Krimi & Spannung

Der Putzmittelcocktail

I. M. Zapatero

Der Putzmittelcocktail

Ungewöhnliche japanische Erzählungen

Leseprobe:

Der Unbezwingbare

Es ist schon viele Jahrzehnte her, vielleicht mehr als hundert Jahre, als Rikschas noch von Männern „gelaufen“ wurden. Damals wurde dieser Dienst nicht als „unmenschlich“ bezeichnet, im Gegenteil, er brachte ein wenig Geld ein, um eine Familie zu ernähren, wenn auch karg. Hikari war ein solcher, der an manchen Tagen bis zu 15 Fuhren übernahm. Er arbeitete für einen Unternehmer in der alten Stadt Nara, der Wiege der japanischen Kultur. Der Mann nannte ungefähr 20 dieser Fahrzeuge sein Eigen. Das Chippy, das sogenannte Trinkgeld, war damals sehr schmal, meist bekam der Kuli nichts, denn die Fahrgäste hatten ihren Preis ja schon im Vorhinein zu begleichen, aber es gab auch Gönner!
Einer dieser Gönner erzählte, er wäre der Nachfahre von Jonathan Gable, dem Sänften-Gegner. Er gab Hikari immer eine großzügige Zugabe. Er war Engländer und sein Name war Jon. Wenn er transportiert werden wollte und Hikari mit einem anderen Fahrgast unterwegs war, wartete Jon meistens auf ihn. Er hatte Mitleid mit dieser armen, ausgemergelten Gestalt eines Mannes, der anscheinend von klein auf nie genug zu essen bekommen hatte. Einmal musste ihn Hikari 10 km weit zu einem Geschäftstermin bringen und als Jon von der Rikscha stieg, sah er, dass der Arme kaum Luft bekam, so erschöpft war er. Hikari wollte seinen Gönner aber unbedingt zur rechten Zeit an sein Ziel bringen. Jon nahm ihn mit zu einem kleinen Laden an der Straße und bezahlte für Speis und Trank! „Und nun ruhe dich aus!“, er klopfte ihm auf die Schulter, „Ich bin in 3 Stunden wieder an Ort und Stelle, dann bringst du mich wieder zurück.“ Jon sprach verständlich Japanisch und Hikari verbeugte sich dankbar und dienstbeflissen. Als Jon zurückkam hatte er gute Laune, das Geschäft musste sich gelohnt haben, dachte sich Hikari. Jon bot ihm süße Reiskuchen an, bevor er wieder einstieg, und nannte noch einen Ort, zu dem er wollte. Hikari brachte ihn auch an diese angegebene Adresse. Es war ein Schneider, einer der für wohlhabende Rikscha-Herren arbeitete. Er stattete die Wallahs oder Kulis, wie die Rikschaläufer auch genannt wurden, mit passender Kleidung aus. Nun bestellte Jon für Hikari 2 verschiedene Gewänder in guter Qualität. Er erklärte ihm, dass er seinen Chef in Zukunft 2 Tage zuvor in Kenntnis setzen werde, wann und wo er abgeholt werden wolle, Hikari war somit für den ganzen Tag sein Kuli und konnte sich im Laufe so eines Tages von den Strapazen erholen. Hikari wusste nicht, wie er sich bedanken sollte. Er hatte die Augen niedergeschlagen und verbeugte sich in einem fort.
Jon stoppte ihn und sprach: „An diesen speziellen Tagen bist du mein ‚eigener Kuli‘ und musst dich gut gekleidet präsentieren, also sauber gewaschen in die neuen Kleider schlüpfen und mich abholen!“ Hikari wagte einen Einwand. „Herr, ich muss beim Abholen der Rikscha mein altes Gewand tragen, mein Chef würde mich verdächtigen, ihn zu betrügen, er würde mich hart bestrafen.“ „Ich verstehe!“, beruhigte ihn Jon. „Ich werde dein neues Gewand zu mir bringen lassen, dann kannst du dich vor der Fahrt bei mir umkleiden. Ich habe noch eine Aufgabe für dich an diesen Tagen, du wirst mich zu meinen Terminen begleiten. Du hast wache Augen und sollst meine Geschäftspartner scharf beobachten. Manchmal sind auch unehrliche unter ihnen, die nur an ihrem Vorteil und natürlich am Geld interessiert sind. Die sind die Gefährlichen, weil sie flink sind. Es wird nicht leicht für dich werden, aber ich werde dich dementsprechend belohnen. Es geht um ‚Kleinigkeiten‘ in Form von Steinen, manche sehen aus wie Glas, das sind die Wertvollsten! Du musst besonders auf die Hände und Finger dieser Menschen achten, denn sehr leicht kann so ein kleines Glassteinchen in ihren Ärmel gleiten.“ Jon ließ Hikari in der Rikscha Platz nehmen. Er holte drei Porzellangefäße aus seinem Koffer, dazu einen Stein. „Pass genau auf den Stein auf und lass dich nicht irritieren von der Schnelligkeit meiner Hände. Ich lege den Stein unter eines der Gefäße, dann verschiebe ich sie, immer und immer wieder. Deine Aufgabe ist es, herauszufinden, unter welcher Schale der Stein zu finden ist.“
Hikari hatte das Gemüt eines Kindes und Kinder sind in ihren Beobachtungen unverdorben, sie befinden sich auf einer anderen Ebene als Erwachsene, das ist ihr Vorteil!

Das Verwirrspiel begann! In 10 Versuchen versagte Hikari 2 Mal! Jon lobte ihn! Hikari gefiel diese Art von Spiel und er wurde mit jedem Mal besser! „Warum sind diese Steine so wertvoll?“, wollte er wissen. Jon gab ihm kurze ehrliche Antworten. „Der Wert“, sagte er zu Hikari, „ist eigentlich ein eingebildeter, aber für den Kenner ist so ein Stein oft unbezahlbar und vor allem unersetzbar, sollte er ‚unabsichtlich‘ im Ärmel oder sonst wo verschwinden. Niemand wird in dir eine Gefahr sehen, wenn du in der Kleidung eines Kulis in der Nähe bist. Ich werde es einrichten, dass man mir gestattet dich mitzubringen.“ Hikari hatte Farbe bekommen, er war sehr aufgeregt und stolz.
Plötzlich trat er erschrocken zurück: „Herr, ich darf aber die Rikscha nicht alleine lassen, ich muss immer in ihrer Nähe sein!“ Jon beruhigte ihn: „Daran habe ich schon gedacht, ich werde das regeln, du brauchst dich nicht zu sorgen. So, und nun bringst du mich nach Hause und ich möchte mich deines Stillschweigens versichert wissen!“ Hikari nickte und verneigte sich.
Eine Woche lang übte Hikari abends das Verschieben des Steines und wurde immer schneller dabei. Nun hatte er eine Aufgabe gefunden, die nicht nur seinen Körper, sondern auch seinen Geist in Anspruch nahm.
Als Jon Hikari für 2 ganze Tage buchte und beim Chef im Voraus bezahlte, war dieser zufrieden. Jon lobte die Pünktlichkeit des Kulis und vor allem die Höflichkeit. Mit diesem Tag begann für den Geschundenen ein neuer Lebensabschnitt, von dem er natürlich noch keine Ahnung hatte. Früh am Morgen holte er die Rikscha, lief damit zum Haus, in dem Jon wohnte und erhielt eines der beiden neuen Kleider. Er zog sich an, sah sich im Spiegel und erschrak erfreut. „Unglaublich, was ein neues Kleidungsstück aus einem Menschen macht!“, dachte er. Sein vornübergebeugter Körper straffte sich, er wollte seine Dankbarkeit zeigen, indem er, wie von ihm verlangt wurde, die Geschäftspartner Jons beobachtete. Sein Herr nahm in der Rikscha Platz und Hikari rannte eingespannt los. Diesmal waren 6 km zu bewältigen. Nachdem sie das Ziel erreicht hatten, wurde die Rikscha gesichert abgestellt und die beiden Männer betraten einen Saal, dessen Wände verspiegelt waren. Hikari fühlte sich ungemütlich. So ein durch die Spiegel optisch vergrößerter Raum irritierte ihn. Es kam ihm alles unübersichtlich vor, als wären anstelle der vier Geschäftspartner acht im Raum. Einmal stieß er sich den Kopf als er dachte, der Raum hätte noch einmal so viel an Breite, er sah sich auf sich selbst zukommen und musste sich erst innerlich zurechtfinden. Glücklicherweise gab es erst Mackerel Sushi und Sake. Hikari aß zwar tüchtig, trank aber nur Tee, er wollte sich auf den Raum konzentrieren und sich erst einmal mit der Spiegelsituation anfreunden. Er betrachtete unbemerkt die Geschäftspartner, beachtete die Kleidung, ihre Bewegungen und langsam hatte er das Gefühl, sich auf seine Konzentration verlassen zu können. Nach dem Mahl setzten sich die fünf Männer rund um einen Tisch und er saß schräg und still hinter seinem Herrn. Was sie miteinander über Steine und Karate redeten, verstand er nicht, aber er sah von einem zum anderen. Was er nicht von vorne entdecken konnte, zeigte der Spiegel auf der anderen Seite. Er war ganz wach, als die Steine auf den Seidentüchern zum Liegen kamen. Sie wurden gewogen, der Name und die Farbe vermerkt, verschiedene Nummern notiert, Härtegrade erwähnt … Er hörte alles wie von weit her und konzentrierte sich nur auf die Handbewegungen der vier Männer. Er sah nichts Auffälliges. Die erste Lage der Steine wurde nun in kleine Säckchen gefüllt und er hörte Jon sagen: „Der feueräugige Pyrop ist eingesackt.“ Vier der Steine wanderten von einem Händler zum anderen.

Einer der Geschäftspartner ließ die nächste Lage von Steinen auf die Seide legen. Wieder wurden Gespräche geführt, man begann neuerlich mit Betrachten und Staunen, über Qualität zu sprechen, zu wiegen, zu verkaufen. Hikari ließ sich nicht ablenken. Bevor die Steine in den Säckchen verschwanden, erhob sich Jon und sprach feierlich: „Diese Saphire sorgen für klaren, hellen Geist, mögen sie auch uns an diesem Abend etwas von ihrer Reinheit schenken.“ Beifälliges und freundliches Nicken folgte Jons Worten. Als er wieder Platz nahm, sah Hikari, dass Jon einen hellblauen Saphir blitzschnell in seiner Hand verschwinden ließ. Das raubte ihm für einen Moment die Fassung, aber er durfte sich nichts anmerken lassen. Nochmals erhob Jon die Stimme: „Der klare Saphir ist eingesackt.“
„Nun haben wir den härtesten aller Steine vor uns“, fing einer der Männer an. Hikari starrte nur mehr auf Jons Hände, er hörte nichts von den Reden, Messungen, Karaten. Er wartete wie versteinert, diesmal umsonst. Alles ging vor sich wie beim ersten Mal. Niemand versuchte etwas zu entwenden. Abschließend sprach Jon wieder: „Der Unbezwingbare ist eingesackt.“ Acht Diamanten wechselten den Besitzer.

Preise wurden ausgehandelt, Zahlungsmodalitäten besprochen. Wer von wem kaufte, das ging nicht mehr in Hikaris Kopf, er wollte auch nichts von den Zahlen hören, das alles war zu unheimlich und zu schwer zu begreifen. Er fühlte sich missbraucht, müde und enttäuscht von dem Mann, dem er vertraut hatte. Die Geschäfte waren abgeschlossen, die Herren verbeugten sich mehrmals und gingen schließlich auseinander. Jon war bestens gelaunt, rief nach Hikari und ließ sich nach Hause bringen. „Komm herein auf ein gutes Abendmahl, meine Küche ist zwar Englisch, aber Reis und Gemüse gibt es immer!“ Jon winkte nach ihm. Hikari trat in den Vorraum, bat um seine eigenen Kleider und erwähnte kurz, er müsse die Rikscha zurückbringen, danach werde er ihn nicht mehr belästigen. „Was ist los mit dir? Setz dich zu mir und entspanne dich bei einem guten Mahl. Ich habe dich für 2 Tage gebucht und dein Chef weiß, dass die Rikscha in meinem Hof sicher aufgehoben ist.“ Hikaris Gesichtszüge waren undurchsichtig und blicklos. Er setzte sich nicht. Jon war überrascht über diese abweisende Haltung und befahl ihm streng sich dazu zu äußern. Hikari schwieg erst, dann holte er weit aus.

„Als ich ein Kind war, hatte ich das Verlangen meinen Hunger zu stillen, ich lief durch den Markt in unserem Dorf und stahl eine Banane. Ich dachte, es wäre nicht gesehen worden, aber der Mann, der für die Ordnung verantwortlich war, hatte mich erwischt. Ich wurde meinem Vater übergeben, der mich, für alle sichtbar, schlug. Er hat an diesem Tag auch mein Innerstes geschlagen. Ich kann nicht mit einem Mann speisen, der vor meinen Augen einen Stein verschwinden ließ.“ Er wandte sich der Tür zu, ohne den Raum zu verlassen.
„Ach, das ist der Grund“, antwortete Jon. „Ich hab es an deinem Blick gesehen, schon bevor du mich nach Hause brachtest. Deshalb will ich mich mit dir unterhalten, ich will dir die Situation erklären, dann entscheide, ob du gehen willst oder weiter mit mir unterwegs sein möchtest. Ich weiß, dass du die Ehrlichkeit in Person bist!“ Hikari erhob seinen Blick, trat an den Tisch und nahm Platz. Jon sah ihm in die Augen und fragte: „Wen siehst du vor dir? Etwa einen Ausbeuter, einen Betrüger, einen Dieb, einen Ehrlosen?“ Er legte eine Gedankenpause ein, dann sprach er weiter. „Ich bin froh, dass deine Aufmerksamkeit während unseres Geschäftstreffens uns allen galt! Nun kann ich sicher sein, dass dir nichts entgeht! Du hattest deine Konzentration auf die Hände aller gerichtet, aber dadurch sind dir natürlich die Blicke entgangen. Ich war während eines Treffens, einige Wochen zuvor, von einem der gestern Anwesenden um einen Stein betrogen worden. Um einen besonders auffallenden Korund, der je nach Tageszeit seine Farbe wechseln kann. Der Mann hatte damals an meinem Blick erkannt, dass ich den Diebstahl wahrgenommen hatte, ihn vor seinen Geschäftspartnern als Dieb hätte entlarven können. Ich schwieg still, sah ihn aber lange an. Heute bot sich mir die Gelegenheit, im ‚Tausch‘ an einen blauen, seltenen Saphir zu kommen. Es war einer aus seinem Besitz. Bevor ich ihn nahm, gab ich ihm einen Wink mit den Augen. Er verstand und lenkte die anderen einen Augenblick ab. Ich nahm den Stein vor der Zählung und Einsackung an mich. So konnte die Sache wortlos zwischen uns bereinigt werden und keiner von uns ‚verlor sein Gesicht‘ vor den anderen. Der Saphir ist allerdings mehr wert als der Korund, den er an sich nahm, obwohl er aus der gleichen ‚Steingruppe‘ stammt. Der Preisunterschied ist ‚Bußgeld‘ und zur Wiederherstellung des Rufes gedacht! Damit ist die Sache aus der Welt!“
Hikari atmete tief ein, seine Augen bekamen wieder einen frohen Glanz und er war beruhigt in einem würdigen Haus sein Abendmahl einnehmen zu dürfen. Die Unterhaltung bekam einen neuen Schwung, erstmals fühlte er sich nicht als Diener unterer Klasse, sein Herr hatte ihn eingeweiht! Das Essen war schmackhaft, der Wein wusch auch den letzten Zweifel weg und vor der Nachtruhe erklärte Jon Wichtiges für den darauf folgenden Tag. „Morgen“, begann er, „ist wieder ein großer Tag. Unsere ‚Gruppe‘, es sind wieder andere Geschäftspartner am Verhandeln, hauptsächlich mit Halbedelsteinen in der ‚Mohs-Härteskala‘ zwischen 5 und 8. Du brauchst dir nichts zu merken, es wird später einmal wichtig werden für dich. Bitte sei aufmerksam, besonders wenn Smaragde und Topase genannt werden. Es kann sein, dass einer der Händler einen Bediensteten mitbringt. Achte auf ihn, er hat möglicherweise flinke, lange Finger. Smaragde sind momentan sehr gefragt und dementsprechend teuer. Der Topas ist ebenfalls gut zu verkaufen, die Preise orientieren sich eben an der Nachfrage. Die meisten dieser Geschäftsleute sind Japaner, es sind auch ein Ceylonese, ich glaube zwei Australier und ein Engländer dabei. Mit mir sitzen also noch 8 Geschäftsleute rund um den Tisch, da heißt es Augen auf! Im Grunde sind sie ehrliche Menschen, aber die Versuchung sitzt unsichtbar mitten unter uns.“

Am Morgen darauf bekam Hikari das zweite Gewand, es war keine „Kuli-Uniform“, es war in vornehmer dunkler Farbe gehalten, das Haori (Jackett) in Schwarz, der Hakama (Hosenrock) in Braun und der Obi (Gürtel) in Grautönen. Jon nickte und meinte, dass Hikari darin sehr elegant wirke. Die Strecke war diesmal eine kurze, es waren nur 3 km zu laufen. Die Lokalität war im Grünen gelegen, ein altes, aber geräumiges Hotel und der „oberen“ Schicht zugedacht. Die Räume wirkten eher dunkel, aber edel. Jon stellte seine Steine, in einer Kassette gesichert, auf den Tisch. Da er die Waren vorzustellen hatte, setzte er sich an die Stirnseite. Die Geschäftspartner trafen pünktlich ein, es wurden Höflichkeiten ausgetauscht, Tee serviert, frische Früchte kamen in großen Lackschalen auf den Tisch sowie Oyaki-Knödel und danach wurde zur Eröffnung der Sitzung „Trockener Sake“ gereicht.

Alles ging vornehm und in verhaltenen Stimmen vor sich. Der dunkle Mann aus Ceylon hatte einen jungen Helfer an seiner Seite, Hikari saß wieder schräg hinter Jon. Die Namen der Steine, die laufend genannt wurden, hatte er noch nie zuvor gehört. Aber sie machten ihn neugierig. Sein Blick war auf den Tisch gerichtet, er sah die verschiedenen Edelsteine aufleuchten, wenn sie Jon beim Namen nannte und auflegte. Da gab es den Feueropal, den dunkelgrünen Brasilianit, den Zoisit in Rot und Grün, den Lapislazuli, den Aquamarin, verschiedene Quarze, überall war die Härte in „Mohs“ dazu vermerkt. Es wurde verhandelt, gekauft, verkauft, „eingesackt“, die Verkaufsgespräche gedämpft geführt. Hikaris Augen hatten viel zu tun. Er war aufmerksam und lauernd hinter Jon und registrierte jede Bewegung. Fast drei Stunden waren vergangen, er schenkte dem jungen Ceylonesen die meiste Aufmerksamkeit. Als Letzte wurden der Topas in Mohshärte 8 und der „Trapiche Smaragd“ in Mohshärte 7,5 ausgerufen. In unterschiedlichen Größen wurden sie auf die Unterlage gebreitet, bewundert ob ihrer Schönheit und auch die Preise waren „schön“ hoch. Langsam und fast wie unabsichtlich hatte einer der japanischen Händler mehrere Smaragde in seine Hände genommen, sie wieder zurückgelegt, dann einige von den größeren Steinen berührt und auch sie wieder abgelegt. Hikari war sich sicher, dass er einen bei sich behalten hatte. Wie zufällig griff er an seinen Obi. Blitzschnell blickte er in die Runde, doch niemand schien ihn zu beachten. Er entschuldigte sich höflich und erwähnte, dass er dringend austreten müsse. Unauffällig und langsam entfernte er sich in Richtung Tür. Hikari überlegte, ob er ihm folgen sollte oder ob er Jon aufmerksam machen müsste. Er handelte schnell. Er ging dem Händler nach auf die Toilette und stellte ihn freundlich. „Ich bin heute als Detektiv hierher beordert worden, darf ich Sie routinemäßig kontrollieren? Immer wieder kommt es vor, dass an der Kleidung etwas hängen oder stecken bleibt.“ Der Händler war bleich und sprachlos. Er wollte protestieren, da lockerte Hikari den Gürtel blitzschnell, wie gelernt, und der Stein fiel auf den Boden. „Wie ist denn das passiert?“ Der Händler zeigte sich überrascht, da fiel auch noch ein Zoisit zu Boden. Hikari bückte sich und hob beide Steine auf. Die beiden Männer standen einander gegenüber.
Hikari fragte: „Wie werden Sie denn das der Runde bekannt machen, dass 2 Steine versehentlich im Gürtel stecken geblieben sind?“ Der Händler wäre am liebsten im Boden versunken. Er bat Hikari betreten, ob er die Sache ohne Aufsehen für ihn regeln könnte, es käme ohnehin niemand auf die Idee, dass es sich um einen Diebstahl handle, bei ihm als angesehener Geschäftsmann. Das wäre wirklich eine Zumutung! So etwas war ihm noch nie passiert. Hikari ließ ihn nicht aus den Augen. Schließlich griff der „ehrliche“ Geschäftsmann tief in die Geldtasche und reichte Hikari einen ansehnlichen Betrag. „Lassen Sie das!“ Er wies den Betrag von sich. Aber der Händler steckte ihm das Geld in seinen Gürtel, bedankte sich und bat ihn, diese unangenehme Angelegenheit zu vergessen. Hikari betrat den Raum leise, sah die Händler angeregt plaudern, viele Steine hatten ihre Besitzer gewechselt und diese Situation nutzte Hikari, um mit einem Ausruf: „Da liegen 2 Edelsteine am Boden!“, die Händler aufmerksam zu machen, dass möglicherweise durch Unachtsamkeit diese Kostbarkeiten zu Boden gefallen waren, ein Smaragd und ein Zoisit! Er hielt beide in die Höhe! Man prüfte und zählte und bald waren die Besitzer gefunden. Sie bedankten sich mehrmals bei ihm für seine Aufmerksamkeit. Genau in diesem Augenblick betrat auch der japanische Händler den Raum. Die beiden vermieden es einander anzusehen.

Als Jon abends heimgebracht wurde, bat er Hikari noch um seine Tischgesellschaft bei Reis und Fisch. Er fragte ihn, was es mit den Steinen auf sich hatte, die er am Boden fand. „Jedes Mal, wenn ein Säckchen mit Steinen entleert wurde, geschah dies in einem dafür platzierten Rahmen, der mit dunkler Rohseide ausgespannt war, da konnte sich kein Stein in eine Falte verirren … Wie kamen sie also auf den Boden?“ Hikari nahm aus seinem Obi 150.000 Yen. Jon runzelte die Stirne. „Hast du einen Diebstahl aufgedeckt? Erzähle!“, forderte er. Hikari erzählte die Sache mit den Steinen, aber er verschwieg den Namen des Geschäftspartners. „Es war ein japanischer Händler, mehr möchte ich nicht preisgeben, denn ich wurde für mein Schweigen bezahlt und will mein Versprechen halten.“ „Gut!“, sagte Jon. Er lobte die Detektiv-Idee. „In Zukunft werden sich alle ein wenig in Acht nehmen, denn es wird sich langsam herumsprechen, dass ich mit einem als Kuli getarnten Spitzel auftrete.“ Jon nickte vor sich hin und bemerkte halblaut: „Dieses Schweigegeld zeigt, dass der Dieb seine Ehre nicht sehr hoch einschätzte. Möglicherweise ist er für mehrere Vorkommnisse verantwortlich. Ich denke da an zwei Saphire und einen Topas, die auf geheimnisvolle Weise vor etwa einem Jahr verschwunden sind. Damals wurde der Kellner vorübergehend verhaftet und die ganze Hotelküche auf den Kopf gestellt …

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 600
ISBN: 978-3-99048-738-9
Erscheinungsdatum: 22.12.2016
EUR 23,90
EUR 14,99

Krampus & Nikolo