Cover: Der Brockenarzt

Der Brockenarzt
Morgenrot


EUR 27,00

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 476
ISBN: 978-3-99185-312-1
Erscheinungsdatum: 15.10.2026
Brockenstedt ist die neue Filmstadt des Harzes. Filmschaffende aus Amerika drehen vor Ort dramatische Szenen zum Thema ‚Satanas und seine große Liebe‘. Fast unbemerkt übernimmt ein unsichtbarer Puppenspieler die Regie. Die Atmosphäre verdüstert sich.
I
Einlass


Freitag, 26. Juni


Fragen

»Schaffen wir das zu zweit, allein?«
Diese Worte kommen ohne Vorsatz aus meinem Mund, bevor der Verstand prüft, ob es klug ist, sie auszusprechen. Aber ich bin nach der durchwachten Nacht geistig nicht auf der Höhe.

Gerald sieht mich mit hochgezogenen Augenbrauen an:
»Wir sind nicht allein. Vivian kommt bald zurück und Mathilde unterstützt uns. Notfalls ziehe ich Christa Sievers hinzu.« Er lacht.

»Gott bewahre.« Ich zucke zusammen. So schnell wendet sich das Blatt. Vor einer Woche hing für mich der Himmel voller Geigen, schien die Liebe zum Greifen nah. Und jetzt trübt Wehmut meine Psyche. Vivian ist vorhin mit dem ersten Zug abgereist. Sie besucht Göttingen und lässt uns mit Maria, der kratzbürstigen Achtjährigen, allein.
Wir standen zu dritt am Bahnhof und winkten Geralds Tochter nach, was mir erneut einen Stich versetzt. Wieder eine Frau weniger in Brockenstedt, die einen trüben Tag zum Leuchten bringt.
Von Leni höre und sehe ich nicht das Geringste. Sie ist seit Dienstag aus meinem Leben gänzlich verschwunden. Ein Abschied ohne Aussicht auf ein freudiges Wiedersehen. Der Traum der ewigen Liebe zerstört. Ein wiederkehrendes, unausrottbares Schicksal?

Maria ist glücklich zur Schule gebracht. Wir begleiteten sie vom Bahnhof aus dorthin. Gerald trug die ganze Zeit unverdrossen den Schulranzen für sie, was die Kleine begeisterte. Jetzt sind wir auf dem Weg in die Praxis und jeder ist gedankenversunken, mit sich selbst beschäftigt.

»Es ist schade, dass Du am Sonntag den Kindern im Waisenhaus keine Märchen mehr erzählst«, sagt Gerald übergangslos.
Meine Schritte verlangsamen sich. »Ohne Vivian ist die Veranstaltung sinnlos. Das war ihre Idee. SIE ist die begnadete Märchentante. Ich bin immer nur dabei.«
»Trotzdem schade«, sagt er: »Die Kinder freuen sich doch über solche Geschichten. Du weißt ja: Das Schönste auf der Welt ist das Glück, von dem ein Märchen erzählt.«

»Wer sagt das?«, frage ich mürrisch: »Und ist das jetzt gut oder schlecht? Gibt es kein Happy End in der realen Welt?«
»Das finden wir heraus.« Gerald grinst über das gesamte Gesicht und fragt: »Wie ist es mit den Schmerzen?«

Das erinnert mich an meine beiden Stichverletzungen, die an der Körperseite ziepen und brennen und übermäßige Anstrengungen, allzu flotte Bewegungen, vorerst ausschließen:
»Die sind akzeptabel. Den Tag stehe ich durch. Im Grunde ist es ein Wunder, überhaupt am Leben zu sein. Nur wenige Zentimeter entscheiden darüber.«

»Jemand wacht über Dich«, sagt Gerald und ich schüttele den Kopf.
»Ach ja? Und wer beschützte Peter? Keiner, oder? Wann kommt seine Tochter heute?«
»Am Nachmittag. Ich bereite mich mental darauf vor. Am Telefon wirkt sie gefasst.«

»Das ändert sich womöglich, wenn sie realisiert, dass der leblose Körper vor ihr nicht mehr aufsteht. Trotzdem ist es nötig, von einem geliebten Menschen physisch Abschied zu nehmen, um zu begreifen, was geschehen ist.«

Gerald ahnt offenbar, was ich damit andeute. »Lass uns heute Abend weiterreden. Zuerst ist dieser Tag zu überstehen.«

»Oh ja«, seufze ich. Christa Sievers wartet auf uns, der personifizierte Drachen im Empfangsbereich der Praxis. Gerald sieht das vermutlich anders. Meine Gedanken flattern orientierungslos umher.
»Wohin führt die Reise, wenn das Leben endet? Erfahren wir jemals die Wahrheit? Was wissen meine Eltern zu berichten, oder Peter Green? Welchen Thriller schreibt er darüber? Enthüllung: Auferweckt aus dem Reich der Toten?«

Wir stehen vor der Haustür und dem Eingang in die Praxis. »Hoffentlich war es das erst mal mit den Schicksalsschlägen«, sage ich.
Gerald lächelt. »Ich fürchte, nein.«
Für eine Nachfrage ist keine Zeit. Wir treten ein. Der tägliche Kampf ums Überleben fängt wieder an, nichts Neues für jeden von uns, oder?


Geisterwelt

Ist das ein Traum? Die Strafe für sein gottloses Leben?
Regen nieselt von der Höhe auf ihn herab, trifft sein Gesicht, fällt nach unten, in den klaffenden Abgrund. Er ist durstig, doch es gelingt ihm nicht, die Tropfen aufzufangen. Er bückt sich, schmeckt Blut auf seiner Zunge, das ihm den Mund ausfüllt. Dann sackt er zusammen, liegt reglos da, bleibt ungewisse Zeit ohne klares Bewusstsein.
»Ich bin tot«, denkt er und betrachtet sich von oben, außerhalb seiner selbst, über dem Körper schwebend. Bis sich eine fulminante, überwältigend entschlossene Kraft auf ihn stürzt und gegen seinen Willen abwärts in die bodenlose Tiefe zieht, unerbittlich, grundlos, hinabzwingt. Warum? Wohin?

Er kommt erneut zu sich. Es ist dunkel um ihn herum. Nacht. Schwarz. Undurchdringliche Düsternis. Die Hand vor Augen ist nicht zu sehen. Bewegt er sie? Oder ist er gelähmt? Sein ganzer Körper starr, unbeweglich, ohne Gefühl?
»Wo bin ich?« Der Gedanke überrascht ihn. »Und wie heiße ich?«

Es fällt ihm nicht ein. Keine Erinnerung daran, woher er kommt, wohin es ihn treibt.
Neue Stimmen dringen zu ihm vor. Er weicht zurück, mit einer einzigen flüchtigen Eingebung ist er woanders. Mühelos gelingt das, ohne Anstrengung ist er verschwunden, schwerelos geflohen, einem möglichen Zugriff entglitten. Er sucht ein Versteck, in dem er vor Angriffen sicher ist.
»Der Raum hier ist groß, weit und leer, oder? Gibt es feste Mauern, ein Schlupfloch?«
Er erschrickt. Ist sein Gedanke zu laut? Vernehmlich für andere?

Geisterhafte Strahlung durchdringt das Nichts. Kaum wahrnehmbare Energiestöße, chaotisch wechselnde Spannungen, unfassbare Schwingungen. Er weicht den fühlbar heranrollenden Wellen aus, um nicht getroffen zu werden, nicht gänzlich zu verschwinden, ausgelöscht zu sein.
»Wer bin ich?«, denkt er. »Was passiert hier?«

Urplötzlich hört er fremde Worte direkt neben sich. Sie dröhnen an sein Ohr, dringen hinein ins Innere des Geistes.

»Warum hasst uns das Finstere?«
»Streben wir nach oben. In das Licht. Erkennen, was Wahrheit ist oder Lüge.«

Die sprechenden Melodien in und neben ihm verebben langsam, werden leiser. Zu sehen ist unverändert nichts in dieser beständig öden Isoliertheit des Alleinseins. Bis auf Umrisse, schemenhafte Konturen, die abstrakte Formen bilden, Schattierungen in der Dunkelheit.
Er fürchtet sich. »Funktionieren meine Sinne? Bin ich blind? Nein. Das Dunkle ist nicht immer gleich. Ich nehme Änderungen in der Düsternis wahr. Sogar Zwielicht in der Ferne.«

Seine Gedanken drängen in ihm nach außen. Doch er ist vorsichtig, bleibt im Verborgenen, in Schweigen gehüllt, horcht hinein in die Stille. Da ist jemand, der nicht direkt zu ihm spricht, sondern vorübergleitet und vor sich hin murmelt, wie ein in sich selbst versunkenes Gespenst:

»Hier im goldenen Eiland bin ich geborgen, flüchte nicht mehr. Dieser Ort ist mein Leben, in dem ich ersehne, einen Laut zu finden, einen Klang, der mich umarmt. Ein liebes Wort, das zu mir spricht: ‚Du bist ein Mensch, unschuldig und gut.‘ Trotz allem, was ich bin und bereue und niemals sein werde oder zustande bringe. Obwohl die Welt vor mir flieht und das Antlitz scheut, mein Dasein leugnet.
Im träumerischen Spiel bin ich frei von Angst, selbstvergessen. Ohne jenes peinigende, mich bedrängende Gefühl, verloren zu sein. Der Vater stößt den Sohn fort von sich. Die Frau flieht vor der Gewalt und Qual im Haus, lässt die Kinder zurück im Verlies. Sie alle sterben, sind tot und doch nicht vergessen. Was bleibt? Nur die ohnmächtige Trauer im Schlaf und die entfesselte Wut, sobald ich erwache?
Ungeheuer heftig und tief bohrt der Schmerz in mir. Über mein Versagen, den Verrat. Und die Untreue und Enttäuschung darüber, sie geschehen immer wieder. Warum bin ich so und verletze mich selbst? Wer trägt die Schuld und versucht, all jenes aus der Welt zu schaffen, was lebendig ist?
Ich bin es nicht, oder? Doch wer sonst bringt das Verderben, lässt den Wurm frei, sendet ihn aus in das Licht, um zu vernichten, was Liebende verbindet? Warum nur, Vater, entzweist und quälst Du mich, setzt Walpurgis in diese Welt?
Wer führt uns beide auf den rechten, den endlos langen, alle Kräfte erschöpfenden Weg, den Pfad der Vergebung, der uns von unsäglicher Gewalt, Mord und Zerstörung, all dem sinnlosen Leid erlöst? Und wer sagt am Ende, dass wir lieb sind, Du und ich, egal, was die anderen raunen, die betrügen, demütigen, verachten, hassen und unendlich gemein sind zu uns? Wir sind nicht wie sie, oder?«

Er lässt diese klagende Stimme vorbeiziehen, weicht ihr aus, der fremden Seele, die seinen Weg kreuzt. Sie ist ihm nicht geheuer.
»Der Geist ist zu störrisch, um aufzugeben, sich hinzulegen und zu sterben«, denkt er: »So bin ich selbst. Unfähig, mich dieser Welt zu entziehen. Der entkommen wir nicht und verweigern uns doch ihrer Grausamkeit.«

Er stockt. Die urplötzlich aus dem Dunkeln an die Oberfläche des Bewusstseins emporsteigende Erinnerung ist klar: Sie sitzen zu zweit vor dem Haus. Schauen hinunter in das Tal und auf das Gebirge ringsum. Sehen sich für einen langen Moment in die Augen. Und verstehen sich wortlos. Sie fühlen grenzenlose Freiheit und eine Verbundenheit, die sie nicht beim Namen nennen. Doch dann kommt der Mann, dem seine Gefährtin versprochen ist und packt zu, reißt fort, was ihm gehört. Wer ist das? Gott oder Satanas?
Was folgt, ist ein unsichtbarer Stich in seine Mitte: Aus der benachbarten Zelle, in der seine Liebste gefangen ist, hört er Gejohle. Spürt die dort tobende unkontrollierte Gewalt, Schläge, Wimmern, die nackte Hilflosigkeit. Er ist außerstande, sich zu rühren. Die Hölle ist in ihm, unaussprechlich, anonym. Dann ist es vorbei. Totenstill. Er lauscht gekrümmt und sieht das Böse nicht kommen:
Der mächtige Schatten stürzt erneut herab, drückt ihm die Augen zu und stößt ihn wortlos weiter nach unten, tiefer hinab in das ungeheuer düstere, finstere Reich der Schwärze.
Dorthin, wo Walpurgis herrscht, sie allein.


Anflug

Claire schreckt im Sitz auf, gerissen aus einem aufwühlend dunklen Traum, ist für einen Moment entsetzlich verstört, zutiefst erschüttert, und orientiert sich rasch neu. Sie ist unterwegs. Hoch in der Luft. Der Himmel brennt. Zum Fürchten: Morgenrot.
Sie sieht aus dem Fenster des Billigfliegers, in den sie in Denver vier Stunden nach dem Abheben der ersten Maschine vom Colorado Springs Airport umstieg. Ziel ist der Münchner Flughafen. Sie greift sich die auf ihrem Schoß liegende und aus den USA mitgebrachte Tageszeitung, blättert darin und überfliegt erneut die Schlagzeilen auf den ersten Seiten, die von Bombendrohungen, massiven Terroranschlägen und gewalttätigen Ausschreitungen berichten. Die Welt ist in Aufruhr.
Ein Kaleidoskop unsinnigen menschlichen Verhaltens, an das sich die Leute anscheinend gewöhnen. Solange es ihnen gelingt, vor der Realität die Augen zu verschließen, den Wirrnissen auszuweichen und die persönliche Unversehrtheit zu wahren. Für Claire ist dieses äußere Chaos in der Welt das Zerrbild eigener innerer Zerrissenheit. Ein Spiegel ihrer verwundeten Seele, die vom Leben nicht verschont bleibt.

Sie weigert sich beharrlich, an die Wahrheit der Worte zu glauben, die sie letzten Dienstag am Telefon hörte.
»Doch, es stimmt. Ihr Vater ist einem Verbrechen zum Opfer gefallen.« Dr. Müller bestätigte die Auskunft, die Minuten vorher, nur weniger detailliert, schon die Frau an der Rezeption des Brockenhotels gegeben hatte. Claire rief zuvor wiederholt im Hotel an, weil sie ihren Vater seit Sonntag nicht mehr erreichte.
»Er ist nicht auf dem Zimmer«, hieß es zunächst. Anrufe auf dem Handy waren vergeblich und ihre immer dringlicher werdenden Sprachnachrichten blieben ebenso ohne Reaktion. Am Montag versuchte sie es erneut, fortlaufend, hartnäckig wie sie ist.

Dann ein letzter Versuch am Dienstag, schon im Bewusstsein, dass sie sich im Fall einer weiteren nichtssagenden Auskunft in ihrer Bedrängnis und schrecklichen Vorahnung an Dr. Müller wenden würde, den einzigen ihr vertrauenswürdig erscheinenden Menschen, den sie in Brockenstedt bei ihrem vorangegangenen Aufenthalt kennenlernte. Da erhielt sie durch die Angestellte am Empfang des Hotels die Mitteilung, die sie insgeheim schon fürchtete:
»Ihr Vater ist verstorben. Unser Beileid. Wir wissen es seit heute. Die Polizei ermittelt in der Angelegenheit.«
Die Meldung traf sie wie ein durchdringender Schlag mit dem Säbel. Ein Hieb rücklings, mitten durch die Wirbelsäule, die zersplittert wie ein Stück Holz, ruiniert ist, unumkehrbar zerstört. Und zeitgleich ein schmissiger Stich in die Eingeweide, todsicher.

Sie schrie trotzdem nicht auf, ihre Stimme erstickte nur und der Atem stockte. Claire keuchte mehrfach vernehmlich, rang nach Luft und verlangte einige, ihr ewig lang erscheinende Sekunden später Kontakt zu Dr. Müller, dem Brockenarzt. Die Angestellte des Hotels verband sie mit der Praxis.
Der Arzt selbst räumte jeden Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Nachricht aus. Er schickte ihr später sogar Fotos von Zeitungsartikeln auf ihr Handy.
»Wer ist die große Unbekannte, die Retterin, die namentlich nicht erwähnt wird?«, fragte sie ihn.
»Helene Meyer. Sie ist nicht mehr in Brockenstedt. Und mir ebenfalls ein Rätsel. Sie legt keinen Wert auf Publicity.« Dr. Müller lachte: »Mein Kollege Dr. Schmied kennt sie besser.« Ihr Vertrauter beschrieb in weiteren Telefonaten die näheren Umstände des Tathergangs: Die offenkundig mörderischen Absichten der Familie Wagner und den Beitrag des jugendlichen, hünenhaften Haupttäters, Adi, den sie in der plastischen Schilderung des blutigen Geschehens flüchtig wiederzuerkennen glaubt.
...

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