Der Schrei des Waldes

Der Schrei des Waldes

Anastasija Garder


EUR 21,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 554
ISBN: 978-3-99003-234-3
Erscheinungsdatum: 02.08.2011

Rezensionen:

<strong>Prolog
Sonntag, 25 Juli </strong>

Liebes Tagebuch,
wir haben einen wunderschönen, warmen Sonntagabend. Leider muss ich dir mitteilen, dass heute das letzte Mal sein wird, an dem ich dir schreiben kann. Denn dann musst du dich einige Tage gedulden. Ich werde nämlich unterwegs sein, und kann dich auf diese Reise leider nicht mitnehmen. Nicht, dass ich dich noch liegen lasse oder verliere – du kennst meine Unbeholfenheit diesbezüglich ja. Ich habe ja bereits angekündigt, dass ich an der Abschlussfahrt unserer Klasse teilnehmen werde. Am Freitag hatten wir die letzte Besprechung mit Mr. Black, dem Lehrer, der uns begleiten wird. Ich sage dir, der Mann ist ziemlich euphorisch und man kann ihm die Vorfreude regelrecht ansehen. Wie so oft, bleibt er mit seiner Begeisterung weitestgehend allein. Es kommt sogar so weit, dass der Großteil der Klasse an dem Ausflug entweder nicht teilnehmen kann oder aber – was der Wahrheit wohl am nahsten liegt – gar nicht mitwill. Es sieht so aus, als würden wir eine kleine, gesellige Gruppe ergeben. Na gut, über das Wörtchen ‚gesellig‘ lässt sich streiten. Dennoch betrachte ich persönlich diesen Trip als eine willkommene Abwechslung. Es ist weitaus besser, als nur in der Schule oder zu Hause herumzusitzen. Immerhin ist es das Ende unserer Schulzeit und von nun an beginnt ein neuer Lebensabschnitt. Dieser Zeitpunkt bedeutet einen Einschnitt in mein bisheriges Leben, das ja im Großen und Ganzen nicht anders als bei den anderen abgelaufen ist. Vielleicht nur mit ein paar mehr Schwierigkeiten als bei ihnen. So, um wieder zum Wörtchen ‚gesellig‘ zurückzukommen: Leider muss ich gestehen, dass sich meine Begeisterung in Grenzen hält, wenn ich daran denke, welche Personen mit von der Partie sein werden. Aus der Schar von Schülern, die in meiner Klasse sind, mussten doch ausgerechnet die drei größten Zicken einwilligen, mitzufahren. Haben die nicht immer wichtigere Dinge zu tun, als einer so bescheidenen Wanderung beizutreten? Ganz abgesehen von meiner Schwester Ann, die sich im Grunde keinen Deut von denen unterscheidet. Trotz allem Übel habe ich dennoch einen kleinen Trost: meine beste Freundin Jun wird mir natürlich zur Seite stehen. Und nicht zu vergessen ihr nerviger und trotzdem eigentlich ganz lieber Bruder Jin. Ich sage dir, mit dem wird es nie langweilig. Im Übrigen fahren dann nur noch einige Jungs mit, die wahrscheinlich die Möglichkeit nutzen wollen, um einen drauf zu machen. Selbst der großartige Schulsprecher Riley Finn begleitet uns. Einer von der ganz feinen Sorte, doch ich halte nichts von ihm!

Unsere Fahrt soll in einen Wald in der Nähe von Kansas City gehen. Eine gute Strecke von der Stadt entfernt. Aber mir soll es recht sein. Je weiter, desto besser. Kann gut sein, dass ich so irgendwie einen klaren Kopf von all dem Prüfungsstress bekomme. Unser Lehrer, Mr. Black, hat alles bereits bis ins kleinste Detail geplant und uns versichert, dass es ganz toll wird, aber ich mache mir nicht allzu viele Hoffnungen.

Nina


<strong>1. Kapitel
26 Juli, 99/ Wald – irgendwo im Staate Kansas</strong>

„Leute, jetzt beeilt euch!“, rief Mr. Black in seiner Baritonstimme und sah über seine Schulter hinweg auf die langen Gesichter der Schüler. Eins musste man sagen: Begeisterung sah anders aus.
„Können wir nicht mal eine Pause machen?“, fragte Tina Sullivan erschöpft.
Mit einem katzenhaften Laut fuhr sie sich durch ihr kurzes, blondes und mittlerweile zerzaustes Haar, sodass ihr schrecklich eleganter Bob aussah, als hätte sie versehentlich in die Steckdose gelangt. Ebenso wie der Rest der anwesenden jungen Leute war sie es nicht gewohnt, ihre zarten Füße einer solchen Anstrengung auszusetzen und stundenlang auf unebenem, dreckigem Waldboden zu wandern. Ihre Freundinnen Helena, Ann und Chrystle schlossen sich dieser Bitte unverwandt an und benutzten sich gegenseitig als Stütze.
Gemächlich drehte sich der Lehrer nun zu seinen Schützlingen um und ließ seinen Blick von einem Gesicht zum anderen wandern. Obwohl von den anderen keine Klagen kamen, wirkten alle noch ein wenig müde und schläfrig. Da sollte man doch meinen, dass die Jugend von heute ein wenig mehr Lebensgeist und Energie besitzen müsste.
Mit einem schweren Seufzer entgegnete er: „Wir haben doch vor Kurzem schon eine Pause gemacht. Außerdem kommen wir so nie …“
Bevor er den Satz vollenden konnte, ertönte ein verzweifeltes „Bitte“, dem er schließlich nachgab. Nach einem kurzen Blick auf seine Uhr setzte er ein kurzes Lächeln auf seine spröden Lippen.
„Also gut. Das ist aber wirklich der letzte Halt für heute.“
Trotz der Verzögerungen würden sie schon noch rechtzeitig an dem von ihm vorgesehenen Platz ankommen. Voller Erleichterung lehnte Tina sich mit dem Rücken an einen runzligen Baumstamm und holte tief Luft. Ihre Leidensgefährtinnen taten es ihr gleich und versammelten sich um sie herum.
„Dass die sich immer so anstellen müssen“, sagte Jun trocken. „Ich weiß überhaupt nicht, wieso die Schachteln zu diesem Ausflug mitgekommen sind. Hätten doch genauso wie die anderen zu Hause bleiben können.“ Dabei schüttelte sie verständnislos den Kopf.
Nina, die sich bei ihrer asiatischen Freundin eingehakt hatte, konnte sich ihr nur anschließen und nickte daher. Im Gegensatz zu Jun hatte sie aber schon so ihre Vermutung, weswegen die vier verwöhnten Primadonnen sich haben dazu hinreißen lassen, einige Tage in der Natur zu verbringen. Sie warf einen kurzen Blick auf die Jungs, die sich weiter abseits postiert hatten. Wahrscheinlich hegten die Mädchen die Hoffnung, einige der männlichen Teilnehmer um ihre schlanken Finger wickeln zu können. Bei dem Gedanken stieß Nina ein verächtliches Zischen aus. Wie weit kann eine Diva gehen, ihr Herzblatt für sich zu gewinnen? Das war wirklich niveaulos.
Jin Toshiba, der quirlige kleine Asiate mit dem pechschwarzen, etwas längeren Haar, gesellte sich unterdessen zu den beiden Freundinnen. Obwohl er Juns etwas andersartiger Zwilling war, ließ er gerne den großen Bruder heraushängen, denn immerhin – wie er immer hieb- und stichfest behauptete – trennten ganze zehn Stunden die beiden bei der Geburt. Und er war selbstverständlich der Erste an der Ziellinie.

Aufmerksam und ausnahmsweise mal kommentarlos stellte er sich zu den beiden Mädchen und lauschte ihrem Gespräch. Innerhalb weniger Sekunden musste er aber feststellen, dass es sich nur um das langweilige Gerede einer dieser Telenovelas handelte, die sie seit einiger Zeit wie Liebeskranke auf irgendeinem lateinamerikanischen Sender verfolgten. Enrique Ramos, der Protagonist der Serie, verdrehte den Frauen reihenweise die Köpfe und entsprach haargenau dem Klischee eines Latin Lovers, wie Jin ihn sich vorstellte. Es kam ihm vor, als kenne er diese kitschige Schnulze in und auswendig, da er sehr viel Zeit – möglicherweise sogar zu viel Zeit – mit den zwei Verrückten verbrachte und diese neuerdings von nichts anderem mehr sprachen. Wenigstens diese paar Tage hätten sie sich, und vor allem ihm, eine Auszeit gönnen können, dachte er und verdrehte die Augen. Zu seiner Erleichterung gelang es ihm, einfach abzuschalten und stattdessen in seine eigene Fantasiewelt einzutauchen. Eine Welt, die ihn, wie sonst immer während des langweiligen Unterrichts in der Schule, mit kämpfenden, asiatischen Kriegern in schwarzen Gewändern und den herrlichen Kulissen des alten Japan in Atem hielt.
Doch schon im nächsten Augenblick ließ ihn ein pochender Schmerz am Kopf heulend aufschreien. Die schmerzende Stelle mitten auf dem Kopf reibend, funkelte er seine Schwester vernichtend an.
„Hast du sie noch alle? Das tut vielleicht weh!“, bellte er sie an.
Mit seinem Gebrüll erregte er die Aufmerksamkeit der anderen, deren Blicke allerdings nur flüchtig in seine Richtung schweiften, bevor sie sich kopfschüttelnd wieder von ihm abwandten.
„Hör auf zu jammern!“, erwiderte Jun spitz und schob trotzig das Kinn vor. „Keiner hat dich gebeten, deine Nase in Angelegenheiten zu stecken, die dich nichts angehen!“
Unwillkürlich verzog er das Gesicht und stemmte die Hände in die Seiten. „Du bist meine Schwester und ich habe sehr wohl ein Recht dazu“, maulte er zurück.
Nina verfolgte die Diskussion aus großen Augen, machte dabei vorsichtshalber einen Schritt aus dem wortreichen Schlachtfeld. Es verging kein Tag, an dem die beiden sich nicht in die Haare kriegten, überlegte sie leicht amüsiert. Und dennoch waren sie ein Herz und eine Seele, auch wenn es keiner der beiden zugeben würde.
„Es sind private Dinge, die nur die Frauenwelt etwas angehen“, zischte Jun und stierte ihren Bruder nun aus schmalen Schlitzen an, sodass ihre Augen nun kaum noch zu erkennen waren.
Daraufhin meinte er nur noch schmollend: „Dein spanischer Speedy Gonzales interessiert mich eh nicht die Bohne.“
„Enrique kommt aus Mexiko!“, riefen die Freundinnen nun wie aus der Pistole geschossen.
„Kann mir doch egal sein. Einer sieht eh aus wie der andere“, meinte er schließlich mit einer wegwerfenden Bewegung seiner Hand.
Du als Asiate musst grad reden, wollte Nina am liebsten herausplatzen, doch sie hielt ihre Zunge klugerweise ihm Zaun, um ihre Freundin nicht unnötig schlecht zu machen. Allerdings sollte sich ihre äußerst solidarisch gemeinte Zurückhaltung als unnötig erweisen, wie sie bald einsehen musste.
„Wer sieht aus wie der andere?“, ertönte es hinter Jin.
Sein bester Freund Luke, der ihn einige Zentimeter an Körpergröße übertraf, erschien neben ihm und machte das flotte Komikerduo komplett. Ganz der Kamerad, wie er war, legte er seinem kleineren Freund auch schon den Arm um die Schulter und wechselte einen neugierigen Blick zwischen den beiden Geschwistern. Diese Geste allein reichte schon aus, um Jins Stimmung zu heben. Prompt bester Laune setzte er eine alberne Miene auf und verschränkte die Arme vor der schmächtigen Brust.
„Es geht wieder um ihren Bohnenfresser“, gluckste er und warf seinem Freund einen verschwörerischen Blick zu.
„Ach so, ich dachte, du redest über die Schlitzaugen“, sagte Luke grinsend. Damit handelte er sich allerdings einen leichten Seitenhieb ein und rückte sichtlich vergnügt ein Stück von seinem Nachbarn ab. „Die sehen doch alle gleich aus. Ich weiß gar nicht, wie ihr euch voneinander unterscheiden könnt.“
„So schön wie ich, ist eben keiner“, entgegnete Jin mit gespielter Eitelkeit, spitzte die Lippen und klopfte sich stolz auf die vorgestreckte Brust. Einen Herzschlag später musste er über sich selbst lachen. Sein wieherndes Lachen war so komisch, dass es nun auch die übrigen drei Freunde ansteckte. Jegliche Verstimmtheit war wie weggeblasen.

Riley Finn warf einen flüchtigen Blick auf die lachende Gruppe. Luke und Jin, die zwei Stimmungskanonen, mussten gerade wohl ihre neuesten Witze zum Besten geben, wenn die sich schon so prächtig amüsierten. Er schüttelte lediglich den Kopf und wandte sich an seinen eher wortkargen Freund, Chris Redcliff. Die paar Minuten Verschnaufpause verbrachten sie sitzend auf einem von Gras überwucherten Fleckchen in einer Ecke, umgeben von dichtem Gestrüpp. Kaum zu glauben, dass Chris mit Luke unter einem Dach leben kann, ohne den Witzbold an seiner losen Zunge aufzuhängen, überlegte er still vor sich hin lächelnd. So verbrachte jeder die kurze Pause bei seinen Freunden und es schien niemanden zu interessieren, wann sie wieder aufbrechen würden. Der Lehrer machte den Eindruck, als würde ihm der Zwischenstopp durchaus nichts ausmachen – scheinbar lagen sie noch in seinem Zeitplan. Trällernd stattete er jedem der kleinen Grüppchen von Jugendlichen eine kurze Visite ab und bemühte sich um einige Witze, über die er meistens selbst am lautesten lachte. Und so verging weit mehr als nur eine kurze Weile …
Der angenehme Nachmittag verstrich wie im Flug und es wurde langsam dunkel. Durch die hohen und dicht beieinanderstehenden Bäume konnte man nicht viel von der untergehenden Sonne sehen, dabei war sie an diesen erholsamen und warmen Julitagen am schönsten.
Da es eine günstige Gelegenheit war, die sie unter keinen Umständen verpassen wollte, entschied Nina sich, den wunderschönen Sonnenuntergang irgendwo an einem stillen Ort zu betrachten. Möglichst unauffällig entfernte sie sich von der Gruppe und verschwand zwischen den Bäumen. Die anderen waren viel zu beschäftigt mit sich selbst, um ihre Abwesenheit zu bemerken. Selbst ihrer Freundin Jun war es nicht aufgefallen, da sie sich auf eine erhitzte Debatte mit Mr. Black eingelassen hatte, in der sie die Politik von Amerika heftig kritisierte. Nur einer sah der Ausreißerin nach. Riley Finn wollte gerade aufstehen und die Verfolgung aufnehmen, als Chris ihn jedoch am Arm festhielt und an seinem Vorhaben hinderte.
„Hey, wohin gehst du? Ich habe dir gerade eine Frage gestellt.“
Zögerlich wandte Riley sich wieder seinem Freund zu.
„Was wolltest du wissen?“, fragte er ihn ziemlich unbeteiligt.
„Habt ihr dieses Jahr wieder einen Urlaub geplant?“
„Wahrscheinlich nicht. Ich glaube, der letzte hat mir für den Rest meines Lebens gereicht. Außerdem muss ich noch einige Vorbereitungen für Princeton treffen. Was ist mit dir?“
„Hm … mein Vater brennt darauf, mit seiner kleinen Familie in die Karibik zu segeln. Aber ich sage dir, diesmal ohne mich. Auf noch so eine Aktion, bei der wir eine auf heile Familie machen müssen, kann ich getrost verzichten. Luke freut sich allerdings, wie ein Kind über Süßigkeiten, und ob diese Bescherung von seinem leiblichen Vater oder lediglich vom Stiefvater kommt, ist ihm einerlei“, seufzte Chris und richtete den Blick auf seinen Stiefbruder, der gerade mit Jin herumalberte und wie ein kleiner, frecher Junge über etwas kicherte. Irgendetwas vor sich hin murmelnd, schüttelte er nur den Kopf und wandte seine Aufmerksamkeit wieder Riley zu.


<strong>2. Kapitel</strong>

Der herrliche Platz lag auf einer Anhöhe und nur wenige Minuten von ihrem derzeitigen Standort entfernt. Daher fiel es Nina nicht schwer, das hübsche Fleckchen rechtzeitig zu erreichen, um wenigstens einen Blick auf das farbenprächtige Naturspektakel zu erhaschen und sich dann schleunigst wieder auf den Rückweg zu machen. Und tatsächlich. Da stand sie nun, vor dem schönsten Sonnenuntergang, den sie jemals in ihrem Leben gesehen hatte. Und diese Bezeichnung war garantiert nicht weit hergeholt.
Für den Hauch einer Sekunde wischte der Anblick jegliche Bedenken von ihr. Sie vergaß, dass sie ganz alleine war. Und sie vergaß, dass ihr schon einige unheimliche Gerüchte über diesen Wald zu Ohren gekommen waren. Doch wer glaubte schon an Gerüchte? Meistens war sowieso nichts dran. Andererseits, sinnierte sie und rieb sich eher geistesabwesend die Ellbogen, sollte man sich vielleicht trotzdem vorsehen.
Es lag schon eine längere Weile zurück, rief sie sich in Erinnerung, als ein Wanderer berichtet hatte, er habe eine beängstigende Gestalt zwischen den Wäldern gesichtet. Seiner Schilderung zufolge erreichte sie die stattliche Größe von einem Meter neunzig, hielt ein scharfes Messer in der Hand und wäre vollkommen blutverschmiert gewesen. Der Mann hatte so eine fürchterliche Angst gehabt, dass er meinte, nur ein Gebet könnte ihn vor dem schlimmsten bewahren. Und so war es auch, mehr oder weniger. Denn letzten Endes stellte sich heraus, dass der vermeintliche Killer nur ein alter Mann war, der mit seiner Familie einen Ausflug gemacht hatte. Allerdings kam er dabei – senil, wie er war, meinten seine Vertrauten im Nachhinein scherzhaft – vom Weg ab, rutschte unglücklich aus und fiel einen steilen Abhang herunter. Und das angeblich scharfe Messer entpuppte sich als stumpf, der ältere Mann wollte damit lediglich Blaubeeren sammeln. So lautete jedenfalls seine Erklärung. Das scheinbar folgenlose Unglück bedeutete jedoch den Tod des Mannes, der später inneren Verletzungen erlag. Doch das war eine von vielen Storys – und die war noch harmlos.
Bei dem Gedanken daran jagte ein kalter Schauer durch Ninas sonst immer so warmen Körper und sie verspürte ein mulmiges Gefühl in der Magengegend. Sich eines Besseren besinnend, fasste sie sich wieder und überlegte positiv gestimmt, dass es sich trotzallem gelohnt hatte, sich an diesen stillen Ort zu begeben. Es kam schließlich nicht alle Tage vor, dass sie in den Genuss eines so schönen Naturspektakels kam.

So wunderbar es im Endeffekt auch war, sollte die entspannende Ruhe nur von kurzer Dauer sein. Denn Rascheln und Knistern ließen Nina aufhorchen. Es klang, als würden schwere Schritte über das Gras hinwegfegen. Und die Geräusche schienen sich stetig zu nähern, und wurden immer lauter. Und lauter. Nina sah zuerst verschreckt in die Richtung, aus der der Lärm kam. Als er jedoch noch lauter wurde, da kniff sie ängstlich die Augen zusammen und zog den Kopf ein. Und dann … verstummte jegliches Geräusch. Was bedeuten musste, dass derjenige, der für diesen Krach zuständig war, sie erreicht haben musste. Ihrer Kehle entfuhr ein schriller Schrei. Jeder einzelne Muskel verkrampfte sich in ihr und sie presste ihre Arme an die Seiten.
„Alles in Ordnung?“, fragte eine ruhige, männliche Stimme. Eine tolle Stimme, wohlgemerkt. Tiefe Erleichterung überkam sie, die Angst verkroch sich im letzten Winkel ihres Hirns und ihr Körper entspannte sich.
„Nina, geht es dir gut?“, fragte Riley Finn.
Sie gab es zwar nur ungern zu, aber er war der Einzige, der eine so klare Stimme besaß. Sie klang wahrlich wie eine wunderschöne Melodie in den Ohren eines jeden. Kein Wunder, dass er nicht anders konnte, als das Amt des Schulsprechers zu bekleiden. Er musste nur die Stimme erheben und alle – Schüler sowie Lehrer – fraßen ihm aus der Hand. Und zum ersten Mal berührte er auch sie irgendwo in ihrem Inneren. Wo genau, das wusste sie nicht recht zu bestimmen. Innerlich gelöst entkrampfte sie ihre Arme, ihre Hände und jeden einzelnen ihrer Finger, und atmete entspannt aus. Nun würde alles gut werden. Dieser Ort war frei von jeglicher Gefahr.
Ein Lächeln der Zufriedenheit erschien in ihrem Gesicht. Von einer Sekunde zur nächsten rollte eine Gefühlswelle von unangenehmer, innerlicher Steifheit bis hin zu einer plötzlichen Ruhe über sie hinweg. Einer Ruhe, in die sich in dem Moment, als sich seine Hände um ihre nackten Arme schlossen, eine sonderbare Erregung mischte. Was hatte er bloß für zauberhafte Hände, schwärmte sie mit einem Mal, ohne sich darüber im Klaren zu sein. So warm und sanft, und gleichsam so stark. Nun fühlte sie sich vollends ausgeglichen und öffnete einen Spalt weit die Augen, nur um gleich darauf zusammenzuzucken. Eine Reaktion, die keineswegs aus Furcht, sondern vielmehr aus Überraschung herrührte. Überraschung darüber, wie gut er aus der Nähe aussah und wie nah er ihrem Körper war. Sie schluckte schwer. Es waren nur wenige Zentimeter, die sie voneinander trennten. Sie konnte seinen Atem spüren, seinen erstaunlich tollen Duft einatmen, der ihre Sinne zu betäuben schien. Gebannt starrte sie in sein feingeschnittenes Gesicht. Seine klaren, blauen Augen sahen sie mit einer solchen Sorge an, dass ihr ganz komisch zumute wurde.
Zum dritten Mal fragte er nun: „Geht es dir gut?“
„Mi…mir geht es gut, danke“, stotterte sie verlegen und versuchte, seinem Blick auszuweichen, da sie sonst womöglich schrecklich rot anlaufen würde. Und das würde auf ihrer hellen Haut hervorragend zur Geltung kommen!
„Wieso hast du dich denn so erschreckt, als ich kam?“, fragte er mit einem dermaßen sanften Lächeln, dass ihr die Knie weich wurden.
„Äh, na ja, ich dachte, es wäre jemand anderes“, erklärte sie steif und fixierte die Spitze seiner Schuhe, um ihn nicht anschauen zu müssen. Er ließ nun langsam von ihr ab.
„Was hast du? Du wirkst nervös.“ Sie spürte seinen bohrenden Blick auf sich.
Sie zuckte zusammen, sah kurz zu ihm hoch und senkte etwas beschämt den Kopf.
„I…ich bin nicht nervös“, erwiderte sie schließlich kleinlaut.
Doch er lächelte nur und ließ sie los. Dann lenkte er seine Aufmerksamkeit auf die untergehende Sonne, die die gesamte Gegend in einem rötlichen Farbton schimmern ließ. Verwunderung machte sich in ihr breit, als sie feststellte, dass sich ein Mensch wie er für so eine Kleinigkeit wie einen bedeutungslosen Sonnenuntergang interessierte. Schweigen trat ein. Da sie die Stille nicht ertrug, suchte sie nach passenden Worten, um eine Unterhaltung voranzutreiben, geschweige denn zu beginnen.

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