Das Licht
Eine Geschichte aus dunklen Zeiten
EUR 19,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 166
ISBN: 978-3-7116-0111-7
Erscheinungsdatum: 08.08.2024
Tommy, ein junger Mann, Gauner und Held; Himmelreich, eine junge, aufrechte Frau; die weise Mary und Marc Larien, der schöne Präsident mit dunkler Seele, treffen aufeinander in einem ungleichen Kampf um Gerechtigkeit und Freiheit in einer immer engeren Welt.
P r o l o g
Wir reisen jetzt an einen Ort, der anders ist. Der
nur aus Schönheit besteht und Wärme. Dieser Ort liegt
verborgen auf einem abgelegenen Hügel, der aus Erde,
Wasser, Bäumen und Leben besteht. Die Sonne scheint
dort von früh bis spät.
Auf diesem Hügel gibt es eine Gang, die nur wenige
Menschen zählt. Diese Gang nennt sich selbst <Das
Licht>.
<Das Licht> festet fast jeden Abend auf diesem
warmen Hügel – so wie auch an diesem Abend. Die
Menschen lachen, trinken, essen, flirten miteinander und
in den Gesichtern sieht man, wie glücklich sie sind und
wie viel Spass sie haben. Und manchmal streiten sie auch.
Aber warum sind diese Leute in dieser Lichtung? Und warum
nennen sie sich <Das Licht>? Und was feiern sie fast
jeden Abend? Und was ist das eigentlich für eine Gang?
Nun, das erklärt sich alles im Laufe der Geschichte.
K a p i t e l 1
“Es ist unglaublich. Marc Larien ist heute Präsident
geworden. Wer hätte das gedacht”, sagte ein Reporter im
Fernsehen mit einem breiten Lächeln im Gesicht. “Ich
hätte niemals gedacht, dass er Präsident wird, aber er ist
es wirklich geworden. Vier Jahre lang wird er unser Land
leiten. Es ist ein Glück, dass ER Präsident geworden ist
und nicht Eric Walter. Marc Larien ist eindeutig die bessere
Wahl. Ich will Sie aber nicht länger auf die Folter
spannen. Hier kommt er live! Marc Larien, der neue Präsident.”
Der Reporter verschwand vom Bildschirm. Er
wurde von einem Mann um die Dreissig ersetzt. Er stand
auf einer Bühne. Er hatte schönes, blondes, sorgfältig geschnittenes,
dichtes Haar und strahlend blaue Augen. Er
lächelte gewinnend in die Kamera und sprach in die aufgestellten
Mikrofone: “Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,
ich bedanke mich von ganzem Herzen für das Vertrauen,
das Sie in mich gesetzt haben, und ich freue mich
auf unsere gemeinsame Zukunft. Ich werde mein Bestes
geben für dieses, unser Land, für euch. Aber nur zusammen
werden wir unsere Ziele erreichen, Grosses vollbringen.
Es ist eine Art Teamwork, nicht wahr? Ich will auf
Ihre Unterstützung zählen können. Ich brauche Sie. Ohne
Sie kann ich meine Aufgaben als Präsident nicht erfüllen.
Ich freue mich, sagen zu können: Ich bin euer Präsident;
und das verdanke ich Ihnen. Ihr habt die richtige Wahl
getroffen. Ich werde euch nicht enttäuschen!”
Larien grüsste kurz mit der Hand und entfernte sich
von der Bühne. Es kam wieder derselbe Reporter wie
vorher: “Was für eine beeindruckende Rede. Ich glaube,
dieser Mann hat das Zeug dazu, in die Geschichte einzugehen.
Er ist jung, gutaussehend und vor allem klug.
Ich danke ihnen fürs Zuschauen. Wir sehen uns morgen
wieder. Ich wünsche Ihnen einen wunderschönen Tag.”
K a p i t e l 2
Sechs Monate später.
Der junge Mann hiess Tommy.
Tommy spazierte eine sonnenüberflutete Strasse entlang.
Glücklich und allein. Allein mit der untergehenden
Sonne, ihrer sanften Wärme und seinem eigenen, immer
länger werdenden Schatten. Der Tag wurde älter. Bald
würde eine junge Nacht folgen und darauf ein neuer, junger
Tag.
Den Unterschied zwischen Morgen- und Abenddämmerung
konnte man gut spüren, dachte Tommy plötzlich.
Er ging im Takt der Musik, die aus seinen Kopfhörern
kam – Go Johnny Go, von Eruption. Schaute, wie ein
Discotänzer, nach links und dann nach rechts. Er fing an,
den Beat sichtbar zu machen. Mit seiner Tasche holte er
Schwung und drehte sich einmal um seine eigene Achse.
Er liebte diesen Song.
Jetzt fing er sogar an, leise zu singen: “Keep on walking,
come to eleven. Won’t be long before you reach
your heaven.” Er konnte den Text auswendig. Er bekam
einfach nie genug von diesem Song. Er hatte etwas Befreiendes.
Er fühlte sich dann immer so, als würde er das
Leben begreifen.
Da war er. Tanzte mit der Sonne, bis sie hinter den Gebäuden
verschwand und die Dämmerung kam.
Er kam schliesslich dort an, wo er hinwollte. Zu seinem
Auto. Unter einem der Scheibenwischer klemmte ein
Strafzettel. Er zog ihn raus. Einen Hunderter. Er zerriss
das Papier in vier Stücke und warf sie weg. Die Fetzen
drehten sich kurz in der Luft, landeten auf dem Boden und
tanzten auf dem Teer weiter.
Tommy öffnete die Tür des blauen Cinquecentos und
stieg mit Schwung ein.
Er musste es zweimal versuchen, bevor das Auto ansprang.
Er fuhr aus der Stadt hinaus und auf die Schnellstrasse.
Nach zehn Minuten bog er auf die Landstrasse ab und
tuckerte weiter. Wunderschöner Weg, dachte Tommy.
Dann kam ein sehr, sehr langer Tunnel. Im Tunnel war
das einzige Licht, das es gab, von den Scheinwerfern des
Autos. Sie erhellten kaum die Dunkelheit. Er fuhr ins Nirgendwo.
Oder doch nicht? Am Ende des Tunnels schien
ein Licht. Ein warmes Licht. Tommy rollte darauf zu.
Im Licht zeichneten sich die Gestalten von fünf Wächtern
ab. Sie trugen Waffen. Tommy hielt vor ihnen an und
drehte das Fenster runter.
Einer der Männer fragte: “Was ist das für ein Licht
dort?” Tommy antwortete: “Es ist die Hoffnung.”
Der Mann nickte: “Willkommen. Joe? Stimmt’s?”
“Nein, Tommy”, sagte Tommy.
“Verdammt. Schöner Abend noch.” Während er das
sagte, schlug er kurz auf das Autodach. Für Tommy klang
es wie ein Donner. Er kontrollierte mit einem schnellen
Blick, ob das Dach eine Beule hatte.
Tommy winkte noch kurz und fuhr dann los.
Die alte Kiste quälte sich tapfer den Hügel hoch. Sie
hatte so viel Mühe, dass man das Gefühl bekam, sie würde
es nicht schaffen und wieder rückwärts rollen. Sogar
mit durchgedrücktem Gaspedal. Aber sie kam hoch.
Der Weg brachte ihn zu der verborgenen Lichtung. Er
holte aus und holperte in eine Lücke zwischen den parkierten
Autos hinein. Er drehte den Zündschlüssel, zog
ihn heraus und stieg aus.
Er ging ein paar Schritte im leicht feuchten Gras.
Überall gab es Lagerfeuer und darum sassen Menschen.
Er hörte sie lachen. Er roch den herben Geruch des verbrannten
Holzes und hörte das Knacken Abertausender
Funken.
“Hey!” Er winkte jemandem zu.
Er lief zu einem der Feuer. Die Leute, die dort sassen,
machten ihm Platz. Jetzt gehörte Tommy auch zum Kreis.
Bevor er irgendetwas sagte, zündete er sich eine Zigarette
an. Ihr Rauch vereinte sich mit dem Rauch des
Feuers. Es war wunderschön. Er hörte all die fröhlichen
Stimmen und die Wut wuchs wieder in seiner Seele. Er
wollte wieder zurück in die Stadt. Weg aus dem Versteck.
Ihnen das Fürchten lernen. Scheiben zerbrechen. Ein Zeichen
setzen. Seinen Hunger stillen.
Er hatte laut gedacht. Eine alte Frau, die ihm gegen12
übersass und ihn durch das Feuer beobachtete, sagte:
“Warum musst du dir immer schlechte Karten machen?
Du weisst doch genau, dass es riskant ist. Die werden dich
irgendwann bekommen, und dann? Was machst du dann?
Schon allein das, was wir hier machen. Verstehst du? Es
will dir einfach nicht in den Kopf, was?”
“Ich will doch nur gegen diese Typen sein. Ausserdem
habe ich Hunger”, sagte Tommy.
Die alte Frau zeigte mit ihren alten Händen auf eine
Wurst, die auf dem Feuer gegrillt wurde.
“Ich will keine Wurst”, sagte Tommy trotzig. “Ach
Scheisse. Man sollte nicht streiten. Die Zeit vergeht einfach
zu schnell, findest du nicht Mary?”
“Du hast recht, Tommy”, sagte Mary mit überzeugter
Stimme. Sie zeigte mit ihrem Finger auf Tommy und
sah ihn dabei schräg an. “Aber streiten gehört nun mal
zum Leben. Und streiten bedeutet auch, dass man eine
Meinung hat, von etwas überzeugt ist. Man sollte einfach
nicht über sinnlose Sachen streiten, wie zum Beispiel eine
Wurst, wenn du verstehst, was ich meine”, grinste sie.
“Aber was viel wichtiger ist, man muss einen Streit beenden
können. Einen Punkt setzen können. Ewig zu streiten,
ist nicht gut. Das ist dann Zeitverschwendung. Aber das
tun wir ja nicht. Meistens haben wir es gut zusammen.”
Tommy nickte und lächelte dabei.
“Joe will aussteigen”, meinte Mary. “Er hat gesagt, er
möchte ein normales Leben führen. Hab ich dir das schon
gesagt?” Tommy schüttelte den Kopf: “Ein normales Leben.
Was heisst das schon? Ich kapier das nicht.”
“Weisst du, ich glaube, es ist ihm zu anstrengend. Ein
zu grosses Risiko.” Mary zuckte kurz mit den Schultern.
“Die Wahrheit ist, er ist ein Feigling und zu faul, um
für ein lebenswertes Leben zu kämpfen. Er ist bereits eine
willenlose Schachfigur, eine Marionette, wie die meisten”,
widersprach Tommy. Er versuchte, eine Marionette
zu imitieren, was ihm nicht ganz gelang. Sie mussten beide
lachen, weil er eher wie ein Roboter aussah.
“Fall mir nicht ins Feuer”, sagte Mary dem sich kugelnden
Tommy.
“Ich kann nicht mehr”, sagte er erschöpft und mit tränenden
Augen. Er zeigte mit dem Finger nach oben und
verstellte seine Stimme: “Wenn du nicht das machst, was
der Puppenspieler will, dann schneidet er dir die Fäden
durch.” Sie konnten einfach nicht mehr aufhören zu lachen.
“Pscchhhhht”, flüsterte Tommy und versuchte, sich zu
kontrollieren. Er schaffte es. Nein, doch nicht. Ihm kam
wieder ein blöder Gedanke: “Hör sofort auf zu lachen,
sonst schneide ich dir die Fäden durch.” Es fing wieder
von vorne an. Beide lachten sich krumm und bucklig.
Tommy drohte, wieder ins Feuer zu fallen, fing sich aber
auf.
Sie kriegten sich wieder einigermassen ein.
Nach einer Weile sagte Mary: “Ich habe einen Liedtip
für dich. Höre dir das an, wenn du Zeit hast.” Sie zauberte
einen Zettel aus dem Nichts heraus und reichte ihn
Tommy. Er nahm ihn. Darauf stand, mit einem Bleistift
gekritzelt:
Long As I Can See The Light
Creedence Clearwater Revival
“Mach ich. Danke.” Er steckte den Zettel in seine Hosentasche.
“Es ist ein gutes Lied”, sagte sie.
“Ich werd’s mir anhören, versprochen. Und ich sage
dir auch ehrlich, wie ich es finde.” Tommy lächelte Mary
an. Sie nickte und erwiderte das Lächeln. Ein herziges
Lächeln, dachte Tommy.
“Ich möchte dir etwas sagen, Tommy”, fing Mary an.
Tommy schaute sie fragend an. “Hmmmm?”
“Wenn das hier schief kommt und es eine Zeit gibt, wo
du dich alleine fühlst und am Boden liegst und glaubst,
du könntest nicht mehr aufstehen, weil dir die Kraft dazu
nicht reicht, dann nimm irgendetwas und stütze dich darauf.
Egal was es ist. Sei es eine Person, sei es ein Lied,
sei es ein Gefühl, sei es die alte Mary. Hohl dir die Kraft,
um aufzustehen. Und glaub mir, die Kraft wird da sein.”
Tommy nickte still. Er glaubte ihr, ja, er glaubte es ihr.
“Na dann. Wir sehen uns.” Tommy stand auf und ging
zu seinem alten Auto. Bevor er einstieg, drehte er sich um
und sah, wie Mary ihm zuwinkte. Er winkte ihr zurück
und ahmte noch einmal den Roboter nach. Mary musste
lachen. Tommy lächelte zurück.
Er stieg ins Auto und rumpelte den Weg hinunter.
Als er erneut zu den fünf Männern gelangte, öffnete er
wieder das Fenster: “Gute Nacht, Leute.”
“Wo willst du denn jetzt schon wieder hin?”, fragte einer
der Männer.
“In die Stadt.” Er schloss das Fenster und fuhr weiter.
...
Wir reisen jetzt an einen Ort, der anders ist. Der
nur aus Schönheit besteht und Wärme. Dieser Ort liegt
verborgen auf einem abgelegenen Hügel, der aus Erde,
Wasser, Bäumen und Leben besteht. Die Sonne scheint
dort von früh bis spät.
Auf diesem Hügel gibt es eine Gang, die nur wenige
Menschen zählt. Diese Gang nennt sich selbst <Das
Licht>.
<Das Licht> festet fast jeden Abend auf diesem
warmen Hügel – so wie auch an diesem Abend. Die
Menschen lachen, trinken, essen, flirten miteinander und
in den Gesichtern sieht man, wie glücklich sie sind und
wie viel Spass sie haben. Und manchmal streiten sie auch.
Aber warum sind diese Leute in dieser Lichtung? Und warum
nennen sie sich <Das Licht>? Und was feiern sie fast
jeden Abend? Und was ist das eigentlich für eine Gang?
Nun, das erklärt sich alles im Laufe der Geschichte.
K a p i t e l 1
“Es ist unglaublich. Marc Larien ist heute Präsident
geworden. Wer hätte das gedacht”, sagte ein Reporter im
Fernsehen mit einem breiten Lächeln im Gesicht. “Ich
hätte niemals gedacht, dass er Präsident wird, aber er ist
es wirklich geworden. Vier Jahre lang wird er unser Land
leiten. Es ist ein Glück, dass ER Präsident geworden ist
und nicht Eric Walter. Marc Larien ist eindeutig die bessere
Wahl. Ich will Sie aber nicht länger auf die Folter
spannen. Hier kommt er live! Marc Larien, der neue Präsident.”
Der Reporter verschwand vom Bildschirm. Er
wurde von einem Mann um die Dreissig ersetzt. Er stand
auf einer Bühne. Er hatte schönes, blondes, sorgfältig geschnittenes,
dichtes Haar und strahlend blaue Augen. Er
lächelte gewinnend in die Kamera und sprach in die aufgestellten
Mikrofone: “Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,
ich bedanke mich von ganzem Herzen für das Vertrauen,
das Sie in mich gesetzt haben, und ich freue mich
auf unsere gemeinsame Zukunft. Ich werde mein Bestes
geben für dieses, unser Land, für euch. Aber nur zusammen
werden wir unsere Ziele erreichen, Grosses vollbringen.
Es ist eine Art Teamwork, nicht wahr? Ich will auf
Ihre Unterstützung zählen können. Ich brauche Sie. Ohne
Sie kann ich meine Aufgaben als Präsident nicht erfüllen.
Ich freue mich, sagen zu können: Ich bin euer Präsident;
und das verdanke ich Ihnen. Ihr habt die richtige Wahl
getroffen. Ich werde euch nicht enttäuschen!”
Larien grüsste kurz mit der Hand und entfernte sich
von der Bühne. Es kam wieder derselbe Reporter wie
vorher: “Was für eine beeindruckende Rede. Ich glaube,
dieser Mann hat das Zeug dazu, in die Geschichte einzugehen.
Er ist jung, gutaussehend und vor allem klug.
Ich danke ihnen fürs Zuschauen. Wir sehen uns morgen
wieder. Ich wünsche Ihnen einen wunderschönen Tag.”
K a p i t e l 2
Sechs Monate später.
Der junge Mann hiess Tommy.
Tommy spazierte eine sonnenüberflutete Strasse entlang.
Glücklich und allein. Allein mit der untergehenden
Sonne, ihrer sanften Wärme und seinem eigenen, immer
länger werdenden Schatten. Der Tag wurde älter. Bald
würde eine junge Nacht folgen und darauf ein neuer, junger
Tag.
Den Unterschied zwischen Morgen- und Abenddämmerung
konnte man gut spüren, dachte Tommy plötzlich.
Er ging im Takt der Musik, die aus seinen Kopfhörern
kam – Go Johnny Go, von Eruption. Schaute, wie ein
Discotänzer, nach links und dann nach rechts. Er fing an,
den Beat sichtbar zu machen. Mit seiner Tasche holte er
Schwung und drehte sich einmal um seine eigene Achse.
Er liebte diesen Song.
Jetzt fing er sogar an, leise zu singen: “Keep on walking,
come to eleven. Won’t be long before you reach
your heaven.” Er konnte den Text auswendig. Er bekam
einfach nie genug von diesem Song. Er hatte etwas Befreiendes.
Er fühlte sich dann immer so, als würde er das
Leben begreifen.
Da war er. Tanzte mit der Sonne, bis sie hinter den Gebäuden
verschwand und die Dämmerung kam.
Er kam schliesslich dort an, wo er hinwollte. Zu seinem
Auto. Unter einem der Scheibenwischer klemmte ein
Strafzettel. Er zog ihn raus. Einen Hunderter. Er zerriss
das Papier in vier Stücke und warf sie weg. Die Fetzen
drehten sich kurz in der Luft, landeten auf dem Boden und
tanzten auf dem Teer weiter.
Tommy öffnete die Tür des blauen Cinquecentos und
stieg mit Schwung ein.
Er musste es zweimal versuchen, bevor das Auto ansprang.
Er fuhr aus der Stadt hinaus und auf die Schnellstrasse.
Nach zehn Minuten bog er auf die Landstrasse ab und
tuckerte weiter. Wunderschöner Weg, dachte Tommy.
Dann kam ein sehr, sehr langer Tunnel. Im Tunnel war
das einzige Licht, das es gab, von den Scheinwerfern des
Autos. Sie erhellten kaum die Dunkelheit. Er fuhr ins Nirgendwo.
Oder doch nicht? Am Ende des Tunnels schien
ein Licht. Ein warmes Licht. Tommy rollte darauf zu.
Im Licht zeichneten sich die Gestalten von fünf Wächtern
ab. Sie trugen Waffen. Tommy hielt vor ihnen an und
drehte das Fenster runter.
Einer der Männer fragte: “Was ist das für ein Licht
dort?” Tommy antwortete: “Es ist die Hoffnung.”
Der Mann nickte: “Willkommen. Joe? Stimmt’s?”
“Nein, Tommy”, sagte Tommy.
“Verdammt. Schöner Abend noch.” Während er das
sagte, schlug er kurz auf das Autodach. Für Tommy klang
es wie ein Donner. Er kontrollierte mit einem schnellen
Blick, ob das Dach eine Beule hatte.
Tommy winkte noch kurz und fuhr dann los.
Die alte Kiste quälte sich tapfer den Hügel hoch. Sie
hatte so viel Mühe, dass man das Gefühl bekam, sie würde
es nicht schaffen und wieder rückwärts rollen. Sogar
mit durchgedrücktem Gaspedal. Aber sie kam hoch.
Der Weg brachte ihn zu der verborgenen Lichtung. Er
holte aus und holperte in eine Lücke zwischen den parkierten
Autos hinein. Er drehte den Zündschlüssel, zog
ihn heraus und stieg aus.
Er ging ein paar Schritte im leicht feuchten Gras.
Überall gab es Lagerfeuer und darum sassen Menschen.
Er hörte sie lachen. Er roch den herben Geruch des verbrannten
Holzes und hörte das Knacken Abertausender
Funken.
“Hey!” Er winkte jemandem zu.
Er lief zu einem der Feuer. Die Leute, die dort sassen,
machten ihm Platz. Jetzt gehörte Tommy auch zum Kreis.
Bevor er irgendetwas sagte, zündete er sich eine Zigarette
an. Ihr Rauch vereinte sich mit dem Rauch des
Feuers. Es war wunderschön. Er hörte all die fröhlichen
Stimmen und die Wut wuchs wieder in seiner Seele. Er
wollte wieder zurück in die Stadt. Weg aus dem Versteck.
Ihnen das Fürchten lernen. Scheiben zerbrechen. Ein Zeichen
setzen. Seinen Hunger stillen.
Er hatte laut gedacht. Eine alte Frau, die ihm gegen12
übersass und ihn durch das Feuer beobachtete, sagte:
“Warum musst du dir immer schlechte Karten machen?
Du weisst doch genau, dass es riskant ist. Die werden dich
irgendwann bekommen, und dann? Was machst du dann?
Schon allein das, was wir hier machen. Verstehst du? Es
will dir einfach nicht in den Kopf, was?”
“Ich will doch nur gegen diese Typen sein. Ausserdem
habe ich Hunger”, sagte Tommy.
Die alte Frau zeigte mit ihren alten Händen auf eine
Wurst, die auf dem Feuer gegrillt wurde.
“Ich will keine Wurst”, sagte Tommy trotzig. “Ach
Scheisse. Man sollte nicht streiten. Die Zeit vergeht einfach
zu schnell, findest du nicht Mary?”
“Du hast recht, Tommy”, sagte Mary mit überzeugter
Stimme. Sie zeigte mit ihrem Finger auf Tommy und
sah ihn dabei schräg an. “Aber streiten gehört nun mal
zum Leben. Und streiten bedeutet auch, dass man eine
Meinung hat, von etwas überzeugt ist. Man sollte einfach
nicht über sinnlose Sachen streiten, wie zum Beispiel eine
Wurst, wenn du verstehst, was ich meine”, grinste sie.
“Aber was viel wichtiger ist, man muss einen Streit beenden
können. Einen Punkt setzen können. Ewig zu streiten,
ist nicht gut. Das ist dann Zeitverschwendung. Aber das
tun wir ja nicht. Meistens haben wir es gut zusammen.”
Tommy nickte und lächelte dabei.
“Joe will aussteigen”, meinte Mary. “Er hat gesagt, er
möchte ein normales Leben führen. Hab ich dir das schon
gesagt?” Tommy schüttelte den Kopf: “Ein normales Leben.
Was heisst das schon? Ich kapier das nicht.”
“Weisst du, ich glaube, es ist ihm zu anstrengend. Ein
zu grosses Risiko.” Mary zuckte kurz mit den Schultern.
“Die Wahrheit ist, er ist ein Feigling und zu faul, um
für ein lebenswertes Leben zu kämpfen. Er ist bereits eine
willenlose Schachfigur, eine Marionette, wie die meisten”,
widersprach Tommy. Er versuchte, eine Marionette
zu imitieren, was ihm nicht ganz gelang. Sie mussten beide
lachen, weil er eher wie ein Roboter aussah.
“Fall mir nicht ins Feuer”, sagte Mary dem sich kugelnden
Tommy.
“Ich kann nicht mehr”, sagte er erschöpft und mit tränenden
Augen. Er zeigte mit dem Finger nach oben und
verstellte seine Stimme: “Wenn du nicht das machst, was
der Puppenspieler will, dann schneidet er dir die Fäden
durch.” Sie konnten einfach nicht mehr aufhören zu lachen.
“Pscchhhhht”, flüsterte Tommy und versuchte, sich zu
kontrollieren. Er schaffte es. Nein, doch nicht. Ihm kam
wieder ein blöder Gedanke: “Hör sofort auf zu lachen,
sonst schneide ich dir die Fäden durch.” Es fing wieder
von vorne an. Beide lachten sich krumm und bucklig.
Tommy drohte, wieder ins Feuer zu fallen, fing sich aber
auf.
Sie kriegten sich wieder einigermassen ein.
Nach einer Weile sagte Mary: “Ich habe einen Liedtip
für dich. Höre dir das an, wenn du Zeit hast.” Sie zauberte
einen Zettel aus dem Nichts heraus und reichte ihn
Tommy. Er nahm ihn. Darauf stand, mit einem Bleistift
gekritzelt:
Long As I Can See The Light
Creedence Clearwater Revival
“Mach ich. Danke.” Er steckte den Zettel in seine Hosentasche.
“Es ist ein gutes Lied”, sagte sie.
“Ich werd’s mir anhören, versprochen. Und ich sage
dir auch ehrlich, wie ich es finde.” Tommy lächelte Mary
an. Sie nickte und erwiderte das Lächeln. Ein herziges
Lächeln, dachte Tommy.
“Ich möchte dir etwas sagen, Tommy”, fing Mary an.
Tommy schaute sie fragend an. “Hmmmm?”
“Wenn das hier schief kommt und es eine Zeit gibt, wo
du dich alleine fühlst und am Boden liegst und glaubst,
du könntest nicht mehr aufstehen, weil dir die Kraft dazu
nicht reicht, dann nimm irgendetwas und stütze dich darauf.
Egal was es ist. Sei es eine Person, sei es ein Lied,
sei es ein Gefühl, sei es die alte Mary. Hohl dir die Kraft,
um aufzustehen. Und glaub mir, die Kraft wird da sein.”
Tommy nickte still. Er glaubte ihr, ja, er glaubte es ihr.
“Na dann. Wir sehen uns.” Tommy stand auf und ging
zu seinem alten Auto. Bevor er einstieg, drehte er sich um
und sah, wie Mary ihm zuwinkte. Er winkte ihr zurück
und ahmte noch einmal den Roboter nach. Mary musste
lachen. Tommy lächelte zurück.
Er stieg ins Auto und rumpelte den Weg hinunter.
Als er erneut zu den fünf Männern gelangte, öffnete er
wieder das Fenster: “Gute Nacht, Leute.”
“Wo willst du denn jetzt schon wieder hin?”, fragte einer
der Männer.
“In die Stadt.” Er schloss das Fenster und fuhr weiter.
...

