Benno, ein guter Junge

Benno, ein guter Junge

Alex Marc


EUR 24,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 156
ISBN: 978-3-903861-89-3
Erscheinungsdatum: 11.10.2021
Ulrike und Werner kaufen eine alte Jugendstilvilla mit düsterer Aura. Zufällig stößt man auf die Tagebücher der seligen Vorbesitzerin. Mit Sohn Benno hütete sie ein grausiges Geheimnis ... Krimi pur für die Geisterstunde!
PROLOG
Ein guter Junge

Ein gesunder Sohn ist
der Mutter Lohn.

Schreit er früh, aus voller Lunge, wird’s bestimmt ein großer Junge.

Liebt er Frauen ohne Grauen,
kann die Mutter ihm vertrauen.

A. M.

Sämtliche Personen,
Orte und Ereignisse sind
völlig frei erfunden.
Übereinstimmungen
sind rein zufällig.





1. Kapitel
Vorfreude

Zufrieden saß Ulrike in dem alten klapprigen Liegestuhl, dessen Holzrahmen mit einem abgeschossenen blau-weiß gestreiften Leinenbezug bespannt war, legte die Beine auf eine Obstkiste, da das Fußteil fehlte, und schlürfte genüsslich ihre erste Tasse Kaffee im Garten ihres neu erworbenen Hauses.
Sie konnte es noch immer nicht richtig glauben, aber die etwas ramponierte Jugendstilvilla aus dem Jahre 1906 gehörte jetzt ihnen, ihrem Mann Werner, einem Unfallchirurgen, der seine Niederlassung als Allgemeinmediziner in Dellingen im südlichen Baden-Württemberg vorbereitete, und ihr, einer Krankengymnastin. Sie würden beide mit ihren bisher nur geplanten zwei Kindern im ersten und zweiten Obergeschoss der Villa wohnen, während der Praxisbetrieb im Hochparterre auf 180 Quadratmetern geplant war. Ihre Praxis wollte sie in drei ausgebauten Kellerräumen betreiben, in dem Rahmen, wie sie Haushalt und ihre Arbeit als Krankengymnastin vereinbaren könnte. Die Renovation des Erdgeschosses hatte absoluten Vorrang, da dort die Praxiseröffnung in circa 9 bis 12 Monaten geplant war.
Werner war derzeit noch viel unterwegs, um die Praxisvorbereitungszeit in mehreren Kollegenpraxen zu absolvieren, die mindestens ein halbes Jahr in Anspruch nahm. Ihr oblag die Koordination der Baumaßnahmen vor Ort, die sie zusammen mit ihrem Architekten Herrn Elner, ohne größere Verzögerungen wahrzunehmen hoffte.
In der Annonce hatte seit mehreren Monaten derselbe Text gestanden, welcher jedoch keinen potenziellen Käufer zum wirklichen Erwerb hatte veranlassen können:

Freistehende Jugendstil-Villa mit Potenzial, Baujahr 1906, circa 1500 m² Grundstück, in zentrumsnaher Lage an Liebhaber zu verkaufen. Chiffre XXX.

Werners Vater, ein pensionierter Hausarzt, hatte auf einen Tipp von Ulrikes Schwester Astrid die Annonce in der Lokalzeitung gelesen, als er in Dellingen zu tun hatte. Er liebte alte sanierungsbedürftige Häuser, von denen er bereits mehrere besaß; seit Jahrzehnten würgte er jeden Urlaubsversuch der Familie mit dem Argument ab, er müsse nur noch diese eine Renovation durchführen, um dann in Zukunft gegen derartige Arbeiten gefeit zu sein. Der ideale Partner in Sachen Erwerb und Sanierung alter „Hütten“ – so die abschätzige Bezeichnung von Werners Mutter für die betagten Bauwerke ihres Gatten – war Ulrikes Vater, ein rüstiger Metzgermeister im Unruhestand, der nach dem einträglichen Verkauf seiner Metzgerei zwischen seinen zahlreichen Reisen einer neuen Aufgabe entgegenfieberte.

Die zwei Väter hatten sofort das Objekt mehrfach umstreift, den Garten erkundet und Auskünfte beim Liegenschaftsamt und beim Baurechtsamt eingeholt. Als Vorbesitzerin war eine Frau namens Strutz im Grundbuch eingetragen, welche im hohen Alter von 85 Jahren im Hause verstorben war. Sie hatte bis vor circa zwei Jahren mit ihrem Sohn dort gewohnt, welcher laut Angaben der Nachbarn beim Versuch einer Reparatur am Giebelfenster aus demselben gestürzt und von der Mutter schließlich tot in der Einfahrt zum Grundstück, welche seitlich am Hause vorbeiführte, gefunden worden war. Die Nachbarn wussten, dass der Verlust des Sohnes namens Benno Strutz keine Katastrophe, sondern eher einen Kollateralschaden darstellte.
„Jedes alte Haus könnte eine Geschichte erzählen“, hatte Ulrike nach dem Notartermin gesagt, als sie mit den Erben der alten Villa, einem entfernten Neffen sowie zwei Nichten der einen Vorbesitzerin, alle drei in den späten Fünfzigern und frühen Sechzigern, im Café Ritter saßen und den Kaufvertrag mit einer kleinen Feier würdigten.

Auf die neugierigen Fragen von Ulrike und Werner nach den früheren Bewohnern mussten die drei Erben schnell passen, da ihre
Mutter mit der verblichenen jüngeren Schwester nach einer vermeintlichen Erbstreitigkeit jeglichen Kontakt abgebrochen hatte.

Umso überraschter waren sie über ihre Erbschaft gewesen, die außer dem leicht baufälligen, jedoch reizvoll gelegenen Haus einen kleinen Geldbetrag umfasste. Da alle drei Erben ebenso wie deren Kinder kein Interesse an dem Objekt gezeigt hatten, war der Entschluss zum Verkauf schnell gefasst.

Allmählich wurde es kühler, da nachmittags die Sonne im späten August bereits früh ihre Kraft verlor, sodass Ulrike ihren Klappsessel leicht fröstelnd verließ und diesen zusammen mit der Obstkiste wieder ins Haus trug, wo sie diese von den Vorbesitzern angetroffen hatte.

Sie wollte, angesichts der Tatsache, dass sie die erste Nacht in ihrem neuen Heim alleine verbringen musste, es sich im fast unmöblierten Wohnzimmer so gemütlich wie möglich machen. Ihr Vater Siegbert hatte ihr ein Gästeklappbett von zu Hause aufgebaut sowie einen Tisch und vier Stühle für die Brotzeit mitgebracht. Die Möblierung wurde durch einen alten tragbaren Fernsehapparat aus Werners Studienzeit mit Zimmerantenne sowie einen ähnlich alten Radioapparat vervollständigt. Das Kücheninventar umfasste einen Zweiplattenelektroherd, zwei Töpfe sowie das nötigste Geschirr.

Nach einem kurzen Einkauf fürs Abendessen bei dem kleinen Edeka-Händler circa 200 bis 300 Meter entfernt wollte sie noch etwas im Hause herumstöbern, bevor es dunkel wurde. Das Haus war bis auf den hohen Speicher unter dem Mansarddach und dem Keller mit Ausnahme dreier schlanker hoher Kachelöfen in den Wohnzimmern der drei Wohnetagen nur spärlich möbliert.




2. Kapitel
Fragen

Zunächst wollte sie den Keller genauer inspizieren, welcher aus vier ungleich großen „naturbelassenen“ Kellerräumen bestand, in welchen die Bruchsteinmauern von teilweise losem Putz bedeckt
waren und der verdichtete Erdboden zur Raummitte hin durchhing.

Der fünfte Kellerraum hingegen war mit Steinplatten ausgelegt, welcher wiederum von einem alten Perserteppich fast zur Gänze bedeckt wurde. Ein spartanisch einfacher, jedoch massiver Holztisch, ein zweitüriger alter Schrank sowie zwei sehr stabile hölzerne Armlehnenstühle mit alten Bohrungen an Armlehnen und den vorderen zwei Füßen rundeten die Möblierung ab. Dieser fünfte Kellerraum unterschied sich von den vier anderen zusätzlich durch eine schwere Holztüre mit einem großen angebrachten Kastenschloss sowie einem schweren Eisenriegel über demselben. Ansonsten hatten die Räume nur Lattenroste als Türen.

Der möblierte Raum war laienhaft weiß getüncht, wobei diese Malerarbeit die letzte Renovation der Vorbesitzer gewesen sein dürfte. An der freien weißen längeren Wand konnte man mit etwas Fantasie die restlichen Konturen eines ehemaligen Türrahmens erahnen. Für Ulrike unverständlich war die Gestaltung der überirdisch gelegenen Kellerfenster, welche außen weiß und innen schwarz bemalt waren, obwohl die Scheiben selbst bereits mattiert waren. Ein dicht gerostetes Innengitter, welches das Öffnen der Fensterflügel unmöglich machte, wurde durch ein den anderen Kellergittern angepasstes Außengitter mit einem Blumenmotiv im Jugendstil verstärkt.




3. Kapitel
Erste Vermutungen

Es war schon merkwürdig, dass der einzige wohnlich hergerichtete Kellerraum, der dazu noch nach Süden zum großen Garten hin lag, vom Sonnenlicht derart abgeschlossen worden war. Dies erklärte auch den stickigen Geruch, der sich hartnäckig in diesem Raum hielt, obwohl Ulrike seit dem Hauskauf den Keller ständig durch das Offenlassen der Tür gelüftet hatte. Am ehesten dürfte es sich um die Dunkelkammer des verunglückten Sohnes Benno gehandelt haben, von dem sie aus den Erzählungen der Verkäufer so gut wie nichts wusste, davon abgesehen, dass er die letzten 15–20 Jahre zusammen mit seiner Mutter in völliger Zurückgezogenheit gelebt hatte.
Laut Herrn Schäfer, dem alten Edeka-Händler, hatten Mutter und Sohn von zwei bescheidenen Renten, ihrer Witwenrente sowie Bennos Frührente gelebt. Benno hatte trotz seiner großen massigen Statur laut Herrn Schäfer öfters unter Depressionen gelitten, die seine Frühberentung bewirkt hatten und vermutlich,
falls sein Tod kein Unfall war, auch diesen eventuell verursacht.
Da im Keller nichts mehr von Interesse zu finden war, schaltete Ulrike die tellerförmigen weiß emaillierten Kellerlampen ab und begab sich auf den Speicher, der mittlerweile im Dämmerlicht dalag und nur durch die zwei Dachluken und die zwei zerkratzten Dachfenster spärlich beleuchtet wurde. Der Speicher umfasste ebenfalls fünf durch Lattenroste abgeteilte Räume sowie drei breite, in halber Stockhöhe zur Seite abgeknickte
Kamine.
Die Raumhöhe war mit circa 3 ½ bis 4 Metern beeindruckend und hätte einer Wohnung im Falle eines Dachausbaus ein herrliches Wohngefühl verliehen. Aber dies alles konnte über die Unmengen herumstehender verstaubter alter Möbel, Kisten, Koffer und sonstiger Gegenstände nicht hinwegtäuschen.
Hier hatten sich über Jahrzehnte Müllberge angesammelt, die niemand – egal aus welchen Gründen – jemals weggeräumt hatte. In den alten Schränken hingen überwiegend Frauenkleider aus den Fünfziger- und Sechzigerjahren in unterschiedlichen Größen. In alten Schrankkoffern lagen paarweise zusammengebundene Halbschuhe für Frauen und Männer durcheinander.

Am interessantesten versprach jedoch der Inhalt eines alten mit Holzleisten verstärkten, mit einer teerartigen Schicht überzogenen Koffers zu werden; viele alte Tagebücher lagen zu kleinen Stapeln gebündelt, mischten sich mit schwarz eingebundenen Rechnungsbüchern, welche statt Zahlen jedoch tagebuchähnliche Einträge enthielten. Der Schrift nach zu urteilen dürfte eine Frau, vermutlich die alte Frau Strutz, diese Eintragungen zu Papier gebracht haben. Die älteren datierten von den frühen Dreißigerjahren und waren mit graugrüner Tinte geschrieben.

Ulrike nahm sich einen Teil dieser Bücher unter den Arm und verließ den mittlerweile nur noch spärlichst beleuchteten Speicher mit etwas gemischten Gefühlen. Im schwachen Licht der einsam am Dachfirst baumelnden elektrischen Lampe schloss Ulrike die Fenster und lehnte sich dabei kurz aus dem Fenster nahe der Speichertreppe, aus welchem gemäß den Erzählungen des Einzelhändlers der unglückliche Sohn des Hauses zu Tode gestürzt war.
Ja, es stimmte schon, alte Häuser haben eine Geschichte; vielleicht wäre ein Neubau auch nicht schlecht gewesen, dachte Ulrike bei sich und verschloss die Speichertür.
5 Sterne
"Hat er's in der Jugend schwer, rächt sich später um so mehr." - 19.01.2022
Kai Wilde

Der Rahmen stimmt, schnell weiß man über die Situation Bescheid und nach kurzer aber ausreichender Beschreibung der Protagonisten nimmt das Buch direkt Fahrt auf. Die Ironie des "guten" Jungen zeigt seine dunkelsten Facetten im Zusammenspiel zwischen Mutter und Sohn, Liebe geht bekanntlich über den Tod hinaus und doch wünscht sich Mama nur das große Glück für ihren Sprössling. Ob Sie für alle Zeiten hinter ihm oder besser mit ihm nach den Tragödien aufräumt, möchte ich hier nicht verraten, doch die gute Helena, sollte die Hoffnung nicht aufgeben. Das der Autor gegen Ende recht zügig eine Lösung findet war eigentlich zur zwangsläufig, eine Fortsetzung ist nicht vonnöten. Das Detektivteam in der eigenen Familie, hier im Buch in der Gegenwart, recherchiert perfekt. Übrig bleiben dem Leser eigentlich 3 Dinge: kenne ich meine Nachbarn wirklich gut und was, wenn Sie abends vor dem Rosenbeet sitzen und sollte ich wirklich mal auf dem eigenen Speicher/im Keller nach dem Rechten sehen...Tolles Buch, kurzweilig, spannend, absolut zu empfehlen.

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