deswegen saß ich heute erneut hier und hoffte, dass meine Frau und mein Kind es schafften.« Bevor der Mann mit den Augenringen, der mir direkt gegenübersaß, antworten konnte, flog die Flügeltür auf, und ein ca. 180 cm großer Mann in einem dunkelblauen Kittel kam durch die Tür mit schnellem Schritt zu mir geeilt. Mein Herz rutschte in den Keller, als ich die Mimik des Arztes zu deuten versuchte. Es war eine Mischung aus Angst und Verzweiflung. Bevor ich mir über die Bedeutung dieses Gesichtsausdruckes richtig klar werden konnte, stand er vor mir und fragte mich, ob ich der Ehemann der Frau Terenz sei. Ich war starr vor Angst und brachte keinen einzigen Laut hervor. Auch konnte ich nicht mit dem Kopf nicken, um dem Arzt zu signalisieren, dass er vor dem richtigen Mann stand. Alles in mir war starr und bewegungsunfähig geworden, und es schien, als hörte kein Muskel mehr auf meine Befehle. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis ich ein stammelndes und kurzes »Ja« aus meinem Mund pressen konnte. Die tiefblauen Augen des Arztes wurden weicher und mitfühlender, aber auf eine Art mitfühlend, die ich nicht deuten konnte. Er reichte mir seine rechte Hand, nachdem er den Latexhandschuh ausgezogen hatte, damit ich die Hand greifen konnte, um ihm in die Hölle zu folgen. Eine Hölle, in der der Teufel den Namen Schicksal trug und die lodernden Flammen die Gesichter meiner toten Kinder und meiner verzweifelten Frau zeichneten. Ich griff mit zitternder Hand die des Arztes und ließ mich mitnehmen, durch die Tore in die Hölle. Als ich stand und meine ersten vagen Schritte unternahm, hörte ich von dem Mann mit den Augenringen, dass er in Gedanken bei mir sei und mir und meiner Frau alles Gute wünsche. Die wenigen Schritte bis zu der Flügeltür, aus der der Arzt eben gekommen war, fühlten sich wie unendliche Kilometer an. Ein Gang aus Glasscherben, über die man mit nackten Füßen ging. Jeder Schritt fiel schwerer als der andere, und jeder weitere Meter war ein weiterer Stich in mein Herz.

5 Sterne
Tolles Buch - 15.02.2016
Pantou Evangelia

*****!!!!!!!

5 Sterne
Wenn es 10 Sterne gäbe würden es 10 sein - 15.02.2016
Odiseas Zaphiris

Ich habe mir das Buch durchgelesen und einfach nur klasse super geschriebn ! Und großes Lob an die Autorin super gemacht !

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