Was Männer so denken

Was Männer so denken

Jhina Avci


EUR 18,90
EUR 11,99

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 374
ISBN: 978-3-99003-302-9
Erscheinungsdatum: 27.07.2011
Nach einem schweren Autounfall kann Danielle die Gedanken von Männern hören. Der Alltag ändert sich für sie radikal und es beginnt ein neues Leben mit teils witzigen, teils skurrilen und auch verzwickten Situationen.
<strong>1</strong>

„Alles ist so weiß und steril – wo bin ich hier nur?“, fragte ich mich verwundert. „Hallo, hört mich jemand?“, kam es mir – beinahe flehend und mit trockener Kehle – auf Spanisch über die Lippen.
Keine Antwort.
Ich bemerkte das große Fenster zu meiner Linken, das mit weißen, nichtssagenden Vorhängen zugezogen war. „Vielleicht kann ich dort hinausklettern, falls die Türe verschlossen ist“, dachte ich hoffnungsvoll. Beim Versuch, die Bettdecke zu heben, bemerkte ich ein großes Pflaster auf meiner rechten Handoberfläche, unter dem eine Nadel mit einem dünnen Schlauch befestigt war. Als ich den Infusionsständer wahrnahm, wurde mir ganz flau im Magen. Du meine Güte: Da war noch ein anderes Gerät, das komische „Piepsgeräusche“ von sich gab! Was war das für ein Ort? „Hilfe, wieso hilft mir niemand?“, rief ich immer weiter, bis meine klägliche Stimme versagte. Es überkam mich eine pa­nische Angst, denn ich erinnerte mich, dass ich die überarbeiteten Baupläne noch nicht hatte unterschreiben lassen. Der Helligkeit nach zu urteilen, war es noch nicht allzu spät. Vielleicht hätte ich noch genügend Zeit. Mein Chef würde mir bestimmt wieder einen Vortrag halten, wenn der Bau noch weiter hinausgezögert würde. Ich musste hier raus – und zwar schnell.
Ich riss die zwei runden, festsitzenden Pflaster von meinem Oberkörper und befasste mich sogleich mit dem Entfernen der Nadel, musste jedoch feststellen, dass es zu sehr schmerzte. Also setzte ich mich vorsichtig auf und bemerkte, dass meine langen, braunen Haare richtig fettig waren. Sie waren doch erst gestern gewaschen worden! Irritiert blickte ich in den Raum, und mein rechter Fuß berührte langsam den Boden. Als ich einigermaßen senkrecht stand, griff ich nach dem Infusionsständer und lief geradewegs zur Türe. Niemand würde mich aufhalten. Die Feststellung, dass ich durch dieses sterile Zimmer schlenderte, als hätte ich eine Flasche Wodka eingeflößt bekommen, ängstigte mich.
Als ich das Zimmer nun verlassen hatte, befand ich mich mitten auf einem einschüchternd langen Korridor, den ich irritiert anstarrte. Ich versuchte, mich für eine Richtung zu entscheiden. Und siehe da, als hätte ich es geahnt: Menschen liefen jubelnd und hastig auf mich zu. Sie rannten fast. Die wollten mich bestimmt wieder einfangen – aber ohne mich! Ich musste hier weg, war jedoch zu schwach, um wegzulaufen. „Hilfe, helft mir doooch …“, schrie ich mit letzter Kraft, bevor ich auf dem polierten Boden zusammenbrach. Und da hatten sie mich schon umkreist, drei paar Schuhe, und es wurden noch mehr.

Wieder im selben Zimmer langsam aufwachend, bemerkte ich meine Eltern. Meine Eltern! Was zum Teufel machten die in Spanien? Und dann war ich plötzlich hellwach. „Mum, Paps?“, fragte ich erstaunt. „Wieso habt ihr nicht gesagt, dass ihr mich besuchen kommt? Außerdem, was zum Teufel mache ich hier? Helft mir, hier rauszukommen! Die Arbeit erledigt sich nicht von alleine. Ich will meine Arbeit auch nächste Woche noch haben und muss daher sofort ein paar Pläne faxen.“
„Danielle, mein Schatz“, flüsterte meine Mutter sanft, als sie mich an der Schulter sachte ins Bett zurückzudrücken versuchte, „wir sind so froh, dass es dir gut geht!“
„Na klar seid ihr das!“, dachte ich, obwohl mir auch schon andere Gedanken kamen.
„… dass du noch lebst. Die Ärzte sagten, es sei ein Wunder. Du hast dir keinen einzigen Knochen gebrochen, nur dein Kopf macht mir Sorgen, Liebes“, sagte sie, sich sichtbar sorgend.
„Mum, mein Kopf macht dir Sorgen, seit du ihn das erste Mal gesehen hast“, sagte ich, ihre Sorge ein wenig ins Lächerliche ziehend, und wandte mich dann an beide: „Denkt ihr, ihr könnt in den nächsten Minuten ein Faxgerät auftreiben? Die Pläne sind in der schwarzen Mappe. Wo ist meine Mappe? Das darf nicht wahr sein, ich brauche diese Mappe! Also, tut mir leid, euch hierzulassen, aber ich muss sofort weg. Frage: Wer von euch hat meine Kleider?“, fragte ich irritiert.
„Das wird schwerer, als ich dachte“, seufzte mein Vater.
Mein Vater sah ratlos aus. Das war er sonst nie. Er hatte immer Lösungen parat, bevor es überhaupt Probleme gab. Eigenartig.
Dann hörte ich, wie sie in einem hilflosen Tonfall über meinen Kopf hinweg diskutierten, ohne dass ich irgendetwas ausrichten konnte.
Da öffnete sich plötzlich die Türe, und ein Arzt trat ein. Mir kam unverzüglich der Gedanke an einen Pinguin, und ich bewunderte sein Notizbuch, als ich mich sogleich fragte, ob ich wohl versehentlich mit Drogen in Berührung gekommen sei.
„So, Madame Schefer: Wie ich sehe, sind Sie endlich aufgewacht. Verspüren Sie irgendwelche Schmerzen?“, fragte er in einem fachlichen Ton.
„Wie kann man wohl nach Aufnahme irgendwelcher Halluzinogene noch Schmerzen empfinden?“, fragte ich mich still, schüttelte den Kopf und bemerkte ein ziemlich unnatürliches Grinsen auf meinem Gesicht.
„Und wie sieht es mit Ihrem Gedächtnis aus?“, fragte er weiter.
„Tut mir leid, ich weiß nicht, was darauf geantwortet werden sollte, und auch nicht, was Sie damit meinen. Wieso sprechen Sie eigentlich so gut Deutsch?“, wunderte ich mich und vermied es nicht, eine überflüssige Bemerkung in den Raum zu werfen: „Sie waren dieses Jahr wohl noch nicht viel am Strand, was?“
Auf einmal stand mein Vater abrupt auf und fragte: „Doktor, kann ich Sie draußen sprechen? Sofort, bitte!“

Er kam alleine zurück. Ich hatte in der Zwischenzeit festgestellt, dass ich mich in einem Spital befinden musste, während meine Mutter beschützend meine Hand hielt.
„Was nun?“, fragte meine Mutter ängstlich.
„Am besten sagen wir es ihr einfach!“, meinte mein Vater, fragend meine Mutter anschauend.
„Paps, was ist eigentlich los? Ihr behandelt mich, als wäre irgend­etwas Unnatürliches – oder was weiß ich? – mit mir geschehen. Ich versichere euch: Mein letzter Arztbesuch fand erst kürzlich statt, und als ich heute Morgen zur Arbeit ging, war alles normal. Stellt euch vor, ich habe sogar gefrühstückt und bin nicht schwanger. Zufrieden, erleichtert oder sonst etwas in dieser Richtung, hm?“, fragte ich mit der Hoffnung auf eine positive Antwort. Aber nein, sein Gesicht wurde noch nachdenklicher und irgendwie traurig.
„Mädchen, Mädchen, du machst auch wieder Sachen“, sagte meine Mutter so fröhlich, wie sie nur konnte. Jedoch entgingen mir ihre wässerigen Augen keinesfalls.

„Danielle, du, du …“, begann er. Etwas stoppte ihn, doch was?
„Paps!“, machte ich weiter. „Sag bitte, was du sagen möchtest, denn ich halte es hier nicht länger aus. Ich werde behandelt, als hätte ich irgendeinen Absturz oder so etwas überlebt. Item würde ich wirklich gerne gehen. Wir könnten uns ja dann am Strand treffen, wenn ihr wollt. Was meint ihr?“
„Danielle“, schoss es aus ihm heraus, „du bist in der Schweiz, und das seit vier Tagen.“ Er hielt inne, da er bemerkte, dass ich ihn ungläubig musterte.
„Schau, das Leben spielt einem manchmal komische Streiche. Kein Mensch kann diese umgehen. Oft sind sie nebensächlich, gemacht, um daraus zu lernen. Schicksalsschläge, wie du einen vor ein paar Tagen bitter erfahren musstest, bringen dein bisheriges Leben aus der Bahn. Du wirst noch lange darunter leiden und vielleicht alles hinterfragen, was du je getan hast. Bevor ich fortfahre: Vergiss bitte nicht, dass du stark bist und schon viel durchgestanden hast. Du wirst daran wachsen und nicht zerbrechen. Es wird Zeit und Geduld in Anspruch nehmen; Gott selbst weiß, wie viel. Jedoch, und das ist für mich sicher, wirst du stärker als zuvor. Glaub mir: Wir lieben dich, und das wird immer so bleiben.“
„Paps, du machst mir Angst. Ich weiß noch ganz genau, was gestern war, und In-die-Schweiz-Fliegen war leider nicht dabei“, erklärte ich so deutlich, wie es mir nur möglich war.
„Schatz“, flüsterte meine Mutter, „Dein Vater will dir nur helfen und dir schonend die vergangenen Tage erzählen. Für uns ist es auch nicht einfach. Wir haben die letzten Tage hier mit Weinen und Beten verbracht. Als wir mitbekamen, dass du keinen Puls mehr haben solltest, sind wir so schnell, wie wir konnten, zu dir gelaufen. Es war ein Geschenk des Himmels, als du plötzlich wohlauf den Korridor entlangliefst.“
„Also gut, erzählt bitte, was mit mir geschah, dass ich wie ein Versuchskaninchen ausgestattet wurde! Habe ich irgendetwas … nein, wartet! Ich habe mich sicher mit einem der Ingenieure geprügelt und dabei seinen Kinnhaken unterschätzt.“
Der Seufzer meiner Mutter verriet mir das Gegenteil.
„Ich erzähle es dir jetzt, und keine Witze! Es ist nämlich nicht zum Lachen“, bemerkte mein Vater angespannt, während er mich anlächelte und eine Braue hochzog. „Also: Du kamst vor fünf Tagen wortwörtlich einem Laster unter die Räder. Es war nicht deine Schuld, er hatte dich übersehen, als er aus einer Seiten­straße kam. Als du von der Feuerwehr aus deinem Wagen herausgeschnitten wurdest, waren die schön erstaunt, dass du keine äußeren Verletzungen davongetragen hattest. Du hast dir jedoch eine starke Gehirnprellung zugezogen. Nimm diese Information nicht auf die leichte Schulter, hörst du?“, erklärte er mir mitfühlend. Ich schaute ihn traurig und doch gespannt an, während ich wartete, dass er weitersprach.


<strong>2</strong>

Es war ein wunderschöner Morgen, warm und doch frisch. Die erfrischende Mittelmeerbrise strömte durch mein langes, offenes Haar und wirbelte den Sand sachte auf, in den ich spielerisch beim Spazierengehen meine Zehen steckte.
Die Luft war so klar, so wohltuend! Da überkam mich der Geruch von frisch gefälltem Holz. Doch es war nur Einbildung: kein Wald in weiter Ferne. Dennoch fühlte ich mich so wohl wie zu Hause. „Verdammt, ich bin hier zu Hause!“, überkam mich der Gedanke, böse an mich selbst gerichtet – zum einen, da ich mich wieder beim Träumen erwischt hatte, zum anderen, weil ich ein eigenartiges Gefühl in meiner Bauchgegend verspürte, das mich selbst zweifeln ließ, mich mit diesem Ort über längere Zeit identifizieren zu können.
Die Palmen betrachtend, die die Straße zum Strand trennten und die wunderschöne Promenade schmückten, sprach ich kaum hörbar mit mir selbst: „Kleine, du arbeitest, wo andere Ferien machen, im Paradies. Wieso geht das nicht in deinen Schädel?“
Ich sah mich verstohlen um, als wäre es mir peinlich, bei einem Selbstgespräch ertappt zu werden. Doch der kilometer­lange Strand war immer so sauber und am Morgen fast menschenleer – ganz im Gegensatz zum späten Nachmittag, an dem man der Meinung sein konnte, die ganze Stadt und ihre Umgebung hätten sich eingefunden. Er sah in den frühen Stunden so unendlich und unberührt aus, obwohl sich schon einige Morgenmenschen eingefunden hatten, die das Gleiche taten wie ich: den Morgen und das Rauschen des Meeres genießen oder einfach nur keuchend den Strand auf und ab rennen. „Jedem das Seine“, dachte ich und musste mir ein Lachen verkneifen, als auf meinem Weg zum Meer, direkt vor meiner Nase, ein Möchtegern-Jogger für einen kurzen Moment im Sand feststeckte.
„Promenade: mit Schuhen, Strand: ohne Schuhe. Geht besser so!“, erklärte ich ein wenig überheblich auf Spanisch, grinste und zog meine Schultern hoch.
Er hatte einen grimmigen Blick, winkte ab, und ich bekam das Gefühl, dass er mich gerade verflucht hatte.
„Was kann ich denn, bitte schön, dafür?“, fragte ich vorwurfsvoll mit offenen Armen hinterher.
Na ja, Sport an der spanischen Südküste war so eine Sache: Entweder die Leute waren von hier und wollten im Gegensatz zu anderen einen vitalen Lebensstil führen – oder sie waren hier in den Ferien, hatten sich noch nie in ihrem Leben sportlich betätigt, so sah es zumindest beim Zuschauen aus, und wollten hier inkognito ihre mangelnde Fitness zum Leid anderer zur Schau stellen. Es konnte auch sein, dass jemand von seinen Lieben Sportbekleidung bekommen hatte, diejenige Person nicht verletzen wollte und die Kleidung somit einmal seinem sportlichen „Talent“ aussetzte; wer wusste das schon …
Der Großteil betrieb keinen Sport. Hier herrschte eine andere Mentalität, und das Bestreiten des Lebensunterhalts stand an zweiter Stelle – nach der Familie.
Ich als Workaholic hatte mich immer noch nicht so richtig eingelebt, obwohl ich hier seit dem ersten Tag sehr glücklich war. Es war ein eigenartiges Gefühl, als würde alles stillstehen. Die Menschen grüßten und schenkten mir ein Lachen, wohin ich auch ging – die meisten jedenfalls, und ich schaute unabsichtlich in die Richtung, in die der Jogger weiterlief. Ich musste mir eingestehen, dass ich mich hier wirklich innerlich zufrieden fühlte. Dennoch verspürte ich oft eine Leere in mir, die ich mir selbst nicht erklären konnte
„Danny, Daaannyyy!“, vernahm ich plötzlich das energische Rufen meines Namens. „Ich machte mir schon Sorgen, Süße, wo warst du? Ich habe deinen Kaffee.“
Ich drehte mich strahlend um, wissend, wer mich suchte, und war erleichtert, dass sich der vorwurfsvolle Unterton nun in einen lieblichen wandelte.
„Komm, lass uns im Sand sitzen und tratschen, kleine Lebensretterin!“, sagte ich fröhlich, als ich auf sie zulief und sie herzlich umarmte.
„Oh, Kaffee! Ich wusste, dass mir an diesem wundervollen Morgen noch etwas fehlte. Serniña, du bist ein Schatz! Tut mir leid, ich habe die Zeit ganz vergessen.“
„Kein Problem, ich rette dir doch gerne den Tag. Du hast die spanische Zeit noch immer nicht so im Griff, was?“, fragte sie mich ein wenig neckisch, als wir uns knapp vor das warme Meerwasser setzten, die Beine ausstreckten und die warmen Strahlen der Morgensonne genossen. Sogleich schaute ich sie fragend an und bemerkte den Milchschaum an meiner Oberlippe.
„Du weißt genau, dass ich von Zürich aus keine Zeitverschiebung habe, meine Liebe. Bist du sicher, dass in diesem Becher sechs Espressi sind?“, gab ich gewitzt zurück, wobei ich eine Braue hochzog.
„Ich meine das Wahrnehmen der Zeit“, erklärte sie höflich. „Hier springen wir nicht jeder Sekunde hinterher. Wenn etwas nicht fertig wird, stressen wir nicht unachtsam durch die Gegend. Wir machen pünktlich Feierabend und warten den nächsten Tag ab. Und ja, sechs Espressi mit zwei Stück Rohrzucker und viel Milchschaum – der Kaffee einer außergewöhnlichen und schrägen Person.“
„Ich wusste, du kennst mich“, erwiderte ich lachend, immer noch an meinem Kaffee nippend. „Was erwartest du von einer Frau, die den ganzen Tag mit Männern zusammen ist und die Hälfte davon noch herumkommandieren darf, wie?“, fragte ich schmunzelnd, während wir entspannt den sanften Wellen lauschten, die uns fast berührten. Für kurze Zeit tauchte ich in meinen Gedanken unter und versuchte, mich daran zu erinnern, wie mir Serniña damals über den Weg lief.

Serniña war mein Anker, als ich vor drei Monaten nach ­Estepona, nahe Gibraltar und Málaga, kam. Sie betrat in ihrer Pause das Café, in dem ich Wohnungsinserate studierte, nachdem ich kurz zuvor einige Lebensmittel in dem Geschäft, wo sie arbeitete, eingekauft hatte. Es war ein kleines Café mit einer doppelt so großen Terrasse, schön eingerichtet, mit farbigen Bildern an den kalten Mauern und sehr bequemen Stühlen. Sie erkannte mich scheinbar sofort und leistete lieber mir als der langen Schlange vor dem Tresen Gesellschaft. Serniña hatte schulterlanges, schwarz gelocktes Haar, war attraktiv gebräunt, etwa eins sechzig groß und trug ein azurblaues Trägerkleid, das sich zum unteren Saum hin weitete. Durch ihren damenhaften Gang wippte es hin und her. Sie war mir sofort sympathisch durch ihr freundliches Lachen und ihre Hilfsbereitschaft ausstrahlenden braunen Augen.
Dann setzte sie sich einfach an meinen Tisch und bemerkte, ich sei wohl noch nicht lange hier: „Hi, ich bin Serniña. Du warst doch gerade bei mir an der Kasse, oder? Ich dränge mich hoffentlich nicht auf“, meinte sie entschuldigend.
Ich, überrascht von dieser Offenheit, schaute sie mit großen, leeren Augen an und schüttelte den Kopf.
„Ich stehe so nicht gerne in der Schlange. Ah, Wohnungen. Wie lange bleibst du hier?“, fragte sie ganz freundschaftlich weiter – und kannte doch nicht einmal meinen Namen.
Ich wollte ihn ihr gerade nennen, doch sie bemerkte die Auflösung der Warteschlange und huschte zum Tresen. Dann kam sie mit einem Tablett zurück und fragte, ob sie ihre Mittagspause mit mir verbringen dürfe. Ich lächelte und winkte mit der Hand auf den Stuhl, auf den sie sich zuvor gesetzt hatte. Als sie sich setzte, reichte ich ihr die Hand. „Hi, ich bin Danielle, flüchte gerade vor der Mittagssonne und suche dringend eine Wohnung.“
„Danielle“, wiederholte Serniña langsam, als sie ihr Sandwich vom Tablett hob, und bemerkte: „Dein Spanisch ist sehr gut, du kommst doch nicht von hier? Nein, nein, du bist ein bisschen zu bleich“, beantwortete sie ihre eigene Frage und schaute mich prüfend an.
„Ich stamme aus der Schweiz, bin letztes Wochenende hier angekommen; und glaub mir: Im Moment könnte ich für eine schöne Wohnung morden“, erzählte ich ihr mit einem verzweifelten Gesicht.
„Du armes Ding“, begann Serniña, nachdem sie einen Bissen ihres Mittagsessens hinunterge­schluckt hatte, und erinnerte mich irgendwie an meine Großmutter, die ein großartiger Mensch war, mich jedoch immer noch wie eine Zehnjährige behandelte. Von solchen Menschen reichte mir einer pro Leben.
Serniña strahlte mich an und sprach weiter, ohne meinen bedenklichen Gesichtsausdruck ihr gegenüber wahrzunehmen: „Ich kenne dich eigentlich gar nicht.“
„Wow“, dachte ich, „dass ihr das überhaupt bewusst ist!“
„Doch ich sehe, dass du ein liebenswürdiger und zuvorkommender Mensch bist. Lass mich dir helfen! Meine Kollegin zieht diese Woche bei ihrem Freund ein und hat noch nichts unternommen, um ihre momentane Wohnung zu vergeben. Sie wohnt gleich hier in der Nähe – eine Hausreihe hinter diesem Café, in der Nähe des Busbahnhofs. Du hättest drei Minuten zur Promenade, wohntest sehr zentral und hättest einen Balkon. Was sagst du?“, sie schaute mich fragend mit ihren großen braunen Augen an.
Was ich sagen sollte? Du meine Güte! „Dich schickt der Himmel. Doch es gibt sicher einen Haken, oder?“, fragte ich misstrauisch und hoffte, dass die Freude, die ich gerade spürte, anhalten möge.
„Haken?“ Sie schob das Tablett zur Seite und schaute mich musternd an. „Je nachdem: Du musst Miete bezahlen, 250 Euro im Monat. Kannst du das?“
Sie musste keine Antwort abwarten, denn sie sah es an meinem strahlenden Gesicht und dem leichten Nicken, dass dies kein Problem darstellen würde. „Ah, und wenn du nichts dagegen hast, kommen wir dich ab und zu besuchen, Laeticia und ich. Ihr gehört die Wohnung momentan.“
Ich fühlte mich auf einmal so entlastet und geborgen!
„Wenn du willst, können wir heute Abend, wenn ich mit der Arbeit fertig bin, die Wohnung besichtigen. Du gibst mir am besten deine Telefonnummer. Wenn du willst, kann ich dich auch bei dir zu Hause abholen. Wo wohnst du momentan?“, fragte sie neugierig.
„Glaub mir“, antwortete ich, „das willst du nicht wissen.“
„So schlimm wird es wohl nicht sein. Du schläfst sicherlich nicht, so, wie du aussiehst, auf einer Parkbank, oder? Also, sag schon!“, forderte sie aufgeheitert.
Ich holte tief Luft und erzählte ihr von einer Baracke, anderthalb Kilometer in westlicher Richtung gelegen, bei einem aufgekauften Bauunternehmen.
test

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