Der Dreschflegel
Ein etwas anderer Kriminalroman
EUR 18,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 142
ISBN: 978-3-7116-1924-2
Erscheinungsdatum: 20.08.2026
Die Jagd nach dem Mörder des Autors Rebert führt in linke und ökologische Milieus. Doch nicht nur Spuren bringen die Kommissare weiter – auch ihre Gespräche über den Sinn des Lebens rücken die Wahrheit Schritt für Schritt näher.
Unter einem Dreschflegel versteht man ein altes bäuerliches Werkzeug, das zum Dreschen des reifen Getreides verwendet wurde. Dieses Werkzeug wurde gebraucht, um nach der mühseligen Ernte die Getreidekörner aus den Fruchtständen zu lösen, damit diese dann zu Mehl weiterverarbeitet werden konnten. Das Wort Flegel ist ein romanisches Lehnwort, das vermutlich aus dem antiken Römischen Reich in den germanischen Sprachraum gelangt ist. Flagellum bedeutete in der lateinischen Sprache Geißel oder Peitsche. Man findet dieses Wort zum Beispiel in dem Wort Flagellanten, das im Mittelalter Mönche und andere fehlgeleitete Christen, die sich selbst geißelten, bezeichnete. Heute findet man solche Menschen bei den Schiiten im Iran, wo einmal im Jahr eine große Selbstgeißelung stattfindet, um dem Tod des Gründers dieser Glaubensrichtung zu gedenken. Denn die Anhänger Mohammeds waren nach seinem Tod im Jahr 632 n. Chr. der Meinung, dass sein Schwiegersohn Ali der rechtmäßige Nachfolger (Kalif) ist, aber nicht als solcher eingesetzt worden ist.
Da der Dreschflegel eine enorme Schlagkraft entwickeln kann, wurde er genauso oft wie die ebenfalls in vielen alten Romanen erwähnte Kriegssense als Bauernwaffe verwendet. Viele Bauern kämpften im Mittelalter in den mannigfaltigen kriegerischen Auseinandersetzungen gegen die Heere der Lehensherren und der Kirche mit diesen beiden Waffen. Diese gehörten auch zu den gefürchteten und grauenvollen Waffen in den Hussitenkriegen. Diese fanden in den Jahren 1419 bis 1434 statt. Auslöser dieser Kriege war der Prager Fenstersturz, als zahlreiche Anhänger des Reformators Jan Hus das Neustädter Rathaus stürmten, um Gefangene zu befreien. Dabei warfen sie zehn Amtsträger, darunter den dortigen Bürgermeister, aus dem Fenster. Jan Hus war ein tschechischer Reformator, dessen Forderungen sich vor allem gegen die Kirche als Institution richteten, die die Menschen unterdrückte, klein hielt und erniedrigte. Zum Dreschflegel ist noch zu sagen, dass es sehr gut möglich ist, dass sich aus ihm der Morgenstern entwickelte, der ebenfalls eine schlagkräftige Waffe war, die sich auch die Bauern leisten konnten.
Im übertragenen Sinn bezeichnet man als einen Flegel eine Person, die nicht fähig oder willens ist, sich nach den üblichen geltenden Verhaltensnormen zu richten. Diese Haltung zeigt sich meist in einem rüpelhaften Verhalten oder einer vulgären Sprache. Und oft treten diese negativen Verhaltensweisen gemeinsam auf. Die Herkunft des Wortes Flegel für einen solchen Menschen ist aber nicht gesichert, die Bezeichnung in diesem übertragenen Sinn wird jedoch schon über einen längeren Zeitraum verwendet. Der Name Dreschflegel hat auch als Folkgruppe Einzug in die Musikwelt gefunden. 1977 erschien eine LP dieser Musikgruppe gleichen Namens, auf der sich Lieder finden, die nicht nur in früherer Zeit als sozialkritisch und aufsässig gehalten wurden. Deshalb diese Gruppe aber gleich dem linken Spektrum zuzuordnen, erscheint nicht richtig. Vielleicht hilft uns eine Textprobe aus dem Kampflied der schlesischen Weber aus dem Aufstand von 1844, diese Zeit zu verstehen:
Hier im Ort ist ein Gericht,
viel schlimmer als die Vehme.
Wo man nicht erst ein Urteil spricht,
das Leben schnell zu nehmen.
Hier hilft kein Bitten und kein Flehn,
umsonst ist alles Klagen, gefällt
euch nicht, so könnt ihr gehen,
am Hungertuche nagen.
O, euer Geld und euer Gut,
das wird dereinst vergehen
wie Butter an der Sonne Glut,
wie wird’s dann um euch stehen.
Links, ja sogar sehr links war aber eine Vereinigung von jungen und aufsässigen Menschen, die es sich zum Ziel gesetzt hatten, die noch in kleinen Mengen vorhandenen Werte unseres einst christlichen Abendlandes, aus dem sich unser sogenannter Westen entwickelt hat, zu zerstören. Obwohl diese Letzten Rebellen vielfach auch Überschneidungspunkte mit einigen ökologischen Gruppierungen, den Kommunisten und Vertretern von Vereinen, die sich für die LGBT-Community einsetzten, hatten, war ihre philosophische Ausrichtung nicht klar einzugrenzen. Nebulös und extrem weltfremd waren jedoch ihre Forderungen, die sie in den Weiten des Internets und einem Printmedium mit dem Namen ‚Der Dreschflegel‘ unter das Volk brachten.
Aus diesem Grund gehörte diese linke Gruppierung auch zur literarischen Zielscheibe unseres Mordopfers Johannes Rebert, von dem in diesem Roman die Rede ist. Vor allem mit gewaltigen Worten und mit einer überaus spitzen Feder kämpfte er gegen diese Vereinigung. Johannes war überzeugter Christ und las täglich in der Heiligen Schrift, dem Wort Gottes an uns, und im Gebet richtete er Tag für Tag seine Worte an Gott. In Lesungen aus seinen bisher erschienenen sechs Romanen, in Leserbriefen und auch öffentlich im Fernsehen hatte er sich diese Letzten Rebellen und die Freunde der Natur zum Feind gemacht. Dies ging sogar so weit, dass diese extremen Gruppen mit mehreren Klagen versucht hatten, Rebert mundtot zu machen. Es ging dabei wie so oft um fälschlich vorgebrachte Tatbestände wie Verleumdung und Verhetzung, die diese Gruppierungen gegen den Autor ins Treffen führten. Johannes war in all seinen tiefsinnigen Schriften aber nie persönlich oder ausfallend gegen diese weltfremden Organisationen geworden, sodass er sich nicht vorstellen konnte, dass diese eine Anwältin gefunden hatten, die ernsthaft die Anliegen dieser Gruppen vertrat. Er kannte diese Rechtsvertreterin noch aus seinem überaus ereignisreichen Berufsleben. Er war nämlich über eine längere Zeit Sachbearbeiter für Rechtsangelegenheiten und Insolvenzen bei einer gesetzlichen Sozialversicherung gewesen und hatte bei vielen Konkurstagsatzungen und zahlreichen Strafverhandlungen wegen fahrlässiger Krida und Beitragshinterziehung Bekanntschaft mit ihrem Berufsstand gemacht. Hie und da brach es aus ihm auch noch in seiner Pension heraus, dass er von den Anwälten keine sehr hohe Meinung hatte. Obwohl sämtliche Klagen der Letzten Rebellen und der Freunde der Natur abgewiesen wurden, versuchten sie immer wieder aufs Neue, Johannes Rebert zu schaden. Aber genau das Gegenteil trat ein, denn mit ihrem Verhalten steigerten sie bloß den Bekanntheitsgrad des Autors. Aber eine Gegenklage, die dieser gegen diese aufmüpfigen Gruppierungen einbrachte, war sehr wohl von Erfolg gekrönt. Den Betrag von viertausend Euro aber, der Rebert in dieser Verhandlung zugesprochen worden war, spendete der Autor sofort an einen Verein, der sich um verfolgte Christen in kommunistischen und islamischen Ländern sorgte. Ebenso mussten sich diese grünen und linken Chaoten in einer Tageszeitung für ihr unangemessenes und aggressives Verhalten entschuldigen. Dies führte aber zu noch mehr Hass und Widerspruchsgeist gegen den Autor …
1.
Wie jedes Jahr fand in der niederösterreichischen Landeshauptstadt ein im ganzen Bundesland bekanntes Musikfestival statt. Dieses Festival gab es seit dem Jahr 2001 und fand ursprünglich in Wien und auf dem Salzburgring statt, seit 2009 aber in St. Pölten. Und wie jedes Jahr strömten Tausende Besucher von nah und fern in die Stadt. Im Jahr 2024 lag die Besucherzahl sogar bei 180.000, für alle Tage dieses Events zusammengerechnet. Und wie immer zur Zeit des Festivals war der Hauptbahnhof der Stadt meist voll mit Menschen und auch die Busse, die Richtung Festgelände fuhren, waren meist übervoll, obwohl es auch eigene Shuttlebusse in nicht geringer Anzahl gab. Die meist jungen Besucher übernachteten meist in eilig aufgestellten Zelten oder bloß im Schlafsack am Festgelände oder entlang des Traisenflusses. Sehr viele Zelte wurden nach dieser gut besuchten Veranstaltung einfach zurückgelassen und nicht mehr abgebaut. So viel zu den oft als arm genannten Jugendlichen, die von Teilen unserer Gesellschaft, vor allem von den NGOs, die unter dem Titel ‚Sozialindustrie‘ zusammengefasst werden können, bedauert werden. Am ersten Tag nach der gut besuchten Eröffnungsveranstaltung gingen acht Jugendliche vom Festivalgelände zu einem Platz nahe der Traisen, den sie bereits vom Vorjahr gut kannten. Sie stapften die nicht allzu steile Böschung hinunter zu einer Ausbuchtung des Flusses, die nur aus Steinen bestand. Am Hang wuchsen einige große Weiden, an denen sie sich beim Hinuntersteigen festhielten. Beim Fluss angelangt, legten sie ihre Toilettenartikel ab und zogen sich bis auf das Badegewand aus, denn in der Traisen wollten sie ihre Morgentoilette durchführen.
Da ertönten laute Schreie am Ufer, die weithin zu hören waren. Eine der beiden jungen Frauen, die der Gruppe vorausgeeilt war, hatte diese vor lauter Schrecken ausgestoßen. Vorbei war es mit Waschen und Zähneputzen, als auch alle anderen den leblosen Körper sahen, der nahe am seichten Wasser lag. „Der Typ ist wahrscheinlich sternhagelvoll“, meinte da eine der zutiefst erschrockenen Frauen zur anderen. Leicht verkrümmt lag der leblose Körper auf seiner rechten Seite und es war allen klar, dass es sich um einen älteren Mann handelte, dessen Haare bereits ergraut waren. Ihrer Schätzung nach war die Person zwischen sechzig und siebzig Jahre alt. Am Kopf hatte er eine große, klaffende Wunde und man sah geronnenes Blut, das über die ganze Stirn verteilt war und auch in den Haaren klebte. Nachdem sie sich etwas von dem Schreck erholt hatten, verständigten die jungen Leute sofort Rettung und Polizei. Den beiden Frauen, die sie jeweils im Büro telefonisch erreichten, schilderten sie ihre grausliche Entdeckung und beschrieben ihnen genau den Fundort. Zuallerst kam der Notarzt, gefolgt von der Rettung, wobei beide Autos das Blaulicht auf ihren Autos eingeschaltet hatten. Die beiden Fahrzeuge hielten auf dem Radweg und der Notarzt und die beiden Männer, die den Krankenwagen verließen, gingen ebenfalls die Böschung hinunter. Sie mussten sich ebenso an den großgewachsenen alten Weiden festhalten, um nicht hinunterzupurzeln. Nach einer ersten Untersuchung durch den Notarzt schüttelte dieser seinen Kopf, wohl um den beiden Sanitätern anzudeuten, dass sie zu spät gekommen waren.
Kurz danach bremste sich hinter dem Rettungswagen ein weiteres Auto mit Blaulicht ein. Ihm entstiegen zwei Kriminalbeamte, nämlich Chefinspektorin Julia Palitzky und Inspektor Siegfried Bräuer. Die Chefinspektorin erfasste eine immer, auch noch nach Jahren vorhandene Scheu, wenn sie zum ersten Mal ein Mordopfer erblickte. Die Beamtin war wie immer tadellos und stilvoll gekleidet, nämlich mit einem gutsitzenden schwarzen langen Rock und einer hellblauen Bluse. Der ihr gefolgte Inspektor mit dem etwas gewölbten Bauch hatte wie fast immer Jeans und eine abgetragene Lederjacke an. Seine Haare standen ihm leicht ab und kein Gel hätte es vermocht, sie zu bändigen. Ein ungleicheres Paar wie dieses gab es auch in keinem der Fernsehkrimis zu sehen. Und auch der immer wiederholte Ausspruch, der eine österreichische Fernsehserie jahrelang begleitet hatte, nämlich ‚Inspekta (Inspektor) gibts kan (keinen)‘, traf in keiner Weise zu, da beide diesen Dienstgrad innehatten. Und sie hatten es gerne, wenn sie auch so angesprochen wurden. Sofort gingen die Beamten zu den Sanitätern, die ihnen aber aus früheren Fällen nicht bekannt waren – denn der Notarzt war inzwischen bereits abgefahren –, und es dauerte einige Zeit, bis sie sich einander vorgestellt hatten. Nachdem Inspektor Bräuer ihre Daten und ihre erste Einschätzung aufgenommen hatte, trafen auch der Gerichtsmediziner und das Team der Spurensicherung ein. Alle waren wie vom Film gewohnt in weißer Kleidung erschienen, an Händen und Füßen hatten sie blaue Handschuhe und Gamaschen übergezogen. Da war es auch für die Sanitäter Zeit, ins Auto zu steigen und sofort abzufahren, diesmal ohne Blaulicht. Denn die Spurensicherer sahen es überhaupt nicht gerne, wenn zu viele Menschen am Tatort waren und die Spuren verwischten.
Nachdem der Gerichtsmediziner die ersten Aufnahmen gemacht hatte, beugte er sich zu dem Opfer hinunter, um es genauer zu untersuchen. Als Erstes fielen ihm die vielen Einstiche im Bauchbereich auf, die er aber vorerst unkommentiert ließ. Wie sich später herausstellte, hatte er mit seiner ersten Vermutung recht gehabt, dass er einen Diabetiker, wenn auch einen toten, vor sich hatte. Aber an Diabetes war das Mordopfer sicher nicht gestorben, denn die Wunde am Kopf und das viele Blut zeugten von einem harten, runden Gegenstand, womit dem Toten der Schädel eingeschlagen worden war. Weiters fand der Gerichtsmediziner Fußabdrücke am Hals und auf der Brust des Opfers. Diese tiefen Spuren zeugten von einem tiefen und großen Hass desjenigen Mörders, der dieses Leben so grausam ausgelöscht hatte. Ob die Tat geplant war oder im Affekt geschehen war, das konnte anhand der Sachlage zu diesem Zeitpunkt nicht gesagt werden. Trotzdem hatte jemand das Leben eines Menschen, das dieser noch vor sich gehabt hätte, ausgelöscht und urplötzlich zerstört. Und so wie sich der leblose Körper, der da am Ufer des langsam dahinfließenden Flusses lag, dem Gerichtsmediziner zeigte, hätte er wahrscheinlich noch einige gute Jahre, vielleicht noch Jahrzehnte, vor sich gehabt. Danach beugte sich der Mediziner zu der Hose des Getöteten und suchte nach einer Brieftasche, um die Identität des Opfers festzustellen. Fehlanzeige. Was er in den Hosentaschen fand, waren bloß einige Papiertaschentücher, ein Kamm, ein Schlüsselbund sowie einige Zwei-Euro-Münzen.
„Wenigstens irgendetwas habe ich gefunden“, sagte er leise zu sich selbst, denn anhand der Schlüssel würde es möglich sein, den Besitzer der Wohnung festzustellen. Aber das konnte natürlich Zeit in Anspruch nehmen, Zeit, die aber am Anfang einer schwierigen Ermittlung oft entscheidend war. Er nahm den Schlüsselbund, übergab ihn den beiden Ermittlern, die diesen an das Spurensicherungsteam weitergaben. Dieses war nun in Erscheinung getreten und machte noch einige Aufnahmen. Danach gaben sie den Schlüsselbund in ein Plastiksäckchen und beantworteten die Frage der Chefinspektorin, wie lange der Tote bereits sein Leben ausgehaucht haben dürfte, mit folgenden Worten: „Zirka zwischen zwölf und vierzehn Stunden“, meinte der hagere Gerichtsmediziner und fügte filmreif hinzu: „Genaueres erst nach der Obduktion.“ Inspektor Bräuer blickte auf die Uhr, die gerade 11 Uhr vormittags zeigte, und rechnete nach. „Voraussichtlich zwischen 21 und 23 Uhr“, sagte er zu seiner Kollegin, „muss der Tod eingetreten sein.“ Inzwischen war auch der Aspirant mit dem Namen Kevin Berger in seinem gelben 2CV eingetroffen, den er hinter dem Polizeiauto parkte. Seine Stellung und sein Vorname zeigten deutlich, dass er der jüngeren Generation angehörte. Er war fleißig und bemühte sich sehr, einen Dienstgrad höher eingereiht zu werden, was den Titel Inspektor bedeuten würde. Er hatte noch im Büro eine knifflige Aufgabe zu erledigen gehabt, die er wie immer genau und präzise bearbeitet hatte.
Oft wurde er mit Aufgaben am Computer, den er virtuos beherrschte, betraut. Aber auch etwas langweiligere Ermittlungen wurden ihm manchmal aufgetragen, nämlich solche, die die beiden Inspektoren nicht gerne selbst erledigten. Daher wuchs er eher schnell als langsam in das Team hinein und lernte die Ermittlungsarbeit von der Pike auf. Aus diesem Grund übergab ihm auch die Chefinspektorin den Schlüsselbund mit dem Auftrag, den Namen des Opfers zu ermitteln. „So viele Schlüsselhersteller oder Gebäudeverwalter wird es sicherlich in der Landeshauptstadt nicht geben“, dachte die Chefinspektorin Julia, und anhand der Schlüsselnummer würde es sicher möglich sein, den Inhaber auszuforschen. „Lassen Sie sich Zeit“, sagte Frau Palitzky zu Berger und fügte noch hinzu: „Ich bin sicher, dass Sie es schaffen werden, aber gehen Sie die Ermittlungen langsam an“, fügte sie noch hinzu. „Denn ohne den Namen des Opfers sind weitere Ermittlungen kaum möglich“, meinte sie noch ergänzend. „Es wird sicher noch eine geraume Zeit dauern, bis die genauen Ergebnisse der Obduktion und der Spurensicherung vorliegen, aber ohne Namen des Toten tappen wir im Dunkeln.“ Kevin machte sich auf den Weg ins Büro, um den Schlüsselinhaber auszuforschen. Da es ein langer Tag werden würde, versorgte er sich auf dem Rückweg in der Filiale eines Lebensmittelgeschäftes mit ausreichend Proviant und Getränken, die er in seinen Rucksack packte.
Julia und Siegfried, die schon länger beim Du waren, gingen, nachdem sich Kevin Berger von ihnen verabschiedet hatte, noch einmal zu dem Platz, wo der Tote gelegen hatte, zurück. Reberts Leichnam war aber schon vor wenigen Minuten in die Gerichtsmedizin, die sich im Universitätsklinikum der niederösterreichischen Landeshauptstadt befand, gebracht worden. Verwertbare Spuren fanden sie aber an der Fundstelle keine mehr. Alles ruhte jetzt auf Kevins Schultern, der die Identität des Opfers herausfinden sollte. Ob der Platz neben der Traisen auch der Tatort war, das zu klären war aber Aufgabe der Spurensicherung und des Gerichtsmediziners. Die Traisen war wie meistens im Jahr ein eher träge dahinfließender Fluss. Lediglich im Frühjahr und nach starkem Regen führte sie genug Wasser. Da konnte sie schon mal auch aus den Ufern treten, so wie es im Jahr 1997 geschehen war. Damals konnte man vom Fenster der Landhausküche aus die Fische vorbeischwimmen sehen. Die beiden ermittelnden Beamten hatten zwischenzeitlich Hunger bekommen und beschlossen deshalb, in einem Gasthaus in der Nähe des Bahnhofes zu Mittag zu essen. Die beiden gingen zu ihrem Dienstwagen, den Siegfried Bräuer nach dem Abtransport der Leiche in eine Parkbucht gestellt hatte, um den Verkehr auf dem Radweg nicht unnötig zu beeinträchtigen. Sie fuhren in das große Parkhaus neben dem Bahnhof, wo die dortige Polizeiinspektion Stellplätze für ihre Autos zur Verfügung hatte. Nachdem Bräuer dort eingeparkt hatte, legte er seinen Dienstausweis auf das Armaturenbrett und verließ mit Julia Palitzky die Garage.
Das Wirtshaus war wie immer zu dieser Tageszeit voll mit hungrigen Gästen besetzt, aber ein Plätzchen für zwei Personen war noch frei und das erfreulicherweise im Freien. Denn an den warmen Sommertagen war es angenehm, draußen zu sitzen und das Leben in der Fußgängerzone zu beobachten. Die beiden Inspektoren bestellten sich jeder eine Cola light und studierten die Speisekarte. Sie wählten aus den beiden Tagesmenüs, Julia Palitzky gebackenen Dorsch und Siegfried Bräuer den köstlichen Kaiserschmarrn mit Apfelmus. Auf die Suppe verzichtete er wie üblicherweise, obwohl er sie mitbezahlen musste. Denn er selbst nannte sich oft einen Suppenkasper. Mit dem üppigen Essen ließen sie sich Zeit und genossen das bunte Treiben in der Fußgängerzone, der Kremsergasse. Nach dem Mittagsmahl genehmigten sich beide noch einen Kaffee und die Chefinspektorin aß dazu noch einen Apfelstrudel. Nachdem beide die Mittagspause genossen hatten, rief Julia Palitzky mit ihrem Smartphone im Büro bei ihrem Kollegen Kevin Berger an. Dieser schluckte gerade seinen letzten Bissen seines kargen Mahls hinunter und meinte: Während sie genüsslich im Gasthaus gespeist haben, war ich fleißig und habe den Besitzer des Schlüsselbundes ausfindig machen können. Einige Anrufe bei Firmen, bei denen man solche Schlüssel anfertigen lassen kann, haben vorerst nichts gebracht. Anders sah es aber bei den Hausverwaltungen aus. Super, sagte Julia Palitzky und lobte Kevin. Wir können das alles dann bei der Besprechung um 14 Uhr klären, meinte sie zum Schluss des Gesprächs.
…
Da der Dreschflegel eine enorme Schlagkraft entwickeln kann, wurde er genauso oft wie die ebenfalls in vielen alten Romanen erwähnte Kriegssense als Bauernwaffe verwendet. Viele Bauern kämpften im Mittelalter in den mannigfaltigen kriegerischen Auseinandersetzungen gegen die Heere der Lehensherren und der Kirche mit diesen beiden Waffen. Diese gehörten auch zu den gefürchteten und grauenvollen Waffen in den Hussitenkriegen. Diese fanden in den Jahren 1419 bis 1434 statt. Auslöser dieser Kriege war der Prager Fenstersturz, als zahlreiche Anhänger des Reformators Jan Hus das Neustädter Rathaus stürmten, um Gefangene zu befreien. Dabei warfen sie zehn Amtsträger, darunter den dortigen Bürgermeister, aus dem Fenster. Jan Hus war ein tschechischer Reformator, dessen Forderungen sich vor allem gegen die Kirche als Institution richteten, die die Menschen unterdrückte, klein hielt und erniedrigte. Zum Dreschflegel ist noch zu sagen, dass es sehr gut möglich ist, dass sich aus ihm der Morgenstern entwickelte, der ebenfalls eine schlagkräftige Waffe war, die sich auch die Bauern leisten konnten.
Im übertragenen Sinn bezeichnet man als einen Flegel eine Person, die nicht fähig oder willens ist, sich nach den üblichen geltenden Verhaltensnormen zu richten. Diese Haltung zeigt sich meist in einem rüpelhaften Verhalten oder einer vulgären Sprache. Und oft treten diese negativen Verhaltensweisen gemeinsam auf. Die Herkunft des Wortes Flegel für einen solchen Menschen ist aber nicht gesichert, die Bezeichnung in diesem übertragenen Sinn wird jedoch schon über einen längeren Zeitraum verwendet. Der Name Dreschflegel hat auch als Folkgruppe Einzug in die Musikwelt gefunden. 1977 erschien eine LP dieser Musikgruppe gleichen Namens, auf der sich Lieder finden, die nicht nur in früherer Zeit als sozialkritisch und aufsässig gehalten wurden. Deshalb diese Gruppe aber gleich dem linken Spektrum zuzuordnen, erscheint nicht richtig. Vielleicht hilft uns eine Textprobe aus dem Kampflied der schlesischen Weber aus dem Aufstand von 1844, diese Zeit zu verstehen:
Hier im Ort ist ein Gericht,
viel schlimmer als die Vehme.
Wo man nicht erst ein Urteil spricht,
das Leben schnell zu nehmen.
Hier hilft kein Bitten und kein Flehn,
umsonst ist alles Klagen, gefällt
euch nicht, so könnt ihr gehen,
am Hungertuche nagen.
O, euer Geld und euer Gut,
das wird dereinst vergehen
wie Butter an der Sonne Glut,
wie wird’s dann um euch stehen.
Links, ja sogar sehr links war aber eine Vereinigung von jungen und aufsässigen Menschen, die es sich zum Ziel gesetzt hatten, die noch in kleinen Mengen vorhandenen Werte unseres einst christlichen Abendlandes, aus dem sich unser sogenannter Westen entwickelt hat, zu zerstören. Obwohl diese Letzten Rebellen vielfach auch Überschneidungspunkte mit einigen ökologischen Gruppierungen, den Kommunisten und Vertretern von Vereinen, die sich für die LGBT-Community einsetzten, hatten, war ihre philosophische Ausrichtung nicht klar einzugrenzen. Nebulös und extrem weltfremd waren jedoch ihre Forderungen, die sie in den Weiten des Internets und einem Printmedium mit dem Namen ‚Der Dreschflegel‘ unter das Volk brachten.
Aus diesem Grund gehörte diese linke Gruppierung auch zur literarischen Zielscheibe unseres Mordopfers Johannes Rebert, von dem in diesem Roman die Rede ist. Vor allem mit gewaltigen Worten und mit einer überaus spitzen Feder kämpfte er gegen diese Vereinigung. Johannes war überzeugter Christ und las täglich in der Heiligen Schrift, dem Wort Gottes an uns, und im Gebet richtete er Tag für Tag seine Worte an Gott. In Lesungen aus seinen bisher erschienenen sechs Romanen, in Leserbriefen und auch öffentlich im Fernsehen hatte er sich diese Letzten Rebellen und die Freunde der Natur zum Feind gemacht. Dies ging sogar so weit, dass diese extremen Gruppen mit mehreren Klagen versucht hatten, Rebert mundtot zu machen. Es ging dabei wie so oft um fälschlich vorgebrachte Tatbestände wie Verleumdung und Verhetzung, die diese Gruppierungen gegen den Autor ins Treffen führten. Johannes war in all seinen tiefsinnigen Schriften aber nie persönlich oder ausfallend gegen diese weltfremden Organisationen geworden, sodass er sich nicht vorstellen konnte, dass diese eine Anwältin gefunden hatten, die ernsthaft die Anliegen dieser Gruppen vertrat. Er kannte diese Rechtsvertreterin noch aus seinem überaus ereignisreichen Berufsleben. Er war nämlich über eine längere Zeit Sachbearbeiter für Rechtsangelegenheiten und Insolvenzen bei einer gesetzlichen Sozialversicherung gewesen und hatte bei vielen Konkurstagsatzungen und zahlreichen Strafverhandlungen wegen fahrlässiger Krida und Beitragshinterziehung Bekanntschaft mit ihrem Berufsstand gemacht. Hie und da brach es aus ihm auch noch in seiner Pension heraus, dass er von den Anwälten keine sehr hohe Meinung hatte. Obwohl sämtliche Klagen der Letzten Rebellen und der Freunde der Natur abgewiesen wurden, versuchten sie immer wieder aufs Neue, Johannes Rebert zu schaden. Aber genau das Gegenteil trat ein, denn mit ihrem Verhalten steigerten sie bloß den Bekanntheitsgrad des Autors. Aber eine Gegenklage, die dieser gegen diese aufmüpfigen Gruppierungen einbrachte, war sehr wohl von Erfolg gekrönt. Den Betrag von viertausend Euro aber, der Rebert in dieser Verhandlung zugesprochen worden war, spendete der Autor sofort an einen Verein, der sich um verfolgte Christen in kommunistischen und islamischen Ländern sorgte. Ebenso mussten sich diese grünen und linken Chaoten in einer Tageszeitung für ihr unangemessenes und aggressives Verhalten entschuldigen. Dies führte aber zu noch mehr Hass und Widerspruchsgeist gegen den Autor …
1.
Wie jedes Jahr fand in der niederösterreichischen Landeshauptstadt ein im ganzen Bundesland bekanntes Musikfestival statt. Dieses Festival gab es seit dem Jahr 2001 und fand ursprünglich in Wien und auf dem Salzburgring statt, seit 2009 aber in St. Pölten. Und wie jedes Jahr strömten Tausende Besucher von nah und fern in die Stadt. Im Jahr 2024 lag die Besucherzahl sogar bei 180.000, für alle Tage dieses Events zusammengerechnet. Und wie immer zur Zeit des Festivals war der Hauptbahnhof der Stadt meist voll mit Menschen und auch die Busse, die Richtung Festgelände fuhren, waren meist übervoll, obwohl es auch eigene Shuttlebusse in nicht geringer Anzahl gab. Die meist jungen Besucher übernachteten meist in eilig aufgestellten Zelten oder bloß im Schlafsack am Festgelände oder entlang des Traisenflusses. Sehr viele Zelte wurden nach dieser gut besuchten Veranstaltung einfach zurückgelassen und nicht mehr abgebaut. So viel zu den oft als arm genannten Jugendlichen, die von Teilen unserer Gesellschaft, vor allem von den NGOs, die unter dem Titel ‚Sozialindustrie‘ zusammengefasst werden können, bedauert werden. Am ersten Tag nach der gut besuchten Eröffnungsveranstaltung gingen acht Jugendliche vom Festivalgelände zu einem Platz nahe der Traisen, den sie bereits vom Vorjahr gut kannten. Sie stapften die nicht allzu steile Böschung hinunter zu einer Ausbuchtung des Flusses, die nur aus Steinen bestand. Am Hang wuchsen einige große Weiden, an denen sie sich beim Hinuntersteigen festhielten. Beim Fluss angelangt, legten sie ihre Toilettenartikel ab und zogen sich bis auf das Badegewand aus, denn in der Traisen wollten sie ihre Morgentoilette durchführen.
Da ertönten laute Schreie am Ufer, die weithin zu hören waren. Eine der beiden jungen Frauen, die der Gruppe vorausgeeilt war, hatte diese vor lauter Schrecken ausgestoßen. Vorbei war es mit Waschen und Zähneputzen, als auch alle anderen den leblosen Körper sahen, der nahe am seichten Wasser lag. „Der Typ ist wahrscheinlich sternhagelvoll“, meinte da eine der zutiefst erschrockenen Frauen zur anderen. Leicht verkrümmt lag der leblose Körper auf seiner rechten Seite und es war allen klar, dass es sich um einen älteren Mann handelte, dessen Haare bereits ergraut waren. Ihrer Schätzung nach war die Person zwischen sechzig und siebzig Jahre alt. Am Kopf hatte er eine große, klaffende Wunde und man sah geronnenes Blut, das über die ganze Stirn verteilt war und auch in den Haaren klebte. Nachdem sie sich etwas von dem Schreck erholt hatten, verständigten die jungen Leute sofort Rettung und Polizei. Den beiden Frauen, die sie jeweils im Büro telefonisch erreichten, schilderten sie ihre grausliche Entdeckung und beschrieben ihnen genau den Fundort. Zuallerst kam der Notarzt, gefolgt von der Rettung, wobei beide Autos das Blaulicht auf ihren Autos eingeschaltet hatten. Die beiden Fahrzeuge hielten auf dem Radweg und der Notarzt und die beiden Männer, die den Krankenwagen verließen, gingen ebenfalls die Böschung hinunter. Sie mussten sich ebenso an den großgewachsenen alten Weiden festhalten, um nicht hinunterzupurzeln. Nach einer ersten Untersuchung durch den Notarzt schüttelte dieser seinen Kopf, wohl um den beiden Sanitätern anzudeuten, dass sie zu spät gekommen waren.
Kurz danach bremste sich hinter dem Rettungswagen ein weiteres Auto mit Blaulicht ein. Ihm entstiegen zwei Kriminalbeamte, nämlich Chefinspektorin Julia Palitzky und Inspektor Siegfried Bräuer. Die Chefinspektorin erfasste eine immer, auch noch nach Jahren vorhandene Scheu, wenn sie zum ersten Mal ein Mordopfer erblickte. Die Beamtin war wie immer tadellos und stilvoll gekleidet, nämlich mit einem gutsitzenden schwarzen langen Rock und einer hellblauen Bluse. Der ihr gefolgte Inspektor mit dem etwas gewölbten Bauch hatte wie fast immer Jeans und eine abgetragene Lederjacke an. Seine Haare standen ihm leicht ab und kein Gel hätte es vermocht, sie zu bändigen. Ein ungleicheres Paar wie dieses gab es auch in keinem der Fernsehkrimis zu sehen. Und auch der immer wiederholte Ausspruch, der eine österreichische Fernsehserie jahrelang begleitet hatte, nämlich ‚Inspekta (Inspektor) gibts kan (keinen)‘, traf in keiner Weise zu, da beide diesen Dienstgrad innehatten. Und sie hatten es gerne, wenn sie auch so angesprochen wurden. Sofort gingen die Beamten zu den Sanitätern, die ihnen aber aus früheren Fällen nicht bekannt waren – denn der Notarzt war inzwischen bereits abgefahren –, und es dauerte einige Zeit, bis sie sich einander vorgestellt hatten. Nachdem Inspektor Bräuer ihre Daten und ihre erste Einschätzung aufgenommen hatte, trafen auch der Gerichtsmediziner und das Team der Spurensicherung ein. Alle waren wie vom Film gewohnt in weißer Kleidung erschienen, an Händen und Füßen hatten sie blaue Handschuhe und Gamaschen übergezogen. Da war es auch für die Sanitäter Zeit, ins Auto zu steigen und sofort abzufahren, diesmal ohne Blaulicht. Denn die Spurensicherer sahen es überhaupt nicht gerne, wenn zu viele Menschen am Tatort waren und die Spuren verwischten.
Nachdem der Gerichtsmediziner die ersten Aufnahmen gemacht hatte, beugte er sich zu dem Opfer hinunter, um es genauer zu untersuchen. Als Erstes fielen ihm die vielen Einstiche im Bauchbereich auf, die er aber vorerst unkommentiert ließ. Wie sich später herausstellte, hatte er mit seiner ersten Vermutung recht gehabt, dass er einen Diabetiker, wenn auch einen toten, vor sich hatte. Aber an Diabetes war das Mordopfer sicher nicht gestorben, denn die Wunde am Kopf und das viele Blut zeugten von einem harten, runden Gegenstand, womit dem Toten der Schädel eingeschlagen worden war. Weiters fand der Gerichtsmediziner Fußabdrücke am Hals und auf der Brust des Opfers. Diese tiefen Spuren zeugten von einem tiefen und großen Hass desjenigen Mörders, der dieses Leben so grausam ausgelöscht hatte. Ob die Tat geplant war oder im Affekt geschehen war, das konnte anhand der Sachlage zu diesem Zeitpunkt nicht gesagt werden. Trotzdem hatte jemand das Leben eines Menschen, das dieser noch vor sich gehabt hätte, ausgelöscht und urplötzlich zerstört. Und so wie sich der leblose Körper, der da am Ufer des langsam dahinfließenden Flusses lag, dem Gerichtsmediziner zeigte, hätte er wahrscheinlich noch einige gute Jahre, vielleicht noch Jahrzehnte, vor sich gehabt. Danach beugte sich der Mediziner zu der Hose des Getöteten und suchte nach einer Brieftasche, um die Identität des Opfers festzustellen. Fehlanzeige. Was er in den Hosentaschen fand, waren bloß einige Papiertaschentücher, ein Kamm, ein Schlüsselbund sowie einige Zwei-Euro-Münzen.
„Wenigstens irgendetwas habe ich gefunden“, sagte er leise zu sich selbst, denn anhand der Schlüssel würde es möglich sein, den Besitzer der Wohnung festzustellen. Aber das konnte natürlich Zeit in Anspruch nehmen, Zeit, die aber am Anfang einer schwierigen Ermittlung oft entscheidend war. Er nahm den Schlüsselbund, übergab ihn den beiden Ermittlern, die diesen an das Spurensicherungsteam weitergaben. Dieses war nun in Erscheinung getreten und machte noch einige Aufnahmen. Danach gaben sie den Schlüsselbund in ein Plastiksäckchen und beantworteten die Frage der Chefinspektorin, wie lange der Tote bereits sein Leben ausgehaucht haben dürfte, mit folgenden Worten: „Zirka zwischen zwölf und vierzehn Stunden“, meinte der hagere Gerichtsmediziner und fügte filmreif hinzu: „Genaueres erst nach der Obduktion.“ Inspektor Bräuer blickte auf die Uhr, die gerade 11 Uhr vormittags zeigte, und rechnete nach. „Voraussichtlich zwischen 21 und 23 Uhr“, sagte er zu seiner Kollegin, „muss der Tod eingetreten sein.“ Inzwischen war auch der Aspirant mit dem Namen Kevin Berger in seinem gelben 2CV eingetroffen, den er hinter dem Polizeiauto parkte. Seine Stellung und sein Vorname zeigten deutlich, dass er der jüngeren Generation angehörte. Er war fleißig und bemühte sich sehr, einen Dienstgrad höher eingereiht zu werden, was den Titel Inspektor bedeuten würde. Er hatte noch im Büro eine knifflige Aufgabe zu erledigen gehabt, die er wie immer genau und präzise bearbeitet hatte.
Oft wurde er mit Aufgaben am Computer, den er virtuos beherrschte, betraut. Aber auch etwas langweiligere Ermittlungen wurden ihm manchmal aufgetragen, nämlich solche, die die beiden Inspektoren nicht gerne selbst erledigten. Daher wuchs er eher schnell als langsam in das Team hinein und lernte die Ermittlungsarbeit von der Pike auf. Aus diesem Grund übergab ihm auch die Chefinspektorin den Schlüsselbund mit dem Auftrag, den Namen des Opfers zu ermitteln. „So viele Schlüsselhersteller oder Gebäudeverwalter wird es sicherlich in der Landeshauptstadt nicht geben“, dachte die Chefinspektorin Julia, und anhand der Schlüsselnummer würde es sicher möglich sein, den Inhaber auszuforschen. „Lassen Sie sich Zeit“, sagte Frau Palitzky zu Berger und fügte noch hinzu: „Ich bin sicher, dass Sie es schaffen werden, aber gehen Sie die Ermittlungen langsam an“, fügte sie noch hinzu. „Denn ohne den Namen des Opfers sind weitere Ermittlungen kaum möglich“, meinte sie noch ergänzend. „Es wird sicher noch eine geraume Zeit dauern, bis die genauen Ergebnisse der Obduktion und der Spurensicherung vorliegen, aber ohne Namen des Toten tappen wir im Dunkeln.“ Kevin machte sich auf den Weg ins Büro, um den Schlüsselinhaber auszuforschen. Da es ein langer Tag werden würde, versorgte er sich auf dem Rückweg in der Filiale eines Lebensmittelgeschäftes mit ausreichend Proviant und Getränken, die er in seinen Rucksack packte.
Julia und Siegfried, die schon länger beim Du waren, gingen, nachdem sich Kevin Berger von ihnen verabschiedet hatte, noch einmal zu dem Platz, wo der Tote gelegen hatte, zurück. Reberts Leichnam war aber schon vor wenigen Minuten in die Gerichtsmedizin, die sich im Universitätsklinikum der niederösterreichischen Landeshauptstadt befand, gebracht worden. Verwertbare Spuren fanden sie aber an der Fundstelle keine mehr. Alles ruhte jetzt auf Kevins Schultern, der die Identität des Opfers herausfinden sollte. Ob der Platz neben der Traisen auch der Tatort war, das zu klären war aber Aufgabe der Spurensicherung und des Gerichtsmediziners. Die Traisen war wie meistens im Jahr ein eher träge dahinfließender Fluss. Lediglich im Frühjahr und nach starkem Regen führte sie genug Wasser. Da konnte sie schon mal auch aus den Ufern treten, so wie es im Jahr 1997 geschehen war. Damals konnte man vom Fenster der Landhausküche aus die Fische vorbeischwimmen sehen. Die beiden ermittelnden Beamten hatten zwischenzeitlich Hunger bekommen und beschlossen deshalb, in einem Gasthaus in der Nähe des Bahnhofes zu Mittag zu essen. Die beiden gingen zu ihrem Dienstwagen, den Siegfried Bräuer nach dem Abtransport der Leiche in eine Parkbucht gestellt hatte, um den Verkehr auf dem Radweg nicht unnötig zu beeinträchtigen. Sie fuhren in das große Parkhaus neben dem Bahnhof, wo die dortige Polizeiinspektion Stellplätze für ihre Autos zur Verfügung hatte. Nachdem Bräuer dort eingeparkt hatte, legte er seinen Dienstausweis auf das Armaturenbrett und verließ mit Julia Palitzky die Garage.
Das Wirtshaus war wie immer zu dieser Tageszeit voll mit hungrigen Gästen besetzt, aber ein Plätzchen für zwei Personen war noch frei und das erfreulicherweise im Freien. Denn an den warmen Sommertagen war es angenehm, draußen zu sitzen und das Leben in der Fußgängerzone zu beobachten. Die beiden Inspektoren bestellten sich jeder eine Cola light und studierten die Speisekarte. Sie wählten aus den beiden Tagesmenüs, Julia Palitzky gebackenen Dorsch und Siegfried Bräuer den köstlichen Kaiserschmarrn mit Apfelmus. Auf die Suppe verzichtete er wie üblicherweise, obwohl er sie mitbezahlen musste. Denn er selbst nannte sich oft einen Suppenkasper. Mit dem üppigen Essen ließen sie sich Zeit und genossen das bunte Treiben in der Fußgängerzone, der Kremsergasse. Nach dem Mittagsmahl genehmigten sich beide noch einen Kaffee und die Chefinspektorin aß dazu noch einen Apfelstrudel. Nachdem beide die Mittagspause genossen hatten, rief Julia Palitzky mit ihrem Smartphone im Büro bei ihrem Kollegen Kevin Berger an. Dieser schluckte gerade seinen letzten Bissen seines kargen Mahls hinunter und meinte: Während sie genüsslich im Gasthaus gespeist haben, war ich fleißig und habe den Besitzer des Schlüsselbundes ausfindig machen können. Einige Anrufe bei Firmen, bei denen man solche Schlüssel anfertigen lassen kann, haben vorerst nichts gebracht. Anders sah es aber bei den Hausverwaltungen aus. Super, sagte Julia Palitzky und lobte Kevin. Wir können das alles dann bei der Besprechung um 14 Uhr klären, meinte sie zum Schluss des Gesprächs.
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