Cover: BAD City – Kriminalroman

BAD City – Kriminalroman
Kommissar Schätzles erster Fall aus der heimlichen Hauptstadt des Verbrechens


EUR 15,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 204
ISBN: 978-3-7116-1801-6
Erscheinungsdatum: 23.09.2026
Wenn eine Stadt das Kfz-Kennzeichen BAD trägt, hat das Gründe: In Baden-Baden ermittelt Kommissar Schätzle wegen Mord und Menschenhandel – und stößt dabei auf die dunklen Seiten einer vermeintlich idyllischen Kurstadt.
1
Musik: Fly Away, Lenny Kravitz


Ich fliege. Mein Gott, ich kann fliegen. Unter mir der Goetheplatz mit der Kutsche, die auf Touristen wartet. Weiter voraus die Gönneranlage – ich kann den in voller Blüte stehenden Lavendel bis hier oben riechen. Immer höher steige ich hinauf. Da vorne die magische Lichtentaler Allee mit ihren satten Lindenkronen, dort das verträumte Hirtenhäuschen, in der Ferne das dunkle Kloster …
Als Schätzle, wie von einem Hammer getroffen, aufwachte, blitzte ihm die frühe Sonne direkt in die Augen. Er schaute auf die Wand gegenüber. Sie blendete so weiß zurück, dass es wehtat. Schätzle rieb sich die Lider, jetzt vermischte sich das schreiend grelle Licht auch noch mit grünvioletten Schlieren. Er war wohl tatsächlich, ganz kurz, eingeschlafen.
Schätzle überlegte, ob ihm so etwas schon einmal passiert war. Ihm fiel die lange Motorradfahrt ein, damals während seines Studiums, als er nachts von der Polizeihochschule in Böblingen unbedingt noch zu seiner Freundin in Schwäbisch Gmünd fahren wollte. Für ein paar Sekunden waren ihm auf der kurvenreichen Landstraße die Augen zugefallen. Ein entgegenkommender Lkw hatte ihn so geblendet, dass er im allerletzten Moment seine Maschine nach rechts ziehen und ausweichen konnte.
Aber so etwas wie eben, in seinem Büro, an seinem Schreibtisch, aus dem heiteren Nichts, das war ihm noch nie passiert.
Es waren definitiv ein, zwei Gläser zu viel heute Nacht, dachte Schätzle, als er ans Fenster des Polizeiposten-Büros in der Inselstraße trat und es stoßartig weit öffnete.
Ein Luftzug wehte ihm augenblicklich entgegen. Junimild, sanft, samtig, die Wange streichelnd. Und doch gleichzeitig prickelnd, anregend, reich.
Er atmete tief ein. Da war sie, diese Luft, für die manche Menschen aus der ganzen Welt nach Baden-Baden kamen. Als ‚Champagner-Luft‘ wollte sie die hiesige Kur & Tourismus GmbH in ihrer Fremdenverkehrswerbung für sich reklamieren. Gottseidank war ihr noch rechtzeitig aufgefallen, dass sich die Konkurrenz in Bad Homburg am Taunus das bereits als ihr Markenzeichen hatte schützen lassen.
Schätzle überlegte kurz: Wie lautete nochmal der neue Slogan für die Stadt am Schwarzwaldrand? ‚Baden-Baden – the good-good life‘. Elendig! Furchtbar! Englisch! Musste das wirklich sein? Aber widersprechen wollte er ihm trotzdem nicht.

Natürlich bedeutete sein Wechsel einen Rückschritt. Vom Polizeipräsidium in Offenburg, wo er als Kriminalhauptkommissar die Kriminalinspektion 1 für Kapitaldelikte leitete, war er vor fünf Monaten zurück nach Baden-Baden gewechselt, als neuer Polizeihauptkommissar und Leiter des dortigen Polizeipostens Mitte.
„Willst Du wirklich aus dem Anzug wieder rein in die Uniform? Wieder vor Ort Streife fahren, Schutzmann an der Ecke sein? Als Dorfsheriff Fahrraddiebe verfolgen? – Warum tust Du Dir das mit 60 noch mal an?“, hatte ihn Bella, seine Frau, gefragt. Oder sollte er besser Ex-Frau sagen?
Nach 24 Ehejahren war ihre Beziehung immer mehr eingeschlafen. Gut, er war daran auch selbst schuld. Durch die räumliche Trennung, sie in ihrer Villa in Baden-Baden, er in der Dienstwohnung in Offenburg, hatten sie die letzten Jahre nur eine Wochenendbeziehung geführt. Für beide merklich hatten sie sich immer mehr voneinander entfremdet.
Durch seine Versetzung zurück nach Baden-Baden wollte er diese Entwicklung noch einmal aufhalten. Doch das war misslungen.
Seine Kollegen wussten von seinen wahren Beweggründen nichts. Sie vermuteten eher eine interne Bestrafung. Denn Schätzle, so verbreitete es der Flurfunk, wäre den Oberen in Offenburg schon lange ein Dorn im Auge gewesen.
Letzten Sommer, nach einer groß angelegten Drogenrazzia im Offenburger Bürgerpark, hätte er – so tuschelte man hinter vorgehaltener Hand – das Fass seiner Vorgesetzten zum Überlaufen gebracht. Ein Journalist des örtlichen Online-Fernsehens hatte ihm Racial Profiling vorgeworfen. Schätzle hatte daraufhin in dessen Kamera gesagt: „Wenn beim Drogendealen überwiegend Dunkelhäutige tätig sind, dann werden an den einschlägig bekannten Orten auch vorwiegend diese Personen überprüft. Das nenne ich nicht ‚Racial Profiling‘, sondern ‚Berufserfahrung‘ – und zwar mit hoher Trefferquote.“
Intern teilten zwar fast alle seine Ansichten. Aber Schätzle war tatsächlich zu einem Gespräch in die oberste Etage, zum Polizeipräsidenten, bestellt worden. Die eindringliche Ermahnung, die er dort erhalten hatte, sich in Zukunft mit seiner Meinung zurückzuhalten, hatte seinen Entschluss zur Rückkehr nach Baden-Baden letztendlich nur noch bestärkt.

Bella hatte, wie so oft, wenn es um sein Leben ging, nicht verstanden, wie sehr ihm die Polizeiarbeit in den letzten Jahren zugesetzt hatte. Offenburg war mehr und mehr zu einer Brennpunktstadt geworden. Mit einer Kriminalitätsdichte, die längst mit Stuttgart zu vergleichen war. Seine Arbeitstage hatten bis zu zwölf Stunden betragen. Oft war er am Samstag bei Bella auf dem Sofa eingeschlafen.
Jahr für Jahr schob er mehr auszugleichende Überstunden vor sich her. An seinen sechswöchigen Resturlaub mochte er schon gar nicht mehr denken. Nach 35 Dienstjahren sehnte er sich nach einem geregelten Dienst, nach mehr Ruhe und einfach nach einem Leben neben der Arbeit.
Dass das mit der ‚mehr Ruhe‘ wohl eine Illusion bleiben würde, wurde ihm spätestens klar, als er nach seinem Umzug ein neues Konto in seiner Hausbank eröffnete. Die Kundenbetreuerin, die es wohl wissen musste, hatte ihn begrüßt mit den Worten: „Willkommen in der Stadt der kleinen und großen Mafia. Wie hoch soll ich Ihren Überziehungskredit einrichten?“

Von der Straße klang Musik herauf in den ersten Stock der prunkvollen Patriziervilla. Etwas völlig verquer Gespieltes, was man gerade eben so als südamerikanisch durchgehen lassen konnte.
Es musste also nach zehn sein. Denn die Gefahrenabwehrverordnung zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung, § 8 der Präventionskonvention, besagte schließlich:
‚Darbietungen in der Fußgängerzone sind nur in der Zeit von 10 bis 20 Uhr gestattet‘.
Schätzle war beruhigt. Sein Gehirn arbeitete wieder im Normalmodus.
„Soll ich runtergehen, Chef, und mal ordentlich durchgreifen? Das ist doch klar eine akustische Straftat.“ Waldemar Prib, Polizeiobermeister, hatte Schätzles Büro betreten.
„Lass mal stecken, Walde, sie ziehen bestimmt bald weiter zum Leopoldplatz“, antwortete Schätzle.
Pribs Augen zeigten wieder diese eisblaue Kälte. Manchmal erinnerten sie Schätzle an einen norwegischen Husky. Dabei war Prib gebürtig im Wolgagebiet, Spätaussiedler und ‚Biodeutscher mit reinrassiger deutscher Staatsbürgerschaft‘, wie er immer wieder stolz, auch ungefragt, hervorhob.
Pribs Aussehen hatte etwas Derbes, was vor allem an dem rasierten Nacken seines großen, kantigen Kopfes lag.
‚Baden-Baden ist die einzige russische Stadt außerhalb Russlands‘, hatte der Südwestfunk einmal behauptet. Und er hatte damit sicher recht: Über 2.000 Staatsbürger aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion lebten inzwischen hier. Viele davon Russen. Aber auch Usbeken, Kasachen, Ukrainer, Georgier, Armenier. Nicht gezählt waren dabei die vielen Russlanddeutschen wie Prib. Und erst recht nicht die rund 46.000 russischsprachigen Touristen, die alljährlich in der Kurstadt übernachteten.
Aber das großmütige Baden-Baden hatte sich auch daran inzwischen gewöhnt. Obwohl: So manchem der alteingesessenen Einheimischen waren Dinge wie die Pizza Nummer 42 im Ristorante Virtuoso zum Preis von 27,90 Euro ein Dorn im Auge. Und das nicht etwa wegen des Preises, der für Kurstadt-Verhältnisse noch deutlich im Rahmen lag.
Nein, es war der ‚besondere‘ Belag dieser ja eigentlich italienischen Spezialität, die unter den Einheimischen für Empörung gesorgt hatte: Denn sie war mit Räucherlachs, Crème fraîche und zehn Gramm Imperial Kaviar komplett abgestimmt auf den russischen Geschmack.
Prib war, politisch gesehen, stramm rechts, so viel stand für Schätzle fest. Wie vermutlich jeder der Ende der 90er-Jahre von Kanzler Kohl nach Deutschland gerufenen Spätaussiedler. Doch er wählte wahrscheinlich längst nicht mehr die CDU.
Wenn es um seine Meinung ging, hielt sich Prib auch sonst nicht die Hand vor den Mund. Wohl eher die Faust.
Die Einträge in seiner Personalakte sprachen Bände. Er war mit seinen 1 Meter 95 Schätzles Mann fürs Grobe. Schätzle brauchte ihn und deckte ihn. Manchmal mehr, als ihm lieb sein konnte.
Er wusste, Prib würde es ihm mit unendlicher Loyalität und übergroßem Einsatz zurückzahlen. Prib sprach fließend Russisch. Für Schätzle war er deshalb unersetzlich als Ohr zur ‚Gemeinde‘. Denn in ihr versteckte sich, Schätzle hasste die Bestätigung dieses Klischees, sehr oft der passende Schlüssel zur Aufdeckung vieler Kapitalverbrechen.

Die Kurstadt stand auch im letzten Jahr mit über 10.500 Straftaten auf 55.000 Einwohnern in Baden-Württemberg an der Spitze der Kriminalstatistik. Als ‚Deutschlands heimliche Hauptstadt des Verbrechens‘ hatte das einmal die New York Times betitelt.
Als er noch in Offenburg Dienst tat, wollte er einmal ausrechnen lassen, wie hoch daran der Anteil der ‚Gemeinde‘ war. Letztlich hatte ein Anruf aus dem Stuttgarter Innenministerium ihn freundlich, aber bestimmt aufgefordert, diese Betrachtungen unverzüglich einzustellen.
Zu Schätzles Team im Polizeiposten Mitte gehörten neben Prib auch Britta Leberle und Sebastian Erchinger.
Leberle, blonder Pferdeschwanz, hochbegabt, gutvernetzt, war trotz ihrer erst 24 Jahre bereits Polizeihauptmeisterin. Auch wenn sie es selbst weit von sich wies, war sie das ‚digitale Herz‘ des Postens. Mit ihren IT-Kenntnissen war sie zwar unersetzlich, aber zugleich allen unheimlich.
Wenn Prib den rechten Flügel des Postens besetzte, so stand Leberle mit ihrer Meinung komplett auf der entgegengesetzten Seite. Schätzle hatte fast täglich seine liebe Mühe, die Streitparteien auseinanderzuhalten.
Er ahnte zudem, dass Leberle gute Drähte nach Offenburg unterhielt. Er würde sie, solange er Chef des Polizeipostens war, im Auge behalten müssen.
Erchinger, von allen nur ‚der Sepp‘ genannt, war das Faktotum in der Inselstraße. 59 Jahre alt, davon 40 Jahre am gleichen Posten, würde er wohl nicht mehr über den Rang eines Polizeiobermeisters hinauskommen. Dazu war er einfach zu langsam im Denken und Handeln, zu redselig, zu vergesslich. Hinzu kam, dass am Posten alle wussten, dass Erchinger sehr anfällig war für Zuwendungen aus den ‚falschen‘ Kreisen.
Irgendwo hatte Schätzle einmal aufgeschnappt, dass man im Badischen Typen wie Erchinger als ‚Minusmännle‘ bezeichnete. Und Schätzle fand den Begriff für Erchinger tatsächlich sehr treffend.

„Alles okay, Chef?“ Prib holte Schätzle zurück aus dessen Personal-Betrachtungen.
„Britta meinte, ich sollte Sie, als unseren Führungsleiter, noch daran erinnern, dass Offenburg ihre Vorschläge zur Einführung von diesem überflüssigen Gender-Gedöns erwartet. Mir geht das zwar komplett am Arsch vorbei, aber den Sesselfurzern in der Prinz-Eugen-Straße scheint das echt wichtig zu sein.“
Kein Wunder, dass er geträumt hatte, fliegen zu können. Bruchlandung. Da war er wieder, der Polizeialltag. Gender-Regelung? Reichte es nicht aus, von seiner gestrigen Streifenfahrt die beiden Sachverhalte ‚Beleidigung einer Textilreinigungs-Fachfrau‘ und ‚Verstoß gegen die Verordnung zur Regelung von Preisangaben in der Gastronomie‘ zu Papier zu bringen? Dass er die seitenlangen Berichte so passend umformulierte, dass er sie als Ordnungswidrigkeit an das Ordnungsamt weiterreichen konnte? Und so die Staatsanwaltschaft damit nicht behelligen würde?
Dachte man da oben auch mal daran, dass er das alles auf einer Triumph Gabriele von 1983 tippen musste? Wahrscheinlich wussten diese Herrschaften gar nicht, was eine Schreibmaschine überhaupt war?
Natürlich hatten sie auf dem Posten einen Computer – einen Siemens Nixdorf von 1998. Der war so langsam, dass selbst das Schreiben mit der Gabriele noch schneller ging.
Schätzle spürte, wie sein Blutdruck stieg. Hatte er eigentlich heute Morgen an seine Metohexal gedacht?
Schätzle wühlte auf seinem mit Akten und Vorlagen übersäten Schreibtisch. Als er ihn endlich fand, legte er den Leitfaden ‚Geschlechtergerechte Sprache des Innenministeriums des Landes Baden-Württemberg‘ hinter sich in sein Regal. Ganz unten unter einen Stapel mit vergilbten Ausgaben der Polizeigewerkschaftszeitschrift ‚DP – Deutsche Polizei‘, Jahrgänge 1997–2001.
Er setzte sich an seine Gabriele und begann mit den Aufzeichnungen vom Vortag, als sein grünes Diensttelefon klingelte. Es war das Revier aus der Gutenbergstraße.
„Schorsch, wir haben eine Meldung aus Offenburg. Leblose Person, männlich, bei Euch auf der Klosterwiese, Höhe Obstgut Leisberg. Wir sind zu weit entfernt. Bitte übernehmt Ihr das vom Posten Mitte.“
Schätzles ruhiger Donnerstagvormittag war Geschichte.




2
Musik: Dead And Gone, The Black Keys


„Los Walde, komm, wir nehmen die Vier. Britta, Du hältst die Stellung. Und ruf Bassmann im K1 in Offenburg an. Er soll sich schon mal auf den Weg machen.“

Prib kuppelte blitzschnell das Getriebe aus, jagte mit dem Gaspedal die Drehzahl maximal nach oben, um anschließend durch das seitliche Abrutschen vom Kupplungspedal wieder einzukuppeln.
‚Klassischer Kavaliersstart, Ordnungswidrigkeit – Verwarngeld nach § 30, Absatz 1 und § 49 der Straßenverkehrsordnung – macht 10 Euro‘ – Schätzle hasste sich für solche Gedanken. Bella hatte recht: Er war berufskrank.
Mit quietschenden Reifen drehte ein merklich vergnügter Prib den Motor des heiser aufheulenden Streifenwagens gegen den Verkehr in der Einbahnstraße. Blaulicht, Martinshorn – Prib war in seinem Element.
Endlich passierte hier mal was in dieser Rentnermetropole. Schätzle beobachtete Prib aus dem Augenwinkel. Für Sekunden hatte er das Bild von einem Feuerwehrmann vor Augen, der sich selbst Brände legte.
Am Ende der Straße, kurz vor dem Taxenstand, haute Prib das Lenkrad ansatzlos linksherum. Schätzle wurde von der Wucht fast aus dem Beifahrersitz in die Fahrertür gedrückt. Zu ihrem Glück war die Kaiserallee selbst zu dieser Zeit vormittags noch schwach befahren.
Es ging vorbei an den Kurhauskolonnaden, am neubarocken Theater und am Kutschenhalteplatz vor dem Parkhotel Pacific. Als Prib in die Lichtentaler Allee schoss, war er deutlich zu schnell für die stählernen, elektronischen Poller. Nur mit Mühe gelang es ihm im allerletzten Moment, den Streifenwagen rechtzeitig abzubremsen. Um ihn, nach dem lautlosen, automatischen Öffnen der Poller, umso heftiger wieder zu beschleunigen.
Sie jagten vorbei am Kulturhaus, am Museum für Kunst und Technik, an der Staatlichen Kunsthalle, am Museum Frieder Burda.
Auf der Höhe von Humanns Hotel kam ihnen der Bus der Linie 208 entgegen. Prib gab ihm die Lichthupe.
„Es reicht, Walde!“, entfuhr es Schätzle.
Nur unwesentlich langsamer im Tempo überquerten sie die Bertoldstraße mit dem in die Jahre gekommenen Schwimmbad. Seine fast komplett blinde Glasfront wirkte heute noch trauriger als sonst. Wie viele Schwimmbäder in Deutschland war es seit wenigen Jahren aus unerfindlichen Gründen bei vielen der türkisch- und arabischstämmigen männlichen Jugendlichen beliebt geworden. Prib hatte Leberle gegenüber deshalb das Bertholdbad einmal als ‚Islamabad‘ bezeichnet. Britta Leberle verlangte auf der Stelle von Schätzle eine sofortige Dienstaufsichtsbeschwerde gegen Prib wegen ‚Rassismus‘. Schätzle musste mit Engelszungen auf die beiden Streithähne einreden, bis er sie auseinanderbekommen hatte und, wenn auch nur kurzfristig, wieder Frieden auf dem Posten eingekehrt war.
Sie passierten die Tennisplätze von Rot-Weiß und gelangten weiter zur Josephinenbrücke mit der Gönneranlage.
Gut, dass Prib damals nicht der Fahrer war, der die Jury bei der Bewerbung zum UNESCO-Weltkulturerbe durch die Lichtentaler Allee kutschiert hatte, sann Schätzle. Um sich einmal mehr über seine manchmal seltsamen Gedanken zu wundern.
Auf der Höhe des Hirtenhauses veränderte sich alles. In der Luft lag schlagartig nicht mehr diese gelassene, friedliche, manche sagten dazu auch langweilige Harmonie, wie sie die Grünanlagen in Baden-Baden sonst zu umgeben schien. Kein milder Windhauch umzog mehr die alten Wipfel. Selbst die Vögel waren verstummt.
Stattdessen lag ein giftig-aggressives Geflirr über der gesamten Klosterwiese.
Schätzle bemerkte zum ersten Mal in seiner Polizeikarriere, dass sich Blaulicht in glatten Blättern spiegeln konnte.
Das Rettungsfahrzeug und der Privatwagen des Notarztes standen in der Auffahrt, die von der Wiese hoch zum Obstgut führte.
Früher, meistens Anfang Mai, waren Bella und er mit Nicole hier gerne zur Apfelblüte hochgewandert. Nicole liebte es, den Bienen beim Bestäuben der Blüten zuzugucken. Bis sie einmal von einer Biene in die Hand gestochen wurde. Seine Tochter hatte das tapfer weggesteckt. Aber Bella hatte ihm eine Woche lang Vorwürfe gemacht.
Schätzle blickte über die weitläufige Wiese, um die sich, von der Gunzenbachstraße bis hierher zur Auffahrt zum Obstgut, eine Reitbahn zog.
In seinen Erinnerungen hatte ihn dieser Ort immer etwas an den Londoner Hyde Park erinnert. Besonders morgens früh, wenn der Nebel über dem Oval lag.
Oft hatte er in den Schulferien hier im Gras gelegen und den jungen Reiterinnen gebannt auf ihre hautengen Reiterhosen gestarrt. Der Besatz der grauen Hosen war damals noch aus glänzend schwarzem Leder. Er konnte gar nicht genug davon bekommen, wenn sie bei schnellem Ritt aus dem Sattel gingen und dabei ihre apfelförmigen kleinen Hintern herausstreckten. Eine Obsession, die er wiederfand, als er im Fernsehen Diana Rigg als Emma Peel in ‚Schirm, Charme und Melone‘ in ihren Leder-Leggings sehen durfte.
Das muss so um 1969 gewesen sein. Er war neun. Fernsehen war damals noch schwarz-weiß. Die meisten seiner Schulkameraden schwärmten nur von dem schnittigen Jaguar E-Type. Alle, auch Schätzle, dachten, der sei in British-Racing-Green lackiert. Bis dann irgendwann, Ende der 90er-Jahre, der Kinofilm lief und der Wagen darin taubenblau war. Aber er hatte sowieso immer nur Augen für Diana Riggs Hose gehabt.
„Mein Name ist Ira von Kosel, ich habe die Leiche hier um 11:15 Uhr gefunden“, begrüßte ihn eine hochaufgeschossene, blondgefärbte, gertenschlanke Mitfünfzigerin.
„Mein Wieland war heute schon in den ersten drei Runden irgendwie nervös.“
Sie deutete auf den braunen Holsteiner, den sie am alten Holzpavillon, am Anfang der Auffahrt, angeleint hatte.
„In der vierten Runde scherte er dann aus, hierher zum Gebüsch. Und dann fand ich sie.“
„Woher wissen Sie, dass es genau 11:15 Uhr war?“, fragte Schätzle.
„Wie ich schon sagte, weil ich am Beginn meiner vierten Runde zurück zum Allee-Reitgut war.“ Ihre Stimme wurde merklich metallisch und schneidender: „Die beginne ich immer präzise um 11:15 Uhr.“
...
3 Sterne
استكشاف - 28.09.2026
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