Im Banne des Wahnsinns

Im Banne des Wahnsinns

Andrew Steven Richards


EUR 22,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 552
ISBN: 978-3-99131-490-5
Erscheinungsdatum: 08.11.2022
Annabelle ist wohl die beste Forscherin, die die Innsbrucker Universität im Fachbereich Psychologie zu bieten hat. Doch als sie das Forschungsprojekt um den Mörder Heidner beginnt, ahnt sie noch nicht, wie viele Schicksale sie damit ins Unglück stürzen wird.
Rickmer

„Sie standen am Tor, es war ein gewaltiges Tor aus verzierten Eisenstangen. Vor ihnen lag nun das berüchtigte Anwesen, die Abtei. Schon seit dem Mittelalter stand dieses Gemäuer hier und Rickmer war sich sicher, dass, wenn Steine reden könnten, sie eine prächtige Historie zu erzählen hätten. Aber Steine konnten nun mal nicht reden, jedenfalls durfte man das für gewöhnlich annehmen.
„Komm schon, Patrick, lass uns endlich von hier verschwinden!“
„Ach, hab dich doch nicht so. Ich will mir das Anwesen doch nur etwas näher anschauen, was ist schon dabei!“
Rickmer verschränkte protestierend die Arme.
„Dabei? Mulmig ist mir dabei. Und außerdem weißt du ganz genau, dass wir uns hier nicht aufhalten dürfen, verdammte Scheiße noch mal!“
Aber er ging weiter. Das Haus übte eine faszinierende Anziehungskraft aus, besonders eben auf Patrick Millbert. Da konnte man doch schon mal eine rechtliche Ausnahme machen.
Oder etwa nicht?
Das Tor war mit einer Kette und einem dicken Schloss verriegelt. Wieder ein Grund mehr für Georg Rickmer, seinen Kollegen doch noch davon abzuhalten, etwas Illegales zu tun, etwas, was ihn womöglich den Job kosten könnte.
‚Dann klettern wir halt an der Seite rüber, da über die Mauer‘, sagte Millbert.
Keine gute Idee.
Doch Millbert war entschlossen. Immer wenn ihn mal eine Sache packte, richtig ergriff, dann war er nicht mehr zu bremsen, das war auch in seiner Rolle als Polizist so. Und er war ein guter Polizist. Er war mutig und hilfsbereit und machte seine Arbeit mit viel Elan. Der kleine rundliche Mann liebte seinen Beruf. Millbert und Rickmer waren in der Tat auch ein gutes Team. Aber manchmal überwog halt eben die eiserne Willensstärke Millberts, der in seinem Revier von seinen Kollegen zu Recht als die kleine Kampfwurst bezeichnet wurde. Über diesen Spitznamen musste er immer selbst lachen und er nahm es auch seinen Kollegen ganz und gar nicht übel, wenn sie ihn so nannten.
Mit Ende fünfzig war Millbert noch topfit und genau das versuchte er jetzt auch wieder zu beweisen, indem er die brüchige Mauer der Abtei hochkletterte. Allerdings war das auch kein Kunststück mehr, denn die alte Mauer war schon zum größten Teil durch die Verwitterung so brüchig geworden, dass zahlreiche Löcher entstanden. Mit Leichtigkeit konnte man die Löcher als Stufen benutzen und dann die Mauer überqueren, die sowieso noch nicht einmal mehr zwei Meter hoch war an dieser Stelle.
Rickmers folgte ihm. Er musste ihm folgen, denn würde seinem Kollegen etwas zustoßen, dann würde er verantwortlich sein.
Jegliche Überzeugungsarbeit gegen diesen Entschluss war durch den Übermut Millberts zunichte gemacht worden.
Und wenn Georg zu sich selbst ehrlich sein wollte, so hatte auch ihn das Gebäude angezogen. Für ihn war das später geradezu unerklärlich.
Hinter der Mauer schien die Welt anders zu sein. Die Schotterstraße jenseits des Eingangs führte weiter bergabwärts. Es dauerte keine fünf Minuten und sie landeten in einem Garten voller uralter Apfelbäume. Der süßlich faulige Geruch drang einem sofort in die Nase. Zahlreiche Äpfel lagen am Boden und gammelten vor sich hin, übersät mit Ungeziefer.
Sie durchquerten den Garten und kamen schließlich an den Vorhof der Abtei, der nur aus einer größeren Sandfläche mit einem grauen Steinbrunnen in der Mitte bestand.
Und dann war da das Hauptgebäude mit dem Turm. Es hatte eine graue, mit Symbolen und Schnörkeln verzierte Außenfassade, die alte Eichentür des Haupteinganges war an die drei Meter hoch und die zwei Seitenflügel des Gebäudes zogen sich nach hinten gewaltig in die Länge. Würde man sich die Abtei von oben aus der Luft betrachten, so würde man feststellen, dass das Gebäude die Form eines E hatte, nur dass in der Mitte des Hauses kein Korridor war, sondern eine riesige Kuppel mit dem Turm auf dem Dach. Die beiden Seitenflügel liefen hinten wieder mit dem Gebäudestück der Kuppel zusammen.
Staunend betrachteten sich die beiden Polizisten das Haus. Besonders die Höhe der Kuppel und des Turms raubte einem den Atem.
Millbert ging auf den Eingang zu.
‚Gib dir keine Mühe, die Tür ist verschlossen und das schon seit einigen Jahren‘, sagte Georg.
Patrick tat so, als hätte er seinen Kollegen gar nicht gehört und betätigte die schwere Türklinke der Eichentür. Das Eisen war enorm kalt.
Ein lautes Ächzen setzte ein, so als würde man ein schlafendes Getriebe wieder zum Leben erwecken.
Oder ein schlafendes Haus! Einen schlafenden Riesen! Bei Gott, was dann?!
Die Tür gab nach. Mit einem kräftigen Ruck stand sie plötzlich einen Spalt weit offen und der Geruch von tausend, alten Steinen und dem Moder längst vergangener Zeit durchdrang einem die Nase.
‚Von wegen verschlossen, Georg!’
Rickmer verzog das Gesicht.
‚Wie kann das sein? Hier ist doch seit dem Massaker kein Mensch mehr gewesen, noch nicht einmal mehr die Polizei!‘
‚Ist das denn so wichtig? Vielleicht war hier gelegentlich doch jemand, eine Art Hauswart oder so, wer weiß das schon so genau!‘, erwiderte Patrick.
Ein Hauswart! Würde der dann nicht die Tür abschließen?!
‚Komm, lass uns mal reingehen!‘
‚Was sollen wir denn da drinnen? Ich gehe nicht in dieses Horrorhaus. Weißt du denn nicht mehr, was hier mal passiert ist? Nein, ich will da nicht hinein!‘
Georg bekam eine Gänsehaut. Der Wind wirbelte Staub vom Vorplatz der Abtei auf. Der Brunnen in der Mitte des Platzes schien merkwürdig verzerrt im Licht der Sonne.
‚Na gut, dann schau ich mal allein hinein, alter Junge. Hätte ja nicht gedacht, dass du so schnell die Hosen voll hast, Georg!‘
Dann verschwand er plötzlich hinter der Eichentür. Georg überlegte, was er nur tun sollte.
Du bist verantwortlich! Du bist verantwortlich! So ein Mist, du bist es!
‚Kommst du endlich, du Waschlappen?!‘, hörte Georg ihn noch sagen, der Schall der großen Vorhalle gab seine Worte mehrmals wieder.
Waschlappen! Waschlappen!
‚Ich komme ja schon, warte auf mich‘, rief Georg zurück und betrat das Gebäude. Er hatte gar kein gutes Gefühl bei der Sache.
Aber dann stand er auch schon in der eindrucksvollen Vorhalle. Der Saal war enorm lang und ungefähr sechzehn Meter breit. Eine Reihe von mächtigen Säulen zog sich links und rechts von ihm weg zur Treppe am Ende des Saals. Zwischen diesen beiden Säulenreihen war ein roter Teppich ausgelegt, der einem den Weg durch das Haus zu zeigen schien.
Doch wo war jetzt sein Kollege?
‚Patrick, kannst du nicht warten? Wo bist du denn?‘
Es schallte unheimlich. Seine Stimme schien das ganze Haus zu erschüttern.
‚Ich bin hier hinten, komm endlich!‘, schallte es zurück. Es war Patrick, er schien schon viel weiter gegangen zu sein. Die Rufe verklangen und es wurde schlagartig wieder ruhig in der Vorhalle.
‚So ein verdammter Mist!‘
Nervös ging Georg weiter. Jeder Schritt verursachte ein Geräusch unter seinen Füßen, so als würden sich die Fasern des roten Teppichs bei seinem Gewicht enger zusammenziehen. Eine dicke Staubschicht bedeckte den Teppich und die rote Farbe war auch an manchen Stellen vollkommen abgetreten. Und dann noch dieser modernde Geruch. Und kalt war es hier.
Was für alte Mauern! Wenn Steine sprechen könnten!
Langsam schritt er voran, den Blick auf die vor ihm liegende Treppe gerichtet. Würde er vor der Treppe stehenbleiben, so hätte er von unten einen direkten Blick auf die Kuppel. Hier, in der Mitte der Kuppel, war auch der höchste Teil des Gebäudes und darüber stand dann noch der Turm der Abtei.
Georg blieb stehen und blickte nach oben. Die Höhe war in der Tat schwindelerregend und die in den Steinen eingravierten Verzierungen und Muster verstärkten das noch. In der Mitte der Kuppel befand sich eine Art Sonnenzeichen, wohl das Symbol dieser Sekte, die ja auch das Anwesen baute. Die anderen Zeichen sagten Georg nichts. Teilweise blätterten sie auch schon von der Decke der Kuppel ab, wahrscheinlich wegen der Feuchtigkeit.
Er schaute sich weiter um. Rechts und links von ihm ging jetzt jeweils ein Seitengang ab. Der eine Gang führte in den Ostflügel des Hauses und der andere in den Westflügel. Und die Treppe vor ihm führte direkt in den ersten Stock. So weit so gut.
Doch welchen der drei Wege hatte sein Kollege genommen?
Das dieser verdammte Sturkopf auch nicht mal warten kann! Er und seine Neugierde!
Die Situation war ohnehin unfair. Schließlich wollte Georg auch gar nicht in diesen von allen guten Geistern verlassenen Steinbunker, doch sein Kollege nötigte ihn dazu. Und er war verantwortlich, zu mindestens mitverantwortlich.
Scheiße, Patrick, nur wegen diesem blöden Haus könnten unsere Ärsche auf dem Spiel stehen!
Auch Georg liebte seinen Beruf. Doch er war deutlich vorsichtiger, wenn es um irgendwelche Experimente in ihrem Job ging. Während sich Patrick lieber selbst mit den größten Schurken anlegte, ließ Georg die Verstärkung erst einmal anfordern. Wenn eine wilde Verfolgungsjagt im Gange war, so ließ es sich Patrick nicht nehmen, auch allein in den Kampf zu ziehen und den Typen dingfest zu machen. Georg hingegen versuchte immer erst einmal Ruhe zu bewahren und dann überlegt zu handeln, ganz nach Vorschrift und Gesetz.
So war eben ihre Teamarbeit. Der eine bediente stets das Gaspedal und der andere trat hin und wieder lieber mal etwas auf die Bremse. Damit standen sie als Team ganz oben im Kollegium und in den Personalakten. Doch jetzt versagte die Bremse. Georg versagte.
Mit Vollgas stürzten sie sich jetzt in ein sehr heikles Abenteuer. Sein Kollege war verschwunden und Georg stand nun unschlüssig vor der Treppe, die in den tiefen Rachen des Hauses führte.
‚Patrick, wo bist du denn nun? Verdammt noch mal, kannst du nicht mal stehenbleiben und auf mich warten?‘, rief Georg durch die Halle, wobei der Schall wieder durch das ganze Haus ging.
Sein Gesicht verdunkelte sich wütend.
Keine Antwort mehr. Was nun?
Plötzlich ein lautes Knarren, das Knarren einer Tür. Und es kam nicht von der Eichentür am Haupteingang. Georg blickte sich um.
Dann spürte er wieder diese eisige Kälte. Doch dieses Mal zog sie direkt an ihm vorbei, so als ob sich ein Fenster geöffnet hätte. Der Luftzug kam aber nicht von oben und auch nicht von den Gängen der beiden Seitenflügel des Hauses. Die Zugluft kam irgendwie von unten. Sie zog direkt unterhalb der Treppe an ihm vorbei und bahnte sich ihren Weg zur alten Eichentür. Doch woher kam die Luft?
Georg ging dem kalten Luftzug bei der Treppe nach. Nach einigen Schritten glaubte er nun ein lautes Pfeifen zu hören, ein Pfeifen wie durch irgendeinen Spalt.
Er fand des Rätsels Lösung. Hinter der Treppe befand sich noch eine Tür. Und der Luftzug schien durch einen Spalt dieser Tür zu gleiten.
Der Polizist überlegte. Was mochte wohl hinter dieser Tür sein?
Damals war er ja hier gewesen, kurz nach dem Massaker. Die Polizei hatte nach der Verhaftung von Heidner das Haus auf den Kopf gestellt, Beweismaterial gesichert und die Spurensicherung arbeitete Tag und Nacht. Doch er konnte sich nicht daran erinnern, dass sich hinter der Treppe eine Tür befand. Hatte man sie vergessen? Übersehen?
Nein, das kann nicht sein! Du hast es nur nicht mitbekommen! Die haben jede Ecke durchkämmt, wir reden hier von der SPURENSICHERUNG, Kumpel!
Die sehen alles!
Georg verdrängte den Gedanken, er bereitete ihm Kopfschmerzen. Immer diese Grübelei!
Er musste jetzt eine Entscheidung treffen. Jetzt oder nie! Sollte er die Tür öffnen?
Eigentlich war er ja nur auf der Suche nach seinem Kollegen, aber irgendetwas wollte ihn jetzt dazu bewegen, diese gottverdammte Tür zu öffnen. Das laute Pfeifen machte ihn ganz wahnsinnig. Das musste jetzt aufhören. Unbedingt!
Entschlossen ergriff er jetzt die Türklinke. Er versuchte nun die Tür zu öffnen, doch die kalte Luft zog immer heftiger. Dann ein ohrenbetäubender Knall! Die Eichentür!
Die Eichentür war zugefallen. Schlagartig verschwand der Luftzug. Plötzlich ließ sich die Tür ganz leicht öffnen und der kalte Geruch von altem Mauerstein kam ihm entgegen.
Mit einem Stöhnen, so als würde jemand schlecht träumen, gab die Tür nach. Die Scharniere quietschten, so als ob sie gerade schmerzend aus einer Narkose erwachten. Dann stand sie offen.
Vollkommen versteinert blieb er stehen. Sein Blick reichte in eine tiefe Dunkelheit, in die eine Treppe hinabführte. Ein schauriges Rauschen ging durch das Gewölbe.
Das war der Keller, der berüchtigte Keller von diesem Mistbunker hier!
Aber dann entdeckte er etwas, was sein Blut gefrieren ließ.
Er glaubte auf einer dieser Treppenstufen etwas zu sehen. Es war rundlich und Georg hätte schwören können, dass es …?
Es war ein Hut. Und er kam ihm sofort bekannt vor, weil er den gleichen Hut gerade jetzt trug und immer im Dienst pflichtgemäß bei sich hatte.
Es war ein Polizeihut.
Schnell stürzte Georg die Treppe hinab, hinein in die tiefe Dunkelheit eines schmalen Kellergewölbes. Er ergriff den Hut und ging zurück nach oben. Wieder oben angekommen hatte er genug Licht, um in die Innenseite des Hutes zu schauen.
Mein Gott!
Der Hut trug den Besitzernamen Patrick Millbert.
Von einem Schock ergriffen fuhr der Polizist in sich zusammen.
‚Patrick, wo bist du?! Bist du da unten? Patrick!?!‘, schrie Georg aufgeregt in die Dunkelheit des Gewölbes.
Keine Antwort. Dafür wieder dieses elende Echo.
Sofort ergriff Georg seine Pistole und ging die Treppe wieder hinunter. Hier gab es nichts zu überlegen, die Möglichkeiten waren ohnehin begrenzt. Wenn er jetzt seine Kollegen zur Verstärkung rufen würde, dann könnten sie gleich seine und Patricks Suspendierung mitbringen, so viel war sicher. Also musste er dieses Mal die Angelegenheit selbst in die Hand nehmen.
Schweißgebadet ging er Stufe für Stufe hinunter in die Gruft. Mit weit aufgerissenen Augen suchte er nach irgendeinem Lichtschalter, wenn es hier überhaupt einen gab.
An den Steinwänden befanden sich nur in verschiedenen Abständen diese verrosteten Fackelträger, so wie man sie aus Filmen auf einer Burg im Mittelalter kannte.
Doch diese Träger hatten schon lange keine Fackeln mehr.
‚Patrick! Verfluchte Scheiße! Wo bist du? Bist du hier unten?!‘
Nichts! Die Gänge vor ihm schienen kalt und tot.
Zitternd suchte Georg mit der linken Hand nach seinem Feuerzeug in den Taschen seiner Weste. Seine Pistole behielt er in der rechten Hand.
Er fand vieles, seine Taschentücher, sein Autoschlüsselbund, seine Papiere, ein paar Hustenpastillen, ja sogar einige bisher vermisste Geldstücke, aber nicht sein beschissenes Feuerzeug.
Ganz ruhig, du musst vor allen Dingen Ruhe bewahren! Gleich findet sich etwas!
Georg wühlte weiter. Nichts.
Hastig stolperte er über eine Stufe und wäre fast hingefallen. Der Boden war hier richtig schmierig. Dreck und fauliges Wasser lagerten hier eine Schlammschicht an, die gefährliche Faulgase produzierte. Solche Gase waren im schlimmsten Fall sehr reich an dem Stoff Methan, der tödlich sein konnte.
Und dann rutschte er aus. Er landete hart auf dem Steinboden. Ein Schmerz durchzog seinen ganzen Körper. Seine Hände verklebten sich mit diesem ekligen Schlamm, der Gestank war unerträglich. Auch seine Kleidung wurde in Mitleidenschaft gezogen. Das faulige Wasser weichte seine Weste am Rücken auf und die Jeans bekam am Hintern und an den Knien ordentlich was ab.
Der Geruch der Faulgase rief in ihm Übelkeit hervor und er hielt sich eines seiner Taschentücher vor Mund und Nase.
Hustend richtete er sich wieder auf, das Taschentuch auf Mund und Nase gepresst. Während er sich aufrichtete, stützte sich Georg an einer Wand des Gewölbes ab.
Jene schreckliche Übelkeit wurde jetzt noch von dem Gefühl verstärkt, welches sich ihm beim Abtasten der Wand bot. Ihre Kälte war schon fast am Gefrierpunkt. Die Steinmauer bröckelte. Dabei zeigte sich scheußliches Ungeziefer, es kroch aus einem dieser vermoderten Wandlöcher und fiel krabbelnd zu Boden.
Wie können diese Drecksviecher bei solchen Temperaturen überleben?!
Ihn verschlug es den Atem. Das große Krabbeln begann. Ein grässlicher Anblick. Ein Haufen von Würmern, Schnecken, Kakerlaken und Maden kroch um seine Füße und er hatte dabei das Gefühl, dass sie in seine Schuhe gelangen wollten.
Schreiend rüttelte er sich frei von den Biestern. Immer wieder trat er auf das Ungeziefer ein, wie Kleister klebten sie an seinen Schuhen.
Der Polizist schrie und tobte vor Entsetzen. Die Viecher ächzten und knackten und zersprangen bei jedem seiner Tritte, bis sich nichts mehr rührte. Ein Matsch von Ungeziefer blieb zurück.
Himmel und Hölle, wo bin ich hier bloß hineingeraten?! Warum ausgerechnet ich?!
Georg Rickmer dachte wieder an seinen Kollegen. Er musste doch irgendwo hier unten sein, warum sollte sonst sein Hut auf der Treppe liegen?
Und warum sollte er seinen Hut auf der Treppe zurücklassen?
Georg wollte gar nicht weiter darüber nachdenken. Er wollte jetzt nur noch so schnell wie möglich diesen Starrkopf von einem Kollegen finden und dann dieses abscheuliche Gebäude verlassen. Sonst nichts.
Doch wo sollte er anfangen zu suchen? Etwa hier? In dieser düsteren Gruft?!
Und dann noch ohne Licht. Und mit dieser Luft hier unten.
Georg ging vorsichtig weiter. Auf keinen Fall wollte er hier noch einmal ausrutschen. Seine Bewegungen glichen fast der einer Katze, die jeder Pfütze und sonstigem Dreck ausweichen würde. Er schlich auch wie eine Katze, so als würde er sich auf eine noch viel größere Gefahr einstellen als auf dieses widerliche Ungeziefer aus der Wand.
Nur seine Augen waren nicht so gut wie die einer Katze, bei Weitem nicht. Er hatte mehr als schlechte Karten.
Vor ihm lag ein Labyrinth von einem Kellergewölbe, mit scheinbar unendlich langen Gängen und Abzweigungen. Hier mit menschlichen Augen in der Dunkelheit spazieren zu gehen, glich fast einem Selbstmord. Da könnte man genauso gut eine Freikarte zu einem Irrgarten auf einem Rummelplatz nach Feierabend lösen, man würde sich an den Scheiben in der Dunkelheit den Kopf aufschlagen und nie wieder herausfinden.
Georg kannte diese Irrgärten mit den Glasscheiben, die waren fast durchsichtig. Selbst bei Tageslicht fand man oftmals nur schwer aus ihnen heraus. Und bei Dunkelheit?
Zwar gab es hier keine Glasscheiben, aber dafür diese hässlichen Wände, den glitschigen Steinboden und diese giftige Luft, die einem den Verstand und den Atem raubte.
Hinzu kam eben auch noch, dass man gerade mal einen Meter vor sich sehen konnte. An manchen Wänden befanden sich kleine Luken, die wenigstens etwas Licht und Luft in die Gänge hineinließen.
Georg suchte immer noch nach einer Möglichkeit, etwas mehr Licht zu machen. Nach einigen Schritten schien er etwas gefunden zu haben, eine Art Sicherungskasten. Auf dem Kasten klebte ein gelbes Warnschild und daneben befand sich ein dicker Hebel auf einer Schaltfläche. Die Warnung ‚Vorsicht Strom‘ erkannte Rickmer sofort. Erleichtert atmete er auf und ging jetzt auf den Stromkasten zu.
Wieder überlegte er. Sollte er den Hebel betätigen?
Sein Grübeln verflog wieder recht schnell und er ergriff den Hebel.
Mit einem kräftigen Ruck schlug er ihn nach unten. Ein lautes Summen durchzog das gewaltige Labyrinth und ließ nacheinander einige einzelne Lichter aufflackern.
Auch eine verschmierte Glühbirne direkt über ihm begann zu flackern. Doch dann gab sie nach, erlosch wieder und Georg duckte sich.
Das zuerst leise Summen der Stromanlage ging jetzt in ein lautes Rattern über. Manche Gänge waren jetzt recht gut beleuchtet und man konnte sie halbwegs einsehen, andere wiederum blieben abgedunkelt. Und wieder andere Gänge waren mit Glühbirnen bestückt, die ebenfalls spärlich flackerten.
So auch in dem Gang vor ihm. Es war ein sehr langer, schmaler Kellergang, voller Pfützen und ekelhaftem Unrat. Gleich vorne brannten die Birnen hell, doch im mittleren Teil des Ganges vielen die Lichter ganz aus und ziemlich am Ende flackerten zwei weitere Glühbirnen. Weiter konnte man nicht sehen, die Dunkelheit verschlang den restlichen Teil des Gewölbes.
Gerade wollte der Polizist weitersuchen, als ihm plötzlich etwas fast am Ende des besagten Ganges auffiel. Es war gerade der Teil, wo das Licht so extrem flackerte.
Er schien einen Schatten festzustellen und dann einige Umrisse. Es war nichts Bewegliches, aber es war in diesem immer wieder kurz aufblitzendem Licht zu erkennen.
Erst diese Konturen, dann die Zwischenräume. Es war eine Gestalt, eine dunkel gekleidete Gestalt. Das flackernde Licht schien sie immer nur ganz kurz aufblitzen zu lassen.
Georg rieb sich die Augen. Seine Waffe hatte er immer noch in der rechten Hand.
‚Hallo, ist da wer? Patrick, bist du es?!‘
Die Gestalt schien sich nicht zu bewegen.
Er versuchte nun näher heranzugehen. Mit höchster Konzentration ging er diesem Wesen entgegen. Ein eiskalter Schauder lief ihm dabei über den Rücken.
Seine Pistole schien ihm in der rechten Hand schwerer und schwerer zu werden. Er zitterte. Unter seinem Hut schwitzte er wie ein Käse unter einer Käseglocke in der Sonne und sein Atem wurde schwer. Seine Zunge lag ihm wie ein Stein im Mund und seine Schläfen pulsierten vor innerer Anspannung.
Er ging noch näher heran. Keine Bewegung, noch nicht einmal ein kurzes Zucken.
Und tatsächlich. Die Gestalt war in der Tat schwarz gekleidet, mit einem schwarzen Umhang, einer Art Mönchskutte. Das Gesicht war innerhalb der Kapuze begraben, man sah zuerst nur den Umriss einer Nase.
‚Mein Gott, Patrick, bist du es? Was ist mit dir passiert?!‘
Keine Antwort.
Wieder flackerte eine Glühbirne. In dem Moment schien sich dann auch was verändert zu haben. Am Anfang blickte diese Gestalt nach unten, doch jetzt schien sie direkt den Polizisten anzustarren. Tief aus dem Dunkel der Kapuze leuchteten auf einmal dunkelrote Augen und für einen weiteren, kurzen Moment zeigte sich im Licht ein grässliches Gesicht, mit einem unnatürlich spitzen Kinn und einer extrem flachen Stirn.
Nein!! Das darf nicht wahr sein! Das bilde ich mir nur ein! Du bist überarbeitet, du kannst nicht mehr klar denken, Kleiner!
Rickmer brach in sich zusammen und fiel geradewegs in eine dieser faulig riechenden Pfützen. Voller Angst glitt ihm dabei die Pistole aus der Hand und landete im trüben Wasser der Schlammpfütze. Panisch wühlte er im Wasser nach seiner Pistole.
Ein leichtes Plätschern ging plötzlich durch das Wasser. Es war die Gestalt, sie bewegte sich. Jetzt kam sie ihm näher und näher, das Gesicht wieder vollständig innerhalb der Kapuze verschwunden.
Georg glaubte endgültig seinen Verstand zu verlieren. Sofort stand er wieder auf und rannte so schnell er konnte zurück zur Treppe. Doch wo war sie abgeblieben?
Als er am Ende des Ganges ankam, war er nicht bei der Treppe, sondern er gelangte an eine Abzweigung mit zahlreichen, weiteren Gängen in vier verschiedene Richtungen.
Oh nein, ich sehe das nicht! Wo um alles in der Welt ist die Treppe?
Alles drehte sich in ihm. Der Polizist kannte seinen Weg nicht mehr und schien in eine Orientierungslosigkeit zu verfallen.
Sein Herz klopfte ihm wie eine Bongotrommel im Brustkorb und er traute nicht mehr seinen eigenen Augen.
Keuchend und vollkommen verwirrt stolperte er durch weitere endlose Gänge im Labyrinth des gewaltigen Kellergewölbes. Seine Schreie durchzogen jeden noch so dunklen Winkel.
Das Rennen nahm kein Ende. Und dann noch dieses Plätschern hinter ihm. Doch er konnte nicht genau sagen, ob ihn wirklich etwas verfolgte, ob er überhaupt letzten Endes etwas gesehen hatte. Er war sich später nicht mehr sicher.
Irgendwann erreichte er wieder den Ausgang.“

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