Das Kleid auf dem Klavier

Das Kleid auf dem Klavier

Sabine Kuhn


EUR 28,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 514
ISBN: 978-3-99130-154-7
Erscheinungsdatum: 20.10.2022
„Das Kleid auf dem Klavier wird dein Leben für immer verändern, egal, für welche Möglichkeit du dich entscheidest.“ Das erfährt Cristina Santos am eigenen Leib. Wird die Mexikanerin ihrem Schicksal entrinnen können und am Ende doch noch ihr Glück finden?
Prolog

Es war ein sonniger, aber kühler Junitag in Barcelona. Cristina Santos genoss die Sonnenstrahlen, während sie den schmalen Kiesweg entlangging.
Wie jeden Sonntag.
Es war ein Sonntag gewesen, der vor drei Jahren ihr ganzes Leben verändert hatte.
Es war ein Sonntag gewesen, der viele ihrer Träume ausgelöscht hatte.
Auch heute fiel es ihr schwer, diesen Weg entlangzugehen.
Es hatte sich nichts geändert.
Es war immer wieder aufs Neue belastend.
Und das nun schon seit drei Jahren.
Sowie sie sich ihrem Ziel näherte, wurden ihre Schritte langsamer.
Sie atmete tief durch und hielt inne. Und auch heute dachte sie an die Zeit zurück, als alles begonnen hatte.
Vor drei Jahren hatte sich ihr Leben auf einen Schlag geändert. Sie dachte an den Augenblick, als sie das Kleid auf dem Klavier erblickt hatte, und ein Schauer lief ihr über den Rücken.



1

Cristina hatte sich bei ihrem Bruder eingehakt. Carlos und sie hatten ein sehr inniges Verhältnis, was wahrscheinlich der Tatsache geschuldet war, dass sie Zwillinge waren. Beide waren gutaussehend, groß, schlank und sportlich. Sie legten großen Wert auf ein gepflegtes Aussehen.
Cristina war eine bildschöne Mexikanerin mit langen schwarzen, gewellten Haaren und honigbraunen Augen, die von schmalen Augenbrauen umrandet und von einem klaren Blick geprägt waren. Ihre Konturen waren ausgeprägt, aber sanft. Ihre elegante und aufrechte Körperhaltung erweckte einen freundlichen Eindruck.
Carlos war ein sehr attraktiver Mann. Auch er hatte schwarze, aber kurze Haare und die gleichen honigbraunen Augen. Seine männliche Ausstrahlung war mitreißend und sehr anziehend.
Erst vor kurzem hatten Cristina und Carlos ihren dreißigsten Geburtstag gefeiert.
„Cris, komm, lass uns noch etwas trinken gehen. Es ist Wochenende.“
Cristina sah ihren Bruder an. Es war schon spät und sie fühlte sich seit geraumer Zeit auf den Straßen der Stadt nicht mehr sicher. Mexiko-Stadt gehörte zu den kriminellsten und gefährlichsten Städten der Welt. Die Hauptursache lag in den Drogenkartellen, die sich im ganzen Land ausgebreitet und vielerorts die Macht an sich gerissen hatten. Ein kurzer Augenblick, eine Sekunde zur falschen Zeit am falschen Ort reichten aus, um Opfer dieser brutalen Welt zu werden. Und leider passierte genau dies immer häufiger. Cristina stimmte diese Situation sehr traurig, denn sie hatte während ihrer Kindheit mit ihrer Familie noch ganz andere Zeiten erleben dürfen. Es waren tatsächlich unbeschwerte Zeiten in Freiheit gewesen, in denen sie viele Ausflüge unternommen hatten und abends mit befreundeten Familien essen gehen konnten.
Carlos sah sie an und wenn er dieses Lächeln aufsetzte, konnte sie ihm nichts abschlagen.
„Also gut. Aber wir behalten die Uhr im Auge“, entgegnete Cristina wenig überzeugt.
In dem großen Einkaufszentrum befanden sich unter anderem ein exklusives Kino und mehrere Restaurants. Carlos und Cristina entschieden sich für ein italienisches Lokal.
Sie betraten das Restaurant und ein Tisch wurde ihnen zugewiesen. Sie bestellten zwei Gläser Rotwein und eine Pizza. Cristina liebte diesen Ort, zumal die Dekoration sie für einen Moment nach Italien zu den atemberaubenden Landschaften der Toskana entführte.
Cristina sah ihren Bruder an und sagte bewegt: „Der Film war wirklich sehr gut. Aber auch beängstigend. Diese Drogenwelt ist unheimlich. Wo ist da die Gerechtigkeit, dass nicht einmal die Justiz erfolgreich dagegen angehen kann?“
Carlos nickte und meinte: „Das Problem ist, dass die Justiz in unserem Land mit den Drogenkartellen zusammenarbeitet. Die stecken alle unter einer Decke. Demnach wird es nie eine angemessene Gerechtigkeit geben. Wir können uns glücklich schätzen, fernab von dieser Drogenwelt zu sein.“
„Da hast du recht. Das ist ein Segen. Aber trotzdem frage ich mich, ob uns diese ständige Angst auf Lebzeiten begleiten wird. Wird sich die Lage in unserem Land nie mehr ändern? Müssen wir uns tatsächlich mit dem Gedanken abfinden, auf viele Dinge wie Kulturangebote oder einfach ein Abendessen mit Freunden in einem Restaurant in der Stadt zu verzichten?“
Carlos sah sie prüfend an, zögerte und sagte schließlich: „Ich weiß es nicht. Aber ich denke, wir sollten das Thema wechseln.“
„Ja, es hilft uns nicht weiter.“
Schließlich sprach er aus, was ihn schon sehr lange beschäftigte: „Cris, du solltest dir die Chance geben, wieder jemanden kennenzulernen.“
Cristina setzte an, um zu widersprechen, aber Carlos ließ ihr keine Chance. „Cristina, Emiliano ist nun schon seit zwei Jahren tot.“
Carlos legte seine Hand auf die Hand seiner Schwester. Sie sah ihn traurig an und sagte: „Emiliano war einfach ein wunderbarer Mann und Vater. Ich werde nie wieder jemanden so sehr lieben wie ihn.“
Carlos sah sie verständnisvoll an: „Das glaube ich dir sogar, aber du kannst jemanden finden, den du auf andere Weise lieben kannst. Cris, du bist eine wunderschöne, warmherzige, intelligente Frau. Du hast es so verdient, dich wieder geliebt und geborgen zu fühlen. Ich möchte nicht, dass du allein bleibst.“
Cristina lächelte ihren Bruder verschmitzt an: „Ich bin nicht allein. Ich habe meinen kleinen Sohn Emiliano, ich habe dich, unsere Eltern.“
„Cris, du weißt genau, wie ich das meine. Emiliano ist gerade fünf, aber die Zeit wird schnell vergehen. Bevor du dich versiehst, wird er seinen Weg gehen. Und was wird dann aus dir?“
„Ich bin so ein Glückspilz, dass ich dich als Bruder habe. Ich danke dir von Herzen, dass du dir solche Sorgen um mich machst.“
„Ich möchte dich wieder glücklich sehen.“
„Ich bin glücklich“, und sie legte ihre Hand auf ihr Herz.
Nachdem die Weingläser gebracht wurden, erhob Cristina ihr Glas und lächelte Carlos an: „Auf den besten Bruder der Welt!“
„Und auf die beste Schwester.“ Carlos betrachtete seine Schwester.
„Was ist, Carlos? Warum schaust du mich so an?“
Carlos lächelte sie an: „Ich muss auf dich aufpassen, du bist einfach wunderschön. Mit Emiliano damals wusste ich dich in den besten Händen.“
Cristina sah ihn traurig an und Carlos fuhr fort: „Auch ich vermisse ihn, er war mein bester Freund, er war wie ein Bruder. Und auch die Tatsache, dass er ermordet wurde, macht den Schmerz noch größer. Ich werde nie begreifen, wer es auf ihn abgesehen hatte.“
Cristina wirkte nachdenklich: „Sein Tod wird immer ein Rätsel bleiben. Und die Ermittlungen durch unsere Behörden in diesem korrupten Land haben auch nichts zur Aufklärung beigetragen. Ganz im Gegenteil.“
„Was meinst du damit, Cris?“, fragte Carlos überrascht.
„Ich weiß, das klingt absurd, aber aufgrund der konfusen und widersprüchlichen Ermittlungen habe ich oft geglaubt, dass Emiliano noch lebt.“
Carlos war sprachlos und sagte leise: „Warum hast du mir nie von deinen Vermutungen erzählt?“
„Weil sie absurd sind. Ich habe mir das nur eingeredet, um den Schmerz über seinen Tod besser zu verkraften. Aber es ist natürlich irreal. Wenn es so gewesen wäre, wäre er jetzt bei uns. Dann hätte es irgendwann an der Tür geklingelt und er hätte vor uns gestanden. Ich habe mich lange Zeit an die Vorstellung geklammert, dass er jeden Moment wieder auftauchen würde, und mich in diese Idee verrannt“, meinte sie resigniert.
Carlos sah sie mitfühlend an und meinte dann: „Wir müssen trotzdem einen Partner für dich finden. Das hat jetzt allerhöchste Priorität.“
Cristina erwiderte seinen Blick gerührt: „Wir müssen aber auch an dich denken. Seit deiner Trennung von Maria, und die liegt inzwischen auch schon wieder Monate zurück, hast du auch noch niemanden kennengelernt.“
Carlos seufzte: „Maria hat mir sehr viel bedeutet. Ich hätte niemals gedacht, dass sie mich so hintergehen würde. Mir fällt es schwer, wieder jemandem zu vertrauen.“
Cristina legte ihre Hand auf seine: „Das kann ich gut verstehen. Aber du darfst dich nicht verschließen. Vielleicht lernst du ja in Spanien jemanden kennen.“
„Das bringt doch nichts.“
„Doch, wenn es passt, kommt sie einfach mit nach Mexiko. Wo ist das Problem?“
Sie lachten beide und stießen an. Die Pizza wurde gebracht und die Zwillinge ließen sich diese schmecken.
„Ich freue mich so sehr auf unsere Reise nach Barcelona. Hast du mit Mama und Papa schon darüber gesprochen?“, fragte Cristina.
„Ja, Papa kommt wohl nach. Aber nur ein paar Tage später. Ich habe versucht, ihn davon zu überzeugen, dass er vorausfliegt und ich nachkomme, aber das wollte er nicht. Ich werde natürlich versuchen, ihm die letzten Tage so viel wie möglich abzunehmen.“
„Ich bin so froh, dass du dich dazu entschieden hast, bei Papa in das Unternehmen einzusteigen.“
„Ja, es macht mir auch großen Spaß. Ich hätte nie gedacht, dass Büroartikel so vielfältig sein können. Die Produktion begeistert mich am meisten, aber auch die Produktentwicklung. Trotzdem wünschte ich, Papa würde noch mehr an mich delegieren. Dann könnte er auch viel mehr Zeit mit unserer Mutter verbringen. Das haben sie beide so verdient.“
„Carlos, dein Problem haben alle Kinder, wenn sie bei ihren Eltern in das familieneigene Unternehmen einsteigen. Du musst Papa noch ein bisschen Zeit geben. Die Tatsache, dass er noch nicht so viel an dich delegiert, hat nichts mit fehlendem Vertrauen zu tun. Papa fällt es einfach noch sehr schwer loszulassen“, meinte Cristina und sah ihn mitfühlend an.
„Ja, du hast recht. Jetzt steht die Reise im Vordergrund. Ich freue mich so sehr, vor allem auf Tante Magda. Was haben wir bei ihr immer für eine glückliche Zeit verbracht! Unsere halbe Kindheit waren wir auf ihrer Finca am Stadtrand Barcelonas’.“
Cristinas Gesicht hellte sich bei dem Gedanken an ihre Tante auf. Sie hatten wirklich in jeder Hinsicht eine glückliche Kindheit verbracht. Ihre Eltern waren immer für sie dagewesen, hatten sie immer unterstützt, verstanden und behütet. Die Liebe ihrer Eltern war unerschütterlich gewesen, bedingungslos und doch mit klaren Grenzen; immer mit dem Ziel, dass Cristina und Carlos ihren Prinzipien treu blieben. Und jetzt taten ihre Eltern es noch immer, auch für ihren Enkelsohn.
„Die Zeit wird schnell vergehen, nur noch ein Monat, dann fliegen wir“, sagte Cristina.
„Ja. Es wird uns guttun, einmal der Hektik dieser Stadt zu entfliehen“, meinte Carlos. Er fuhr fort: „Ich mache mir neuerdings oft Gedanken, wahrscheinlich weil unsere Reise nach Spanien bevorsteht. Aber manchmal denke ich, es wäre vielleicht das Beste, unsere Heimat zu verlassen. Ich weiß, das ist nicht einfach und mit einem großen Aufwand verbunden. Aber ich denke an uns und vor allem an Emiliano. Was erwartet uns in Mexiko noch für eine Zukunft? Ist es lebenswert, ständig in Angst zu leben, sich immer und immer wieder vorzusehen? Das Ziel des Tages ist es doch nur noch, dass man abends lebend nach Hause kommt.“
Cristina war sehr nachdenklich und meinte: „So abwegig ist deine Überlegung nicht, Carlos. Sie benötigt natürlich Zeit und Vorbereitung. Aber am Ende sind wir alle sehr mit Spanien verbunden. Wir haben Familie dort. Carlos, ich denke, wir sollten das Thema bei unseren Eltern anschneiden. Und wo wir beim Thema Gefahren sind: Wir sollten uns langsam auf den Weg machen.“
„Ja, du hast recht, es ist spät geworden.“
Arm in Arm gingen sie zu ihrem Auto. Es war eine kalte Februarnacht. Mexiko-Stadt lag zweitausend Meter hoch und dies machte sich in den Wintermonaten immer stärker bemerkbar. Selbst wenn tagsüber die Sonne schien und sie das Thermometer ansteigen ließ, kühlte es abends drastisch ab.
Cristina war sehr angespannt. Die Fahrt legten sie schweigend zurück, während Carlos seine Hand auf ihre gelegt hatte.
Cristina seufzte: „Es ist sehr schade, dass unsere Stadt so gefährlich geworden ist. Es ist fast nicht mehr möglich, die Bandbreite an kulturellen Angeboten zu nutzen, zumal die besten Vorstellungen von Konzerten und Theaterstücken abends stattfinden.“
„Ja. Das ist sehr bedauerlich. Mir ist auch nicht wohl, aber wir sind gleich da.“
Minuten später fuhren sie eine Auffahrt hinauf und ein großes Tor öffnete sich. Zwei Wächter nickten ihnen zu. Cristinas Familie wohnte in einem überwachten Resort, in dem sich wiederum acht Häuser befanden. So ein Resort war für Mexiko nichts Ungewöhnliches. Es vermittelte ein wenig Sicherheit.
Nachdem sich das große Tor hinter ihnen geschlossen hatte, atmete Cristina erleichtert auf. Als sie lachend ins Haus kamen, wurden sie von ihren Eltern herzlich empfangen. Ihr Vater hatte das Feuer im Kamin angezündet und es war wohltuend warm im Wohnzimmer.
„Schön, dass ihr schon da seid“, erwiderte ihre Mutter. Teresa Ledezma de Santos war eine überaus attraktive Frau: schlank, mit langen schwarzen, gewellten Haaren, braunen Augen und weiblichen Gesichtszügen. Sie hatte ein ausgeprägtes Gespür für Mode, aber vor allem war sie ein herzlicher, ehrlicher und aufrichtiger Mensch. Cristina sah ihrer Mutter sehr ähnlich.
„Cristina hat gedrängelt. Sie wollte es auf den Straßen dieser Stadt nicht zu spät werden lassen.“
„Da hat sie recht“, fügte ihr Vater hinzu. Fernando Santos war ein großer, gutaussehender Mann mit markanten und ausgeprägten Gesichtszügen, dunkelbraunen Augen und schmalen Lippen. Seine Ausstrahlung wirkte freundlich, beschützend und souverän.
„Und Emiliano?“, fragte Cristina.
„Er schläft tief und fest. Wir haben mit ihm noch einen Film angeschaut und dabei ist er dann eingeschlafen“, sagte ihre Mutter und lächelte.
„Ich bin gleich wieder da. Ich schaue nur kurz nach ihm.“
Cristina ging die Treppe hoch und lief den Flur entlang, der zu den Schlafzimmern führte. Sie öffnete die letzte Tür sehr vorsichtig und trat ein. Sie näherte sich dem Bett ihres Sohnes und bei seinem Anblick schmolz ihr Herz. Vorsichtig beugte sie sich zu ihm hinunter und gab ihm einen Kuss.
Dann ging sie zurück ins Wohnzimmer. Ihr Vater hatte inzwischen eine Flasche Rotwein geöffnet und sie stießen alle zusammen an.
„Auf uns!“, sagte Fernando.
„Und auf unsere Reise“, fügte Teresa hinzu.
„Ich freue mich so sehr. Endlich kommen wir mal wieder nach Spanien“, sagte Cristina euphorisch.
Ihre Mutter strahlte sie an: „Ja, es ist wirklich lange her. In Barcelona hat sich bestimmt sehr viel verändert.“
„Dann können wir abends endlich wieder länger ausgehen. Das vermisse ich zurzeit sehr, weil es hier nicht mehr möglich ist. Und überhaupt können wir uns viel freier bewegen, selbst tagsüber müssen wir nicht ständig aufpassen, ob uns jemand folgt oder beobachtet“, meinte Carlos.
„Es wird eine großartige Zeit“, freute sich Cristina und sie sah ihren Vater an. „Und dir wird es besonders guttun, Papa. Du siehst müde aus. Ist alles in Ordnung?“
„Ja, Cris, es ist alles in Ordnung. Die letzten Tage mit der Übergabe werden anstrengend. Dein Bruder unterstützt mich wirklich ausgezeichnet. Trotzdem gibt es in letzter Minute immer noch unvorhergesehene Probleme.“
Cristina und Carlos tauschten Blicke und Cristina sagte schließlich: „Wir wollten etwas mit euch besprechen. Carlos und ich haben uns beim Abendessen über Mexiko unterhalten, über die Gefahren, die täglich in unserem Alltag lauern. Und auch ich mache mir Gedanken, was dieses Land meinem kleinen Sohn überhaupt noch für eine Zukunft bieten kann.“
Teresa und Fernando sahen einander an.
Cristina fuhr fort: „Deswegen wollten wir mit euch besprechen, ob wir vielleicht in Betracht ziehen könnten, jetzt, wo wir ohnehin die Spanienreise machen werden, unseren Lebensraum dorthin zu verlegen.“
Teresa sah ihre Kinder überrascht und erleichtert zugleich an: „Den Gedanken haben euer Vater und ich schon seit einigen Wochen. Ihr glaubt nicht, in welcher Angst ich täglich lebe, wenn ihr morgens alle aus dem Haus seid, und wie erleichtert ich bin, wenn ihr abends wieder zur Haustür hereinkommt.“
Fernando erhob sein Weinglas und strahlte: „Prima, dann sind wir uns ja einig, dass wir im Laufe des Jahres die Zelte hier abbrechen, um nach Spanien zu ziehen.“
Cristina und Carlos waren überglücklich.
„Allerdings sollten wir dies noch nicht bekannt geben, solange wir keine konkreten Ziele haben. Seid ihr damit einverstanden?“, fragte Fernando.
„Selbstverständlich“, stimmten Cristina und Carlos zu.
Teresa sah ihre Kinder an und lächelte: „Wie war eigentlich euer Film?“
„Gut, aber heftig. Es ging um die Macht eines Drogenkartells“, antwortete Carlos.
Ihre Mutter sah sie verwundert an: „Warum seht ihr euch so etwas an? Dabei kann man doch weder entspannen noch abschalten.“
Cristina beruhigte ihre Mutter: „Er war gut und solange man mit der kriminellen Drogenwelt nichts zu tun hat, kann man sich so einen Film ruhig ansehen. Außerdem war er nicht so heftig. Vieles wurde nur angedeutet. Und die Ermordungen wurden nicht bis ins Detail gezeigt.“
Teresa schüttelte tadelnd den Kopf: „Das ist ja sehr beruhigend. Ich verstehe euch wirklich nicht. Täglich werden wir in den Nachrichten, im Fernsehen und im Internet mit der Drogenmafia und den damit verbundenen Ermordungen und Entführungen konfrontiert. Reicht das nicht?“
„Ma, es ist doch alles gut. Nächstes Mal schauen wir uns eine Romanze an. Versprochen“, meinte Carlos und setzte sein unschuldigstes Gesicht auf. Er verstand es bestens, seine Mutter aufzuziehen.
Cristina hatte dies erkannt und tadelte ihn scherzhaft: „Carlos, du solltest dich nicht über unsere Mutter lustig machen.“
Fernando beobachtete seine Kinder und fügte amüsiert hinzu: „Carlos, deine große Schwester hat recht.“
„Nur weil Cris zehn Minuten älter ist? Das ist nicht fair.“
Sie brachen alle in herzliches Gelächter aus und stießen miteinander an.

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