Der Rat der Sieben
Die Kunst des Mordes
EUR 21,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 326
ISBN: 978-3-7116-1040-9
Erscheinungsdatum: 12.01.2026
Acht Tote, ein Täter mit Mission: Für ihn ist es kein Mord, sondern Gerechtigkeit. Die Polizei tappt im Dunkeln, während er weitermacht. Wer sind die nächsten Opfer? Ein fesselnder Thriller über Rache, Wahnsinn und einen gefährlichen Glauben.
VORWORT
11. APRIL 1865 WASHINGTON D.C.
Für die Amerikaner, die erst kürzlich den Bürgerkrieg hinter sich ließen, begann ein hektischer Neuaufbau. Zumindest für einige war dies der Fall. Die Beamten der Mordkommission der Washingtoner Polizei dagegen versuchten, die Mordfälle der drei Opfer aufzuklären, die auf eine Weise getötet wurden, wie sie es vorher noch nie gesehen hatten.
Doch um den oder die Mörder zu finden, mussten sie eine sehr unüberwindbare Hürde meistern. Es gab nicht einen Zeugen der Morde, nicht ein Indiz, und was am schlimmsten war: Keiner der Beamten glaubte daran, diese Morde aufklären zu können. Alle hatten Todesangst. Dies war auch deren Recht, vielleicht waren die nächsten Personen, die von dem oder den Tätern besucht werden, sie selbst.
Diese Zeiten, in denen die Soldaten aus dem Krieg zurückkehrten und eine enorm angestaute Lust auf Sex hatten, waren besonders ergiebig für Frauenhändler, die diese Lust in Geld umzusetzen wussten. So wimmelten die Straßen von Washington wie nie zuvor von Straßennutten, die ihre Dienste anboten.
Tom McGregor war nur einer dieser Zuhälter. Weil er mit einem hohen Anstieg der Nachfrage rechnete, hatte er die Zahl seines Kapitals erhöht und rechnete mit einem dementsprechend hohen Gewinn. Der wichtigste Grund dafür, dass seine Rechnung aufging, war die Tatsache, dass er die Frauen, die für ihn anschafften, anständig behandelte und fast die Hälfte von ihrem Gewinn ihnen selbst überließ. Durch diese Bescheidenheit behandelten die Huren ihre Kunden zuvorkommender, und so kamen immer neue Kunden dazu.
Tom hatte, nachdem er mit jeder Hure einzeln besprochen und den bisher erzielten Gewinn aufgeteilt hatte, gesagt, dass jede von ihnen für heute Abend Schluss machen könnte, wenn sie wollten. Tom war guter Laune, weil sie heute den bisher größten Gewinn eingefahren hatten, und er überließ den Frauen ihrem freien Willen, weiterzumachen oder eben nicht. Wenn sie weiterarbeiten wollten, konnten sie den Gewinn allein für sich einstecken. Außer ein paar Frauen lehnten die übrigen ab und gingen nach Hause.
Tom, der sich eine ruhige Straßenecke zum Zählen des Geldes suchte, wusste leider nicht, dass er bereits verfolgt wurde. Sein Verfolger wartete geradezu darauf, dass er diesen Fehler machen würde. Als Tom eine dunkle und ruhige kleine Gasse gefunden hatte, bog er rasch hinein und stellte sich in die Ecke des Gebäudes, welches die Gasse leicht erhellte. Er nahm gierig seinen Geldbeutel aus seiner Hosentasche und begann damit, das Geld zu zählen. Er bemerkte seinen Verfolger nicht, der gleich nach ihm in die Gasse schlich. Er war so versunken in das Zählen des Geldes, dass er den mit langsamen Schritten näher kommenden Verfolger immer noch nicht bemerkte. Gerade als er mit dem Zählen fertig war und das Geld zurück in seine Hosentasche stecken wollte, bemerkte er den Verfolger, aber da war es bereits zu spät.
Tom ließ das Geld aus seiner Hand auf den Boden fallen und sah wie erstarrt den vor ihm stehenden Verfolger an. Doch als ob er ahnen würde, was ihn nun erwartete, gab er keinen Ton von sich.
Zwischen dem Mann, der einen mittelmäßigen Anzug trug und etwa 10 cm länger als Tom war, und Tom bestand nur noch eine sehr kurze Entfernung, doch trotzdem konnte Tom sein Gesicht nicht erkennen. Sein Umhang, der am Kragen des Anzugs befestigt war, war so lang, dass er fast den Boden berührte. Der Mann trug einen Zylinder.
Tom, der dies alles innerhalb von Sekundenbruchteilen erkannt hatte, beugte seinen Kopf leicht nach unten, um den Gehstock, den der Mann in der Hand trug, zu betrachten. Genau in diesem Moment hob der Mann den Gehstock, den er in der Hand hielt, und steckte eine schwertartige Klinge am Ende des Gehstocks in Toms Kinn, den dieser vorgebeugt hielt, und durchbohrte seinen Kopf, bis die Klinge komplett an der Schädeldecke herausragte.
Tom erzitterte kurz, bevor sein toter Körper in die Arme seines Mörders fiel. Der Mörder verlor keine Zeit. Er nahm seine Werkzeuge, die er vorher bereits in einem Tuch um seine Hüfte gebunden hatte, breitete diese auf dem Boden aus und fing sofort damit an, die Reihenfolge, die er vorher grob in seinem Kopf geplant hatte, abzuarbeiten.
Er nahm sechs 35 cm lange Stahlnägel aus dem Tuch und nagelte einen von diesen mit einem Hammer an die Wand des Gebäudes, neben dem er sich befand.
Anschließend höhlte er den Bereich unter der rechten Schulter seines Opfers mit einem langen Messer aus. Danach nahm er den toten Körper auf und hängte das Opfer an dem Loch, welches er zuvor aushöhlte, an den Nagel, den er kurz davor in die Wand geschlagen hatte.
Nachdem er mit den übrigen fünf Nägeln den leicht nach links hängenden Körper des Opfers an der Wand fixiert hatte, fing er an, den letzten Teil seines Vorhabens umzusetzen.
Nachdem er sein Opfer etwa 20 cm über dem Boden aufgehängt hatte, begann er unter dem Einsatz verschiedener Werkzeuge, Teile aus dem Körper seines Opfers zu schneiden, und legte diese in einen, dem Anschein nach, speziell hierfür vorbereiteten Beutel ab.
Als Letztes nahm er ein langes Messer und durchtrennte den Hals des Opfers, bis nur noch die Wirbelsäule herausragte. Damit war das Zuschneiden abgeschlossen. Er fing an, sein Opfer mit einem speziellen Tuch einzuwickeln. Das Tuch war zehn cm breit, und einen Teil dieses Tuchs befestigte er mit Nägeln an die Wand. Anschließend spannte er den Körper seines Opfers in Richtung gegenüberliegende Wand. Als das Spannen zu Ende war, befestigte er auch das andere Ende des Tuches mit den Nägeln an die Wand und schnitt den Rest des Tuches ab.
Dieses Ritual, das so lange klingt, hatte er in nur 10 Minuten vollzogen. Nachdem seine Arbeit beendet war, trat er drei Schritte zurück und betrachtete sein Opfer, das nun aussah wie eine Mumie. Danach packte er alle seine Werkzeuge ein und ging mit langsamen Schritten davon, mit dem Wissen, dass er nun den Plan für sein nächstes Opfer umsetzen musste. Verzögerungen konnte er sich nicht leisten.
Im Morgengrauen standen zwei stark angetrunkene Freunde an der Ecke der Gasse und versuchten herauszufinden, was das Objekt, das aussah wie ein eingewebter Seidenkäfer, eigentlich war. Sie gingen näher und begannen, es links und rechts zu begutachten. Als sie schließlich das Tuch an einer Stelle etwas zur Seite drückten, erkannten sie, dass es sich um eine Leiche handelte. Die zwei Freunde verfielen beim ersten Anblick in Panik und wollten schon davonlaufen, doch sie kamen schnell zu sich und beschlossen, dass das einzig Richtige die Polizei zu informieren sei. Somit machten sie sich gerade auf den Weg zur Polizeiwache. Als der, der weniger betrunken war, sah, dass da etwas auf dem Boden glänzte, tat er so, als wäre er gestolpert, fiel zu Boden und steckte den Geldbeutel, ohne dass sein Freund es mitbekam, in seine Hosentasche. Er nahm es als Erbe von einem Verstorbenen an. Auf dem Weg zur Polizeiwache hatte er die Gelegenheit, den Geldbeutel mit seinen Fingern abzutasten, und wenn das, was er fühlte, ihn nicht täuschte, dann befand sich ein echt großer Betrag in diesem Beutel.
Die Schilderungen der beiden Freunde wiesen große Parallelen zu den anderen drei Mordopfern auf, sodass die Polizei keine Zeit verlor und sich sofort auf den Weg machte. Bevor sie zum Tatort aufbrachen, benachrichtigten sie den Detektiv, der in diesen Fällen ermittelte.
Bis der Detektiv zum Tatort kam, riegelten die Polizisten lediglich den Tatort ab und versuchten, die neugierige Menge von diesem fernzuhalten. Der Detektiv Jonathan von der Mordkommission arbeitete lieber allein. Er hatte bisher alle Mordfälle, in denen er ermittelte, bis zum kleinsten Detail aufgeklärt. Er war als ein willensstarker Detektiv bekannt, doch selbst er konnte in diesen neuen Mordfällen keinen Anhaltspunkt ermitteln.
Alle Mordopfer waren so getötet worden, als würde jemand an ihnen Rache üben, doch zwischen den Opfern bestand überhaupt keine Verbindung. Jedoch dieses Mal hatte der Mörder ihnen eine Nachricht hinterlassen. Jonathan hatte diese Nachricht etwas später bei der Untersuchung des Opfers gefunden.
Jonathan, der das Tuch äußerst vorsichtig von der Leiche nahm und immer mehr vom Körper sah, war klar, dass die entnommenen Körperstellen fast gleich wie bei den anderen drei Mordopfern waren. Doch diesmal war noch etwas anderes da, was es bei den anderen Opfern nicht gab. Etwas fiel zu Boden, und somit hatte er die Nachricht gefunden.
Ich erfülle nur die Berufung, die mir das verleiht, woran ich glaube. Je mehr Sie versuchen, mich aufzuspüren, desto mehr vergrößert dies meinen Enthusiasmus bei meiner Arbeit. Mehr erreichen Sie hierdurch nicht. Lassen Sie mich in Ruhe. Sobald ich alle getötet habe, die ich töten muss, werde ich damit aufhören. Sie sollten Ihre wertvolle Zeit nicht damit vergeuden, gewöhnliche Menschen beschützen zu wollen. Stattdessen sollten Sie versuchen, das zu schützen, was Ihnen wertvoll erscheint.
Jonathan, der diese Notiz nicht verstand, hielt es für besser, diese Nachricht für sich zu behalten, bis er mehr Beweise gesammelt hatte, und steckte die Notiz vorsichtig und ohne dass es jemand mitbekam, in seine Tasche.
Nachdem er die Leiche routinemäßig untersucht hatte, deutete er den Polizisten an, dass die Leiche abtransportiert werden konnte. Die Polizisten hatten es sehr schwer, die Leiche von ihrer Fixierung zu lösen.
Jonathan sagte, er müsse sich eine Weile zurückziehen und sich zu Hause ausruhen, doch eigentlich wollte er nur die Notiz weiter untersuchen.
Als er nach Hause kam, ließ er sich ein Bad ein und versuchte eine Zeit lang, sich nur auf einen Punkt zu konzentrieren und somit seinen Kopf freizumachen. Wenn wir ehrlich sind, war er nicht erfolgreich. Egal, worüber er nachzudenken versuchte, seine Gedanken kreisten und verfingen sich immer wieder an der Notiz, die der Mörder hinterließ.
Er konnte nicht länger widerstehen. Er streckte seine Arme, griff nach seiner Jacke, die auf dem nahegelegenen Tisch lag, nahm die Notiz aus der Tasche und las sie immer wieder. Er untersuchte jeden einzelnen Buchstaben und versuchte zu verstehen, was ihm der Mörder mitteilen wollte. Doch egal, wie er es betrachtete, die Notiz erschien ihm immer wieder wie eine simple Drohung. Was er nicht verstand, war, warum jemand, der ohnehin keine Spuren hinterließ, ihm drohte.
Jonathan, der vor dem Anbruch der Dunkelheit einschlief, wurde von einem lauten Klopfen an der Tür geweckt. Er sprang kurz erschrocken auf, beruhigte sich gleich darauf und öffnete die Tür.
Der Polizist an der Tür teilte ihm mit, dass noch eine Leiche gefunden wurde und der Polizei-Hauptmann ihn sprechen wollte. Da fiel ihm erst ein, auf seine Uhr zu schauen. Er sah, dass es vier Uhr morgens war.
Diesmal gehörte die Leiche, die gefunden wurde, einem Mitglied des Stadtrates. Der Mann wurde auf ähnliche Weise getötet wie die vorherigen Mordopfer, und die Leiche war unter eine Kutsche angebunden. Auch von diesem Opfer wurden Körperteile entfernt, ähnlich wie bei den übrigen Mordopfern.
Während Jonathan die Leiche untersuchte, fiel ihm gleich auf, dass es keinen Unterschied zu den anderen Morden gab. Und auch wenn er die tragische Lage den anderen mitteilen wollte, schüttelte er langsam den Kopf.
Jonathan beobachtete von der Seite aus, wie die Leiche für weitere Untersuchungen abtransportiert wurde. Als er aus einer Institution heraus in die Menge hinter der Polizeiabsperrung sah, blickte er für einen kurzen Moment in die Augen eines Mannes. Der Mann hob sofort seinen Arm und machte eine Bewegung, die so viel heißen sollte wie: „Kann ich Sie für einen Moment sprechen?“
Auch wenn Jonathan nicht wusste, was der Mann von ihm wollte, ging er in seine Richtung. Der Mann, der sah, wie Jonathan auf ihn zukam, bahnte sich einen Weg aus der Menge heraus.
Zwischen ihnen war nur noch eine Entfernung von etwa fünfzig Metern, und sie bewegten sich im gleichen Tempo. Der Mann, der etwas weiter vorne war, ging in den Park und setzte sich gleich unter den ersten Baum, den er sah. Während Jonathan sich dem Mann näherte, dachte er darüber nach, ob er Vorsichtsmaßnahmen ergreifen sollte oder nicht.
Doch Jonathan setzte keine der Maßnahmen, die ihm einfielen, um. Stattdessen ging er zu dem Mann und setzte sich neben ihn. Nach einigen Sekunden beugte der Mann sich etwas in Richtung Jonathan, lächelte schwach und begann zu sprechen.
Der Mann sagte: „Ich sollte mich erst einmal vorstellen. Mein Name ist Peter Wyss, ich bin hoch erfreut, Sie kennenzulernen.“ Daraufhin streckte er Jonathan seine Hand entgegen.
Jonathan wollte diese freundliche Geste des Mannes erwidern, ihm die Hand schütteln und sich selbst vorstellen, doch der Mann sagte: „Ich weiß, wer Sie sind und welchen Beruf Sie ausüben.“
Jonathan wusste nicht, woher dieser Mann ihn kennen sollte, doch er musste nicht lange darüber nachdenken. Der Mann zeigte auf die Zeitung in seiner Hand und auf den Artikel unter dem Foto von Jonathan.
Nachdem er kurz den Artikel überflogen hatte, begriff Jonathan, dass in diesem Artikel viel von ihm und seiner Arbeit geschrieben war. Während Jonathan dem Mann seine Zeitung zurückgab, wollte er wissen, was der Mann von ihm wollte. Doch dies teilte er ihm nicht mit Worten, sondern mit Gesten mit.
Peter begriff schnell und begann damit, Jonathan Einzelheiten von sich selbst zu geben.
„Als ich meine Familie in sehr jungen Jahren verlor, wurde ich vom Schweizer Staat versorgt und habe anschließend lange Jahre in staatlichen Einrichtungen gearbeitet. Ich habe mich nie über die Arbeit, die mir zugewiesen wurde, beschwert. Als Letztes habe ich an den Vorbereitungen zum geplanten Bundesbriefmuseum im Kanton Schwyz gearbeitet, und vor 14 Jahren bin ich in das Land der Träume gekommen. Ich kam nicht mit leeren Händen. Ich habe ihnen allen ein Geschenk mitgebracht. Dieses Geschenk befindet sich derzeit in der Bibliothek des Kongresses. Es ist eine sehr gut übersetzte Kopie, die sich in der Abteilung für gefährliche Organisationen befindet. Diese Übersetzung wurde zu einem Buch verarbeitet, und nur hochrangig befugte Personen haben Zugriff darauf.“
Jonathan nutzte eine kurze Pause von Peter, um zu fragen: „Und was hat das alles mit mir zu tun?“ Daraufhin antwortete ihm Peter: „Ich bin ja noch gar nicht fertig mit meiner Erzählung.“ Da wusste Jonathan, dass er noch etwas geduldiger sein musste.
„Ich wurde im Kanton Luzern geboren, und obwohl meine Familienwurzeln sehr weit in der Geschichte zurückzuverfolgen sind, bin ich ganz allein auf der Welt. Aufgrund der vielen schrecklichen Katastrophen, die meine Familie heimsuchten, bin ich der letzte Vertreter des Familienstammbaums. Mit mir zusammen wird die gesamte Familie aussterben. Sie können denken, dass dies schrecklich ist. Also, wenn eine Familie mit ihrem letzten Vertreter zusammen aussterben wird, kann dies schlimm erscheinen. Doch wenn man es von der anderen Seite betrachtet, werde ich nach meinem Tod niemanden hinter mir zurücklassen. Und das wiederum gibt mir die Freiheit, an niemand anderen denken zu müssen als an mich selbst. Doch auch wenn ich bisher immer mit dieser Freiheit lebte, gab mir der Zeitungsartikel Anlass zum Nachdenken, und ich sagte mir, wenn ich die Dinge, die ich weiß, nicht den anderen mitteile, dann werde ich die Augen vor diesen schlimmen Dingen verschlossen haben. Und deshalb habe ich beschlossen, mich mit Ihnen in Verbindung zu setzen.“
Jonathan, der sich bisher keinen Reim auf das Erzählte machen konnte, fragte: „Welche Verbindung besteht zwischen den Morden und Ihrer Kontaktaufnahme zu mir? Kennen Sie den oder die Mörder? Oder möchten Sie mir Informationen über die Morde an sich geben?“ Gleich nachdem er seine Fragen gestellt hatte, begriff er, wie dumm diese Fragen waren, doch es war nun mal ausgesprochen. Peter lächelte nur als Antwort auf diese Fragen, und Jonathan pflichtete ihm bei.
„Wenn ich ein Mörder wäre, wäre ich nicht hierhergekommen. Außerdem möchte ich keine Informationen über den Mörder geben, sondern ganz im Gegenteil: Ich möchte Ihnen sagen, dass Sie diesen Mörder niemals fassen werden. Wenigstens nicht lebendig.“ Diese Worte von Peter waren sehr glaubhaft, doch was wollte Peter von ihm? „Wenn Sie denken, dass ich den Mörder nie fassen werde, wie können Sie mir dann helfen? Und außerdem sprach ich von dem Mörder oder den Mördern, doch Sie sprechen nur von einem Mörder. Wie kommen Sie darauf?“
„Denn ich bin mir hundertprozentig sicher, dass es nur ein Mörder ist.“
„Wie können Sie sich da so sicher sein? Sie sagen, den Mörder würde man nie fassen. Sie sagen, dass Sie mir keine Informationen zum Mörder geben können, doch Sie sind sich absolut sicher, dass es nur ein Mörder ist. Wie kommen Sie darauf?“
„Sie täuschen sich. Ich sagte, ich könnte Ihnen keine Informationen zum jetzigen Mörder geben, doch ich kann Ihnen sehr wohl Informationen über die Morde an sich geben. Doch trotzdem werden Sie den Mörder nicht fassen. Zumindest nicht lebendig.“
„Und was sollen mir diese Informationen dann bringen?“
„Diese Morde werden nicht zum ersten Mal verübt. Ähnliche Mordfälle, oder wie manche es ausdrücken, Serienmorde, finden überall auf der Welt statt und wurden auch schon früher verübt. Doch es wurde immer erreicht, dass Geschichtsforscher sich nie mit diesen Mordfällen beschäftigten. Und Sie werden es dieses Mal wieder tun. Glauben Sie mir, viele Jahre später wird sich niemand mehr an diese grausamen Morde erinnern.“
„Und wie soll das passieren?“
„Es gibt immer zwei voneinander unabhängige Zellen bei einer Mordtat. Eine dieser zwei Zellen besteht aus einer Gruppe, und die planen Anschläge oder gesellschaftliche Katastrophen, um grausame Morde in Vergessenheit geraten zu lassen. Diese Anschläge sorgen dafür, dass die Morde an diesen gewöhnlichen Menschen in die Tiefen der Geschichte begraben werden.“
„Warum sorgen sie dafür, dass sie in Vergessenheit geraten, und woher haben sie so viele Informationen über diese Menschen?“
„Über die Kunst des Mordes.“
„Was ist das?“
„Dies hat etwas mit dem Geschenk zu tun, von dem ich Ihnen erzählt hatte. Dieses Geschenk ist eine erstklassige Kopie des Originals, und als ich es der Kongress-Bibliothek überließ, stellte ich nur eine Bedingung an die Befugten, und das war, dass dieses Zeugnis, das so viele lexikalische Informationen enthält, nur, wenn es unbedingt erforderlich ist, von hochrangig befugten Personen gelesen werden darf. Ich hatte Ihnen das vorhin schon erzählt, nicht wahr? Ich werde alt.“
„Und was enthält dieses Schriftstück genau?“
„Sie haben ja leider Gottes die Art und Weise gesehen, wie diese Morde ausgeübt wurden, und ich kann Ihnen nur sagen, dass dieses Schriftstück Hunderte von Wegen aufzählt, wie diese Morde begangen werden können. Wenn einer der hundert möglichen Wege ergriffen wird, werden alle Morde nach diesem Muster begangen. Auch wenn sich die Tatorte oder die Tatdurchführung ändern, bleiben aufgrund des gewählten Weges die entnommenen Körperteile immer dieselben.“
„Wenn wir keine Chance haben, den Mörder zu fassen, welchen Weg sollten wir dann einschlagen?“
„Man könnte versuchen, herauszufinden, welcher Anschlag geplant wird, um diese Morde zu verbergen. Vielleicht planen sie etwas wirklich Wichtiges.“
„Wie sollen wir das rausfinden?“
„Früher oder später werden sie diesbezüglich einen Hinweis geben.“
Während der Mann nach diesem letzten Satz mit seinen Fingern durch sein fast ergrautes Haar fuhr, glitt Jonathan mit seiner Hand in seine Hosentasche. Peter bemerkte dies unverzüglich und fragte: „Sie haben den Hinweis schon erhalten, oder?“
„Ich fand die Notiz in der Umwicklung der letzten Leiche.“
„Wenn es keine Umstände macht, darf ich die Notiz mal ansehen?“
…
11. APRIL 1865 WASHINGTON D.C.
Für die Amerikaner, die erst kürzlich den Bürgerkrieg hinter sich ließen, begann ein hektischer Neuaufbau. Zumindest für einige war dies der Fall. Die Beamten der Mordkommission der Washingtoner Polizei dagegen versuchten, die Mordfälle der drei Opfer aufzuklären, die auf eine Weise getötet wurden, wie sie es vorher noch nie gesehen hatten.
Doch um den oder die Mörder zu finden, mussten sie eine sehr unüberwindbare Hürde meistern. Es gab nicht einen Zeugen der Morde, nicht ein Indiz, und was am schlimmsten war: Keiner der Beamten glaubte daran, diese Morde aufklären zu können. Alle hatten Todesangst. Dies war auch deren Recht, vielleicht waren die nächsten Personen, die von dem oder den Tätern besucht werden, sie selbst.
Diese Zeiten, in denen die Soldaten aus dem Krieg zurückkehrten und eine enorm angestaute Lust auf Sex hatten, waren besonders ergiebig für Frauenhändler, die diese Lust in Geld umzusetzen wussten. So wimmelten die Straßen von Washington wie nie zuvor von Straßennutten, die ihre Dienste anboten.
Tom McGregor war nur einer dieser Zuhälter. Weil er mit einem hohen Anstieg der Nachfrage rechnete, hatte er die Zahl seines Kapitals erhöht und rechnete mit einem dementsprechend hohen Gewinn. Der wichtigste Grund dafür, dass seine Rechnung aufging, war die Tatsache, dass er die Frauen, die für ihn anschafften, anständig behandelte und fast die Hälfte von ihrem Gewinn ihnen selbst überließ. Durch diese Bescheidenheit behandelten die Huren ihre Kunden zuvorkommender, und so kamen immer neue Kunden dazu.
Tom hatte, nachdem er mit jeder Hure einzeln besprochen und den bisher erzielten Gewinn aufgeteilt hatte, gesagt, dass jede von ihnen für heute Abend Schluss machen könnte, wenn sie wollten. Tom war guter Laune, weil sie heute den bisher größten Gewinn eingefahren hatten, und er überließ den Frauen ihrem freien Willen, weiterzumachen oder eben nicht. Wenn sie weiterarbeiten wollten, konnten sie den Gewinn allein für sich einstecken. Außer ein paar Frauen lehnten die übrigen ab und gingen nach Hause.
Tom, der sich eine ruhige Straßenecke zum Zählen des Geldes suchte, wusste leider nicht, dass er bereits verfolgt wurde. Sein Verfolger wartete geradezu darauf, dass er diesen Fehler machen würde. Als Tom eine dunkle und ruhige kleine Gasse gefunden hatte, bog er rasch hinein und stellte sich in die Ecke des Gebäudes, welches die Gasse leicht erhellte. Er nahm gierig seinen Geldbeutel aus seiner Hosentasche und begann damit, das Geld zu zählen. Er bemerkte seinen Verfolger nicht, der gleich nach ihm in die Gasse schlich. Er war so versunken in das Zählen des Geldes, dass er den mit langsamen Schritten näher kommenden Verfolger immer noch nicht bemerkte. Gerade als er mit dem Zählen fertig war und das Geld zurück in seine Hosentasche stecken wollte, bemerkte er den Verfolger, aber da war es bereits zu spät.
Tom ließ das Geld aus seiner Hand auf den Boden fallen und sah wie erstarrt den vor ihm stehenden Verfolger an. Doch als ob er ahnen würde, was ihn nun erwartete, gab er keinen Ton von sich.
Zwischen dem Mann, der einen mittelmäßigen Anzug trug und etwa 10 cm länger als Tom war, und Tom bestand nur noch eine sehr kurze Entfernung, doch trotzdem konnte Tom sein Gesicht nicht erkennen. Sein Umhang, der am Kragen des Anzugs befestigt war, war so lang, dass er fast den Boden berührte. Der Mann trug einen Zylinder.
Tom, der dies alles innerhalb von Sekundenbruchteilen erkannt hatte, beugte seinen Kopf leicht nach unten, um den Gehstock, den der Mann in der Hand trug, zu betrachten. Genau in diesem Moment hob der Mann den Gehstock, den er in der Hand hielt, und steckte eine schwertartige Klinge am Ende des Gehstocks in Toms Kinn, den dieser vorgebeugt hielt, und durchbohrte seinen Kopf, bis die Klinge komplett an der Schädeldecke herausragte.
Tom erzitterte kurz, bevor sein toter Körper in die Arme seines Mörders fiel. Der Mörder verlor keine Zeit. Er nahm seine Werkzeuge, die er vorher bereits in einem Tuch um seine Hüfte gebunden hatte, breitete diese auf dem Boden aus und fing sofort damit an, die Reihenfolge, die er vorher grob in seinem Kopf geplant hatte, abzuarbeiten.
Er nahm sechs 35 cm lange Stahlnägel aus dem Tuch und nagelte einen von diesen mit einem Hammer an die Wand des Gebäudes, neben dem er sich befand.
Anschließend höhlte er den Bereich unter der rechten Schulter seines Opfers mit einem langen Messer aus. Danach nahm er den toten Körper auf und hängte das Opfer an dem Loch, welches er zuvor aushöhlte, an den Nagel, den er kurz davor in die Wand geschlagen hatte.
Nachdem er mit den übrigen fünf Nägeln den leicht nach links hängenden Körper des Opfers an der Wand fixiert hatte, fing er an, den letzten Teil seines Vorhabens umzusetzen.
Nachdem er sein Opfer etwa 20 cm über dem Boden aufgehängt hatte, begann er unter dem Einsatz verschiedener Werkzeuge, Teile aus dem Körper seines Opfers zu schneiden, und legte diese in einen, dem Anschein nach, speziell hierfür vorbereiteten Beutel ab.
Als Letztes nahm er ein langes Messer und durchtrennte den Hals des Opfers, bis nur noch die Wirbelsäule herausragte. Damit war das Zuschneiden abgeschlossen. Er fing an, sein Opfer mit einem speziellen Tuch einzuwickeln. Das Tuch war zehn cm breit, und einen Teil dieses Tuchs befestigte er mit Nägeln an die Wand. Anschließend spannte er den Körper seines Opfers in Richtung gegenüberliegende Wand. Als das Spannen zu Ende war, befestigte er auch das andere Ende des Tuches mit den Nägeln an die Wand und schnitt den Rest des Tuches ab.
Dieses Ritual, das so lange klingt, hatte er in nur 10 Minuten vollzogen. Nachdem seine Arbeit beendet war, trat er drei Schritte zurück und betrachtete sein Opfer, das nun aussah wie eine Mumie. Danach packte er alle seine Werkzeuge ein und ging mit langsamen Schritten davon, mit dem Wissen, dass er nun den Plan für sein nächstes Opfer umsetzen musste. Verzögerungen konnte er sich nicht leisten.
Im Morgengrauen standen zwei stark angetrunkene Freunde an der Ecke der Gasse und versuchten herauszufinden, was das Objekt, das aussah wie ein eingewebter Seidenkäfer, eigentlich war. Sie gingen näher und begannen, es links und rechts zu begutachten. Als sie schließlich das Tuch an einer Stelle etwas zur Seite drückten, erkannten sie, dass es sich um eine Leiche handelte. Die zwei Freunde verfielen beim ersten Anblick in Panik und wollten schon davonlaufen, doch sie kamen schnell zu sich und beschlossen, dass das einzig Richtige die Polizei zu informieren sei. Somit machten sie sich gerade auf den Weg zur Polizeiwache. Als der, der weniger betrunken war, sah, dass da etwas auf dem Boden glänzte, tat er so, als wäre er gestolpert, fiel zu Boden und steckte den Geldbeutel, ohne dass sein Freund es mitbekam, in seine Hosentasche. Er nahm es als Erbe von einem Verstorbenen an. Auf dem Weg zur Polizeiwache hatte er die Gelegenheit, den Geldbeutel mit seinen Fingern abzutasten, und wenn das, was er fühlte, ihn nicht täuschte, dann befand sich ein echt großer Betrag in diesem Beutel.
Die Schilderungen der beiden Freunde wiesen große Parallelen zu den anderen drei Mordopfern auf, sodass die Polizei keine Zeit verlor und sich sofort auf den Weg machte. Bevor sie zum Tatort aufbrachen, benachrichtigten sie den Detektiv, der in diesen Fällen ermittelte.
Bis der Detektiv zum Tatort kam, riegelten die Polizisten lediglich den Tatort ab und versuchten, die neugierige Menge von diesem fernzuhalten. Der Detektiv Jonathan von der Mordkommission arbeitete lieber allein. Er hatte bisher alle Mordfälle, in denen er ermittelte, bis zum kleinsten Detail aufgeklärt. Er war als ein willensstarker Detektiv bekannt, doch selbst er konnte in diesen neuen Mordfällen keinen Anhaltspunkt ermitteln.
Alle Mordopfer waren so getötet worden, als würde jemand an ihnen Rache üben, doch zwischen den Opfern bestand überhaupt keine Verbindung. Jedoch dieses Mal hatte der Mörder ihnen eine Nachricht hinterlassen. Jonathan hatte diese Nachricht etwas später bei der Untersuchung des Opfers gefunden.
Jonathan, der das Tuch äußerst vorsichtig von der Leiche nahm und immer mehr vom Körper sah, war klar, dass die entnommenen Körperstellen fast gleich wie bei den anderen drei Mordopfern waren. Doch diesmal war noch etwas anderes da, was es bei den anderen Opfern nicht gab. Etwas fiel zu Boden, und somit hatte er die Nachricht gefunden.
Ich erfülle nur die Berufung, die mir das verleiht, woran ich glaube. Je mehr Sie versuchen, mich aufzuspüren, desto mehr vergrößert dies meinen Enthusiasmus bei meiner Arbeit. Mehr erreichen Sie hierdurch nicht. Lassen Sie mich in Ruhe. Sobald ich alle getötet habe, die ich töten muss, werde ich damit aufhören. Sie sollten Ihre wertvolle Zeit nicht damit vergeuden, gewöhnliche Menschen beschützen zu wollen. Stattdessen sollten Sie versuchen, das zu schützen, was Ihnen wertvoll erscheint.
Jonathan, der diese Notiz nicht verstand, hielt es für besser, diese Nachricht für sich zu behalten, bis er mehr Beweise gesammelt hatte, und steckte die Notiz vorsichtig und ohne dass es jemand mitbekam, in seine Tasche.
Nachdem er die Leiche routinemäßig untersucht hatte, deutete er den Polizisten an, dass die Leiche abtransportiert werden konnte. Die Polizisten hatten es sehr schwer, die Leiche von ihrer Fixierung zu lösen.
Jonathan sagte, er müsse sich eine Weile zurückziehen und sich zu Hause ausruhen, doch eigentlich wollte er nur die Notiz weiter untersuchen.
Als er nach Hause kam, ließ er sich ein Bad ein und versuchte eine Zeit lang, sich nur auf einen Punkt zu konzentrieren und somit seinen Kopf freizumachen. Wenn wir ehrlich sind, war er nicht erfolgreich. Egal, worüber er nachzudenken versuchte, seine Gedanken kreisten und verfingen sich immer wieder an der Notiz, die der Mörder hinterließ.
Er konnte nicht länger widerstehen. Er streckte seine Arme, griff nach seiner Jacke, die auf dem nahegelegenen Tisch lag, nahm die Notiz aus der Tasche und las sie immer wieder. Er untersuchte jeden einzelnen Buchstaben und versuchte zu verstehen, was ihm der Mörder mitteilen wollte. Doch egal, wie er es betrachtete, die Notiz erschien ihm immer wieder wie eine simple Drohung. Was er nicht verstand, war, warum jemand, der ohnehin keine Spuren hinterließ, ihm drohte.
Jonathan, der vor dem Anbruch der Dunkelheit einschlief, wurde von einem lauten Klopfen an der Tür geweckt. Er sprang kurz erschrocken auf, beruhigte sich gleich darauf und öffnete die Tür.
Der Polizist an der Tür teilte ihm mit, dass noch eine Leiche gefunden wurde und der Polizei-Hauptmann ihn sprechen wollte. Da fiel ihm erst ein, auf seine Uhr zu schauen. Er sah, dass es vier Uhr morgens war.
Diesmal gehörte die Leiche, die gefunden wurde, einem Mitglied des Stadtrates. Der Mann wurde auf ähnliche Weise getötet wie die vorherigen Mordopfer, und die Leiche war unter eine Kutsche angebunden. Auch von diesem Opfer wurden Körperteile entfernt, ähnlich wie bei den übrigen Mordopfern.
Während Jonathan die Leiche untersuchte, fiel ihm gleich auf, dass es keinen Unterschied zu den anderen Morden gab. Und auch wenn er die tragische Lage den anderen mitteilen wollte, schüttelte er langsam den Kopf.
Jonathan beobachtete von der Seite aus, wie die Leiche für weitere Untersuchungen abtransportiert wurde. Als er aus einer Institution heraus in die Menge hinter der Polizeiabsperrung sah, blickte er für einen kurzen Moment in die Augen eines Mannes. Der Mann hob sofort seinen Arm und machte eine Bewegung, die so viel heißen sollte wie: „Kann ich Sie für einen Moment sprechen?“
Auch wenn Jonathan nicht wusste, was der Mann von ihm wollte, ging er in seine Richtung. Der Mann, der sah, wie Jonathan auf ihn zukam, bahnte sich einen Weg aus der Menge heraus.
Zwischen ihnen war nur noch eine Entfernung von etwa fünfzig Metern, und sie bewegten sich im gleichen Tempo. Der Mann, der etwas weiter vorne war, ging in den Park und setzte sich gleich unter den ersten Baum, den er sah. Während Jonathan sich dem Mann näherte, dachte er darüber nach, ob er Vorsichtsmaßnahmen ergreifen sollte oder nicht.
Doch Jonathan setzte keine der Maßnahmen, die ihm einfielen, um. Stattdessen ging er zu dem Mann und setzte sich neben ihn. Nach einigen Sekunden beugte der Mann sich etwas in Richtung Jonathan, lächelte schwach und begann zu sprechen.
Der Mann sagte: „Ich sollte mich erst einmal vorstellen. Mein Name ist Peter Wyss, ich bin hoch erfreut, Sie kennenzulernen.“ Daraufhin streckte er Jonathan seine Hand entgegen.
Jonathan wollte diese freundliche Geste des Mannes erwidern, ihm die Hand schütteln und sich selbst vorstellen, doch der Mann sagte: „Ich weiß, wer Sie sind und welchen Beruf Sie ausüben.“
Jonathan wusste nicht, woher dieser Mann ihn kennen sollte, doch er musste nicht lange darüber nachdenken. Der Mann zeigte auf die Zeitung in seiner Hand und auf den Artikel unter dem Foto von Jonathan.
Nachdem er kurz den Artikel überflogen hatte, begriff Jonathan, dass in diesem Artikel viel von ihm und seiner Arbeit geschrieben war. Während Jonathan dem Mann seine Zeitung zurückgab, wollte er wissen, was der Mann von ihm wollte. Doch dies teilte er ihm nicht mit Worten, sondern mit Gesten mit.
Peter begriff schnell und begann damit, Jonathan Einzelheiten von sich selbst zu geben.
„Als ich meine Familie in sehr jungen Jahren verlor, wurde ich vom Schweizer Staat versorgt und habe anschließend lange Jahre in staatlichen Einrichtungen gearbeitet. Ich habe mich nie über die Arbeit, die mir zugewiesen wurde, beschwert. Als Letztes habe ich an den Vorbereitungen zum geplanten Bundesbriefmuseum im Kanton Schwyz gearbeitet, und vor 14 Jahren bin ich in das Land der Träume gekommen. Ich kam nicht mit leeren Händen. Ich habe ihnen allen ein Geschenk mitgebracht. Dieses Geschenk befindet sich derzeit in der Bibliothek des Kongresses. Es ist eine sehr gut übersetzte Kopie, die sich in der Abteilung für gefährliche Organisationen befindet. Diese Übersetzung wurde zu einem Buch verarbeitet, und nur hochrangig befugte Personen haben Zugriff darauf.“
Jonathan nutzte eine kurze Pause von Peter, um zu fragen: „Und was hat das alles mit mir zu tun?“ Daraufhin antwortete ihm Peter: „Ich bin ja noch gar nicht fertig mit meiner Erzählung.“ Da wusste Jonathan, dass er noch etwas geduldiger sein musste.
„Ich wurde im Kanton Luzern geboren, und obwohl meine Familienwurzeln sehr weit in der Geschichte zurückzuverfolgen sind, bin ich ganz allein auf der Welt. Aufgrund der vielen schrecklichen Katastrophen, die meine Familie heimsuchten, bin ich der letzte Vertreter des Familienstammbaums. Mit mir zusammen wird die gesamte Familie aussterben. Sie können denken, dass dies schrecklich ist. Also, wenn eine Familie mit ihrem letzten Vertreter zusammen aussterben wird, kann dies schlimm erscheinen. Doch wenn man es von der anderen Seite betrachtet, werde ich nach meinem Tod niemanden hinter mir zurücklassen. Und das wiederum gibt mir die Freiheit, an niemand anderen denken zu müssen als an mich selbst. Doch auch wenn ich bisher immer mit dieser Freiheit lebte, gab mir der Zeitungsartikel Anlass zum Nachdenken, und ich sagte mir, wenn ich die Dinge, die ich weiß, nicht den anderen mitteile, dann werde ich die Augen vor diesen schlimmen Dingen verschlossen haben. Und deshalb habe ich beschlossen, mich mit Ihnen in Verbindung zu setzen.“
Jonathan, der sich bisher keinen Reim auf das Erzählte machen konnte, fragte: „Welche Verbindung besteht zwischen den Morden und Ihrer Kontaktaufnahme zu mir? Kennen Sie den oder die Mörder? Oder möchten Sie mir Informationen über die Morde an sich geben?“ Gleich nachdem er seine Fragen gestellt hatte, begriff er, wie dumm diese Fragen waren, doch es war nun mal ausgesprochen. Peter lächelte nur als Antwort auf diese Fragen, und Jonathan pflichtete ihm bei.
„Wenn ich ein Mörder wäre, wäre ich nicht hierhergekommen. Außerdem möchte ich keine Informationen über den Mörder geben, sondern ganz im Gegenteil: Ich möchte Ihnen sagen, dass Sie diesen Mörder niemals fassen werden. Wenigstens nicht lebendig.“ Diese Worte von Peter waren sehr glaubhaft, doch was wollte Peter von ihm? „Wenn Sie denken, dass ich den Mörder nie fassen werde, wie können Sie mir dann helfen? Und außerdem sprach ich von dem Mörder oder den Mördern, doch Sie sprechen nur von einem Mörder. Wie kommen Sie darauf?“
„Denn ich bin mir hundertprozentig sicher, dass es nur ein Mörder ist.“
„Wie können Sie sich da so sicher sein? Sie sagen, den Mörder würde man nie fassen. Sie sagen, dass Sie mir keine Informationen zum Mörder geben können, doch Sie sind sich absolut sicher, dass es nur ein Mörder ist. Wie kommen Sie darauf?“
„Sie täuschen sich. Ich sagte, ich könnte Ihnen keine Informationen zum jetzigen Mörder geben, doch ich kann Ihnen sehr wohl Informationen über die Morde an sich geben. Doch trotzdem werden Sie den Mörder nicht fassen. Zumindest nicht lebendig.“
„Und was sollen mir diese Informationen dann bringen?“
„Diese Morde werden nicht zum ersten Mal verübt. Ähnliche Mordfälle, oder wie manche es ausdrücken, Serienmorde, finden überall auf der Welt statt und wurden auch schon früher verübt. Doch es wurde immer erreicht, dass Geschichtsforscher sich nie mit diesen Mordfällen beschäftigten. Und Sie werden es dieses Mal wieder tun. Glauben Sie mir, viele Jahre später wird sich niemand mehr an diese grausamen Morde erinnern.“
„Und wie soll das passieren?“
„Es gibt immer zwei voneinander unabhängige Zellen bei einer Mordtat. Eine dieser zwei Zellen besteht aus einer Gruppe, und die planen Anschläge oder gesellschaftliche Katastrophen, um grausame Morde in Vergessenheit geraten zu lassen. Diese Anschläge sorgen dafür, dass die Morde an diesen gewöhnlichen Menschen in die Tiefen der Geschichte begraben werden.“
„Warum sorgen sie dafür, dass sie in Vergessenheit geraten, und woher haben sie so viele Informationen über diese Menschen?“
„Über die Kunst des Mordes.“
„Was ist das?“
„Dies hat etwas mit dem Geschenk zu tun, von dem ich Ihnen erzählt hatte. Dieses Geschenk ist eine erstklassige Kopie des Originals, und als ich es der Kongress-Bibliothek überließ, stellte ich nur eine Bedingung an die Befugten, und das war, dass dieses Zeugnis, das so viele lexikalische Informationen enthält, nur, wenn es unbedingt erforderlich ist, von hochrangig befugten Personen gelesen werden darf. Ich hatte Ihnen das vorhin schon erzählt, nicht wahr? Ich werde alt.“
„Und was enthält dieses Schriftstück genau?“
„Sie haben ja leider Gottes die Art und Weise gesehen, wie diese Morde ausgeübt wurden, und ich kann Ihnen nur sagen, dass dieses Schriftstück Hunderte von Wegen aufzählt, wie diese Morde begangen werden können. Wenn einer der hundert möglichen Wege ergriffen wird, werden alle Morde nach diesem Muster begangen. Auch wenn sich die Tatorte oder die Tatdurchführung ändern, bleiben aufgrund des gewählten Weges die entnommenen Körperteile immer dieselben.“
„Wenn wir keine Chance haben, den Mörder zu fassen, welchen Weg sollten wir dann einschlagen?“
„Man könnte versuchen, herauszufinden, welcher Anschlag geplant wird, um diese Morde zu verbergen. Vielleicht planen sie etwas wirklich Wichtiges.“
„Wie sollen wir das rausfinden?“
„Früher oder später werden sie diesbezüglich einen Hinweis geben.“
Während der Mann nach diesem letzten Satz mit seinen Fingern durch sein fast ergrautes Haar fuhr, glitt Jonathan mit seiner Hand in seine Hosentasche. Peter bemerkte dies unverzüglich und fragte: „Sie haben den Hinweis schon erhalten, oder?“
„Ich fand die Notiz in der Umwicklung der letzten Leiche.“
„Wenn es keine Umstände macht, darf ich die Notiz mal ansehen?“
…

