Krimi & Spannung

Amanda Kissler und das Blut der anderen

Ralf Blaustein

Amanda Kissler und das Blut der anderen

Leseprobe:

<strong>1. Offene Strukturen</strong>

Brunhilde McAllister betritt den großen Saal. Ihr langes, dünnes Haar vermisst die übliche Haarspange. Es fällt in diesen Minuten nur frei nach unten. Dennoch entbehrt es jeglichen Glanzes. Für jedwede Maßnahme zur Einbringung unnatürlich starker Reflexionen des Lichtes auf der durchaus breiten Fläche ihrer Haare würde Miss McAllister der notwendigen Zeit Tribut zollen müssen, die sie nicht zu haben glaubte. Oder aber, sie hat es einfach nicht für wichtig gehalten, sich gegen die Regel der Natur optisch aufzuputschen. Sie erscheint überhaupt äußerst natürlich, trägt sie doch gerade heute ein Kleidchen, welches man noch nie an ihrem Körper hat sehen dürfen. Es ist ein Kleid, nein, eher nur ein dünner Umhang, der nur das Notwendigste verbirgt. Noch nicht einmal das! Ihr schmaler Büsten­halter ist es letztlich, der seinen Inhalt vor den Blicken der anderen Menschen beschützt. Er selbst aber prangt im hellen Licht der noch sehr tief stehenden Sonne. „Guten Morgen!“ „Guten Morgen, Brunhilde! Was trägst du denn da?“ ­Hartmut McAllister schüttelt nur seinen Kopf ob dieses Anblicks. „Weißt du noch? Damals, als du deinen Doktor fertig hattest, da schenkte mir unser Vater dieses Kleid zur großen Feier“, ­erinnert sich Brunhilde voller Stolz. Hartmut selbst war diese Belanglosigkeit entgangen, war diese doch nicht mehr wert, als der damalige Anlass selber, eben jener Doktorhut. Diese Ehrung aus fernen Tagen hat niemals großen Einzug in Hartmuts Seele gefunden, hat sie doch niemals mehr dargestellt als eine Art von Sprungbrett. Ein Sprungbrett zur Habilitation. „Ach“, murrt er nur, „damals! Ich denke, das ist jetzt wohl schon ein paar Jahre her.“ „Ja“, schnurrt Brunhilde McAllister freudig, „seither trug ich dieses gute Stück nie mehr.“ Professor McAllister lässt seine Augen über das Kleid seiner Schwester schweben. „Nun ja“, gibt er seine Gedanken preis, „du solltest wissen, ich denke, du hast es nur selber noch gar nicht bemerkt, na ja. Da sind diese Haare, die du normalerweise so streng geheim hältst. Diese Haare dringen gerade jetzt durch deine weiße Unterwäsche und eben auch durch dieses wundervolle Kleidchen. Brunhilde! Dachtest du eigentlich jemals daran, einen Mann zu heiraten?“ „Warum? Wie kommst du denn darauf?“ „Ich meine nur. Das Kleid dazu hättest du auf jeden Fall schon. Nun ja.“ Professor McAllister schluckt trocken seine noch nicht gesagten Silben hinunter, tauscht diese noch schnell gegen die eine oder andere Ersatzsilbe aus und fährt behutsam fort: „Ich denke, du solltest nicht unbedingt halb nackt vor die Verwandtschaft treten.“ Hier stoppt der Professor kurz, bevor er fragt: „Hat dich eigentlich jemand gesehen, auf dem Weg hierher?“ „Da hat mich niemand gesehen. Doch ja. Auf dem Damenflur. Da begegneten mir Amanda und Sheila. Die kamen gerade aus dem Waschraum.“ „Gut.“
Etwas ratlos wandeln die beiden durch Hartmuts Büro. Unbemerkt öffnet sich die Tür zum Sekretariat. Miss Collins tritt ein und erblickt Miss McAllister, als diese gerade vor dem von der Sonne gefluteten Fenster steht. „Oh, Miss ­McAllister! Guten Morgen! Ich hatte Sie gar nicht gesehen! Und ja!“ „Ja, was? Guten Morgen, Miss Collins!“ „Ich wusste ja gar nicht“, Miss Collins ist versteinert vor Begeisterung, hatte sie doch niemals zuvor dermaßen tief in die Bekleidung von Miss ­McAllister geblickt. Und sie wäre auch niemals auf den Gedanken gekommen, dies jemals zu versuchen. Nicht einmal in ihren kühnsten Träumen. Und nun steht sie da, quasi mehr nackt als bekleidet, direkt vor ihren Augen. „Was gibt es denn?“, versucht Professor McAllister erneut zur Sachlichkeit zurückzukehren. „Draußen stehen zwei junge Studentinnen“, räuspert sich Miss Collins, „Miss Kissler und Miss Follet.“ „Gut. Ja.“ Der Professor hat sich inzwischen an der Seite seiner Sekretärin eingefunden. Aus demselben Blickwinkel erkennt nun auch er praktisch jedes Detail auf der mittleren Vorderseite seiner Schwester. Hilflos sucht er nach einer Möglichkeit, diese offene Sicht für andere Menschen zu verschließen. Miss Collins bemerkt das sehr wohl. Auch sie beginnt zu überlegen. „Ist es denn wirklich so schlimm?“, fühlt sich Brunhilde schon fast als Aussätzige, „Sehe ich so übel aus?“ „Brunhilde!“, klärt Professor Hartmut McAllister auf. „Du siehst aus wie das blühende Leben selbst. Ich habe dich noch nie so schön gesehen wie gerade jetzt. Aber diese Sichtweise sollte deinen nächsten Angehörigen vorbehalten bleiben. Diesen und nur diesen.“ „Aber, Hartmut! Du bist mein nächster Angehöriger. Und eben meine Nichte, mein Neffe. Ich habe doch sonst niemanden hier.“ „Ziehe wenigstens mein Sakko drüber!“, rät der Direktor der ehrwürdigen Akademie, „Und mache es vorne zu!“ Professor Hartmut McAllister schlüpft aus seiner edlen Oberbekleidung und reicht sie seiner Schwester. Als diese ihre empfindlichste Stelle verbirgt, indem sie den unteren Knopf der Jacke schließt, weist Professor McAllister die Dame aus seinem Vorzimmer an: „Miss Kissler kann dann hereinkommen! Miss Follet haben wir nicht herbestellt. Die sollte besser draußen warten.“ „Gut. Dann schicke ich Miss Kissler herein.“ Miss Collins verschwindet wieder in ihrem Refugium. Wenig später tritt Amanda Kissler zu Professor Hartmut McAllister und dessen Schwester Brunhilde. „Guten Morgen, Sir! Sie hatten nach mir verlangt? Hier bin ich. Guten Morgen, Miss McAllister!“ „Schönen guten Morgen, ja, Amanda!“, vergisst der Professor in dieser Sekunde jegliche Etikette, „Bitte, nimm Platz!“ Amanda Kisslers Wangen laufen schon rot an, ist sie doch eine solche Anrede von ihrem Direktor nicht im Geringsten gewohnt und gerade von diesem Mann hätte sie die Einhaltung der Umgangsformen erwartet, die besonders in diesem Königreich seit vielen Hundert Jahren üblich sind. Hartmut McAllister sieht diese Veränderung, ordnet sie auch absolut korrekt ein und ergänzt vertröstend: „Wir warten noch ein wenig. Da ist ein Mensch, den wir gern noch in unseren Reihen wüssten und der jetzt noch nicht unter uns weilt.“ Kaum hat Professor McAllister dies geäußert, da öffnet Miss Collins erneut ihre Tür und meldet: „Da sind soeben zwei junge Herren angekommen, Mister Ridborough und Mister Gardener, Sir!“ Brunhilde McAllister nimmt selbstbewusst am Schreibtisch ihres Bruders Platz. Dieser gibt seiner Vorzimmerdame den entscheidenden Hinweis: „Bitten Sie Mister Harpo Gardener herein, Miss Collins! Dann sind wir komplett.“

Harpo Gardener schaukelt sich in das Büro seines Rektors. Niemand hat ihm offenbart, was genau man von ihm will. So ein Gang zum Rektor basiert zumeist auf dieser oder jener Untat, die begangen und nun dem Einbestellten angelastet wird. „Was“, so fragt sich Harpo, „soll ich denn nun wieder ausge­fressen haben?“ Harpo Gardener ist sich keiner Schuld bewusst. Dies würde er auch seinem Direktor sagen. Dies würde er auch vor der Dame des Hauses bekräftigen. Harpos Herz schlägt schon bedeutend leichter, als er Amanda, die bereits am großen Besprechungstisch sitzt, wahrnimmt. Zumindest würde er nicht ganz allein gegen das eingespielte Gespann aus dem Hause McAllister antreten müssen.

„Ihr beide werdet euch nun ganz bestimmt fragen“, eröffnet Hartmut McAllister diese völlig unerwartete Unterhaltung, „warum man euch beide herbestellt hat. Ach, Harpo! Bitte nimm doch Platz!“ Beinahe hätte der zerstreute Professor vergessen, dem neu angekommenen Gast einen Sitzplatz anzubieten. Als vertretbare Begründung könnte gelten, dass auch er selbst noch steht. Im Grunde denkt er überhaupt nicht daran, sich zu setzen. In seinem Rücken weiß er seine Schwester. Nähme er dort Platz, dann wäre er zu weit von seinen Studenten entfernt. Nur noch Bruchsteine seiner Botschaft kämen an. Der von Gefühlen getragene Anteil seiner Aussage bliebe zwangsläufig auf der Strecke. Andererseits könnte sich Hartmut McAllister zu den beiden Studenten setzen, aber hierzu mangelt es ihm am notwendigen Mut. So schreitet er gemütlich durch sein Büro. Amandas Augen feuern bis tief in Harpos Seele. Dieser versteht das leise Flehen, geht schnurstracks auf Amanda zu. Sie rückt an der langen Seite des Tisches nach hinten, gibt Harpo den Platz in der ersten Reihe frei. Neugierig verdeckt er Amanda hinter sich, während Professor McAllister noch nach Worten suchend an sein Kinn greift.
„Da gibt es Neuigkeiten, die wir jetzt loswerden müssen“, hilft Brunhilde McAllister ihrem Bruder aus dieser Sprachlosigkeit. „Neuigkeiten, die ich persönlich erst seit sehr kurzer Zeit kenne und die uns alle hier betreffen.“ „Ja“, fällt hier nun Brunhildes Bruder ein, „Und wir wollten mit derart wichtigen Informationen auf keinen Fall mit der Tür ins Haus fallen. Ihr beide seid jetzt eben erst hier in Witwich Universium angekommen und dann solltet ihr zuerst einmal die Möglichkeit haben, euch auf das Studium zu konzentrieren.“ Hier stoppt der Professor, schlägt sich in Gedanken schon selbst auf die Schulter, ist mit dieser Formulierung äußerst zufrieden. Abermals sucht er nach Worten. Diese Zeit nutzt er, um gemächlich vor die Studenten zu schlendern.

In diesen wertvollen Sekunden schöpft Hartmut ­McAllister neue Kraft. So richtet er seinen Blick in die Augen seiner Studentin und beginnt seine Ausführungen: „Nun Amanda! Du fragst dich ganz sicher, warum gerade du hier sitzt. Es geht um deinen Onkel. Es geht um Charles Kissler.“ Hartmut ­McAllister schluckt seine Hemmungen hinunter, Amandas Augen wirken gelangweilt. Der Direktor setzt seine Erzählung fort: „Deine Großmutter Desideria war die Tochter eines Königs, unseres damaligen Königs Reinhard III. Sie heiratete in ­jungen Jahren einen Magier. Sein Name war Francis Kissler. ­Francis, dein Großvater.“ Hier legt Hartmut eine kurze Pause ein, um Amanda eine Gelegenheit zu geben, ihm zu folgen. Dann spricht er weiter: „Desideria gebar zunächst Zwillinge. Charles und Jacob. Irgendwann erkrankte Reinhard und er wähnte sich richtigerweise seinem irdischen Ende nahe. So lehrte er einen der Zwillinge das Amt des Königs. Seine Wahl fiel auf Charles. Aus dem bürgerlichen Charles Kissler wurde gewissermaßen der König James II. In der Zeit, in der Charles am Hofe in der Metropole regierte, floh er aber immer wieder nach Eddington zurück, um hier sein gewohntes Leben fortzuführen. Auch zu dieser Zeit sah man hier den einheimischen Charles Kissler. Und noch mehr!“ Der Rektor legt erneut eine Pause ein. Seine Zuhörer aber lauschen jetzt gespannt. Dieser Glanz, dieses unbändige Feuer in den Augen der beiden Schutzbefohlenen ist ihm keineswegs entgangen. Er selbst lässt sich dadurch anspornen, ­seine Geschichte mit demselben Maß an Spannung fortzusetzen: „James II. war ein äußerst korrekter Herrscher. Im Grunde entsprach dies aber keineswegs der Wesensart von Charles Kissler. Aber als König musste er so gerecht sein, wie zuvor schon sein Vater und der Vater seines Vaters. Dennoch musste er die Belange seiner Seele ausleben. So verdrückte er sich hier und da, wurde auf dem Thron nicht mehr gesehen und trieb sein unheilvolles Wesen als die von ihm selbst geschaffene Schattenfigur seiner selbst: Lord Effelord!“

An dieser Stelle erschrickt Amanda. Welch schauerliche Vorstellung, dass der nur sehr begrenzt von seinen Mitmenschen geliebte Magier Effelord, der ganz Eddington in Schrecken versetzt hat, ihr eigener Onkel gewesen sein soll! Aber was heißt hier schon gewesen? Sollte dieser Onkel denn nun wirklich aus dieser Welt verschwunden sein? Erneut gehören Amandas Ohren dem Direktor: „Eines schönen Tages verschwand Charles von der Bildfläche. Viele halten ihn für tot. Ich persönlich teile diese Haltung nicht. Ich bin mir sicher, dass Charles in seiner gesamten Trinität nur untergetaucht ist. Ja, ich bin mir sicher! Der wird eines schönen Tages wiederkommen! Ja!“ Professor McAllister nickt bei diesen Worten, legt eine kurze Pause ein, fährt dann aber sofort wieder fort: „Also, Amanda! James II. ist dein Onkel. Das bedeutet, dass du eine Prinzessin bist.“ Wieder folgt eine Pause. Hartmut McAllister weiß aber nun nicht so ganz, wie er die nächste Brücke schlagen soll. Er setzt sich den beiden Studenten gegenüber. In diesem Augenblick sprudelt es nur so aus ihm heraus: „Und hier kommen nun wir ins Spiel: Desiderias Ehe währte nicht lange. Francis starb unerwartet früh. Niemand konnte diesen Tod jemals erklären. Deine Großmutter fühlte sich wieder frei. Sie war, das kann man durchaus so behaupten, nicht unbedingt eine zu Tode betrübte Witwe. Bald heiratete sie ein zweites Mal. Ihr zweiter Gemahl war ­Ludgerus McAllister, Brunhildes und mein Vater. Ja!“
Hier verschnauft Hartmut McAllister. Dabei versinken seine ausdrucksstarken Augen in denen von Amanda. Diese hat inzwischen begriffen, dass sie die Nichte ihres Rektors ist. Sie weiß noch nicht, was sie da sagt, aber sie öffnet mit ihrem nächsten Ausruf den Weg für Hartmut McAllisters Worte: „Dann, dann bist du mein Onkel!“ „Absolut korrekt, Amanda! Du bist meine Nichte. Und es kommt dabei noch besser!“ Hartmut McAllister lehnt sich zurück und fährt mit seiner Erklärung fort: „Wie ihr beiden sicher wisst, war auch ich einmal ein junger Mann. Das war noch während meines Studiums. Im Grunde, ja! Im Grunde hatte ich gar keine Zeit für das andere Geschlecht. Ich war ein Student und ich war ein sehr eifriger Student. Selbst ein A in einer meiner Klausuren war mir damals nie genug. Ich wollte mehr!“ Die Augen seiner Studenten gehen bei diesen Worten über. Ein A, das Ergebnis einer maximalen Punktezahl, war diesem Mann zu wenig? Mehr als die volle Punktzahl konnte man doch nie erreichen! Oder etwa doch? Gebannt hängen die beiden an den Lippen des Rektors: „Damals gab es eine junge Frau, die ich hier und da getroffen habe. Zunächst waren dies nur zufällige Zusammentreffen. In der Bäckerei oder beim Friseur. Aber mit der Zeit begann ich, diesen Zufall zu steuern. Miranda bemerkte dies zuerst gar nicht. Aber ich war gerade in dieser Sekunde an der Käsetheke, als auch sie dort war. Und dann begann man, miteinander zu reden und so weiter. Nun gut. Wir trafen uns irgendwann ohne jedweden Zufall. Nein! Wir hatten uns verabredet. Und wir kamen uns dabei sehr nah.“ Hartmut McAllister schluckt seine letzten Hemmungen hi­nunter und rappelt sich auf, bevor er zum finalen Angriff übergeht: „Harpo! Du bist mein Sohn!“
Bei diesen Worten fallen Harpo fast die Augen aus dem Kopf. Amanda strahlt über das ganze Gesicht, schaut Harpo in die nassen Augen und schließt ihn in ihr privates Umfeld ein: „Harpo, du bist mein Cousin!“ „Ja, das stimmt!“, bekräftigt die Schwester des Rektors, die ganz plötzlich an der vorderen Seite des Tisches steht, „Und ich bin eure Tante Brunhilde!“ „Brunhilde!“ „Tante Brunhilde?“ „Kinder!“ Brunhildes Hände wühlen sogleich in den Schöpfen der Kinder ihrer Brüder. Ihre Züge sind die einer glücklichen Frau.

Ein Mann schleicht sich heimlich aus dem Campus von Witwich Universium hinaus. Der breite Weg nach Nordwesten verengt sich mehr und mehr unter seinen Füßen. Irgendwann findet der Mann nichts als das Moor selbst unter seinen nicht unbedingt sauberen Schuhen wieder. Die Moore von Eddington sind für ihre tiefen Löcher berühmt. So mancher ist nicht mehr zurückgekommen, hatte er nur eine der unzählbar vielen Vertiefungen übersehen, war er versehentlich in dieses oder jenes Wasserloch getreten. Aber nicht so dieser Mann. Sicher setzt er seine Schritte, kehrt irgendwann von frischer Luft gelabt auf Pfade zurück, die sich im weiteren Verlauf mehr und mehr vereinen und schließlich in den Straßen Eddingtons verschwinden.

„Also wirklich!“, echauffiert sich Professor Farley an der Seite seiner Kollegen, „Ich kann das überhaupt nicht verstehen!“ „Sie meinen, werter Herr Kollege“, hinterfragt Professor Young die Kritik des Biologen, „dass unser Herr Anstaltsvorsteher nun so ganz plötzlich doch einen Sohn hat?“ „Ist denn das nicht irgendwie seltsam?“, rechtfertigt Farley seine Einstellung, „Da kommt dieser Harpo Gardener von irgendwo her und dann ist er plötzlich der Sohn des Chefs.“ „Ach so!“ Professor Young hat ihren Kollegen jetzt durchschaut. Dieser aber fährt die Palisaden seiner Gartenmauern hoch: „Wie?“ Aber diese unpassende Reaktion hilft ihm nicht wirklich weiter. „Nun“, bewertet ­Marina Young die Einwände ihres Kollegen, „ich spüre da so etwas wie Angst. Es ist diese Angst vor der absoluten Kontrolle durch andere Personen. Sie befürchten ganz offensichtlich, Herr Professor Farley, dass unser Vorgesetzter diese Bande nutzen und Harpo Gardener einfach fragen könnte, was denn der alte Farley jetzt schon wieder alles so treibt!“ Professor Farley will nichts davon wissen: „Ach! So ein Unsinn!“ „Na ja“, mischt sich nun auch Professor Laurel in das Gespräch ein, „Etwas seltsam erscheint mir das schon. Da gibt es einen Sohn, der noch nie etwas darüber erfahren haben soll, wer denn nun wirklich sein Vater ist. Und da gibt es die Nichte vom alten Kissler, die nichts davon gewusst hat, dass unser Herr Professor McAllister Kisslers junger Bruder und ihr Onkel ist. Auch wenn mir das Zusammentreffen zweier solcher Umstände äußerst unwahrscheinlich erscheint, so muss ich doch auch einräumen, dass ich eben dieses zeitgleiche Auftreten zweier Ereignisse ohne jede argwöhnisch intentionierte Planung auch nicht ganz ausschließen kann.“ „Sie meinen, Herr Kollege“, will nun Professor Farley der Möglichkeit eines ungewollten gleichzeitigen Auftretens zweier unterschiedlicher Gegebenheiten ohne fremdes Zutun widersprechen, „das soll ein Zufall gewesen sein?“ „Ach, Professor Farley“, weiß der Mathematiker sich kaum mehr Rat, „was heißt hier schon Zufall? Wer hätte das denn dirigieren sollen? Professor McAllister? Sie denken doch nicht etwa, der würde seine eigene Nichte hierher berufen? Und dann auch noch jenes Kind, von welchem er gewusst haben dürfte und welches er dann doch so viele Jahre ignoriert hat?“ „Ja“, meldet sich nun Professor Young zurück, „ich sehe das genauso. Die Frage bliebe dabei aber noch offen, ob Professor McAllister denn wusste, dass jenes Kind nun seines ist. Ich meine, wie man so hört, hat er die Mutter seines Kindes aus den Augen verloren“, Marina Youngs Finger simulieren einen Menschen, der sich ganz unverhohlen aus dem Staub macht, während sie dabei weiterredet, „noch bevor diese das Kind zur Welt gebracht hat. Professor McAllister wusste womöglich selber nicht, dass er ein Kind bekommen hat, bevor er diesem nicht gegenüberstand. Und Miss Kissler? Na! Gut. Wenn er denn wusste, dass seine eigene Mutter auch die Mutter der beiden Kisslerbrüder war.“ Marina Young schluckt bei den Worten Farleys: „Er ­wusste es, verehrte Frau Kollegin. Er wusste es.“ Professor Laurel nickt bei dieser Wortsequenz zustimmend. Dennoch hält er mit seiner Äußerung dagegen: „Aber es war doch eher Miss Kissler, die sich hier um einen Studienplatz beworben hat. Und warum sollte man denn nun eine junge Frau wie Miss Kissler hier nicht zum Studium zulassen? Nur, weil sie die eigene Nichte ist? Ich denke: Nichte hin, Nichte her! Aber diese hat deswegen ja auch nicht weniger Rechte als jeder andere Mensch.“ „Ja“, versandet Farleys Geplänkel unter dem Tisch der Akademiker, „aber ein klein wenig seltsam mag dies ja schon erscheinen, denke ich.“

Vier junge Menschen sitzen mitten auf dem Campus unter den kahlen Ästen einer Linde. Eine alte Sitzbank, die man vermutlich im Herbst übersehen hat, gibt ihnen die Möglichkeit, eng aneinander gedrückt sitzen zu können. „Ist das nicht ein Wahnsinn?“ „Ja. Und so was passiert dir dann am letzten Tag vor dem zweiten Semester!“ „Und ich bin jetzt also ein Prinz!“ Harpos Traurigkeit über diesen für ihn neuen Sachverhalt hält sich in äußerst kleinen Grenzen. „Genau wie ich! Prinzessin Amanda! Mann, Tim! Du hattest recht, als du neulich behauptet hast, König James II. sei mein Onkel.“ „Und jetzt sitze ich hier neben meiner eigenen Cousine“, träumt Harpo weiter, „von der ich noch vor ein paar Monaten überhaupt nichts wusste!“ „Ergeht mir ganz genauso! Dabei drückst du deinen königlichen Allerwertesten gegen mein königliches Hinterteil. Weißt du eigentlich, lieber Cousin, dass gerade wir beiden die größten Rivalen sein müssten?“, erweitert Amanda den Horizont ihres Cousins. „Aber Amanda!“, will dieser nicht adäquat reagieren, „Was sagst du da?“ Amandas Antwort lässt nicht lange auf sich warten: „Denk mal nach! Wie sieht denn jetzt die Thronfolge in unserem Königreich aus? Da ist die Frage nach Onkel Charles. Sollte der noch leben, wie mein äußerst scharfsinniger Freund befürchtet.“ „Amanda!“ „Ja, ja! Also: Sollte besagter Onkel Charles noch in dieser Welt zugegen weilen, dann hätte er Anspruch auf den Thron. Den könnte er geltend machen. Kinder hatte er keine.“ „Liebes Herzchen!

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 448
ISBN: 978-3-99003-268-8
Erscheinungsdatum: 07.07.2011
EUR 19,90
EUR 11,99

Krampus & Nikolo