Jahrhundertwehen

Jahrhundertwehen

Antje Donkels


EUR 20,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 366
ISBN: 978-3-99131-657-2
Erscheinungsdatum: 29.12.2022
Spannender Gesellschaftsroman, der historische Ereignisse und persönliche Schicksale über mehrere Generationen hinweg miteinander verknüpft. Authentisch, packend, ergreifend, sensationell, virtuos, auf inhaltlicher wie auf erzähltechnischer Ebene.
4

Die Bäume waren schon fast kahl. Es war Ende Oktober und das Jahr 1911 ging langsam seinem Ende entgegen.
In der hübschen Stadt Weimar, unweit des Thüringer Waldes, herrschte im Hause des Stoffwarenhändlers Gottfried Ohme große Geschäftigkeit. Gottfried Ohme, genannt Fritz, und seine Frau Mathilde bewohnten ein hübsches Stadthaus im Zentrum von Weimar. Das gelb verputzte Haus zog sich über drei Etagen. Die drei Fenster, die zur Straße hinausgingen, zierten hübsche weiße Fenstersimse. Im Erdgeschoss befand sich die große Küche, in den Räumen darüber der Salon und das Arbeitszimmer von Fritz. Im zweiten Stock befanden sich das Schlafzimmer von Fritz und Mathilde und das Kinderzimmer. Mathilde hatte mit ihrem guten Geschmack das kleine Haus hübsch und gemütlich eingerichtet. Alle Fenster zierten geschmackvolle Vorhänge. Die schönen Holzmöbel waren dekorativ und praktisch.
Der Stoffhandel der Familie, den sich Fritz in den letzten Jahren aufgebaut hatte, florierte. Im Rahmen der Industrialisierung zog es immer mehr Menschen vom Land in die Stadt. Das aufstrebende Bürgertum und die wachsende Stadtbevölkerung wollten gut eingekleidet sein. Fritz hatte das Geschäft von seinem Vater Gustav übernommen, der sich nach einem Schlaganfall aus der Firma zurückgezogen hatte. Fritz’ Mutter, Klara Ohme, eine kränkliche Frau, kümmerte sich nach besten Kräften um den Vater. Sie hatte nie viel Sinn für das Geschäft gehabt, sodass recht schnell die Entscheidung getroffen wurde, Fritz die Leitung des Unternehmens zu übergeben. Bei der Übernahme waren die Umsätze noch gering, hatte sich sein Vater doch auf althergebrachte Bezugsquellen verlassen. Fritz war längst klar geworden, dass nur eine Expansion ihnen auf lange Zeit die Existenz sichern konnte. Daher hatte er sich auf den Weg gemacht und neue Lieferanten im In- und Ausland akquiriert. Vor drei Tagen war Fritz nach Ypern in Flandern gereist, um dort neue Stoffe einzukaufen. Mittlerweile hatte er sich einen Namen in der Stadt und in der Region gemacht und es war bekannt, dass er Stoffe von allerbester Qualität und Güte in seinem Sortiment hatte. Wer das Besondere suchte, für den war Fritz Ohme immer die erste Adresse.
Fritz Ohme war groß und schlank und auffallend attraktiv. Er hatte schwarzes, dichtes Haar, was ihm ein südländisches Aussehen verlieh. Sein Gesicht war ebenmäßig und hatte feine Züge. Wenn er lachte, konnte man seine schönen, weißen Zähne sehen. Er war nicht nur bei Frauen beliebt. Seine offene Art und sein sportliches Auftreten brachten ihm auch bei Männern Sympathien ein.
Die Familie betrieb neben dem Lager, das etwas außerhalb lag, auch einen Stoffladen in der Innenstadt von Weimar, wo jedermann Stoffe für alle Anlässe kaufen konnte. Zuerst hatte Mathilde den Laden selbst betrieben, aber im Zuge ihrer Schwangerschaft hatten sie jemanden dafür eingestellt. Sie fanden eine zuverlässige und kompetente Dame namens Hannah Rosenberg, welche die Familie Ohme sofort ins Herz geschlossen hatte. Die beiden Frauen verstanden sich auf Anhieb gut, war Hannah doch nur wenig älter als Mathilde und Fritz. Hannah selbst hatte keine Kinder und war so ganz für die Familie Ohme da.
Mathilde, die nun kurz vor der Niederkunft stand, hoffte, dass Fritz rechtzeitig zurück sein würde. Sie führte derweil das Kaufmännische im Geschäft in Weimar weiter, so gut sie eben konnte. Fritz setzte großes Vertrauen in seine kluge und schöne Frau. Mathilde war mittelgroß und sehr schlank. Ihre dunklen Augen zierten lange schwarze Wimpern. Ihr brünettes, volles Haar, das von kupferfarbenen Strähnen geziert wurde, fiel ihr bis über die Schultern. Meistens trug sie es zusammengesteckt, aber abends, wenn sie es bürstete, konnte Fritz den wunderbaren Glanz darin bewundern. Er liebte seine schöne Frau über alles und sie erwiderte diese Liebe.
Jeden Tag ging Mathilde noch in den Laden und hatte mit Hannah einen Austausch, außerdem tat ihr der tägliche Spaziergang gut.
Die letzten Sonnenstrahlen hatten gerade das Zimmer verlassen und Dunkelheit machte sich rasch breit. Jetzt, Ende Oktober, waren die Nachmittage und die Zeit der Dämmerung kurz. Bald würde es dunkel sein. Inständig hoffte Mathilde, dass Fritz bald heimkommen würde. Sie hatte sich gerade mit einer Tasse Tee hingesetzt, um in ihrem Buch weiterzulesen, als sie ein Ziehen im Unterleib bemerkte. Sie freute sich auf das Kind und hoffte, dass es ein Junge würde, der dem Vater zur Hand gehen und ihm dann später im Geschäft nachfolgen könnte. Als das Ziehen immer häufiger und stärker wurde, bat sie das Hausmädchen Hildegard, die Hebamme zu holen. Mathilde hatte sich mittlerweile hingelegt, denn die Wehen wurden immer stärker. Die Hebamme, Frau Arendt, hatte ihr gesagt, dass es noch dauern würde, sie würde in einer Stunde noch einmal wiederkommen.
Nicht fähig, etwas zu lesen, lag Mathilde auf ihrer Seite des Ehebettes und dachte an Fritz. Sie dachte an die Zeit ihres Kennenlernens in Weimar, als sie über eine kaputte Bordsteinplatte gestolpert war und fast gefallen wäre, wenn Fritz sie nicht aufgefangen hätte. Sie erinnerte sich an ihre Treffen unter dem sommerlichen Sternenhimmel, an ihren ersten Kuss und ihre heimlichen Treffen. Sie dachte an ihre Hochzeit. Fritz hatte ihr Brüsseler Spitze für ein weißes Brautkleid geschenkt. Viele Bräute trugen Schwarz, um das Kleid hinterher noch zu anderen Anlässen tragen zu können, aber wer es sich leisten konnte, trug Weiß. Das bräutliche Weiß begann sich mehr und mehr durchzusetzen. Sie dachte an die Kutsche und die Glocken von St. Peter und Paul, die geläutet hatten, und an ihre glücklichen Gesichter, als sie als Eheleute Ohme die Kirche verlassen hatten. Ich habe das große Glück gefunden, dachte Mathilde. Mehr kann man sich nicht wünschen. Und nun sollten sie auch noch ein gemeinsames Kind haben.
Die Zeiger der Uhr in ihrem Schlafzimmer schoben sich gegen Mitternacht und die Wehen drohten ihr den Leib zu sprengen. Frau Arendt sprach ihr Mut zu. Ihre ruhige Art und ihr einfühlsames Wesen hatten schon vielen Gebärenden geholfen und auch Mathilde vertraute ihr. Sie hielt Mathildes Hand und kühlte ihre schweißnasse Haut. Die Wehen wurden immer stärker und Mathilde hatte Sorge, dass ihre Kraft nicht reichen würde. Frau Arendt schaute in Mathildes besorgtes Gesicht, nachdem eine erneute Wehe abgeklungen war. „Das Kind wird gleich da sein. Ich kann es schon sehen. Sie müssen jetzt pressen, und zwar mit aller Kraft.“ Mit einem letzten starken Aufbäumen und einem Schmerz, der mit nichts zu vergleichen war, schob sich das Kind aus ihrem Leib. Die Hebamme nahm es und nabelte es ab. Lächelnd sah sie Mathilde an und sagte: „Sie haben eine wunderschöne, gesunde Tochter!“ Danach versorgte sie erst das Baby und dann Mathilde und legte ihr das Kind in den Arm. Überglücklich schaute sich Mathilde ihre Tochter an und war gar nicht traurig, dass es kein Junge war.
Am nächsten Nachmittag kam Fritz von seiner Reise nach Hause. Als er vor der Haustür stand, hörte er die Schreie eines Babys. Ein unbeschreibliches Glücksgefühl durchströmte ihn. Er raste die Treppe nach oben. Mathilde lag in ihrem Bett und hielt das Baby in den Armen. Er blieb einen Moment stehen und schaute seine Frau mit aller Zärtlichkeit an. Dann schloss er sie und sein Kind überglücklich in die Arme. „Es ist leider kein Junge geworden. Aber wir haben eine wunderschöne Tochter. Ich möchte, dass wir sie Antonia nennen“, sagte Mathilde. Fritz betrachtete das hübsche Baby. „Den Namen hast du gut gewählt, ich bin absolut einverstanden“, sagte er.
So wurde Antonia Annette Ohme am 28.10.1911 geboren. Sie wurde Antonia gerufen, sollte eine Schönheit werden und achtzehn Monate später noch einen Bruder Arthur bekommen.


5

Der Sommer des Jahres 1913 war sehr heiß. Sengende Hitze lag auf dem Land und den umliegenden Feldern. Das Getreide stand hoch und die aufsteigende Hitze flirrte auf den Wegen. Die Elbe floss gemächlich nach Norden und führte, wie so oft im Sommer, wenig Wasser. Die Menschen auf dem Land waren dankbar für ein wenig Schatten oder einen Schauer, der mit einem Gewitter einherging. Ihre Gesichter waren von den vielen Stunden und Tagen in der Sonne braun gebrannt.
Von den großen Ereignissen der Weltgeschichte bekam man in diesem Teil Deutschlands, der Altmark, nur am Rande etwas mit und das Leben auf dem Lande nahm seinen gewohnten Lauf.
Siebenhundert Kilometer weiter westlich, im belgischen Gent, wurde drei Monate zuvor die 28. Weltausstellung eröffnet, um der Weltgemeinschaft das Neueste, was es an Produkten gab, zu präsentieren. Die Deutschen stellten ihre wegweisenden Produkte aus Landwirtschaft und Maschinenbau aus. Hier, auf dem Lande, war das alles weit weg, denn das Leben war hart und wurde von den Jahreszeiten und der damit verbundenen Aussaat und Ernte geprägt.
Baron und Baronin von Luckenberg verbrachten für gewöhnlich den Sommer auf dem Land und kehrten erst Anfang September nach Berlin zurück. Im Herbst und Winter fanden dann die prächtigen Bälle statt, die Theaterpremieren sowie andere kulturelle und gesellschaftliche Ablenkungen.
Es war üblich, dass sich die Adligen auf ihre Güter oder an die Ostseeküste zurückzogen, um der Hitze der Stadt zu entfliehen. Das gesellschaftliche Leben fing für gewöhnlich auch erst nach Ende des Sommers wieder an. Dieses Jahr kam die Familie von Luckenberg spät an, denn Berlin war im Mai Blickpunkt des Weltinteresses.
Am 24. Mai 1913 heiratete Viktoria Luise, einzige Tochter des Kaisers Wilhelm II., in Braunschweig den Welfenprinz Ernst August. Zuvor gab es in Berlin die große Parade und das Galaessen.
Zur Eheschließung der Kaisertochter reisten Gäste aus höchsten Rängen aus dem In- und Ausland an, wie das britische Königspaar George V. und Mary sowie der letzte Zar Nikolaus I. von Russland. Es wurde das letzte große Aufeinandertreffen gekrönter Häupter vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges, ein prunkvolles Fest, das an diesen Tagen im Mai noch nicht die Anzeichen des drohenden Desasters erkennen ließ.
Natürlich ließ sich auch der Adel dieses Ereignis nicht entgehen. Das war zugleich ein gutes Parkett für Absprachen, Allianzen und mögliche Eheschließungen in Adelskreisen. Die von Luckenberg hatten immerhin auch einen Sohn, Konstantin, der in nicht allzu weiter Ferne im heiratsfähigen Alter sein würde.

***

Seit einiger Zeit kamen die Herrschaften mit dem Automobil aus Berlin. Sie schickten ein Telegramm an Anton von Liebenau, damit für ihre Ankunft alles vorbereitet werden konnte.
Der kleine Otto war mittlerweile sechs Jahre alt. Seine blauen Augen hatte er von seiner Mutter geerbt. Seine blonden, welligen und ständig wuscheligen Haare gaben ihm ein verschmitztes Aussehen. Otto war immer fröhlich und an allem interessiert und hielt sich am liebsten draußen auf. Im Sommer lugten unter seinen kurzen Hosen meist aufgeschürfte Knie heraus, da er auf alles kletterte, was für seine Größe machbar war. Auf dem Gut war er der Liebling aller Angestellten, da die Kinder der anderen Bewohner entweder viel älter oder jünger waren.
Wenn die Herrschaft mit dem Automobil kam, konnte Otto kaum den Blick von dem wundervollen Gefährt lassen. Immer wieder schlich er um das Auto herum, verschwand hinter dem großen Kühlergrill und strich behutsam über die chromglänzenden Kotflügel.
Wenn ich da nur einmal drinsitzen könnte!, dachte er bei sich. Sein Traum wäre es, einmal damit fahren zu können. Letztes Weihnachten hatte er ein kleines Spielzeugauto aus Holz bekommen, sein größter Schatz.
„Otto“, rief die Mutter, „komm mir helfen!“ So riss er sich denn los und trottete zum Haus zurück. Es wurden ihm schon kleinere Arbeiten übertragen, schließlich würde er in ein paar Wochen in die Volksschule gehen.
Otto freute sich schon auf die Schule, auf die Hefte und Bücher und die neuen Freunde. Immerzu sprach er davon und erzählte es jedem, der ihm über den Weg lief.
Es war schon Nachmittag und eine drückende Schwüle lag über dem Gut. In der Ferne färbte sich der Himmel dunkel. Friedrich inspizierte drinnen die Speicher, als er ein heftiges Grollen hörte. Anton von Liebenau war in die Stadt gefahren und würde erst später zurückkommen. Friedrich rannte nach draußen und schaute besorgt zum Himmel. Unverkennbar zog ein starkes Gewitter auf. Die Frauen waren noch auf dem Feld. Besorgt ließ er alles stehen und liegen, sattelte den braunen Hengst und machte sich auf den Weg. Das Gewitter kam schnell näher und die Blitze fuhren auf die Erde nieder.
Er fand fünf der Frauen unter einem Baum sitzend. Nur eine war noch draußen auf dem Feld. Sie hatte die Parzelle weiter im Norden bearbeitet und hatte den Aufbruch der anderen nicht mitbekommen. „Die Adele ist noch draußen“, sagte eine der Frauen. „Ich hole sie“, erwiderte Friedrich. „Es ist zu gefährlich, wir müssen hier schnellstens weg, ihr dürft nicht unter dem Baum bleiben! Hockt euch flach aufs Feld!“ Die Frauen schauten besorgt, bot der Baum doch nur vermeintlichen Schutz. Als Friedrich die halbe Strecke hinter sich gebracht hatte, fuhr ein mächtiger Blitz hernieder. Friedrich spürte noch den Schlag, der an der Hüfte in ihn eindrang, fiel vom Pferd und sank auf den trockenen Feldboden nieder. Einer der Frauen entfuhr ein lauter Schrei, war ihr Blick doch auf den davoneilenden Friedrich gerichtet. „Er ist vom Blitz getroffen worden! Ich habe es gesehen. Wir müssen ihm helfen!“
Der Gefahr trotzend, eilten die Frauen aufs Feld, zu der Stelle, wo Friedrich zuletzt gesehen wurde. Friedrich lag bewusstlos auf dem trockenen Feldboden. Aus einer Wunde am Arm sickerte Blut und färbte die Erde darunter rot. Vorsichtig luden die Frauen den bewusstlosen Friedrich auf den Feldwagen und banden sein Pferd davor.
Adele war mittlerweile herbeigeeilt. Obwohl das Gewitter noch nicht abgezogen war, machten sich die Frauen mit dem verletzten Friedrich auf den Weg zurück zum Gut und beteten.
Das Gewitter zog einfach nicht ab, dennoch erreichten die Frauen das Gut, völlig durchnässt und zitternd vor Kälte und Sorge. „Holt schnell den Doktor und sagt Maria und Herrn von Liebenau Bescheid, sobald er da ist!“, sagte eine der Frauen zu Gerhard, einem herbeieilenden Knecht.
Adele suchte Maria und fand sie in der Küche des Herrenhauses. Als sie Otto am Tisch sitzen sah, sprach sie mit leiser Stimme zu Maria: „Maria, es ist etwas ganz Schreckliches passiert. Friedrich wurde vom Blitz getroffen. Du musst kommen.“ Als ihr die Bedeutung dieser Nachricht bewusst wurde, stockte Maria der Atem und sie schlug die Hände vors Gesicht. Dann aber ließ sie alles stehen und liegen und eilte in den Hof. Zu Adele sagte sie noch schnell: „Adele, bitte bring Otto sofort zu Johanna in die Küche. Dort soll er erst einmal bleiben.“ Adele nickte und nahm Otto beim Arm und verließ mit ihm das Herrenhaus. Maria schlug die Tür hinter sich zu und eilte mit schnellen Schritten über den Hof. Friedrich lag auf dem Wagen und die Männer hoben ihn an und trugen ihn in sein Haus. Maria wies sie an, ihn in das Ehebett zu legen. Nach einer gefühlten Ewigkeit kam Doktor Kämmerling.
Maria wartete in ihrer kleinen Küche, während der Doktor bei Friedrich war. Unzählige Gedanken schwirrten Maria durch den Kopf. Würde er je wieder laufen können? Was würde werden, sollte ihr Mann schwerbehindert sein? Friedrich war immerhin der Haupternährer der Familie.
Die Frauen vom Feld standen noch sichtlich erschüttert auf dem Platz vor dem Herrenhaus, als Anton von Liebenau mit seinem braunen Wallach auf den Vorplatz geritten kam. Er grüßte die Frauen und ritt langsam zu den Stallungen hinüber, um das Pferd dort abzustellen, als Frieda hinter ihm herrannte. „Herr“, rief sie. „Sie müssen kommen. Es ist etwas Schreckliches passiert.“ Ein Knecht kam hinzu und von Liebenau drückte ihm die Zügel in die Hand. „Bring ihn in den Stall.“
Er strich sich besorgt durchs Haar und folgte mit langen Schritten Frieda zum Haus von Paul und Maria. Er fand Maria in der Küche sitzend und sah, dass sie geweint hatte. „Was ist passiert?“, fragte er sie. „Als das schwere Gewitter aufzog, ist Friedrich aufs Feld geritten, um die Frauen zurückzuholen. Eine war wohl allein und etwas weiter entfernt. Friedrich wollte sie holen, da ist er vom Blitz getroffen worden. Das haben mir die Frauen vom Feld erzählt. Der Doktor ist noch bei ihm.“ „Was für ein Unglück!“, erwiderte von Liebenau. „Aber wir müssen jetzt erst einmal schauen, was der Doktor sagt.“
Der Doktor verbrachte einige Zeit bei dem Verletzten und trat dann an Maria und von Liebenau heran. „Er wird es überleben, aber er hat Verbrennungen davongetragen und auch Nerven- und Muskellähmungen. Ich kann jetzt noch nicht sagen, wie weit sich diese zurückbilden werden. Außerdem ist sein Arm gebrochen. Bei seinem Sturz vom Pferd hat er noch Glück gehabt, dass nur der Arm gebrochen ist. Das hätte noch viel schlimmer ausgehen können. Ich komme morgen wieder, dann sehen wir vielleicht mehr. Aber Ihr Mann ist stark. Hoffen wir das Beste.“
Von Liebenau schaute Maria an und sagte: „Du musst jetzt stark sein und dich um Otto kümmern. Ich werde Friedrichs Aufgaben mit übernehmen und schauen, wer mich hierbei am besten unterstützen kann.“
Von Liebenau rief alle zusammen und informierte die Angestellten des Gutes über den schrecklichen Vorfall. Er teilte die dringendsten Aufgaben auf und machte sich auf den Weg in sein Arbeitszimmer.
Otto bemerkte, dass etwas passiert sein musste. So schnell, wie seine Mutter das Haus verlassen hatte, und dann das Getuschel der Leute. Auch Johanna sagte nichts. Endlich kam Frieda in die Küche. „Otto, du kannst jetzt nach Hause zu deiner Mutter.“ Sofort machte er sich auf den Weg. Ein leichter Sommerregen fiel aus grauen Wolken, als Otto mit Angst im Nacken das Haus seiner Eltern betrat. Seine Mutter kam sofort auf ihn zu und nahm ihren Sohn in den Arm. „Otto“, sagte Maria, „dein Vater ist auf dem Feld vom Blitz getroffen worden. Er liegt schwer verletzt im Bett. Du darfst ihn jetzt nicht stören.“ Otto schaute seine Mutter erschrocken an. Dann kullerten ihm dicke Tränen über die Wangen. „Mutti, wird denn der Vater wieder gesund?“ „Wir können nur hoffen, sagt der Doktor. Jetzt braucht er erst mal viel Ruhe. Also kein Toben und Lärmen im Haus“, antwortete Maria ihrem Sohn. „Ich mache alles, wenn er nur wieder gesund wird“, und wieder kullerte eine Träne über Ottos Wange.
Abends saß Otto am Fenster und sprach ein Gebet für seinen Vater. „Lieber Gott, bitte mach man Vater wieder gesund. Ich verspreche dir, dass ich alles tue, was man mir aufträgt, dass ich nicht tobe und lärme. Ich will auch folgsam sein und ich schenke dir auch mein Holzauto, wenn du meinen Vater wieder gesund machst, lieber Gott.“ Dann schaute Otto in die Nacht hinaus und hoffte, dass sein Gebet erhört wurde.
Nach ein paar Tagen sah man, dass Friedrich das Schlimmste überstanden hatte.
Der Sommer auf Gut Brunnenhof ging vorüber, die Ernte wurde eingefahren und Friedrich erholte sich langsam von seiner schweren Verletzung. Seine Ungeduld machte ihn manchmal unwirsch und ungerecht, war es ihm doch eine Qual, untätig zu sein. Er machte sich schwere Vorwürfe, die wichtigsten Grundregeln bei Gewitter nicht beachtet zu haben. Gerade er hätte es besser machen müssen. Nicht auszudenken, wenn er für immer ans Bett gefesselt gewesen wäre.
Sein Armbruch heilte gut ab. Die Lähmung ging allerdings nicht vollends weg, sodass er seit dem Blitzeinschlag das linke Bein etwas nachzog. Auch die Brandnarben vom Eintritt und Austritt des Blitzes sollten ihn immer an diesen furchtbaren Tag erinnern.
Im September kam Otto endlich in die Schule. Er bekam eine lederne braune Schultasche, Bücher und Schreibzeug und durfte nun endlich die nahe gelegene Dorfschule besuchen. Das kleine Dorfschulhaus hatte nur ein Erdgeschoss und ein ausgebautes Dachgeschoss. Im Dachgeschoss wohnte der Lehrer. Im Erdgeschoss befanden sich zwei Klassenräume. Die Klassenräume hatten hohe Fenster, Holzbänke und Holzstühle. Es wurden in der kleinen Dorfschule mehrere Jahrgänge in einem Klassenraum unterrichtet. Der Lehrer hatte ein Pult, das etwas erhöht stand, sodass er jeden Schüler gut sehen konnte. Außerdem gab es in den Klassenzimmern einen Ofen, der vom Lehrer im Herbst und Winter angeheizt wurde. Der Lehrer, Herr Zeise, war ein älterer Herr mit vollem grauem Haar und einem nach oben gezwirbelten Schnurrbart. Die Handarbeiten und die Zeichenstunde wurden von Fräulein Sonneberg betreut. Die älteren Schüler nannten Fräulein Sonneberg Bohnenstange, weil sie sehr groß und schlank war.
Als sich die neuen Schüler hinter die Schulbank setzen durften, saß Otto neben einem Jungen namens Rudolf, den alle nur Rudi nannten. Rudi war etwas größer als Otto mit mittelblonden Haaren und Sommersprossen im Gesicht. „Wie heißt ’n du?“, fragte er Otto. „Otto, Otto Landsberg“, antwortete Otto ordentlich und vollständig, wie er es gelernt hatte. „Ich heiß’ Rudi, so kannste mich nennen“, erwiderte Rudi und lachte.
Während Otto in der neuen Klasse noch zurückhaltend war, übernahm Rudi direkt das Sagen. Er sollte bald Ottos bester Freund werden.
Im Oktober beging man das Erntedankfest, gedachte der Reformation und sah einem friedlichen Weihnachtsfest und Jahreswechsel entgegen, nicht ahnend, dass das kommende Jahr mit einem der schlimmsten Ereignisse der Weltgeschichte verbunden sein würde.

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