Das Tigermotiv

Das Tigermotiv

Remy Gubler


EUR 11,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 204
ISBN: 978-3-99048-643-6
Erscheinungsdatum: 15.09.2016
Rätselhafte Ereignisse bedrohen den Ruf der Klinik Waldheim; ihnen folgt ein grauenhafter Mord. Können Ermittler Reto Caviezel und sein Freund Hugo Hügli die verworrenen Umstände aufklären, zur Wahrheit durchdringen und rechtzeitig den Schuldigen stellen?
Prolog

Der borstige Pinsel gleitet mit einem leisen Kratzen über die Leinwand. Strich um Strich nimmt der imponierende Tigerkopf Gestalt an, beobachtet den Betrachter, so als überlege er, ob er aus dem Zweidimensionalen herausbrechen und sich am Kunstliebhaber gütlich tun wolle. Silvia, die zusammen mit dem Hausmeister Marco Sutter damit beschäftigt ist, die Bilder optimal im Ausstellungsraum zu platzieren, kann nicht umhin, immer wieder zum Maler hinüberzuschielen und ihn bei seiner kreativen Tätigkeit zu bewundern. Sie gesteht es sich ein, bei dieser Arbeit, aber nur da, ist das angebracht.
„Was gaffen Sie da immer wieder?“, faucht er unvermutet.
Sie zuckt erschreckt zusammen. Wie kann er das nur bemerkt haben? Es befindet sich kein Spiegel im Raum und diejenigen seiner Bilder, die schon hängen, die sind auch nicht hinter Glas. Nur schon die Oberflächenstruktur seiner Ölgemälde verbietet das fallweise, ganz abgesehen davon, dass er ohnehin lauthals dagegen protestiert hätte. Seine Werke kämen nicht ins Gefängnis, brüllte er damals, als eine seiner Verwandten sich erkühnt hatte, Rahmen mit Glas mitzubringen.
Sie reagiert nicht weiter auf den Ausbruch, sondern widmet sich den restlichen Exponaten, hängt die wenigen noch verbleibenden auf, schreitet dann die Galerie ab, ja, sie kommen gut zur Geltung, aber dort, die zwei, die tauscht sie besser. Und jenes, hängt es nicht schief? Sie wechselt mehrfach die Position, es sind nur wenige Millimeter, um die eine Ecke die andere überragt, aber es stört sie. Sie staunt selbst immer wieder, wie genau das Auge schätzt. Nicht alle sehen solche Mängel, aber sicher nicht nur sie, sondern auch einige der Besucher, die zu erwarten sind.
Jetzt fehlt nur noch das Letzte, das der Künstler hier vollenden will. Er hat darauf bestanden, es müsse in Übereinstimmung mit den andern sein, er könne es nicht ohne die zwei malen, die er aufgestellt hat und die er, soweit sie das beurteilen kann, nie anschaut.
Darum sitzt er hier und versaut den Boden. Silvia betrachtet betrübt dieses Stillleben aus Abfällen und Dreck, beides ist ja rasch weg, nicht aber die Farbtropfen! Wird ein tüchtiges Schrubben brauchen, bis sie zur Unauffälligkeit reduziert sind. Mit halbem Hirn überlegt sie, wen Manuela wohl einteilen wird. Gertrud wohl nicht, die würde zu viel Stunk machen. Aber dann reißt sie sich von diesen Gedanken los und steuert auf die Staffelei zu.
Sie sieht das Bild, das Tigergesicht, und für einen Moment glaubt sie zu erkennen, was der Mann mit Übereinstimmen gemeint hat, doch schon reißt sie sein lautes Organ aus der Wahrnehmung heraus: „Verflucht, was haben Sie jetzt schon wieder zu glotzen?“
Sie nimmt den Ausbruch gelassen: „Ich muss wissen, bis wann Sie da fertig sind. Ich habe genug Arbeit und kann nicht einfach hier sitzen bleiben und warten, bis es so weit ist.“ Ihr antwortet ein Knurren, aus dem sie eine halbe Stunde heraushört. Somit fährt sie fort: „Also, dann mache ich einen Rundgang bei den Patienten und komme nachher zusammen mit der Putzkolonne, das muss ja auch noch sein.“
„Gestört, diese Putzerei, nie hat man Ruhe“, brummt er zur Antwort. Es klingt böse.
Sie lässt sich nicht darauf ein, sie weiß, dass das ihn dermaßen aufregen würde, dass er am Ende mit seiner Arbeit nicht fertig würde. Diese Reizbarkeit gehört ja zu seinem Defizit, sie nimmt sie nicht persönlich. Aber sie gesteht es sich ein: Er hat nicht gerade seine beste Zeit. Das ist seltsam, denn früher blühte er anlässlich seiner Ausstellungen jedes Mal auf!
Überhaupt, als sie draußen stehenbleibt, um mit ein paar tiefen Atemzügen ihre Batterien wieder aufzuladen, realisiert sie, dass er nicht der Einzige ist, der hin und wieder merkwürdig reagiert. Verschiedene tun das in letzter Zeit. Auch ihre Elfe, die Eva, die ebenfalls ihren Tiger hat, nur – der ist unsichtbar.

Ist irgendetwas im Gange? Das fragt sie sich! Nicht zum ersten Mal, aber diesmal drängt die Idee sich ihr stärker auf. Sie wird sie kaum mehr los.


1

Ihre Hand zittert. Sie versteht nicht. Sie packt ihren Kugelschreiber fester, setzt das Datum hin und beginnt:
Niemand mag mich, ganz plötzlich. Ich weiß nicht warum. Ich war doch immer anständig und habe mit allen gesprochen, sie auch mit mir, doch dann immer weniger. Und jetzt sagen sie nur das Nötige. Ich habe auch immer gegrüßt, tue es immer noch, sie grüßen auch, aber nur manchmal, wenn es sonst auffällt. Denn das wollen sie nicht, dass es auffällt. Und sie reden miteinander, doch wenn sie mich sehen, dann verstummen sie. Es ist dann Stille, eine hässliche Stille, die mich anschreit.
Seit Tagen geht das so. Gut, sie weiß, sie ist klein, rundlich, fast wie diese Gertrud, aber nicht sexy wie diese. Sie schaut aus dem Fenster, sie hat ein nettes Zimmer, alle haben das, es wäre eigentlich ein guter Ort hier. Sie sollte zu Claudia gehen, sie hätte das schon lange machen müssen. Aber zuerst kam ihr die Vorstellung lächerlich vor. Sie nimmt den Stift und schreibt weiter in ihr Tagebuch:
Ich hätte zu Claudia gehen müssen. Wir sollen ja zu ihr gehen, wenn wir ein Problem haben. Das hat man uns gesagt. Aber das ist nicht leicht. Zuerst waren ja nur so kleine, ja, Unhöflichkeiten. Das wäre lächerlich gewesen. Sie hätte mich nur ausgelacht, heruntergemacht. Dann passierte es häufiger, und immer mehr wandten sich von mir ab. Doch ich wollte nicht petzen. Das hätte doch alles nur noch schlimmer gemacht. Dann hätten sie mich noch mehr gehasst.
Plötzlich zittert ihre Hand wieder. Sie atmet hastig, um sich zu beruhigen. Sie schaut auf die halb volle Seite, die Schrift ist unregelmäßig. Sie beugt sich erneut über den Text.
Auch die Patienten sehen mich angstvoll an, einige zumindest. Ich muss zu ihr gehen. Aber …
Ruth wirft den Kugelschreiber auf ihren kleinen Schreibtisch und taumelt zu ihrem Bett. Sie kniet davor nieder und presst ihr Gesicht in das Kissen, sie will nicht, dass man ihr Schluchzen hört. Sie kann nicht einmal mehr schreiben: „Aber ich kann nicht!“ Denn niemand wird ihr helfen.


2

Eva hat sich für ein Märchen entschieden, eine schöne Ausgabe von Rapunzel, aus der Hausbibliothek, bebildert, aber nicht so üppig, dass der Text durch die Illustrationen erdrückt wird. Schließlich kann sie gut lesen, nur, mit dem Konzentrieren, da hat sie manchmal Mühe. Und Bilder, hat sie herausgefunden, die helfen ihr dabei. Es kommt eben vor bei ihr, dass sie sich wie vom Text löst, wie müde wird, vielleicht gar einen Moment die Augen schließt, aber nötig ist das nicht, und dann rollt wie ein Traum oder wie ein Film ein Geschehen ab, das vom Text weg in eine andere Wirklichkeit führt. Manchmal ist das angenehm, spannend, selten lustig sogar, aber fast immer schlägt ein solches Erlebnis zuletzt in Angst um, oft dominiert diese gar von Beginn weg. Und einmal dort, sie blättert mit fahriger Geste die halb gelesene Seite um, kommt sie kaum mehr weg. Dann braucht sie eine Behandlung.
Diese Spritzen! Manchmal tun ihr die ja schon gut, manchmal aber auch schlecht. Meist ist es zwar nicht besonders schlimm, aber sie liegt doch für Stunden da, mag sich nicht rühren, ist wie völlig erschöpft. Sie sieht auf die neue Seite und merkt, dass sie die vorher schon wieder vergessen hat. Jetzt schon, wo sie doch noch gar nichts bekommen hat! Sicher wird es schlimm werden!
Einmal, sie erinnert sich noch genau, da fühlte sie sich, als packe eine große Kraft sie und drücke sie sanft, aber unerbittlich zusammen, ganz langsam. Sie erinnert sich noch, sie hat unaufhörlich geplappert, als müsse alles heraus, damit der Druck auf sie abnähme. Was sie gesagt hat, davon weiß sie nur noch Bruchstücke, muss wohl fast alles Unsinn gewesen sein. Sie überlegt, ob sie ihr Buch mit den Tigergeschichten hervornehmen soll. Aber sie hat Angst, man könnte es ihr wegnehmen, wenn man sie zu oft damit erwischt. Manchmal kniet sie vor dem Schrank, nimmt die Bände heraus, blättert kurz in verschiedenen, so als suche sie eine Lektüre. Sehr oft greift sie dabei nach ihrem Calvin und Hobbes, ja, fast immer. Meist genügen ihr ein oder zwei Blicke, das reicht schon. Sie fühlt sich ruhiger, wählt dann etwas anderes und liest darin.
Heute hat sie gerade mit Rapunzel angefangen, und das ist falsch gewesen. Sie hätte kurz Hobbes anschauen müssen. Dann ginge es ihr jetzt besser. Doch jetzt zögert sie. Bald kommt Ruth. Und die hat sie letzte Woche zweimal mit ihrem Lieblingsbuch gesehen. Freundlich hat sie gelächelt und gemeint, der sei doch süß, der Calvin. Aber sie lässt sich nicht so einfach täuschen. Sie merkt genau, dass sie überwacht wird. Und die sind böse, die sie belauern. Wenn die merken, was sie am meisten liebt, dann nehmen sie ihr das weg. Sagen, es sei schädlich.
Sie blättert eine Seite weiter, was stand da bloß wieder? Nun zwingt sie sich zu den Buchstaben hin. Schließlich kann sie lesen, gut sogar. Ganz genau spricht sie innerlich nach, was da steht, so konzentriert, dass die Lippen sich mitbewegen. Und merkt sich Stichworte, um auf eine Frage zum Text antworten zu können. Die sollen nicht herausfinden, was für Mühen sie hat. Nicht sie ist schließlich schuld daran, sondern die anderen.
Die Türe öffnet sich, und sie spürt, wie ihr Magen härter wird. Sie tut, als höre sie nichts und stellt sich den Tiger vor, groß, das Gesicht ihr zugewandt, so wie der Kummer ihn malt. Obwohl: Der bildet sich ja alles nur ein. Sie fühlt sich besser.
Die Ruth kommt in ihr Gesichtsfeld und ist nervös, sie kann das ganz deutlich sehen. Lustig, das hilft ihr. Fast herablassend gibt sie den Gruß zurück und antwortet mit „ganz gut“ auf die Frage nach dem Befinden. Es ist lächerlich, aber die Pflegerin scheint zu zögern, ihr die Spritze zu geben. Nur, das nützt alles nichts, sie wird sie am Schluss doch bekommen. Also streckt sie plötzlich und ruckartig den Arm vor und zieht den Ärmel der Bluse zurück. Der Tiger wird ihr helfen. Für einen Moment sieht sie wieder sein Gesicht, wie halb durchsichtig zwischen ihr und der anderen.

Ruth fühlt, wie ihre Hand leicht zittert, gar nicht gut, wenn man eine Injektion zu machen hat. Doch dann reißt sie sich zusammen, atmet einmal tief durch, tauscht freundliche Worte aus und hat sich damit so gut unter Kontrolle, dass sie keine Schmerzen verursachen wird. Die Patientin, die Eva, weckt in ihr Beschützerinstinkte, sie ist so zierlich und zerbrechlich. Und sie streckt ihr erst noch den dünnen Arm tapfer entgegen. Bevor sie geht, zwingt sie sich zu einem freundlichen Lächeln, die Spannung schwindet ein wenig, sie findet ein paar aufmunternde Floskeln.
Draußen bleibt sie kurz stehen. Die Unterwäsche klebt an ihrem Leib, sie schilt sich, sie weiß doch, wie genau sie alles kontrolliert hat. Nochmals geht sie in Gedanken kurz durch, was sie getan hat, und findet keinen Fehler. Verbissen prüft sie die nächsten Medikamente. Auch da ist alles genau wie vorgeschrieben. Aber dennoch ist es wahr, es hat Fälle gegeben, in der Vergangenheit, Patienten, die plötzlich Probleme hatten. Nicht nur bei ihr, aber bei ihr häufiger als bei anderen, das trifft schon zu. Nur: Sie kann nicht glauben, dass die Schuld bei ihr liegt. Aber wie kann so etwas geschehen? Es ist ja alles abgefüllt und angeschrieben. Vielleicht muss sie die Ampullen ganz genau kontrollieren. Vielleicht stimmen die nicht. Es gibt ja schon welche, die sie nie mochten, die ihr nur zu gerne schaden würden – die Gertrud vor allem.
Sie schaut auf die Uhr, sie ist verspätet. Sie trabt los. Sie muss sich beeilen. Aber wie soll sie all das schaffen können, wenn sie so genau arbeiten muss? Und wenn alle sie hassen!
Eva aber sitzt inzwischen in ihrem Sessel und liest, irrt diesmal kaum ab, ja, lächelt sogar leicht. Denn sie spürt: Der Tiger ist bei ihr und schützt sie.


3

„Hat Silvia wirklich einen neuen Liebhaber?“ Die klein gewachsene Fragerin hat graue Haare und leicht vortretende Augen, die im Moment interessiert glitzern.
„Meinst du, Maria? Müsste frosttauglich sein, der Typ“, wirft Ralf ein.
„Ach, so übel ist die nicht!“ Die stämmige Ursula beißt genüsslich in ein Erdbeertörtchen.
„Nein, aber sie meint, sie sei was Besseres“, mault er.
Sie zuckt die Achseln: „Mich hat sie auf jeden Fall immer anständig behandelt, hat gegrüßt.“
„Ich meine, neuerdings wirkt sie abwesend, mich hat sie nämlich glatt übersehen.“
„Kann ja jeder mal passieren.“
„Sie war wohl in Gedanken verloren.“
„Also wenn schon“, plustert Ralf sich auf, „dann wäre es eine unglückliche Liebe. Doch das glaube ich nicht, es hat eher mit den Fällen zu tun.“
„Fälle?“, erkundigt sich die Giubbini neugierig.
Berta schnalzt mit der Zunge: „Einige Patientinnen reklamierten, sie fühlten sich plötzlich nicht mehr wohl, haben sie gesagt. Sogar von Krämpfen und Schmerzen haben sie gesprochen!“
„Solche der Silvia?“, will die Köchin wissen.
„Die hat ja nicht Patienten, die hat eher die Oberaufsicht“, kommentiert Ralf. „Typisch das, zur Leiterin des Pflegepersonals haben sie sie nicht befördert.“ Und er lästert weiter: „Dazu ist sie nicht gut genug.“ Dann lenkt er etwas ein: „Okay, in gewissem Sinne hat sie auch Patienten, solche, um die sie sich besonders kümmert, weil sie schwierig sind. Und es sind nicht diese, also ist es auch nicht sie. Leider!“ Er stopft den umfangreichen Rest seines Thonbrötchens in den Mund und wischt sich dann die Finger an der Serviette ab. „Ich denke da an eine andere.“ Das brummelt er durch den Speisebrei hindurch.
„Vielleicht eine, die sich immer so gewissenhaft gibt“, tastet Bertha sich vor.
„Also, wenn das Ruth sein soll“, protestiert Manuela, „dann meine ich … ich meine doch, die ist doch schon nett.“
„So gebärdet sie sich. Ich sage ja nichts, hat ja vielleicht nichts zu bedeuten. Aber sie hat doch die Eva betreut, und nicht nur die. Ich bin nicht der Einzige, dem das auffällt, andere haben das schon vor mir gesagt.“
„Du magst sie einfach nicht.“
„Ach was, sie macht mich einfach nicht an, aber das ist es nicht. Sondern ich traue ihr nicht. Sie spielt die Bessere, und wer weiß, was dahintersteckt.“
Das kleine, spitze Gesicht der Bertha Denoth zieht sich zusammen: „Und ist es nun wirklich wahr, dass es deswegen eine Untersuchung gibt?“
„Keine Ahnung“, entgegnet er, „ist möglicherweise nur Geschwätz. Aber wenn, dann haben wir es dieser Sache und ihr zu verdanken. Die macht immer Scherereien, und verkniffen ist sie, hat mich nicht gegrüßt, latschte einfach an mir vorbei!“
Er sieht sich um, niemand wagt, Stellung zu beziehen, also fährt er fort und senkt die Stimme: „Es sind übrigens Patienten von ihr, die behaupten, sie würden gefilmt.“ Dann lehnt er sich zurück und betrachtet genießerisch die Gesichter der Runde.


4

Kaum hat sie die Kellerbar verlassen und ist draußen, überkommt der Drang Gertrud. Sie greift in ihre große Handtasche und streichelt lustvoll den Schlauch, nur um dann nochmals rasch zu schauen, ob sie wirklich allein ist. Er ist von der richtigen Sorte, groß genug im Durchmesser, elastisch und doch weich. Er klatscht schön und hinterlässt kaum Spuren. Sie schiebt ihn tiefer in die Handtasche, die sich leicht ausbeult.
Sie ist pünktlich, keine Minute zu früh, und muss nicht warten. Das schätzt sie an Sepp, wie er sich gerne genannt hört. Sie braucht nicht verdächtig herumzustehen. Das muss sie nicht haben. Sie folgt der schattenhaften Gestalt, wie sie ins Dorf hineinmarschiert.
Die Blinklichter seines Autos leuchten kurz auf, als er die Türen entriegelt. Sie stellt sich hin, während er aus dem Parkplatz manövriert und dann auf sie zurollt. Rasch steigt sie ein. Diesmal will sie oben sein, sich mit ihm vereinigen. Wieder tastet sie nach dem Schlauch. Sie braucht das einfach, den kräftigen Reiz auszutauschen. Es macht sie so richtig heiß.
Nur schon die Vorstellung weckt soghafte Süße in ihrem Geschlecht.


5

Die Elfe, manchmal nennt Herbert Edelmann die blonde Eva in Gedanken so, weil sie so dünn und lieblich ist, wirkt angespannt. Sie presst die Zähne zusammen, offensichtlich weiß sie nicht, ob sie sprechen will oder nicht. Er wartet einen kurzen Moment, dann steht er auf und sieht aus dem Augenwinkel, dass sie erschreckt leicht zusammenzuckt. Er entnimmt dem Schrank zwei Gläser. „Ein Mineralwasser?“, erkundigt er sich höflich.
Sie nickt, er schenkt ein und schiebt ihr eines zu, aus dem anderen trinkt er. Indem er die aufsteigenden Blasen mustert, kann er die Patientin unauffällig beobachten und registriert, wie sie sich langsam entspannt.
„Also“, beginnt sie und muss sich sichtlich einen Ruck geben, „ich habe aufgepasst, dreimal war es mir nicht gut, nachdem ich von dieser Ruth eine Spritze bekommen habe.“
„Können Sie sich erinnern, ob sie die Ampulle bei Ihnen geöffnet oder mit schon abgebrochener Spitze gebracht hat?“
„Mein Tiger …“, die Patientin unterbricht sich, schüttelt mehrfach den Kopf und beantwortet dann die Frage: „Sie hat sie bei mir geöffnet. Aber ich habe geträumt …“ Wieder verstummt sie.
„Ja!“, ermuntert er.
„Im Traum war sie schon offen.“
„Und Ruth hat Sie Ihnen gegeben?“
„Nein, ich weiß nicht, wer es war, vielleicht … Nein, ich glaube, es war nicht Ruth.“
„War es immer sie, die Sie behandelt hat, bevor Sie jeweils diese Beschwerden hatten?“
„Nein, nicht nur, aber fast immer, es gab auch Ausnahmen.“
„War es jedes Mal gleich?“
„Oh nein, mal war es schlimm, mal kaum, mal ging es mir sogar besser, nach der Spritze, meine ich.“
„Auch bei Ruth ging es Ihnen sowohl besser als auch schlechter?“

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