Cover: 22765

22765
Hamburg


EUR 24,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 478
ISBN: 978-3-7116-1008-9
Erscheinungsdatum: 15.12.2025
Ein Fotograf gelangt über verschlüsselte Hinweise an das geheime Erbe seines Großvaters – Millionen aus dem „Schweigegeld“ beim angeblichen Verkauf der DDR. Der Autor verbindet reale Indizien mit einem spannenden Roman über Macht, Geld und Vertuschung.
Vorwort

Liebe Leser/innen,
Dieser Roman hat nichts mit der Realität zu tun!
Sämtliche Namen, Personen, Orte, Gebäude, wirtschaftliche und politische Ereignisse und sogar einige Zeiten sind fiktiv und frei erfunden! Ich habe mir Häuser, Straßenzüge und sogar Ereignisse ausgedacht oder fiktiv für diesen Roman „ausgeliehen“! Ich bitte die wirklichen Eigentümer um Nachsicht und Entschuldigung! Auch hat nichts davon mit meinem tatsächlichen Leben zu tun. Natürlich habe ich eigene Erfahrungen mit eingebracht, die aber absolut nichts mit dem Inhalt dieses Romans zu tun haben. Einzig das Gespräch mit einer Bekannten, die mit ihrem Ehemann im Frühsommer 1989 die Karibik bereist hatte, ist real. Sie schilderte mir ein Gespräch mit einem Bankangestellten auf einer Karibikinsel bei einer Geschäftsparty …
Um Zusammenhänge zu verstehen, verweise ich auf das Internet, in dem man leicht politische und wirtschaftliche Informationen bekommt. Z. B.: Der Milliardenkredit an die DDR aus Westdeutschland. Somit mag jede/r selbst ein plausibles Bild finden.
Danken möchte ich Egbert Riebesel, der mit viel Zeit und Arbeit diesen Roman kritisiert hat.



Die Visitenkarte

Die berühmte Einkaufsstraße, die Mönckebergstraße in der City von Hamburg, war voll mit Menschen. Sie drängelten sich über die Fußwege, an den Kaufhäusern vorbei. Als ob es woanders nichts zu kaufen gäbe. Und ich mittendrin. Eigentlich fühlte ich mich hier nicht wohl, doch ich sollte für einen Freund Skistöcke besorgen, der in die Pampa von Mecklenburg-Vorpommern gezogen war. Und wenn es die gab, dann leider nur hier mitten in Hamburg.
Menschen mit ihren Eigenarten, mit ihren Gerüchen und unterschiedlichen Beweggründen begegneten mir. Mit ihren Gedanken, die ich zwar nicht lesen, aber fühlen konnte. Als ob es für mich, für meine Gefühle keinen Platz gäbe. Diese vielen Menschen störten mich, meinen eigenen Film zu sehen. Das Problem war mir bekannt. Ich kannte es aus anderen Begegnungen mit vielen Menschen, aber auch eine einzige Person konnte mir in die Quere kommen. Ich dachte an Brigitte, wie sie nach mir in die Küche kam. Nachdem sie morgens geduscht hatte und ich schon eine halbe Stunde dort saß, erst die Nachrichten hörte, dann die Musik kaum noch wahrnahm und endlich in einem Traum von Ereignissen schwamm. Es war ein Zustand aus Müdigkeit und leichtem Kick vom Koffein. Die Müdigkeit ließ mich die Realität vergessen, das Koffein gab mir die Fantasie. Nicht ihre Gegenwart war das Problem. Auch nicht ihre Erwartungshaltung zur Kommunikation. Es war ihr Inneres, ihre großartigen Ideen, ihre Einfälle und nicht ausgesprochenen Vorschläge. Dies spürte ich dann und musste meinen eigenen Gedankenfluss unterbrechen. Dann tauchte ich abrupt auf aus dem wohligen Nebel meiner Fantasie. Und wenn ich ehrlich war, dann stieg in mir auch ein klein wenig Ärgernis auf. Und wenn ich dann auch noch kurz vor einem spannenden Gedankenergebnis stand, dann musste ich mich sehr anstrengen, um nicht ungerecht und ausfällig zu werden. Doch das hatte ich trainiert. Genau dann, wenn ich aus meinem Gedankenlauf gerissen wurde, schaltete ich meine Fantasie ab. Doch vorher speicherte ich schnell und heftig mein Ergebnis, meinen Zwischenstand, sodass ich in den meisten Fällen dort weitermachen konnte. Zumindest merkte ich mir das Resultat. Meistens. Diese Gewissheit ließ mich die ganze Angelegenheit ruhiger angehen und wesentlich weniger Ärgernis in mir aufkommen. Die Tatsache aber, die mich den Gedankendrang anderer spüren ließ, diese Tatsache ließ mich nun auf dem vollen Einkaufsweg der Mönckebergstraße innehalten und mich umblicken. Links und rechts überholten mich geschäftige Leute, Frauen und Männer mit Einkaufstaschen und Kindern an der Hand, die sich unwillig mitziehen ließen.
Ein seltsames Gefühl machte sich an meinem Nacken breit. Ein weiches Drücken, ein Schieben und etwas zwang mich, den Kopf noch weiter nach hinten zu drehen. Die Menschen wichen mir aus, die meisten mit unfreundlichem Blick, da ich den Weg versperrte. Im ersten Moment fiel mir nichts Besonderes auf.
Doch dort, weiter hinten links am Schaufenster, sah ich zwei Männer miteinander angeregt sprechen. Der eine schaute sofort weg, als ich ihn ansah. Er fasste den anderen an die Schulter und drehte ihn von mir ab. Der, der mich angesehen hatte, war wohl fast 80 Jahre alt, hatte weißgraue Haare und einen schlecht gepflegten langen Bart. Er trug einen mittellangen hellen Mantel und stand leicht gebückt im Gespräch mit dem anderen, sehr gepflegt wirkenden etwa fünfzig Jahre alten Mann. Dieser trug einen modernen grauen Anzug und machte auf mich den Eindruck, als wäre er der Personalchef bei Karstadt.
In diesem Moment rempelte mich eine Frau im mittleren Alter an und fauchte: „Passen Sie doch auf, was stehn Sie hier so rum!“
„Sorry“, entgegnete ich freundlich, da ich keine Lust auf Streit hatte, aber nun doch schon von meinen Beobachtungen abgelenkt wurde.
„Was, äh, hey Mensch, au“, brachte sie nur heraus, da sie nun ebenfalls angerempelt wurde. Jetzt hatte sie ungewollt meine Position eingenommen mit der gleichen Erfahrung. Dies schien sie aber nur noch wütender zu machen. Anscheinend gab sie mir für diese Rempler auch die Schuld, denn sie blickte mich böse an. Bevor sie mich beschimpfen konnte, setzte ich meinen Weg, diesmal aber im Tempo der anderen, fort. So versuchte ich, in Ruhe zu denken. Ach ja, die Männer. Schnell drehte ich mich um und sah sie nun etwa in der Höhe der Frau, die immer noch völlig fassungslos dastand. Die beiden hatten mich fest im Blick, was ich schon daran erkannte, dass sie zurückschreckten, als ich mich so schnell umdrehte. Ich sprang rasch rechts in eine Seitenstraße, die zur Alster führte, und wieder rechts in einen prachtvollen, leicht zurückliegenden Hauseingang. Hier hatten Rechtsanwälte und Fachärzte ihre Praxen. Mit dem Rücken zur Marmorwand harrte ich der kommenden Ereignisse. Schnell schritten sie am Eingang vorbei, sodass ich sie nun von hinten sehen konnte. Der Ältere humpelte leicht. Nach etwa zehn Metern, ich hatte sie gerade noch im Blick, blieben sie stehen. Der im Anzug schaute sich aufgeregt um, vermutlich weil er mich suchte.
Der Bärtige drehte zielgerichtet seinen Kopf zu mir, als wüsste er ganz genau, wo ich bin, und sah mir in die Augen. Dieser Blick war nicht unangenehm – ich fühlte mich nicht einmal irritiert. Deshalb ging ich auf die beiden zu und fragte:
„Kann ich Ihnen helfen?“
„Nein“, sagte der Ältere, „ich denke nicht.“
„Warum verfolgen Sie mich dann?“
„Wir verfolgen Sie nicht. Ich muss mir nur erst im Klaren sein, ob ich hier richtig liege“, erwiderte der Bärtige. Bevor ich eine weitere Frage stellen konnte, wandte sich der im Anzug an seinen Freund:
„Ist er es?“
„Vermutlich, aber wir müssen alle Einzelheiten prüfen“, entgegnete der Ältere.
„Äh, Moment mal, worum geht es hier bitte?“, wollte ich nun endlich wissen.
„Wir werden uns mit Ihnen in Verbindung setzen, Herr Voss, wenn wir uns über gewisse Dinge im Klaren sind.“
„Moment mal, woher kennen Sie meinen Namen?“, fragte ich erstaunt.
Die beiden wandten sich ab und wollten gehen, doch ich blieb hartnäckig und stellte mich ihnen in den Weg.
„Wieso kennen Sie mich?“, fragte ich mit Nachdruck.
„Nun gut“, erwiderte der Ältere, „wir suchen eine bestimmte Person mit bestimmten Eigenschaften und dachten eventuell an Sie. Wir sind uns nicht sicher, aber Sie sind in der engeren Auswahl.“
„Und wenn ich nicht in Ihre komische Auswahl kommen will? Und außerdem beantwortet es meine Frage nicht“, zischte ich die beiden an.
Mein Ton war schärfer, ich wurde langsam sauer.
„Bitte beruhigen Sie sich“, meinte nun der im Anzug, „wir haben nichts Unrechtes vor. Alles ist völlig freiwillig, und sobald wir uns sicher sind, werden wir Sie vollständig informieren. Nur solange, und dafür haben Sie bitte Verständnis, können wir Ihnen leider noch nichts sagen. Hier ist meine Karte. Wir sollten mal in Ruhe telefonieren. Rufen Sie mich an, wenn Sie denn wirklich mehr wissen wollen. Mein Name ist Koltar.“
Er gab mir eine dunkelbraune Visitenkarte, die eine hellgrüne Schrift besaß und ihn als „Geschichts- und Rechtswissenschaftler“ Julius Koltar auswies. Trotz der eigentümlichen Farbe dieser Karte ging doch eine gewisse Seriosität von ihr aus. Es lag wohl auch an dem eingefügten Zeichen, ein großes „E“, das im Hintergrund schwach schimmerte. Außerdem fühlte sich die Pappe merkwürdig warm und extrem weich an, als wenn sie aus Fell wäre. Sie hatte aber die Festigkeit einer stinknormalen Visitenkarte. Jedenfalls verabschiedete er sich freundlich, und die beiden verschwanden in der Menge. Der Bärtige hatte nichts mehr gesagt.
Da stand ich nun, unwissend, leicht verdattert und ließ die letzten Ereignisse an mir vorüberziehen. Warum kannten die meinen Namen? Seit wann hatten sie mich verfolgt?
Ich verwarf die Suche nach den Skistöcken und wollte den Tipp eines Verkäufers an meinen Freund weitergeben, die Dinger im Internet zu bestellen. In der Bahn zurück nach Hause machte ich mir auch Gedanken über meine merkwürdige Wahrnehmung. Immerhin hatte ich bemerkt, dass ich beobachtet wurde. Es war ein weiches Drücken, ein Schieben von hinten, was mich veranlasste, mich umzusehen. Dieses Gefühl hatte ich schon häufiger, jedoch nie besonders darauf geachtet. Ich nahm mir vor, mehr auf meine innere Stimme zu hören.
Die Bahn war recht voll, aber immerhin hatten alle Fahrgäste einen Platz bekommen. Die Jacken und Mäntel dampften leicht, und eine feuchtwarme Luft machte sich im Abteil breit. Es war Mitte Oktober, und ich bereitete mich darauf vor, dass ich im Dunkeln aussteigen musste. Kalt war es nicht, wir hatten noch 13 Grad, doch es wurde zusehends feuchter. Zuletzt, als ich in die Bahn stieg, fing es an zu nieseln. Also fast das typische Hamburger Wetter. Im Winter 5 Grad und Nieselregen – im Sommer 20 Grad und Nieselregen. Unbewusst durchkramte ich mit meinen Händen meine Jackentasche. Ich trug eine alte Lederjacke mit breitem Revers und Taschen, deren Futter große Löcher hatten. Sie war schon so lange out, dass sie schon wieder in war. Jedenfalls fand ich so oftmals Dinge wieder, die ich ewig vermisst hatte. Meine Hände durchstreiften also meine Jackentasche, als ich mit den Fingerspitzen auf etwas stieß. Es war nicht spitz oder scharf – nein, es war eher warm. Unwillkürlich zog ich meine rechte Hand aus der Tasche. Die ältere Frau gegenüber schaute mich erstaunt an. Ich musste ein komisches Gesicht gemacht haben. Vorsichtig öffnete ich meine rechte Jackentasche und sah nur in ein dunkles Loch. Meine Tasche war nicht beleuchtet. Also runter mit der Jacke und nun vorsichtig den Inhalt auf meine Beine. Mittlerweile sahen mir alle im Abteil zu. Das war mir egal. Ein alter Kugelschreiber purzelte heraus, eine kleine Parfümprobe, ein gebrauchtes Papiertaschentuch, eine Sicherheitsnadel und ein altes Feuerzeug fielen mir auf die Oberschenkel. Das Feuerzeug war kalt, und der Gastank war leer. Ich schüttelte weiter, immer mit der Gewissheit, dass ich gleich eine Überraschung erleben würde. Und da war sie – die Visitenkarte von Julius Koltar. Kalt auf meinem Bein, aber noch merklich warm an meinen Fingern! Wie war das nun möglich? Am liebsten hätte ich jemanden aus dem Abteil gebeten, einmal die Karte anzufassen. Doch ich packte alles, bis auf die Karte, wieder zurück und sah sie mir nun genau an. Sie roch nach nichts, war aber immer noch angenehm warm.
In meiner Wohnung nahm ich mir sofort die Visitenkarte vor. Ich hatte sie in einer Brusttasche von meinem Hemd deponiert. Sie war genau in dem Zustand, wie ich sie bekommen hatte. Später wollte ich diesen Koltar anrufen und legte sie auf den Küchentisch.
Das Telefon klingelte und lenkte meine Gedanken nun völlig von dem Erlebten ab. Es war ein Künstler, der mir mitteilte, dass er neue Werke fertig hatte und diese Bilder gerne in meiner Kunstgalerie im Internet unter Kunstruktiv.de ausstellen wolle. Helmuth Kammrath war mittlerweile gut siebzig Jahre alt und brachte regelmäßig neue Werke mit neuen Techniken hervor. Da er in der Nähe von Kassel wohnte und auf dem Weg zur Ostsee war, wo er und seine Frau Monica ein Wochenendhaus hatten, wollte er auf der Durchreise kurz bei mir vorbeisehen. Er hatte fünf Bilder dabei, die ich digitalisieren und ins Internet setzen sollte. Wir verabredeten uns in einer Stunde in meinem Atelier, was eigentlich eine umgebaute Werkstatt war. In Altona ein Fotostudio zu mieten, war kaum noch zu finanzieren. Seitdem dieser Stadtteil von den Reichen und Wichtigen entdeckt wurde, stiegen die Mieten ins Unermessliche. Also mietete ich mir eine alte Doppelgarage in einem ebenso alten Gewerbehaus. Strom, Wasser und sogar eine Heizung waren vorhanden. Ein paar Umbauarbeiten waren zwar nötig, aber das hatte ich in zwei Wochen geschafft. Selbst eine Toilette und Dusche konnte ich einbauen, da direkt neben mir eine Tischlerei war, deren Klo an meiner rechten Wand lag, sodass ich dort den Ablauf mitbenutzen konnte. Zu den Tischlern hatte ich ein ausgezeichnetes Verhältnis, da ich sie damals alle zur Eröffnungsparty eingeladen hatte. Anschließend musste ich zwar wieder renovieren, hatte aber so ein paar gute Freunde, die auch immer mal gern einen Blick auf mein Atelier warfen, wenn ich unterwegs war. Mit der entsprechenden Beleuchtung, den vielen Stoffen als Hintergrund und einem Podest konnte ich hier perfekt arbeiten. Mehrmals im Monat vermietete ich diesen Raum an andere Fotografen, die immer wieder begeistert von meinen technischen Einbauten waren. Je nach Bedarf hatte ich mir im Laufe der Jahre Scheinwerfer, Gestelle und Dekorationen zugelegt, die diese Arbeit ungemein erleichterten. Was hier so alles belichtet wurde, konnte ich mir schon denken – und nicht alles war jugendfrei. Jedenfalls erhielt ich so eine Nebeneinkunft, die meine Kosten, auch die Miete meiner Wohnung, gut deckte. Ein paar Mal kam mir schon der Gedanke, dass ich noch ein oder zwei dieser Studios eröffnen könnte und so von den Mieteinnahmen leben würde. Aber ich brauchte meine Arbeit. So kam ich viel herum und lernte unglaublich viele Menschen kennen. Ich schnappte mir also mein Notebook, meine Digicam und fuhr mit meinem VW-Bus ins Studio. Es waren zwar nur vier Kilometer, aber um diese Uhrzeit dauerte der Spaß 20 Minuten. Zum Glück hatte ich vor dem Fotostudio zwei Parkplätze, sodass auch Helmuth hier parken konnte.



Holger

Ich stellte den Wagen ab und traf Holger vor der Tür. Er war einer der Tischler, ein blonder, breiter Kerl aus Nordfriesland, der immer gute Laune hatte und eigentlich Meister war. Hier hatte er leider nur einen Job als Geselle. Besser als nichts. Vor drei Wochen zeigte er mir mal seine eigenen Entwürfe. Kleine Schränke, Tischchen und andere Möbel – unglaublich raffiniert gefertigt. Ich bot ihm an, diese Dinge im Netz auszustellen. Er wollte es sich noch überlegen.
„Moin Robin“, rief er mir entgegen und öffnete die Fahrertür.
„Ich hab mit meiner Frau gesprochen, wir können ausstellen.“
„Moin Holgi“, erwiderte ich: „Du weißt, dass du die Dinger dann aber auch los bist.“
„Wir könn sie ja so teuer machen, dass sie keiner kauft“, meinte er. Ich reichte ihm mein Notebook und nahm die Digicam mit aus dem Wagen.
„Nee, das ist viel Arbeit, und von irgendwas muss ich ja auch leben. Du kriegst ’nen guten Preis. Dann fällt’s dir auch nicht so schwer.“
Wir gingen gemeinsam zur Tür.
„Gestern waren hier ein paar Typen drin, die haben ganz schön Lärm gemacht“, erzählte er so nebenbei.
„Gestern? Wieso gestern? Soweit ich mich erinnere, hatte ich letzte Woche das letzte Mal vermietet“, erwiderte ich.
„Geraucht ham sie auch da drin.“
„Was, so ’n Mist“, rief ich. Nichts war schlechter für meine Dekorationen und Scheinwerfer als Zigarettenqualm. Hastig schloss ich die große Tür auf. Schnaps- und Qualmgeruch schlug mir entgegen.
Hier hatte tatsächlich eine Feier stattgefunden. Überall lagen leere Plastikbecher und überquellende Aschenbecher herum. Es stank erbärmlich.
„Tja, viel zu tun, lassen wir’s liegen“, meinte der Tischler.
„Fahr du man schön nach Hause. Ich komm schon klar“, entnahm ich ihm die Verpflichtung, mir zu helfen.
Holger hatte schon lange Feierabend, und ich machte mich daran, den Müll zu beseitigen.
„Warte mal, Holgi! Sieh doch mal nach, ob der Schlüssel bei euch im Büro hängt.“
„OK“, brummte er und war schon verschwunden.
Ich hatte nebenan einen Reserveschlüssel liegen. Manchmal nahmen sich einige Fotografen diesen Schlüssel. Natürlich war das dann immer abgesprochen. Ich sammelte den ganzen Müll in eine große blaue Plastiktüte. So schlimm war es nun auch nicht. Lediglich der Mief nervte, aber den hatte ich nach zehn Minuten auch weg, nachdem ich ordentlich gelüftet hatte. Von draußen rief Holgi rein:
„Der Schlüssel ist wech. Den hat so ’n Kerl mit ’n dicken Daimler geholt“, sagt der Chef, „Du wüsstest das!“
„OK, danke Holgi, schönen Feierabend“, rief ich ihm zu, da er schon auf dem Sprung nach Hause war.
Nach und nach verschwand die Unordnung genauso wie meine Wut auf Axel. Denn nur Axel Schenkenberg konnte dies hier angerichtet haben. Genau genommen war er ebenso wenig Fotograf wie ich. Aber ich hatte ein Fotoatelier – er nicht. Allerdings bezweifelte ich, dass er hier Aufnahmen gemacht hatte. Die einzigen Fotos, die er je veröffentlicht hatte, waren auch noch geklaut. Wir trafen uns vor zwei Jahren in einer Fotoagentur an der Feldstraße. Dort kam eine junge Fotografin zu uns an den Tresen und fragte, wie sie am besten ihre Fotos vorstellen könnte. Axel machte den Dicken vor ihr und gab nervige Kommentare zu ihren Werken ab. Ich traute mich nicht, diese Fotos zu kritisieren. Dazu war und ist mein „Können“ viel zu mäßig. Meine Kreativität besteht leider nur aus der Erfindung der Hilfsmittel, technische Details eben. Die Fotos dieser Fotografin waren aber Profiarbeit. Als Hintergrund sah ich mit einem Auge das Innenleben der „Hamburger Stahlwerke“. Die Szenerie glich etwa dem Film „Bladerunner“. Axel sprach heftig auf die Frau ein und ca. einen Monat später sah ich ähnliche Fotos in einer großen Zeitschrift. Dort wurde Axels Einfallsreichtum bewundert – und er bekam dafür 27.000 Euro. Die Summe erfuhr ich von einem befreundeten Redakteur der Hamburger Morgenpost. Die Frau ging leer aus und Axel wurde ein kleiner Star. Aufträge folgten, doch bald erkannten die Auftraggeber sein wahres Können, und er wurde ein Sternchen, den keiner mehr wollte.
….
5 Sterne
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Faszinierend, humorvoll mit ernsten Anstößen an Politik und Umwelt dem nachgegangen werden sollte.

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Spannender Roman mit kritischem Blick auf Geld- und Machtverteilung. Überraschende Wendungen

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