Der Schattenengel von Köln

Der Schattenengel von Köln

Sylvia Becker-Mauer


EUR 15,90
EUR 9,99

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 194
ISBN: 978-3-99038-334-6
Erscheinungsdatum: 27.03.2014

Leseprobe:

Charly freute sich endlich wieder nach Köln zu kommen. Lange war er nicht mehr hier gewesen. Nach der Fremdenlegion hatte es ihn nach Hamburg verschlagen. Ohne Wasser in der Nähe konnte er nicht leben. Der Geruch von Wasser gab ihm das Gefühl der Freiheit und der Weite. Vor der Fremdenlegion hatte er fünf Jahre in Köln im Knast gesessen. Seitdem ergriff ihn Panik in geschlossenen Räumen. Am liebsten lebte er nur noch auf der Straße, egal bei welchem Wetter.
Eines Tages hatte ihn eine Nachricht aus Köln erreicht. Im Knast hatte er ja tagtäglich Kontakt zu Ganoven aus der Stadt gehabt. Außerdem hatte er vor Jahren schon einmal einen Auftrag erfolgreich erledigt. Seine Professionalität war in der Kölner Unterwelt bekannt. Charly war schon klar, dass eine Verbindung zwischen Köln und Hamburg bestand.
Letzten Sonntagmorgen dann hatte ein Kölner ihn am Hamburger Fischmarkt angesprochen. Charly liebte den Fischmarkt mit seinem Spektakel, den Marktschreiern, die sich die Seele aus dem Leib schrien, um ihre Ware an den Mann zu bringen. Er frühstückte dort jeden Sonntag nach einer durchsumpften Nacht auf der Reeperbahn. Irgendwie hatten die Kölner ihn ausfindig gemacht und der Kontaktmann kam extra nach Hamburg gereist, um ihm die Nachricht persönlich zu überbringen. Klar, am Telefon war das Risiko des Abhörens zu riskant.
Der Mittelsmann teilte Charly die Chance auf einen Großauftrag mit! Zehn Ganoven, Altlasten aus der Vergangenheit, die den Führungsköpfen der Kölner Unterwelt noch im Magen lagen, standen auf der Todesliste. Jetzt, Ende der 80er-Jahre, waren die Milieu-Könige nicht mehr Könige, sondern hatten sich schon länger zur Ruhe gesetzt. Doch wollten sie die restlichen Zeugen aus ihrer Vergangenheit aus dem Weg geräumt wissen.
Die einzige Information, die er bei der kurzen Kontaktaufnahme bekommen hatte, war, dass einige Männer auf der Liste sich vor Jahren nach Gran Canaria abgesetzt hatten. Die restlichen Ganoven wohnten wohl noch in Köln. Die Erfolgsprämie sollte pro eliminierter Person 100.000,- DM betragen. Wenn er alle zehn erledigt hatte, konnte er sich mit einer Million DM irgendwo auf einer fernen Insel zur Ruhe setzen. Das war schon immer sein Traum.
Charly reizte der Auftrag. Das waren nicht seine ersten Morde. Töten hatte er in der Fremdenlegion gelernt. Es machte ihm nichts mehr aus, jemandem die Pistole an den Kopf zu halten und abzudrücken. Charly spürte nichts mehr, wenn er schoss. Jeder Einzelne der Namen auf der besagten Liste, die er gleich beim Lommi in Köln Deutz erhalten würde, waren selbst Verbrecher, absoluter Abschaum. Alle zehn hatten den Tod verdient, und bis jetzt einfach nur Glück gehabt, dass sie noch am Leben waren.
Der Kontaktmann hatte ihm den Treffpunkt, diesen Samstag 20.00 Uhr, Gaststätte Lommi, Siegesstraße 18 in Köln Deutz, genannt. Keinesfalls sollte er in der Friesenstraße auftauchen, um später nicht in irgendeiner Weise mit der Kölner Unterwelt in Verbindung gebracht zu werden.
Beim Lommerzheim war er seit Jahren nicht mehr gewesen. Die Kneipe war eine Institution in Köln und legendär für die fetten Koteletts, die Lommi und seine Frau in einer riesigen Eisenpfanne brutzelten.
Charly freute sich auf ein dickes leckeres Kotelett. Doch so weit war es noch nicht. Gegen 18.00 Uhr, viel zu früh, erreichte er Köln. „Na, dann steige ich am Hauptbahnhof aus und begrüße zuerst einmal den Dom.“ Klar, ein Besuch in Köln, ohne den Dom betreten zu haben, ging gar nicht.
Als der Zug über die Brücke fuhr und er den ersten Blick auf den Dom werfen konnte, lächelte Charly. Es war ein wunderschöner Anblick. Der morgendliche Regen glitzerte in der Sonne und ließ den Dom glänzen.
Im Kölner Hauptbahnhof angekommen schlenderte Charly vom Bahngleis aus durch die Bahnhofshalle. Viele Gerüche begleiteten ihn. Da konnte man echt Hunger kriegen. Doch er musste jetzt durchhalten bis abends. Sonst würde er das Riesenkotelett bei Lommi nicht schaffen. Er beschleunigte seinen Schritt und trat raus auf den Vorplatz. Links führte die Treppe hoch zum Kölner Dom, ein wunderschöner Anblick.
Als er eintrat, sprang ihm eine angenehme Kühle entgegen. Charly atmete tief durch, der Geruch von Weihrauch kitzelte ihn in der Nase. Ein Schauer lief ihm über den Rücken. Er glaubte an nichts, aber die friedvolle Atmosphäre genoss er. Charly setzte sich hinten im Seitenschiff in die Ecke und hing seinen Gedanken nach. Entspannung breitete sich in ihm aus. Eine Million als Startkapital für die Zukunft, das waren schon tolle Aussichten. Kurz bevor er sich auf den Weg zu seiner Verabredung machte, stellte er noch eine Kerze auf. Was sein musste, musste sein. Das machte doch jeder hier, egal wen man auch fragte.
Gegen 19.00 Uhr erreichte Charly das Lokal Lommerzheim in der Siegesstr. 18 in Köln Deutz. Der Eingang war nicht zu übersehen. Rechts und links von der Eingangstür große vergilbte Butzenscheiben in alten mit Rissen übersäten Holzrahmen in einem über viele Jahre verwahrlosten Haus. Draußen vor der Tür standen Schlangen von Menschen, die entweder auch noch hineinwollten oder ihr Bier vor der Tür tranken. Charly schlängelte sich dreist durch die Menge.
Als Charly die Türe öffnete, schlugen ihm dicke Rauchschwaden, der Geruch von Zigaretten und gebratenem Fleisch entgegen. In der Kneipe sah es aus wie vor 30 Jahren. Die Zeit war hier stehen geblieben. Decke und Wände waren vom Nikotin mit den Jahren dunkelbraun gefärbt. Bedrohliche Luftblasen hatten sich unter der Tapete gebildet und es hatte den Anschein, dass diese jeden Moment auf den Koteletts landen könnten. Das Einzige, was diese wohl noch festhielt, war Nikotin und Fette, die aus der Küche rüberzogen. Alte Köln-Bilder, Hirschgeweihe, das Straßenschild Siegesstr. sowie ein uraltes Foto von Lommi selbst hingen an den Wänden. Ein großes Sammelsurium aus vergangenen Jahren.
Auf einer großen Tafel hatte Lommi mit Kreide die wenigen Gerichte geschrieben, die er anbot. Fette Koteletts mit oder ohne selbst gemachtem Kartoffelsalat, Gewürzgurken, Halven Hahn, und das war es dann auch schon. Die meisten Gäste aßen sowieso immer nur Lommis legendäres Kotelett.
Charly schaute sich nach einem Platz um. Die Kneipe war wie immer voll und es war absolute Glücksache, einen Sitzplatz zu finden. Rechts die Theke war voll besetzt. Lautes Geschwafel war zu hören. Auf der linken Seite saßen Leute an alten wackeligen Tischen und auf ausrangierten gestapelten Telefonbüchern. Früher ging mal das Gerücht um, dass man in Köln-Deutz kein altes Telefonbuch wegwerfen durfte, denn es war ein ungeschriebenes Gesetz, das beim Lommi abzugeben.
Charly bahnte sich den Weg durch die voll besetzten Tische hin zur Wand und setzte sich auf einen Stapel Telefonbücher. Ach, es sah schlimmer aus, als es war, er konnte verhältnismäßig gut sitzen.
Bevor er den Kontaktmann traf, wollte er auf jeden Fall ein Kotelett essen. Es war nicht gut, nach Übergabe der Infos und der Anzahlung sich noch länger als nötig in dem Lokal aufzuhalten. Lommi schlurfte mit einem Kranz Kölsch durch die Gegend, dann sah er Charly und rief: „Kriegste ooch e Bier, Jung!“
Charly nickte, das war keine Frage, sondern eine Feststellung von Lommi. Er wollte nicht widersprechen, um nicht aufzufallen. Es sollte sich später keiner an ihn erinnern.
„Bitte auch ein leckeres Kotelett.“
„Ooch dat noch. Nä, dat jeht noh nit! Die sinn noch in der Pann. Musst do noh jet waade.“ Dann war Lommi schon am nächsten Tisch und verteilte das Kölsch. Seine etwas wortkarge und grantige Art war genauso legendär wie seine Koteletts. Egal ob Arbeiter oder Chef, Lommi behandelte alle gleich und kein Gast widersprach ihm. Etwas anderes zu trinken als Kölsch war schon fast verpönt, ansonsten kam dann eine blöde Bemerkung.
Charly beobachtete die Leute, die in Zweierreihen an der Theke standen. Über der Theke hing ein 6-flammiger schwerer Leuchter aus altem massivem Holz an starken schmiedeeisernen Ketten. Ein 8-flammiger schwerer runder Leuchter hing mitten in der Kneipe. Wie alt die Dinger wohl waren?
Lommi kam schon wieder mit einem Kranz Kölsch vorbei, nahm wortlos das leere Glas aus Charlys Hand und drückte ihm ein frisches Kölsch in die Hand.
„Jung, ding Kotelett kütt jlich.“
Keine zehn Minuten später brachte Lommi ihm das Riesenkotelett: „Loss ed dir schmecke.“
Charly fiel über das Kotelett her. Morgens ein Brötchen in Hamburg und jetzt ein Kölsch nach dem anderen, der Alkohol war zu spüren. Als er gerade den letzten Bissen im Mund hatte, ging die Tür auf und der dicke Pitter, den er schon in Hamburg getroffen hatte, kam rein. Suchend ging sein Blick durch die Menge. Charly wollte sich erst bemerkbar machen, unterließ es dann aber. Es sollte alles so unauffällig wie möglich ablaufen, keiner sollte sich jemals daran erinnern, dass sie dort waren.
Der dicke Pitter hatte ihn gesehen, nickte und gab unauffällig Zeichen, ihm zu folgen. Links neben der Küche war eine schwere Holztür, die zum Hof führte. Nach der alten verblassten Beschilderung mussten dort die Toiletten sein.
Charly stand auf und folgte ihm. Im Vorbeigehen stopfte er Lommi 20 Mark in die Hemdtasche. Lommi nickte nur und war schon bei den nächsten Gästen.
Der dicke Pitter stand im Hinterhof und wartete ungeduldig.
„Mach vöran, isch muss wigger!“
Charly schaute sich um und grinste. Es gab nur eine Toilette für Männlein und Weiblein, und das in einem alten verkommenen Hinterhof. Hier war er noch nie gewesen. Na toll, so etwas war auch nur beim Lommi, der unter Denkmalschutz stand, möglich.
Der dicke Pitter war kurz angebunden. Aus seiner Lederjacke holte er einen dicken Umschlag und gab ihn Charly.
„Steht all op dä Liss em Umschlag. Dann ne fette Anzahlung, 50.000,- DM. Wirste wohl bruche, wäje dä Koste för Flüge un so. Do sollst erst de Opträge op Gran Canaria erledige. Dann kannse erst en Kölle anfange, dat dat klor ess.“
Charly war es egal, wo, wann und wen er zuerst erledigen sollte. Hauptsache er konnte jetzt loslegen. Die letzte Zeit hatte er etwas Langeweile gehabt und freute sich auf neue spannende Aufgaben.
Charly nickte: „O. k., geht in Ordnung, kein Problem für mich.“
„Mer nehme erst widder Kontakt op, wenn ding letzter Optrag erledigt ess, ess dat klor?“
Der dicke Pitter nickte ihm zu und verschwand so schnell, wie er gekommen war.
Charly verstaute den Umschlag in seiner Jacke. Dann ging er zurück durch die Kneipe zum Ausgang. Keiner beachtete ihn, das war gut so. Als er vorne rauskam, war der dicke Pitter verschwunden. Charly machte sich auf den Weg zur nächsten Bahnhaltestelle an der Deutzer Freiheit. Er würde direkt in Richtung Flughafen fahren und den nächsten Flieger nach Gran Canaria nehmen.
Sein Auftrag hatte begonnen.

Charly freute sich endlich wieder nach Köln zu kommen. Lange war er nicht mehr hier gewesen. Nach der Fremdenlegion hatte es ihn nach Hamburg verschlagen. Ohne Wasser in der Nähe konnte er nicht leben. Der Geruch von Wasser gab ihm das Gefühl der Freiheit und der Weite. Vor der Fremdenlegion hatte er fünf Jahre in Köln im Knast gesessen. Seitdem ergriff ihn Panik in geschlossenen Räumen. Am liebsten lebte er nur noch auf der Straße, egal bei welchem Wetter.
Eines Tages hatte ihn eine Nachricht aus Köln erreicht. Im Knast hatte er ja tagtäglich Kontakt zu Ganoven aus der Stadt gehabt. Außerdem hatte er vor Jahren schon einmal einen Auftrag erfolgreich erledigt. Seine Professionalität war in der Kölner Unterwelt bekannt. Charly war schon klar, dass eine Verbindung zwischen Köln und Hamburg bestand.
Letzten Sonntagmorgen dann hatte ein Kölner ihn am Hamburger Fischmarkt angesprochen. Charly liebte den Fischmarkt mit seinem Spektakel, den Marktschreiern, die sich die Seele aus dem Leib schrien, um ihre Ware an den Mann zu bringen. Er frühstückte dort jeden Sonntag nach einer durchsumpften Nacht auf der Reeperbahn. Irgendwie hatten die Kölner ihn ausfindig gemacht und der Kontaktmann kam extra nach Hamburg gereist, um ihm die Nachricht persönlich zu überbringen. Klar, am Telefon war das Risiko des Abhörens zu riskant.
Der Mittelsmann teilte Charly die Chance auf einen Großauftrag mit! Zehn Ganoven, Altlasten aus der Vergangenheit, die den Führungsköpfen der Kölner Unterwelt noch im Magen lagen, standen auf der Todesliste. Jetzt, Ende der 80er-Jahre, waren die Milieu-Könige nicht mehr Könige, sondern hatten sich schon länger zur Ruhe gesetzt. Doch wollten sie die restlichen Zeugen aus ihrer Vergangenheit aus dem Weg geräumt wissen.
Die einzige Information, die er bei der kurzen Kontaktaufnahme bekommen hatte, war, dass einige Männer auf der Liste sich vor Jahren nach Gran Canaria abgesetzt hatten. Die restlichen Ganoven wohnten wohl noch in Köln. Die Erfolgsprämie sollte pro eliminierter Person 100.000,- DM betragen. Wenn er alle zehn erledigt hatte, konnte er sich mit einer Million DM irgendwo auf einer fernen Insel zur Ruhe setzen. Das war schon immer sein Traum.
Charly reizte der Auftrag. Das waren nicht seine ersten Morde. Töten hatte er in der Fremdenlegion gelernt. Es machte ihm nichts mehr aus, jemandem die Pistole an den Kopf zu halten und abzudrücken. Charly spürte nichts mehr, wenn er schoss. Jeder Einzelne der Namen auf der besagten Liste, die er gleich beim Lommi in Köln Deutz erhalten würde, waren selbst Verbrecher, absoluter Abschaum. Alle zehn hatten den Tod verdient, und bis jetzt einfach nur Glück gehabt, dass sie noch am Leben waren.
Der Kontaktmann hatte ihm den Treffpunkt, diesen Samstag 20.00 Uhr, Gaststätte Lommi, Siegesstraße 18 in Köln Deutz, genannt. Keinesfalls sollte er in der Friesenstraße auftauchen, um später nicht in irgendeiner Weise mit der Kölner Unterwelt in Verbindung gebracht zu werden.
Beim Lommerzheim war er seit Jahren nicht mehr gewesen. Die Kneipe war eine Institution in Köln und legendär für die fetten Koteletts, die Lommi und seine Frau in einer riesigen Eisenpfanne brutzelten.
Charly freute sich auf ein dickes leckeres Kotelett. Doch so weit war es noch nicht. Gegen 18.00 Uhr, viel zu früh, erreichte er Köln. „Na, dann steige ich am Hauptbahnhof aus und begrüße zuerst einmal den Dom.“ Klar, ein Besuch in Köln, ohne den Dom betreten zu haben, ging gar nicht.
Als der Zug über die Brücke fuhr und er den ersten Blick auf den Dom werfen konnte, lächelte Charly. Es war ein wunderschöner Anblick. Der morgendliche Regen glitzerte in der Sonne und ließ den Dom glänzen.
Im Kölner Hauptbahnhof angekommen schlenderte Charly vom Bahngleis aus durch die Bahnhofshalle. Viele Gerüche begleiteten ihn. Da konnte man echt Hunger kriegen. Doch er musste jetzt durchhalten bis abends. Sonst würde er das Riesenkotelett bei Lommi nicht schaffen. Er beschleunigte seinen Schritt und trat raus auf den Vorplatz. Links führte die Treppe hoch zum Kölner Dom, ein wunderschöner Anblick.
Als er eintrat, sprang ihm eine angenehme Kühle entgegen. Charly atmete tief durch, der Geruch von Weihrauch kitzelte ihn in der Nase. Ein Schauer lief ihm über den Rücken. Er glaubte an nichts, aber die friedvolle Atmosphäre genoss er. Charly setzte sich hinten im Seitenschiff in die Ecke und hing seinen Gedanken nach. Entspannung breitete sich in ihm aus. Eine Million als Startkapital für die Zukunft, das waren schon tolle Aussichten. Kurz bevor er sich auf den Weg zu seiner Verabredung machte, stellte er noch eine Kerze auf. Was sein musste, musste sein. Das machte doch jeder hier, egal wen man auch fragte.
Gegen 19.00 Uhr erreichte Charly das Lokal Lommerzheim in der Siegesstr. 18 in Köln Deutz. Der Eingang war nicht zu übersehen. Rechts und links von der Eingangstür große vergilbte Butzenscheiben in alten mit Rissen übersäten Holzrahmen in einem über viele Jahre verwahrlosten Haus. Draußen vor der Tür standen Schlangen von Menschen, die entweder auch noch hineinwollten oder ihr Bier vor der Tür tranken. Charly schlängelte sich dreist durch die Menge.
Als Charly die Türe öffnete, schlugen ihm dicke Rauchschwaden, der Geruch von Zigaretten und gebratenem Fleisch entgegen. In der Kneipe sah es aus wie vor 30 Jahren. Die Zeit war hier stehen geblieben. Decke und Wände waren vom Nikotin mit den Jahren dunkelbraun gefärbt. Bedrohliche Luftblasen hatten sich unter der Tapete gebildet und es hatte den Anschein, dass diese jeden Moment auf den Koteletts landen könnten. Das Einzige, was diese wohl noch festhielt, war Nikotin und Fette, die aus der Küche rüberzogen. Alte Köln-Bilder, Hirschgeweihe, das Straßenschild Siegesstr. sowie ein uraltes Foto von Lommi selbst hingen an den Wänden. Ein großes Sammelsurium aus vergangenen Jahren.
Auf einer großen Tafel hatte Lommi mit Kreide die wenigen Gerichte geschrieben, die er anbot. Fette Koteletts mit oder ohne selbst gemachtem Kartoffelsalat, Gewürzgurken, Halven Hahn, und das war es dann auch schon. Die meisten Gäste aßen sowieso immer nur Lommis legendäres Kotelett.
Charly schaute sich nach einem Platz um. Die Kneipe war wie immer voll und es war absolute Glücksache, einen Sitzplatz zu finden. Rechts die Theke war voll besetzt. Lautes Geschwafel war zu hören. Auf der linken Seite saßen Leute an alten wackeligen Tischen und auf ausrangierten gestapelten Telefonbüchern. Früher ging mal das Gerücht um, dass man in Köln-Deutz kein altes Telefonbuch wegwerfen durfte, denn es war ein ungeschriebenes Gesetz, das beim Lommi abzugeben.
Charly bahnte sich den Weg durch die voll besetzten Tische hin zur Wand und setzte sich auf einen Stapel Telefonbücher. Ach, es sah schlimmer aus, als es war, er konnte verhältnismäßig gut sitzen.
Bevor er den Kontaktmann traf, wollte er auf jeden Fall ein Kotelett essen. Es war nicht gut, nach Übergabe der Infos und der Anzahlung sich noch länger als nötig in dem Lokal aufzuhalten. Lommi schlurfte mit einem Kranz Kölsch durch die Gegend, dann sah er Charly und rief: „Kriegste ooch e Bier, Jung!“
Charly nickte, das war keine Frage, sondern eine Feststellung von Lommi. Er wollte nicht widersprechen, um nicht aufzufallen. Es sollte sich später keiner an ihn erinnern.
„Bitte auch ein leckeres Kotelett.“
„Ooch dat noch. Nä, dat jeht noh nit! Die sinn noch in der Pann. Musst do noh jet waade.“ Dann war Lommi schon am nächsten Tisch und verteilte das Kölsch. Seine etwas wortkarge und grantige Art war genauso legendär wie seine Koteletts. Egal ob Arbeiter oder Chef, Lommi behandelte alle gleich und kein Gast widersprach ihm. Etwas anderes zu trinken als Kölsch war schon fast verpönt, ansonsten kam dann eine blöde Bemerkung.
Charly beobachtete die Leute, die in Zweierreihen an der Theke standen. Über der Theke hing ein 6-flammiger schwerer Leuchter aus altem massivem Holz an starken schmiedeeisernen Ketten. Ein 8-flammiger schwerer runder Leuchter hing mitten in der Kneipe. Wie alt die Dinger wohl waren?
Lommi kam schon wieder mit einem Kranz Kölsch vorbei, nahm wortlos das leere Glas aus Charlys Hand und drückte ihm ein frisches Kölsch in die Hand.
„Jung, ding Kotelett kütt jlich.“
Keine zehn Minuten später brachte Lommi ihm das Riesenkotelett: „Loss ed dir schmecke.“
Charly fiel über das Kotelett her. Morgens ein Brötchen in Hamburg und jetzt ein Kölsch nach dem anderen, der Alkohol war zu spüren. Als er gerade den letzten Bissen im Mund hatte, ging die Tür auf und der dicke Pitter, den er schon in Hamburg getroffen hatte, kam rein. Suchend ging sein Blick durch die Menge. Charly wollte sich erst bemerkbar machen, unterließ es dann aber. Es sollte alles so unauffällig wie möglich ablaufen, keiner sollte sich jemals daran erinnern, dass sie dort waren.
Der dicke Pitter hatte ihn gesehen, nickte und gab unauffällig Zeichen, ihm zu folgen. Links neben der Küche war eine schwere Holztür, die zum Hof führte. Nach der alten verblassten Beschilderung mussten dort die Toiletten sein.
Charly stand auf und folgte ihm. Im Vorbeigehen stopfte er Lommi 20 Mark in die Hemdtasche. Lommi nickte nur und war schon bei den nächsten Gästen.
Der dicke Pitter stand im Hinterhof und wartete ungeduldig.
„Mach vöran, isch muss wigger!“
Charly schaute sich um und grinste. Es gab nur eine Toilette für Männlein und Weiblein, und das in einem alten verkommenen Hinterhof. Hier war er noch nie gewesen. Na toll, so etwas war auch nur beim Lommi, der unter Denkmalschutz stand, möglich.
Der dicke Pitter war kurz angebunden. Aus seiner Lederjacke holte er einen dicken Umschlag und gab ihn Charly.
„Steht all op dä Liss em Umschlag. Dann ne fette Anzahlung, 50.000,- DM. Wirste wohl bruche, wäje dä Koste för Flüge un so. Do sollst erst de Opträge op Gran Canaria erledige. Dann kannse erst en Kölle anfange, dat dat klor ess.“
Charly war es egal, wo, wann und wen er zuerst erledigen sollte. Hauptsache er konnte jetzt loslegen. Die letzte Zeit hatte er etwas Langeweile gehabt und freute sich auf neue spannende Aufgaben.
Charly nickte: „O. k., geht in Ordnung, kein Problem für mich.“
„Mer nehme erst widder Kontakt op, wenn ding letzter Optrag erledigt ess, ess dat klor?“
Der dicke Pitter nickte ihm zu und verschwand so schnell, wie er gekommen war.
Charly verstaute den Umschlag in seiner Jacke. Dann ging er zurück durch die Kneipe zum Ausgang. Keiner beachtete ihn, das war gut so. Als er vorne rauskam, war der dicke Pitter verschwunden. Charly machte sich auf den Weg zur nächsten Bahnhaltestelle an der Deutzer Freiheit. Er würde direkt in Richtung Flughafen fahren und den nächsten Flieger nach Gran Canaria nehmen.
Sein Auftrag hatte begonnen.test

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