Cover: Brennende Intelligenz

Brennende Intelligenz


EUR 20,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 236
ISBN: 978-3-7116-0053-0
Erscheinungsdatum: 10.09.2024
„Brennende Intelligenz“ ist ein Krimi im Universitätsmilieu. Inmitten des Geschehens befinden sich der Rektor Krippenstahl und der Philosoph Schumacher. Werden sie den unerklärlichen und tödlichen Unfall eines Mitarbeiters des Rektors aufklären können?
Idylle


Lokalradio Aurora von O.
In O. dürfen wir uns heute über mildes Wetter freuen. Nach den langen und unfreundlichen Wochen scheint heute ungetrübt die Sonne und es wird gegen 15 Grad warm. Also Zeit, um den Wintermantel definitiv wegzupacken und schon mal die neuen T-Shirts bereitzulegen. Morgen könnte es schon wieder regnen, also nutzen Sie die schöne Zeit für einen längeren Spaziergang oder einen ausgiebigen Kaffee am Marktplatz. Wir begleiten Sie natürlich den ganzen Tag, mit den neuesten Meldungen und viel Unterhaltung.

Ende 2019 werden die ersten Coronafälle in China bekannt. Im Januar 2020 gibt es die ersten Fälle in Deutschland. Am 25. März 2020 stellt der Bundestag eine „epidemische Lage von nationaler Tragweite“ fest.
Jetzt haben wir Mai 2019. Frühling. Noch ahnt man nichts von der bevorstehenden Katastrophe. Der nachfolgende Bericht handelt von kleinen Katastrophen, von nichts Weltbewegendem. Mit der großen Katastrophe hängen die kleinen nicht zusammen, jedenfalls soweit man das im Nachhinein beurteilen kann. Für die Betroffenen macht es natürlich keinen Unterschied, Unfall ist Unfall, Mord ist Mord. Schauplatz der kleinen Katastrophen ist O., ein beschauliches Städtchen mit einem belebten Marktplatz, der von Fachwerkhäusern gesäumt ist. In der Mitte des Platzes steht ein Brunnen mit der Figur eines niedlichen Knaben, der – wie auch sonst gebräuchlich – ohne Scham seinen Strahl ins Becken fließen lässt. Am Marktplatz beginnt die Fußgängerzone, die im Wesentlichen aus einer nicht zu langen Straße besteht. Links und rechts gibt es die eine oder andere Boutique, einen Feinkostladen, der sogar Kaviar und Froschschenkel anbietet, eine kleine Buchhandlung, die über ein erstaunlich gutes Sortiment verfügt, die letzte Metzgerei des Ortes, weitherum bekannt für ihre ortsspezifischen Rostbratwürste, ein Yogastudio, leider auch verschiedene Häuser, in deren Parterre-Fenstern Schilder hängen wie „Ausstellungsräume zu vermieten, 100 .Quadratmeter“ oder schlicht und einfach „Zu verkaufen“. So sieht das ja in vielen Innenstädten aus. Auch über eine Universität verfügt man hier, eine private freilich nur. Ihr Hauptgebäude liegt auf einem nicht sehr hohen Hügel. Die Zahl der Kirchen und Kapellen ist wohl nur dem Bischof bekannt. Jedenfalls gibt es eine kleine, aber alte Franziskanerkirche und die neugotische Pfarrkirche des Heiligen Martin. Ein Hallenbad, 3 Kinos, der Friedhof, ein glamouröses Einkaufszentrum in neobarocker Architektur am Stadtrand sowie ein Golfplatz in der Nähe ergänzen das Bild. Hotels gibt es nur eine Handvoll, immerhin ein Steigenberger mit einer hübschen Bar, sowie etliche Restaurants, von schlichter Kneipe bis zu Etablissement mit erlesener Küche. Auch an unsere tierischen Freunde hat man gedacht. Denn gleich neben dem Einkaufszentrum findet sich ein Katzenhotel, in dem man die lieben Hausgenossen in Pension geben kann, wenn man selbst mal katzenfreie Ferien machen will. Für Hunde sieht es leider schlechter aus, da muss noch nachgebessert werden. Was fehlt, ist ein Theater. Nur eine ehemalige Sporthalle, die inzwischen durch eine neue Anlage mit Mehrfachnutzung ersetzt wurde, dient gelegentlich als Bühne für Gastspiele renommierter Schauspieltruppen und kleinerer Orchester. Auch Maurizio Pollini soll hier schon aufgetreten sein.
Am Stadtrand gibt es immer noch eine Schrebergartensiedlung, wo eine erlesene Anzahl von Bürgern, die von Staub und Abgasen genug hatten und die sich frühzeitig einen solchen paradiesischen Platz sichern konnten, den ersehnten Frieden und den unverfälschten Charme der Natur genießen können. Es gibt sie immer noch, die Siedlung, aber wohl nicht mehr lange, weil die Stadt Land abgeben will an eine Wohnungsbaugenossenschaft, die Großes und vielversprechend Soziales plant. Vorerst aber werden mit dem Mut der Verzweiflung Zucchini, Auberginen, Kürbisse, auch Tomaten in plastikgeschützten Boxen gezüchtet und bald schon geerntet. Einige, aber nicht sehr viele, Gartenzwerge schauen unverdrossen in die unberührte Natur, noch nichts ahnend vom baldigen Untergang.

So weit so gut. Aber man soll den Tag nicht vor dem Abend loben.




Trauriger Abend


Radio Aurora
Liebe Hörerinnen und Hörer! Schön, dass sie wieder bei uns sind. Und wieder erwartet uns ein sonniger Frühlingstag, entgegen dem Wetterbericht, der eigentlich Regen angekündigt hatte. Aber leider müssen wir heute Morgen von einem tragischen Unglück berichten. Der 25-jährige Sohn des Bauunternehmers und Immobilienhändlers Braunfeld aus O. war gestern am frühen Abend mit seinem Ferrari unterwegs, verlor die Kontrolle über das Fahrzeug und raste ungebremst in einen Baum. Er verstarb an der Unfallstelle. Das sind die brutalen Fakten, die uns die Polizei mitteilte. Unser Reporter war bereits kurz nach dem Ereignis vor Ort. Er hat sich die Unfallstelle auf der B17 angeschaut. Der Unfallort liegt etwa 3 km außerhalb der Stadt. Die Straße ist praktisch völlig gerade, es gibt nach der Stadtgrenze keine nennenswerten Kurven. Links und rechts Wiesen und Weideland, gänzlich übersichtlich. Bis dann ein kleines Wäldchen beginnt. Und in den erstbesten Baum ist der Wagen hineingekracht. Unser Reporter hat noch mit den Beamten von der Spurensicherung sprechen können. Die nehmen an, dass der Fahrer erstens viel zu schnell unterwegs war und dass zweitens möglicherweise ein Tier über die Fahrbahn gesprungen ist. Wildwechsel ist am frühen Abend durchaus denkbar, allerdings gab es bisher keinerlei Kollisionen mit Tieren bei diesem Wäldchen. Der Fahrer hat dann wohl die Kontrolle über das Fahrzeug verloren und ist von der Straße abgekommen. Die untröstlichen Eltern waren bereits an der Unfallstelle, sie konnten ihren Sohn nur noch beweinen. Sie haben unserem Reporter gesagt, wenn sie es rückgängig machen könnten, würden sie dem Jungen keinen Ferrari mehr schenken, so ein Auto verleite ja zum schnellen und riskanten Fahren. Das ist nun nicht mehr rückgängig zu machen und wir sprechen den Eltern unser tief empfundenes Beileid aus. Nach einer vorläufigen Befragung der Eltern schließt die Polizei aus, dass es sich um einen Suizid handeln könnte. Der junge Mann sei lebenslustig und voller Optimismus gewesen. Wirklich ein sehr trauriges Ereignis. (Musik)




Der Rektor und seine Universität


Auf einem Hügel oberhalb der Altstadt von O. befindet sich ein flacher Bau mit zwei Seitenflügeln im rechten Winkel. Es ist eine ehemalige Bundeswehrkaserne, die im Rahmen einer Reorganisation des Heeres aufgegeben wurde. Das Gebäude ist nun der Hauptstandort der privaten Universität in O. Bei Gründung der Universität wurde es innen umgebaut. Wände wurden entfernt, andernorts wurden neue Wände eingezogen, die sanitären Einrichtungen wurden gänzlich erneuert, Fenster wurden vergrößert, und so weiter, kurzum: Die Kaserne wurde für die Zwecke einer Universität tauglich gemacht. Innen spürt man nichts mehr von der ursprünglichen Zweckbestimmung. Die Räume sind modern ausgestattet und freundlich eingerichtet. Der Empfangsraum, in dem immer eine Person sitzt, die gern (manchmal zu gern und zu ausführlich) Auskunft gibt, soll offensichtlich die Besucherin oder den Besucher willkommen heißen.
Von den stadtseitigen Büros hat man ungestörte Aussicht auf die Altstadt. Auf der anderen Seite blickt man ebenso ungestört auf die grünen Wiesen und die Weizen- und Rapsfelder des Umlandes und im Hintergrund auf die sanften Hügel. Die Rebberge kann man erahnen.

In seinem repräsentativen Büro sitzt Krippenstahl. Wer ist Krippenstahl? Er ist seit kurzem Rektor der privaten Universität in O. und heißt mit Vornamen Otto. Er ist ein eleganter Mann mit einem fein rasierten Schnurrbart, nicht nur bei offiziellen Anlässen, sondern auch im Alltag trägt er meist einen maßgeschneiderten blauen oder anthrazitfarbenen Anzug und eine edle dunkelblaue Krawatte mit originalem Paisley-Muster. Er bewegt sich geschmeidig und im Gespräch verfügt er über eine feine Ironie, das muss man ihm lassen. Er ist Kunsthistoriker von Fach. In seiner ersten Laufbahn war er Pathologe (was ihm sehr zustattenkam bei der Beurteilung, wenn auch nicht Lösung, des Kriminalfalls im vorigen Jahr, bei dem eine Wissenschaftlerin während einer Tagung der ganzen Fakultät in den Schweizer Bergen ermordet wurde). Er war schon immer sehr von sich eingenommen und ist es nun noch mehr. Aber im Übrigen doch ganz umgänglich. Viel lieber wäre er natürlich Rektor einer Exzellenzuniversität, vielleicht schafft er eines Tages noch diesen Sprung. Fürs Erste begnügt er sich aber mit der Devise „Wir sind keine Exzellenzuniversität, dafür sind wir aber exzellent“. Bei jeder seiner Reden bei allen Feierlichkeiten, öffentlichen Auftritten und dergleichen führt er diesen Spruch im Mund, wobei er manchmal noch hinzufügt, „was man nicht von jeder Exzellenzuniversität behaupten kann“. Das sagt er aber eher im kleineren Kreis, weil er sich sonst vielleicht weiterführende Chancen verscherzt.
Als er das Amt angenommen hat, hat er sich ausbedungen, dass er sein Büro in der ehemaligen Kaserne etwas luxuriöser einrichten kann, als es dem Standard entspricht. Das Büro ist sehr geräumig, es hat Platz für einen englischen Schreibtisch mit grünem Lederbezug, auf dem eine Bankerlampe aus Messing mit grünem Glas steht, und einen langen Tisch für kleinere Sitzungen, aus Mahagoni, umgeben von je drei Sesseln an den Längsseiten und je einem Sessel an den Querseiten. Die Sessel sind halbrund, mit Armlehnen und ledergepolsterten Sitzen und Rücklehnen. Also alles sehr sorgfältig ausgesucht, geradezu vornehm, im Rahmen des innerhalb einer ehemaligen Kaserne Möglichen. Die Möbel wurden von einer renommierten Schreinerei in O. nach den Wünschen des Rektors angefertigt.
Der Stolz der Architekten ist der große Hörsaal, das Auditorium maximum, wie es in den alten traditionsbewussten Universitäten heißt. Der Raum ist ganz mit Holz verkleidet, hat eine von Akustikern entworfene Decke und fasst bis zu 300 Personen. Die Stühle wurden nach modernen ergonomischen Prinzipien gefertigt. Ein wahrhaft repräsentativer Saal, nicht nur für große Vorlesungen, auch für Feiern, Preisverleihungen und dergleichen.
Es ist Krippenstahl daran gelegen, seine Universität auszubauen über den Rahmen der traditionellen Geisteswissenschaften hinaus, und so war denn eine seiner ersten Amtstätigkeiten der Ausbau des Instituts für Künstliche Intelligenz. Das ist noch ein bisschen Geisteswissenschaft, insofern Intelligenz ja nach vorherrschender Auffassung etwas mit Geist zu tun hat, und schon ein bisschen Naturwissenschaft, was mit dem Attribut künstlich angedeutet ist. Das Institut war schon von seinem Vorgänger gegründet worden, hat aber bisher noch nicht richtig Schwung aufgenommen. Das soll sich nun raschestmöglich ändern. Das Institut, das von einem aus Politikern, Wissenschaftlern und Wirtschaftsvertretern zusammengesetzten Stiftungsrat präsidiert wird, liegt auf einem Hügel – wie das Hauptgebäude, aber auf einem anderen – inmitten der sanfthügeligen Landschaft von O. und so hat er es „Cyber Mountain“ getauft (nicht etwa Cyber Valley nach einem berühmten Vorbild). Ein Forschungsschwerpunkt des neuen Instituts soll das automatisierte Fahren von Autos sein.
Das Institut ist ein zweistöckiger Neubau mit Flachdach, nach modernsten architektonischen Richtlinien konzipiert. Minergie-Standard, auf dem Dach Solarpanels. Am Bau haben sich der Bund, das Land, die Stadt und auch private Sponsoren beteiligt, die Gelder der Stiftung hätten natürlich nicht gereicht für ein so bedeutendes Unternehmen. Das Gebäude hat einen Bürotrakt, verschiedene Räume für Labors und Experimente und mehrere Hörsäle. Der Bürotrakt umfasst individuelle Büros für Direktorin/Direktor (was von beiden der Fall sein wird, ist noch nicht bestimmt) und deren/dessen wissenschaftliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie ein Großraumbüro für Postdocs.




Interessante Lektüre


Schumacher, Professor für Philosophie an der privaten Universität in O., sitzt in seinem bequemen Ledersessel, der hat Ohren, ist also richtig gemütlich. Neben seinem Sessel liegt ein schöner, großer, schwarzer Hund, der von einem saftigen Stück Leberkäs träumt. Schumacher heißt mit christlichem Namen eigentlich Paul, Paul Schumacher also, aber alle nennen ihn bloß Schumacher, keiner weiß warum. Weder war sein Vater Schumacher, noch hat er selbst in den wilden Jahren Schuhe repariert, um sich ein paar Mark für einen Joint zu beschaffen. Nun ist es einfach so, dass er seinen Vornamen eingebüßt hat.
Seine Tochter Nadja ist schon seit Längerem der Meinung, dass er zu viel in seinem Sessel sitzt und sich zu wenig bewegt, was dann zu einem ungesund rundlichen Körperbau führt. Darum hat sie ihn überredet, sich einen Hund zuzutun, mit dem er regelmäßig täglich spazieren gehen darf beziehungsweise muss. Sie sind zusammen ins Tierheim gegangen und haben nach langer Diskussion und intensiver Beratung durch die Tierpflegerin einen aus Spanien stammenden, anscheinend sehr gutmütigen Hund mitgenommen, unbekannter Rasse, noch nicht sehr alt, so groß wie ein durchschnittlicher Labrador und einem solchen nicht unähnlich, obwohl da auch noch andere Rassen mitgespielt haben dürften. Jedenfalls folgte seine Entstehung keinem Lehrbuch. Schumacher hat nach nur kurzer Überlegung einen Namen für ihn gefunden: Heraklit. Vom Philosophen Heraklit weiß man wenig, seine Werke sind nur in Fragmenten überliefert, aber was man von ihm kennt, entspricht Schumachers eigenen Vorlieben: Paradoxien, Wortspiele, Doppeldeutigkeiten. Heraklit, der Hund, kommt mit dieser philosophischen Last gut zurecht, solange man ihm sein Würstchen nicht vorenthält. Übrigens ist Schumacher mit Tristram Shandys Vater ganz einverstanden, der den Vornamen einen geradezu metaphysischen Einfluss auf den Charakter des Trägers zusprach. Nun haben Hunde eigentlich keinen Vornamen, weil sie ja keinen Nachnamen haben (so hätte Heraklit argumentiert), was schade ist, weil man sie genealogisch nur schwer zurückverfolgen kann. Genau genommen geht es ja hier auch nicht um Vornamen, sondern in der christlichen Kultur um Taufnamen. Da ergibt sich allerdings ein ernsthaftes Problem: Können Hunde die Taufe empfangen? Darüber gehen die Meinungen der theologischen Gelehrten weit auseinander, da gibt es nur Ja oder Nein, nichts dazwischen. Jedenfalls hat Schumacher den Hund in einer kurzen Zeremonie, an der außer ihm nur Nadja teilgenommen hat und die im Wesentlichen in der Öffnung einer Champagnerflasche bestand, Heraklit „getauft“ (die Anführungszeichen weisen auf die Uneinigkeit der Gelehrten hin). Der nun so genannte (nicht etwa sogenannte – da sieht man, wozu die Rechtschreibung gut ist) Heraklit erweist sich als überaus kooperativ, erweist seinem Namen alle Ehre, indem er Schumacher, den Professor, in seinen oft komplizierten Gedankengängen unterstützt.
Es ist Sonntagvormittag, noch nicht ganz Zeit für den sonntagvormittäglichen Whisky (nur einen, und nur sonntags, alte Routine noch aus den Zeiten, als seine Frau noch gelebt hat, die vor fünf Jahren an Krebs gestorben ist). Dass es noch nicht ganz Zeit ist für den Whisky, liest er an seiner Uhr ab, einem hochmodernen Gerät, das ihm seine Tochter Nadja vor einem Jahr geschenkt hat. Uhr heißt nicht mehr Uhr, sondern Watch, wie alles Wichtige heute englisch ist. Sie hat einen Haufen Funktionen, deren Sinn er bis heute noch nicht begriffen hat. Angeblich dient sie auch der Gesundheit. Wie das gehen soll, will er gar nicht wissen, sehr zum Leidwesen der Spenderin, die sich von der Watch einen Abbau der väterlichen Rundungen erhofft hatte. Nun ja, jetzt tut die Watch also nur das, was eine richtige Uhr tun sollte – sie zeigt die Zeit an und die ist noch nicht reif für den sonntäglichen Whisky.
Schumacher ist locker, aber warm angezogen, Cordhose und ein dunkelbrauner Rollkragenpullover. Bis weit in den Frühling hinein trägt er Rollkragenpullis, ständig in der Furcht, er könnte frieren und sich erkälten. Wenn er sich aufregt, beginnt er zu schwitzen, wie die meisten Leute, die zu warm angezogen sind. Daran hat er sich gewöhnt. Er pflegt merkwürdige Kleiderregeln. Sobald im März oder Anfang April die Sonne schon ein bisschen wärmt, stellt er auf Sommer um, von einem Tag auf den anderen: T-Shirts, Jeans, Sneakers. Wenn es dann einen Kälterückfall gibt, gar Schnee bis ins Flachland, wäre eigentlich das Winter-Outfit wieder angesagt, nach seiner Winterdevise „Lieber schwitzen als frieren“, aber das gilt eben nur für den Winter. Diese Marotten haben schon seine Frau zur Verzweiflung gebracht und auch Nadja findet das abartig. Aber so sind nun mal Philosophen, schon Diogenes soll ärmlichst gekleidet gewesen sein und in einer Tonne gewohnt haben, soweit würde Schumacher allerdings nicht gehen. Jedenfalls kann er sich immer auf seine Mutter berufen, die klare Kleiderregeln überaus praktisch fand. Der Klimawandel bringt seine Kleiderregeln allerdings beträchtlich ins Wanken. Wenn man nicht mehr weiß, wo der Winter aufhört und der Frühling anfängt, wenn der Frühling übergangslos wieder in den Winter zurückschaltet und dann auf den Winter ohne Vorbereitung der Sommer folgt, wenn es schon im Februar plötzlich so warm wird wie früher im Juni, dann nützt auch alle Philosophie nichts mehr. Flanellunterhosen und T-Shirts müssen ständig bereitliegen für den Fall, dass …
Gleich nach dem Frühstück – nur das obligate Frühstücksei und zwei Scheiben Toast, Kaffee, Orangensaft (Müsli verabscheut er) – hat er mit Heraklit den gleichfalls obligaten Spaziergang gemacht und nun fordert Heraklit seine Streicheleinheit ein, nachdem er beim Spaziergang brav gewesen ist, sein Geschäft verrichtet hat und keine anderen Hunde verbellt hat. Der Professor liest Zeitung, in Papierform, diesen kleinen Widerhaken gegen die digitale Verelendung gönnt er sich. Nach der großen Politik werden nun auch noch die kleineren, lokalen Ereignisse beachtet. In N., der Nachbarstadt, gab es einen Großbrand in einer Lagerhalle für Düngemittel. In O., also sozusagen vor der Haustür, einen Unfall. Der Lokalreporter des Tagblatts berichtet, der Sohn eines Immobilienhändlers namens Braunfeld habe mit seinem Ferrari neuesten Typs einen Unfall gehabt. Er sei auf gerader Strecke von der Straße abgekommen und in einen Baum gerast.
...
5 Sterne
Super spannend und unterhaltsam - 21.11.2024
Marie

Wieder ein spannender Fall von Schumacher - besonders Heraklit ist mir ans Herz gewachsen und ich habe mit den beiden bis zur letzten Seite mitgefiebert! Eine große Empfehlung :)

5 Sterne
Brennende intelligenz - 23.09.2024

Sehr unterhaltsam und intelligent geschrieben. Bei Schumann, dem Philosoph, würde man gerne in seiner Vorlesung sitzen.

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