Der Reiz des Verbrechens

Der Reiz des Verbrechens

Joachim Göldner


EUR 15,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 168
ISBN: 978-3-948379-25-4
Erscheinungsdatum: 08.09.2020
Wolfgang lebt gerne in den Tag hinein - und stets über seine Verhältnisse. Schließlich steht er vor einem Schuldenberg. Doch statt zu arbeiten, denkt er über das perfekte Verbrechen nach. Als er unvermutet einen Komplizen findet, kann der erste Coup starten …
Prolog

Ein Krimi ohne Mord, Vergewaltigung und Blutvergießen. Die Geschichte eines Nichtstuers, der gern Geld ausgab, so viel Miese auf dem Konto hatte, dass ihm seine Frau die rote Karte zeigte. Drohte ihn zu verlassen, wenn er keine Lösung dafür fand, die Schulden zu begleichen. Der Beginn einer Verbrecherkarriere, die er damit startete, dass er als Justizangestellter von Gaunern und Dieben, die er hüten musste, lernen wollte. Eine Rechnung, die nicht aufging und er war durch die Umstände gezwungen, ohne das Wissen eines Bankräubers seinen ersten Coup zu landen. Mit einem Freund eine Bank genau um den Betrag zu erleichtern, die er einem anderen Geldinstitut schuldete. Eine Aktion mit Action. Aber auch mit dem Reiz, es zu wiederholen. Es dauerte gar nicht lange, bis aus einem ersten Mal ein zweites und ein drittes Mal wurde. Mit Situationen, die auch einen Trauerkloß zum Lächeln bringen wird. Wie ein Papagei mit seinem Vogelschiss den Tellerrand eines Gastes garniert oder Mama Gertrud einem Ober den Platz an ihrer Seite anbietet, bevor sie eine Bestellung aufgibt.
Ein Krimi zum Schmunzeln mit viel Spannung, ohne dass jemand ins Jenseits befördert werden muss.





Ein Sommer, wie er früher einmal war. Die Schulkinder bekamen hitzefrei und die Erwachsenen stöhnten bei mehr als 30 °C im Schatten. Wer konnte, flüchtete ins Strandbad oder suchte sich ein ruhiges Plätzchen in einem Biergarten. Kein Mensch kam auf die Idee, shoppen zu gehen. Wolfgang war die Ausnahme. Er gab gern Geld aus. Dabei kaufte er oft die unsinnigsten Dinge. Zuletzt war es ein automatischer Staubsauger, der den Dreck von einer Ecke in die andere schob. Heute sollte es eine Waschmaschine für seine Frau sein. Mit den Gedanken, bei dem Wetter könne man bestimmt am Preis etwas drehen, betrat er den Elektronikmarkt.
Es dauerte nur wenige Minuten, da wurde er von mehreren Verkäufern umringt. Jeder wollte ihm etwas andrehen. Erst als Wolfgang auf die Stelle zeigte, wo die Waschmaschinen standen, verzog sich das Gros des Personals. Er hatte Glück. Der lange Lulatsch, der bei ihm blieb, hatte Ahnung. Ohne viel Schnickschnack erklärte er die Vor- und Nachteile der jeweiligen Geräte. Es dauerte nicht lange, da entschied sich Wolfgang für einen strom- und wassersparenden Toplader. Den Ausschlag für seine Wahl waren zehn Prozent Rabatt, die ihm der Lulatsch versprach.
Nicht ganz das, was Wolfgang erhofft hatte. Aber fünfzig Euro unter dem empfohlenen Preis waren besser als gar nichts. Seine Frau würde sich bestimmt freuen. Pustekuchen, als er ihr beichtete, dass er wieder etwas für den Haushalt gekauft hatte, erlebte er sein blaues Wunder. Sie zog nur die Augenbrauen in die Höhe und war stumm wie ein Fisch. „Freust du dich nicht?“, wollte Wolfgang wissen. „Setz dich bitte, wir müssen reden“, war alles, was sie sagte. Oh Gott, das kannte er. Wenn sie in dem Ton zu ihm sprach, kam es ganz dicke. Sie konnte richtig böse werden. Es kam noch schlimmer. Ohne Rücksicht auf ihn zu nehmen, hielt sie ihm den letzten Kontoauszug vor die Nase. „Wir sind bankrott“, erklärte sie ihm. „Bei der Bank haben wir über 30.000 Euro Schulden. Das Auto ist noch nicht bezahlt und die nächste Rate für unsere Wohnung ist auch fällig. So kann es nicht weitergehen. Lass dir etwas einfallen!“
Wolfgang war erst einmal sprachlos. Dass es so schlimm war, ging über seinen Horizont. Um Zeit zu gewinnen, schlug er vor: „Lass uns erst einmal darüber schlafen. Mir fällt ganz bestimmt etwas ein. Ich habe da schon eine Idee, wenn das klappt, sind wir aus dem Schneider.“ „Das will ich für dich hoffen. Löse das Problem, sonst werde ich mich von dir trennen. Damit du siehst, dass es mir ernst damit ist, wirst du heute Nacht allein auf der Couch schlafen.“
Bums, das war’s. Nach einer ungemütlichen Nacht war das Erste, was Wolfgang am frühen Morgen hörte: „Ist dir etwas eingefallen?“ Da stand sie vor ihm, seine Helga, und er wusste keine Antwort. Was sollte er nur sagen? Ohne weiter nachzudenken schlug er vor: „Wir überfallen eine Bank. Da ist das meiste Geld zu holen und die sind bestimmt versichert.“ Nach einem nachdenklichen Hmm wollte sie wissen: „Und wie soll das gehen?“ „Na, wir gehen rein und schreien: Das ist ein Überfall. Dann halte ich dem Kassierer ein Messer an den Hals und fordere Geld.“ Mit einem Blick, der mehr als tausend Worte sagte, machte sie ihm klar: „Du hast nicht alle Tassen im Spind. Ich weiß da etwas Besseres. Du gehst wieder richtig arbeiten. Der Justizsenator sucht Leute, da bewirbst du dich. Da kannst du Beamter werden und kriegst monatlich ein schönes Gehalt. Damit das klappt, steht du jetzt endlich auf und machst dich auf die Socken.“
Wolfgang war so perplex über die Energie, die seine Frau entwickelte, dass er nur noch zu fragen wagte: „Darf ich vorher frühstücken?“ „Du darfst“, antwortete sie kurz. „In der Küche findest du alles, was du benötigst. Fange aber nicht wieder an, Eier zu braten. Das kannst du nicht.“ An dem Ton, in dem sie zu ihm sprach, war zu merken: Dieses Mal ist es ernst. Wolfgang war gewarnt. Es blieb ihm weiter nichts übrig, als ihren Vorschlag zu befolgen. In Windeseile stopfte er ein Brötchen in sich hinein und machte sich aus dem Staub.
Den Weg bis zum Rathaus legte er zu Fuß zurück. Wolfgang wollte überlegen, was das wohl sein könnte, wofür der Senator Leute suchte. Vielleicht Akten sortieren, langweilige Büroarbeit oder Aufseher in einer Haftanstalt? Bei dem Gedanken, in einem Gefängnis zu arbeiten, musste er unwillkürlich schmunzeln. Dort gab es bestimmt Menschen, von denen man etwas lernen konnte. Dabei dachte Wolfgang nicht an Gesetz und Ordnung. Er hatte andere Flausen im Kopf. Er nahm sich vor, den allerbesten Eindruck bei dem Einstellungsgespräch zu machen. Seine Frau sollte sich auf ihn verlassen können. Außerdem ging es ja auch darum, die finanzielle Krise zu beenden.
Es hatte geklappt! Das Gespräch dauerte keine halbe Stunde und Wolfgang wurde auf Probe eingestellt. Schon eine Woche später sollte er seinen Dienst antreten. Mit einem Gehalt, das gerade mal für das Nötigste reichte, aber er hatte einen Job. Helga würde zufrieden sein. Sie hatte erreicht, was sie wollte. Noch in Gedanken, was da auf ihn zukommen würde, wollte er das Gebäude verlassen, hatte schon die Klinke in der Hand, da rief jemand von weitem: „Hallo Wolfgang, was machst du denn hier?“ Wie das so ist, wenn man jemanden längere Zeit nicht gesehen hat, erkannte Wolfgang den Rufer nicht. Erst als beide aufeinander zugingen, dämmerte es ihm. Es war Heinz Becker mit dem er zusammen die Schulbank gedrückt hatte. Sie waren einmal richtige Kumpels gewesen. Haben voneinander abgeschrieben und gemeinsam Abitur gemacht. Danach hatten sie sich aus den Augen verloren. Jeder ging seiner Wege. Heinz studierte Jura und Wolfgang träumte von einem Leben als Playboy. Es war wie verabredet, beide stellten gleichzeitig die Frage: „Wie geht es dir?“ Wolfgang erzählte, dass er gerade beim Personalchef des Senators war und sich um eine Stelle beworben hatte. Danach tauschte man sich aus. „Bist du verheiratet? Hast du Kinder und was machst du zurzeit?“ Heinz antwortet nur kurz: „Ich arbeite hier.“ Danach hatte er es auf einmal ziemlich eilig. „Ruf mich mal an. Sag in der Zentrale, du möchtest Heinz Becker sprechen. Dann wirst du mit mir verbunden.“ Wolfgang konnte nur noch fragen: „Und die Telefonnummer?“ „Steht im Buch unter Rathaus Berlin.“
Als sie sich trennten, musste Heinz Becker unwillkürlich daran denken, wie unterschiedlich sie sich entwickelt hatten. Er hatte Erfolg, war angesehen und neben dem Bürgermeister der zweitwichtigste Mann in der Stadt. Das ganze Gegenteil war sein Schulfreund. Der war zwar der nette Kerl von früher, aber aus seinem Leben hatte er offensichtlich nicht viel gemacht. Er war der Träumer geblieben, der er immer gewesen war., träumte vom ganz großen Geld. Wenn es mit einem Lottogewinn nicht funktionieren sollte, wollte er reich heiraten. Sie kann dick und häßlich sein. Hauptsache, sie hat Kohle, war sein Standpunkt. Das musste wohl nicht geklappt haben, stellte Heinz für sich fest. Als er mit seinen Gedanken zu Ende war, drehte er sich kurz zur Seite, um Wolfgang noch etwas zuzurufen. Der war aber schon unterwegs zu seiner Frau. Sie war es ja, die ihm den Tipp mit dem Justizministerium gegeben hat, also sollte sie auch als Erste erfahren, dass es funktioniert hatte. Man hatte ihn eingestellt.
Zu Hause angekommen, ging die Fragerei los. Natürlich wollte sie wissen: „Hat man dich genommen?“ „Hat man“, antwortete Wolfgang. „Wenn deine Freundinnen zu Besuch kommen, kannst du ihnen erzählen, dein Mann muss jetzt auf Diebe, Vergewaltiger und Mörder aufpassen. Der ist jetzt Gefängniswärter.“ „Ist nicht wahr, du sollst auf Verbrecher aufpassen?“, unterbrach sie ihn. „Ja“, bestätigte Wolfgang. „Die Direktorenposten waren schon vergeben. Ich war zu spät.“ Es dauerte ein paar Sekunden, da bekam er einen Puff in die Seite, der ordentlich weh tat. „Du willst mich wohl wieder einmal auf den Arm nehmen“, schnauzte sie ihn an. Dann lachte sie und gab zu: „Beinahe wäre ich dir wieder einmal auf den Leim gegangen. Aber im Ernst“, lenkte sie ein, „erzähl mal, wie es war.“ „Großes Ehrenwort“, schwor Wolfgang, „die Einstellung war kein Problem. Der Personalchef hat nur gesagt: ‚Eigentlich sind Sie für die Arbeit überqualifiziert.‘“ „Was für eine Arbeit?“, wollte Helga wissen. „Nichts Großes, alles was so anfällt. Aufpassen, wer alles so rein- und rauskommt, Ausweise kontrollieren, am Abend die Türen schließen, für Sicherheit sorgen.“
Helga war beruhigt und als Wolfgang noch von seiner Begegnung mit Heinz Becker erzählte, war sie sogar richtig glücklich. „Von dem habe ich schon gelesen. Der war es doch, der mich auf die Idee gebracht hat, dass du dich bei der Justiz bewirbst. Warte, ich hol mal die Zeitung mit dem Artikel und dem Foto.“ Es war die Überraschung des Tages. Der Justizsenator war der ehemalige Schulfreund Heinz Becker.
Helga war nicht ein bisschen neugierig, behauptete sie von sich. Nur wissen wollte sie alles. Was hat er gesagt, war er freundlich, hat er eine Familie, ist er groß, ist er dick usw. usw. Wolfgang hörte ihr geduldig zu. Als sie am Ende ihrer Fragen angelangt war, erwiderte er. „Wir laden ihn mal ein, dann kannst du ihn das alles selber fragen. Im Übrigen ist er klein und dick und trägt ein Toupet.“ Er konnte es einfach nicht lassen, sie wieder mal auf den Arm zu nehmen. Doch dieses Mal glaubte sie ihm. Sie hatte nur noch eine Frage: „Wo ist deine neue Arbeitsstelle eigentlich?“ Von Wolfgang kam nur ein Achselzucken. „Weiß nicht. Darüber konnte mir der Personalchef nichts sagen. Das entscheidet der Justizsenator. Ich rufe ihn gleich mal an.“ Es war genau so, wie Heinz Becker gesagt hatte. Die Telefonnummer stand im Branchenbuch und die Dame in der Vermittlung verband Wolfgang sofort mit seinem ehemaligen Schulfreund. „Heinz Becker, Justizsenator“, meldete er sich. „Hier Wolfgang. Der Personalchef hat mir nicht gesagt, wo mein neuer Arbeitsplatz ist, kannst du mir sagen, wo das sein soll?“ „Moment“, antwortete Heinz Becker, „ich sehe mal nach. Du musst aber Geduld haben, hier ist heute der Teufel los. Jeder will etwas von mir. Oder besser, ich rufe dich an.“
Wolfgang konnte nur noch „Okay“ sagen, da war die Leitung schon unterbrochen. Heinz Becker hatte aufgelegt. Zehn Minuten später rief er zurück. „Jetzt habe ich Zeit. Meine Sekretärin hat den Auftrag, mich abzuschirmen. Wir können also in aller Ruhe darüber sprechen, wo dein Einsatz sein wird und was du dort machen sollst. Personal wird überall benötigt. Die Polizei sucht Leute und in den Haftanstalten sieht es ganz düster aus. Da ist zurzeit nur jede zweite Planstelle besetzt. Das wäre doch etwas für dich. Dort hättest du die besten Aufstiegschancen und kannst Karriere machen. Außerdem sind dort Menschen, von denen du viel lernen kannst.“ Das war genau das, was Wolfgang wollte. Viel lernen. Aber sicherlich in einem anderen Sinn, als sein Freund Heinz B. es meinte. Er war bankrott und brauchte dringend Geld. Von den Häftlingen hoffte er einen Tipp zu zu kriegen, wie man am schnellsten zu Kohle kommt. Wie man eine Bank überfällt oder einen Bruch ausführt. Er musste sich nur noch entscheiden. Nach kurzem Überlegen entschied sich Wolfgang für eine Stelle im Knast.
Seine Frau, die die ganze Zeit mitgehört hatte, nickte zustimmend. Sie war einverstanden. Was er aber dachte, was er plante, davon hatte sie keinen Schimmer. Ihr Mann, ein Verbrecher, war das Letzte, was ihr eingefallen wäre. Aber Justizangestellter mit der Aussicht, Karriere zu machen, war okay, damit konnte sie leben. Was jetzt nur noch geklärt werden musste, war der Einsatzort. Die Frage war schnell beantwortet. Der Justizsenator benötigte dringend Personal in der Haftanstalt Tegel. Da lief zurzeit alles drunter und drüber. Häftlinge mit Freigang kamen einfach nicht wieder und andere verschwanden durch ein Toilettenfenster. Also war klar, dort sollte Wolfgang hin. „Vorher musst du aber noch in der Polizeischule Spandau die Schulbank drücken. Nicht lange“, versprach der Senator. „Da werden einige Tests gemacht. Deine Fitness wird überprüft und du musst auch noch schießen lernen. Als Gefängniswärter bekommst du eine Waffe. Die soll zwar nur für den Notfall sein, aber du musst wissen, wie man mit so einem Ding umgeht.“
Wolfgang war ein Glückskind. Alle Voraussetzungen für eine Laufbahn als Justizangestellter und Ganove waren erfüllt. Der Boss war sein ehemaliger Schulfreund und wie man mit einer Waffe umgeht, sollte er auf der Polizeischule lernen. Was ihm nun noch fehlte, war so eine Wumme. Das, sagte ja sein Freund, bekam er, wenn er seine Arbeit als Gefängniswärter antrat. Was ihm außerdem noch fehlte, war das Wissen, wie man eine Bank überfiel. Wie leere ich einen Bankautomaten oder wie erpresse ich einen Supermarkt? Verbrechen von denen er nur aus den Medien wusste. Um aber genaueres darüber zu erfahren, musste Wolfgang das Vertrauen gewinnen. Er war der Neue,, musste ihn erst einmal kennen lernen und es war klar, es brauchte Zeit. Zeit, die er eigentlich nicht hatte. Seine Frau drohte Ihm in die Wüste zu schicken und er hatte Schulden. Eine Scheißsituation, aber um alles wieder in Lot zu bringen, musste er da durch. Auch dass er noch einmal die Schulbank drücken sollte, war eine Pille, die er widerwillig in Kauf nahm.
Allein der Gedanke daran löste bei Wolfgang so große Zweifel aus, dass er am liebsten alle seine Pläne aufgegeben hätte. Aber da war seine Frau, die gedroht hatte, ihn aus dem Schlafzimmer zu verbannen, wenn er nicht endlich anfing, die Schulden abzutragen. Es blieb ihm gar nichts anderes übrig. Er musste da durch. Zum Glück waren die meisten Kommilitonen großartige Kerle und die Mädels auch nicht übel. Schon nach der ersten Unterrichtsstunde war das Schreckgespenst, noch einmal wie ein kleiner Junge lernen zu müssen, verschwunden. Im Gegenteil, Wolfgang wurde wieder der kleine Junge, der in die fünfte Klasse ging. Es war die Zeit der Flegeljahre, als er und seine Kumpels nichts weiter als Dämlichkeiten im Kopf hatten. Im Vergleich zu früher hatte sich nichts geändert. Auch seine Mitschüler hatten im Unterricht nichts als Blödsinn im Hirn. Sie bewarfen sich mit Papierkügelchen, schrieben den Mädels Liebesbriefe und auf dem Stuhl des Dozenten wurde ein Furzkissen platziert. Das ging so lange, bis dem der Kragen platzte. Er verließ das Klassenzimmer mit dem Hinweis: „Wenn Sie sich beruhigt haben, komme ich wieder. Sollten Sie aber der Meinung sein, Sie brauchen für die nächste Prüfung nichts zu lernen, verlängere ich meine Pause. Außerdem garantiere ich Ihnen, dass Sie in Kürze wieder dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen werden. Ihren Traum, dass Sie eines Tages Beamter mit einem festen Einkommen sind, können Sie dann gleich begraben.“
Man glaubt nicht, was für eine Wirkung seine Worte hatten. Auf einmal war es mucksmäuschenstill und jeder hatte nichts Eiligeres zu tun, als seinen Schulkram auszupacken. „Der gemütliche Teil ist jetzt vorbei“, eröffnete der Dozent die Stunde. „Als Erstes werden Sie lernen, was es bedeutet, ein Polizist zu sein, wie Sie sich in der Öffentlichkeit bewegen. Sie müssen laufen lernen. Sie haben richtig gehört: laufen lernen. An Ihrem Gang wird man erkennen, ob da ein Muskelmann in Uniform daherkommt oder ein Vertreter der Staatsmacht. Dass Sie für die Bürger da sind und nicht umgekehrt, dürfte Ihnen ja klar sein. Sie haben aber vor allen Dingen für Sicherheit und Ordnung zu sorgen. Nicht, dass einer denkt, wenn er eine Uniform und eine Waffe trägt, könnte er den Rambo spielen. Habe ich mich verständlich ausgedrückt?“, unterbrach er seinen Redefluss. „Ja, Herr Lehrer“, stimmte die ganze Klasse zu. Was er dann noch zu sagen hatte, wurde mit Beifall und Klopfen auf den Tischen quittiert. Herr Schulz, der Dozent, schlug vor: „Wir machen jetzt Schluss und Sie können auf Ihre Zimmer gehen. Bevor ich aber verschwinde, möchte ich Ihnen einen Rat geben. Vergeuden Sie Ihre Freizeit abends nicht, indem sie in die Kneipe gehen. Gehen Sie in keine Bar. Schwingen Sie Ihr Tanzbein zu Hause. Außerdem wird ein Besuch in so einem Etablissement meistens teuer. Sparen Sie sich das viele Geld, treiben Sie lieber Sport. Unsere Sporthalle hat bis 22 Uhr geöffnet. Da haben Sie genügend Zeit, sich auszutoben. Für alle, die nicht schwitzen wollen, gibt es einen Hobbyraum. Da können Sie bohren, hämmern, sägen, löten, Holz, Draht und Blech bearbeiten. Das Material und die Werkzeuge stehen alle kostenlos zur Verfügung.“
Wolfgang war noch am Überlegen, was er machen sollte. Da tippte ihm ein Mitschüler auf die Schulter. „Ich bin der Benedikt“, stellte er sich vor. „Ich gehe in den Hobbyraum. Kommst du mit?“ „Mach ich“, stimmte er zu. Im tiefsten Herzen war er zufrieden, dass ihm jemand die Entscheidung abnahm, wie er den Abend verbringen sollte.
Sie verabschiedeten sich und wollten nach dem Abendessen die Lage peilen. Ein Hobbyraum in einer Polizeischule war für beide nicht vorstellbar. Weder Wolfgang noch Benedikt hatten bisher davon gehört. Natürlich waren sie neugierig und wollten sich überzeugen, was der Obrigkeit eingefallen war. Pünktlich um 18 Uhr machten sie sich auf den Weg. Als sie die Tür öffneten, bekamen beide vor Staunen den Mund nicht zu. Die Bastelstube war ein großer Raum mit allem Drum und Dran. Eine richtige Halle mit Maschinen, Werkbänken und einem Materiallager mit einer Werkzeugausgabe. „Genau das, was ich brauche“, stellte Benedikt fest und dann suchten sie sich zwei Arbeitstische, wo sie nebeneinander arbeiten konnten. Wolfgang war noch am Überlegen, ob er ein Vogelhaus oder Schlüsselbrett basteln sollte, da machte sich Benedikt schon auf den Weg zum Materiallager. Als er zurückkam, strahlte er über das ganze Gesicht. „Ich habe alles, was ich brauche“, teilte er seinem neuen Freund mit. Gemeint waren etliche Stücken Draht in verschiedenen Stärken und ein paar schmale Blechstreifen. Was er dann noch aus seinen Taschen zauberte, brachte Wolfgang ins Grübeln. Es waren ein paar kleinere und größere Kasten- und Vorhängeschlösser. Rätsel über Rätsel. „Was will Benedikt damit, was kann man mit so einem Schrothaufen anfangen“, dachte Wolfgang. Auf seine Frage bekam er die Auskunft: „Brauche ich für mein Hobby.“ Dann fing Benedikt an, ein Stück Draht zu bearbeiten. Als er damit fertig war, steckte er das gebogene Etwas in eines der Schlösser und schien zufrieden zu sein. „Funktioniert“, sagte er mehr zu sich selbst. Wolfgang, der ihn die ganze Zeit über beobachtet hatte, ging plötzlich ein Licht auf. Was Benedikt anfertigte, waren Einbruchswerkzeuge. „Lohnt sich denn das?“, wollte er wissen. Benedikt lächelte nur und gab zu: „An guten Tagen komme ich auf 100 bis 150 Euro.“ „Bisschen wenig für das Risiko“, kommentierte Wolfgang die Antwort. Ein Bulle, ein Dieb und Einbrecher, es war unfassbar. „Lass das lieber“, versuchte er Benedikt ins Gewissen zu reden. „Eines Tages erwischt man dich und der Traum von einer Karriere als Bulle ist ausgeträumt.“

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